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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 

Einleitung
Sanfte Selbstbehauptung bedeutet gelassen bleiben, würdevoll auftreten und sich klar ausdrücken – ohne dabei den anderen anzugreifen. Entschlossene Eleganz statt aufgeregtes Geschrei. Klare Kommunikation statt hilfloses Verstummen.
Damit Ihnen das mühelos gelingt, finden Sie in diesem Buch fünf der besten Strategien. Es sind einfache und zugleich kraftvolle Strategien, die Goldadern der Selbstbehauptung. Alle fünf Selbstbehauptungsstrategien kommen aus unserem alltäglichen Leben. Es ist das, was selbstsichere Menschen tun, wenn sie sich gelassen durchsetzen. Und wenn Sie selbstsicher sind, benutzen Sie – vielleicht unbewusst – auch eine dieser Strategien.
Diese natürlichen Selbstbehauptungsstrategien habe ich im Laufe der letzten zwölf Jahre in meiner Arbeit als Kommunikationstrainerin entdeckt und daraus ein Trainingsprogramm zusammengestellt. Mithilfe der Rückmeldungen von meinen Teilnehmern wurden diese Strategien immer wieder poliert und verbessert, um sie noch brauchbarer zu machen. In diesem Buch finden Sie das Ergebnis dieser jahrelangen Polierarbeit.
In meinen Trainings und in meinen Büchern werde ich gerne praktisch. Ich bevorzuge handfeste Anleitungen. Anleitungen, in denen die Sache mit der Selbstbehauptung detailliert erklärt wird, so wie bei einem Kochrezept. Da weiß man, welche Zutaten gebraucht werden und was zu tun ist. Solche praktischen Rezepte finden Sie hier für jede der fünf Selbstbehauptungsstrategien. Ich mache sogar Vorschläge, mit welchen Worten Sie sich ausdrücken können und welche Formulierungen besonders wirksam sind.
Ihre Aufgabe ist es, diese Strategien so abzuwandeln, dass sie zu Ihnen passen und zu der Person, mit der Sie gerade reden. Wenn Sie beispielsweise ein schüchterner, eher leiser Mensch sind, werden Sie vielleicht einiges noch viel sanfter ausdrücken als ich. Und wenn Sie eher eine raue Sprechweise bevorzugen oder es oft mit Rabauken zu tun haben, werden Sie womöglich viel frecher auftreten, als ich es Ihnen hier vorschlage. Das ist kein Problem. In jedem Kapitel bekommen Sie beim Lesen ein Gefühl für die jeweilige Selbstbehauptungsstrategie. Und Sie bekommen jede Menge Tipps, wie Sie sich damit durchsetzen können. Das alles sind nur Anregungen, keine Vorschriften. Lassen Sie sich von der jeweiligen Strategie inspirieren und übersetzen Sie das, was ich Ihnen vorschlage, in Ihren eigenen Stil. Dann wirkt Ihre Selbstbehauptung nicht mehr wie eine aufgesetzte Strategie, sondern wird zu einem Teil Ihrer Persönlichkeit. Am Ende geht es darum, dass Sie sich mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit durchsetzen können. Also kein übertriebener Kraftakt und kein künstliches Tamtam, sondern eine gelassene Selbstsicherheit, mit der Sie ungezwungen und überzeugend auftreten.
Beim Lesen werden Sie feststellen, dass alle fünf Strategien miteinander verbunden sind. Bei der ersten Strategie geht es um Ihre Körpersprache und Ihre Ausstrahlung. Ihre selbstsichere Körpersprache ist das Fundament für die übrigen Strategien. Bei der zweiten Strategie geht es darum, dass Sie Ihre Wünsche deutlich aussprechen. Diese Strategie hilft Ihnen, klar zu sagen »Ja, das will ich!« Und dann kommt die dritte Strategie, mit der Sie deutlich sagen können: »Nein, das will ich nicht!« Das ist die Strategie, mit der Sie eine Grenze ziehen und andere Menschen in die Schranken verweisen können. Falls Ihre Wünsche oder Ihr Nein nicht richtig bei Ihrem Gegenüber ankommen, brauchen Sie noch eine Strategie, mit der Sie energisch werden können. Das ist die höfliche Hartnäckigkeit, die vierte Selbstbehauptungsstrategie. Zu guter Letzt kommt die fünfte und wohl wichtigste Strategie dran: Das beherzte Selbstvertrauen. Das brauchen Sie immer, egal ob Sie sich durchsetzen oder nicht.
Ich hoffe, dieses Buch stärkt Ihnen den Rücken und ermuntert Sie, im Alltag mehr Selbstbehauptung zu wagen. Beim Lesen wünsche ich Ihnen viel Spaß.

Die erste Selbstbehauptungsstrategie: Die königliche Muthaltung
 
 
 
Sie werden von Ihren Mitmenschen gescannt. Jeder, der Sie anschaut, beobachtet Ihre Körpersprache und bekommt auf diese Weise einen ersten Eindruck von Ihnen. Noch bevor Sie den Mund aufmachen und »Hallo« sagen, hat Ihr Gegenüber Sie bereits eingeschätzt. In der Regel geschieht das unbewusst, das heißt, es geschieht automatisch.
 
Durch Ihre Körpersprache zeigen Sie
wortlos, wie es Ihnen geht.
 
In unserem Gehirn ist ein uralter Automatismus eingebaut, der sofort überprüft, ob unser Gegenüber mächtig und bedrohlich oder eher harmlos ist. Dieses automatische Einschätzen des anderen war früher, in den Anfängen der Menschheit, wichtig, um Freund und Feind blitzschnell zu unterscheiden. Und das Ganze funktioniert immer noch. Dabei scannen wir beim anderen weitaus mehr als nur seine Gefährlichkeit. Wir merken auch, ob jemand angespannt, nervös oder unsicher ist. Und ob unser Gegenüber sich für uns interessiert, ob er freundlich ist oder nur so tut, als wäre er freundlich.
Dieser Vorgang läuft unbemerkt ab und hat oft auch keine weiteren Auswirkungen. Es ist für uns nicht weiter von Bedeutung, ob der Typ in der U-Bahn neben uns nervös oder desinteressiert auf uns wirkt. Solange er nicht die Zähne fletscht und uns anknurrt, ist es uns egal, was er ausstrahlt.
Anders sieht die Sache aus, wenn wir mit unseren Mitmenschen mehr zu tun haben. Zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch oder wenn wir einen Kollegen um etwas bitten. In solchen Situationen spielt die Körpersprache eine wichtige Rolle.

Was wir ohne Worte sagen

Achten Sie in wichtigen Gesprächen
auf Ihre Körpersprache.
 
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sprechen mit Ihrem Chef und wollen ihn davon überzeugen, dass Sie die Idealbesetzung für die neue Stelle als Bereichsleiter/in sind. Ihr Chef fragt Sie skeptisch, ob Sie sich so eine Führungsposition auch zutrauen. Sie antworten mit einem überzeugenden »Na klar!« und dann erzählen Sie von Ihren Erfahrungen und Qualifikationen. Aber weil Ihnen Ihre Körpersprache nicht bewusst ist, merken Sie nicht, wie Sie auf dem Stuhl leicht zusammensacken und dabei nervös an Ihrem Fingerring drehen. Und während Sie sprechen, schauen Sie fast nur auf den Teppichboden. Aber Ihr Chef nimmt das alles wahr. Er hört Ihre Worte und sieht zugleich auch die Signale, die Ihr Körper ausstrahlt. Beides zusammen ergibt den Eindruck, den er von Ihnen hat. Und egal wie überzeugend Ihre Worte auch waren, auf Ihren Vorgesetzten haben Sie einen unsicheren Eindruck gemacht. Ihr Chef wird skeptisch sein, ob Sie wirklich für diese Leitungsposition geeignet sind. Wahrscheinlich kassieren Sie ein Nein.
 
Ihre Körpersprache zeigt ständig,
wie selbstsicher Sie sind.
 
Das kann Ihnen nicht nur in einem Bewerbungsgespräch passieren, sondern überall da, wo Sie sich durchsetzen wollen. Gerade wenn wir ein wenig aufgeregt sind, entschlüpfen unserer Körpersprache schnell ein paar Signale der Unsicherheit. Und da wir die meiste Zeit überhaupt nicht bewusst auf unsere Körpersprache achten, bemerken wir diese Unsicherheitssignale in der Regel nicht. Unser Gegenüber aber sieht unsere Körpersprache und reagiert darauf.
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Die unsichere Haltung
im Sitzen
 
 
Wenn es darum geht, sich durchzusetzen, ist eine selbstsichere Körpersprache weit mehr als die halbe Miete. Selbst wenn Ihnen beim Sprechen mal ein Wort nicht einfällt oder Sie den Faden verlieren, ist das nicht weiter schlimm, solange Sie dabei eine souveräne und sichere Ausstrahlung haben. Denn Ihre selbstsichere Ausstrahlung sorgt dafür, dass Ihr Gegenüber einen solchen Patzer überhört. Wenn Sie aber dasitzen wie ein Schluck Wasser in der Kurve und ständig an Ihrer Jacke herumzupfen, kommt selbst eine perfekte Rede beim anderen kaum an. Denn instinktiv glauben wir der Körpersprache mehr als den gesprochenen Worten.
 
Ob Sie glaubwürdig und überzeugend
wirken, hängt größtenteils von Ihrer
Körpersprache ab.
 
Ich habe eine Selbstbehauptungsstrategie entwickelt, die Ihnen hilft, Ihre Körpersprache bewusst einzustellen: die königliche Muthaltung.
 
Mit der Strategie der königlichen Muthaltung können Sie...
... Ihre Ausstrahlung so verändern, dass Sie selbstsicher wirken, auch wenn Sie sich innerlich eher unsicher fühlen
... dafür sorgen, dass man Sie ernst nimmt und Ihnen zuhört
... Ihre persönliche Autorität und Ihre Glaubwürdigkeit erhöhen
... ruhiger und überzeugender mit anderen Menschen reden
... Ihr Selbstvertrauen stärken und zugleich Ihre Nervosität abbauen
... in Gesprächen besser nachdenken und überlegter antworten.
 
Die königliche Muthaltung ist eine Selbstbehauptungsstrategie, die einen doppelten Nutzen hat, weil sie in zwei Richtungen wirkt. Einerseits sorgt sie dafür, dass Sie nach außen hin einen souveränen Eindruck auf Ihren Gesprächspartner machen. Andererseits wirkt diese Strategie auch nach innen, auf Sie selbst. Sie selbst fühlen sich innerlich sicherer, wenn Sie ganz bewusst in Ihre königliche Muthaltung gehen.
 
Die königliche Muthaltung macht Sie
auch innerlich sicherer.
 
Denn Ihre Körpersprache wirkt sich immer auch auf Sie selbst aus. Das unsichere Herumfummeln an der Kleidung macht Sie selbst nervös. Und wenn Sie eingeknickt sitzen, fühlen Sie sich nach einiger Zeit immer kleiner und mutloser. Umgekehrt werden Sie durch eine würdevolle Körperhaltung innerlich ruhiger und mit der Zeit fühlen Sie sich auch selbstbewusster.

Und wie sehen Sie aus, wenn Sie unsicher sind?

Bevor ich Ihnen zeige, wie Sie in Ihre eigene königliche Muthaltung kommen, möchte ich Sie zuerst auf Ihre gewohnte, alltägliche Körpersprache aufmerksam machen.
Was tut Ihr Körper normalerweise, wenn Sie sich gehemmt, schüchtern oder nervös fühlen? Wo zeigt sich bei Ihnen Anspannung, vielleicht auch Ängstlichkeit?
Die häufigsten Unsicherheitssignale finden Sie in der nun folgenden Liste. Vielleicht gibt es da den einen oder anderen Punkt, der auch auf Sie zutrifft.
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Die unsichere, nervöse Körpersprache
• Die Haltung ist nicht ganz aufrecht. Der Rücken ist geknickt und der Brustkorb ist häufig etwas eingesunken. Manche Menschen machen sich im Sitzen oder Stehen insgesamt kleiner und schmaler als sie tatsächlich sind.
• Der Blickkontakt zum Gegenüber findet gar nicht oder zu selten statt.
• Häufig werden auch die Schultern ein wenig hochgezogen.
• Der Kopf wird wenig bewegt, der Blick geht meist starr in eine Richtung. In der Mimik zeigt sich manchmal ein übertriebenes Hab-mich-lieb-Lächeln oder ein unsicheres Kauen auf den Lippen.
• Beim Stehen wird das Körpergewicht auf ein Bein verlagert, das unbelastete Bein wird hinter oder vor dem anderen Bein gekreuzt.
• Die Schultern gehen nach vorn etwas zusammen, so, als wollte man sich einigeln. Dadurch wird die Atmung behindert und die Stimme klingt schwächer und gepresster.
• Hinzu kommen alle möglichen Nervositätsgesten, wie
• am Schmuck herumspielen
• die Kleidung immer wieder zurechtrücken
• mit den Füßen wippen
• auf dem Stuhl hin und her rutschen
• an den Haaren herumzupfen
• das andauernde Drücken eines Kugelschreibers.
Unsichere Haltung
im Stehen
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Beim Lesen dieser Liste von Unsicherheitssignalen fiel Ihnen vielleicht auf, dass Ihnen hin und wieder auch ein solches Unsicherheitssignal entschlüpft. Wenn Sie das bei sich bemerken, denken Sie daran, dass Unsicherheit kein Fehler ist. Es ist einfach nur ein vorübergehendes Gefühl, von dem wir alle zeitweilig erfasst werden. Also verurteilen Sie sich nicht dafür. Es ist nichts verkehrt an Ihnen, wenn Sie nervös oder unsicher sind.
Vielleicht merken Sie sogar, dass Sie einige von diesen Unsicherheitssignalen auch dann produzieren, wenn Sie gar nicht unsicher sind. Körpersprache ist nämlich zum Teil auch pure Angewohnheit. Das Zwirbeln einer Haarsträhne, das Herumspielen an den Ohrringen, ein leicht gekrümmter Rücken beim Sitzen – das ist irgendwann bei Ihnen entstanden und läuft seitdem einfach automatisch weiter. Natürlich nur so lange, bis Sie dazwischengehen und die Gewohnheit stoppen.
 
Sorgen Sie am Anfang eines
Gespräches dafür, dass Sie nicht
allzu nervös herumzappeln.
 
Keine Angst, Sie müssen sich nicht pausenlos zusammenreißen. Oft reicht es schon, wenn Sie zu Beginn eines Gespräches das Herumzappeln vermeiden oder eine nervöse Angewohnheit unter Kontrolle bringen. Das allein sorgt schon dafür, dass Sie souveräner wirken. Wenn Sie aber ganz auf die sichere Seite gehen wollen, dann nutzen Sie die königliche Muthaltung. Mit dieser Strategie stellen Sie sich von Kopf bis Fuß auf Selbstsicherheit ein.

So sitzen, stehen und gehen Sie selbstsicher

Zwei Möglichkeiten, wie Sie Ihre königliche Muthaltung aufbauen können, möchte ich Ihnen vorstellen: Die erste Anleitung beschreibt ausführlich, wie Sie schrittweise Ihre Körpersprache neu einstellen können, die zweite Anleitung ist ein Schnelldurchlauf, der dafür sorgt, dass Sie innerhalb von Sekunden in Ihre Muthaltung kommen. Am besten nutzen Sie diese beiden Anleitungen hintereinander. Zuerst lesen Sie sich Punkt für Punkt die ausführliche Anleitung durch. Und im Schnelldurchlauf können Sie Ihre Muthaltung gleich praktisch ausprobieren.
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Selbstbehauptungsstrategie: Die königliche Muthaltung
1. Nehmen Sie so viel Platz in Anspruch, wie Sie brauchen Machen Sie sich nicht kleiner und schmaler, als Sie sind. Lassen Sie Ihren Rücken so lang sein, wie er ist. Für eine selbstsichere Körpersprache ist es wichtig, dass Sie sich zeigen und zwar in Ihrer vollen Größe. Sie brauchen beim Sitzen eine gewisse Sitzfläche auf dem Stuhl oder im Sessel und die nehmen Sie auch ein. Quetschen Sie sich auf keinen Fall auf die Stuhlkante oder in eine Sesselecke. Das Stichwort heißt: thronen. Sitzen Sie so, als würden Sie entspannt auf einem Thron sitzen.
 
2. Bleiben Sie aufrecht und in Ihrer Mitte
Bei Stress und Nervosität ziehen wir oft unsere Schultern ein wenig hoch, quasi als Schutz vor Nackenschlägen. Diese hochgezogenen Schultern führen auf Dauer zu Nacken- und Kopfschmerzen. Also lassen Sie die Schultern bewusst ein Stück tiefer fallen und lassen Sie sie auch breit werden. So zeigen Sie Ihre volle Würde. Wenn uns ein wenig bange ist, neigen wir dazu, nur noch in eine Richtung zu schauen – wie ein Kaninchen, das bewegungslos auf die Schlange starrt. Um diese Angststarre zu verhindern, sorgen Sie dafür, dass Ihr Kopf aufrecht und beweglich bleibt. Schauen Sie sich um und drehen Sie dabei Ihren Kopf hin und her. Lassen Sie Ihre Arme und Beine in einer bequemen und mittigen Position. Nicht zu weit ausgestreckt, aber auch nicht verschränkt oder an den Körper gepresst. Achten Sie darauf, dass Ihre Füße auch im Sitzen vollen Bodenkontakt haben.
 
3. Vermeiden Sie Nervositätsgesten
Achten Sie vor allem zu Beginn eines Gespräches darauf, dass Ihnen keine Ihrer typischen Nervositätsgesten entschlüpft. Wenn Sie beispielsweise gern mit einem Fuß wippen, schlagen Sie die Beine möglichst nicht übereinander. Wenn Sie dazu neigen, an Ihrer Armbanduhr oder an den Haaren herumzufummeln, nehmen Sie anfangs eine Mappe mit Notizpapier in beide Hände. Dafür eignet sich am besten eine solide Plastikmappe, denn Pappkarton lässt sich leicht zerpflücken. Ein guter Filzstift ist besser als ein Kugelschreiber, auf dem Sie herumklicken können. Tragen Sie Kleidungsstücke, die von selbst gut sitzen, ohne dass Sie ständig daran herumzupfen müssen. Generell gilt: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kleidung Sie unterstützt und nicht belästigt.
 
4. Halten Sie Blickkontakt und bleiben Sie entspannt
Schauen Sie Ihrem Gegenüber in die Augen, aber schauen Sie zwischendurch auch mal wieder weg, denn das pausenlose Anstarren des anderen ist auch ein Unsicherheitssignal. Dazu neigen Menschen, denen man gesagt hat, »du musst deinem Gegenüber immer in die Augen gucken«, und die jetzt den anderen nur noch krampfhaft anschauen. Hier liegt die Lösung in der Mitte. Schauen Sie Ihrem Gegenüber in die Augen, wenn Sie einen wichtigen, überzeugenden Satz sagen. Es ist aber auch in Ordnung, hin und wieder woanders hinzugucken, zum Beispiel wenn Sie kurz nachdenken oder wenn Ihr Gegenüber eine sehr lange, ausführliche Antwort gibt. Sorgen Sie dafür, dass Sie sich in Ihrer Körperhaltung nicht verkrampfen oder zu sehr anstrengen. Die königliche Muthaltung hat nichts damit zu tun, dass Sie sich Mühe geben oder sich zusammenreißen. Es ist vielmehr eine würdevolle und gelassene Haltung, die mit wenig Muskelkraft auskommt. Also bleiben Sie aufrecht und nehmen Sie unnötige Spannungen aus dem Körper heraus. Atmen Sie mehrmals tief ein und aus.
 
 
 
 
Jetzt kommt die königliche Muthaltung im Schnelldurchlauf und zwar jeweils im Sitzen, Stehen und beim Gehen. Damit diese Haltung bei Ihnen natürlich aussieht, ist es wichtig, dass Sie die nachfolgenden Anleitungen öfter ausprobieren und zwar zunächst »im Trockenen«. Probieren Sie Ihre Muthaltung einfach mal allein zu Hause aus oder wenn Sie in einen Bus einsteigen oder beim Einkaufen – also in harmlosen Alltagssituationen. Wenn Sie merken, dass Sie damit gut zurechtkommen, gehen Sie los und führen Ihre wichtigen Gespräche und Verhandlungen in Ihrer persönlichen Muthaltung.
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Selbstbehauptungsstrategie: Ihre königliche Muthaltung im Schnelldurchlauf
Die königliche Muthaltung im Sitzen
• Nehmen Sie auf dem Stuhl oder im Sessel so viel Sitzfläche ein, wie Sie brauchen. Quetschen Sie sich nicht an den Rand oder in eine Ecke.
• Setzen Sie sich so hin, dass Ihr Rücken gerade und lang sein kann. Wenn Sie wollen, nutzen Sie die Rückenlehne als Unterstützung.
• Lassen Sie Ihre Schultern breit werden und ein wenig tiefer fallen.
• Schlagen Sie Ihre Beine nicht übereinander. Stellen Sie Ihre beiden Füße auf den Boden, ohne sie unter dem Stuhl zu verstecken.
• Verschränken Sie Ihre Arme nicht, sondern lassen Sie sie locker auf der Armlehne liegen oder legen Sie Ihre Hände zunächst auf Ihren Oberschenkeln ab. Wenn Sie wollen, können Sie auch eine Mappe in die Hand nehmen.
• Vermeiden Sie Nervositätsgesten und nesteln Sie nicht an sich herum.
• Halten Sie Blickkontakt zu Ihrem Gegenüber, aber starren Sie den anderen nicht pausenlos an.
• Atmen Sie entspannt und strahlen Sie Ihre natürliche Würde aus.
Die königliche Muthaltung im Stehen
• Lassen Sie Ihren Rücken so lang sein, wie er ist.
• Lassen Sie Ihre Schultern breit sein und etwas tiefer herunterfallen.
• Tragen Sie den Kopf oben, frei beweglich.
• Stehen Sie bequem auf beiden Beinen.
• Lassen Sie die Arme einfach locker hängen. Wenn Sie wollen, können Sie eine Mappe in eine Hand nehmen.
• Vermeiden Sie Nervositätsgesten und nesteln Sie nicht an sich herum.
• Halten Sie Blickkontakt zu Ihrem Gegenüber, aber starren Sie die Person nicht pausenlos an.
• Atmen Sie entspannt und strahlen Sie Ihre natürliche Würde aus.
Die königliche Muthaltung beim Gehen
• Rennen Sie nicht und huschen Sie nicht, sondern schreiten Sie, als wären Sie von Adel.
• Bewegen Sie sich ruhig und mit Bedacht.
• Lassen Ihren Kopf oben.
• Entspannen Sie Ihr Gesicht.
• Sorgen Sie dafür, dass Ihre Schultern tief und breit sind.
• Lassen Sie Ihre Arme frei mitschwingen.

Zeigen Sie Ihre natürliche Würde

Wenn Sie diese Selbstbehauptungsstrategie ausprobieren, merken Sie, wie klar und einfach sie ist. Eigentlich besteht sie hauptsächlich im Weglassen. Sie lassen alles weg, was Sie klein macht, was Sie einschränkt, einknickt, runterzieht oder was einen zappeligen Eindruck macht. Damit finden Sie zu dem zurück, was schon immer da war: Ihre natürliche, selbstbewusste Haltung. Sie machen sich nicht extra klein, aber auch nicht extra groß. Sie gehen in Ihre Mitte und strahlen Ihre natürliche Würde aus.
Ihre königliche Muthaltung ist nichts Künstliches oder Übertriebenes. Sie ist einfach nur die Haltung, die Sie einnehmen, wenn Sie ganz und gar selbstbewusst sind.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Die königliche
Muthaltung im
Sitzen und im
Stehen
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Achten Sie zu Beginn darauf, dass Sie sich in Ihrer Muthaltung nicht anstrengen. Anfänger neigen manchmal dazu, sich besonders viel Mühe zu geben, dadurch aber wirkt ihre Muthaltung zunächst ein wenig verkrampft. Manche sehen dann aus, als wären sie aufgezogene Zinnsoldaten, die strammstehen und die Luft anhalten. Aber Ihre selbstbewusste Mitte ist mühelos. Sie sind einfach nur aufrecht und ganz bei sich. Also entspannen Sie sich, während Sie majestätisch sitzen, stehen oder gehen.
 
Ihre königliche Muthaltung besteht
aus einer aufrechten, entspannten und
zugleich würdevollen Körpersprache.
 
Weil ich von Haus aus Pädagogin bin, hat es mich immer sehr interessiert, wie Menschen – vor allem erwachsene Menschen – leichter etwas Neues lernen können. Dabei ist mir aufgefallen, dass der jeweilige Name einer Selbstbehauptungsstrategie beim Training sehr wichtig ist. Durch einen treffenden Namen kann man sich die jeweiligen Strategien leichter einprägen.
Der Name für diese erste Selbstbehauptungsstrategie kam von einer Teilnehmerin einer meiner Seminare. Damals nannte ich das Ganze einfach nur »die selbstsichere Körperhaltung«. Immer wenn ein Selbstbehauptungstraining zu Ende ging, fragte ich meine Teilnehmer/innen, welche Strategie ihnen am besten gefallen hatte. Einmal antwortete eine Frau sofort: »Am besten war für mich das mit der Körpersprache, wo man sich so mutig hinsetzt. Diese Muthaltung hat richtig Spaß gemacht.« Damit war der Name Muthaltung geboren. Ich fand diese Bezeichnung sehr passend, weil mit dem Wort Mut auch ausgedrückt wird, dass man sich sammelt und seine Kraft bündelt, um etwas anzupacken. Mit Mut verbinden wir auch die Erfahrung, über uns hinauszuwachsen und etwas zu tun, was wir bisher nicht gewagt haben.
Durch Ihre Muthaltung entsteht
in Ihnen eine ruhige Entschlossenheit
und die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen.
 
Das Wort »königlich« kam erst viel später hinzu. Wenn ich in einem Training die Muthaltung erklärte, wiederholte ich immer wieder, was man mit dem Rücken, den Schultern, den Armen und Beinen macht. Bis ich irgendwann entdeckte, dass das Wort »königlich« eine Art Kurzformel ist. Es reicht der Gedanke, königlich zu sitzen oder zu stehen und schon kommen der Rücken, die Schultern, die Arme und Beine in die richtige Position. Aber was noch wichtiger ist, man strahlt dabei automatisch eine ruhige Würde aus.
Stellen Sie sich einfach vor, wie eine Queen oder wie ein King auf dem Thron zu sitzen und schon sind Sie mittendrin in Ihrer königlichen Muthaltung. Wenn Sie das nächste Mal über einen langen Flur gehen, reicht schon der Gedanke an das Wort königlich und Sie fangen an zu schreiten, statt zu huschen. Und statt verlegen zu grinsen, schenken Sie Ihrem Hofstaat ein huldvolles Lächeln.
 
Wenn Sie »königlich« sitzen oder
stehen, sind Sie automatisch in einer
würdevollen Haltung. Sie zeigen,
dass Sie respektabel sind.

Eingeschüchtert sein war gestern

Fühlen Sie sich auch hin und wieder unbehaglich, wenn Sie ein exquisites Geschäft, ein Luxushotel oder ein Nobelrestaurant betreten? An solchen Orten komme ich mir manchmal vor, als wäre ich fehl am Platze. Fast automatisch schaue ich an mir herunter und stelle fest, dass ich nicht so edel gekleidet bin, wie es die Innendekoration verlangt. Kurzum: Ich bin etwas verunsichert. Wenn Ihnen das auch so geht, können Sie sich ab jetzt freuen, denn in Zukunft ist das Ihr neuer Trainingsplatz. Jedes Nobel-Luxus-Edel-Geschäft ist der passende Rahmen für Ihre königliche Muthaltung. Hier noch ein paar Tipps, die Ihnen beim Üben helfen.
 
Gehen Sie in Ihre königliche
Muthaltung, wenn Sie sich
eingeschüchtert fühlen.
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Das alltägliche Training der Muthaltung
• Bevor Sie eine Firma, ein Geschäft oder ein Restaurant betreten, gehen Sie in Ihre königliche Muthaltung. Machen Sie einen kurzen Check von Kopf bis Fuß und lassen Sie die majestätische Ausstrahlung in jeden Teil Ihres Körpers fließen.
• Bevor es losgeht, atmen Sie ein paar Mal tief ein und aus. Dadurch klingt Ihre Stimme entspannter und Ihr Gehirn bekommt genügend Sauerstoff.
• Achten Sie darauf, dass Sie Ihre Muskeln nicht unnötig verkrampfen. Sie sind kein Soldat im Kampfeinsatz, sondern Sie treten auf wie eine Queen oder ein King bei einem informellen Empfang. Also bleiben Sie locker.
• Machen Sie sich nicht allzu viele Sorgen darüber, ob Sie die richtigen Worte finden. Ihre königliche Muthaltung wirkt auch auf Sie selbst zurück. In dieser Haltung werden Ihnen die passenden Worte ganz von selbst einfallen. Lassen Sie sich einfach von Ihrer würdevollen Ausstrahlung inspirieren.

Die Verwandlung eines Kükens

Nadine war 26 Jahre alt, als ich sie in einem meiner Selbstbehauptungstrainings kennen lernte. Sie gehörte zu den Menschen, die in einer Gruppe zunächst kaum auffallen. Als sie etwas über sich erzählte, merkte ich, dass es ihr schwer fiel, jemanden anzuschauen. Sie saß ein wenig zusammengesunken auf ihrem Stuhl und während sie sprach, rutschte sie nervös hin und her, so als würde sie sich aus der Situation herauswinden wollen.
 
Menschen mit einer unsicheren,
verlegenen Körpersprache werden von
anderen häufig nicht ernst genommen.
 
Nadine wollte in dem Selbstbehauptungstraining vor allem eins erreichen: Sie wollte, dass man sie endlich ernst nahm. Weil sie die jüngste Mitarbeiterin war, nannte man sie an ihrem Arbeitsplatz nur das Küken. Für ihre Kollegen war sie die Kleine, die nicht viel zu melden hatte, aber ganz niedlich war. Von diesem Küken-Image wollte Nadine gern loskommen.
Es war der erste Trainingstag und wir beschäftigten uns mit der selbstsicheren Körpersprache. Die königliche Muthaltung gefiel Nadine auf Anhieb. Sie richtete sich beim Sitzen auf und schaute zum ersten Mal alle Teilnehmer direkt an. Würdevoll ging sie durch den Seminarraum und dabei hatte sie sichtlich ihren Spaß. Sie fand schnell ihren eigenen Stil. Der Unterschied zwischen Nadine mit und ohne Muthaltung war gewaltig. In ihrer würdevollen Haltung wirkte sie so selbstsicher, als sei sie eine Präsidentin oder die Chefin einer größeren Firma. An nur einem Vormittag hatte Nadine sich in eine souveräne Queen verwandelt.
 
Jeder Mensch hat seinen eigenen Stil,
wenn er seine königliche Muthaltung
einnimmt.
 
Das kleine Wunder ereignete sich in der Mittagspause. Für die ganze Gruppe war im Restaurant ein großer Tisch reserviert worden. Dort sollte es ein Vier-Gänge-Menü geben. Nadine hatte beschlossen, auch in der Pause in ihrer königlichen Muthaltung zu bleiben. Und genau in dieser Haltung betrat sie – gemeinsam mit uns – das Restaurant. Am Eingang empfing uns ein Herr im dunklen Anzug. Wie sich herausstellte, war das der neue Restaurantchef. Er steuerte direkt auf Nadine zu, begrüßte sie mit leichter Verbeugung und fragte, ob wir die Seminargruppe seien. Nadine nickte, lächelte milde und antwortete immer noch ganz Queen: »Ja, wir sind die Seminargruppe und wir sind hungrig.«
Der Restaurantchef fragte Nadine: »Darf ich Sie zu Ihrem Tisch bringen? Wir haben hier am Fenster extra für Sie gedeckt.«
»Ja bitte«, antwortete sie.
Der Restaurantchef ging voraus und Nadine schritt würdevoll hinter ihm her. An einem schön gedeckten Tisch zog er für Nadine einen Stuhl hervor. Sie setzte sich in aller Ruhe hin und bat ihn um die Getränkekarte. Wir setzten uns auch um den Tisch, während der Restaurantchef Nadine die Getränkekarte überreichte. Er wartete, bis sie sich entschieden hatte und dann eilte er davon. Währenddessen verteilten zwei junge Kellner auch an die übrige Gruppe Getränkekarten.
 
Ihre würdevolle Ausstrahlung regt
Ihre Mitmenschen dazu an, Sie auch
würdevoll zu behandeln.
 
Nadine strahlte, als hätte sie gerade den Hauptgewinn in der Lotterie gewonnen. Sie beugte sich ganz weit zu mir herüber und flüsterte: »Das mit der Muthaltung ist ja klasse! Ich glaube, er hält mich für die Leiterin der Gruppe. Er denkt, ich wäre die Chefin hier.«
»Ja, das glaube ich auch«, flüsterte ich zurück. »Das Chefin-Sein steht Ihnen wirklich gut.«
Es war klar, warum der Restaurantchef ausgerechnet Nadine angesprochen hat. Als wir das Restaurant betraten, suchte er in der Gruppe nach der Person, die am ehesten nach Leitung aussah. Dabei hat er – wahrscheinlich unbewusst – kurz die Körpersprache aller Teilnehmer gescannt. Nadine hatte von uns allen die selbstsicherste Haltung und sie nahm auch sofort Blickkontakt mit ihm auf. Damit war sie die Person, die am meisten Autorität ausstrahlte. Sie schaffte das, ohne lautstark aufzutrumpfen und ohne sich aufzuplustern. Nur durch ihre Körpersprache signalisierte sie: »Ich bin wichtig«.
 
Das Ich-bin-wichtig-Signal:
aufrechte Haltung
klarer Blickkontakt
ruhige Bewegungen und
ein freundlich-souveräner Gesichtsausdruck.
Nadine blieb während des gesamten Trainings in ihrer Muthaltung. Für sie war das die Strategie, die ihr am meisten Selbstsicherheit gab. Sie genoss den Erfolg, den sie damit hatte, und freute sich darauf, so auch an ihrem Arbeitsplatz aufzutreten. Jetzt hatte sie einen Weg gefunden, um das alte Küken-Image loszuwerden.

Der Bambi-Blick und das Hab-mich-lieb-Lächeln

Es gibt Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens eine »nette« Körpersprache angewöhnt haben. Lassen Sie mich kurz erklären, was ich mit dem Wort nett meine. Ich meine diese Art von Nettigkeit, die mit einer gewissen Unterwürfigkeit einhergeht. Das ist ein Nettsein, das dem Gegenüber signalisiert, »ganz wie du willst«, und das sich schnell an den anderen anpasst. Dieses Nettsein wird oft begleitet von einem Bambi-Blick, einem Hab-mich-lieb-Lächeln und einem häufigen Kopfnicken.
 
Eine allzu nette Körpersprache wirkt
oft auch unterwürfig und machtlos.