Der lange Weg zurück

Es gibt Schicksalstage, die das ganze Leben verändern. Dieser hier war so einer:


Als ich an diesem späten Abend Franziskas Stimme am Telefon hörte, ahnte ich gleich, dass etwas Schlimmes passiert war: »Stell dir vor«, schluchzte sie, »meine Mutter ist gestern gestorben. Im Altersheim. Einfach so, während ich zu Hause schlief…«


Ich hörte meine Freundin am Telefon weinen. Gern hätte ich sie getröstet und in den Arm genommen. Wie aber, wo wir 500 Kilometer voneinander entfernt wohnten?


»Das ist ja schrecklich«, antwortete ich fassungslos, »und jetzt? Was machst du jetzt?«


»Ich kann nichts mehr machen, es ist vorbei. Ganz vorbei, Rebekka!« Wieder weinte sie und ich wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus.


»Ich ruf dich morgen wieder an«, hörte ich Franziska unter Tränen sagen.


Ich nickte und legte den Hörer auf.


Nachher konnte ich nicht einschlafen. Immer wieder malte ich mir die Situation aus, wie Franziskas Mutter in ihrem Altenheim ganz alleine war, vielleicht umgeben von einer Pflegerin oder einem Pfleger, gemeinsam oder alleine ihre letzten Stunden verbrachte. Ohne ihre Tochter.


Wie furchtbar musste es für Frau Becker gewesen sein. Schließlich wünschte sich doch jede Mutter, dass ihre Familie, und ganz besonders ihre Kinder, bis zuletzt bei ihr blieben.


War das tatsächlich so?


Bei jeder Mutter?


Bei meiner Mutter war das sicher anders. Sie hatte mich schon als Baby nicht gewollt, weil mein Vater sie sitzen gelassen hatte. Ihre Missgunst hatte sie mich immer spüren lassen. Ich hatte oft versucht ihre Liebe zu gewinnen, hatte ihr kleine Geschenke gemacht, sie gelobt, sie mit Frühstück überrascht.