Berlin, 1926. Der junge Kriminalkommissar Martin Forster ermittelt in einem der spektakulärsten Mordfälle, den die Hauptstadt je gesehen hat: Das Opfer wurde im berühmten Cirkus Busch einem Löwen zum Fraß vorgeworfen. Wer ist der mysteriöse Tote? Und wer hat ihn auf so bestialische Weise aus dem Weg geräumt? Und warum? Martin Forster muss sich während seiner Ermittlungen in die Tiefen der Berliner Unterwelt vorwagen. Er dringt dabei bis zu den berüchtigten Ringvereinen vor, hinter deren bürgerlicher Fassade sich die größten Verbrecherbanden der Stadt verbergen …
Oliver Schütte studierte Theater- und Filmwissenschaften in Berlin. Er arbeitet seitdem als Drehbuchautor und wurde u.a. mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Er ist renommierter Autor zahlreicher Fachbücher und lehrt an Filmhochschulen im In- und Ausland. "Die Rote Burg" ist sein Debüt als Romanautor.
DIE
ROTE
BURG
Ein Martin Forster Krimi
beTHRILLED
Digitale Neuausgabe
»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment
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Textredaktion: Beke Ritgen
Lektorat/Projektmanagement: Stephan Trinius
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Irgendetwas war anders. Schon als er die schwere Eisentür zu der Halle mit den Raubtierkäfigen öffnete, wusste Gustav Wolter: Es war etwas passiert. Er spürte die Unruhe seiner Tiere.
Wie jeden Mittwoch hatte Gustav um neun Uhr das Gebäude betreten, um Jambo und Pat zu füttern, eine Aufgabe, die bei einem respektablen Löwen und einer schwarzen Pantherin Erfahrung erforderte. Seine Lieblinge warteten auf ihr Fressen und darauf, am Nachmittag in die Manege vom Cirkus Busch gebracht zu werden. Sie waren eine der Hauptattraktionen der täglichen Vorstellungen, in denen sich oft mehr als viertausend Menschen im großen Kuppelbau an der Spree amüsierten.
In seinem Eimer trug Gustav das schwere Stück Ziegenfleisch, das er heute Morgen am zentralen Schlachthof in Friedrichshain gekauft hatte. Gleich würde er es durch eine Futterklappe in den Käfig schieben, damit Jambo es wie ein Beutetier auf der Savanne abschlecken, mit den Zähnen langsam abraspeln und dann nach und nach zerlegen konnte.
Aber dazu kam Gustav gar nicht mehr.
Als er vor dem Käfig stand, stellte er fest, dass Jambo schon satt war. Um ihn herum lagen Reste von Fleisch und abgenagten Knochen. Gustav wusste sofort, dass es sich dabei nicht um Ziegenfleisch, sondern um die Überreste eines Menschen handelte.
Schon nach den wenigen Metern, die Martin Forster vom Polizeipräsidium aus auf seiner neuen BMW R 32 zurückgelegt hatte, konnte er in der Entfernung den prachtvollen Kuppelbau des Cirkus Busch erkennen, und der Gedanke kam ihm, dass er noch nie in seinem Leben in einem Zirkus gewesen war. Billiges Vergnügen, aufgesetzte Fröhlichkeit, wie der Zuschauer sie dort geboten bekam, interessierten ihn nicht. Eine seiner Liebschaften hatte ihn einmal zu einem Zirkusbesuch in jenem Kuppelbau überreden wollen, wo schon der berühmte Houdini aufgetreten war. Aber Martin hatte nur abgewinkt. Einen Menschen verschwinden lassen – diese Art von Zaubertricks zu verfolgen, beschäftigte ihn in seinem Alltag als Kriminalkommissar schon genug. Da allerdings wurden diese Kunststücke von Mördern und nicht von Magiern vollbracht.
Nachdem Martin seine Maschine an der Spree gegenüber der Museumsinsel geparkt hatte und sich gerade von der Rückseite her dem Zirkusgebäude näherte, kam auch schon das Mordauto vorgefahren. Dieses speziell für seine Abteilung gebaute Fahrzeug war eine Erfindung seines Chefs, des Leiters der Inspektion A, Mord und Körperverletzung, Ernst Gennat. In dem großen Benz fanden sich neben Schreibmaschinen zum Verfassen der Berichte auch Karten, Wegmesser, Kompass, Fotoausrüstung, Arztkoffer mit Mikroskop, Markierungsmaterial und alles, was zur Sicherung von Spuren benötigt wurde.
Vor der schweren Eisentür zu dem kleinen Anbau, der die Raubtierkäfige beherbergte, stand ein Schutzpolizist, der Martin mit betroffenem Gesicht grüßte. Martin nickte dem Schupo zu und registrierte zugleich, dass die Tür keinerlei Einbruchsspuren aufwies.
Das Erste, was ihm bei Betreten der Halle auffiel, war der beißende Tiergeruch. Auf der rechten und linken Seite befanden sich jeweils zwei Käfige, in denen Löwen und Panther im Kreis umherliefen: stolze Tiere, die heute allerdings nervös ihre Runden drehten. Ihre alltägliche Routine war durch fremde Menschen unterbrochen, die seltsame Dinge taten. Einer der Kriminalbeamten hatte einen Fotoapparat vor einem der Käfige aufgebaut, und ab und zu wurde die ganze Szenerie in grelles Blitzlicht getaucht.
Gustav Roth, mit seinem unvermeidlichen schwarzen Notizbuch in der Hand, kam Martin entgegen. Der Kommissar-Assistent war deutlich kleiner und vier Jahre jünger als Martin. Er war ein gewissenhafter Beamter, der ein Händchen für Fakten hatte; allerdings fehlte ihm der Blick fürs Ganze.
Auch er grüßte ernst, der Schock stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Martin wusste, dass sein Assistent schon mehr als eine Leiche in seinem Leben gesehen hatte, aber dieses Mal handelte es sich anscheinend um eine spezielle Erfahrung. So machte Martin sich innerlich darauf gefasst, gleich mehr zu sehen zu bekommen als üblich. Dabei war ihm in seinem beruflichen Leben auch schon so einiges untergekommen. Abgehackte Arme, die in der Spree dümpelten, aufgeschlitzte Frauenkörper und Kachelöfen, aus denen die Spurensicherung verkohlte Füße holte. Nichts, was ihn bisher aus der Ruhe gebracht hatte. Martin galt in der Inspektion nicht umsonst als besonnener Polizist, und die meisten Kollegen beneideten ihn um seine Lässigkeit.
Nun holte er tief Luft und trat neben den Fotoapparat, der vor dem Löwenkäfig aufgebaut war. In der einen Ecke des Käfigs lag ein müder Löwe, der vollgefressen vor sich hindöste, in der anderen menschliche Überreste. Das Tier hatte anscheinend irgendwann keinen Hunger mehr gehabt. Die Wände waren voller Blut, und Fetzen von Kleidungsstücken hingen zwischen den Gitterstäben. Ganz vorn konnte Martin im Stroh einen Finger liegen sehen.
Martin wandte sich ab und schaute zu Roth hinüber. Der blickte in sein Notizbuch, in das er aber noch nicht ein einziges Wort geschrieben hatte. Jetzt sah er auf, als hätte er Martins Blick gespürt. Martin nickte ihm zu und gab seinem Assistenten zu verstehen, ihm nach draußen zu folgen.
Wieder im Freien, atmeten beide durch. Unbewusst hatten sie in der Halle kaum zu atmen gewagt.
»Und?« Martin schaute den Kollegen auffordernd an.
Der räusperte sich, bemüht, sich auf die Fakten zu konzentrieren.
»Der Wärter, der uns benachrichtigt hat, wartet im Hauptgebäude auf Sie. Die Spurensicherung ist noch bei der Arbeit.«
»Gibt es irgendwelche Hinweise, um …«, Martin machte automatisch eine kleine Pause, »… wen es sich bei dem Opfer handelt?«
»Bisher keine Hinweise, ich vermute, es wird auch nicht einfach. Nicht, wenn wir keine Papiere finden, irgendwas.«
Martin nickte und dachte nach.
»Die sollen möglichst schnell den Löwen da rausholen, damit die Spurensicherung in den Käfig kann.«
Roth drehte sich um und ging wieder ins Gebäude zurück.
Martin folgte ihm ein Stück in Richtung der Stallungen und bog dann nach links ab, um in den Kuppelsaal selbst zu gelangen.
Er machte sich erste Gedanken über die Leiche. Es könnte sich um einen Mord, aber durchaus auch um eine Selbsttötung handeln. Er stellte sich die letzten Sekunden des Opfers vor. Der Schrecken, in dem Moment, in dem das Raubtier seine Zähne in das Fleisch schlug. Die wilde Gier der Bestie, die keinen Unterschied machte, ob sie eine Ziege oder einen Menschen riss.
Der Wärter wartete im Flur hinter der Manege. Er stand immer noch unter Schock. Martin begrüßte ihn, und sie setzten sich in eine der drei Garderoben, die für die Artisten vorgesehen waren.
An der Wand hingen mehrere Clownskostüme, und auf dem Schminktisch lagen vier rote Pappnasen. Was für ein greller Kontrast zu dem Gespräch, das wir gleich führen, dachte Martin.
Es gab zwei Methoden, ein solches Gespräch zu beginnen: die Überrumpelung oder die einfühlsame Art. Es war klar, dass hier nur die behutsame Herangehensweise angebracht war. Martin begann also zunächst mit einer harmlosen Frage.
»Sie waren heute morgen der Erste im Raubtierhaus?«
»Wie jeden Tag. Pünktlich um neun. Schon als ich die Tür aufgemacht hab, dacht ich, da stimmt was nicht. Und dann hab ich das Unfassbare schon gesehen.«
Es war offensichtlich, dass es dem älteren Mann guttat, mit jemandem zu reden. Wahrscheinlich hatte noch keiner von den Polizisten ein Wort mit dem Zeugen gewechselt. Martin gab seiner Stimme einen freundlichen Ton.
»Die Tür war doch wahrscheinlich abgeschlossen? Gibt es denn eine andere Möglichkeit, wie jemand Zugang bekommen haben könnte?«
»Keine. Es sei denn, er hatte einen Schlüssel. Aber nur ich und der Dompteur besitzen einen Schlüssel zu der Halle.«
Martin nickte und schaute dem Wärter dabei in die Augen. Konnte es sein, dass der Mann etwas damit zu tun hatte? Er war vielleicht um die fünfzig, wirkte ehrlich, und der Schock war auf keinen Fall gespielt. Martin strich diese Möglichkeit von der Liste.
»Wie kann der Tote überhaupt in den Käfig gekommen sein?«
Der Wärter antwortete schnell: »Das ist einfach. Den Haken hochheben, und Sie sind drin.«
»Kann es sein, dass der Mann freiwillig in den Käfig gegangen ist?«
»Sie meinen Selbstmord?«
Martin nickte.
»Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich meine, wer macht denn so was? Da gibt es doch einfachere Möglichkeiten. Schlaftabletten oder von der Brücke springen.«
»Das heißt, jemand hat ihn da reinbugsiert. Was passiert dann? Stürzt sich das Tier gleich auf sein Opfer, oder wartet es erst einmal ab?«
»Kommt drauf an. Die letzte Fütterung ist drei Tage her.«
»Ist das normal?«
»Das macht ein Pfleger so bei Raubtieren. Die werden nicht jeden Tag gefüttert. Wie in der freien Wildbahn: Da läuft Ihnen auch nicht jeden Tag eine Antilope über den Weg. Jambo war hungrig. Ich vermute, er hat nicht lange gezögert und gleich …« Der Wärter unterbrach sich, weil ihm das Unaussprechliche nicht über die Lippen wollte.
»Verstehe. Haben Sie irgendeine Vermutung oder einen Hinweis, wer das Opfer gewesen sein könnte?«
»Nein, keine. Gibt ja nicht mehr viel zu sehen.«
Martin bedankte sich und ging in das Raubtierhaus zurück. Dort hatte ein Tierarzt den Löwen betäubt und aus dem Käfig schaffen lassen. Die Raubkatze lag regungslos in einem der anderen Käfige, und die Spurensicherung ging ihrer undankbaren Arbeit nach.
Roth hatte sich inzwischen doch einiges in sein Notizbuch geschrieben. Es gab keine Papiere oder andere Gegenstände, die über die Identität des Mannes Auskunft gaben. Niemand hatte etwas gehört oder gesehen. Martin beauftragte Roth damit, alle Anwohner im Umkreis von zweihundert Metern zu befragen und den Dompteur ins Präsidium zu bestellen.
Anschließend betrachtete er noch einmal das jetzt schlafende Raubtier. Die Zunge schaute aus dem Maul heraus, ein friedlicher Anblick.
Martin setzte sich in die Hocke und beobachtete den Löwen, so als könnte der ihm sagen, was in der Nacht passiert war. Erwartungsgemäß blieb das Tier stumm und gab das Geheimnis nicht preis.
Nach Abschluss der Untersuchungen fuhr Martin am späten Nachmittag mit seiner BMW wieder zurück ins Präsidium, an der Markthalle vorbei, bis er den Alexanderplatz erreichte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes stand die Rote Burg, wie das große zentrale Polizeipräsidium genannt wurde. Die Berliner liebten es, ihren Gebäuden und Denkmälern Spitznamen zu verpassen. Der Name passte, denn die Zentrale war ein roter Ziegelsteinbau, eine Trutzburg gegen das Verbrechen mit wuchtigem Eckturm, der zum Platz hin vor den Passanten aufragte. Zweihundert Meter lang und am Alexanderplatz hundert Meter breit war der viergeschossige Bau und besaß einen glasbedachten Mittelhof. Er beherbergte nicht nur alle Berliner Polizeiinspektionen, sondern praktischerweise auch gleich das Stadtgefängnis.
Martin überquerte den um diese Zeit stets belebten Alexanderplatz und überlegte, ob er seinen Hunger bei Aschinger stillen oder ob er mit den magereren Ergebnissen gleich zu Ernst Gennat gehen sollte. In dessen Büro bekam jeder Besucher ein Stück Torte angeboten, was allerdings nur ein Vorwand war, damit der Leiter der Abteilung selbst eines der süßen Stücke essen konnte. Seine Angewohnheit hatte dazu geführt, dass der Kriminalpolizeirat über hundertfünfzig Kilo wog und bei Einsätzen draußen nach gut vierzig Metern Laufweg eine Pause einlegen und verschnaufen musste.
Leider konnte Martin seinem Vorgesetzten zum jetzigen Zeitpunkt lediglich mehr Fragen als Antworten liefern. Wie waren das Opfer und der oder die Täter in das Gebäude gekommen?
Und wer war der Tote überhaupt?
Martin entschied sich für Aschinger und eine Bulette mit Brötchen.
Kaum hatte er an einem der vielen Tische Platz genommen, kam auch schon die Bedienung.
»Heute so spät? Gibt’s wieder eine Leiche?«
Martin nickte nur kurz und bestellte sein verspätetes Mittagessen.
Leider können wir noch nicht einmal ein Foto oder eine Beschreibung des Opfers veröffentlichen, dachte er. Als die Bulette schließlich vor ihm stand, verlor er schlagartig den Appetit und nahm nur das Brötchen. Wahrscheinlich wäre er doch besser zu Gennat gegangen, um eine Buttercremetorte zu essen.
Kaum in seinem Büro im zweiten Stock, kam ihm bereits seine Stenotypistin Hildegard Berg entgegen. »Die Berg«, wie alle sie nannten, war der ruhende Pol in Martins Abteilung. Sie erledigte ihre Aufgaben gewissenhaft, aber ohne großes Engagement.
»Der Dompteur wartet im Verhörzimmer auf Sie.«
Als Martin den kahlen Raum betrat, fand er den Mann nervös und bleich. Wohl die vorherrschende Gesichtsfarbe heute, dachte Martin.
Der Dompteur hatte eine stattliche Figur, und unter dem Pullover zeichneten sich deutlich Muskelpakete ab.
Seine Nervosität schien ihm unangenehm zu sein. »Eigentlich hätte ich jetzt Vorstellung. Aber das geht ja heute nicht.«
Martin nahm hinter dem Tisch Platz. Die Berg platzierte sich an einem kleinen Tisch gegenüber, holte ihren Stenoblock hervor und nickte Martin kurz zu.
»Der Wärter und Sie sind die Einzigen, die einen Schlüssel zu dem Gebäude haben?«, begann Martin seine Befragung. Er versuchte, in seinen Verhören stets neugierig zu klingen und den Eindruck zu vermeiden, von ihm könnte eine Bedrohung ausgehen.
»Ja. Es ist viel zu gefährlich, wenn jeder in die Halle hereinkommen könnte. Das hat man ja jetzt gesehen.« Der Dompteur schüttelte, offenkundig immer noch geschockt, den Kopf.
»Wo waren Sie heute Nacht?«, fragte Martin ganz direkt, aber immer noch freundlich.
»Ich bin mit Fritz, das ist unser Jongleur, gemeinsam nach Hause gefahren. Er wohnt im Nachbarhaus.«
»Und dann?«
»War ich bei meiner Familie.«
»Und sowohl Fritz als auch Ihre Familie können uns das bezeugen?«
»Natürlich!«, antwortete sein Gegenüber.
»Vielleicht waren Sie unachtsam und jemand hat Ihnen den Schlüssel entwendet?«
Der Dompteur kramte in seiner Tasche und holte einen Schlüsselbund hervor.
»Da ist er. So was kann mir nicht passieren.«
»Können Sie sich erklären, wie jemand in die Halle gekommen ist?«
»Keine Ahnung. Ist das nicht Ihre Aufgabe, das herauszufinden?«
Martin hatte in Verhören schon einiges ausgestanden. Täter, die selbst angesichts eindeutiger Beweise immer noch leugneten, oder Geständnisse unter Tränen. Was er aber noch nie hatte ausstehen können, waren altkluge Bemerkungen. Er würde also etwas härter zugreifen müssen.
»Das bedeutet, Sie nehmen Ihren Schlüsselbund mit in die Manege?«, fragte er mit deutlich schärferem Unterton.
»Unsinn. Das Geräusch könnte die Tiere irritieren.«
»Der Bund bleibt also in Ihrer Garderobe, während Sie auftreten. Und das zweimal am Tag. Da könnte Ihnen jemand doch leicht den Schlüssel gestohlen haben, um ihn nachzumachen?«
Der Dompteur lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Martin interpretierte dies als Zeichen, dass er den Oberschlauen erwischt hatte.
»Warum sollte das jemand tun?«
Zwar wusste Martin nun, wie der Täter an den Schlüssel gekommen war, aber letztlich engte das den Kreis der Verdächtigen nicht ein, im Gegenteil: Jeder hätte es tun können. Artisten, Bühnenarbeiter sogar Lieferanten hatten die Möglichkeit gehabt, sich heimlich in den Umkleideraum zu schleichen.
In seinem neuen Fall kannte er also weder die Identität des Opfers, noch hatte er den kleinsten Hinweis, wer als Täter infrage kam.
Der Löwe lief in die Arena und packte den Sklaven, der zum Vergnügen des Publikums bettelte und um Hilfe schrie. Gerade als das Tier sich in die Luft erhob und über dem Colosseum schwebte, erwachte Martin aus seinem Traum.
Nach dieser anstrengenden Nacht voller Wildkatzen fand er im Büro zehn Zeitungen vor, die ihm die Berg auf den Schreibtisch gelegt hatte. Alle berichteten über den Toten im Löwenkäfig. Die Berliner Zeitung hatte sogar schon einen reißerischen Namen gefunden. Sie nannte die anonyme Leiche den »Löwentoten«. Keine Gazette konnte es sich verkneifen zu schreiben, der Mann sei den Löwen zum Fraß vorgeworfen worden. Einige waren in ihrem literarischen Bemühen so weit gegangen, von der »Höhle des Löwen« zu schreiben. Martin konnte über die Metaphern nur müde lächeln.
Roth trat durch die geöffnete Tür des Büros, und Martin blickte auf.
»Und was sagen die Nachbarn?«, fragte er seinen Assistenten.
»Nur ein älterer Mann hat etwas in der Nacht gehört«, gab Roth zurück und blätterte dabei durch sein Notizbuch.
Martin entschied, dass es das Beste war, den Mann noch einmal selbst zu befragen, und sagte das Roth auch gleich. Der hatte ihm gerade von dem Gespräch berichten wollen, verkniff sich aber jeden beleidigt klingenden Kommentar. Er wusste genau, dass sein Chef in vielen Fällen genau die richtige Frage stellte.
Zu Roths Erstaunen legten sie den Weg zu Fuß zurück. Martin machte sich daraufhin die Mühe, ihn darüber aufzuklären, wie wichtig Bewegung für die Gesundheit sei.
Der Zeuge wohnte in der Burgstraße und hatte bei seinem nächtlichen Spaziergang mit dem Hund tatsächlich etwas gehört. Er beschrieb Martin das gedämpfte Schreien, das zu hören gewesen sei, als er mit dem Labrador an der Spree spazieren gegangen war. Der Zeuge konnte sogar die Uhrzeit bestimmen, weil er direkt nach seinem Dienst an der Bar des Residenz-Casinos seinen Hund aus der Wohnung geholt hatte. Es war 3.45 Uhr gewesen.
Roth nickte bei jedem Wort, das der Mann sagte, und Martin wusste, dass sein Assistent ihm dadurch signalisieren wollte, dies alles schon einmal gehört zu haben.
»Mehr hat er nicht gehört oder gesehen«, fiel Roth dem Mann ins Wort.
»Das stimmt. Das habe ich Ihrem Kollegen schon erzählt.«
»Haben Sie Licht im Raubtierhaus gesehen?«, fragte Martin.
Roth hielt den Atem an.
»Lassen Sie mich überlegen.« Der Mann blickte nachdenklich auf seinen Labrador hinunter, der ihm um die Beine strich.
Wie ärgerlich, dass Tiere nicht reden können, dachte sich Martin zum wiederholten Mal. Vielleicht hatte der Hund eine bessere Beobachtungsgabe als sein Herrchen.
Aber da schnippte der Mann plötzlich mit den Fingern. »Doch, ja, wo Sie mich so fragen! Da war Licht. Oben gibt es da ja so kleine Fenster, und da war tatsächlich Licht.«
»Das richtige Licht oder war es eine Taschenlampe?«
»Nein, das richtige.«
Roth notierte sich die Aussage in seinem Büchlein, während Martin sich bedankte und dem Mann noch einen guten Tag wünschte. Zum Abschluss kraulte er dem Hund das Fell und bedankte sich im Stillen auch bei ihm. Immerhin hatte der Labrador dadurch, dass er um sein Herrchen herumgeschwänzelt war, dafür gesorgt, dass sein Herrchen sich an noch ein Detail mehr erinnert hatte.
Es waren nur wenige Meter bis zum prunkvollen Festbau des Cirkus Busch. An der Kasse in der Vorhalle zeigten sie ihre Ausweise und baten darum, den Direktor zu sprechen.
Die Kassiererin forderte sie auf, in der Schänke zu warten. Damit meinte sie ein kleines Café, das jetzt in der Mittagszeit allerdings kaum besucht war. Martin bestellte einen Kaffee, Roth einen Tee.
Die Tür ging auf, eine Frau in einem Indianerkostüm erschien und kam auf Martin zu. Sie war um die vierzig und eine robuste, sportliche Gestalt.
»Paula Busch. Ich bin Mitinhaberin und insofern der Direktor«, sagte sie selbstbewusst.
»Martin Forster, und das ist mein Kollege Gustav Roth. Wir sind von der Mordkommission.«
»Ein schrecklicher Vorfall. Und ausgerechnet bei uns.«
»Wir haben bisher immer noch keine Hinweise, um wen es sich bei dem Toten handelt. Könnte es einer Ihrer Mitarbeiter sein?«, fragte Martin.
»Ich habe mich natürlich sofort erkundigt. Keiner wird vermisst«, antwortete sie und schien darüber erleichtert.
»Jemand muss einen Schlüssel zu den Raubtierkäfigen gehabt haben. Können Sie sich vorstellen, dass einer Ihrer Mitarbeiter darin verwickelt ist?«
Die Direktorin überlegte. »Eigentlich nicht. Ich kann natürlich nicht für alle die Hand ins Feuer legen.«
»Wir brauchen eine Liste aller Mitarbeiter und Angestellten.«
»Ich werde das veranlassen. Aber ich hoffe nicht, dass einer von uns etwas damit zu tun hat. Wir sind eine große Familie hier.«
»Wir können erst einmal nichts ausschließen. Es ist natürlich sehr ungewöhnlich, einen Menschen in einen Löwenkäfig zu sperren. Es verlangt Kenntnis von den Gegebenheiten hier.«
»Zugang zu den Raubtierkäfigen haben nur wenige. Aber bei Cagliostro, unserem derzeitigen Schaustück, wirken über hundert Menschen mit.«
»Die werden wir alle überprüfen müssen«, warf Roth wenig begeistert ein.
»Gab es in den letzten Tagen irgendetwas Außergewöhnliches? Einen Streit, einen Unfall oder dergleichen?«, fragte Martin in der Hoffnung, einen Ansatzpunkt zu finden.
»Ein Zirkus ist kein Katasteramt. Hier ist immer etwas Besonderes los. Wir sind gerade in den Proben zu unserem neuen Schaustück, da passiert ständig was. Aber nichts Außergewöhnliches«, gab sie bestimmt zurück, und Martin musste zur Kenntnis nehmen, dass dieser Ansatz ihnen nicht weiterhelfen würde, vorerst zumindest.
Das Gewitter in Gestalt von Ernst Gennat brach schon nach zehn Minuten in der Roten Burg über Martin herein.
Die Berg war in sein Büro gekommen und hatte erklärt, dass Roth und er umgehend zum Chef kommen sollten. Dass dies neben einem Stück Torte nichts Gutes zu bedeuten hatte, war klar.
Aber nicht einmal den Kuchen gab es heute.
Gennat saß hinter seinem Schreibtisch und empfing Martin mit ernster Miene. Heute erinnerte er Martin nicht nur von seiner Körperform her an ein Walross, auch sein Gesicht mit dem Doppelkinn hatte Ähnlichkeit mit dem schwerfälligen Tier. Vielleicht hatte Martin ja auch nur zu viel Zirkusluft geschnuppert.
Er regte sich maßlos auf und fuhr Martin direkt an. »Die Presse kitzelt den Fall des Löwentoten hoch«, er hatte den Begriff anscheinend aus der Berliner Zeitung übernommen, »und bauscht ihn zu einer Staatsaffäre auf.«
Dabei schlug er mit der Faust auf den Tisch. Martin wollte etwas sagen, aber Gennat ließ das gar nicht erst zu, so echauffiert war er. »Und die Polizei ist natürlich wieder schuld. Und vor allem steht unsere Inspektion im Kreuzfeuer. Und wir wissen nicht einmal, wer der Tote ist!«
Als Martin endlich etwas sagen durfte, blieb er ruhig und gelassen. »Der Tote hatte keine Papiere bei sich, und auch sonst haben wir bisher keinen Hinweis gefunden, um wen es sich handeln könnte. Die Überreste jedenfalls lassen keine Rückschlüsse zu. Vielleicht wird die Gerichtsmedizin etwas zu Tage fördern.«
»Ah, und warum ist das noch nicht passiert?«, donnerte Gennat.
»Wir müssen da leider bis morgen warten. Ein Termin mit Professor Schreiber in der Hannoverschen Straße war nicht früher zu organisieren.«
Gennat beruhigte sich etwas. »Der Fall steht unter genauer Beobachtung der Presse. Ich will deshalb möglichst bald Ergebnisse. Lieber heute als morgen.«
Ganz unvermittelt wechselte er das Thema und erklärte Martin, übermorgen fände eine Filmpremiere im Gloria-Palast statt. Offenkundig brauchte er den Blick auf den Schreibtisch und die Einladung, die dort lag, um sich an den Titel des Films zu erinnern.
»Geheimnisse einer Seele von einem Georg Wilhelm Papst.«
Martin versuchte sich in Geduld und nicht zu offensichtlich zur Schau gestellter Neugier. Sein Chef hielt die Einladungskarte hoch, als handele es sich um ein Beweisstück.
»Anscheinend ein Werk, das sich mit einem Mord beschäftigt, der durch die Intervention eines Seelenklempners verhindert wird.« Gennats Gesicht verzog sich, als habe er gerade auf einen Kirschkern gebissen.
Martin, der immer noch nicht verstand, warum Gennat ihm das erzählte, nickte freundlich.
»Der Film«, doziert Gennat weiter, als wäre er Filmkritiker von Beruf, »untersucht die Frage, inwieweit diese neue Modewelle von diesem … diesem Professor aus Wien hilfreich für die Arbeit der Polizei sein kann.«
Gennat schüttelte den Kopf und beantwortete damit die Frage, ob Sigmund Freuds Erkenntnisse für die Ermittlungen in der Roten Burg tatsächlich sinnvoll sein könnten.
»Nun, Forster«, sagte er in freundlichem Ton, »ich habe mir gedacht, dass Sie da mal hingehen. Wir haben hier nämlich eine Karte bekommen von der UFA.«
Er überreichte Martin die Einladung mit einem Lächeln.
Gespannt wie selten fuhr Martin mit seiner BMW direkt in die Hannoversche Straße, wo sich das Gerichtsmedizinische Institut befand.
Er stellte seine Maschine unmittelbar vor dem Gebäude ab, einem schönen Bau, der nicht verriet, was hinter der Fassade stattfand. Martin lief die Treppenstufen zur Eingangstür hinauf und durch den Flur zu den Untersuchungsräumen. Professor Schreiber, ein äußerst gut aussehender Mann Mitte vierzig, empfing ihn bei ihren Treffen eigentlich immer munter, als könne keine Leiche ihm die gute Laune verderben. Und jedes Mal, wenn Martin dem Gerichtsmediziner begegnete, fragte er sich aufs Neue, was passierte, wenn der Junggeselle auf Frauen traf, die ihn spätestens beim zweiten Rendezvous fragten, was er von Beruf sei. Würde er ihnen die Wahrheit sagen? Und wie reagierten die Frauen, wenn sie erfuhren, dass diese schönen Hände, mit denen er ihnen gerade über den Rücken strich, vor Kurzem noch in einer Leiche gesteckt hatten?
Als Martin Schreibers Obduktionssaal betrat, wirkte der Professor aufgekratzter als sonst. Lag es daran, dass der Fall mittlerweile in allen Gazetten stand und das Stadtgespräch schlechthin war?
Schreiber stand vor einem der metallenen Seziertische. Ein Tuch verdeckte, was der Löwe von dem Toten übrig gelassen hatte.
»Es handelt sich um die Überreste eines Mannes um die dreißig.« Er wollte gerade das Tuch zurückschlagen, da signalisierte Martin ihm, dass er gerne darauf verzichten würde.
»Es ist sehr wahrscheinlich, dass er noch lebte, als er in den Käfig gesperrt wurde. Der Tod wurde ganz offenbar durch den Löwen verursacht.«
»Gibt es irgendwelche Hinweise, die zur Identifizierung des Toten beitragen könnten?«
Schreiber nickte. »Na ja, aufgrund des Fingers, der gefunden wurde, vermute ich, dass der Mann keiner schweren, körperlichen Arbeit nachging. Jedenfalls keiner, für die er die Hände benutzt hätte.«
Er pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn, und Martin fielen dabei die kleinen weißen Puderreste an Schreibers Nasenlöchern auf. Rasch senkte Martin den Blick auf den Tisch und die verdeckte Leiche. Er ahnte, um was es sich bei dem weißen Staub handelte.
Schreiber sprach weiter. Offenkundig hatte er Martins Irritation nicht bemerkt. »Da ist nichts. Kein besonderes körperliches Merkmal und auch sonst nichts, was uns darüber hinaus etwas sagen würde.«
Martin war enttäuscht. In doppelter Hinsicht. Nachdenklich hatte Martin das Gebäude verlassen und war in die Rote Burg zurückgekehrt.
Wie sollte er auf die gemachte Entdeckung reagieren? Sollte er Schreiber melden? Er entschied sich, nichts zu unternehmen. Warum, wusste er nicht zu sagen. Zumindest konnte Schreibers Kokainsucht seinen Patienten nicht mehr schaden.
Den ganzen Tag über war Martin abgelenkt. Das fiel sogar der Berg auf. Sie fragte ihn irgendwann ganz nebenbei, ob er schlecht geschlafen habe. Aber Martin schüttelte nur den Kopf.
Immer wieder versuchte er, sich auf den Fall zu konzentrieren. Er ertappte sich dabei, auch schon von dem »Löwentoten« zu sprechen. Bei der Identifizierung des Toten waren sie immer noch keinen Millimeter vorangekommen. Natürlich waren Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen, aber alle hatten sich als falsch erwiesen.
Von Roth ließ Martin sich sämtliche Vermisstenanzeigen der letzten sieben Tage kommen. In ganz Berlin waren nur zwei Fälle gemeldet. Eine junge Frau, die in Moabit verschwunden war. Und ein älterer Mann, der wahrscheinlich irgendwo betrunken seinen Rausch ausschlief.
Den ganzen Tag über ließ Martin der Gedanke nicht los, dass er am Abend zu dieser furchtbaren Filmpremiere gehen müsse. Mehrmals hatte er sich vorgenommen, die Vorführung zu schwänzen, aber er wusste, dass ihn Gennat morgen darauf ansprechen würde.
So fuhr er am Abend nach Hause und zog sich um. Er war zwar noch nie bei einer Filmpremiere gewesen, doch ihm war klar, dass er dort nicht in seinem Alltagsanzug erscheinen konnte. In seinem Schrank hatte er nichts hängen, was dem Anlass angemessen wäre, keinen Frack, nicht einmal hochformelle Tagesanzüge wie Cut oder Stresemann, aber immerhin den neumodischen Ersatz, einen Smoking. Natürlich fühlte er sich darin fremd; so formell gekleidet war er überhaupt erst zu vier Anlässen gewesen. Als er die dazugehörigen Schuhe suchte, konnte er sie jedoch nicht finden. Kurzentschlossen holte er seine braunen Schnürschuhe heraus und zog sie an. Im Kino wäre es ohnehin dunkel, und niemand würde den Fehler bemerken. Und letztendlich waren ihm die Reaktionen der affektierten Premierengäste auch egal.
Auf der Einladung stand, dass der Film um sieben Uhr beginnen sollte. Martin machte sich unwillig eine Stunde vorher auf.
Tatsächlich stauten sich die Premierengäste schon vor dem Gloria-Palast am Kurfürstendamm, der erst vor zwei Monaten eröffnet hatte. Schaulustige hatten sich eingefunden, um die Stars einmal aus der Nähe zu bewundern. Martin stellte seine BMW auf der anderen Straßenseite ab und überquerte den Boulevard.
Vor dem Kino hatten sich drei Fotografen vor einem stämmigen Mann aufgebaut. Es schien sich um den Hauptdarsteller von Geheimnisse einer Seele zu handeln. Der Star hatte etwas Anbiederndes an sich. Martin kannte ihn nicht, was auch nicht verwunderlich war, da er sich nicht wirklich fürs Kino interessierte. Aber er hatte gelesen, dass Berlin mittlerweile als einer der aufregendsten Orte der Filmkunst galt.
Schnellen Schrittes wollte er an der Menge vorbei, da wurde er plötzlich wie aus dem Nichts von einer Frau angesprochen.
Sie stellte sich als Martha Goldtstein vor, Journalistin beim Berliner Tagesanzeiger. Die junge Blonde war etwas kleiner als Martin und sehr geschmackvoll gekleidet, wie er fand. Vielleicht würde der Abend doch noch aufregender werden als gedacht.
»Herr Kommissar«, begann die Journalistin, »der Film ist ja laut UFA ein Lehrstück in Sachen Psychoanalyse, und es geht um das Thema Mord. Was erwarten Sie als Kriminalbeamter von dieser Art von Volksaufklärung?«
Martin, der nicht mehr wusste, als das, was Gennat ihm vor zwei Tagen erzählt hatte, versuchte sich ins Allgemeine zu flüchten. »Grundsätzlich ist es wichtig, die Bevölkerung über die Hintergründe von Morden und anderen Straftaten zu informieren. Umso besser, wenn dies auch auf unterhaltsame Art und Weise …«
Plötzlich wurde er durch lautes Rufen unterbrochen. Es gab nicht weit entfernt einen kleinen Tumult. Eine Menschenmenge hatte sich gebildet. Als sich die Aufregung gelegt hatte, verabschiedete sich die Journalistin und erklärte ihm, dass sie sich nach dem Film noch einmal bei ihm melden wolle. Vielleicht könne er dann seine ersten Eindrücke formulieren. Mit dieser Bemerkung verschwand sie in der Menge.
Martin zeigte im Foyer seine Einladung vor. Stufen aus rötlichem Marmor, facettierte Spiegel und Kristalllüster verbreiteten festliche Stimmung. Das ganze Ambiente glich eher einem Theater und nicht einem Lichtspielhaus. Vor dem Kinosaal warteten die geladenen Gäste. Er schaute sich um, aber wen sollte er hier in der Filmwelt schon kennen? Er langweilte sich bereits jetzt. Hoffentlich versprach wenigstens der Film etwas Spannung.
Wenige Minuten später wurden die Türen geöffnet, und die Gäste traten in den großen Saal. Nach und nach strömten mehr als tausend Zuschauer herein.
Pünktlich um sieben Uhr kam das Orchester; das Licht ging aus, und der Vorhang öffnete sich.
Bilder überlagerten sich, Gesichter waren verzerrt, und Schatten fraßen sich über die Leinwand. Martin hatte das Gefühl, in einem seiner Träume zu sein und nicht im Kino. Ein Chemiker verlor sich aus Eifersucht in nächtliche Albträume und drohte seine Frau zu ermorden. Erst ein Psychoanalytiker konnte seine Mordgelüste als verdrängte Kindheitserfahrung rekonstruieren und ihn dadurch heilen.
Als der Film zu Ende war, applaudierte das Publikum gut fünf Minuten lang.
Während des anschließenden Empfangs schlenderte Martin in der Hoffnung durchs Foyer, der Journalistin noch einmal zu begegnen.
Er wurde nicht enttäuscht: Ganz unerwartet wie beim ersten Mal stand sie vor ihm. Mit einem gewinnenden Lächeln fragte sie, ob sie nicht hinüber ins Romanische Café gehen wollten, um dort das Gespräch über den Film fortzusetzen.
Als sie nach einem kurzen Spaziergang durch die Kälte das Café betraten, flog ihnen warme, rauchige Luft entgegen. Schon seit acht Jahren war das Romanische der Treffpunkt des Bürgertums und der Boheme. Maler, Literaten, Theatermacher und Journalisten trafen sich hier, und so manches berühmte Werk war an den kleinen Tischen aus der Taufe gehoben worden.
»Ich hoffe, Sie können schwimmen?«, bemerkte die Journalistin und spielte darauf an, dass der kleinere Nebenraum, in dem sich die Stammkundschaft traf, Bassin für Schwimmer genannt wurde. Der größere der beiden Räume, in dem die Laufkundschaft einkehrte, war als Bassin für Nichtschwimmer bekannt.
Die Journalistin ging zielstrebig zu den Schwimmern, und es war das erste Mal, dass Martin den Raum von innen sah. Eine geschwungene Treppe führte nach oben zur Galerie, wo sich die Schachspieler ein Refugium erobert hatten.
Der Rote Richard, der Zeitungskellner, verteilte seine Blätter an die zahlenden Gäste. Martha Goldtstein bestellte sich einen Rotwein und Martin einen Gin mit Orangensaft. Er nutzte währenddessen die Gelegenheit, seine Begleiterin eingehender zu betrachten. Er fand sie aufregend, geradezu anziehend. Ihre Kleidung war teuer, er sah es den Stoffen an, und raffiniert geschnitten. Martha Goldtstein hatte ein schönes Gesicht und eine weibliche, kurvenreiche Figur.
Die Aura aber, die sie umgab, hatte etwas von Unantastbarkeit. Sicherlich keine Frau, die Martin leicht würde um den Finger wickeln können. Er konnte nur hoffen, einen guten Eindruck zu hinterlassen, und abwarten.
Sie zückte einen Block aus ihrer Tasche und gab dem Gespräch damit seinen offiziellen Charakter.
Mit der kritisch-ernsten Miene einer Journalistin kam sie ohne Umschweife zur ersten Frage. »Werden demnächst alle Mörder auf die Psychiater-Couch geschickt, um zu gucken, ob sie vielleicht gar nichts für ihre Taten können?«
Martin nippte an seinem Gin. »Das ist Film und hat keinerlei Bezug zur Realität. Natürlich hat jede Tat ihre Ursachen und Motive, aber das herauszufinden ist für uns nur Mittel zum Zweck, um den Täter zu finden.«
»Und wie sieht Ihrer Ansicht nach das Seelenleben von jemandem aus, der einen Mitmenschen den Löwen zum Fraß vorwirft?«
»Es war nur einer.«
»Was?«
»Nur ein Löwe.«
»Na gut«, sie zuckte die Schultern, »aber tot ist tot.«
Martin hätte ahnen müssen, dass sie ihn auf den Löwentoten anspräche. Immerhin war sie Journalistin, und er arbeitete an einem der aufsehenerregendsten Fälle der letzten Zeit. Aber so leicht wollte er es ihr nicht machen. »Was glauben Sie denn? Sie schreiben doch den ganzen Tag über Menschen und ihre Schicksale.«
Er war gespannt, wie sie reagieren würde.
»Menschen und Schicksale?« Sie verdrehte die Augen und kramte nach einer Zigarette. »Ich schreib doch nicht für die Gartenlaube!«
Da er ohnehin wenig Lust verspürte, sich über seine Arbeit oder den Film zu unterhalten, nutzte er die Gelegenheit, um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken.
»Ich wüsste aber ein paar schöne Dinge, die man in einer Gartenlaube tun kann.« Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
»Ich auch.« Sie verzog keine Miene. »Aber noch ist es dafür eindeutig zu kalt.« Sie steckte ihre Zigarette in ein silbernes Mundstück und sah ihn auffordernd an. »Feuer?«
Er hob entschuldigend die Arme und schaute ihr in die Augen. »In diesem Fall kann ich leider nicht dienlich sein.« Er machte eine kurze Pause. »Nichtraucher.«
Dem Kellner, der gerade am Nebentisch servierte, signalisierte er, dass er Streichhölzer brauche.
»Danke, nicht nötig.« Sie winkte ab und zog ein goldenes Feuerzeug aus der Tasche. »War nur ein Versuch, ein bisschen subtiler zu flirten.« Sie sog genüsslich den Rauch ein und formte daraus beim Ausatmen eine Reihe perfekter Os. »Wussten Sie, dass es vor zwei, drei Jahren eine Art Flirtschule gab? In Amerika? Och, hab ich mir damals gedacht, das wäre doch was für unsere deutschen Männer. Aber leider …«, sie seufzte theatralisch, »leider war das nur für Mädels. Und die haben paradoxerweise geübt, wie man nicht flirtet. So ein Quatsch! Also ich flirte gern, und Sie?«
Er beugte sich vor und flüsterte ihr zu. »Ich bin einer der Lehrer in dieser Schule …«
Er hatte auf eine sehenswerte Reaktion gehofft, aber die Wirkung seiner Worte verpuffte zu seinem Bedauern. Denn Martha Goldtstein sprang übergangslos auf und winkte einem Pärchen zu, das soeben den Raum betrat. »Achim? Ich bin hier!«, rief sie quer durch das Lokal. »Aber ich hab noch zu tun!«
Der Angesprochene winkte zurück und rückte seiner Begleiterin einen freien Stuhl an einen der Marmortische.
Mit einem betont charmanten Lächeln wandte Martha sich darauf wieder Martin zu. »Wo waren wir stehen geblieben? – Ach ja, beim Löwentoten.«
»Wir waren beim Flirten«, antwortete er ebenso charmant.
»Kompliment für Ihre Hartnäckigkeit!« Sie lehnte sich lachend zurück. »Aber glauben Sie im Ernst, ich werde von meiner Redaktion fürs Flirten bezahlt?« Sie schob ihm ihre Visitenkarte zu. »Überlegen Sie es sich noch mal, ja? So ein Interview kann – subkutan, versteht sich – ausgesprochen prickelnd sein.«
Bevor Martin antworten konnte, sprang sie auf und winkte einen schmalgesichtigen Mann mit Nickelbrille zu sich. »Onkel Alfred«, rief sie, »schön, dass du hier bist!«
»Dr. Döblin«, erklärte Martha, an Martin gewandt, und griff nach ihrer Handtasche, »ein Freund der Familie. Übrigens: Er hat da so eine Ganovengeschichte im Kopf. Soll ein Roman werden, über einen, der aus dem Knast entlassen wird und dann wieder auf die schiefe Bahn gerät oder so was. Soll ich Sie vielleicht mit ihm bekannt machen – wo Sie doch Fachmann sind, sozusagen?«
»Danke. Ich bin heute Abend nicht im Dienst.«
»Na, dann auf ein andermal.« Sie hakte sich bei ihrem Bekannten unter und steuerte, ohne sich noch einmal nach Martin umzublicken, die Schachspielergalerie an.
Roth legte ihm seine Ausgabe der Berliner Morgenpost auf den Tisch.
»Da steht was über den Film, den Sie gestern gesehen haben.«
Martin blickte auf. »Irgendetwas, was für unseren Fall wichtig ist?«
Roth verneinte, und Martin faltete die Zeitung zusammen, um sie in den Papierkorb zu werfen. »Dann interessiert es mich auch nicht.«
Roth wollte schon wieder gehen, da hielt ihn Martin auf.
»Gehen Sie in die Asservatenkammer und bringen Sie die Kleidung des Opfers hier nach oben. Vielleicht finden wir ja doch noch was.«