Auf in den Dschungel!
Ein Vorlesebuch zum Film
Nach dem Drehbuch von Mark Slater, Tony Power
und Gabriele M. Walther basierend auf den Originalbüchern
»Der kleine Drache Kokosnuss« von Ingo Siegner
Geschrieben von Anna Taube
Inhalt
Aufbruch ins Ferienlager
Eine Dampferfahrt ist lustig
S.O.S. – Dampfschiff in Not!
Wo ist Matilda?
Gefundenes Fressen
Kein Ausweg
Alles im Schlot!
Echte Freunde, echte Feinde
Ausgesperrt!
Im Ferienlager
Drachen in Gefahr!
Ein Lied für Amadeus
Der Fresspflanzen-Angriff
Ende gut, Ferien gut!
Aufbruch ins Ferienlager
Es ist ein wunderschöner Sommermorgen. Am Strand des Drachendorfs herrscht geschäftiges Treiben. Ein funkelnagelneuer Schaufelraddampfer mit dem Namen »Freundschaft« wird mit Kisten beladen.
»Links, links, links!«, dirigiert Mini Mo – und Big Bo schwenkt mit seinem langen Hals nach links und setzt die Ladung vorsichtig an Deck des Dampfers ab. Feuerdrachen und Fressdrachen schauen dem Spektakel gebannt zu. So etwas bekommen sie nicht alle Tage zu sehen. Kein Wunder, dass die Drachenbucht mit Fähnchen geschmückt ist und das Drachenorchester fleißig probt: Heute noch soll der Dampfer auslaufen – und an Bord werden Feuerdrachen und Fressdrachen mit einem besonderen Ziel sein! Plötzlich schrillt ein Schrei über die Bucht – und alle halten inne. Was ist passiert?
»Du hast mich gezwickt!«, jammert Kokosnuss.
Mette schaut ihren kleinen Drachenliebling entsetzt an. Sie wollte doch nur testen, wie fest man den Rucksack zurren kann.
»Entschuldige, Kokosnuss, ich wollte sichergehen, dass alles gut sitzt und nichts verloren geht.«
»Mama, ich fahre doch nur ins Ferienlager – nicht zu einer Nordpolexpedition. Und Papa ist doch auch dabei!«
»Allerdings!«, sagt Magnus. Er prüft seine Taschenlampe: an, aus, an, aus … »Funktioniert!«, und steckt sie in seinen Rucksack. »Das erste gemeinsame Ferienlager von Feuerdrachen UND Fressdrachen seit Drachengedenken. Unser großes Ziel ist, dass Fress- und Feuerdrachen sich in Zukunft besser verstehen!«
»Hihi«, kichert Opa Jörgen. »Ja, ihr werdet bestimmt Feuer und Flamme füreinander sein und euch zum Fressen gern haben, hihi. Öhm, Kokosnuss?«
»Ja, Opa?«
»Es ist alte Drachen-Ferienlager-Tradition, eine Flagge zu hissen. Jedenfalls haben wir das gemacht, als ich in deinem Alter war.«
Opa Jörgen hält Kokosnuss eine Flagge mit einem leuchtenden Feuersymbol entgegen. Staunend betrachtet Kokosnuss die Fahne.
»Heißt das, du warst auch schon mal im Ferienlager auf den Dschungelinseln?«
»Oh ja«, sagt Opa Jörgen. »Aber das ist lange her.«
»Bin gespannt, was von dem Lagerplatz noch übrig ist nach all den Jahren«, murmelt Magnus. »Außer Gerümpel, Flöhen und wilden Tieren …«
»Pah, ihr werdet Abenteuer erleben, so wie ich früher!«, ruft Opa Jörgen. »Im Freien schlafen, Sterne zählen … ach, und Wasserdrachen, die gab’s auch.«
»Wasserdrachen?«, ruft Kokosnuss und spürt ein aufgeregtes Kribbeln in der Magengegend.
»Oh ja, die können unter Wasser atmen. Und eine eigene Sprache haben sie auch. Schau …«, sagt Opa Jörgen und öffnet ein altes Fotoalbum. Er deutet auf ein vergilbtes Foto, das ihn als kleinen Jungen zeigt – und daneben, etwas unscharf, ist ein anderer Drache zu sehen. »Wir bekamen sie selten zu Gesicht, denn sie leben versteckt im Dschungel.
Aber diesen hier habe ich eines Tages verletzt gefunden. Ich brachte ihn ins Lager, wo er wieder zusammengeflickt wurde. Er blieb eine ganze Weile bei uns und dann, eines Tages, war er weg.«
Opa Jörgen klappt das Album zu und verursacht eine imposante Staubwolke.
»Weißt du, was er immer sagte? Katta brakka aloo chaka.«
»Katta brakka aloo chaka?«
»Genau«, sagt Opa Jörgen. »Aber frag mich jetzt nicht, was das heißt. Ich weiß es nicht … So, nun pack deine Siebensachen.«
Aber das ist nicht nötig. Mette hat schon für alles gesorgt. Kokosnuss bindet nur noch seine Taucherflossen an den Rucksack, dann ist er fertig.
»Zu schade, dass Matilda nicht mitkommen darf«, seufzt er.
»Nun, es ist ein Ferienlager für Drachen … und Matilda ist ein Stachelschwein«, sagt Magnus.
»Papperlapapp«, sagt Mette aufgebracht. »Matilda gehört doch so gut wie zur Familie.«
»Tja, jedenfalls …«, sagt Kokosnuss. »Ich lauf noch mal schnell zu ihr rüber, um Tschüs zu sagen. Bis gleich am Schiff!«
»Arme Matilda«, sagt Mette, während Kokosnuss zur Tür hinausläuft. »Sie wird Kokosnuss und Oskar so vermissen.«
»Oder auch nicht«, flüstert Kokosnuss freudig – denn natürlich haben Oskar und er längst einen Plan ausgeheckt.
Auch im Dorf der Fressdrachen laufen die Vorbereitungen für das Ferienlager auf Hochtouren. Chef hat alle seine Küchenutensilien in ungefähr 37 Kisten verpackt – und die versucht er nun auf einen Holzkarren zu stapeln. Papa Herbert und Oskar schauen ihm kopfschüttelnd zu.
»Also, Sohn, du musst nur ein Wort sagen, dann darfst du zu Hause bleiben. Als Junge habe ich Ferienlager gehasst«, sagt Herbert.
»Aber ich fahre sehr gern mit«, versichert ihm Oskar.
»Echt?«, fragt Herbert ungläubig.
»Oooooskar!«, ruft da Adele, Oskars Mama. Sie kommt mit einer großen Holzkiste in den Armen angelaufen. »Oskar, mein Schatz, ich habe vegetarische Sandwiches und Snacks für dich vorbereitet, drei Mahlzeiten pro Tag.«
»Cool!«, freut sich Oskar. »Danke, Mama!«
»Ja, aber iss nicht alles auf einmal, hörst du?«, mahnt sie.
»Okay, okay …«, murmelt Oskar.
»Na, dann wollen wir mal sehen, ob dafür noch Platz auf Chefs Wagen ist«, sagt Herbert.
Oskar hat es plötzlich eilig. »Ich muss Matilda Auf Wiedersehen sagen, die kann ja nicht mitfahren. Bis später!«, ruft er und läuft davon.
Außer Atem kommt er in der Drachenbucht an – und bleibt verwundert stehen: Unglaublich! Überall wuseln Drachen umher, Fressdrachen und Feuerdrachen. Dazwischen läuft Balduin, der Höhlendrache, mit einem Klemmbrett herum. Offenbar überprüft er, ob alles an Bord ist, was ins Ferienlager mitgenommen werden muss. Mini Mo und Big Bo verfrachten eine Holzkiste nach der anderen an Bord des Schaufelraddampfers. Wer hätte gedacht, dass so viele Drachen kommen würden, um die Reisenden zu verabschieden? Aber wo sind Kokosnuss und Matilda? Ach ja, da hinten, ein bisschen abseits stehen sie.
»In einer Holzkiste?«, ruft Matilda.
»Bitte sag, dass du mitkommst«, bettelt Kokosnuss. »Ferien ohne dich machen einfach keinen Spaß!«
»Das stimmt!«, ruft Oskar. »Ach bitte, Matilda, komm mit!«
»Aber doch nicht in einer Holzkiste …«, stammelt Matilda.
»Irgendwie müssen wir dich an Bord schmuggeln«, sagt Kokosnuss. »Du weißt, dass du nicht mitfahren darfst, weil du …«
»… kein Drache bist. Ja, ja, hab schon verstanden«, sagt Matilda. Dann grinst sie. »Ehrlich gesagt wüsste ich nicht, was ich die ganze Zeit ohne euch machen sollte. Also hopp!« Sie springt in die Holzkiste. »Und du hast das bis zum Ende durchdacht, Kokosnuss?«
»Klaro. Wenn wir da sind, holen wir dich raus.«
»Und wenn sie mich vorher finden?«
»Werden sie nicht. Und wenn, werden sie wegen eines einzelnen Stachelschweins bestimmt nicht umdrehen. Schließlich dient das Ferienlager ja einem großen Ziel, was, Oskar?« Kokosnuss zwinkert Oskar zu.
»Was? Äh, genau. Für Freundschaft und Frieden!«
»Ja, Fress- und Feuerdrachen sollen sich in Zukunft besser vertragen, du verstehst …«
Matilda seufzt. »Also, dann wollen wir mal.«
Sie duckt sich und Kokosnuss schiebt den Holzdeckel auf die Kiste.
»Du musst nur einfach ganz still sein«, flüstert Kokosnuss durch eine Ritze, während er und Oskar die Kiste zur Bucht schleppen. »Hörst du, Matilda … Matilda?«
»Du hast gesagt, ich soll still sein«, raunt Matilda. »Also bin ich still, klar?«
»Hi hi, genau«, grinst Kokosnuss. »Du machst das schon … Balduin!«, ruft er dann. »Hier haben wir noch eine Kiste!«
Balduin kommt geschäftig angelaufen. »Noch eine? Prima, die kann Big Bo gleich an Bord hieven.«
In diesem Augenblick kommt Chef mit seinem Holzkarren voller Holzkisten an. Balduin reißt die Augen auf – und läuft hinüber zu Chef.
»So viele Kisten!«, raunt Oskar. »Woher wissen wir, in welcher Matilda ist?«
»Ich habe sie mit einem kleinen Kreuz markiert, siehst du?«, sagt Kokosnuss. Das kleine Kreuz ist kaum zu sehen. Das hat Kokosnuss wirklich schlau gemacht!
»Was soll das denn bedeuten?«, ruft Lehrerin Proselinde streng. Aufgeregt flattert sie auf Chefs Wagen zu, landet und baut sich vor dem Fressdrachen auf. Chef überragt die Lehrerin um zwei Köpfe, aber das ist der strengen Feuerdrachin einerlei. »Sie kennen die Regeln. Eine Kiste pro Drache! Und Sie haben mindestens vierzig!«
»Madame«, schnarrt Chef. »Ich bin Künstler. Wollen Sie mich etwa in meinen Kochkünsten beschränken? Ich brauche meine Küchenaccessoires, um wahre Gaumenfreuden zu kreieren. Nicht, dass ich denke, Sie als Feuerdrachin würden dafür Verständnis aufbringen!«
»Regeln sind Regeln, und die sind einzuhalten. Auch von einem Ignoranten wie Ihnen!«, faucht Proselinde unbeeindruckt.
»Moment, Moment!«, ruft Magnus. Japsend vom schnellen Laufen stellt er sich zwischen die beiden Streitdrachen. »Ich bin sicher, das bekommen wir hin. Schließlich geht es hier um Frieden und Freundschaft!«
Doch so leicht sind Chef und Proselinde nicht zu besänftigen. Erst als das Schiffshorn tutet, lassen sie voneinander ab und gehen mit einem bedröppelten Magnus an Bord. Vor dem Schiff drängen sich die Drachen gespannt zusammen. Oskar und Kokosnuss zwinkern einander zu – gleich geht die Reise los!
»Oskar? Oooskar!«, ruft Adele und macht, als Oskar sich suchend umschaut, ein Foto von ihm.
Auch Ananas, Mango und Pampelmuse sind da. Mit fiesem Blick schaut Ananas zu einem Fressdrachenmädchen mit halblangen Haaren hinüber.
»Was für ein Haarschnitt!«, raunt sie ihren Schwestern zu. »Null Geschmack! Würde uns nie passieren!«
Ihre Schwestern nicken – bis plötzlich ein großer Fressdrachenjunge, der dicht hinter dem Mädchen steht, sich knurrend nähert.
Mette und Opa Jörgen schauen erwartungsvoll zu Magnus hoch, der nun mit Chef und Proselinde auf der Kommandobrücke steht. Er kramt ein Blatt Papier hervor und räuspert sich.
»Liebe Drachinnen und Drachen, es …«
»Lauter!«, ruft ein Drache von weiter hinten. »Wir hören hier nix!«
Magnus räuspert sich noch einmal und schreit: »LIEBE DRACHINNEN UND DRACHEN, ES IST …«
Erschrocken fängt ein Babydrache in der ersten Reihe an zu plärren.