Christiane Gohl

Julia – Aufregung im Reitverein

 

Saga

Der Traumjob

»Es ist wirklich sinnlos, die Wurmkurpaste vorzukosten, Julia! Die Pferde müssen sie fressen, ob sie schmeckt oder nicht.«

Stephanie entzog Julia entschlossen die Packung mit dem Wurmkurmittel und nahm sich das erste Pferd vor. Sie ergriff das Halfter ihrer Stute Violetta, schob die Spritze mit der Wurmkur seitlich in ihr Maul und drückte die Paste weit nach hinten auf die Zunge. Die graufalbe Connemara-Stute ließ die Behandlung gelassen über sich ergehen.

»Wenn man es richtig macht, schmecken sie das Zeug nicht einmal. So weit hinten im Rachen liegen keine Geschmacksnerven und außerdem löst die Eingabe einen Schluckreflex aus. Du brauchst dir also keine Sorgen zu machen. Coffee wird dir hinterher nicht böse sein!« Stephanie gab die angebrochene Packung an Julia weiter. Die zögerte jedoch und spielte an ihrem braunen Pferdeschwanz herum. Violettas milchkaffeefarbenes Fohlen gehörte ihr erst seit wenigen Monaten, und sie wollte es auf keinen Fall gegen sich aufbringen, indem sie ihm ein bitteres Medikament eingab.

»Julia, ich erfriere! Wenn du nicht endlich zu Potte kommst, sind meine Finger steif!« Stephanie rieb ihre Hände. An diesem kalten, regnerischen Januartag hatte sie schon während des Ausritts gefroren. Und gleich brauchte sie ihre ganze Beweglichkeit, um die nervöse, kleine Stute Svaboda einzufangen und ihr die Wurmkur zu geben. Bis jetzt stand Svaboda noch schüchtern im Eingang zum Offenstall und beobachtete misstrauisch, was Julia und Stephanie mit ihren Stallgefährten anstellten. Das goldfarbene Fohlen aus Russland stand ungewohnten Situationen noch immer skeptisch gegenüber. Beim Transport in die neue Heimat hatte es schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht und wurde erst jetzt, nach etlichen Monaten in Stephanies Besitz, langsam zutraulich. Coffee fürchtete sich dagegen gar nicht vor neuen Erlebnissen. Der kleine Hengst schnupperte interessiert an der Wurmkurspritze und verzog die Oberlippe zum Flähmen, als er das Mittel roch.

»Da siehst du, er kann es nicht riechen!«, jammerte Julia. »Bestimmt ist er sauer, wenn ich es ihm in den Hals drücke! Hilfst du mir, falls er sich wehrt?«

»Wenn du es geschickt anstellst, wehrt er sich nicht«, erklärte Stephanie. »Du weißt doch, man kann Pferde nicht mit Kraft bändigen. Nicht mal so kleine wie Coffee.«

So klein war Coffee gar nicht mehr. In den vergangenen neun Monaten war das niedliche Fohlen zu einem stämmigen jungen Hengst herangewachsen. Die zierliche, dreizehnjährige Julia hätte das selbstbewusste Kerlchen ganz sicher zu nichts zwingen können. Mit klopfendem Herzen ergriff sie nun Coffees Halfter und suchte die richtige Stelle zum Eingeben der Wurmkur. Zum Glück hielt Coffee still und der spritzenförmige Dosierer glitt wie von selbst in seine Maulspalte. Julia schob ihn so weit nach hinten, dass ihre Hand schon fast in Coffees Maul steckte. Dann holte sie tief Luft und spritzte die Paste hinein. Coffee zuckte ein wenig und schüttelte den Kopf, aber er schluckte artig und bettelte gleich wieder um Leckerbissen. Geschafft! Erleichtert schob ihm Julia eine Möhre ins Maul.

»Na also«, sagte Stephanie. »Jetzt nur noch Svaboda. Na, meine Süße, willst du auch eine Möhre?«

Mit schmeichelnden Worten näherte sich die junge Frau dem goldfarbenen Fohlen, um ihm ein Halfter anzulegen.

Julia sah zu, wie das leichte schwarze Fohlenhalfter über Svabodas zarten Araberkopf glitt, und hielt eine neue Wurmkurpackung bereit. Stephanie ordnete die seidige schwarze Mähne unter dem Nackenriemen und schloss das Halfter.

»Jetzt kannst du kommen und sie kraulen, Julia!«

Gefolgt von dem vergnügten Coffee, ging Julia zu Svaboda und begann, ihr flauschweiches Fell zu streicheln. Sie lachte, als Coffee seine Nase immer wieder dazwischenschob, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Unter dem langen Winterfell juckte es die Fohlen ständig und vom Kraulen konnten sie gar nicht genug bekommen. So entspannte sich auch Svaboda sehr schnell. Stephanie drückte ihr die Wurmkurspritze ins Maul, als die kleine Stute sich zu Coffee umwandte. Natürlich machte sie daraufhin einen Seitensprung, aber als Julia weiterkraulte und Stephanie lobte, streichelte und Möhren verteilte, vergaß sie den Schrecken sofort.

»He, was macht ihr denn? Große Wurmkuraktion?« Julias Freundin Kathi betrat den Stall und wies auf die leeren Packungen. »Habt ihr noch eine für Pretty übrig gelassen?«

»Klar. Prettys Portion ist in der Sattelkammer und Danny kriegt den Rest von dieser hier.« Sorgfältig verschloss Stephanie die angebrochene Packung für ihr drittes Pferd, den Reitponywallach Dark Dan. Danny verbrachte den Winter in Kathis Stall und leistete ihrer Stute Pretty Girl Gesellschaft.

»Schön, dann radle ich gleich rüber und entwurme die beiden. Pretty kriegt eine ganze Packung, nicht wahr?« Kathi studierte den Beipackzettel und errechnete die richtige Dosis für ihre Hannoveraner Stute.

»Hast du denn heute keine Reitstunde?«, fragte Julia verwundert. Gewöhnlich nahmen Kathi und Pretty um diese Zeit am Dressurunterricht im Reitstall teil. Die beiden waren ein eingespieltes Team und hatten schon viele Preise in A- und L-Dressuren gewonnen.

»Fällt heute aus. Herr Holthoff hat was vor. Ja, guckt nicht so komisch, er schwänzt tatsächlich eine Reitstunde! Anscheinend gibt es doch noch andere Dinge in seinem Leben als Pferde. Falls ich herausfinde, welche, seid ihr die Ersten, die ich’s wissen lasse.« Kathis grüne Augen blitzten. Das rothaarige Mädchen hatte eine Schwäche für Klatsch.

»Frag ihn doch einfach, da kommt er gerade!« Stephanie wies auf den Plattenweg zum Stall und zu ihrer Wohnung. Sie stand immer noch mit Svaboda vor dem Stall und konnte die Einfahrt gut einsehen. Tatsächlich kam Herr Holthoff gerade um das Haupthaus herum, in dem Stephanies Tante wohnte. Amüsiert beobachteten Kathi und Julia, wie ihre erwachsene Freundin schnell versuchte, ihr blondes Haar in Form zu zupfen. Die Mädchen im Reitstall vermuteten längst, dass ihr Reitlehrer ein bisschen in Stephanie Heiden verliebt war, aber bisher ließ Stephanie nicht erkennen, ob sie seine Gefühle erwiderte. Vielleicht kriegten sie es ja jetzt heraus. Julia und Kathi sperrten Augen und Ohren auf.

»Hallo, Herr Holthoff. Was führt Sie her? Sollten Sie nicht gerade Kathi und Co. in die hohe Kunst des Reitens einführen?« Stephanie lachte den Reitlehrer an.

»Sollte ich. Aber ich habe mir freigenommen. Ich ... wollte mal mit Ihnen reden, Frau Heiden. Haben Sie etwas Zeit für mich?« Herr Holthoff wirkte verlegen.

»Wenn wir dazu ins Haus gehen können, gern. Hier wird es langsam kalt. Kathi, Julia, gebt ihr den Ponys noch Heu? Und dann könnt ihr in die Ringstraße fahren und Danny und Pretty entwurmen.« Stephanie fuhr noch einmal streichelnd über Violettas Nase und führte den Reitlehrer ins Haus.

»Abgehängt nach allen Regeln der Kunst«, bemerkte Kathi, als sie zu ihren Fahrrädern gingen. »Was kann er bloß von ihr wollen?«

»Vielleicht macht er ihr einen förmlichen Heiratsantrag«, überlegte Julia.

»Klar. Ich sehe schon, wie er vor ihr kniet und so was murmelt wie ›Meine sehr verehrte Frau Heiden ...‹« Kathi kicherte.

»Du, vielleicht kriegen wir noch was mit, wenn wir uns sehr beeilen. Wir fahren schnell in die Ringstraße, versorgen die Pferde und dann sausen wir zurück zu Stephanie und erzählen ihr ...« Julia suchte angestrengt nach einem guten Vorwand.

»...der Salzleckstein ist alle!«, ergänzte Kathi. Das war zwar schon seit zwei Tagen der Fall, aber bisher schien Stephanie es noch nicht bemerkt zu haben.

»Und weil sie morgen sowieso Futter kaufen will, bitten wir sie gleich, einen neuen mitzubringen. Genial, Kathi! Los, bringen wir Dannys und Prettys Wurmkur hinter uns!«

Weder Danny, Stephanies alter, dunkelbrauner Wallach, noch Kathis elegante Fuchsstute Pretty machten Probleme beim Eingeben der Paste. Während Julia die Pferde mit Heu und Kraftfutter versorgte, sammelte Kathi noch schnell den Mist aus Stall und Auslauf. Schließlich verließen die beiden zwei zufrieden kauende Pferde und spurteten zurück zu Stephanies Haus.

»Eine halbe Stunde«, sagte Kathi nach einem Blick auf die Uhr. »Absolute Rekordzeit. Aber die wichtigsten Enthüllungen hat er garantiert schon gemacht.«

»Vielleicht verrät es uns Stephanie. Wenn sie nicht gerade eine Romanze haben ...«

»Die haben keine Romanze, Julia! Da muss was anderes im Busch sein. Vielleicht hat ihn der Reitverein gefeuert, weil er zu viele von Stephanies Ideen aufgenommen hat.«

Stephanie war eine glühende Verfechterin der artgerechten Pferdehaltung und interessierte sich für Reitweisen aus aller Welt. Seit sie die Halle in Herrn Holthoffs Reitstall mitbenutzte, hatte sie viele Vereinsmitglieder von ihren »neumodischen Ideen« überzeugt. Auch der Reitlehrer selbst hatte einiges davon übernommen. Neuerdings gab es in seinem Reitstall Außenboxen und einen Laufstall, im Rahmen der Turniere wurden Geschicklichkeits- und Trailprüfungen ausgeschrieben und ein paar Reiter liebäugelten mit dem Westernreitsport. Die meisten Vereinsmitglieder unterstützten diesen frischen Wind in ihrem Stall, aber im Vorstand gab es ein paar ältere Herren, denen das gar nicht gefiel.

Als Julia und Kathi ihre Räder an die Wand von Stephanies Häuschen lehnten, verabschiedete Herr Holthoff sich gerade.

»Sie meinen also wirklich, ich sollte es machen?«, hörten die beiden noch, als er aus dem Haus trat.

»Auf jeden Fall! So eine Chance kommt nie wieder. Ich beneide Sie richtig. Falls die noch eine Stelle freihaben ...«

»Werde ich Sie empfehlen. Aber erzählen Sie vorerst nichts im Stall. Ich muss das zunächst mit dem Vorstand besprechen.« Der Reitlehrer wandte sich jetzt endgültig zum Gehen.

»Ich werde mich bemühen, aber wie ich sehe, haben die Wände hier schon wieder Ohren. Was gibt’s, Julia und Kathi?«

Die Mädchen dachten angestrengt über Herrn Holthoffs Worte nach, während sie Stephanie die Geschichte vom Salzleckstein erzählten. Schließlich schlüpften sie noch einmal zu den Pferden, damit Julia sich von Coffee verabschieden konnte.

»Guck mal, hier liegt ’ne Zeitschrift am Tor«, bemerkte Kathi. »Das Fachblatt der Reitvereine. Das kriegt Stephanie doch gar nicht.«

Interessiert griff das rothaarige Mädchen nach der Illustrierten. Das Blatt war bei den Anzeigenseiten aufgeschlagen und eine der Annoncen war rot umrandet.

Hazienda, Argentinien, Ferienreitbetrieb, sucht fachkundigeln, deutschsprachigeln Mitarbeiterlin für die Monate Februar, März, April. Der Aufgabenbereich umfasst Mitarbeit auf der Ranch sowie Reitbegleitung und Reitunterricht für die Gäste

»Mensch, Julia, das ist Herrn Holthoffs Traumjob! Weißt du noch, wie er uns erzählt hat, er wollte schon immer mal an einem Viehtrieb teilnehmen?«

»Klar! Da muss ich jedes Mal dran denken, wenn ich einen Western sehe. Meinst du, er macht es?« Julia hörte auf, Coffee zu kraulen, und warf ebenfalls einen Blick in die Zeitschrift.

»Hast du doch gehört. Er will nur noch mit dem Vorstand sprechen. Wie es aussieht, müssen wir ein paar Wochen ohne Reitlehrer auskommen!«

Ein seltener Glücksfall

»Er will tatsächlich nach Argentinien? Mitten im Winter?« Gestern hatte Herr Holthoff seine Pläne offiziell verkündet, aber Petra konnte es immer noch nicht fassen. »Auf eine Ferienranch! Wer macht denn da Urlaub um diese Jahreszeit?«

»Na, alle, die im deutschen Winter genauso frieren wie wir, aber mit einem größeren Taschengeld gesegnet sind«, antwortete Kathi. Sie stand mit Pretty auf der Stallgasse und wartete darauf, dass Petra ihr Pflegepferd Finessa aus der Box führte. »Stephanie sagt, da drüben ist das Wetter jetzt sehr angenehm – 23 bis 25 Grad, warm und trocken. Hochsaison für deutsche Touristen mit Hang zum ausgefallenen Reiterurlaub. Die Hazienda hatte um diese Zeit immer einen Studenten als Helfer drüben, aber der hat sich nun kurzfristig entschlossen, doch mal ein bisschen für die Uni zu arbeiten. Deshalb suchten sie möglichst schnell Ersatz und waren glücklich über Herrn Holthoffs Bewerbung.«

»Und wir sitzen hier ohne Reitlehrer!« Wolfgang, ein sehr ehrgeiziger Turnierreiter, versuchte, seinen Wallach Feuerball an Pretty vorbeizuführen. Kathis Stute quietschte warnend. »Mein Vater war gestern auf der Vorstandssitzung. Da ging es hoch her, weil Holthoff uns versetzt. Aber viel machen können wir nicht, er hat jahrelang keinen Urlaub genommen, und er ist zu gut, um ihn zu feuern und einen Ersatz zu suchen.«

»Das wäre ja auch noch schöner! Herrn Holthoff feuern!«, erregte sich Kathi. »Im Übrigen geht das gar nicht so ohne weiteres. Wie ihr vielleicht wisst, gehören ihm die Stallanlagen. Nur die Reithalle hat der Verein gebaut. Wenn der Vorstand Herrn Holthoff kündigt, kann der dem Verein die Ställe zumachen. Es wäre doch verrückt, wegen drei Monaten Urlaubs so ein Theater zu veranstalten! Bist du jetzt bald fertig, Petra? Wolfgang kann es gar nicht erwarten, in die Halle zu kommen, und wenn er weiter so drängelt, schlägt Pretty nach seinem Feuerball.«

Grummelnd zog Wolfgang sein Pferd zurück, als Petra endlich aus der Box kam und Finessa in die Halle führte. Monika bewegte dort schon ihren großen Rappwallach Walzertraum. Sie brauchte immer etwas länger, um das junge und sehr bewegungsfreudige Pferd vor der Reitstunde zu lockern. Als Julia die Außentür öffnete und das Pony Ricardo hineinführte, machte Walzertraum einen Seitensprung.

»Er ist außer Rand und Band im Moment!«, schimpfte Monika, während sie ihn wieder unter Kontrolle brachte. »Wahrscheinlich vermisst er den Weidegang. Aber was sollen wir machen, es regnet seit drei Wochen. Wenn wir die Pferde herauslassen, haben wir bald einen Matschplatz statt einer Wiese!«

»Immerhin muss er nicht in der Box stehen«, tröstete Kathi. »Du lässt ihn doch mit Smutje in den Auslauf, oder?«

Smutje war das Pferd von Frau Brieskamp, Monikas Mutter. Gemeinsam mit Walzertraum bewohnte er einen Stall mit Auslauf in Brieskamps Garten.

»Sicher. In der Box würde er ja völlig durchdrehen. Ein so großes Pferd braucht Unmengen Bewegung. Vielleicht sollte ich ihn mit Herrn Holthoff nach Argentinien schicken. Jeden Tag ein paar Kilometer galoppieren und Rinder jagen, das dürfte ihm gefallen!«

Mit einem leichten Anlegen des äußeren Schenkels ließ Monika ihr Pferd angaloppieren. Walzertraum war zwar groß und lebhaft, aber meist sehr gehorsam. Monika bewegte ihn regelmäßig in der Halle und im Gelände und trainierte auch gemeinsam mit ihrer Mutter an Trailhindernissen. Frau Brieskamp ritt ihren Smutje mit Westernsattel und besuchte Kurse bei einer Westerntrainerin. Das Gelernte gab sie dann an Monika weiter und die übernahm vieles für die Ausbildung Walzertraums. Der junge Wallach hatte sich dabei im Laufe eines Jahres von einem unberechenbaren »Kracher« zum besonnenen, leichtrittigen Reitpferd gewandelt. Beim Weihnachtsturnier hatte Monika ein Springen mit ihm gewonnen.

Julia führte Ricardo in die Hallenmitte, machte aber keine Anstalten aufzusteigen.

»Ist Janina noch nicht da?«, fragte sie. »Ich habe Rikki für sie fertig gemacht. Sie soll in dieser Stunde mitreiten, weil sie doch Sonntag zur Jugendreiterprüfung nach Riemke will.«

Gewöhnlich ritt Julia den Reitponywallach Ricardo im Reitunterricht für Fortgeschrittene. Janina, seine junge Besitzerin, nahm an den Anfängerstunden teil. Vor Turnieren war Janina aber immer sehr nervös und nutzte jede Gelegenheit, zusätzlich zu üben. Herr Holthoff drückte dann gern ein Auge zu und baute ein paar leichtere Aufgaben für sie in den Unterricht der älteren Turnierreiter ein.

»Bis jetzt ist sie noch nicht aufgetaucht«, meinte Kathi. »Hat sie nicht mittwochs Sportnachmittag? Reite ihn doch schon mal warm.«

Julia ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie schwang sich auf Rikki und begann, ihn zu lösen. Es machte immer viel Spaß, Ricardo zu reiten. Das Pony war leichtrittig und willig und ein absoluter Glücksfall für seine etwas ängstliche Besitzerin Janina. Für Julia war er leider fast schon ein wenig zu klein. Wenn sie noch ein bisschen wuchs und schwerer wurde, würde sie ihn nicht mehr reiten können. Aber bis dahin hatte Janina sicher genug gelernt, um ihn selbst weiter zu fördern.

Inzwischen saßen alle Reiterinnen und Reiter auf ihren Pferden und Pretty und Finessa gingen auch schon sehr schön am Zügel. Wo aber steckte Herr Holthoff? Eigentlich hätte die Reitstunde vor fünf Minuten beginnen müssen. Ungeduldig spähte Julia in den Stallgang vor der Halle und sah Herrn Holthoff in Begleitung von Herrn Anker, einem Mitglied des Vereinsvorstands, und einer großen, sehr schlanken Frau aus seinem Büro treten. Wer mochte das sein? Julia verhielt Rikki möglichst nah am Halleneingang und begann, ihre Steigbügel zu verstellen. Von hier aus konnte sie das Gespräch zwischen den Erwachsenen recht gut verfolgen.

»Dann ist ja so weit alles klar. Oder wünschen Sie einen Probeunterricht?«, fragte die Frau. Sie hatte eine tiefe, befehlsgewohnte Stimme und wirkte sehr selbstsicher.

»Aber ich bitte Sie, Frau Kettner, Sie brauchen doch hier keine Prüfung abzulegen! Wir wissen schließlich genau, was für ein Glück wir haben, dass Sie bei uns aushelfen wollen.« Herr Anker überschlug sich fast vor Freundlichkeit. »Zufällig haben wir hier gerade unsere Turniergruppe. Wenn Sie dem Unterricht also noch ein bisschen zusehen möchten ...«

»Ich dachte, Frau Kettner sieht sich die Stunde an, und ich führe sie anschließend etwas herum«, meinte Herr Holthoff. Der Reitlehrer hörte sich nicht ganz so glücklich an wie der Vereinsvorstand. »Dann lernt sie die Reiter und Pferde schon etwas kennen. Oder wollen Sie noch mal vorbeikommen, bevor ich abreise?« Herr Holthoff wandte sich an die Besucherin.

»Nein, nein. Wie ich schon sagte, wir ziehen erst nächste Woche um. Und bis wir uns dann eingerichtet haben ... Aber jetzt habe ich schon noch etwas Zeit, mir Ihre Schäfchen anzusehen.«