Thomas Paul

 

Grünes Eis

 

 

Fantasy-Thriller

Inhalt

 

15. April 1912, irgendwo im Nordatlantik.

 

Ryan Moore flüchtet beim Untergang der RMS Titanic mit sechs Passagieren auf ein Rettungsboot. Sie treiben weit auf den Ozean hinaus, ohne Hoffnung, jemals gefunden zu werden. Da ihr Boot leckgeschlagen ist und ebenfalls zu sinken droht, müssen sich Ryan und die Passagiere auf den Eisberg retten, mit dem die Titanic kollidiert ist.

 

Dort ist es keineswegs so friedlich, wie es scheint.

Schon bald verschwinden die ersten Frauen und Männer. Andere erkranken schwer und beginnen damit, sich zu verändern. Als dann noch seltsame Lichter im Wasser auftauchen, begreift Ryan endgültig, dass sie nicht allein auf dem Eisberg sind und in Lebensgefahr schweben.

 

Er beschließt, zusammen mit den übrigen Passagieren den Berg zu erkunden. In seinem Inneren stoßen sie auf eine uralte Welt, die ein schreckliches Geheimnis hütet. Eines, das nach tausend Jahren aus seinem Winterschlaf erwacht ist und nun die ganze Menschheit bedroht ...

Autor

 

Thomas Paul, Jahrgang 1980, lebt und arbeitet in der Nähe von Stuttgart. Er schreibt nicht nur Fantasy-Romane und Thriller für Erwachsene, sondern auch Jugendbücher.

Mehr Infos über seine neuesten Projekte finden Sie auf seiner Homepage.

 

E-Mail: thomaspaul-autor@web.de

Internet: thomaspaul-autor.de

Prolog

14. April 1912 / 15.27 Uhr

323 Seemeilen südöstlich von Neufundland

 

Es passierte Aaron Thorsson nicht jeden Tag, dass er mitten im Atlantik eine neue Insel entdeckte. Und das sollte bei ihm was heißen. Er fuhr seit dreißig Jahren über die Weltmeere und hatte in dieser Zeit schon so manche ungewöhnliche Dinge erlebt, die viele Leute als Seemannsgarn abgespeist hätten, aber die alle der Wahrheit entsprachen. Aaron hatte schon Monsterwellen bezwungen, sich im Bermudadreieck verirrt und einen echten Riesenkalmar in seinem Fischernetz gefunden. Ein Monster von über zehn Metern Länge – wenn auch tot, wie Aaron zugeben musste. Und erst neulich wäre er glatt mit einem Geisterschiff kollidiert. Ein Segelboot, das sich aus irgendeinem Hafen losgerissen hatte und herrenlos auf dem Meer umhergetrieben war.

Doch eine neue Insel hatte Aaron noch nie entdeckt.

Dabei war der Eisberg am Horizont genau das: Eine unbekannte Landmasse, die rund einen viertel Kilometer lang und so hoch wie ein zwanzigstöckiges Gebäude war. Seine schlanken Gipfel erinnerten an den legendären Dreizack von Poseidon, und sein Eis strahlte im Sonnenlicht so grell, dass Aaron den Berg immer nur kurz betrachten konnte, ehe er geblendet die Augen niederschlagen musste. Die zerklüfteten Wände ragten an vielen Stellen senkrecht in die Höhe und boten ein Farbenspiel sondergleichen. Durch ihr Inneres zog sich ein Netz aus dunkelblauen oder türkisfarbenen Adern, die bei jedem Lichtstrahl pulsierten, als würde in diesem Berg ein echtes Herz schlagen. Und alle paar Sekunden brachen sich die Wellen mit einem donnernden Getöse an seinen Flanken und schienen ihn hinab auf den Meeresgrund zerren zu wollen. Doch der Berg wankte nicht einmal unter ihrem Aufprall, sondern trieb gemächlich in der Strömung umher. Als wäre er tatsächlich ein antiker Gott, der aus dem Atlantik emporgekommen war, um diesen wunderschönen Tag zu genießen.

Aaron hatte natürlich schon zahllose Eisberge gesehen und trotzdem bewunderte er sie jedes Mal aufs Neue. Es wäre ihm jedoch nie in den Sinn gekommen, an einem dieser Berge anzulanden. Eben weil sie nicht bloß schön, sondern auch tückisch waren. Denn was da aus dem Wasser lugte, war sprichwörtlich nur die Spitze des Eisberges. Mehr als achtzig Prozent von diesem Koloss befanden sich unterhalb der Wasserlinie. Rein rechnerisch bedeutete das also, dass dieser Berg dort vorne über siebenhundert Meter hoch sein musste. Und genau deshalb wäre es verheerend gewesen, auch nur in seine Nähe zu kommen.

Besonders nicht mit einem so winzigen Boot, wie Aaron es besaß.

Er stand am Bug der Mermaid, einem kleinen Fischtrawler. In der rechten Hand hielt er ein Fernglas, mit dem er den Eisberg beobachtete. Mit der linken steckte sich Aaron regelmäßig eine Pfeife in den Mund und paffte blaue Tabakwolken in die Luft. Das war der einzige Luxus, den er sich gönnte. Die Fischerei war ein hartes Geschäft und bestand größtenteils aus Entbehrungen. Aaron schuftete von früh bis spät und war oft wochenlang auf hoher See. Trotzdem blieb am Monatsende gerade mal genug übrig, um seine Familie zu ernähren und die Mermaid halbwegs in Schuss zu halten. Sie stellte seinen einzigen Besitz dar. Er hatte sie von seinem Vater geerbt – und wenn alles nach Plan lief, würde Aaron dieses klapprige Boot eines Tages seinem Sohn vermachen. Falls der Rost es ihm nicht davor unter den Füßen wegfraß ...

Aaron wäre an jedem anderen Tag frustriert darüber gewesen.

Aber nicht heute.

Seit er diesen Eisberg entdeckt hatte, waren all seine Probleme null und nichtig geworden. Denn mit diesem Berg stimmte etwas nicht. Ganz und gar nicht. Er wirkte viel kälter und bedrohlicher als seine Artgenossen; war wie ein Raubtier, das dort draußen auf seine Beute lauerte. Und er strahlte etwas durch und durch Mystisches, wenn nicht gar Unheimliches aus.

Blödsinn!, dachte Aaron verärgert. Das ist nur gefrorenes Wasser, nichts weiter.

Trotzdem fröstelte es ihn. Weil er spürte, wie dieser Berg etwas Böses im Schilde führte. Fast so, als würde er ein eigenes Bewusstsein besitzen.

Aaron konnte den Anblick noch zwei, drei Sekunden lang ertragen, dann musste er abermals den Blick von dem grellen Eis nehmen. Als er sich die Pfeife danach erneut in den Mund steckte, zitterte seine Hand ein wenig. Vor Kälte, redete er sich ein. Warum auch sonst? Mittlerweile konnte ihn aber selbst der Tabak nicht mehr beruhigen. Die Nervosität wütete immer stärker wie ein Fieber in seinem Bauch und drängte ihm das Gefühl auf, er würde in sein eigenes Verderben fahren. Und das, obwohl ihm von dem Eisberg keine Gefahr drohte. Die Mermaid befand sich über eine halbe Seemeile von ihm entfernt und würde rechtzeitig abdrehen, bevor sie seinen Klippen zu nahekam.

Dafür würde Snorre schon sorgen.

Der Maat stand hinter Aaron im Steuerhaus und bediente das Ruder. Viel musste er dazu nicht tun. Der Atlantik war so topfeben wie ein Ententeich. Und das einzige Geräusch weit und breit war die Dampfmaschine, die unter dem Deck lief und den Fischtrawler im Bummeltempo nach Nordosten beförderte. Gen Heimat. Wenn das Wetter so friedlich blieb, würden Aaron und seine Männer übermorgen in Island sein. Vorausgesetzt, der Eisberg ließ es zu ...

Hör auf damit!, beschwor sich Aaron. Bevor du noch verrückt wirst!

Hinter ihm tapsten plötzlich Schritte über das Deck.

Aaron ahnte, wer ihn da besuchen kam, und bemühte sich, seine Nervosität aus dem Gesicht zu vertreiben. Er lächelte sogar, als er Malte entdeckte. Der Jungspund war der zweite Maat an Bord – und ein Tollpatsch hoch zehn. Seine Zottelhaare standen ihm vom Kopf ab, in seinem Bart klebten Kekskrümel und seine Klamotten rochen oft strenger als die Fische im Laderaum. Meistens sorgte Malte mit einem lockeren Spruch für gute Stimmung an Bord, aber gerade sah er ungewöhnlich zornig aus.

»Diese Arschgeige!«, schnaubte er, kaum dass er am Bug angelangt war.

Aaron hob fragend eine Augenbraue. »Wen meinst du?«

»Na, diese Arschgeige eben!«, schimpfte Malte. »Ich habe die Eiswarnung über den halben Atlantik gemorst, so wie du wolltest. Mir tut schon der Finger weh.« Er reckte selbigen anklagend in die Höhe.

Aarons Mitleid hielt sich in Grenzen, zumal Maltes Finger nicht mal gerötet war. »Hattest du Erfolg?«

»Allerdings.« Malte kramte einen Zettel aus seiner Hosentasche und faltete ihn auseinander. Es war leider nicht seine Stärke, sich die einfachsten Dinge zu merken. Selbst wenn es bloß ein paar Schiffsnamen waren, die er auf das Papier gekritzelt hatte. »Ich konnte den Öltanker Deutschland erreichen. Außerdem habe ich eine Antwort von der Baltic und der California bekommen. Und schließlich gab es da noch diesen Passagierdampfer. Die ... die ... Mist, wie hieß der Kutter noch gleich?« Malte kniff die Augen zusammen, um seine eigene Handschrift zu entziffern. »Ah, richtig! Die Titanic ... oder so ähnlich. Sagt dir der Name was?«

»Ich hab davon in der Zeitung gelesen«, meinte Aaron. »Soll angeblich das neue Flaggschiff der White Star Line sein.«

Malte knirschte mit den Zähnen. »Wenn du mich fragst, ist es eher das Flaggschiff der Idioten. Kannst du dir vorstellen, was mir der Funker der Titanic gemorst hat, als ich ihn vor dem Eisberg warnen wollte?«

»So aufgebracht, wie du bist, war es sicherlich kein Heiratsantrag.«

»Diese Arschgeige hat mir mitgeteilt, dass ich ihn mit dem Scheiß in Ruhe lassen soll. Und zwar gleich zweimal!« Malte schnaubte wieder. »Was bildet der sich eigentlich ein? Dass ich hier zum Spaß irgendwelche Signale in den Äther morse?«

Aaron lächelte nachsichtig. »Lass ihn doch. Warum regst du dich so auf? Wir haben unsere Pflicht erfüllt. Die Verantwortung liegt nun beim Kapitän der Titanic.« Er schielte wieder zu dem Eisberg. »Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die Besatzung einen solchen Koloss übersieht ...«

Malte schloss sich seinem Blick an und schüttelte sich. »Der Berg sieht gruselig aus«, fand er.

»Es ist bloß Eis«, behauptete Aaron. Allerdings klang er dabei nur halb so überzeugt, wie er es gerne gewesen wäre. Inzwischen war die Mermaid dem Berg ein beträchtliches Stück nähergekommen, sodass Aaron mit dem bloßen Auge mehrere Eisschollen erkennen konnte, die in seinem Kielwasser trieben.

»Wir sollten das Netz einholen und abdrehen«, schlug Malte vor. »Mir gefällt die Sache nicht.«

»Von mir aus«, willigte Aaron ein, während er wieder an seiner Pfeife paffte. »Sag Snorre, dass er die Maschine stoppen und dir helfen soll. Aber setzt die Winde nur langsam in Betrieb, hörst du? Wir können es uns nicht leisten, dass das Netz reißt.«

»Natürlich. Ich bin ja kein blutiger Anfänger!« Malte knüllte den Zettel mit den Schiffsnamen zusammen, stopfte ihn in seine Hosentasche zurück und wandte sich um.

Ping!

Im selben Moment schoss irgendwas durch die Luft, genau auf Malte zu. Die Bewegung war so schnell, dass der Maat nicht mehr angemessen darauf reagieren konnte. Er riss noch den Kopf zur Seite und fegte den Arm nach oben; trotzdem streifte etwas Hartes, Silberfarbenes seine Wange, ehe es über die Reling der Mermaid hinausflog und außer Sicht geriet.

»Teufel!«, fluchte Malte. Er klatschte sich die Hand so ruppig ins Gesicht, dass er sich selbst ohrfeigte, und strich über seinen Bart. »Was war das?«

»Keine Ahnung.« Aaron falzte die Unterlippe. »Vielleicht ein Nagel?«

»Ein Nagel?« Malte rieb sich immer heftiger über die Bartlocken und sah dabei regelmäßig auf seine Finger. An keinem davon glänzte ein Tropfen Blut, aber wenn er sich weiter so brutal über das Gesicht schrubbte, würde er sich garantiert noch die Haut von den Knochen hobeln. »Seit wann fliegen hier Nägel durch die Luft?«

»Wahrscheinlich hat ihn eine Windböe erwischt«, meinte Aaron.

»Willst du mich veralbern, Skipper? Die einzige Windböe, die es heute hier draußen gegeben hat, war ein Furz von Snorre ...« Malte nahm endlich die Hand von der Wange. »Herrgott, das hätte auch ins Auge gehen können!«

»Du wirst es überleben«, gab Aaron gleichgültig zurück. »Und nun hör auf zu jammern und kümmere dich um das Schleppnetz!« Er sah abermals zu dem Eisberg. Obwohl sich Snorre bemühte, die Mermaid auf Abstand zu halten, war sie dem weißen Riesen bedenklich nahegekommen.

Malte schnaubte noch etwas Unverständliches, bevor er sich umdrehte ... und zum zweiten Mal zur Zielscheibe wurde.

Ping!, sang irgendwo auf dem Deck ein weiterer Nagel. Und drei, vier andere im Chor hinterher: Ping-Ping-Ping! Gleichzeitig sausten sie alle durch die Luft, als wären sie aus einer Schrotflinte abgefeuert worden, und rasten links und rechts an Aaron und Malte vorbei. Ein Nagel fuhr sogar genau zwischen den beiden hindurch.

»Runter!«, schrie Malte. Er packte Aaron am Jackenärmel und zog ihn zu Boden. Gerade noch rechtzeitig, denn am Steuerhaus löste sich ein weiteres Metallstück und schoss über die Stelle hinweg, an der Aaron eben noch gestanden hatte. Ping!

»Verflucht!«, schimpfte Malte. »Was soll das?«

»Ich habe keine Ahnung«, wiederholte Aaron. Er kauerte noch einen Moment auf dem Boden – sicher war sicher – und reckte dann seinen Kopf so weit in die Höhe, dass er über die Reling spähen konnte. Von den Geschossen war nirgendwo mehr etwas zu sehen. Nur der Eisberg trieb unverändert im Wasser und schien hämisch auf die Mermaid herabzugrinsen. »Wir sollten endlich von hier verschwinden«, murmelte Aaron.

»Wir sollten besser mal das Boot wechseln«, giftete Malte. »Ehrlich, deine Schrottmühle ist ja gemeingefährlich!«

Aaron hätte gerne etwas erwidert, aber dafür blieb ihm keine Zeit.

An der Steuerbordseite ertönte ein wehleidiges Ächzen.

Aaron schrak herum und entdeckte noch einen Nagel, der sich soeben aus der Reling löste. Eigentlich war das völlig unmöglich, immerhin war dieser Nagel so lang und dick wie ein Bleistift ... und dennoch windete er sich gerade wie durch Geisterhand aus der Holzplanke. Er suchte verzweifelt nach Halt und vibrierte dabei so sehr, als würden gleich mehrere Beißzangen auf einmal an ihm zerren. Doch irgendeine Kraft war stärker. Sie riss den Nagel unerbittlich aus der Planke und anschließend davon.

Ping!

Aaron und Malte starrten ihm verdutzt hinterher.

»Was hat das zu bedeuten?«, flüsterte der Maat.

Es gab leider nur eine Antwort, die Aaron ihm darauf geben konnte: »Ich habe keine Ahnung«, stammelte er geistlos. »So etwas habe ich noch nie ...«

Er wurde von einem weiteren Quietschen unterbrochen.

Aaron und Malte warfen sich automatisch zurück aufs Deck. Doch dieses Quietschen war ausnahmsweise ganz harmlos. Es kam von der Tür des Steuerhauses, die gerade aufschwang. Snorre beugte sich über die Schwelle.

»Ähm, Skipper?«, fragte er zaghaft. »Du solltest dir mal etwas ansehen ...«

Aaron hob den Kopf. »Was denn ansehen?«

Snorre zuckte unbeholfen mit den Schultern. »Ich fürchte, der Kompass ist defekt. Er dreht sich wie ein Propeller im Kreis.«

»Auch das noch!«, stöhnte Aaron. Er stemmte sich mühsam hoch.

»Wie kann das sein?«, wunderte sich Malte.

»Was glaubst du denn?«, grummelte Aaron. »Wir sind wohl in ein Magnetfeld geraten.«

»Hier draußen? Mitten auf dem Ozean?«

»Ich weiß, wie absurd das klingt. Aber hast du eine bessere Erklärung?« Aaron wedelte ungeduldig mit der Hand. »Und jetzt steh gefälligst auf und erledige deine Arbeit! Wir müssen hier weg.«

»Ähm, Skipper?«, machte Snorre weiter. »Wonach soll ich denn jetzt navigieren?«

Aaron seufzte. Wenn er es sich recht überlegte, sollte er vielleicht seine beiden Maate entlassen und sich dafür einen Hund zulegen. Dem würde er nicht jeden Handgriff einzeln erklären müssen! »Vergiss den ollen Kompass«, wetterte er. »Klemm dich hinters Ruder und bring uns nach Norden. Das wirst du ja wohl ohne Hilfsmittel schaffen, oder?«

Wenn es nach Snorres ratlosem Gesicht gegangen wäre, hätte er die Mermaid gerade nicht mal durch eine Badewanne lenken können, ohne sich zu verfahren. Aber er wollte Aaron nicht unnötig reizen, und so verkrümelte er sich wieder ins Steuerhaus. Jedenfalls hatte er das vor. In Wahrheit stolperte Snorre nun ganz nach draußen, denn plötzlich polterte es neben ihm, als hätte man einen Tornado von der Leine gelassen; dann flogen Dutzende Gegenstände durch die winzige Kabine. Bei den meisten handelte es sich um weitere Nägel, die wie Reiskörner gegen die Wände prasselten. Aber es gab auch einige größere Dinge darunter, die weit mehr Schaden anrichteten. Ein Löffel, zum Beispiel, der in einer Tasse gesteckt hatte – und nun mit einem irren Karacho durch die offene Tür flog.

Und dieser Löffel war nicht allein.

Ihm folgten nur Sekunden später alle anderen metallischen Dinge, die sich in dem Steuerhaus befanden. Von der Decke riss sich eine Petroleumlampe los, und über den Boden ergoss sich ein wahrer Sturzbach aus Werkzeugen und Metallhaken. Und schließlich entwickelte selbst der schwere Kompass ein beängstigendes Eigenleben. Er brach mitsamt den Schrauben aus seiner Fassung und schmetterte gegen die Frontscheibe. Das Glas zerplatzte, als wäre es bloß eine Seifenblase, und spie Myriaden von Splittern durch die Gegend. Den Kompass konnte das nicht bremsen. Er hämmerte auf das Deck und stempelte eine Kerbe in die Holzplanken. Doch anstatt jetzt endlich liegenzubleiben, rollte er immer schneller auf den Bug zu und kegelte unterwegs wie eine Bowlingkugel alles um, was ihm in die Quere kam.

Aaron und Malte wären von ihm niedergewalzt worden, wenn sie sich nicht zur Seite geworfen hätten. Der Kompass fegte knapp an ihnen vorbei und stanzte ein gezacktes Loch in die Reling; dann plumpste er ins Wasser. Doch das ging zwischen allen anderen Geräuschen vollkommen unter. Denn die Mermaid verwandelte sich allmählich in ein bizarres Orchester. Sie ächzte, quietschte und schrillte in den unterschiedlichsten Tönen, weil sich jedes Metallteil an ihr bewegte. Auch die Dampfmaschine geriet zunehmend aus dem Takt, und selbst der stählerne Rumpf verformte sich unter den enormen Kräften, die auf ihn einwirkten.

»Snorre!«, schrie Aaron. Er wollte sich erneut auf die Beine wuchten, aber dazu hätte er schon lebensmüde sein müssen. Die Luft über dem Vordeck war erfüllt von einem Schwarm aus hunderten Metallstücken. Sie irrten hierhin und dorthin oder prallten mit einem Funkenschlag zusammen. Und mit jedem weiteren Augenblick rissen immer größere Teile von dem Boot ab und rasierten handbreite Löcher ins Deck.

Allmächtiger!, begriff Aaron. Mein Boot zerbröselt wie eine Sandburg!

Es grenzte auch weiterhin an blanken Selbstmord, sich mitten in diesen Kugelhagel zu begeben. Aber Aaron hatte keine Wahl. Er ließ seine Pfeife und das Fernglas fallen, krallte sich mit einer Hand an die Reling und versuchte mit der anderen, sein Gesicht zu schützen. Halb geduckt kämpfte er sich vorwärts, auf das Steuerhaus zu.

»Snorre! Abdrehen! Wir müssen ... abdrehen!«

Er war sich nicht sicher, ob der Maat ihn bei dem Lärm überhaupt hören konnte. Und falls ja, ob Snorre in der Lage war, das Ruder zu erreichen. Denn das Steuerhaus wackelte wie ein Schaukelpferd und drohte damit, im hohen Bogen von der Mermaid zu kippen. Beeilung! Aaron taumelte noch schneller voran, obwohl sein erhobener Arm nach kürzester Zeit von den Metallstücken blutig gekratzt war. Immer wieder durchbrach ein Nagel sogar seine Deckung, schürfte sein Gesicht wund oder blieb tief genug in der Haut stecken, dass Aaron ihn wie einen Dorn herauspicken musste. Aber das registrierte er kaum noch. Denn Aaron konnte spüren, wie die Mermaid immer mehr Fahrt aufnahm, obwohl die Dampfmaschine längst ins Stocken geraten war. Das Heck begann zu schlingern und der Bug schaufelte gewaltige Wellen aus dem Atlantik empor, die in einer eiskalten Gischt über das Vordeck spritzten. Und schließlich knarrte auch der Ausleger, als würde ihn jemand wie einen trockenen Ast mit den bloßen Händen zerbrechen.

Aarons Blick jagte in die Höhe ... und plötzlich wurde ihm bewusst, dass sie ein noch viel größeres Problem hatten.

Der Ausleger war eine Konstruktion aus massiven Holzbalken und spannte sich über das gesamte Vordeck. Herzstück davon war ein zehn Meter langer Mast, der das Netz neben dem Fischtrawler herschleppte. Für gewöhnlich konnte er bis zu acht Tonnen Ballast schultern – solange sich die Mermaid langsam bewegte. Doch nun pflügte sie mit dem doppelten oder gar dreifachen Tempo durchs Wasser, und das prallgefüllte Netz zerrte wie ein Betonklotz an dem Holzgerüst. Seine Zugseile standen bereits enorm unter Spannung. Die Mechanik heulte in derselben Tonlage wie der Rest des Schiffes, und der Ausleger bog sich unter der unvorstellbaren Last immer weiter dem Wasser entgegen. Mitsamt der Mermaid.

»Scheiße!«, fluchte Aaron. »Das Netz! Es reißt uns in die Tiefe!«

Selbst Malte hatte den Ernst der Lage erkannt und stakste unverzüglich auf die Winde zu, mit der man das Netz einholen konnte. Mit Anlauf warf er sich gegen den Steuerhebel, doch die Winde ruckte nur kurz, bevor sie stockte. Denn auch sie stand bereits viel zu sehr unter dem Einfluss des Magnetfeldes. Trotzdem machte Malte unermüdlich weiter. Er bog den Hebel mehrmals vor und zurück, trat mit dem Fuß gegen den Kettenantrieb und packte schließlich mit beiden Händen das Stahlseil, an dessen Ende das Netz hing – obwohl Malte gelernt hatte, niemals dieses Seil zu berühren. Aber was zählten schon ein paar zerschnittene Hände, wenn es ums nackte Überleben ging?

Und so klammerte sich Malte verbissen an das Seil und strampelte mit den Beinen. Es war völlig utopisch, dass ein Mensch das Netz mit bloßer Muskelkraft einholen konnte; trotzdem rangelte Malte verbissen mit dem tonnenschweren Gewicht, während sich das Seil immer tiefer in seine Handflächen fraß. Irgendwann war es so glitschig vom Blut geworden, dass Malte abrutschte und aufs Deck schlug. Deswegen gab er aber keineswegs auf. Er schien weder seine Verletzung noch die Schmerzen zu spüren, denn er wälzte sich sogleich herum und stürzte erneut auf die Winde zu.

»Lass es!«, rief Aaron. »Das bringt nichts. Wir müssen das Netz loswerden.«

Noch während er das sagte, balancierte er zu einem Holzpfeiler an dem Gerüst hinüber. Die Mermaid hatte bis dahin eine solche Schräglage bekommen, dass Aaron immer wieder auf alle viere herabsackte. Doch er musste den Pfeiler erreichen – irgendwie! –, denn nur dort gab es eine Notentriegelung, mit der man den Ausleger vom Boot abtrennen konnte. Mit zitternden Händen löste Aaron den Sicherungsbolzen und legte einen Hebel um.

Was dann geschah, übertraf seine schlimmste Befürchtung.

Durch ein ausgeklügeltes System löste sich plötzlich die gesamte Takelage aus ihrer Halterung. Dutzende Seile sirrten durch die Flaschenzüge, peitschten umher oder rissen entzwei. Dann war der Ausleger endlich frei. Er klappte nach unten, hackte einen Spalt in die Reling und versank mitsamt dem Netz im Atlantik. So weit, so gut. Aber was danach folgte, war noch eine ganze Ecke verheerender. Denn durch den abrupten Lastwechsel schnalzte die Mermaid wie ein Katapult in ihre aufrechte Position zurück – und riss dabei alles und jeden von den Füßen!

Obwohl sich Aaron darauf vorbereitet hatte, wurde er nach hinten gegen einen Holzbalken gewirbelt. Ein heißer Stich jagte durch seine Schulter und die Welt verschwamm vor seinen Augen zu einem grauen Nebel. Nicht ohnmächtig werden!, beschwor er sich.

Wahrscheinlich hätte er doch das Bewusstsein verloren, wenn die Schmerzen nicht gewesen wären. Sie bohrten sich mit etlichen Haken in seinen Verstand und zerrten ihn unerbittlich in die Wirklichkeit zurück. Stöhnend rollte sich Aaron herum und blinzelte die Tränen aus seinen Augen, doch irgendwie wollte die Mermaid vor ihm keine feste Form mehr annehmen. Was vermutlich daran lag, dass sie gar keine feste Form mehr besaß. Kaum mehr etwas auf dem Deck war heilgeblieben oder stand noch auf seinem angestammten Platz. Und die Mermaid selbst änderte gerade eigenmächtig ihren Kurs und steuerte nun direkt den Eisberg an, von dem offenbar das Magnetfeld ausging. Das weiße Monstrum war höchstens noch vier- oder fünfhundert Meter entfernt.

»Snorre!«

Aaron zappelte mit den Händen und Füßen über den glitschigen Boden, um zu dem Steuerhaus zu kommen. Manchmal gelang es ihm, einen aufrechten Schritt zu machen, aber meistens wurde er von den vielen Erschütterungen so sehr hin- und hergebeutelt, dass er wieder auf allen vieren über das Deck robben musste. Irgendwann bekam er die Tür des Steuerhauses zu fassen und zog sich an ihr über die Schwelle. Snorre hatte bereits das Ruder übernommen und hantierte fahrig daran herum.

»Wir müssen stoppen!«, keuchte Aaron.

Snorre sah ihn unleidlich an. Sein Gesicht war ebenso nass wie das von Aaron geworden. Wenn auch nicht vom Wasser, sondern von den vielen Schweißperlen, die ihm vor Anstrengung aus der Stirn quollen. »Was glaubst du, was ich hier versuche?«, schimpfte er. »Wir sind manövrierunfähig geworden!« Um es Aaron zu demonstrieren, ging er reihum die Armaturen durch. Er betätigte den Gashebel, drückte sämtliche Knöpfe und stemmte sich mit aller Macht gegen das Ruder. Doch egal, was er auch tat, die Mermaid setzte ihren selbstmörderischen Kurs fort.

Aarons Gedanken überschlugen sich; wurden zu einem Wirbelsturm aus Ideen, Gebeten und glühender Verzweiflung. »Wir müssen den Anker setzen«, fiel ihm ein. »Mit ihm können wir vielleicht noch bremsen ...«

»Den Anker? Machst du Scherze?« Snorre gestikulierte durch die zerborstene Frontscheibe. »Das Ding ist zu unserer Galionsfigur geworden!«

Galionsfigur? Aaron hatte keinen blassen Schimmer, was Snorre damit meinte. Das änderte sich jedoch, als er den Blick erneut nach vorne lenkte. Das Magnetfeld war stark genug, dass es sogar den gusseisernen Anker gepackt hatte. Denn dieser schwebte ganze zehn, zwölf Meter vor dem Bug frei in der Luft und zerrte wie ein tollwütiger Hund an seiner Kette – und damit natürlich auch an der Mermaid selbst.

Aaron konnte darüber nur fassungslos den Kopf schütteln, bevor er sich wieder anderen Dingen zuwenden musste.

Die Mermaid hatte nämlich ihren Abstand zu dem Eisberg um die Hälfte verringert und jagte frontal auf seine Klippen zu. Und je näher sie ihm kam, desto öfter wurde sie von der Strömung herumgewirbelt. Aber das merkte Aaron kaum noch. Sein ganzes Augenmerk galt lediglich dem Eisberg. Denn dieser Koloss magnetisierte inzwischen nicht mehr nur sein Boot, sondern auch Aarons gesamtes Bewusstsein. Er konnte nicht mehr denken, nicht mehr fühlen, kaum noch atmen. Er stand bloß stocksteif da und wartete auf den Aufprall.

Noch zweihundert Meter.

Und es würde ein verdammt harter Aufprall werden. Von den Klippen ragten teils meterlange Eiszapfen ins Wasser, die die Mermaid entweder durchbohren oder in zwei Hälften spalten würden. Vielleicht auch beides.

Hundert Meter. Neunzig. Achtzig.

Aaron hätte diesen Countdown bis zum bitteren Ende fortgeführt, wenn Snorre nicht gewesen wäre. Der Maat stöhnte neben ihm. Aaron wandte den Kopf und stellte beschämt fest, dass Snorre der Einzige war, der den Kampf noch nicht aufgegeben hatte. Er krallte sich beidhändig an das Ruder und zerrte so gewaltsam daran, bis sein Gesicht rot anlief. Und tatsächlich: Das Ruder bewegte sich widerspenstig nach rechts. Doch auf die Mermaid hatte das keinen Einfluss mehr.

Sechzig Meter. Fünfzig. Vierzig.

Die Mermaid war verloren. Nichts und niemand hätte sie mehr retten können. Ein einzelner Mann schon gar nicht.

»Komm schon!«, rief Aaron. »Wir müssen von Bord springen.«

»Springen?« In Snorres Miene explodierte das nackte Entsetzen. »Bist du irre, Skipper? Das Wasser ist eiskalt. Wir werden erfrieren, wenn wir ...«

»Wir werden gleich zerschmettert, wenn wir es nicht tun«, erwiderte Aaron. Er durfte nicht mehr länger mit seinem Maat diskutieren, und so packte er ihn kurzerhand am Arm und zerrte ihn zur Tür.

Snorre wollte das Ruder anfangs nicht loslassen, doch sein Widerstand brach jäh ab, als er erneut zum Bug sah. Und vor Angst am ganzen Leib erschauderte.

Der Eisberg!

Er befand sich jetzt genau vor der Mermaid.

Aaron blieb nicht mal die Zeit, sich irgendwo festzuhalten oder ein Stoßgebet in den Himmel zu schicken. Er konnte bloß noch die Zähne zusammenbeißen.

Dann krachte die Mermaid gegen den Berg.

Ihr Anker schlug wie Thors Hammer in seine Flanke, und nur eine halbe Sekunde später folgte der Bug und rammte brutal gegen das Eis. Dutzende Kräfte begannen, an der Mermaid zu zerren. Vielleicht alle, die die Physik zu bieten hatte. Denn plötzlich war das gesamte Boot in Bewegung, obwohl es abrupt gestoppt wurde. Alles verbog sich, riss auseinander oder detonierte zu einer Splitterwolke. Der Rumpf schien sich wie ein Papierschiffchen in der Mitte zu falten. Das Holzgerüst löste sich aus der Verankerung und zerbarst in seine Einzelteile. Das Steuerhaus ruckte einen gefühlten Meter nach vorne, und schließlich rollten hunderte Gegenstände in einer tosenden Lawine über das Boot und schlugen etliche Krater ins Eis.

Auch Aaron bekam die Fliehkräfte zu spüren. Er verlor Snorre aus der Hand, flog nach vorne und knallte stirnlings gegen die Reling. Nicht ... ohnmächtig ... werden!, beschwor er sich wieder. Aber diesmal konnte er sich nicht dagegen wehren. Ihm wurde schlagartig dunkel vor Augen, als wäre er in einen Tunnel gefahren. Die Geräusche, die Erschütterungen, ja selbst seine Schmerzen verblassten für einen zeitlosen Moment zu einer sanften Schwärze. Vielleicht wäre Aaron sogar gestorben. Hier, auf seinem Boot. So wie es sich für einen echten Kapitän gehörte.

Wenn ... tja, wenn ihn nicht ein Plätschern wachgehalten hätte.

Mühsam stemmte Aaron seine Augen auf.

Ihn erwartete ein Anblick, der zu gleichen Teilen aus Eis und Trümmern bestand. Die Mermaid hatte sich stark zur Seite geneigt, sodass sie praktisch mit dem Kiel an dem Eisberg klebte. Ihre Backbordreling berührte fast das Wasser. Wellen klatschten über sie hinweg und griffen gierig nach den Holzplanken. Die Steuerbordseite ragte dagegen so steil wie ein Hausdach in die Höhe. Alles dazwischen hatte sich verformt oder war zerbrochen, sodass sich Aaron auf seinem eigenen Boot fremd fühlte.

Er selbst kauerte knapp über der Wasserlinie an einem Holzpfosten. Seine linke Gesichtshälfte glühte vor Schmerz, seine rechte fühlte sich dagegen seltsam taub an. Er hätte sich liebend gerne wieder in die Arme dieser zärtlichen Schwärze fallen lassen – wenn da nicht dieses Plätschern gewesen wäre! Es ertönte aus jeder Ritze der Mermaid. Das Meerwasser rauschte wohl ungehindert in ihren Rumpf und zerrte ihn Zentimeter für Zentimeter in die Tiefe. Und dagegen konnte selbst das Magnetfeld nichts mehr ausrichten.

Aaron zerbiss einen Fluch auf den Lippen und wuchtete sich hoch. Seine Arme und Beine fühlten sich ähnlich taub an wie sein Gesicht, wodurch er sie kaum belasten konnte. Erschöpft sah er sich ein zweites Mal um. Ihm fiel es wahnsinnig schwer, in diesem Chaos den Überblick zu behalten. Aber da gab es etwas, das ihm sofort ins Auge sprang – und ihn noch viel mehr alarmierte, als es das Plätschern tat.

»Malte!«

Der Maat lag genau über Aaron; eingekeilt zwischen der Reling und einem Holzbalken.

»Großer Gott ... Malte!«

Aaron hangelte sich über das Deck. Ein paarmal brach eine Planke unter ihm entzwei und raubte ihm den Halt, aber die Sorgen hatten Aaron beinahe schwerelos gemacht, wodurch er nur wenig später bei seinem Maat ankam. »Malte! Sag etwas!« Er legte die Hand auf Maltes Schulter und versuchte, ihn umzudrehen. Vergebens. Malte war fest unter dem Balken eingeklemmt ... und außerdem schien sein Körper nicht mehr an einem Stück zu sein. Seine Beine wiesen einige Ecken auf, die es eigentlich nicht geben durfte, und der rechte Arm war so elastisch wie ein Gummiband geworden.

»Malte?« Aaron beugte sich über ihn. Im Vergleich zu seinem Körper sah Maltes Gesicht kerngesund aus. Ein paar Holzsplitter hatten ihm die Haut zerkratzt, aber ansonsten gab es an ihm nichts zu bemängeln, was man nicht mit einem Pflaster hätte verarzten können. »Malte?«

»Jetzt müssen wir ... auf jeden Fall ... das Boot wechseln«, keuchte der Maat. Seine Augen rollten zu Aaron herum. Sie waren glasig vor Schmerz geworden, aber tief in ihrem Inneren brannte ein zäher Lebenswille.

Aaron lächelte wehmütig. »Ja, das müssen wir«, stimmte er zu. »Doch zunächst sollten wir von hier weg.«

»Bin kein ... guter Schwimmer.«

»Wir werden das Faltboot nehmen.« Aaron schielte zum Heck. Sofern ich es in dem Durcheinander überhaupt finden kann. Er verdrängte den Gedanken und widmete sich wieder seinem Sorgenkind. »Kannst du unter dem Balken hervorkriechen?«

»Weiß nicht.« Durch Maltes Körper zuckten ein paar Reflexe, aber sie lösten nur neue Schmerzen in ihm aus.

»Schon gut. Bleib ruhig.« Aaron stoppte seine Bemühungen, indem er Malte abermals an der Schulter berührte. »Ich werde das regeln.« Er packte sogleich den Holzbalken, unter dem Malte lag, und stemmte sich gegen ihn. Doch der Balken rührte sich kein bisschen. Er knirschte nicht einmal; selbst dann nicht, als Aaron gewaltsam an ihm rüttelte. Nur das Wasserplätschern hielt an und saugte die Mermaid unerbittlich nach unten. Die Backbordreling war bereits versunken, und die Wellen streckten sich nun der Ladeluke entgegen, die mittig auf dem Deck angebracht war.

»Du musst mich ... zurücklassen«, sagte Malte.

»Kommt gar nicht infrage«, erwiderte Aaron. Er unternahm einen letzten Versuch, den Balken anheben zu wollen; dann ließ er ihn notgedrungen los und wandte sich zu dem Steuerhaus um. In seinem Inneren bewegte sich ein Schatten. »Snorre, komm her! Wir müssen Malte helfen. Snorre!« Aaron wurde ärgerlich, als er keine Antwort erhielt. »Jetzt komm schon! Es ist dringend!«

Doch Snorre kam nicht.

Trotzdem bewegte sich der Schatten im Steuerhaus weiter. Ein ziemlich ungewöhnlicher Schatten, wie Aaron bemerkte. Er war mindestens so groß wie Snorre, aber viel bulliger. Und dieser Schatten wirkte ganz und gar nicht so, als hätte er gerade einen höllischen Aufprall überlebt. Stattdessen marschierte er zügig durch das Steuerhaus und schien irgendwas zu suchen.

»Snorre?« Aarons Ärger schlug in eine leichte Besorgnis um. Er bedeutete Malte, dass er sich ruhig verhalten sollte. Ein dämlicher Ratschlag – und doch fand Aaron ihn angebracht. Denn irgendwas gefiel ihm an dem Schatten immer weniger. Genau genommen waren es nämlich zwei Schatten, die sich im Steuerhaus umhertrieben. Der kleinere war eindeutig Snorre. Der größere war ... nun, irgendwas anderes.

Aaron richtete sich auf und stakste langsam über das Deck. Nebenbei durchforstete er mit all seinen Sinnen das Halbdunkel im Steuerhaus.

»Snorre?«

Aaron hatte die zerborstene Frontscheibe beinahe erreicht. In der Laibung steckten zahllose Glassplitter, die es ihm unmöglich machten, sich daran festzuhalten. Er blieb deshalb einen knappen Meter davor stehen und streckte den Hals in die Länge. Es war komisch. Obwohl die Sonne taghell am Himmel strahlte, blieb der Innenraum ein Pfuhl aus wabernden Schatten. Die meisten davon waren vollkommen harmlos und stammten von den Möbeln, die in der Kabine umgestürzt waren. Doch dieser eine hünenhafte Schatten ruinierte diesen Eindruck sogleich wieder. Er stand mitten im Raum und hielt irgendwas in der Hand; etwas mit Armen und Beinen sowie einem zotteligen Kopf.

»S-Snorre?« Aaron versagte die Stimme.

Trotzdem reagierte der Schatten auf ihn.

Er fuhr hastig aber vollkommen lautlos herum. An seinem Kopf blitzte ein Gebiss auf, das aus langen Haifischzähnen bestand. Aber was Aaron noch viel mehr erschreckte, war ein grünes Licht, das an der Stirn dieses Schattens leuchtete.

Ist das ein Auge ...?

Noch während dieser Gedanke sein ganzes Entsetzen in Aaron entfaltete, wirbelte der Schatten herum – und verschwand. Er floh nicht aus dem Steuerhaus oder tauchte im Wasser unter. Nein, der Schatten war von einer Sekunde auf die andere einfach nicht mehr da. Zusammen mit seiner Beute.

»Snorre?«, fragte Aaron tonlos. »Bitte ... sag was.«

Das Steuerhaus schwieg ihn an. Nur das Wasser plätscherte ein gespenstisches Lied durch die Mermaid.

Aaron hielt diese Ungewissheit nicht mehr aus. Er trat nun doch nach vorne, stützte sich mit den Fingern an der Wand des Steuerhauses ab und lehnte sich durch das Fenster ins Innere. Sein Blick fiel auf das Ruder. Auf einen Tisch sowie ein Regal, in dem all seine Habseligkeiten standen ... und die gerade nacheinander ins Wasser rutschten. Zuerst ein Buch. Platsch! Dann eine Meerjungfrau aus Holz. Platsch! Schließlich ein Foto von Aaron und seinem Vater. Platsch! Aber da war noch etwas Viertes. Etwas, das Aaron erst erkannte, als sich seine Augen an das Halbdunkel gewöhnten: ein Arm! Auf dem Boden trieb ein Arm im Wasser.

Snorres Arm.

Er war am Schultergelenk vom Körper abgetrennt worden. Aus der Wunde ragten Fleischfetzen und der madig-gelbe Knochen hervor, sowie etliche Blutadern, die rote Linien ins Wasser malten. Die Hand am anderen Ende war zur Faust geballt und schwang in der Strömung umher, als würde sie sich noch immer gegen einen übermächtigen Feind wehren.

Aarons Magen schnürte sich zusammen und presste die Übelkeit in heißen Schüben seinen Hals herauf. Großer Gott. Er wollte sich abwenden, übergeben, schreien.

Aber das übernahm schon jemand anderes für ihn.

Malte kreischte plötzlich los.

Aarons Blick zuckte zur Steuerbordreling hinüber. Aber dort war Malte nicht mehr. Der Balken, unter dem er gelegen hatte, war zur Seite geklappt, und Malte selbst lag nun an der Backbordseite im Wasser. Er schlug hysterisch um sich, obwohl sein rechter Arm gebrochen war, und stieß diese panischen Schreie aus.

»Lass mich los ... du Scheißvieh!«

Aaron wollte zu ihm laufen, ihm helfen.

Doch als er zum ersten Schritt ansetzte, zuckte vor Malte eine Hand aus dem Wasser. Eine Hand, wie Aaron sie noch nie gesehen hatte. Sie war blaugrün und schuppig, wie die eines Fisches, und mit fünf Krallen bewehrt. Wosch! Sie landete auf Maltes Hüfte und zerrte ihn ruckartig ein Stück ins Meer.

Aaron hatte das Gefühl, als wäre sein Herz ebenfalls von einer Krallenhand gepackt worden. Er versteifte mitten in der Bewegung und starrte Malte fassungslos an. Das hätte er wohl so lange getan, bis der Maat vollständig versunken wäre. Aber dann wandte Malte den Kopf zu ihm. Mit Augen, die schon halbtot waren und dennoch voller Verzweiflung standen. Gleichzeitig streckte Malte seinen gesunden Arm nach Aaron aus.

»Skipper ... hilf mir ...«

Weiter kam Malte nicht. Er wurde abermals ein Stück nach unten gezerrt. Sein Kopf hämmerte dabei auf die Holzplanken, und aus seiner Kehle kam auf einmal kein Schrei mehr, sondern ein dumpfes Gurgeln.

Aaron wollte sich noch immer abwenden, schreien, sich die Ohren zuhalten. Aber mehr als das, wollte er Malte helfen. Also wankte er los. Die Angst hatte seine Beine watteweich gemacht, sodass er nur linkisch über das Deck stolpern konnte. Doch seine Sorgen hielten ihn irgendwie aufrecht und beförderten ihn in Windeseile zu Malte. Er glitt über dem Maat in die Hocke und reichte ihm eine Hand nach unten, während er sich mit der anderen an einer Planke festhielt.

»Malte, nimm meinen Arm! Ich zieh dich rauf!«

Der Maat griff tatsächlich zu und versuchte, sich an Aarons Arm in die Höhe zu stemmen. Doch die Krallenhand hatte sich fest in seiner Hüfte verhakt, wodurch sich bloß der obere Teil von Maltes Körper bewegte. Der untere rutschte sogar noch etwas tiefer ins Wasser.

Heilige Maria! Er wird wie ein Lebkuchenmännchen zerreißen, dämmerte es Aaron. Diese Vision nahm vor seinen Augen so grauenhafte Ausmaße an, dass er Malte beinahe losgelassen hätte. Doch der Maat ahnte offenbar, was er tun wollte, und schnürte seine Finger stärker um Aarons Arm zusammen.

»Bitte Skipper! Hilf mir!«, flehte Malte. »Das Vieh ... zieht mich runter!« Sein letztes Wort vermischte sich mit einem neuen Schrei. Denn irgendwas in seinem Unterleib knackte und gab nach, als bestünde es tatsächlich aus Lebkuchen. Von da an wurde Malte plötzlich sehr schwach. Sein Griff löste sich nach und nach von Aarons Arm, und kurz darauf verlor auch der Rest seines Körpers jegliche Spannung. Ein Ausdruck der puren Agonie überschattete sein Gesicht. Für einen kurzen Moment dachte Aaron schon, Malte wäre gestorben. Doch die Lippen des Maats schmatzten ständig auf und zu; angetrieben von diesem zähen Lebenswillen, der unverändert in seiner Brust schwelte.

»... will nicht ins Wasser ...«, wimmerte er. »Ich will nicht von diesen Scheißviechern ... gefressen werden!«

Aaron hätte nichts lieber getan, als ihm das zu ersparen. Aber er konnte beim besten Willen nicht noch mehr Zugkraft auf Maltes Körper ausüben, denn er spürte immer deutlicher, wie sich der Maat in die Länge dehnte. »Ich kann nicht«, stöhnte er. »Malte, ich kann dich nicht mehr halten!«

»Will ... .... nicht ... ...«

Die Pausen zwischen Maltes Worten wurden unerträglich lang. Die Schmerzen pulsierten dagegen in immer kürzeren Abständen durch sein Gesicht.

Aaron spürte, wie er selbst den Halt verlor und millimeterweise abrutschte. Es tut mir leid, lag ihm auf den Lippen. Ich kann dir nicht mehr helfen.

Er kam jedoch nicht dazu, Malte das zu sagen.

Sein Blick schlug auf einen grünen Punkt an, der vor ihm im Wasser aufleuchtete. Aaron hatte ihn gerade eben schon einmal gesehen – im Steuerhaus. Es war dieses fremdartige Auge. Es öffnete sich knapp unter der Wasserlinie und feindete ihn mit einem hasserfüllten Blick an. Mit einem Blick, der Aaron klarmachte, dass er diesem Wesen nicht die Beute wegnehmen konnte. Dass auch er zum Futter werden würde, wenn er dem Wasser zu nahekam.

Dann streckte das Wesen seine Hand wieder aus und klatschte sie auf Maltes Brust. Die Rippen des Maats knackten und die gesamte Luft wich mit einem matten Röcheln aus seinen Lungenflügeln. Das Wesen kannte jedoch kein Erbarmen. Es krümmte seine Krallen zusammen und bohrte sie mühelos durch Maltes Jacke, den Pullover, seine Haut. Tief genug, um endgültig unter Beweis zu stellen, dass der Maat ihm gehörte.

Schließlich zerrte das Wesen ihn vollends zu sich.

»... will nicht ... oh bitte, Skipper!«, schrillte Malte. »Ich will nicht gefressen werden!« Er glitt aus Aarons Hand und tauchte im Wasser unter. Sein Gesicht schimmerte noch kurz in der Tiefe umher, dann verschwand Malte für immer außer Sicht.

Großer Gott.

Aaron starrte entgeistert auf das Wasser hinab.

Was zur Hölle war das? Ein Hai? Ein Krake? Ein Orca? WAS?

Aaron kam nicht dahinter – und er fand es auch müßig, darüber nachzudenken. Trotzdem überschlugen sich seine Gedanken eine ganze Weile und verschmolzen zu einem Chaos aus Angst, Irrsinn und blanker Verzweiflung. Sie hätten ihm noch das letzte bisschen Verstand aus dem Schädel rasiert, wenn die Mermaid nicht einen Satz nach unten gemacht hätte. Ihr Rumpf war jetzt so vollgelaufen, dass sie sich nicht mehr an der Oberfläche halten konnte und mit dem Bug voraus in die Tiefe sackte. Zuerst einen Meter, dann zwei ... und schließlich so weit, dass die Wellen über das gesamte Vordeck klatschten.

Aaron hatte sich bislang nie vor Wasser gefürchtet, doch jetzt verkörperte es das Schrecklichste, was er sich vorstellen konnte. Er warf sich panisch herum und robbte an dem Deck hinauf. Seine Schuhe quietschten auf den Planken und seine Hände schürften sich überall wund, aber das war ihm egal. Er kletterte bis zum Steuerhaus, hangelte sich an ihm entlang und floh weiter zum Heck. Aber genau genommen kam er kein Stück vorwärts. Denn das Wasser war ihm dicht auf den Fersen und verschluckte die Mermaid mit gewaltigen Bissen. Es brodelte und rauschte gierig unter ihm und spritzte kalte Fontänen empor, die wie Peitschenhiebe in Aarons Rücken fuhren.

Weiter! Weiter! WEITER!

Er wäre bis zum Mond gestiegen, wenn er gekonnt hätte.

Aber am Heck der Mermaid war endgültig Schluss.

Aaron klammerte sich an die Reling und sah sich fieberhaft um; wohl wissend, dass es für ihn keinen Ausweg mehr gab. Neben ihm erstreckte sich der Atlantik bis zum Horizont; hinter ihm ragte der Eisberg in die Höhe. Das Faltboot! Was ist mit dem Faltboot? Aaron drehte sich fahrig zu einer Kiste um, die am Heck montiert war. Ihr Deckel stand offen und der gesamte Inhalt hatte sich im Meer verstreut. Mitsamt dem Faltboot. Nur ein Rettungsring hing neben der Kiste an einem Haken, aber der war Aaron bei dem eiskalten Wasser auch keine Hilfe mehr.

Es ist vorbei.

Aaron war anscheinend nicht der Einzige, der das erkannte.

Im Wasser glühte abermals dieses grüne Auge auf. Sein Hunger war offensichtlich noch lange nicht gestillt, denn es schwamm ungeduldig neben der Mermaid her und wartete auf seinen Nachtisch. Und dieses Auge war nicht allein. Pflopp! Unmittelbar neben ihm erschien ein zweiter grüner Punkt. Pflopp! Dann ein dritter und vierter. Pflopp! Pflopp! Pflopp! Dieses grüne Funkeln irrte wie ein Lauffeuer durchs Wasser und erweckte darin immer mehr von diesen hässlichen Augen zum Leben.

Großer Gott!, schluckte Aaron. Wie viele sind das bloß?

Er zählte mindestens dreißig von ihnen. Vielleicht waren es auch fünfzig. Oder hundert. Genug jedenfalls, dass die Mermaid von einem riesigen, grünen Schwarm umringt wurde. Und alle Augen starrten Aaron an, als wollten sie ihn mit ihren Blicken bereits in mundgerechte Stücke zerteilen.

»Was wollt ihr von mir?«, schrie Aaron. Er bekam natürlich keine Antwort, aber das war auch nicht nötig. Die Augen flackerten immer hungriger im Wasser und gaben ihm alles zu verstehen, was er wissen musste.

Gleich, lechzten sie. Gleich ist es so weit. Gleich gehörst du uns.

Die Mermaid war nun fast gänzlich versunken.

Aaron stellte sich mit wackeligen Beinen auf die Reling und hielt sich an einem Fahnenmast fest, der neben ihm in die Höhe ragte. Die isländische Flagge wehte stolz in der leichten Brise umher, als würde sie das alles gar nichts angehen. Aaron ballte seine Hand um sie zusammen und schwang sich an ihr ein Stück weit zu dem Eisberg hinüber; versuchte ihn irgendwie zu erreichen. Vielleicht wäre es ihm sogar gelungen, wenn er ein bisschen mehr Zeit gehabt hätte. Doch das Wasser schlug im nächsten Moment über dem Heck zusammen und zog Aaron von dem Berg fort. Er spürte noch kurz die Mermaid unter seinen Schuhspitzen, dann war sie verschwunden.

Für Aaron ging der Überlebenskampf jetzt erst richtig los.

Das eisige Wasser schnürte sich wie Stacheldraht um seinen Körper zusammen und machte jede Bewegung zur reinsten Qual. Er keuchte und strampelte, schrie und japste nach Atem. Neben ihm zerplatzten haufenweise Luftblasen, die von der Mermaid aufstiegen, und ein leichter Sog rupfte an seinen Beinen. Aaron gelang es jedoch, sich mit einigen hartnäckigen Schwimmzügen an der Oberfläche zu halten. Den Augen konnte er damit jedoch nicht entkommen. Sie umkreisten ihn auch weiterhin, aber keines wagte sich auf ihn zu.

»Was wollt ihr von mir?«, schrie Aaron noch mal. »Haut ab!« Er hackte mit der Hand ins Wasser. »Hier gibt es nichts für euch zu holen!«

Die Augen rührten sich nicht.

Im Gegenteil.

Unter Aaron öffneten sich noch viele Dutzend weitere von ihnen; so viele, als wäre der gesamte Atlantik mit diesem grünen Funkeln vergiftet worden. Und in jedem dieser Augen klappte eine Pupille wie ein Maul auf und machte sich bereit, den nächsten Leckerbissen zu verschlingen.

Jetzt werde ich sterben, wusste Aaron. Wie Malte und Snorre.

Er sah ein letztes Mal zu dem Eisberg hinauf; zu diesem weißen Gott, der über ihm thronte und bereits Ausschau nach einem neuen Opfer hielt. Nach einem viel größeren. Dann wurde Aaron in die Tiefe gerissen und versank in einer Welt aus grünem Licht.

Kapitel 1

9 Stunden später

15. April 1912 / 0.27 Uhr

 

Tock-Tock.

Da war ein Geräusch. Es hackte wie eine Axt durch Ryans Träume und rüttelte ihn wach. Seine Sinne gingen kurz auf Lauerstellung und durchforsteten die Umgebung, ehe sie zurück in den Schlaf sanken. Wenn auch nicht lange. Das Geräusch wiederholte sich nur einen Moment später. Tock-Tock. Lauter als beim ersten Mal und so schnell, dass etwas Besorgtes, Nervöses darin mitschwang. Ryan erwog, ob es vielleicht seine Kopfschmerzen waren, die da durch seinen Schädel trommelten. Bei der Menge an Alkohol, Opium und Zigaretten, die er am Abend konsumiert hatte, wäre das kein Wunder gewesen. Ryan wusste, wovon er sprach. Es gab kaum einen Morgen in seinem Leben, an dem er nicht mit einem Mordskater aufwachte.

Doch dieses Geräusch war anders.

Tock-Tock.

Es ertönte ausnahmsweise nicht in seinem Schädel, sondern irgendwo in seiner Kabine. Wenn Ryan es sich recht überlegte, tat dieses Geräusch nicht einmal weh. Es nervte nur gewaltig.

Tock-Tock.

Trotzdem ging er nicht weiter darauf ein. Er wälzte sich lediglich von einer Seite des Bettes zur anderen. Fort von dem Geräusch, hin zu Konstanze, die neben ihm schlief. Oh ja, das fühlt sich gleich viel besser an! Konstanze war schließlich genau so, wie Ryan es liebte: jung, willig, naiv. Irgendeine neureiche Frau, die er gestern an Bord kennengelernt und ins Bett gelockt hatte. Okay, der Sex mit ihr war nicht der Hammer, aber immerhin stöhnte sie dabei nicht so übertrieben wie die vielen Weiber, mit denen sich Ryan letzte Woche in England vergnügt hatte. Und zudem musste er Konstanze ja nicht heiraten. Er würde sie nach dem Frühstück mit einem fiesen Spruch abservieren und sich dann den anderen hübschen Töchtern zuwenden, die sich auf diesem Schiff herumtrieben. Was soll’s? Übermorgen würde Ryan in New York sein. In der guten, alten Heimat. Bei den amerikanischen Weibern.

Vorausgesetzt, das Schiff bewegte sich überhaupt noch von der Stelle ...

Denn irgendwie war es verdächtig ruhig an Bord geworden. Die ganze Fahrt über war ein gleichmäßiges Brummen aus dem Maschinenraum bis in Ryans Kabine geströmt. Doch jetzt herrschte Stille. Eine merkwürdige, ja fast schon bedrohliche Stille, die das gesamte Schiff in den Würgegriff nahm. Nur dieses nervige Klopfgeräusch hackte regelmäßig dazwischen.

Tock-Tock.