Paul Heyse

Marion

Marion

(1852)

Zur Zeit als der heilige Ludwig in Frankreich die Krone trug, war die gute alte Stadt Arras um sechshundert Jahre jünger als heutzutage. Dass sie aber tausendmal lustiger war, hatte sie außer ihrer Jugend vor Allem der edeln Poetenzunft zu danken, die in ihr hauste und durch Lieder und Mirakelstücke und kurzweilige gereimte Romane den Ruhm ihrer Vaterstadt weit über das schöne Frankreich verbreitete.

Nun war es im frühen Frühling, dass in einem Gärtchen zu Arras hinter dem Haus eines dieser wackeren Poeten ein junges Weib beschäftigt war, Reben an das Geländer zu binden. Sie war zierlich gewachsen, von jener feinen, behaglichen Fülle, die ein friedliches Gemüt anzuzeigen pflegt, und gar anmutig von Gesicht. Stille schwarze Augen ließ sie dann und wann über den Garten schweifen, als wüssten sie weder von Freud’ noch Leid. Aber ihre Hände feierten und träumten nicht. Nach der Sitte wohlhabender Bürgerinnen trug sie das blonde Haar mit mancherlei künstlichem Bänderschmuck geziert, den Rock aber aufgeschürzt, der Arbeit und wohl auch den hübschen kleinen Füßen zu Gefallen.

Wie nun das schöne Geschöpf in feiner gleichmütigen Tätigkeit schon tiefer in das Gärtchen vorgeschritten war, erschien in der Tür des Hauses, die nach dem Garten offen gestanden, ein Mann, der an Gestalt und Wesen einen auffallenden Gegensatz zu dem jungen Weibe machte. Er war von mittlerem Wuchs, lebhaftem Blick und unregelmäßigen Zügen. Sein schwarzes Mäntelchen verdeckte schlecht die linke hohe Schulter, und seine Beine waren in sehr ungleichem Stil gebaut. Aber die ganze zusammenhanglose Gestalt wurde durch Raschheit und Lebendigkeit der Bewegung in Fluss gebracht, und um den Mund spielte ein Zug, der ihn im Spott gefährlich und in der Freundlichkeit hinreißend machen musste.

Der Mann sah eine Weile der einsamen Gärtnerin zu und schien sich ihrer Schönheit zu erfreuen. Er wiegte unschlüssig den Kopf. Endlich drückte er den barettartigen Hut mit der grünen Hahnenfeder tiefer in die Stirn und schritt hastig der Schönen nach.