Aus dem Arbeitsleben: eine Trilogie
War Storys
Massenentlassung – c'est la vie
Arbeitslos
Alpträume
Viele Menschen arbeiteten gar nicht
Von der großen in die kleine Welt
Jeder Tag ein guter Tag
Künstlich erfundene Beschäftigungen und Verblödung?
Ohne Langeweile
Geregelte Tagesabläufe
Sparsamkeit
Dem Glück ein wenig nachhelfen
Perspektiven?
Als Tagedieb wahrgenommen
Von Zwängen befreit
Betreut werden
Verwaltung
Regionales: Menschen auf der Düsseldorfer Königsallee
Königsallee – eine angestellte Sekretärin beobachtet in ihrer Mittagspause „die Reichen“
U-Bahn: Ausgang Steinstraße/Königsallee
Degenerieren: die unterschiedlichsten Formen
Ein Mensch langweilt sich: Degenerieren durch exzessive Langeweile
Säufer (manchmal freundlich): Degenerieren durch exzessiven Alkoholkonsum
Putzteufel: Degenerieren durch exzessiven Putzzwang
Schrecklich sprechen: Degenerieren durch Büro-Sprachphrasen
Man kann eigentlich nicht klagen: Degenerieren durch Umgangs-Sprachphrasen
Rückzug: Degenerieren durch exzessive Isolation von der Außenwelt
Drei gefährliche Autoritäten: Degenerieren durch Alltag, Hass und Existenzangst
Gedanken über das Sterben
Krebs
Wohnen: eine Trilogie
Ein Haus wird verkauft
Der Nachbar
Noch mehr vom Nachbarn
Harmlose Geschichten: bloß zwei
Tintenfisch
Es war einmal eine rote Plastiksporttasche
Kurz-Zusammenfassung des Buchs und Autorin
Das Erfreuliche an diesen Geschichten ist, dass sie immer gut ausgehen. Anders als richtige Geschichten vom Kriege haben diese unternehmensintern wie auch nach außen hin tatsächlich als „War Storys“ bezeichneten Berichte stets ein glückliches Ende. Es sind Erzählungen von großen Erfolgen des Beraters. Ganz anders als im richtigen Krieg, in welchem es sowohl einen Gewinner als auch einen Verlierer geben muss, folglich nicht jeder Partei ein stolzer Sieg, ein für sie froher Ausgang beschieden ist. Es sind Geschichten von Menschen, die im Leben ein wenig mehr als nur ein hohes Alter erreichen wollen, wie sie – „mit Verlaub“ – von sich selbst behaupten.
Neueinstellungen werden traditionell per Rundbrief in der Firma zum gemeinsamen Mittagessen eingeladen: „Die Neuen unter Euch finden es sicher spannend, die eine oder andere War Story erfahrener Kollegen zu hören. Für die alten und noch jüngeren Hasen unter uns ist es absolut essenziell, die jüngsten Neuzuwächse kennen zu lernen. Wir hoffen deshalb auf Euer zahlreiches Erscheinen.“ Na, also! Alle Eckpunkte drin, an diesem Text muss nichts mehr glattgezogen werden.
Das wird „mit einem Teaser anfixen“ genannt. Gemeint ist: das Interesse von jemandem für etwas wecken. Die Firma kann sich dessen gewiss sein, dass die Neueinstellungen das Angebot dankbar annehmen werden, denn Grundvoraussetzung dafür, überhaupt irgendetwas zu erreichen, etwas „auf den Weg zu bringen“ ist hier der unbedingte Wille, überall mitzumachen, konsequent dabei zu sein. Zudem muss aufmerksam festgestellt werden, dass „spannend“ ein verhältnismäßig neues Zauberwort ist, das vor einiger Zeit das veraltete „interessant“ abgelöst hat. Selbst in den Stellenanzeigen, mit welchen nach neuen Talenten gefahndet wird, ist nicht mehr die Rede von „interessanten“ Aufgaben, welche auf die zahlreichen High Potentials warten. Es sind nunmehr seit Kurzem stets „spannende“ Herausforderungen, die diese locken sollen.
In einem totalitären Staat gibt es Losungen, wie zum Beispiel diese bald jedem bekannte: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs' noch Esel auf.“
Für die moderne Unternehmenskultur wurde der Claim erfunden, der eine kapitalistische Variante der Losung ist, eine Art fortschrittlicher Kampfspruch. Dabei wechseln sich gleichberechtigt aufgeregt ab: der Claim, der Slogan und das Mission Statement. Gemeinsam ist ihnen, dass sie, leicht abgewandelt, von Zeit zu Zeit wiederkehren und in der Regel wenig originell sind. Hohle Phrasen mit den dazugehörigen Posen.
Denn auch im Kapitalismus wollen wir die Norm freiwillig übererfüllen.
Oder heute: Wir wollen noch mehr für die Qualität tun. Deshalb haben wir einen Top-Quality-Fighter ernannt, der tut kund: „Auch unter allergrößtem Zeitdruck werden wir termingerecht das bestmögliche Ergebnis liefern. Denn wir fühlen uns verantwortlich für den Ruf der Firma und tragen gern zum Erfolg unserer Kunden bei. Wir gehen unserer Aufgabe mit Vergnügen und Leidenschaft nach, übernehmen Verantwortung und freuen uns über Anerkennung. Wir nutzen und erweitern unser Know-how, um innovative Lösungen zu finden und täglich noch besser zu werden.“
„Wir“, das sind die Mitarbeiter aus dem Black-Belt-Team. Der Begriff ist dem Kampfsport entlehnt, wo die, welche die schwarzen Gürtel erkämpft haben, die Besten sind. So sind bei uns im Team nur die Top Talents, die Besten der Besten. Jeder will dazugehören!
Im Sozialismus hieß es: „Plangarantie mit Qualität“.
„Stahlwerker! Mehr Stahl ist mehr Brot! Entwickelt die Qualitätsproduktion!“
„Meine Tat für unseren Staat!“
„Meine Hand für mein Produkt!“
Selbst der Bestarbeiter, Held der Arbeit, den es in der DDR gab, findet sein modernes kapitalistisches Gegenstück. Für den Mitarbeiter der Unternehmensberatung wurden einige fantastische Spaßtitelchen gefunden, mit denen er – dem ersten Anschein nach mit ironischer Distanz, aber das scheint nur so – unter seinesgleichen hervorgehoben wird. Im Rahmen öffentlicher Belobigungen im großen Kreis, ein später noch zu erwähnendes Teambuilding Event kann den Rahmen dafür bieten, werden die Mitarbeiter ausgezeichnet. Beabsichtigt ist dabei eine motivations-fördernde Belobigung der als am tüchtigsten wahrgenommenen Angestellten. Der erfundene Ruhmes-Titel kann zum Beispiel „Customer Champion“ sein. Als materielle Anerkennung, wenngleich die ideelle viel bedeutender ist, gibt es ein Geschenk. Vielleicht einen ordentlichen Füllfederhalter – und dazu ein Pappkrönchen oder einen von einer Sekretärin selbst gebastelten Orden.
Letzteres steht für die vermeintlich ironische, überlegene Distanz, mit der die Krönung betrachtet wird. Aber jeder weiß, dass das alles bitterer Ernst ist, und dass derjenige, der auf diese lächerliche Weise ausgezeichnet wird, sich ernsthafte Hoffnung auf Karriere innerhalb des Unternehmens erlauben darf und nicht auf einem perspektivlosen Posten festfriert.
Jedes Jahr gibt es eine von der Firma stolz als „Betriebsausflug der besonderen Art“ bezeichnete Veranstaltung, die den offiziellen Namen „Jubilation Day“ trägt. Mit für sie unbekanntem Ziel werden die Mitarbeiter in einen Bus verfrachtet und zum organisierten Spaß befördert. Die Teilnahme daran ist Pflicht. Spaß an der Veranstaltung zu haben, Riesenspaß sogar, und das so deutlich wie möglich zu zeigen, ist heilige Pflicht. Wie der Name des besonderen Betriebsausflugs schon besagt: Es muss gejubelt werden. Beim verordneten Zwangsspaß kann es sich um Fußballspielen mit Melonen handeln oder es können mittelalterliche Wettkämpfe ausgetragen werden, bei denen mit Kohlköpfen Rugby gespielt wird. Auch Rennen mit Panzern und Amphibienfahrzeugen auf einem Truppenübungsplatz zu fahren ist nicht ausgeschlossen. Man kann eine Kart-Bahn besuchen oder an einer Schnitzeljagd bei Gluthitze in unwegsamem Gelände und ohne Verpflegung teilnehmen, wodurch sich der Ehrgeiz der Mitmacher, das Ziel schnellstmöglich zu erreichen, unvorstellbar steigern lässt. Verhörtechniken und Bombenentschärfen in einem fiktiven totalitären Staat zu erlernen ist nicht zuletzt eine Frage der Ehre. Insbesondere dann, wenn die Firma sich die Mühe gemacht hat, ein von ausländischem Militär verlassenes Kasernengelände für den Tag zu mieten und stilechte, als Soldaten und Folterer verkleidete Schauspieler zum Antreiben und Mitspielen zu engagieren, damit das Spektakel möglichst wirklichkeitsnah gelingt. Die Hauptsache ist, dass das Ganze einen Wettkampfcharakter hat, der stets deutlich im Vordergrund steht – und dass keiner vergisst, welch ein Riesenspaß all das ist. Aber das soll in der Natur der Mitarbeiter der Firma liegen, beim Benchmarking-Vergleich Spaß zu haben. Wer hätte nicht den Ehrgeiz, beim „Bombenball“ in der Kaserne zu gewinnen? „Bombenball“ als neu erfundenes Spiel, vergleichbar mit Volleyball, nur dass glitschige Wasserbomben den gewohnten Ball ersetzen. Denn innovativ sind alle jederzeit, das ist keine Frage.
Welch ein Vergnügen, wenn einmal das tägliche eintönige Storyboarding gegen Waterboarding ausgetauscht wird! Der kleine Berichtetexter freut sich und ist geradezu beglückt von seiner bisher nicht wahrgenommenen Vielseitigkeit. Zu was allem man so im Stande ist! Beim Waterboarding so gut wie ein High Potential – das heißt, sich selbst noch überraschen können!
Aus Sparzwang gibt es seit einigen Jahren nur noch einen halben Jubeltag. Dennoch weiterhin den vollen Spaß!
An diesem Tag ist der Claim, das Motto: Work hard, play hard. Nichts für Weicheier, danach wird tüchtig gefeiert. „Abtanzen bis zum Umfallen“ bis in die frühen Morgenstunden, so wird der Erfolg gemessen, so wird im Nachhinein stolz darüber berichtet werden, das steht schon im Voraus fest. Vor allem: Alle hatten – wie immer – einen Mordsspaß dabei, wie die Fotos, welche nach solcherlei Veranstaltungen im Intranet veröffentlicht werden, dokumentieren und beweisen. Nichts für alte Leute, aber die haben in der Firma mit dem Image der Jugendlichen und Erfolgreichen ohnehin nichts zu suchen. Am Jubeltag merken sie das spätestens dann, wenn sie schlappmachen. Unaussprechlich und überhaupt unvorstellbar, dass bei einem solchen Event nicht alle eine tolle Gaudi gehabt hätten. Ganz Alte, fast Fünfzigjährige zeigen sich am Abend noch an der Bar, vermeintlich ausgelassen beweisend, wie jung sie geblieben sind. Einer singt besonders tapfer beim Karaoke-Wettbewerb mit: „I will survive.“
Es gibt einige wenige langjährige, in dieser Firma älter gewordene Mitarbeiter, die es durch Anpassungsbereitschaft und eine Toleranz von verächtlichem Verhalten gegen sie, das gelegentlich an Körperverletzung grenzt, geschafft haben zu bleiben. Die erzählen am liebsten und am ausführlichsten davon, welchen Spaß sie beim Erlernen von Foltermethoden am Jubeltag hatten, weil sie ihre Popularität damit zu erhöhen versuchen. Dynamisch wirken sie dennoch längst nicht mehr. Ihre abgestumpfter Glanz ist unübersehbar, das Übergewicht durch Frustfressen lässt sich keinesfalls kaschieren. Es muss dringend mit vorgetäuschtem Enthusiasmus kompensiert werden. Der geht so weit, dass sie regelmäßig das Licht in ihren Büros brennen lassen, nachdem sie dieses längst verlassen haben – um so auf einfältigste Schülerart vorzutäuschen, sie seien noch da. Die sind froh, wenn sie eifrig von den originellen Foltermethoden beim Jubeltag erzählen dürfen, weil sie von sich sonst sowieso längst nichts Neues mehr zu berichten haben. Da können sie allenfalls noch von ihren Kindern etwas zum Besten geben, die neue Generation, auf welche sich die gesamte verlorene eigene Hoffnung fest verlagert und konzentriert hat. Haben sie keine eigenen Kinder, müssen sie öde Anek-dötchen von Neffen und Nichten anbieten. Bei solchen Mitarbeitern handelt es sich jedoch nur um die wenigen übrig gebliebenen jammervollen Erscheinungen, die nach Einschätzung des Managements schon viel zu lange im Unternehmen sind.
Diese Mitarbeiter können sich allerdings noch über die kleinen Dinge freuen, zum Beispiel darüber, wenn es in der Kantine mittags Thunfisch, eine Bratwurstschnecke oder ein Bulettenbrötchen zu essen gibt. Zum Nachtisch einen feinen fetten und süßen Pudding! So wird das Leben für ein paar Minuten zum Fest.
Groß und völlig unverhältnismäßig werden Zorn und bitterste Enttäuschung, wenn es geschieht, dass an einem Tag nun gar keiner der begehrten Stirtmungsaufheller vorzufinden ist. In diesem Fall erreicht die Laune den absoluten Nullpunkt, manche haben fast den Wunsch, auf der Stelle sterben zu wollen, weil ihnen plötzlich das Leben gar zu trostlos und schrecklich erscheint. Rein gar nichts mehr wert, wenn man nur arbeiten und sich alles gefallen lassen muss – und dann nicht einmal als Entschädigung das Bulettenbrötchen zu essen zu bekommt, auf das man sich bereits den ganzen Tag gefreut, das man den ganzen Tag ersehnt hat. So schnell kann die Stimmung wieder kippen! Mit verhaltenem und angestrengt unterdrücktem Hass kann ein derart enttäuschter Mitarbeiter nur noch darauf hoffen, dass der nächste Jubeltag unter einem besonders grausamen Motto stattfinden möge! Wenn die Firma nicht einmal mehr das Wichtigste im Leben, die Primärbedürfnisse, zu befrieden und befriedigen im Stande ist: dass es ganz genau das, worauf der Mitarbeiter Appetit hat, zu essen und zu trinken gibt. Vollkommen darauf fixiert, wird alles andere dahinter bedeutungslos.
Es ist selbstverständlich, dass die Firma trotz Jubeltagsfoltern und -verhören eigentlich gegen Folter ist. Mindestens genauso sehr, wie sie es als Firma für wichtig hält, davon zu reden, wie sinnvoll es wäre, wenn in der Welt der CO2-Ausstoß verringert würde, wenngleich sie für das eigene Unternehmen kaum die Möglichkeit sieht, die Anzahl der dienstlichen Flüge auch nur unwesentlich zu reduzieren. Aber dafür setzt die Firma Zeichen, indem sie publikumswirksam ihr gesamtes Toilettenpapier in der Versehrtenwerkstatt einkauft.
Bei dienstlichen Wochenendveranstaltungen sorgt nicht nur der Alkohol, der am Abend kostenlos und in Strömen fließt, für das „Team Building“. Nachdem sie den ganzen Tag im internen Schulungszentrum der Firma auf Linie gebracht worden sind und nichts als Propaganda eingesaugt haben, befinden sich die Mitarbeiter schon nahe an einer kollektiven Psychose. Alkohol und Discotanz am Abend sorgen dafür, dass sie sich plötzlich umarmen und zwei Tage lang lieben – genau jene, welche sich sonst im Arbeitsalltag gern gegenseitig töteten. Bei einem nur zweitägigen Aufenthalt in der Gehirnwäschezentrale der Firma, isoliert vom Rest der Welt, von dem die Anlage durch einen videoüberwachten Zaun abgegrenzt ist, erliegen die Angestellten einander wie im Rausch. Sie mögen einander, sie mochten sich immer schon. Arbeiten in dieser ganz besonderen Firma nicht die charmantesten, einzigartigsten Kolleginnen und Kollegen der Welt?
Eine ebenfalls feste Einrichtung und Pflichtveranstaltung ist der Appreciation Day: Das ist der Tag, an welchem die Werte der Firma einmal jährlich international gefeiert werden, jedes Jahr unter einem anderen Motto. So zum Beispiel unter diesem: Every one of us a winner. Kann denn eine Firma nur aus Gewinnern bestehen? Stundenlang wird in so genannten Challenge-Groups ein eigens für diese Veranstaltung komponiertes Lied von den Mitarbeitern einstudiert und schließlich für alle auf eine CD gepresst, der „Theme Song“ – sozusagen.
Das Wichtigste, um in den Challenge-Groups gut abzuschneiden, ist die völlige Distanzlosigkeit gegenüber allem, was man dort ist und tut.
Bewertungen, Beurteilungen, Umfragen – ganz selbstverständlich wird Mitarbeiterzufriedenheit großgeschrieben. So heißt es. Zum einen müssen die Mitarbeiter pausenlos sich und ihre Leistungen beurteilen lassen, damit sie nicht müde werden, ihr Bestes zu geben. Zum anderen aber dürfen, müssen sogar, auch sie in regelmäßigen Abständen Fragebogen und Beurteilungsformulare elektronisch ausfüllen. Wie es heißt, anonym. Selbstverständlich kann die IT-Abteilung bei den vermeintlich anonymen Umfragen leicht den Absender ermitteln. Das ist so gewollt, damit Kollegen, die wenig motiviert und der Firma gegenüber offensichtlich negativ eingestellt sind, gegebenenfalls entfernt werden können. Dass die Umfragen keineswegs anonym sind, finden die ohnehin misstrauischen Mitarbeiter spätestens dann heraus, wenn diejenigen, welche den Feedbackbogen nicht ausgefüllt haben, darum gebeten werden, das bitte endlich zu tun. Ganz unabhängig davon, wie sie die Fragen zur Qualität der Führungskräfte und der „Work-Life Balance“ beantworten: Es stellt sich wieder und wieder heraus, dass mindestens 98 Prozent der Beschäftigten hochzufrieden sind. Die Glaubwürdigkeit erreicht die Firma der eigenen Einschätzung entsprechend damit, dass sie die zwei Prozent Verschnitt eingesteht. Einige Abtrünnige und Uneinsichtige sind leider nie auszuschließen. Wobei: Sobald deren Namen bekannt sind, wird die Firma alles daran setzen, sie so schnell wie möglich im wörtlichen Sinne auszuschließen! Ihre Anzahl ist jedoch offenkundig minimal und damit absolut vernachlässigbar. Das erinnert an Wahlergebnisse in totalitären Staaten.
Jede Umfrage wird allein deshalb initiiert, weil die Führungselite mit deren Ergebnis die völlige Identifikation und Zufriedenheit der Angestellten mit der Firma belegen will. Das zumeist gefälschte Ergebnis ist immer ein Bekenntnis zur Firma und deren Werten.
Tatsächlich gibt es jedoch intern einige Spione: Das sind Mitarbeiter, die von der Führung dazu engagiert wurden, sich unter den Kollegen ein wenig umzuhören, dies allerdings ganz inoffiziell. Die notieren aufmerksam für das Management die beiläufigen abwertenden Äußerungen einiger über die als wenig konstruktiv wahrgenommene Kultur der Führung. Da wird aufgeschrieben: „Hier ist Hauen und Stechen angesagt“ oder „Alles, was von oben kommt, wird gemacht. Es wird nicht hinterfragt, egal wie absurd die Aufgabe und die Deadline sind“ oder „Die Manager loben das als Vorbild, wenn einer bis drei Uhr nachts arbeitet und um sieben wieder anfängt.“ Wer die so genannte Work-Life Balance als unerträglich empfindet, wird bald entfernt. Wer nicht jeden Tag von Neuem kämpfen und sich behaupten will, hat in dieser Kultur nichts verloren. Wer nicht bereit ist, bis zum Umfallen zu arbeiten, sowieso nicht. Wer am Wochenende in Ruhe gelassen werden möchte, hat seinen Auftrag wohl von Anfang an falsch verstanden.
Am erfreulichsten ist es, wenn höhere Dienstjubiläen gefeiert werden – erfreulich für die Kolleginnen und Kollegen, die etwas zu lachen bekommen, weil gerade ein Jubilar, der nicht sie selbst sind, vorgeführt wird.
Das Feiern von Jubiläen langjähriger Mitarbeiter hat sich die Firma seit einiger Zeit angewöhnt, um sich selbst und anderen zu beweisen, dass sie nicht nur junge Leute beschäftigt, wie ihr von der Presse oft und vollkommen berechtigt nachgesagt wird. Es gibt sie noch, die alten Leute, die seit zehn oder vereinzelt sogar seit zwanzig Jahren der Firma angehören. Seit Kurzem feiert das Unternehmen sie anlässlich ihrer langen Betriebszugehörigkeit – und damit auch sich selbst wegen seiner großen Toleranz. Gern ist man Vorreiter. Die Familien und ihre Förderungswürdigkeit hatte das Unternehmen sogleich entdeckt, als die Bundesregierung wiederholt öffentlich von deren hoher Bedeutung sprach. Jetzt will man die „Best Ager“ nicht ignorieren, solange man mit deren Ehrung noch „First Mover“ sein kann, bevor alle anderen progressiven Firmen nachziehen. Im kleinen Kreis bei einem Glas Sekt sowie einer Rede, die der Department Leader – mit anderen Worten: Abteilungsleiter – vorzubereiten und zu halten verpflichtet ist. Zum Überreichen eines Geschenks erscheint kurz sogar der so genannte Office Manager.
Für den geehrten Jubilar ist es eine Peinlichkeit, von der er sich wünscht, sie möge schnell vergehen. Die Kollegen, mit denen er das ganze Jahr über im Wettkampf und -streit um den besten Platz im Ranking steht, müssen gratulieren. Alle. Ob sie nun wollen oder nicht. Diejenigen, die ihn nicht mögen ebenso sehr wie jene, die ihm im günstigsten Fall gleichgültig gegenüberstehen. Ausnahmslos. Weil es sich so gehört und alle Teil der Peergroup bleiben wollen und es gewohnt sind, sich jederzeit jedem Peerpressure zu beugen. Der Jubilar kann immerhin insgesamt unbesorgt sein: Mit großem Enthusiasmus werden ihn alle beglückwünschen. Dem einen oder anderen wird es sogar gelingen, besonders große Herzlichkeit und Wärme vorzutäuschen. Diejenigen, welche ihn am meisten hassen, werden den Jubilar vielleicht gar noch mit einem Kuss oder einer Umarmung ehren. In der Hinsicht sind gratulierende Frauen in der Regel sogar ehrgeiziger als gratulierende Männer. Die Kollegen laden herzlich ein zum Spießrutenlauf, jede Umarmung ein Schlag mit der Rute.
Nichts ist größer als die Schadenfreude, wenn anderen endlich einmal eine Feier ihres Dienstjubiläums bereitet wird.
Die Rede des zuständigen Leaders wird so viel Persönliches über den Jubilar enthalten, wie er hat ermitteln können. Am besten für den Vortragenden sind demzufolge solche, welche dauernd über ihr Privatleben reden, weil sie am ergiebigsten sind. Über jene, die das nicht tun, wird etwas erfunden, das vermeintlich wohlmeinend, aber mit Sicherheit bloßstellend ist.
Das Multitasking verändert den Menschen. In Ruhe über einen längeren Zeitraum an etwas zu arbeiten, ist völlig ausgeschlossen. Die Arbeit muss unterbrochen werden für E-Mails, welche augenblicklich nach Bearbeitung verlangen. Im firmeneigenen Chatroom, in welchem jeder Mitarbeiter – denn das ist ein probates Mittel zur Anwesenheitskontrolle – den ganzen Tag aktiv zu sein verpflichtet ist, wird in Sekundenschnelle eine Frage gestellt, die eine Antwort verlangt. Sofort! Sofort! Der Fragende weiß, dass der Kollege die Frage erhalten hat! Wo bleibt die Antwort? Da klingelt schon wieder das Telefon, der Mitarbeiter hat die Voicemail nicht eingeschaltet, ist folglich anwesend, hockt doch an seinem Platz, warum hebt er nicht sofort den Hörer ab? Oh, nein, plötzlich öffnet sich die Tür, ein leibhaftiger Mensch erscheint und will ein Dokument abholen, das sofort gesucht werden muss. Wo ist es nur? Die Frage im Chat ist immer noch unbeantwortet. Keiner möchte als Faulpelz gelten! Multitasking ist das Zauberwort, den ganzen Tag ist jeder Mitarbeiter angespannt, manche können das doch und haben sogar richtig Spaß dabei, sagen sie. Warum werden andere mit ihrer Arbeit nicht fertig, bloß weil diese dauernd unterbrochen wird? Warum müssen manche deshalb ständig nacharbeiten?
Am meisten zeichnet sich derjenige aus, der alles gleichzeitig kann – und dabei nicht oder zumindest nicht für andere erkennbar die Nerven verliert.
Das Leben ist nicht leicht. Einige Mitarbeiter werden täglich nervöser dabei und übertragen das Multitasking inzwischen auf ihr Privatleben. Schließlich lässt sich vieles zur gleichen Zeit erledigen. Es ist allein eine Frage der Organisation. Man muss versuchen, beständig vorausschauend zu denken. Beim Fernsehen kann man E-Mails lesen und gleichzeitig essen, so wird Zeit gespart. Auch im Privatleben lässt es sich ständig unter Strom stehen!
Vor dem Ekel muss man sich mit Lachen schützen. (Christian Morgenstern)
Nachträglich erinnern wir uns bewusst daran, wie die Massenentlassung begann. Es fing an mit dem Vorabend der Massenentlassung. Wie groß war anfangs die Freude der Mehrheit der Abteilung darüber, dass ein betriebliches Wochenendseminar – angeblich aus rein prophylaktischer Sparsamkeit wegen der sich verschlechternden allgemeinen Lage der Weltwirtschaft – ausfallen sollte. Das Wochenende, das alle gedanklich schon der Firma geopfert hatten, frei! Keiner ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass dies den Beginn der großen Krise einleiten würde. Ob die Krise für die Firma so überwältigend war wie von ihr selbst dargestellt, konnte nur offen bleiben. Für Einzelne jedoch sollte sie mit dem Jobverlust schnell zur persönlichen Katastrophe werden.