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Impressum

„Die hemmungslosen Sieben (5)“ von Benjamin Larus

herausgegeben von: Club der Sinne®, Allee der Kosmonauten 28a, 12681 Berlin, November 2012

zitiert: Larus, Benjamin: Die hemmungslosen Sieben (5), 1. Auflage

 

© 2012

Club der Sinne®

Inh. Katrin Graßmann

Allee der Kosmonauten 28a

12681 Berlin

www.Club-der-Sinne.de

kontakt@club-der-sinne.de

 

Stand: 01. November 2012

 

Gestaltung und Satz: Club der Sinne®, 12681 Berlin

Coverfoto: © Viktoriia Kulish, www.shutterstock.com

Covergestaltung: Club der Sinne®

 

ISBN 978-3-95527-301-9

 

eBooks sind nicht übertragbar!

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden und volljährig.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Erfundene Personen können darauf verzichten, aber im realen Leben gilt: Safer Sex!

Benjamin Larus

 

Die hemmungslosen Sieben

 

Teil 5: Sebastian

Wer meinen Bericht über unser Wochenende mit Gabriel gelesen hat, dem mag es am Ende womöglich ähnlich ergangen sein wie mir selbst an jenem Sonntagabend: Zwei Tage praktisch ununterbrochener Sex mit wenig mehr als den nötigsten Pausen für Schlaf und Nahrungsaufnahme hatten mich spürbar ermüdet!

Körperlich ermüdet, oh ja, aber auch im Kopf hatte sich bei mir trotz einem beglückenden abendlichen Finale in den Armen meines wundervollen Liebhabers eine merkwürdige Leere ausgebreitet – eine irgendwie phlegmatische, stumpfe Leere, die mich zunächst irritierte, weil mir nicht klar war, was diese zu bedeuten hatte und was davon womöglich dauerhaft zurückbleiben würde.

In den Tagen danach zeigte sich jedoch, dass der zweitägige Sexmarathon mit unserem devoten Gast, jenes kompromisslose Ausleben unserer frivolen Fantasien bei mir auch einen gewissen Effekt der Reinigung gezeitigt hatte: Ich fühlte mich gewissermaßen emotional durchgepustet, entspannt und somit seelisch derart ausbalanciert wie schon seit Wochen nicht mehr, als ich mich, wie geplant, am Mittwoch darauf in die S-Bahn setzte, um Sebastian in seinem exklusiven Herrenbekleidungsgeschäft aufzusuchen.

Was vorher nicht in Ordnung gewesen sein soll? Nun, ich denke, man muss sich immer wieder einmal vor Augen führen, was in den letzten Wochen und Monaten da so alles auf mich eingestürzt war. Man kann mich sicher nicht gerade als Spätentwickler bezeichnen, aber für ein knapp dreiundzwanzigjähriges Provinzpflänzchen meines Zuschnitts war es schon ein gewaltiges Wechselbad der Gefühle und Emotionen gewesen, das mich da ohne viel Zutun von eigener Seite überrollt hatte!

Das Comingout vor meiner besten Freundin Sandra im letzten Sommer will ich da gar nicht erst mitzählen, obwohl auch dies etwas ist, über das man ja rein gefühlsmäßig nicht so einfach hinweggeht. Die sich bald daran anschließende Phase mit dem Verschwinden meiner, wie ich mir bald eingestehen musste, großen Liebe Guido allerdings habe ich als wahren Höllentrip in Erinnerung, und ich kann sie nur deshalb jetzt mit relativer Gelassenheit erwähnen, da ich heute den glücklichen Ausgang kenne: Seit November lebe ich in einer völlig veränderten Welt! Die Sonne zum Beispiel, auch wenn sie sich seither nur selten gezeigt hat, ist eindeutig eine ganz andere, und tagtäglich schaue ich mit ungläubigem Kopfschütteln in den Spiegel, muss mich richtiggehend kneifen, um mich zu vergewissern, dass dies alles sich tatsächlich so zugetragen hat (auch deswegen habe ich es in den letzten Monaten so fein säuberlich aufgeschrieben!). Die aufregenden Bekanntschaften aus den Wochen unmittelbar vor dieser meiner zweiten Geburt erscheinen da fast nebensächlich, obwohl sie mich seinerzeit heftig in Bann schlugen und weder Annika noch Nuno aus meinem neuen Leben wegzudenken sind. Was nun aber rund um die schicksalhafte Jack-Off-Party im März über das bloße orgiastische Erlebnis hinaus an heftigsten Emotionen schon bis jetzt auf mich eingestürmt war, das ließ mich zeitweise die Orientierung verlieren!

Ich hatte mitunter das Gefühl, einfach nur als hilfloser Beobachter an der Seite zu stehen und atemlos mitzuverfolgen, wie die Dinge ihren Lauf nahmen. Dann wiederum war ich versucht, mir eine imaginäre Decke über den Kopf zu ziehen und vor allem Reißaus zu nehmen, aber das war schon deshalb nicht möglich, weil ich mir ab einem gewissen Zeitpunkt eingestehen musste, dass ich selbst es war, der – ob mir das gefiel oder nicht – den Mittelpunkt all jener Entwicklungen bildete, welche sich gleich einer Lawine an dem bewussten Abend in Gang gesetzt hatten!

Da war die offensichtliche Faszination, die mein Guido diesem Flamur entgegenbrachte, eine von ihm kaum verhohlene Verliebtheit, die mich eigentlich rasend hätte machen müssen! Dass sich daraus nicht augenblicklich ein tränenreiches Drama entwickelt hatte, konnte nur daran liegen, dass erstens ich selbst von dem jungen Albaner ebenfalls, gelinde gesagt, ziemlich begeistert war, und zweitens, dass mein Geliebter mich deswegen nicht nur in keiner Weise vernachlässigte, sondern dass ich im Gegenteil den Eindruck hatte, seine Liebe für mich sprudelte in den letzten Wochen überschäumender denn je aus ihm hervor!

Dann Patrice, der schwarze Modellathlet – ganz Frankfurt mochte ihm, dem Unerreichbaren, schmachtend zu Füßen liegen, aber ausgerechnet mich hatte er sich ausgesucht, um die erotischen Grenzen auszuloten, die er einzig seiner faszinierenden Freundin Caro zuliebe zu überschreiten bereit war! Von dem unmittelbaren Erlebnis des betreffenden Abends in der Wohnung der beiden und seinen noch nicht abzusehenden Folgen einmal ganz abgesehen, musste ich obendrein so ganz nebenbei verwirrt feststellen, dass die ursprünglich mehr oder weniger halbherzig für diesen Vierer rekrutierte Annika mir in jener Ausnahmesituation gänzlich unerwartete Gefühle der Zuneigung zu entlocken vermocht hatte ...

Es drohte also anstrengend zu werden – so viele interessante, attraktive Menschen unterschiedlichsten Zuschnitts mit ihren Bedürfnissen, Empfindlichkeiten und Begehrlichkeiten, dazwischen meine Wenigkeit, an sich überglücklich verliebt, gleichwohl hoffnungslos triebhaft und fasziniert von den sich bietenden Möglichkeiten und den unaufhaltsam ihren Lauf nehmenden Entwicklungen!

Bange Fragen: Wo sollte das mit Flamur hinführen? Drohte er eine Belastung für Guidos und mein bislang scheinbar so unzerstörbares Glück zu werden? Würde mit seinem wie auch immer gearteten Coming-out alles glatt gehen, oder würde es ein Donnerwetter geben – etwa dergestalt, dass er selbst sich plötzlich empört gegen unsere Bekehrungsversuche auflehnte oder dass wir ihn womöglich bei uns aufnehmen mussten, nachdem seine Familie ihn verstoßen hatte?

Was stand mir da noch mit Patrice und Caro ins Haus? Hatte Annika Recht mit ihrer Einschätzung, dass es Caro in irgendeiner Weise auf mich abgesehen hatte? Was würde Patrice dazu sagen?

Ach ja, Annika, die war ja auch noch da. Dass es sie kalt lassen würde, mich von Patrice aufgespießt zu sehen, war ja nicht zu erwarten gewesen. Wie sie aber auf die Erkenntnis reagiert hatte, dass ich für Männer mehr übrig hatte als einen gewissen, frivolen Spieltrieb, vor allem, dass Guido und ich ein Paar waren – dies und gewisse Beobachtungen an mir selbst, was meine Gefühle für diese sich plötzlich so empfindsam zeigende Frau betraf, das ließ vermuten, dass unser Verhältnis sich in Zukunft ebenfalls auf die eine oder andere Weise verändern würde. Konnte kompliziert werden!

Und war da nicht noch irgendetwas, weit verborgen in meinem Hinterkopf links unten, kaum mehr als eine Vorahnung? Etwas, das mit dem begehrlichen und gleichzeitig entlarvenden Blick aus den braunen Augen von Sven zu tun hatte, dem Initiator und Gastgeber jener schicksalhaften Party? Aber lassen wir das erst mal beiseite. Das letzte Wochenende mit seinem Freund Gabriel jedenfalls hatte mir geholfen, meinen Gefühlshaushalt halbwegs wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Zwei Tage purer, befreiender Sex hatten bewirkt, dass all jene Fragen und Erwartungen einiges an Bedrohungspotential eingebüßt hatten und ich dem Treffen mit Sebastian uneingeschränkt positiv entgegenblickte.

Sebastian. Mit ihm freilich schienen die Dinge auch ganz anders zu liegen als mit Flamur, Patrice oder gar Annika. Trotz aller sofort spürbaren erotischen Anziehung hatten wir uns vom ersten Augenblick an auf eine unangestrengte Art sympathisch gefunden, und bei ihm glaubte ich auch davon ausgehen zu können, dass es keine dramatischen Komplikationen geben würde. Dieser Mann hatte sein Coming-out lange hinter sich, war von Anfang an über mein Verhältnis zu Guido im Bilde gewesen und würde mir, so meine Überzeugung, keinen Stress machen.

Die anderen Fahrgäste, welche an besagtem Mittwochvormittag mit mir in der Bahn saßen, mögen sich gewundert haben, dass ich just in dem Moment versonnen vor mich hinlächelte, als der völlig wolkenlose Himmel vom Dunkel des Tunnels weggewischt wurde (für mich das von vielen Gelegenheiten her vertraute Zeichen, dass ich bald im Stadtzentrum sein würde). Ich erinnere mich nämlich genau, wie ich mir in diesen Minuten des Zieleinlaufs noch einmal die Details in Erinnerung rief, welche sich in Bezug auf Sebastian an jenem Abend in Svens Wohnung tief in mein Gedächtnis eingegraben hatten: ein wohlgestalteter, gemessen an meinem sonstigen Geschmack eigentlich ungewöhnlich stark behaarter Körper, ein großer, auffallend formschön gewachsener Penis, ein sympathisches Gesicht mit markanten Wangenknochen und hohem Haaransatz. Besonders in Bann gezogen aber hatte mich zweierlei: die klaren, blauen Augen mit jenem ganz besonderen, unergründlichen Flackern und die vollen, sinnlichen Lippen, die mir schon in den ersten Minuten unseres bisher einzigen Treffens große Zurückhaltung abverlangt hatten, um diese nicht pausenlos mit leidenschaftlichen Küssen zu bestürmen!

Wie würde Sebastian mir in wenigen Minuten entgegentreten? Würde ich trotz der völlig gegensätzlichen Situation ähnlich begeistert sein wie neulich, oder sollte sich in meiner Erinnerung schon jetzt womöglich manches verklärt haben?

Seine Stimme, besser gesagt: sein ganzer Tonfall hatte sich in unserem Telefongespräch vor ein paar Tagen jedenfalls genauso schwul und sympathisch angehört, wie er mir im Gedächtnis geblieben war. Scheinbar völlig unkompliziert und spontan hatte Sebastian seine Aufforderung erneuert, „einfach mal vorbeizuschauen“, allerdings hatte er dann doch recht genaue Vorstellungen geäußert, wann dies am günstigsten sei.

Ich hatte mich des Eindrucks nicht erwehren können, dass er ganz besonders sicher gehen wollte, sich eingehend um mich kümmern zu können. Zudem war da natürlich eine eindeutige, erregte Vorfreude zu spüren gewesen, sowohl von seiner wie von meiner Seite – was ja nach unserer Vorgeschichte auch nicht weiter verwundern sollte.

Ich war also eigentlich bester Dinge, als ich aus der S-Bahn-Station Hauptwache ans Tageslicht stieg und beschwingt in Richtung Goethestraße strebte. Ich warf im Vorübergehen einen abschließend prüfenden Blick auf mein Spiegelbild in einem der großen Schaufenster und war zufrieden – nicht einmal der Radfahrer, der mich an der Ecke beinahe über den Haufen gefahren hätte und mich mit einer rudernden, wild-verständnislosen Armbewegung bedachte, konnte mir diese gute Stimmung verderben. Das Einzige, was mir vielleicht ein wenig Unbehagen bereitete, war der Gedanke an mein Bankkonto. Das Treffen mit Sebastian sollte nämlich durchaus nicht nur der Kontaktpflege dienen, ich brauchte tatsächlich dringend einen neuen Anzug, eigentlich gleich mehrere.

Seit unsere neue Chefin unseren Betrieb so gründlich umgemodelt und im Zuge dieser Veränderungen förmliche Garderobe zur Pflicht gemacht hatte, war ich ganz schön in die Bredouille geraten. Ich hatte meinen schlichten Grauen, den braunen Nadelstreifen und noch einen anthrazitfarbenen Dreiteiler, ferner zwei Jacketts, die sich ganz gut mit nicht allzu legeren Hosen kombinieren ließen. Aber wenn man dann quasi rotierend immer in denselben vier, fünf Outfits erscheint, wird es allmählich peinlich – zumindest mir war es in letzter Zeit so vorgekommen, als habe die Chefin mehrfach nach einem ihrer gefürchteten, abmusternden Blicke in meinem Fall kritisch die Nasenwurzel gekräuselt. Zudem hielt jetzt unübersehbar der Frühling Einzug (endlich!), und auch mich selbst verlangte es nach frischen Farben und Stoffen.

Insofern war Sebastians Angebot also eigentlich wie gerufen gekommen, nur war ich mir alles andere als sicher, ob das in seinem Laden vorherrschende Preisniveau trotz Angestelltenrabatt nicht meine Möglichkeiten von vorneherein überstieg – eine Befürchtung, die ich jetzt noch einmal bestätigt sah, als ich mich an den halbleeren Schaufenstern all jener exklusiven Geschäfte vorbeidrückte: kunstvoll drapierte, extravagante Damenmode, raffiniert beleuchtete Schmuckauslagen, fest geschlossene, meist zurückgesetzte Eingangstüren, die zu öffnen ich mich im Normalfall wahrscheinlich nie getraut hätte – aus Angst, mir eine ähnliche Abfuhr einzuhandeln wie Felix Krull oder gar der Hauptmann von Köpenick in zwei Filmszenen, die mir jetzt zwangsläufig in den Sinn kamen!

Aber ich hatte ja eine Einladung, und nachdem ich mich aufmerksam Hausnummer für Hausnummer vorgearbeitet hatte, um nicht etwa am Ziel vorbeizuschießen und wie ein dummer Junge hin und her zu irren, näherte ich mich gespannt der bewussten Adresse.

Nun ja, gemessen an den in dieser Straße vorherrschenden Verhältnissen mochte der Laden keiner von der ganz schlimmen Sorte sein – die voll verglaste Tür befand sich auf einer Höhe mit zwei relativ großen Schaufenstern, und man musste, wie Sebastian mir ja schon versichert hatte, keineswegs klingeln, um eingelassen zu werden. Die Auslagen ließen freilich keinen Zweifel daran, dass man hier als bevorzugten Kunden den kultivierten, vor allem solventen Gentleman mit Geschmack im Blick hatte: feine, englische Stoffe und Muster in zumeist klassischen Schnitten, edle Mäntel und Hemden, Hüte, auch schöne Pullover, präsentiert auf hochwertig anmutenden Holzstativen oder stummen Dienern mit äußerst diskreten, in schwungvoll-sauberer Handschrift gestalteten Preisschildern. Letztere genauer zu studieren blieb mir allerdings keine Zeit (was vielleicht ganz gut war, denn sonst hätte ich womöglich doch noch Reißaus genommen und mir für Sebastian irgendeine blödsinnige Ausrede aus den Fingern saugen müssen), denn im fast menschenleeren Innenraum des Geschäfts war man offensichtlich bereits auf mich aufmerksam geworden, sodass ich nur die Flucht nach vorne antreten konnte und beherzt die Tür aufdrückte.

So präzise Sebastian und ich uns verabredet und so gründlich wir beide uns auf dieses Treffen vorbereitet hatten, so groß war dennoch auf beiden Seiten die Überraschung. Auf meiner, weil hier ein völlig anderer Mensch vor mich hinzutreten schien als der, den ich in Erinnerung hatte: Es handelte sich unverkennbar um Sebastian, den smarten, attraktiven Herrenausstatter, der mir vor einigen Wochen in Svens Penthouse-Wohnung zum ersten Mal über den Weg gelaufen war – trotzdem schien er auf den ersten Blick kaum etwas gemein zu haben mit dem triebgesteuerten Kerl, auf dessen prachtvollem Schwanz der kleine Gabriel direkt vor meinen Augen seinerzeit wie ein Besessener herumgeritten war.

Dass er sich an seinem Arbeitsplatz, besonders an einem so speziellen, in anderer Garderobe zeigen würde als im Rahmen einer Sexparty, damit hatte ich natürlich gerechnet, und ich muss sogar sagen, dass der dunkelgraue Anzug mit weißem Hemd und rosa-silbern gestreifter Krawatte ihn in meinen Augen fast noch anziehender erscheinen ließ als die damalige sportliche, deutlich körperbetontere Aufmachung. Trotzdem gab ihm das natürlich ein ganz anderes Auftreten, schien seine gesamte Körpersprache zu beeinflussen – weg von der eines jungen Sportlers, hin zum souveränen Herrn mit gesellschaftlichem Schliff. Dazu kamen zwei ganz konkrete Veränderungen in seinem Äußeren:

Erstens war Sebastian offensichtlich unlängst beim Friseur gewesen. Ich erwähnte ja bereits, dass sein Haar hier und da deutlich gelichtete Stellen aufwies, dass er dieses aber trotzdem relativ lang belassen hatte. Nun trat er mir zwar nicht gerade mit Vollglatze entgegen, hatte sich aber ziemlich kurz scheren lassen, was einerseits seinem Haupt eine saubere, schnittige Form verlieh. Andererseits war dadurch nichts mehr zu sehen von jenem ganz besonderen Goldglanz, der bei unserer letzten Begegnung meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Jetzt musste man wieder eher vom klassischen Straßenköterblond sprechen. Nicht, dass mich dies weiter gestört hätte, aber ich registrierte es genauso aufmerksam wie eine andere, entscheidende Veränderung: Sebastian trug eine Brille, ein schickes, transparentes Kunststoffmodell mit ganz offensichtlich ziemlich starken Gläsern, die seine herrlichen, blauen Augen recht klein erscheinen ließen. Hier hatten wir auch, wie ich jetzt überzeugt war, die Erklärung für jenes ungewöhnliche Flackern und Blinzeln, welches mir seinerzeit schon aufgefallen war: Sebastian behalf sich, wenn er die berückende Schönheit seines Sehorgans partout nicht hinter dicken Gläsern verbergen wollte, mit Kontaktlinsen, harten Kontaktlinsen wahrscheinlich, welche er offenbar nicht optimal vertrug und die ihm ein gewisses Fremdkörpergefühl bescherten.

Ein äußeres Merkmal allerdings präsentierte sich mir auch jetzt wieder genauso eindrucksvoll und bezaubernd wie damals, und hier komme ich zu der Überraschung auf Sebastians Seite: Seine vollendet geschwungenen, vollen Lippen lachten mir in derart unwiderstehlicher Sinnlichkeit entgegen, dass ich ihm, als wir uns nun zur Begrüßung aufgeregt gegenübertraten, ohne große Überlegung einen dicken, genüsslichen Schmatzer direkt auf den Mund platzierte. Ich sah die Überraschung in seinen hinter besagter Brille versteckten Augen, errötete wahrscheinlich und schimpfte mich selbst für meine Rücksichtslosigkeit, denn, wie ich aus dem Augenwinkel heraus bereits registriert hatte: Wir waren nicht alleine, und woher sollte ich wissen, ob ich Sebastian durch mein Ungestüm nicht irgendwelche Schwierigkeiten der einen oder anderen Art mit seinen Kollegen oder Arbeitgebern bescherte?

Nach ein, zwei atemlosen Sekunden jedoch hatten wir uns beide wieder gefangen. Sebastian wich mit einem verständnisvollen und gleichzeitig – wie ich zu erkennen meinte – beglückten Grinsen vor mir zurück und drückte herzlich meine Schulter.

„Hallo Benjamin, sehr erfreut, dich als Kunden begrüßen zu dürfen!“, hieß er mich mit einem nicht sehr männlichen Schieflegen des Kopfes willkommen. Mit einladender Geste wies er in den sich weit nach hinten erstreckenden Verkaufsraum und fügte hinzu: „Sieh dich in Ruhe um, wir führen alles, was das Herz des Herrn von Welt begehrt!“

Die Beleuchtung in diesem Laden war dezent, vor allem vor den wenigen Spiegeln aber hell genug, um sich bei eventuellen Anproben eingehend betrachten zu können. Ansonsten herrschten eher gedeckte Töne vor.

Da waren etwa die raumhohen Wandregale aus Mahagoni oder einem ähnlich edlen Material, deren unzählige Fächer sorgsam drapierte Pullover, Krawatten und verpackte Hemden beherbergten. An den Seiten des Hauptgeschäftsraumes und allem Anschein nach auch in dem hinter einer Ecke sich fortsetzenden Bereich standen einige wenige Drehständer mit Hosen und Mänteln, und die ganze, gediegene Präsentation ließ mich abermals fröstelnd nach meinem Portemonnaie tasten.

„Typisch, solche Kundschaft reißen sich gleich die jungen Kollegen unter den Nagel!“ Diese Bemerkung freilich passte nicht ganz zum seriösen Ambiente dieses Geschäfts, aber ob infolge meiner überschwänglichen Begrüßung oder eventueller Vorbereitung durch Sebastian: Derjenige, der sie getätigt hatte, schien sich nicht weiter aufhalten zu wollen mit standesgemäßen Pflichtformeln – womit ich sagen will, dass der Fall augenblicklich klar war, denn vor mir sah ich ein Paradebeispiel des nicht mehr ganz jungen, schwulen Verkäufers alter Schule.

„Das ist mein Kollege Gerhard“, klärte Sebastian mich schmunzelnd auf, und während ich noch überlegte, welche Art Begrüßung hier die angemessene sein könnte, wenn die Ausgangslage eine so sonnenklare war, deutete dieser eine betont steife Verbeugung mit auf dem Rücken zusammengenommenen Händen an, wandte sich aber sogleich ab, als erwartete er jede Sekunde neue Kundschaft. Dieser würde er, daran ließ er durch seine Haltung keinerlei Zweifel, augenblicklich seine ganze Kompetenz zur Verfügung stellen.

Von eher rundlicher Figur, das stattliche Bäuchlein in einen marineblauen Zweireiher verpackt (dessen Knöpfe in ebenso blankem Gold erglänzten wie Manschettenknöpfe, Brillenrand und mindestens ein Ring), Krawatte und Halstuch aufeinander abgestimmt –