Paul Heyse
Der Weinhüter
Novelle
(1862-63)
Im September eines Jahres, dessen Stadt- und Dorfgeschichten aus Menschengedenken schon entschwunden sind, saß um die schwüle Mittagszeit ein junger Bursch mitten in dem wuchernden Rebenwald, der, dicht an die Stadt Meran herantretend, die Südabhänge des Küchelberges bedeckt. Die übermannshohen Laubengänge, in denen hier der Wein gezogen wird, waren mit dem Segen dieses Jahres so beladen, dass ein dunkelgrünes Zwielicht durch die langen lautlosen Gassen schwebte, zugleich eine träge stockende Glut, in der kein Luftzug Wellen schlug. Kaum wo die kleinen Felstreppen zwischen den einzelnen Weingütern schroff bergan laufen, spürte man, dass man ins Freie auftauchte. Denn das Meer von Siedeglut, das in dem weiten Talkessel wogte, schlug hier doppelt schwer über dem unbeschützten Haupte zusammen. Auch sah man selten einen Menschen des Weges wandern. Nur zahllose Eidechsen liefen feuerfest treppauf treppab und raschelten durch das zähe Efeugestrüpp, das die Grundmauern der Rebenäcker reichlich umrankt. Die dunkelblauen Trauben mit den großen dickschaligen Beeren hingen dicht gedrängt oben an der Wölbung der Laubengitter, und ein seltsam perlender Ton ward in der tiefen Mittagsstille dann und wann hörbar, als kreise vernehmlich der Saft und koche am Sonnenfeuer in dem edlen Gewächs.
Der Bursch aber, der in halber Höhe des Berges einsam unter den Reben saß, schien für diese geheimnisvolle Naturstimmung taub und ganz seinen eignen düstern Gedanken hingegeben. Er trug die uralte abenteuerliche Tracht der Weinhüter oder »Saltner«, die lederne Joppe, ärmellos, mit breiten Achselklappen, an denen über den Hemdsärmeln die ledernen Manschetten durch schmale Riemen oder silberne Kettchen festgehalten werden, Kniehosen und Hosenträger ebenfalls von Leder und mit dem breiten, daumendicken Gurt umgürtet, auf dem in weißer Stickerei der Namenszug des Eigners steht, die weißen Stutzenstrümpfe mit durchbrochenem Muster, um den Hals allerlei Zierrat von Kettchen, Eber- und Murmeltierzähnen. Aber die Hauptstücke seiner Amtstracht lagen neben ihm im Grase: der hohe dreieckige Trutzhut, über und über mit Hahnen- und Pfauenfedern, Fuchs- und Eichhornschwänzen verbrämt, keine kleine Last zur Zeit der Traubenreife, und die lange wuchtige Hellebarde, mit der die Saltner ihrer drohenden Erscheinung Nachdruck zu verleihen wissen, wenn ein unbefugter Eindringling in ihr Gebiet nicht gutwillig das Pfandgeld erlegen will.
Tag und Nacht, ohne Ablösung, ohne Sonntagsruhe und Kirchgang, um einen mäßigen Lohn durchstreifen diese »lebendigen Vogelscheuchen« jeder das ihm zugewiesene Revier, von der Mitte des Juli, wo die ersten Beeren süß werden, bis die letzte Traube in die Kelter gewandert ist. Ihr saurer Dienst in Hitze und Nässe, obdachlos bis auf den kümmerlichen Schutz ihres Maisstrohschuppens, ist dennoch ein Ehrenamt, zu dem nur die rechtschaffensten Burschen ausersehen werden. Auch haben die gelinden sternklaren Nächte in der freien Höhe, während in den Häusern die Tagesschwüle kaum je verdampft, ihren Reiz, und die Besitzer der Weingüter lassen sich’s angelegen sein, die Wächter mit Wein und Speisen reichlich zu versorgen, um sie bei Kräften und guter Laune zu erhalten.
Es schien jedoch dieses Mittel bei dem finstern Burschen, dem wir uns genähert haben, nicht anzuschlagen. Er hatte den Krug mit rotem Wein, das Brot und die großen Schnitte geräucherten Fleisches, die ihm eben erst zur Mittagskost ein kleiner Knabe heraufgeschleppt hatte, unberührt neben sich stehen auf dem platten Stein, der seinen Tisch vorstellte. Eine sehr kleine geschnitzte Pfeife mit silbernem Kettchen war ihm schon lange ausgegangen, und trübsinnig verbiss er die Zähne in das weiche Holz. Er mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt sein, der Bart krauste sich leicht um Kinn und Wangen, die scharfen Züge des Gesichts deuteten auf frühe Leidenschaften; die Stirn aber war, nach der Landessitte, von den Haaren verhängt, die, früh schon dicht über den Augenbrauen abgeschnitten, sich in einzelne Locken gewöhnt hatten und um Schläfe und Nacken ebenfalls gelockt herabhingen. Das gab dem Kopf alle Jugendfrische zurück, die ihm die Schatten unter den dunklen Augen zu nehmen drohten.
Ein langsamer Schritt, der sich unten auf dem Fußsteige näherte, machte, dass er plötzlich aufstarrte, den Hut aufsetzte und die Hellebarde ergriff. Man konnte jetzt sehen, dass sein Wuchs hinter dem landüblichen etwas zurückgeblieben war, immer noch stattlich genug und durch das schönste Ebenmaß der gewölbten Brust und der straffen Schenkel auffallend auf den ersten Blick. Nur der Kopf schien fast zu klein geraten und Hände und Füße gar mit einem Weibe ausgetauscht. Geräuschlos glitt die schmiegsame Gestalt unter den Gewölbegittern entlang, ohne auch nur eine Traube zu streifen, und spähte vom nächsten Felsenvorsprung hinunter auf den Weg.
Eine schmale, schwarzröckige Figur mit hohem, sehr abgetragenem Filzhut kam die breite Gasse zwischen Weinberg und Wiese dahergewandelt, im Schatten der Weidenbäume, ein offenes Buch in den gefalteten Händen, über das hinaus der Blick zufrieden und unbegehrlich nach den schönen Trauben schweifte. Auch ohne den langen Rock, der fast zu den Knöcheln der schwarzen Strümpfe herabreichte, hätte jeder in dem bedächtigen Spaziergänger alsbald die geistliche Person erkannt, und zwar an einigen der liebenswürdigsten Züge, die der großen und mannigfaltigen Gattung unter gewissen Himmelsstrichen eigen sind. Damals war der heftige Parteienhader zu Gunsten der Glaubenseinheit in dem gelobten Lande Tirol, wo die Milch des Glaubens und der Honig des Aberglaubens so lauter fließen, noch eine unerhörte Sache, und selbst die Hauptstadt des alten Burggrafenamts Meran, in der vorzeiten mancherlei Regungen eines neuen Geistes unliebsam die Ruhe gestört hatten, war wieder in tiefen Frieden zurückgesunken. Also hatten die Diener der Kirche keine Ursache, ihren Hirtenstab als Waffe zu schwingen, und konnten mit aller Gemütsruhe die idyllischen Tugenden ihres Standes pflegen. Damals begegnete man nicht selten jenen bescheidenen geistlichen Gesichtern, auf denen eine gewisse Verlegenheit über ihre eigene Würde deutlich zu lesen war, eine stete Sorge, der Majestät des lieben Gottes, dessen Kleid sie trugen, nichts zu vergeben, und doch ihren ungeweihten Mitgeschöpfen nicht allzu unnahbar feierlich gegenüberzustehen.
Der freundliche kleine Herr im schäbigen Hut war nun auch freilich keines der hohen Kirchenlichter, sondern nur ein Hilfspriester an der Pfarrkirche von Meran, der täglich um zehn Uhr eine Messe zu lesen hatte und dafür, außer einem Stübchen in der Laubengasse und einigen andern Emolumenten, einen Gulden täglicher Einkünfte besaß. Das Volk, das ihn seines milden Gemütes wegen sehr in Ehren hielt und nächst den Kapuzinern ihm das größte Vertrauen zuwendete, nannte ihn nicht anders als den »Zehnuhrmesser« und bewies ihm auf mannigfache Art seine Gunst. Es war kein Haus weit und breit, wo, wenn er ansprach, nicht der Weinkrug und irgend ein Imbiss auf den Tisch gestellt wurde, sodass es dem wackeren Mann gelungen war, im Laufe der Zeit zwar nicht die natürliche Hagerkeit seines Wuchses zu verbessern, aber wenigstens der Würde seiner Erscheinung durch ein schüchternes Bäuchlein aufzuhelfen. Dasselbe nahm sich, da es sich mit dem übrigen Zuschnitt der Figur nur um Gotteswillen vertrug, für ein profaneres Auge spaßhaft aus, wie es schief und ängstlich unter dem dünnen Rocke festgeknöpft saß. Aber zu dem bescheidenen Ausdruck des Gesichts stimmte die verlegentliche Bürde ganz wohl, und es fiel keinem seiner Beichtkinder ein, diesen Spätling der Natur zu belächeln. Auch wusste niemand dem Herrn Zehnuhrmesser eine Unmäßigkeit nachzusagen, es sei denn etwa im Almosenspenden. Denn dass man allerorten sich beeilte, ihn mit dem Besten aus dem eigenen Weinberg zu bewirten, lag zum Teil an dem Rufe, dessen er genoss, als sei viele Stunden weit keine weltliche oder geistliche Zunge besser imstande, die Güte des Weins zu schätzen, seine Dauerhaftigkeit zu bestimmen, und in Fällen, wo ihm durch ein kleines Mittelchen aufzuhelfen war, das richtige anzugeben. »Eine Weinzunge haben wie der Zehnuhrmesser«, war noch geraume Zeit das Ehrenvollste, was man von einem Kenner zu rühmen wusste.
Unter den mancherlei Gaben und Tugenden unseres Ehrenmannes war aber der Mut nicht eben die stärkste. Seine Nerven, obwohl er aus einer Bauernfamilie im Passeier stammte, die zu Hofers Kriegen manchen tapferen Schützen geliefert hatte, ließen seine leicht erschütterte Seele bei jeder unversehenen Probe im Stich, außer wo es eine fremde Seele zu retten oder sonst eine hohe Gewissenspflicht zu erfüllen galt. Auch dann zog er es vor, seiner moralischen Kraft erst mit einer physischen Stärkung nachzuhelfen, und sorgte dafür, dass ein mäßiges Fässchen voll weißem Terlaner, dem er am meisten begeisternde Wirkungen zuschrieb, im Keller seines Hauses niemals ganz versiegte. Heute nun, da er von einem Krankenbesuch im Dorf Algund ohne Labung zurückkehren musste, war er keiner starken Prüfung gewachsen und erschrak aufs heftigste, als plötzlich dicht neben ihm eine dunkle Gestalt hoch von der Weinbergsmauer herabsprang und auf ihn zustürzend seine Hand ergriff.
Gelobt sei Jesus Christus! sagte er, am ganzen Leibe zitternd.
In Ewigkeit! antwortete der Bursch.
Du bist’s, Andree, mein Sohn? Hab’ ich doch gemeint, der böse Feind komme mir mit Macht über den Hals, der ja im Weinberge des Herrn herumschleicht, zu sehen, wen er verschlinge. Nun, nun, wenn man so in Gedanken und Meditationen schwebt, kann’s einem schon begegnen, dass euer Hut einem wie das Hörnerhaupt des Leibhaftigen vorkommt. Bist also hier, Andree? Das ist ja wohl dein eigener Grund und Boden, den du hütest, ich meine, deiner Mutter?
Des Burschen Augen wurden finsterer, und das Blut stieg ihm ins Gesicht. Da sei Gott vor, sagte er, dass ich den Fuß setzte in die Güter meiner Mutter. Seit sie mir zu Lichtmess den Schlag ins Gesicht gegeben hat, weil sie meint’, ich hätte Feuer im Stadel angelegt, bin ich nimmer ihr Sohn und betrete ihre Schwelle weder bei Tag noch bei Nacht.
Der geistliche Herr besann sich jetzt erst, dass er einen wunden Fleck berührt hatte. Er schüttelte ernsthaft und mitleidig den Kopf und sagte: Ei, Andree, du sprichst, wie es keinem guten Christen geziemt. Hat nicht unser Herr am Kreuz seinen blutigen Feinden verziehen, und ein Sohn sollt’ es seiner Mutter nachtragen, wenn sie ihn auch ungerecht gezüchtigt hat? Ich weiß wohl, dass es dir hart ankommen mag, und dass jenes Mal, wo die Mutter sich vergessen hat, nicht das erste Mal war. Aber sieben mal siebzigmal sollen wir verzeihen, Andree. Hast du das schon vergessen seit der Kinderlehre?
Nein, Hochwürden, erwiderte der Jüngling fest. Ich hab’ mir’s auch angelobt, an jenen Tag nimmer zu denken und kann’s über mich bringen, solang ich vom Hause fernbleibe. Aber wenn ich zurückkäme, würde mich die Mutter selbst daran mahnen, weil sie mich hasst und nur darauf sinnt, wie sie mich plagen und tratzen mag. Sie wird mir auch mein Erbe entziehen im Testament, selbiges weiß ich gewiss, und frage nicht viel danach. Ich werd’ auch ohne das nicht verkommen, und gönn’ es wohl meiner Schwester. Aber geschieden sind wir, und da kann keiner was dazu tun. Ich hab’ mich beim Steirer verdungen, drüben in Gratsch, als Großknecht, und heuer mach’ ich den Saltner und hab’ mein Auskommen, ohne einen Kreuzer von Haus. Aber die Mutter könnte mir sieben Boten schicken und mich mit vier Rossen zurückholen wollen, ich ginge nicht. Es hat alles einmal ein End’.
Der kleine Priester sah nachdenklich vor sich hin und schien der Meinung, dass es geratener sei, die Dinge gehen zu lassen, anstatt noch weiter mit geistlicher Mahnung einzugreifen. Er betrachtete jetzt mit kundigen Augen die Reben oben über der Mauer und sagte:
Der Steirer hat wohlgetan, statt der Bratreben, die sonst hier standen, die Hertlinger anzupflanzen. Sie sind noch jung, aber im nächsten Jahr werden sie das Doppelte tragen.
Die stehen nur hier am Rande, erwiderte der Bursch. Droben ist meist roter Farnatsch und einiges von Geisaugen dazwischen. Was er drüben hat, unterhalb Dorf Tirol, sind rote Ferseilen, aber er wird sie heuer ausnehmen und Setzlinge pflanzen, denn sie haben sich schier zu Tod getragen.
Auf wie viel Uhren rechnet ihr beiläufig?
Einhundertundvierzig bis -siebzig immerhin.
Wie steht dir das Saltnern an, Andree? Es mag hart werden auf die, Länge.
Ha, es passiert, Hochwürden. Noch spür’ ich’s nicht in den Gliedern.
Hast auch bei Nacht fein die Augen offen?
Die meinigen wohl. Aber sind nur zwei, und ich müsst’ ein Dutzend haben, um allerorten zugleich nachzuschauen. Die Weißröcke fangen wieder an, bei Nacht herumzufuragieren; die Weinbeeren sind ihnen grad saftig genug, um ihr Kommissbrot anzufeuchten. Und es kommen ihrer immer viele auf einmal, aber einzeln, und wenn wir einen fassen, haben indes die andern das Feld frei, und es hilft uns nichts, vorm Hauptmann ist doch kein Recht zu erlangen.
Die Stadt sollte sich beklagen.
Ja die Stadt! Da müssten wir Zeugen und Beweise schaffen. Aber wer will’s beschwören, wenn wir am Morgen ganze Strecken lang die besten Trauben gestohlen und links und rechts die Reben wie ein Unkraut mit dem Säbel zerhauen finden aus Wüstheit und Schadenfreude, dass das nur die Soldaten getan haben können? Fassen wir einen am Kragen, so weiß er so wenig von Weinbeeren wie’s Kind im Mutterleib. Da bleibt nichts, als ihn auf eigene Faust Spießruten laufen zu lassen, dass er’s Wiederkommen vergisst. Den nächsten aber, den hängen wir, mein Eid! an den Beinen auf, da mag er bis an den lichten Morgen in der Luft exerzieren.
Es sind arme Teufel, Andree, und die Versuchung ist groß. Ihr solltet’s menschlich mit ihnen machen.
Machen sie’s denn nicht wie die Bestien? Da seht, Hochwürden – und er wies auf eine Rebe, die glatt mitten durchgeschnitten war, dass das Laub schon welk und gelb an den Ranken hing – das Herz blutet einem, so ein gesundes, friedliches Gewächs, das nur auf der Welt ist, um seinem Herrn das Fass zu füllen, von den Hundsföttern verheert zu sehen, aus purer Niedertracht, uns zum Possen. Find’ ich einen einmal beim Werk, so gnad’ ihm Gott!
Er schüttelte, in der Richtung nach der Stadt, drohend die Hellebarde und bohrte sie darin heftig in den Sand.
Der geistliche Herr schrak leicht zusammen, vergaß aber seiner Würde nicht und sagte: Ich will mit dem Hauptmann sprechen, heute noch, dass er strenger drauf sieht, nach dem Zapfenstreich keinen Mann aus der Kaserne zu lassen. Du aber bezähme deine Hitze, mein Sohn, und bedenke, dass du hier im Dienste der Obrigkeit stehest und das Gericht ihr überlassen sollst. Behüt dich Gott, Andree. Ich gehe heute wohl auf Goyen hinauf, zum Hirzer. Hast mir was aufzutragen an den Franz oder die Rosina? Einen Gruß etwa?
Nein, Hochwürden. ’s ist immer noch beim alten zwischen dem Bauern und mir. Er will nichts von uns wissen, so frag’ ich ihm nichts nach. Die andern sind ganz rechtschaffen, möcht’ ihnen beim Vater keinen Verdruss machen, indem ich sie grüßen ließ’. Aber wenn Ihr etwa meiner Schwester begegnet – nein, auch der sagt nichts, es war nur ein Einfall.
Rasch, wie um seine Verwirrung zu verbergen, bückte er sich nach der Hand des Priesters, küsste sie ehrerbietig und schwang sich an dem langen Hellebardenschaft auf die Mauer zurück, wo er sogleich hinter dichtem Rebenlaub verschwand.
Kopfschüttelnd setzte der Zehnuhrmesser seinen Weg fort, und das Gespräch mit dem Jüngling beschäftigte sein menschenfreundliches Gemüt noch eine geraume Zeit. Aber die lange, tägliche Übung einer ausgebreiteten Seelsorge und die geistliche Pflicht, das Öl der Geduld in eigene und fremde Stürme zu träufeln, hatten den schärfsten Stachel des Mitgefühls bereits abgestumpft. Es ahnte ihm nicht von fern, wie es jetzt im Innern des Burschen aussah, der oben bei seiner Maishütte lag, das Gesicht gegen den Felsboden gedrückt, als wollte er sich bei lebendigem Leibe in den Schoß der Mutter Erde vergraben, um vor einem übergroßen Kummer Zuflucht zu finden.
Eine volle Stunde mochte er so gelegen haben, zuletzt durch einen mitleidigen Halbschlaf von seinen hilflosen Gedanken erlöst, als ein helles Lachen, das unten am Weg erscholl, ihn jählings erweckte. Einen Augenblick lag er still, sich zu besinnen, ob er’s nicht etwa geträumt habe. Aber eine helle Stimme drang zu ihm herauf und dasselbe unschuldig trillernde und girrende Mädchenlachen, das sich von fern fast wie der Gesang eines Vogels ausnahm. Im Nu war der Jüngling aufgesprungen und an ein Lugloch gestürzt, das den Blick hinunter freiließ. Auf dem nämlichen Weg unter den Weiden, den der geistliche Herr vorhin gewandelt war, kam, diesmal aber von der Stadtseite, ein Mädchen, das nicht über siebzehn Jahr sein konnte, blond, eher klein als groß, in der dunklen, schwerfälligen Landestracht. Aber die Bewegungen der zierlichen Gestalt, so langsam und behaglich sie einherschritt, waren so leicht und anmutig, dass jedes Auge ihr unwillkürlich folgen musste. Sie hatte die Hände ruhig ineinandergelegt, wie es die Art der Mädchen hier zu Lande ist, wenn sie nichts zu tragen haben. Der runde Kopf aber blieb keinen Augenblick still auf dem schlanken Nacken, sondern wendete sich wie bei einem Vogel rastlos nach allen Seiten, am häufigsten freilich zu ihrem Begleiter, über dessen scherzhafte Reden sie beständig in ein neues Lachen ausbrach. Das war ein gewandter, rühriger Gesell, dem die leinene Soldatenjacke, die eng anschließenden blauen Hosen und die schiefe blaue Kappe ohne Schirm nicht übel standen. Sein dunkles Gesicht und die schwarzen Augen verrieten das welsche Blut. Auch hatte er große Mühe, sich dem Mädchen in seinem gebrochenen Deutsch verständlich zu machen. Aber schon der Klang seiner verstümmelten und verwelschten Worte schien sie höchlich zu belustigen. Mehrmals warf er forschende Blicke in der Gegend umher. Einen Bauern, der ein Kalb mit Hilfe seines Hundes nach dem nächsten Dorfe trieb, ließ er mit absichtlichem Zögern vorankommen, und jetzt, da derselbe um die Ecke des Weges verschwunden war, rüstete er sich offenbar, mit dem Mädchen etwas handgreiflicher anzubinden, als sein spähendes Auge plötzlich die drohende Gestalt des Weinhüters entdeckte, der aus der Öffnung des Weinganges herausgetreten war und mit erhobener Waffe, noch sprachlos, hinunterwinkte.
Der Welsche stand unschlüssig still. Auch das Mädchen hemmte den gleichmütigen Schritt und sah hinauf. Guten Nachmittag, Andree! rief sie ohne jede Verlegenheit. Es ist mein Bruder, setzte sie, zu dem Soldaten gewendet, hinzu. Macht, dass Ihr fortkommt; er versteht keinen Spaß.
Der Soldat schien den wohlgemeinten Rat vollkommen zu würdigen, aber durch die Entfernung seines Feindes sich einstweilen noch sicher zu fühlen. Nix Furcht, Fralla, sagte er; ihm geben Kreizer a comprar tabacco; dann still sein, gut Freund. –
Er griff in die Tasche und holte eben seine geringe Barschaft heraus, als er die donnernde Stimme des Burschen droben vernahm: Zurück, Soldat, oder der Spieß fliegt dir an den Kopf, dass du bei Nacht und Tag das Wiederkommen vergisst.
Der Welsche stand wie angewurzelt und maß den Weinhüter mit einem wütenden Blick.
Deutsche Bär! murmelte er zwischen den Zähnen. Maledetto!