»Wir haben eine Welt zu gewinnen«
Ob Finanzmarktkrise, Klimakatastrophe, die Toten im Mittelmeer, das Erstarken reaktionärer Kräfte oder eine globale Pandemie – immer mehr Menschen nehmen die Welt als eine scheinbar endlose Abfolge von Krisen wahr.
Dennoch ist Aufgeben keine Option – ganz im Gegenteil. Denn alle diese Krisen haben etwas gemeinsam: Hinter ihnen verbergen sich Abwehrkämpfe der Wenigen, die an der Macht sind, gegen die Vielen, die es nicht sind. Und die Machtstrukturen in einer Gesellschaft lassen sich verändern, wenn immer mehr Menschen sich organisieren.
Franziska Heinisch skizziert Wege aus den Krisen und zeigt, wie aus Verbundenheit und Miteinander im Kleinen große Bewegungen entstehen können, die zu wirklichen Veränderungen in der Lage sind.
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Copyright © Franziska Heinisch und by Karl Blessing Verlag, München
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Herstellung: Ursula Maenner
Satz: Leingärtner, Nabburg
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München
Copyright © Autorenporträt: Steffen Jänicke
ISBN 978-3-641-27686-7
V001
www.blessing-verlag.de
Inhalt
VON OHNMACHT, ANGST UND HOFFNUNGSLOSIGKEIT
KLIMA – DIE KATASTROPHE, DIE KEINE HÄTTE WERDEN MÜSSEN
BLICK IN DEN ABGRUND: WARUM WIR EINEN »SYSTEM CHANGE« BRAUCHEN
WEGE AUS DEN KRISEN
GEGNER*INNEN DER VERÄNDERUNG
DIE ZUKUNFT WÄHLEN? DIE PARTEIEN
EIN UPDATE FÜR DIE DEMOKRATIE? FÜR EINEN MACHTWECHSEL VON UNTEN
ANLEITUNG ZUM AUFSTAND – WIE WIR MACHT ERLANGEN UND VERÄNDERUNG BEWIRKEN
VON HOFFNUNG, MUT UND AUFBRUCH
DANK
ANMERKUNGEN
VON OHNMACHT, ANGST UND HOFFNUNGSLOSIGKEIT
Häufig reden wir über Politik, als hätte sie nichts mit uns zu tun. Als wäre sie eine Angelegenheit der Vergangenheit oder der Zukunft – aber keine, die uns im Hier und Jetzt betrifft. Als wären politische Machtfragen Kämpfe, die fernab von uns stattfinden. Als wären wir nicht Teil von politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen. Von Krisen und den politischen Maßnahmen, mit denen auf sie reagiert wird.
Dabei kämpfen die allermeisten von uns jeden Tag. Ringen in ihrem Alltag um Halt und Wirksamkeit. Kämpfen gegen die Angst vor dem sozialen Abstieg, um die eigene Existenz. Kämpfen für Gerechtigkeit, für ihre Familie, für ihre Freund*innen, gegen Unterdrückung und für ein gutes Leben, für sich und für andere. Die wenigsten Menschen, denen ich begegne, sind gleichgültig. Im Gegenteil.
Die Ohnmacht ist das Schlimmste. Überall, wo ich hinsehe, sehe ich Baustellen. Und ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich fühle mich wirksam im Kleinen, ja. Aber im Großen nie, sagt N. am Frühstückstisch.
Sie blickt an mir vorbei aus dem Fenster. Ich frage mich, wie oft sie schon kurz davor war, einfach aufzugeben und es dann doch nicht getan hat. Und umgekehrt: Wie viele eigentlich kurz davor sind, anzufangen, sich mehr einzumischen und der eigenen Ohnmacht etwas entgegenzusetzen. Was es bräuchte, um die vermeintlich sichere Ausweglosigkeit ins Wanken zu bringen.
Wenn ich wüsste, jetzt, morgen passiert was, na klar, dann würde ich auf die Straße gehen. Aber irgendwie ist das alles so weit weg. Und mir geht es, auch wenn das ekelig klingt, ein bisschen zu gut, erzählt S.
Mit Sätzen wie diesen bauen wir künstlich Distanz auf zwischen uns und der Politik, zwischen uns und den ökonomischen Verhältnissen, zwischen heute und dem Zeitpunkt, an dem es zu spät sein wird, zu reagieren, zwischen der Politik und dem Privaten. Wir erhalten einen fiktiven Normalzustand aufrecht, den niemand erklären, genau definieren oder fühlen kann. Aber wer nicht benennt, wo das Normale aufhört, kann eben auch keine Aussage darüber treffen, wo die Krise beginnt, die der Anlass für den Kampf und für den Aufruf zum Handeln ist. Und so managen wir den implodierenden Normalzustand zu Tode, auf den Moment wartend, in dem wir einschreiten müssen.
Wir verpassen diese Momente, täglich, stündlich, minütlich.
B. sagt mir: Vor der nächsten Bundestagswahl sind meine Taschen gepackt. Das gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, dass ich wegkann, wenn ich muss.
Und: Ich habe Angst, dass meine Familie und ich nicht mehr sicher sind. Der Hass, der Rassismus … Wo soll ich denn hin, wenn ich nicht hierbleiben kann?, berichtet wieder ein anderer. Ich schweige – weil mir nichts einfällt, was ich darauf antworten könnte. Das ist er also, dieser Normalzustand.
Viele haben vor dieser Normalität kapituliert, haben die Hoffnung auf Veränderung irgendwann für illusorisch erklärt. Diejenigen, die in den letzten Jahren alles darangesetzt haben, Veränderungen zu erkämpfen, mussten dafür ihre eigenen Grenzen immer und immer wieder überschreiten. Und die, die nicht in der privilegierten Situation sind, sich aussuchen zu können, ob sie politisch sein wollen, tun das erst recht. Weil ihre persönlichen Grenzen ständig von anderen überschritten werden. Beispielsweise, weil sie wegen rassistischer Übergriffe und Anfeindungen in politische Konfliktsituationen geraten und damit nie »dem Politischen« entgehen, weil es bei politischen Konflikten schlicht und einfach um ihr Überleben geht oder weil ihr Körper, ihre Freiheit und ihr Lieben politisch verhandelt wird.
Ich kenne so viele, die in den letzten Jahren ausgebrannt sind. Mit diesem Gedanken im Kopf frage ich H., was das Bewusstsein über all das mit ihr macht. Sie setzte sich schon gegen die Klimakrise ein, lange bevor ich überhaupt etwas davon gehört habe. Und dabei sind wir gleich alt. Irgendwann wurde es ihr zu viel. Das ist eine so unglaublich große Last auf meinen Schultern, und die werde ich nicht mehr los, nie, sagt sie. Tage nach unserem Gespräch schreibt sie mir: Unser Gespräch lässt mich nicht mehr los. Heute habe ich die Nachrichten angeschaut und musste mittendrin aufhören. Ich kann das nicht mehr. Alles in mir sträubt sich dagegen, mich dem weiter auszusetzen. Weil es mich zerreißt. Und trotzdem: Mein Gewissen zwingt mich dazu. Also werde ich wohl bald wieder anfangen, mich einzumischen.
Manchmal übermannt die Realität uns. Ich glaube, fast jede*r von uns kennt solche Momente. A. und ich haben oft darüber gesprochen, aber häufig abstrakt statt konkret. Bis wir uns an einem Abend um kurz vor Mitternacht voneinander verabschieden und er eine Viertelstunde später wieder vor der Tür steht.
Ich komme gerade nicht so ganz mit der Situation klar, hat er mir zuvor in einer Nachricht geschrieben. Und dann versuchen wir, gemeinsam klar- und durch die Nacht zu kommen. Eine Nacht, in der keine Katastrophe stattgefunden hat – sondern »nur« mal wieder eine Wahl. Und ich erinnere mich an Momente als Teenagerin, in denen ich nach den ersten Wahlprognosen zur Bundestagswahl meine Eltern für all das verantwortlich machte, was ich in dem Säulendiagramm im Fernsehen auf mich zukommen sah. An Gespräche mit allen möglichen Menschen, die erst bekundeten, die Welt da draußen, die Krisen, die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse – das gehe sie alles gar nichts an. Und aus denen im nächsten Moment die Erzählungen und Geschichten und mit ihnen die Hilflosigkeit, die Betroffenheit, die Wut, die Angst, der Schmerz hervorbrachen. All das ist meistens so viel näher an der Oberfläche, als wir zugeben wollen.
Zum Beispiel bei T., mit der ich über einen Bekannten spreche, der vor einer Weile arbeitslos geworden ist. Aber das wird schon gut gehen. Er muss sich ja nur kümmern, sagt sie. Bist du sicher?, entgegne ich. Nach einem kurzen Schweigen reden wir weiter – über Arbeitslosigkeit, Armut, die Angst vor dem sozialen Abstieg und darüber, was das bedeutet und was eine Gesellschaft, die das ignoriert, mit Menschen macht. Irgendwann, ich weiß gar nicht mehr, wie wir darauf gekommen sind, frage ich: Hast du das Gefühl, dass du früher arm warst – und was bedeutet das für dich heute? Und ich höre, wie sie am Telefon anfängt zu weinen.
Sobald wir uns für Menschen öffnen, entsteht eine tiefere Verbundenheit, als wir vermutet hätten. Einige Male laufe ich an C. vorbei, der vor meiner Bankfiliale steht, jeden Tag, und um Geld bittet. Irgendwann einmal bleibe ich stehen.
Ich habe nichts, sagt er. Und ja, vielleicht ist das okay so. Ich will nicht einmal großartig Hilfe. Aber schau sie dir alle an: Sie schaffen es nicht einmal, mich anzusehen. Jetzt schwemmt diese Krise über uns hinweg, und natürlich wird die Wirtschaft gerettet. Was ist mit den Hilfen für Arbeitslose, für Arme, für Geflüchtete? Ihr geht demonstrieren – aber was ändert das denn? Das ist doch kein Zufall, das ist ein Scheißsystem.
C. hat die Situation so viel besser zusammengefasst, als ich es könnte. Er fragt mich, was ich so mache den ganzen Tag. Und ich erzähle ihm, dass ich »so politisches Zeug« mache und gerade an einem Buch schreibe, das sich im Wesentlichen an seine Analyse anschließen soll. Na ja, versuch es mal, entgegnet er. Ich glaub ja nicht, dass es was bringt.
Es gibt verschiedene Nuancen dieser Aussage, und sie kommen häufig vor. Ich kann gerade nicht mehr. Ich habe die Schnauze so voll. Es gibt auch: Heute hat sich etwas für mich verändert. Ab jetzt mach ich etwas anders. In diesem Moment bin ich fest überzeugt, dass Veränderung möglich ist. Aber eben deutlich seltener.
Obwohl das »Ich« in diesen Sätzen eine Menge zu sagen hätte, reden wir über gesellschaftliche Krisen, als würden sie nur im Fernsehen und in Zeitungen existieren oder in Science-Fiction-Romanen. Oder wir verdrängen sie, wieder und wieder, als wäre Gleichgültigkeit eine Option. Aber das ist sie nicht – denn jede Krise betrifft sehr viele Menschen. Mal in unserer unmittelbaren Nähe, mal weiter von uns entfernt, mal uns selbst. Wie häufig, ist davon abhängig, in welcher gesellschaftlichen Position wir sind.
Die Verhältnisse toben in uns
Krisen sind persönlich. Die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie treffen überproportional häufig Menschen die ihre Lohnarbeit verlieren oder die in Kurzarbeit geraten und deren gesicherte Existenzgrundlage und Zukunftsperspektiven deshalb dahinschwinden. Eltern – vor allem Mütter –, die mit der entstehenden Zusatzbelastung wie dauerhafter Kinderbetreuung und Homeschooling alleingelassen werden. Menschen, die vereinsamen. Menschen, die erkranken und mit dem Virus kämpfen. Und Menschen in sogenannten systemrelevanten Berufen, die das zurückgefahrene gesellschaftliche Leben am Laufen halten und dafür wenig mehr als Applaus bekommen. Im Lockdown verstärken sich häusliche Gewalt, die vor allem Frauen und Kinder erfahren. Die Pandemie verhindert, dass die politischen Bewegungen der letzten Jahre weiter Druck aufbauen wie bisher.
Und sie verschärft die Not Geflüchteter, die Europa an seinen Außengrenzen menschenunwürdigen Bedingungen aussetzt. Der Kälte, dem Virus, dem Elend. Sie verstärkt die soziale Spaltung, die Ungerechtigkeit, die Armut und alle daraus erwachsenden Zukunftsängste. Sie prallt nicht nur auf ein lädiertes Gesundheitssystem, sondern auf Gesellschaften, die alles andere als krisenfest sind. Sie befeuert Verschwörungsglauben und das Selbstbewusstsein der Rechtsradikalen, die mobilmachen. Das verängstigt viele Menschen enorm. Kurz: Die Pandemie macht das sichtbar, was vorher schon krisenhaft war, und verstärkt es.
Spätestens seit dem letzten Jahr kennen viele von uns solche Gespräche wie die, deren Ausschnitte hier zusammengestellt sind. Es sind Momente, in denen aus Small Talk bedeutsame Gespräche werden. In denen die vermeintliche Gleichgültigkeit, die wir uns gegenüber politischen Geschehnissen angewöhnt haben, durchbrochen wird. Wir tun so, als wären sie für uns persönlich nicht so relevant. Aber natürlich sind sie das. Wir haben keine Wahl: Die Verhältnisse, sie toben in uns und zwischen uns.
Veränderung liegt in der Luft
Gerade weil das so ist, rumort es gesellschaftlich in den letzten Jahren. Immer mehr Menschen politisieren sich. Engagieren sich. Gehen auf die Straße und protestieren, in Deutschland und weltweit. Manche suchen Halt in der Vergangenheit. Aber noch viel mehr Menschen blicken sorgenvoll in die Zukunft. Sie verwandeln ihre Unsicherheit, ihre Wut über Ungerechtigkeit, ihre Angst vor dem Morgen in Energie. Dann kämpfen sie gegen die Klimakrise, gegen Rassismus, gegen die Abschottung Europas, und für eine bessere Zukunft für alle. Immer mehr Menschen stellen politische und wirtschaftliche Entwicklungen der letzten Jahrzehnte infrage. Sie sind bereit, ihre eigenen Überzeugungen zu ändern. Immer mehr Menschen begreifen, dass ein »Weiter so« nicht reicht, sie schließen sich Initiativen an und engagieren sich politisch. Andere, die früher Bewegungen vorangebracht haben – ehemals in der Friedens-, Antiatomkraftbewegung, Teile der 68er oder ehemalige Häuserkämpfer*innen – entdecken ihre frühere Kampfeslust neu und stellen sich an die Seite vor allem der jungen Generation, weil sie wieder Hoffnung auf Veränderung gefasst haben. Manche fordern von den Verantwortlichen das erste Mal in ihrem Leben wirkliche politische Antworten ein und werden damit enttäuscht. Und viele, beispielsweise Gewerkschaften, haben nie aufgehört, Menschen zu organisieren. Veränderung liegt in der Luft. Bislang haben die Proteste noch nicht ausgereicht, aber sie sind deshalb nicht gescheitert. Im Gegenteil. Dass Veränderung möglich ist, wissen wir. Doch wie? Das ist die entscheidende Frage, deren Antwort noch (oder wieder einmal) aussteht.
Dieses Buch ist eine Suche nach der Antwort. Es soll die immer gleichen Einwände gegen notwendige Veränderungen entkräften und denen Argumente liefern, die gegen Zweifler*innen um sich herum ankämpfen. Es soll eine Wahlanleitung für die sein, die zögern, ob sie bei der nächsten Bundestagswahl nicht doch mal etwas anders machen sollten. Dieses Buch soll den Aktivist*innen, die in den letzten Jahren an ihre Grenzen gegangen sind, Hoffnung machen und die stille Mehrheit auffordern, sich an ihre Seite zu stellen und aus der Teilnahmslosigkeit auszubrechen. Und vielleicht muss es dann am Ende auch eine Anleitung zum Aufstand sein.
Kampf um die Machtverteilung in der Zukunft
Denn während Entscheidungsträger*innen betonen, Demokratie brauche Zeit und lebe vom Kompromiss, während Stimmen laut werden, die die Klimabewegung und andere Initiativen für gescheitert erklären, tobt immer deutlicher wahrnehmbar ein Kampf um die Machtverteilung in der Zukunft. Und mit jedem Tag verlieren wir Zeit, die wir brauchen, um ihn zu gewinnen. Normalerweise könnten wir uns daran festhalten, dass bestehende Krisen irgendwann – wenn auch viel zu spät – vorbeigehen und andere, zum Beispiel eine neue Wirtschaftskrise oder eine weitere Gesundheitskrise, abwendbar sind. Aber ausgerechnet in unserer Gegenwart gibt es kein normalerweise mehr. Wenn Politiker*innen und Interessenvertreter*innen in der Corona-Krise eine Rückkehr zu einem alten oder neuen oder wie auch immer gestalteten »Normalzustand« versprechen, frage ich mich, was damit gemeint sein soll. Als wäre die Welt vor der Corona-Krise in Ordnung gewesen. Der Normalzustand unserer Gesellschaft ist, das zeigten die letzten Jahre, die Krise.
Im Krisenmodus
Alles, was ich politisch kenne, sind Krisen. Finanzmarktkrise, Tausende Tote im Mittelmeer, Klimakrise und Naturkatastrophen, Hungerkrise, unsichere Arbeitsperspektiven und Sozialabbau, wachsende soziale Ungleichheit, das Erstarken rechter und reaktionärer Kräfte, jetzt eine Pandemie. Fast alle politischen Ereignisse, die ich bewusst erlebt habe, sind durchzogen von Erzählungen von Krisen. Vergangenen, bestehenden, zukünftigen. Ich schaue in die Vergangenheit, betrachte die Gegenwart, blicke in die Zukunft – und die Aussicht ist überall gleich. Wir wanken von einem Ausnahmezustand zum nächsten, getragen vom Glauben, es werde schon irgendwann wieder gut werden.
Spätestens in den vergangenen Jahren ist ein Status dicht aufeinanderfolgender Krisenzustände eingetreten. Wir leben nicht mehr in vereinzelten Krisensituationen, sondern in einer Krisenzeit, in der ständig neue Ausnahmezustände auf uns wirken. Und trotzdem – oder gerade deshalb – müssen wir alles daransetzen, weitere Krisen zu verhindern oder sie in ihren Ausmaßen zu begrenzen. Dazu können wir nicht an der Oberfläche verbleiben, sondern müssen die Ursachen des dauerhaften Ausnahmezustands beseitigen und die Gestaltung einer besseren Zukunft für alle in Angriff nehmen. Damit ist vor allem große Unsicherheit verbunden – darüber, ob das grundsätzlich möglich ist, wie diese Zukunft aussehen könnte, ob die Veränderung gelingt. Aber eines ist sicher: Einen Versuch ist es wert.
Wenn wir darüber sprechen, wie während der Corona-Pandemie die Wirtschaft angekurbelt wird, aber Dutzende Millionen vergessen werden, wenn wir über soziale Krisen debattieren, über ein Europa, das sich abschotten und andere ausbeuten kann, aber ansonsten recht handlungsunfähig erscheint, über die Missachtung von Menschenrechten, über die Klimakrise oder darüber, dass wir uns nach und nach vereinzeln: Dann müssen wir auch darüber sprechen, woher das kommt und welches Bild unserer Realität sich darin bricht. Denn in jeder Krise unserer Zeit spiegelt sich der Exzess und Verfall des darunterliegenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systems.
Man könnte jede beliebige Krise dafür als Beispiel heranziehen. Aber ich will mit der Klimakrise beginnen, weil sie die Mängel brutal vergegenwärtigt. Sie ist so groß und für viele immer noch so wenig greifbar, dass sie, vor allem in Ländern wie Deutschland, weit weg und sehr abstrakt scheint. Das birgt die Gefahr, dass sie unterschätzt wird. Und in der Tat wird sie das, immer noch. Dabei wirft sie alles, was wir über Notsituationen wissen, über Bord. Sie lässt nicht zu, dass wir Vergleichsszenarien heranziehen, auf die wir uns berufen können und die uns die Sicherheit des scheinbar Vertrauten, schon Erprobten geben könnten. Sie erreicht unvorstellbare Ausmaße, sie hat kein absehbares Ende – und sie eskaliert weiter und weiter, jeden Tag. Ausmaß und Komplexität der Klimakrise sorgen dafür, dass wir uns als Einzelne machtlos im Umgang mit ihr fühlen. Vor allem aber ist sie kein Problem, das sich in einem abgrenzbaren gesellschaftlichen Bereich abspielt. Die ökologische Eskalation, Klimaerhitzung und Biodiversitätskrise sind nur ein Teil des Krisen-Konglomerats, das längst Teil unserer Gegenwart ist. Die Klimakrise fungiert als Metakrise: Sie verschärft die einzelnen Krisensituationen, denen wir uns unmittelbarer ausgesetzt fühlen. Sie stellt Zusammenhänge zwischen den Krisen her und führt sie zusammen zu einer Systemkrise.
Diese Krise stößt uns auf die Verantwortlichen für den Status quo und auf die Gegner*innen von Veränderung. Sie offenbart alle politischen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten und Machtstrukturen. Ihre Eskalation wirft ein Spotlight auf die politischen Kämpfe der Gegenwart und Zukunft. Und sie konfrontiert alle Menschen mit der Frage, welche Rolle sie darin einnehmen werden. In dieser Funktion ist die Klimakrise uns allen sehr nahe – und es ist notwendig, dass wir sie auch als persönliche Krise begreifen. Denn sie offenbart die Gemeinsamkeiten der aktuellen Wirtschafts-, Sozial-, Gerechtigkeits- und Demokratiekrisen: Im Kern sind sie Kämpfe der wenigen Mächtigen gegen die Vielen ohne Macht.
Es gilt, sie zugunsten der Vielen zu entscheiden. Dazu sollten wir beginnen, häufiger ehrlich über Politisches zu sprechen. Weil es etwas mit uns zu tun hat. Weil es uns betrifft und uns nahe ist. Wir können über Krisen sprechen und uns in unseren Emotionen verbinden, statt uns zu vereinzeln. Auf dieser Grundlage müssen wir anfangen, uns entsprechend zu organisieren. Denn es ist notwendig, und die Zeit drängt. Und es ist ehrlicherweise auch der einzige Weg – denn der andere hieße, einfach aufzugeben.