Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.
Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.
COTTON RELOADED erscheint monatlich. Die einzelnen Folgen sind in sich abgeschlossen. COTTON RELOADED gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).
Folge 41.
Ein Luxushotel im Urlaubsparadies Hawaii: Plötzlich fallen Schüsse, mehrere Männer bezahlen mit dem Leben, der Täter entkommt unerkannt. Zunächst. Denn die Auswertung der Bilder aus den Überwachungskameras versetzt die Polizei in höchste Alarmbereitschaft. Bei dem Schützen handelt es sich um Vincent van Dijk – auch genannt »The Mad Dutchman«.
Dutchman war der Boss eines New Yorker Drogenkartells, lebt aber seit Jahren im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms zurückgezogen auf Hawaii. Was hat Dutchmann zu dem Amoklauf im Hotel getrieben? Hat er eine alte Rechnung beglichen? Oder ist er wieder ins Geschäft eingestiegen?
Die FBI-Agents Jeremiah Cotton und Philippa Decker vom G-Team kämpfen in der Hitze Hawaiis nicht nur gegen ein mörderisches Kartell, sondern auch gegen vollkommen unerwartete Naturgewalten …
COTTON RELOADED ist das Remake der erfolgreichen Kultserie JERRY COTTON und erscheint monatlich in abgeschlossenen Folgen als E-Book und Audio-Download.
Nadine Buranaseda, Jahrgang 1976, ist gebürtige Kölnerin mit thailändischen Wurzeln väterlicherseits und lebt in Bonn. Sie studierte Deutsch und Philosophie und wurde im Hörsaal entdeckt: Für einen ihrer letzten Scheine, den sie für die Anmeldung zum Ersten Staatsexamen benötigte, durfte sie statt einer analytischen Arbeit einen Kurzkrimi schreiben, den ihr Professor einem Verlag vorgelegt hat. Mit »Seelengrab« erschien 2010 ihr erster Bonn-Krimi. 2011 gehörte sie zu den vier Stipendiaten des Tatort-Töwerland-Krimistipendiums. Im Herbst 2012 erschien die Fortsetzung ihres Debüts »Seelenschrei« um die Ermittler Lutz Hirschfeld und Peter Kirchhoff.
Heißes Pflaster Hawaii
BASTEI ENTERTAINMENT
Digitale Originalausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Uwe Voehl
Projektmanagement: Stephan Trinius
Covergestaltung: Thomas Krämer unter Verwendung von Motiven von © shutterstock: DmitryPrudnichenko | Pavel K | Quality Master | betty22
E-Book-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf
ISBN 978-3-7325-1790-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
»Raus aus dem Bett!«
Megan wälzte sich auf die andere Seite und strampelte die Bettdecke weg, die sie umklammerte.
»Hoch mit dir!«, blaffte eine Stimme. Jemand schüttelte sie.
»Dad?« Sie war zu müde, um die Augen zu öffnen. Er sollte sich zum Teufel scheren.
Der Griff an ihrer Schulter verstärkte sich. Megan klappte die Lider auf. Die Ziffern des Funkweckers verschwammen vor ihrem Gesicht.
Sie wandte den Kopf. In diesem Augenblick zuckte der Schein eines Blitzes durchs Zimmer. Eine massige Gestalt ragte neben dem Bett auf. Dahinter schoben sich zwei weitere Schemen in ihr Blickfeld. Megan war mit einem Mal hellwach und richtete sich auf. Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle.
»Kein Wort – sonst …!«
Kaltes Metall presste sich gegen ihre Schläfe. Der Lauf einer Waffe!
»Los, beeil dich!« Wieder dieselbe Stimme, die anderen beiden Eindringlinge blieben stumm.
Einer der Männer packte Megan unter den Achseln, riss sie aus dem Bett und stellte sie auf die Füße. Etwas ratschte. Plötzlich klebten zwei Streifen Isolierband ihren Mund zu. Das Herz schlug Megan jetzt bis zum Hals. Als der dritte Mann ihr einen Kissenbezug über den Kopf stülpte, entleerte sich ihre Blase. Urin lief warm ihre Beine hinunter.
»Verdammt!« Der Wortführer schubste sie vorwärts.
Dann spürte Megan, wie jemand sie notdürftig mit einem Stück Stoff reinigte. Scham schoss ihr in die Wangen und ließ sie schluchzen. Ihre Tränen durchtränkten den Bezug, der beim Einatmen ihre Nasenlöcher verschloss. Sie hatte panische Angst zu ersticken.
Sie ballte die Fäuste und versuchte, ihren Atem unter Kontrolle zu bekommen. Gegen die drei Mistkerle hatte sie keine Chance.
Megan ließ sich wie ein nasser Sack hängen. Unter der Kapuze hörte sie dumpf eine Türklinke knarzen. Sie wurde aus dem Zimmer geschleift. Am Treppenabsatz verlor sie den Boden unter den Füßen. Einer der Männer hatte sie hochgehoben und über die Schulter geworfen. Seine Handabdrücke brannten auf ihrer Haut. Die Wolke aus herbem Aftershave, die ihn umgab, verursachte ihr Übelkeit.
Mühelos trug er sie nach unten.
Bereits von Weitem drang der prasselnde Regen an ihr Ohr. Das Geräusch wurde lauter, je näher sie der offenen Haustür kamen. Obwohl sie auf die Nässe gefasst war, zuckte sie, als die ersten Tropfen sie berührten. Schritte klatschten in Regenpfützen. Wind zerrte an ihrem Shirt. Auf ein Klicken folgten zwei Signaltöne hintereinander. Kurz darauf wurden mehrere Autotüren geöffnet.
Sie würden sie doch nicht …?
In der nächsten Sekunde landete sie unsanft auf einem kratzigen Untergrund. Es roch nach Gummi und Benzin. Ihre Zähne fingen an zu klappern.
Vor Kälte.
Und Angst.
Sie bekam eine Gänsehaut. Megan krümmte sich wie ein Embryo zusammen und fing an zu beten, als der Deckel des Kofferraums zuschlug.
*
Ein Ton wie eine lästige Mücke summte in seinem Schädel. Cotton hob den Kopf und blickte in das schmale, von braunen Locken eingerahmte Gesicht einer schlafenden Schönheit, die neben ihm im Bett lag. Er konnte sich nicht an ihren Namen erinnern.
Carol?
Cheryl?
Irgendwas in dieser Richtung. Wenigstens sah sie bei Tageslicht genauso attraktiv aus wie im Dämmerschein seiner Stammkneipe. Beim Gedanken an die Unmengen Single Malt Whiskey, die er am Abend in sich hineingeschüttet hatte, begann der Amboss zwischen seinen Ohren zu hämmern. Er befreite sich von ihrem Arm, der schlaff über seinem nackten Oberkörper lag, und begriff erst jetzt, warum er aufgewacht war. Jemand klingelte Sturm an der Wohnungstür.
Cotton stöhnte und quälte sich aus dem Bett, griff sich das nächstbeste Kleidungsstück vom Boden und schlurfte zur Wohnungstür, gegen die nun auch eine Faust donnerte. Auf dem Weg bemerkte er, dass es keine Shorts waren, die er in der Hand hatte, sondern ein T-Shirt. Er hielt sich das Stück Stoff vor den Schritt und öffnete gähnend die Tür. Vor seinem Appartement stand Philippa Decker. Sie trug einen Kaschmirmantel, unter dessen Saum die Beine eines dunklen Hosenanzugs und elegante Pumps hervorschauten. Die langen blonden Haare hatte sie zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Schwarze Ohrenschützer, auf denen ein paar Schneeflocken schmolzen, komplettierten ihr Outfit. Die behandschuhten Hände hatte sie in die Hüften gestemmt. Bevor er sie stoppen konnte, drängte sich seine Partnerin an ihm vorbei ins Innere der Wohnung.
»Cotton, wieso gehen Sie nicht an Ihr verdammtes Telefon?« Sie drehte sich zu ihm um und musterte ihn von oben bis unten.
»Ein Blick in den Kalender würde Ihnen verraten: Es ist Samstagmorgen und …« Er wollte auf seine Armbanduhr schauen und erinnerte sich gerade rechtzeitig daran, die Hand mit dem Shirt keinen Zentimeter von der Stelle zu bewegen.
»Würde es Ihnen etwas ausmachen, sich …?« Er deutete mit der freien Hand eine Drehbewegung an und drückte die Tür mit dem Fuß zu. »Ich würde mir gerne etwas überziehen, wenn Sie schon in aller Herrgottsfrühe hier aufkreuzen müssen.«
»Die männliche Anatomie ist mir durchaus vertraut, Cotton. Oder können Sie mit irgendwelchen Überraschungen aufwarten?« Decker zog die Augenbrauen hoch und fixierte einen Punkt auf seiner Stirn.
»Äh, …« Cotton senkte die schmerzenden Augen und ärgerte sich im selben Moment, dass Decker es geschafft hatte, ihn für eine Sekunde aus der Fassung zu bringen.
»Heben Sie sich Ihre Erklärungen für ein anderes Mal auf, wir haben direkte Order von Mr High und müssen unverzüglich aufbrechen. Ich war bereits im Headquarter und habe alles Weitere veranlasst.«
»Jeremiah?« Die Brünette war aus dem Schlafzimmer getaumelt und hielt sich am Türrahmen fest. Ihre lange Mähne bedeckte kaum die üppige Oberweite.
Ehe Cotton etwas erwidern konnte, schaltete sich Decker wieder ein. »Ah, Sie haben Besuch. Das erklärt natürlich einiges. Ich möchte der jungen Romanze keineswegs im Weg sein, aber …«
»Ist das deine Frau?« Carol-Cheryl-wer-auch-immer zeigte erst auf ihn, dann auf Decker.
»Gott bewahre! Sie können ihn ganz für sich allein haben. Allerdings muss ich Mr Cotton für die nächsten Tage ausleihen, wenn Sie nichts dagegen haben.« Deckers Blick duldete keinen Widerspruch.
Die Brünette zog einen Schmollmund, drehte sich auf den Fersen um und tänzelte, wie Gott sie geschaffen hatte, zurück ins Schlafzimmer.
»Stehen Sie nicht so herum, Cotton, machen Sie sich nützlich!«
»Könnten Sie mir vielleicht verraten, was zur Hölle los ist?«
»Später. Wir müssen in anderthalb Stunden den Flug bekommen. Wenn ich geahnt hätte, in welchem Zustand ich Sie hier vorfinde, hätte ich eine spätere Maschine gebucht.«
»Wohin soll’s gehen?« Cotton gähnte erneut.
»Ich schlage vor, Sie stellen Ihren Luxuskörper jetzt unter die Dusche. Und putzen Sie sich bitte die Zähne. Ihre Fahne reicht von hier bis Staten Island.«
»Aye, aye, Ma’am.« Cotton verschwand im Badezimmer. Während er heiß duschte, hörte er, wie die Appartementtür schlug. Die brünette Schönheit hatte den Abflug gemacht. Hoffentlich hatte sie ihre Telefonnummer dagelassen.
*
»Hier, trinken Sie das!« Decker hielt ihm eine Viertelstunde später ein Wasserglas hin, in dem sich zwei Schmerztabletten sprudelnd auflösten.
Mit Blick auf die Schneeflocken, die vor den Fenstern tanzten, zog sich Cotton etwas Warmes an. Nachdem er in Longsleeve, Hemd, Pullover und Jeans steckte, leerte er das Glas, ohne es abzusetzen. Er fuhr sich über das frisch rasierte Kinn und sah Decker interessiert an.
»Kaffee gibt es am JFK. So lange werden Sie sich noch gedulden müssen.«
»Sie kennen keine Gnade, was?«
»Haben Sie etwas anderes erwartet?«
»Nein, Decker.«
»Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein paar Sachen einzupacken. Den Rest besorgen Sie sich vor Ort.«
Cotton warf einen Blick auf die Reisetasche und schnappte sich Dienstwaffe, Ausweis, Lederjacke und das Smartphone, das zwanzig verpasste Anrufe anzeigte. »Ziemlich leichtes Gepäck, meinen Sie nicht?«
»Keine Sorge, die Winterkleidung können Sie getrost hierlassen.«
»Soll das heißen, dass ich Sie im Bikini sehen werde?« Cotton grinste übers ganze Gesicht.
»Träumen Sie weiter.«
*
Cotton zuckte auf dem Beifahrersitz zusammen. Er war für einen Moment eingenickt. Decker saß neben ihm und schlug auf das Lenkrad ihres Porsche GT 3 ein.
»Das hat mir gerade noch gefehlt.« Sie schaute auf die Uhr in der Mittelkonsole und trommelte mit den Fingern.
Die Scheibenwischer quietschten über die Frontscheibe und kamen kaum gegen das Schneegestöber an, das draußen herrschte. Vor ihnen war ein Yellow Cab in einer Schneewehe stecken geblieben. Gleich vier Männer, zwei Hispanics, ein Afroamerikaner und ein Asiate, versuchten, das Fahrzeug vom Broadway zu schieben. Sie keuchten kleine Atemwolken. Der Taxifahrer saß bei geöffneter Tür hinterm Steuer und schrie Kommandos in die klirrende Kälte.
Cotton klappte die Sonnenblende herunter und betrachtete die Augenringe, die sich seit dem Aufwachen noch tiefer in sein blasses Gesicht gegraben hatten. Er holte seine Ray Ban aus der Innentasche der Lederjacke und schob sie auf die Nase.
»Ein bisschen früh, finden Sie nicht? Auf Sie warten ein paar Flugstunden, bis wir in Aloha State landen.« Decker bedachte ihn mit einem amüsierten Seitenblick.
»Es ist einfach zu grell. Das verdammte Licht brennt mir in den Augen.«
»Verzeihung, welches Licht?« Philippa Decker deutete auf die trübe Suppe, die sie umgab.
»Außerdem will ich Ihren Sinn für Ästhetik nicht beleidigen.«
»Das haben Sie heute Morgen schon geschafft, Cotton.«
Der Airbus A332 der Hawaiian Airlines mit dem markanten Logo, einem Frauenkopf mit einer roten Hibiskusblüte auf dem Höhenleitwerk, hob pünktlich morgens um halb zehn von der Startbahn des John F Kennedy Airport ab.
»Kommen wir jetzt zum offiziellen Teil, Decker? Bis Honolulu haben Sie über elf Stunden, um mich ins Bild zu setzen.«
Die Maschine hatte inzwischen Flughöhe erreicht. Die Anschnallzeichen über ihren Köpfen waren erloschen.
»Die werde ich nicht brauchen, auch wenn der Fall mehr als komplex ist. Und Sie scheinen inzwischen auch frisch genug, um ein paar Details zu begreifen.«
In diesem Moment hielt eine lächelnde Stewardess, die einen Airlinetrolley vor sich herschob, an ihrer Zweierreihe. Sie trug eine azurfarbene Bluse, auf der sich hawaiianische Blüten und Blätter rankten, dazu einen dunkelblauen Stiftrock. In ihrem hochgesteckten, dunklen Haar leuchtete eine weiße Orchidee.
»Aloha. Was darf ich Ihnen anbieten?«
»Er nimmt zwei Kaffee. Schwarz. Für mich ein Wasser, bitte.« Decker war nicht entgangen, dass ihr Partner einen sehnsüchtigen Blick auf den Premium Champagner geworfen hatte. Er war einfach unverbesserlich.
Die Flugbegleiterin schenkte ein. Decker nahm die Getränke entgegen, reichte einen Kaffee an Cotton weiter und stellte den zweiten zusammen mit dem Wasserglas auf die Konsole zwischen ihren Sitzen. Sie bedankte sich mit einem »Mahalo«, nachdem die Stewardess ihnen noch eine Nussmischung auf einem Porzellanschälchen serviert hatte.
»Ah, Sie haben sich bereits mit der Landessprache vertraut gemacht, Decker.« Cotton klaubte sich eine Handvoll Nüsse vom Teller und warf sie sich mit der freien Hand in den Mund.
»Sie sollten sich glücklich schätzen, dass wenigstens einer von uns eine Erziehung genossen hat, die die Regeln von Anstand und Höflichkeit vermittelt hat.«
»Wow, Sie sind ja richtig gut gelaunt.« Er griff sich noch ein paar Nüsse und kaute demonstrativ.
»Na, im Gegensatz zu Ihnen bin ich seit fünf Uhr früh auf den Beinen.«
»Sie haben recht.« Statt einer Entschuldigung lächelte Cotton entwaffnend und leckte sich das Salz von den Fingerspitzen.
Decker verzog keine Miene.
»Also? Rücken Sie jetzt endlich mit der Sprache raus, warum wir nach Hawaii fliegen. Abgesehen davon, dass Sie Ihrem Teint etwas Sonne gönnen wollen?«
»Vincent van Dijk.« Obwohl die meisten Passagiere der Business Class unter Kopfhörern steckten, um Musik zu hören oder sich einen Blockbuster im Bordkino anzuschauen, senkte Decker die Stimme so weit, dass sie trotz des Turbinenlärms gerade noch zu verstehen war. »Klingelt es da bei Ihnen?«
»Wollen Sie mich auf den Arm nehmen? Den Namen konnte vor ein paar Jahren jedes Kind im Buchstabierwettbewerb fehlerfrei aufsagen. Van Dijk war der Kopf eines der größten Drogenkartelle in New York.«
Decker drehte das runde Glas zwischen den Fingern. »Richtig.«
Cotton runzelte die Stirn. »Ich erinnere mich: Damals war ich noch Detective beim NYPD. Auf sein Konto gingen eine Menge bestialischer Morde.«
»Den Spitznamen ›Mad Dutchman‹ hat ihm die Unterwelt nicht umsonst verpasst. Einige Hundert Menschen sind im Kugelhagel seines blutigen Bandenkriegs umgekommen, darunter viele Zivilisten. Zu viele.« Decker nippte an ihrem Wasser. Dann stellte sie den Becher auf der Konsole ab, zog ihren Hartschalen-Aktenkoffer unter dem Sitz hervor und ließ die richtige Kombination am Zahlenschloss einrasten. Sie öffnete den Deckel und entnahm dem Koffer mehrere Akten und einen Tablet-PC.
»Ich habe damals der Task Force angehört, die auf van Dijk angesetzt worden war.« Decker schlug die oberste Akte auf und zog mehrere Fotografien heraus. Die erste zeigte einen hochgewachsenen, schlanken Mann Ende vierzig. Er trug einen maßgeschneiderten, schwarzen Anzug. Die dünnen, kinnlangen, braunen Haare standen ihm wirr vom Kopf. Das Gesicht, von grauen Bartstoppeln übersät, mündete in ein spitzes Kinn. Seine wasserblauen Augen über der Adlernase schauten durchdringend.
Cotton pfiff leise. »Van Dijks Blick hat etwas Unberechenbares.«
»Ja, wer den Fehler begeht, Mad Dutchman zu unterschätzen, wird keine Gelegenheit bekommen, diesen zu bereuen. Er hat ein paar Bluthunde übelster Sorte auf mich gehetzt.«
»Für Sie gab es sicher ein hübsches Sümmchen Kopfgeld.«
Decker nickte. Für einen Augenblick legte sich ein Schatten über ihre makellosen Züge. »Zu van Dijks Spezialitäten zählten abgehackte Köpfe, in deren Mund er die Finger der Opfer gesteckt hat. Sein Erkennungszeichen war daher eine stilisierte Hand, der die mittleren drei Finger fehlten. An fast allen Tatorten haben wir solche Graffiti vorgefunden.«
»Das erklärt auch den Kartellnamen ›Two Fingers‹«, sagte Cotton mehr zu sich selbst und pulte an einem Nussrest zwischen seinen Zähnen.
»Sie sind wacher, als ich dachte, Cotton.«
Cotton sah sie über den Rand seiner Sonnenbrille an und lächelte. Decker erlaubte sich keinerlei Sentimentalitäten und überspielte ihre Gefühle oft mit ihrer unverwechselbaren, kühlen Art. Dann wurde er wieder ernst. »Warten Sie, hat nicht jemand versucht, diesem kranken Typen das Licht auszuknipsen?«
»Ja, van Dijk hatte nicht nur Feinde von außen. Er war ziemlich gut darin, rivalisierende Banden auszuschalten und sein Territorium zu behaupten. Darüber hat er offenbar den Blick dafür verloren, dass es auch Feinde im innersten Zirkel seiner Organisation gab, die mit seiner Politik nicht einverstanden waren.«
»Wie hieß der Kerl noch mal, der seinen Platz einnehmen wollte?«
»Michael Bennett, ein aufstrebender Lieutenant. Er war die Nummer drei in der Führungsstruktur.« Decker präsentierte das nächste Bild, auf dem ein kräftiger Mittvierziger mit Ansatz zur Fettleibigkeit zu sehen war, im Gegensatz zu van Dijk äußerst gepflegt.
Cotton tippte mit dem Zeigefinger auf eines der Tatortfotos, die Decker gerade sortierte. »Bennett wollte seinen Boss mit einer Autobombe hochjagen, ich erinnere mich.«
»Leider hat der Sprengsatz Melissa van Dijk, seine Frau, getötet. Es war nur einem glücklichen Umstand zu verdanken, dass van Dijks zu diesem Zeitpunkt zehnjährige Tochter Zoe nicht mit im Wagen saß.«
»Verdammt!« Cotton setzte die Sonnenbrille ab und studierte die Gesichter einer jungen Frau und eines sommersprossigen Mädchens. Ein Foto aus sorgloseren Tagen, aufgenommen auf Coney Island vor The Cyclone, einer Holzachterbahn im Astroland, das seine Pforten vor Jahren für immer geschlossen hatte.
»Wundert mich nicht, dass Vincent van Dijk nach dem Anschlag die Seiten gewechselt hat.«