Anna Woltz
SONNTAG, MONTAG,
STERNENTAG
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Mit Bildern von Lena Hesse
Der neue Nachbarsjunge
Es fing an einem Freitag an. Oder nein, warte. Erst mal
solltest du wissen, wer ich bin. Ich heiße Nora und ich
bin Erfinderin. An meinem Zimmer kann man das sehr
gut sehen. Und an mir meist auch.
Letzte Woche brannten meine Haare ein wenig. Und
aus meinem schönsten Pulli habe ich Flügel geschnitten.
Ich wollte unseren Hund Bruno fliegen lassen. Aber
Bruno hatte keine Lust dazu. So erzählte ich das auch
Papa und Mama.
»Bruno wollte nicht fliegen.
Darum ist er abgestürzt. Es lag
nicht an den Flügeln. Die
waren richtig gut.«
Früher haben meine Brüder
mich immer ausgelacht.
Wenn ich sagte, ich sei Erfinderin,
dann klangen sie wie Esel.
Nicht, weil sie Esel nachmachen wollten. Meine Brüder
lachen nun einmal so. Ie-aaa ie-aaa ie-aaa!
Aber dann habe ich eines Tages einen Drachen er-
funden. Einen mächtig großen, in den ich selbst rein-
passte. Er hatte Taschenlampen als Augen und einen Föhn
im Bauch. Mit einer Kordel zog ich sein Maul auf. Und
dann schaltete ich den Föhn ein.
Rote und silberne Aluminiumstreifen fingen an zu
flattern.
Feuer.
Wenn ich es so erzähle, klingt es nicht so richtig
gruselig.
Aber du kannst es mir wirklich glauben!
Wenn du im Dunkeln die Treppe raufgehst, und dann
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funkeln da plötzlich Augen ... Und da ist Getöse ... Und
die Flammen schlagen dir ins Gesicht ... Dann klingst du
nicht mehr wie ein Esel, sondern wie ein kleines Baby.
Ich saß im Bauch des Drachen und ich hörte meine
Brüder heulen und jammern.
Und zitternd nach Mama rufen.
Haha. Ich bin Nora, und ich bin Erfinderin.
Jetzt aber:
Mein neuer Nachbarsjunge
Es fing also an einem Freitag an.
Ich kam aus der Schule und konnte nicht mehr in
unser Haus rein. Ein riesiger Umzugswagen parkte vor
unserer Tür.
Die Ladeklappe war offen, sodass man genau in
das Maul des Wagens schauen konnte. Und der gesamte
Gehweg stand voller Kartons und Matratzen.
Ich fand es großartig.
Es ist doch langweilig, immer einfach in sein eigenes
Haus reinzukönnen, oder?
Die Sonne schien, es war schön warm.
Ich setzte mich auf den Gehweg und holte ein Brot aus
meiner Tasche. Ich habe immer eins extra dabei, falls ich
mal entführt werde.
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Ich lehnte gegen eine große, schwarze Kiste.
Und dann sah ich den Jungen. Er stand hoch über mir,
im Maul des Wagens. Seine Haare waren dunkel und
standen zu allen Seiten ab. Er schaute wütend zu mir.
»Hallo«, sagte ich mit vollem Mund.
»Wohnst du jetzt hier?«
Mit einem Satz sprang er neben mich auf den Gehweg.
»Geh weg da«, sagte er leise.
»Warum?«
Seine Augen blitzten.
»Geh weg da«, wiederholte er.
»Der Fußweg gehört allen, weißt du«, sagte ich.
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»Aber diese Kiste gehört mir.«
Er zeigte auf das schwarze Ding hinter meinem
Rücken.
»Was ist da drin?«, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf und schwieg.
Ich schaute zu der Kiste und wollte sofort eine Brille
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