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© 2020 Ariana Lambert
Annaville
Dundrum Road
Dublin 14
Ireland
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lambert@ariana-lambert.de
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Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 9783751963060
Meinem Mann
Ein wundervoller, nahezu perfekter Tag neigte sich dem Ende.
Es dämmerte. Die untergehende Sonne ließ einen dunkelroten Schleier über dem noch annähernd als blau zu erkennenden Abendhimmel zurück. Die Welt um sie herum schien sich auf den Abend vorzubereiten, den vergangenen Tag mit all seinen Ereignissen Revue passieren zu lassen. Stille umgab sie.
Nicht die Stille im eigentlichen Sinne, sondern eher dieses Gefühl von Ruhe, wie es nur Städter empfinden können: obwohl die Singschwäne auf den entfernten Feldern ihr abendliches Konzert einstimmten, ein Greifvogel über ihren Köpfen beim Anblick eines im Feld huschenden Abendmahls vor Freude schrie, und das nicht sehr entfernte Rauschen des Wassers überdeutlich zu hören war, wenn das Fließ an einem Wehr den Abhang hinunter fällt, empfanden Ellen und Peter dies hier als Stille. Dies war der Grund, warum sie sich gern um diese Tageszeit hier aufhielten.
Durch Berlin hallten in diesem Augenblick der Lärm der allabendlichen Rush Hour, der Tausenden von Autos auf dem Heimweg mit ihren hupenden, vor Stress schimpfenden Insassen, das Quietschen der Kräne und anderen Maschinen auf den Baustellen, die in nahezu jeder Straße der Millionenmetropole zu finden waren.
Aus diesem Grunde empfanden nicht nur die beiden Verliebten den Lärm vom Land schlicht als ersehnte und beruhigende Erholung. Jedes Jahr zog es mehr Urlauber aus der Stadt und in das einmalige Naturgebiet des Spreewalds.
Selbst der melodische, aber überlaute Gesang der Amsel, die gerade auf Paarungssuche alles aus ihrer Kehle herausholte, störte nicht ihr Empfinden der absoluten Ruhe und Zufriedenheit.
»Ich liebe dich«, flüsterte Ellen ihrem Frischvermählten ins Ohr. Eng umschlungen spazierten sie nun seit fast zwei Stunden entlang von Feldern, durch kleine Wäldchen, deren Baumkronen schon mit einem Hauch von Grün überzogen waren und längs sachte dahin gleitender Fließe, wie die für den Spreewald typischen Flussarme der Spree genannt werden, bevor sie anschließend zum Dinner in ihr Resort zurückkehren würden. Ein allabendliches Ritual in ihrem einwöchigen Urlaub in einem der schönsten Dörfer südlich von Berlin, welcher nur ein Vorgeschmack auf die tatsächlichen Flitterwochen im nächsten Jahren sein sollte. Für die geplante vierwöchige Reise nach Australien mussten sie noch ein gutes Jahr sparen. Außerdem hätte Ellen im Moment nicht vier Wochen dem Büro fernbleiben können. Für den Augenblick war ihnen eine Woche Spreewald angemessen erschienen, finanziell nicht wesentlich belastend, nur eine gute Stunde von Berlin entfernt. Morgens lange schlafen, tagsüber Golf spielen, Fahrradtouren, gutes Essen, und am Abend spazieren gehen. Perfekt.
»Ich liebe dich auch. Bist du glücklich?«
Peter vergewisserte sich, denn ein wenig plagte ihn das schlechte Gewissen, da er seiner Angebeteten nicht heute schon Australien bieten konnte.
»Natürlich.« Ellens Antwort klang ehrlich und Peter verscheuchte wieder und wieder aufkommende Zweifel gleich. Warum sonst hätte sie ihn heiraten sollen, wenn sie ihn nicht liebte? Es lag einfach in seiner Natur, das Gute zu hinterfragen und vorsichtig zu sein, wenn etwas zu gut war. So wie diese Frau, die ohne Zögern »Ja« gesagt hatte, als er sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten mochte. Die Überlegungen im Vorfeld dieses Schrittes waren ebenso geprägt gewesen von Zweifeln und der Angst, es wäre noch zu früh. Schließlich kannten sie sich erst seit einem knappen Jahr.
Tief in Gedanken versunken, bogen sie von der Straße auf einen Sandweg ab, der weniger die Bezeichnung eines Weges verdiente, sondern augenscheinlich nur als abgelegener Trampelpfad benutzt wurde. Tiefe Schlaglöcher bildeten unansehnliche braun-graue Pfützen oder Schlammlöcher, die die Liebenden geschickt umgingen. Nach einigen Schritten kamen sie an einen kleinen See. Ruhig und nahezu unbewegt wie eine Spiegelfläche lag die Wasseroberfläche vor ihnen. Mit noch braunem und unschön anzuschauendem Schilf umsäumt, welches sich im leichten Wind kaum merklich bewegte. Langsam schob sich undurchdringlicher Nebel aus dem Schilf auf den See und legte sich über das Wasser, als wolle er es zudecken. Peter entdeckte am Rande des Sees, zwischen dem braunen, dichten Schilf - dennoch gut zu erkennen - einen Nutria. Das auf den ersten Blick einem Biber ähnlich sehende Nagetier beachtete die beiden Spaziergänger nicht, sondern stupste hochkonzentriert mit seiner Nase durch das zum Teil schon frische, grün und saftig wirkende Gras. Gerade wollte Peter seine Frau auf die putzige Entdeckung aufmerksam machen, als diese umvermittelt stehen blieb, den Blick starr nach vorn gerichtet.
»Was hast du?«, fragte er sie, erschrocken über den beunruhigenden Ausdruck in ihrem Gesicht, und verfolgte im gleichen Moment ihren Blick. Dann sah er es auch und ihm blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen.
»Was ist das?« Nicht mehr als ein Flüstern verließ seine Kehle. Er traute sich nicht, ein lautes Wort zu verlieren, aus Angst, das Wesen zu verschrecken.
Ein Wesen.
Oder ein Engel?
Keine zwanzig Schritte vor ihnen stand eine schimmernde Gestalt. Nicht groß. Zierlich. Sie erinnerte allenfalls an ein Kind. In einem weißen, fast durchscheinenden Kleid. Es wehte sachte im leichten Wind. Das letzte Licht der untergehenden Sonne ließ das Wesen beinahe durchsichtig erscheinen. Es stand einfach da und starrte auf das ruhige Wasser. Es bemerkte die Spaziergänger nicht.
»Ein Geist«, sprach Ellen laut aus, was ihnen beiden im Moment durch den Kopf ging. Nur hatte Peter sich nicht getraut, es laut auszusprechen.
Spielten ihnen das Dämmerlicht, der Nebel und die Mystik der Umgebung einen Streich?
Als wären sie von dem Anblick gebannt und unfähig sich zu bewegen, standen sie nebeneinander, die Figur vor sich anstarrend. Wenn Peter es nicht besser wüsste, hätte er behauptet, alles um ihn würde in Zeitlupe ablaufen.
»Warte«, flüsterte Ellen ihm zu, als Peter sich anschickte, langsam in Richtung ihrer Beobachtung zu gehen. Ohne sich zu seiner Frau umzudrehen, winkte er ab und ging stetig, aber übertrieben langsam, einen Fuß vor den anderen setzend den Schotterweg weiter. Seine Neugier trieb ihn an.
Unter seinen Füßen knirschten die kleinen Kieselsteine und die Geräusche erschreckten plötzlich das geisterhafte Wesen. Es schaute ihm direkt ins Gesicht.
Große, runde, dunkle Augen sahen ihn an. Wie die von einem Kind. Die Pupillen schienen auf unnatürliche Weise geweitet.
Peter erstarrte.
Was - zum Teufel - war das?
Einen kurzen Augenblick standen sie sich, nur wenige Meter voneinander entfernt, gegenüber und fixierten sich.
Peter gestattete sich einen Blick über die Schulter zu seiner Frau, die unbewegt einige Schritte hinter ihm stand, beide Hände vor Schrecken an den Mund gelegt. Hinter den fest geschlossenen Fingern stieß sie einen kurzen, aber schrillen Schrei aus und als Peter sich wieder nach vorn drehte, erblickte er nur noch das davon schwebende, weiße Nachthemd, das zwischen den Büschen und Sträuchern verschwand.
»Und obwohl sie schon seit fast zehn Jahren tot ist, erzählen die Leute immer noch, sie in ihrem weißen Nachthemd am Steg gesehen zu haben.«
Hanka erkannte die kratzige Stimme ihres Sohnes sofort. Er würde in wenigen Wochen sechzehn Jahre alt werden und befand sich - gefühlt - seit zwei Jahren im Stimmbruch. Meistens sprach er mit einer tiefen, leicht heiseren Stimme, jedoch war ein krächzender Unterton herauszuhören, wenn er aufgeregt sprach. Wie gerade.
»Wenn du nicht aufpasst, packt sie dich und zieht dich mit ins Schilf. Besonders gefährlich ist es bei Nebel«, fuhr er fort und Hanka überlegte angestrengt, was er seinen Geschwistern erzählte. Sie nahm die letzten beiden Stufen ins Obergeschoss mit einem Schritt und stand in dem dunklen und engen Flur, von dem aus ihre Schlafzimmer abgingen. Die Tür des Kinderzimmers, das sich ihre beiden Kleinsten teilten, stand einen Spalt offen, schummriges Licht fiel in den Flur, vermutlich von der kleinen Schreibtischlampe, die am Fenster stand.
»Es heißt, manche Menschen seien auf Nimmerwiedersehen verschwunden.«
Jetzt konnte Hanka ein scharfes Einatmen vernehmen, das sich anhörte, als würde jemand vor Schrecken die Luft zischend einziehen. Sie wusste auch, dass dieses Atmen ihrem kleinen Sohn gehörte und stieß ärgerlich die Tür auf.
»Henri, was soll das? Du machst den Kleinen Angst.« Beide Hände vor Empörung in die Hüften gestemmt, stand sie in der Tür des kleinen Zimmers und schaute auf ihre drei, am Boden sitzenden Kinder hinab. Wie erwartet, saß Justus völlig verängstigt mit dem Rücken an den Schreibtisch gelehnt, die Ecke seiner Kuscheldecke mit beiden Händen vor sein Gesicht haltend. Ella saß im Schneidersitz neben ihm und hatte einen Arm um die Schultern ihres kleinen Bruders gelegt. Ihr großer Bruder erzählte ihnen Schauergeschichten; eine seiner liebsten Beschäftigungen seit Kurzem.
»Henri, was habe ich dir gesagt?«, begann Hanka in Richtung ihres Großen blickend, während sie zu ihrem Kleinen ging und ihn behutsam hochhob.
»Aber Mama …«, begann Henri sich zu rechtfertigen, »… es ist die Wahrheit. Ich erzähle ihnen nur, was jeder weiß.«
Hanka schnaubte ein wenig, das Gewicht ihres Sohnes überraschte sie und sie rief sich ins Gedächtnis, dass er mit neun Jahren doch nicht mehr so klein war, und ihr langsam zu schwer wurde.
»Das ist doch Unsinn. Niemand packt irgendwen und schleppt ihn dann weg. Niemand verschwindet.«
»Aber Mama …«, setzte Henri erneut an, kam aber sofort zum Schweigen, als Hanka ihm einen warnenden Blick zuwarf, der ihm bedeutete, augenblicklich den Mund zu halten. Henri verstand diesen Blick sofort.
Justus schlang seine Arme um ihren Hals und sie trug ihn - so schwer er auch war - aus dem Zimmer heraus. Beim Gehen warf sie noch einen Blick über die Schulter in Richtung ihrer Tochter. »Ella, ab ins Bett!«
Diese kam der eindeutigen Ansage ohne Widerworte nach, stand auf und kroch in ihr Bett.
Sie brachte das einigermaßen verängstigte, aber todmüde Kind zu sich ins Schlafzimmer, machte die kleine Nachttischlampe neben ihrem Bett an und streichelte ihrem Sohn die Haare. Schon immer konnte diese Art mütterlicher Zuwendung das Kind in Windeseile beruhigen und zum Einschlafen bringen. Es war, als hätten diese Zärtlichkeiten eine hypnotische Wirkung auf ihn. So auch heute.
»Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut. Henri will euch nur ärgern.«
»Weiß ich doch, Mama. … Darf ich trotzdem heute bei dir schlafen?«, fragte er schläfrig.
Hanka nickte und gab ihm einen Kuss auf die Stirn. »Natürlich, mein Schatz.«
Wie erwartet, dauerte es nur einen Wimpernschlag und er war eingeschlafen. Er könnte heute ohne Bedenken bei ihr im Bett schlafen. Christoph würde erst morgen zurückkommen. Gewöhnlich beanspruchte ihr Mann den Platz neben ihr für sich allein. Er schätzte es nicht, wenn eines der Kinder - unlängst war es nur noch an Justus, gelegentlich den Versuch zu unternehmen, zwischen seinen Eltern zu schlafen - das Bett mit ihnen teilte. Christoph war heute Nacht jedoch nicht da und Hanka würde es sehr geniessen, ihren Kleinsten in ihren Armen halten zu können.
Als Hanka sicher sein konnte, dass Justus fest schlief, schaute sie noch nach ihrer Tochter, der die Geschichten des großen Bruders nicht so sehr zusetzten. Sie war dreizehn und alt genug, um nicht an Geister zu glauben. Im Übrigen vergötterte sie ihren großen Bruder und würde ihm vermutlich sogar verzeihen, wenn er ihr eines der Monster, von denen er so liebend gern erzählte, leibhaftig präsentieren würde.
Ella lag bereits in ihrem Bett und las noch etwas in einer Zeitschrift. Hanka gab auch ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn und wünschte ihrer Mittleren eine gute Nacht. »Noch fünf Minuten, dann machst du das Licht aus, in Ordnung?«, wies sie von der Tür aus noch an.
»Mach ich. Gute Nacht, Mama!« Hanka wusste, sie konnte sich darauf verlassen. Ella war meist die vernünftigste der Kinder.
Als sie schließlich nach unten ins Wohnzimmer ging, zog sie die Strickjacke enger um ihren Körper und sah Henri auf der großen Couch sitzend und wie wild auf seinem Telefon tippend. Er blickte zu ihr auf, als sie sich neben ihn setzte.
»Du kannst doch deinen kleinen Bruder nicht so verängstigen.«
»Es tut mir leid, Mama. Aber er wollte es unbedingt wissen.«
»Was wollte er unbedingt wissen?« Hanka zog die Schuhe aus und die Beine auf das Sofa, dicht an sich heran. Der irische Frühling bescherte ihnen warme, wundervolle Tage, leider jedoch noch kühle Abende, deren Feuchtigkeit bis in die Knochen zu spüren war. Wie die meisten Häuser in Dublin verfügte auch ihres nur über einen kleinen Heizkörper neben dem Fenster, den sie selten anstellten. Es wurde hier selbst im Winter selten so kalt, dass nicht der Kamin ausreichen würde, um für eine angenehme Wärme im ganzen Haus zu sorgen. Heute jedoch war es lange ausreichend warm gewesen und sie hatte noch keine Zeit gefunden, den Kamin anzumachen, was sie in diesem Moment bereute.
»Na, die Geschichten über das Haus, die alte Frau, die da mal gewohnt hat.«
Obwohl sie es besser wusste, lief ein kalter Schauer ihren Rücken hinunter.
»Henri. Es gibt keine Geschichten.« Es war ein Versuch, ihn davon abzubringen, sich dafür zu interessieren.
»Doch, Mama, die gibt es. Du findest sie sogar im Internet. Jeder im Dorf kann dir etwas zu unserem Haus erzählen. Und alle berichten dasselbe. Nämlich, dass die alte Frau verrückt geworden ist und bis heute dort herumgeistert. Es gibt Leute, die haben sie gesehen, obwohl sie schon lange tot ist.« Henri schaute sie mit diesem Blick an, den er immer auflegte, wenn er völlig sicher war, im Recht zu sein. Die Augen waren weit aufgerissen, das Kinn angriffslustig nach vorn gereckt. In diesen Momenten sah er seinem Vater unglaublich ähnlich. Er offenbarte eine Sturheit, die Hanka sofort an ihren Mann erinnerte. Keinen Deut würde er von seiner Meinung abweichen.
Sie wusste sehr wohl, wovon Henri sprach.
»Das sind nur Geschichten.« Sie versuchte, ihn zu beruhigen. Es klang nur halbherzig. Sie selbst hatte von diesen Ereignissen gehört. Schließlich war sie nicht weit entfernt aufgewachsen.
Geschichten von Geistern.Von unerklärlichen Phänomenen.
Von der weißen Gestalt am See.
Geschichten von der Frau.
Von der Frau, die früher auf Caspers Hof gewohnt hatte.
In dem Haus, in das sie in Kürze einziehen würden.
Obwohl sie alle gewusst hatten, dass ihr Aufenthalt in Dublin nur von begrenzter Dauer sein würde, kam die Nachricht von der Rückkehr nach Deutschland doch überraschend.
So war das Leben als Expatriate, als vom Unternehmen ins Ausland Entsandter nun einmal. Vor drei Jahren hatte Christophs Arbeitgeber ihm die Chance gegeben, die Anästhesie-Abteilung des neuen Krankenhauskomplexes in Dún Laoghaire, ganz in der Nähe von Dublin aufzubauen. Es war eine großartige Chance für ihn gewesen. Für seine Karriere. Für die ganze Familie. Die Klinik, für die er in Berlin gearbeitet hatte, hatte ihn und mit ihm Hanka und ihre drei Kinder für drei Jahre nach Dublin geschickt. Große Herausforderungen hatten auf ihn gewartet, ebenso viel Arbeit und hohe Ansprüche an seine Leistungen. Dank seines an Perfektion grenzenden Anspruchs an seine Arbeit und eindeutigen Tendenzen zum Workaholic war er den Erwartungen mit Bravour nachgekommen.
Gleichwohl sorgte sich das Unternehmen seit drei Jahren umfänglich um das Wohl der ganzen Familie: sie hatten ein wundervolles Haus bekommen, die Kinder gingen alle auf eine deutsche-irische Privatschule und Christophs monatlicher Gehaltsscheck ließ nicht annähernd finanzielle Sorgen aufkommen. Hanka konnte die Zeit als Hausfrau und Mutter ohne schlechtes Gewissen genießen. Ihren Job als Anwältin hatte sie ohne Gewissensbisse aufgegeben.
Im Übrigen wäre alles andere schwer zu stemmen gewesen. Die Vorteile der Versorgung der Kinder in Hort und Ganztagsschule, wie sie es aus Berlin gewohnt gewesen waren, wurden ihnen in Dublin nicht einmal annähernd geboten. Insbesondere Justus hätte sie vor schlicht unlösbare Probleme gestellt, denn seine Schule begann halb neun und endete jeden Tag gegen eins. Selbst ein Halbtagsjob wäre für Hanka nur schwer zu realisieren gewesen. Selbst wenn sie die Nachmittagsbetreuung gebucht hätten - was jedoch sogar mit der entsprechenden finanziellen Unterstützung des Arbeitgebers mit nicht unwesentlichen Ausgaben verbunden gewesen wäre - wurden sie immer noch mit zehn Wochen Sommerferien konfrontiert. Sicher wäre alles mit entsprechender Organisation machbar gewesen, doch für Hanka war es wichtig, für die Kinder da zu sein und sie ohne weitere Ablenkung in den für sie wichtigen drei Jahren zu unterstützen. Christoph hatte ihre Entscheidung für die Kinder und gegen ihren Job und die eigene Karriere unterstützt.
Nach drei Jahren war Christophs Arbeit nun getan und sein Arbeitgeber hatte verkündet, ihn zurück nach Deutschland zu holen. Eine neue Stelle als Chefarzt in der Klinik in Bad Saarow war vakant geworden, und keine zwei Monate später war er schon in ihre neue Heimat in den Spreewald gezogen. Hanka blieb mit den Kindern noch bis zum Ende des Schuljahres in Dublin und würde im Juni nachkommen.
»Warum musstet ihr gerade dieses Haus aussuchen? Es sind nicht nur Geschichten.« Henri ließ nicht locker. »Ich will da nicht hinziehen.«
»Ach, Schatz.« Hanka rutschte näher an ihren Erstgeborenen und legte ihren Arm um seine Schultern. »Freust du dich nicht, wieder in der Nähe von Oma und Opa zu wohnen?«
»Schon«, schränkte er ein. So schön es auch war, in Irland zu leben, so waren Besuche bei den Großeltern oder Freunden auf dem Festland immer mit dem Aufwand einer Flugreise verbunden. Man konnte sich nicht einfach mal schnell ins Auto setzen und seine Familie besuchen. Ganz zu schweigen von den Kosten der Reise für eine fünfköpfige Familie, die mit einem einwöchigen Urlaub auf einer griechischen Insel vergleichbar waren. Da musste man abwägen.
»Na siehst du. Es wird dir gefallen. Ich bin ganz in der Nähe aufgewachsen. Glaub mir, es ist ein wundervolles Fleckchen Erde. Ganz anders als Berlin und Dublin. Wir wohnen dort mitten in der Natur. Grüne Wälder, weite Felder, Seen, Fließe. Nachts ist es total ruhig. Du wirst nicht von den Nachbarn gestört, die jeden Abend bis zehn Uhr indisch kochen, dass du dir im Schlafzimmer vorkommst wie in einem Restaurant.« Sie lachte bei der Erinnerung an ihre letzten Nachbarn in Berlin, deren Kochgewohnheiten es unmöglich gemacht hatten, bei geöffnetem Fenster einschlafen zu können. »Weißt du das noch?«, fügte sie in der Hoffnung hinzu, mit etwas Humor Henris Stimmung zu heben. Und tatsächlich glaubte sie, in seinen Mundwinkeln den Anflug eines kleinen Lächelns erkennen zu können.
»Trotzdem.« Augenblicklich verschwand die angedeutete Heiterkeit wieder. »Ich will hier nicht weg.«
Aha, daher weht der Wind. Hanka hatte schon eine Ahnung gehabt, warum Henri sich derart vehement gegen ihre Umzugspläne wehrte. Er wurde bald sechzehn. Nicht das geeignete Alter, um ihn seinen Freunden, der Schule, den Sportvereinen, nicht zuletzt der Freundin zu entziehen.
»Das verstehe ich.« Mit ruhiger Stimme redete Hanka ihm zu. Es zerbrach ihr das Herz, ihr Kind so niedergeschlagen zu sehen. Es blieb ihnen allen jedoch keine Wahl. »Nun, wir haben alle keinen Einfluss auf die Entscheidungen der Klinik. Wir wussten alle, dass Dublin nur eine Etappe sein würde, die allenfalls drei Jahre dauern würde. Wenn ich und dein Vater nicht fest daran geglaubt hätten, dass die Erfahrung nicht nur deinem Vater, sondern uns allen, auch dir, gut getan hätte, wären wir nicht gegangen. Schau nur, wie gut dein Englisch in diesen drei Jahren geworden ist. Du sprichst es perfekt, würde ich behaupten, oder?«
Hanka schaute ihn an, Henri jedoch nur geradeaus. Aber er nickte.
»Und deine Erfolge im Sport. Du musst nur auf den Kaminsims in deinem Zimmer schauen und die Pokale zählen. Hockey, Rugby, Football. Diese Erfolge hättest du in Berlin niemals erreichen können.«
Sport jeder Art nahm einen großen Platz in der Schule ein. Es gab ein reichhaltiges Angebot an sportlichen Nachmittagsaktivitäten. Alle Sportarten absolvierten die Kinder nach dem Unterricht direkt auf dem Gelände der Schule auf professionellem Vereinsniveau. Es gehörte einfach dazu.
Die Iren waren bekannt für ihre Sportbegeisterung und sei es nur als Zuschauer im Pub. In jedem der zahlreichen Pubs der Stadt - und gleiches auch in der Provinz - stand mindestens ein Fernseher, auf dem den ganzen Tag irgendein Match gezeigt wurde. Alle von Henris Freunden spielten zahlreiche der beliebten Sportarten, nahmen regelmäßig an Turnieren teil und konnten beachtliche Sammlungen an Auszeichnungen, Pokalen und Medaillen vorweisen.
Ohne seine Mimik zu ändern, den Blick weiterhin stur geradeaus gerichtet, ergänzte er: »Und Tennis.«
»Und Tennis. Natürlich«, bestätigte seine Mutter.
Eine kurze Weile schwiegen beide und hingen ihren eigenen Gedanken nach.
Plötzlich sah er sie an. »Mama, die Geschichten stimmen dennoch. Ich habe das recherchiert. Unser Haus. Das Haus am See. Caspers Hof. Die alte Frau, die dort mal gewohnt hat, sie war verrückt. Sie lebte ganz allein. Ihre ganze Familie war gestorben. Keiner war mehr da. Ihr Mann und ihr Sohn sind schon im zweiten Weltkrieg gefallen und ihre Tochter ist in den fünfziger Jahren im Fließ ertrunken. Sie war erst elf oder so. Da soll die Frau verrückt geworden sein und gemeint haben, das Haus sei verflucht. Bis zur Jahrtausendwende hat sie dort noch gelebt, bevor sie in ein Pflegeheim gekommen ist. Es heißt, sie wollte nicht, dass andere Menschen in dem Haus wohnen. Das Haus soll wirklich verflucht sein.«
Mit etwas weniger Kontrolle über ihre Reaktion wäre ihr Mund vermutlich offen geblieben. Hankas Überraschung schien ihr gleichwohl ins Gesicht geschrieben, denn Henri bestärkte das eben Gesagte: »Wirklich. Kannst du alles nachlesen.«
»Du meine Güte, Schatz. Wo hast du das denn her?« Derart viele Informationen über das Haus und seine Geschichte waren nicht einmal Hanka bekannt.
Henri verdrehte die Augen genervt nach oben. »Mama.« Es klang einen Hauch vorwurfsvoll. »Das findest du alles im Netz. … Außerdem hat mir Konstantin geholfen. Er hat sich ein wenig umgehört.«
»Konstantin.« Es klang nicht fragend, sondern erklärend. Es überraschte Hanka keineswegs. Sie wußte, dass ihr Sohn sich mit seinem Cousin blendend verstand. Hankas Bruder und seine Frau hatten zur gleichen Zeit wie sie selbst ihr erstes Kind bekommen und hatten in Berlin nicht weit voneinander gewohnt. Die beiden Jungs waren in ihren ersten Lebensjahren praktisch wie Brüder aufgewachsen und bis heute eng miteinander verbunden. Vor einigen Jahren war ihr Bruder ebenfalls zurück in den Spreewald gezogen. Konstantin wohnte heute nur einen Steinwurf von ihrem neuen Haus entfernt.
»Ja, natürlich. Er hat ein wenig rumgefragt. Bei den Nachbarn, im Dorf und so.«
»Okay. Und? Er hat diese Spukgeschichten also erzählt?« Sie müsste ihren Bruder anrufen, notierte Hanka sich in Gedanken.
»Also, weißt du. Es sind keine Spukgeschichten!« Jetzt klang Henri eindeutig nach ihr, wenn sie zum - gefühlt - hundertsten Mal Ella oder Justus etwas erklären musste, weil diese nicht zuhörten oder etwas nicht verstanden. »Jeder in der Straße kennt die Geschichten über die alte Frau, die dort gewohnt hat. Jeder weiß, dass sie verrückt gewesen war und wohl stundenlang im Nachthemd am See gestanden hatte. Und es gibt Leute, die behaupten, sie auch nach ihrem Tod noch am See gesehen zu haben.« So wie Henri diese abstrusen Dinge schilderte, klang es, als würde er über ein geschichtliches Ereignis im Unterricht referieren.
»So, mein Herz. Das mag sein. Vielleicht wohnte dort mal eine Frau. Vielleicht war sie auch verrückt und spazierte im Nachthemd umher. Das mag sein. Aber …« Sie legte eine kurze Pause ein, um sich der vollen Aufmerksamkeit ihres Sohnes sicher zu sein. »Das ist noch lange kein Grund, deinen kleinen Geschwistern zu erzählen, diese Frau würde dort heute noch erscheinen und kleine Kinder mitnehmen.«
Wider Erwarten gab Henri nicht klein bei, sondern sah sie unverändert herausfordernd an. »Also, ehrlich. So klein sind sie auch nicht mehr. Das halten sie schon aus.«
Oje, meine Kinder werden größer. Die Erkenntnis, dass ihr großer Sohn schon so erwachsen klang und sie darauf aufmerksam machte, ihre beiden Kleinen seien nicht mehr so klein, versetzte Hanka einen kleinen Stich in ihr Herz. Das tat es immer, wenn sie sehen oder spüren konnte, wie ihre Babys erwachsen wurden. Sie ließ sich gleichwohl nicht beirren, denn wenigstens Justus war noch ein kleines Kind. Basta.
»Justus ist neun. Er fürchtet sich, wenn du ihm so etwas erzählst. Er himmelt dich an und nimmt jedes Wort von dir als bare Münze. Dessen musst du dir bewusst sein. Du bist sein großes Vorbild. Es gibt für ihn keinen Anhaltspunkt, etwas anzuzweifeln oder zu hinterfragen, was du ihm berichtest.«
Henri dachte nach. »Okay, Mama. Wenn ich dir verspreche, Justus und - von mir aus - auch Ella keine Spukgeschichten mehr zu erzählen, dann musst du mir versprechen, dass du die Ungereimtheiten zu Caspers Hof nachliest und die Vorbesitzer fragst. Denn, das kannst du mir glauben, da stimmt etwas nicht. Und das liegt nicht nur daran, dass ich da nicht hinziehen will.«
»In Ordnung, das verspreche ich dir.«
Das allabendliche Telefonat gehörte zu den unabdingbaren, weil einzigen Kontakten, die Hanka mit ihrem Mann wochentags verband. Von jedem Montag Morgen bis Freitag meistens sehr spät am Abend lebte und arbeitete er bereits in Deutschland. Tagsüber ging er seinem Brotjob in der Klinik in Bad Saarow nach und kümmerte sich am Abend, wenn seine Zeit es zuließ, um die Renovierungsarbeiten am und im neuen Haus.
Obwohl sein Arbeitsplatz nicht eben um die Ecke lag, war die Entscheidung für das Haus im Spreewald gefallen.
Hanka hatte ihre Kindheit in diesem Dorf verbracht. Ihre Eltern und ihr Bruder mit dessen Familie wohnten alle in greifbarer Nähe. Diese Tatsachen vermittelten nicht nur ein Gefühl der Geborgenheit und Heimkehr, sondern brachten ebenso praktische Erwägungen mit sich. Die tägliche Organisation und Versorgung dreier Kinder könnte sich mit der Unterstützung der Großeltern und Tante und Onkel entschieden vereinfachen.
Schließlich hatte die Maklerin sie auf das Haus aufmerksam gemacht.
Das Haus.
Ihr Traum-Haus.
Ihr Traum-Hof.
Caspers Hof.
Die Entscheidung war schnell getroffen gewesen.
Ein Dreiseitenhof, mindestens zweihundert Jahre alt, auf einem großen, weitläufigen Grundstück, mit uralten Bäumen und direkt an einem kleinen, absolut einsamen und wundervollen See gelegen. Von einer Fahrradstraße aus, an deren Kreuzung den Sommer über ein Storchenpaar in seinem auf einem Telefonmasten gebauten Horst lebte, führte ein Schotterweg an weiten Feldern vorbei bis zum See. Von dort aus schlängelte sich die Zufahrt zwischen alten Bäumen und dichten Stauden zum Hof. Das Wohnhaus sah von der Einfahrt aus wie eines aus einem Horrorfilm: windschiefe Fensterläden erkannte man durch das Dickicht aus Sträuchern und Bäumen, die seit Jahrzehnten wild wuchsen. Die kleinen Fenster ließen nur wenig Licht ins Haus und schauten nur schwarz und leer, die teils abbröckelnde Fassade ermöglichte an vielen Stellen den Blick auf das Fachwerk und den Lehmputz. Im Übrigen war das Haus gut in Schuss, nur renovierungsbedürftig, und alles müsste nach ihren eigenen Wünschen ein wenig umgebaut werden. Hanka und Christoph legten viel Wert auf eine neue Heizung und Modernisierungen in der Energieversorgung durch Solar und Photovoltaik, ebenso neue Fenster und ein rundum erneuertes Badezimmer. Gleichwohl wollten sie den alten Gemäuern den ursprünglichen Charme herauskitzeln. Die Fassade sollte freigelegt werden, so dass das Fachwerk sichtbar wurde. Die Holzkonstruktionen - so der Gutachter, der vor dem Kauf einen Überblick über den Status Quo gegeben hatte - waren noch in einem einwandfreien Zustand und mussten nur an einigen Stellen ausgebessert werden. Lediglich auf den Austausch des Daches in ein hier typisches Reetdach verzichteten sie nach gründlicher Information, weil ein solches einfach zu aufwendig instand zu halten war und zu gern von Mardern und Waschbären als Brut- und Schlafhöhle genutzt wurde. In den Zimmern im Obergeschoss sollten nur die Holzböden abgeschliffen und neu lackiert oder gewachst, die Wände neu verputzt und neue Türen eingesetzt werden. Es klang zunächst nach viel Arbeit, gleichwohl vielversprechenden und realistischen Ergebnissen, die schlussendlich dazu beitragen würden, einen festen Platz als Familie, so etwas wie eine Heimat zu gestalten.
Die Scheune stand etwas windschief und morsch am Rande des weitläufigen Areals, wirkte dadurch umso mystischer und interessanter.
Als Highlight hatte Hanka das Backhaus überrascht, ein niedriges Häuschen, das man nur in gebückter Haltung betreten konnte, gebaut aus Fachwerk und mit Lehm und Stroh verputzt, mit einem riesigen Steinofen in der Wand, der ohne viel Fantasie sofort an den Holzofen in dem Märchen von Hänsel und Gretel erinnerte. Auch dieses Häuschen mutete mehr baufällig als instand an, aber das war ihnen egal. Sowohl Hanka als auch Christoph waren auf der Stelle verliebt gewesen.
Trotz zahlreicher Kaufinteressenten konnten sie sich dank Christophs hervorragender Bonität und dem ansehnlichen Eigenkapital, das sie dank ihres dreijährigen Expat-Vertrags hatten ansparen können, gegen die anderen Interessenten durchsetzen.
Und so verbrachte Christoph nun etliche Abende und Nächte in einem Haus zwischen Tapetenballen, noch verpackten Toilettenbecken und gestapelten Holzbalken und überwachte die Arbeiten, die aus ihrem Traum-Haus nun auch das individuelle Wohlfühl-Haus machen sollten, das Hanka sich so sehr wünschte.
»Wie geht es voran?«, lautete aus diesem Grunde ihre ewige erste Frage, sobald Christoph am Telefon war.
»Prächtig«, hallte die ewige erste Antwort durch den Hörer zu ihr zurück.
»Du klingst erschöpft.« Selbst ohne optisches Gegenüber konnte Hanka erkennen, wie müde ihr Mann sein musste. Sie kam daher ohne Umschweife und das übliche Wie-war-dein-Tag-Geplauder auf das zu sprechen, was ihr gerade auf der Seele brannte. »Hör mal, Henri erzählte heute komische Geschichten von dem Hof. Von einer alten, verrückten Frau, die dort mal gewohnt haben soll, und die dort noch heute herumspukt. Dass das Haus verflucht sein soll. Hast du da schon etwas gehört? Er hat es wohl im Internet recherchiert und sogar Konstantin hat sich in der Nachbarschaft umgehört. Ich meine, das mit der alten Frau habe ich auch schon gehört, habe auch schon mal etwas von einem Geist gehört, aber so detailliert, wie Henri es heute beschrieben hat, kenne nicht einmal ich die Geschichten. Und ich bin in der Nähe aufgewachsen. Es war schon irgendwie … unheimlich.«
Christoph antwortete nicht sofort. Nur Stille vernahm sie am anderen Ende.
»Christoph«, hakte Hanka nach einigen Sekunden nach. »Ist alles okay? Hast du mich verstanden?«
»Ähm«, war alles, was den Weg durch das Telefon nahm.
Schließlich vernahm sie ein lautes Atmen, als wenn Christoph tief Luft holte, um etwas Wesentliches kundzutun, dann sprach er mit einer deutlich bebenden Stimme: »Wie kommt er denn darauf? Das ist ja verrückt.«
»Wieso verrückt?« Hanka konnte deutlich spüren, mit ihrer Erzählung von Henri etwas in ihrem Mann ausgelöst zu haben. Sie wusste nur nicht, was es war. Sie konnte erahnen, dass er ihr etwas erzählen wollte, den richtigen Anfang nur nicht fand.
»Ich weiß gar nicht, wie ich es erklären soll«, begann er, für Hanka erwartungsgemäß, gleichwohl nicht minder überraschend.
»Christoph, du machst mir Angst. Was ist passiert?«
»Also gut, pass auf. Ich bin nur …«, er schien nach den richtigen Worten zu suchen, »… naja, ich bin überrascht, vielleicht auch ein wenig geschockt, dass du mir so etwas erzählst.«
»Wieso? Warum denn?«, unterbrach sie ihn, obwohl sie eigentlich hatte sagen wollen, Dann erzähl mal! Sie war unerträglich gespannt, was jetzt kommen würde. Bereits das Gespräch mit Henri hatte ihr einen Hauch von Angst eingejagt, was sie niemals zugegeben hätte. Im Moment ängstigte die Reaktion ihres Mannes sie jedoch weitaus mehr.
»Naja, es kann ein großer Zufall sein. Oder auch nicht. Wie auch immer. Es lag heute ein Brief im Briefkasten.«
»Ein Brief?« Kaum war es heraus, biss sie sich auch schon auf die Zunge. Christoph hatte ihre ständigen Unterbrechungen schon oft bemängelt. Sie schob daher ein knappes, »Entschuldige. Erzähl weiter!«, hinterher.
»Danke. Ja. Ein Brief. Ich dachte zuerst an eine Werbesendung, weil keine Briefmarke darauf war. Aber auf dem Umschlag stand - ich nehme an, geschrieben mit einer Schreibmaschine - An die NEUEN Bewohner. Das machte mich stutzig. Und jetzt wird es wirklich spooky: Auf dem Blatt Papier stand …«, Christoph schluckte hart, offenbar unschlüssig, ob er weiter sprechen sollte, was er unverzüglich tat, »… Caspers Hof wird euch niemals gehören.
Es gehört ihr.
Nur ihr.
Es wird ihr immer gehören.«
Christoph sprach langsam und betont.
»Geht, bevor es zu spät ist.«
Nach jedem Satz legte er eine bewusste Pause ein. Hanka vermutete, er las die Wort von dem Brief ab, wollte ihn jedoch nicht erneut unterbrechen, um ihn genau dies zu fragen.
»Ihr werdet es bereuen, hier zu bleiben.«
Er atmete tief ein und mit einem Pusten aus.
»Seid gewarnt. Der Wassermann könnte euch holen. Er ist gnadenlos.«
Ein erneuter tiefer Seufzer.
»GEHT!«
Erklärend fügte er hinzu: »Das letzte Wort ist in Großbuchstaben geschrieben. Unterzeichnet ist alles mit Die Geister von Caspers Hof.«
Eine Weile schwiegen beide, dann erklärte Christoph: »Ich habe mir erst nichts dabei gedacht. Ich habe es nicht einmal richtig durchgelesen. Aber als du jetzt so etwas von Henri erzählt hast, fiel es mir gerade wieder ein und machte mich stutzig.«
Erneut schwiegen sie.
»Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Was hat das zu bedeuten, Chris?« Hanka bemerkte selbst das leichte Zittern in ihrer Stimme. »Das macht mir ein bisschen Angst.«
»Soll ich zur Polizei gehen?«, fragte Christoph etwas zögerlich.
»Ich bin nicht sicher. Vermutlich schon.«
»Woher soll dieser Brief sein? Wir müssen nicht darüber reden, dass es Unsinn ist, was Henri da erzählt. Frag ihn bitte, woher er das hat. Da erlaubt sich irgendwer einen Scherz. Einen schlechten, zugegebenermaßen. Aber ganz sicher ist es ein Scherz.« Der praktisch veranlagte, klar denkende und realistische Wissenschaftler sprach jetzt wieder aus ihm und vermochte seine Frau unendlich zu erleichtern. Er war ihre Stütze, fand meistens die richtigen Worte. So auch in diesem Moment.
»Du hast Recht. Es ist spooky. Aber es kann nur ein Scherz sein. Die Frage ist nur, warum? Und was soll das mit dem Wassermann?« Hanka kannte die Sagen vom Wassermann und seinen Töchtern, den Nixen, die im Spreewald in den Fließen hausen sollten und sich manchmal auch unter die Landbevölkerung mischten, um nach Festen und Feiern den ein oder anderen Menschen zu begleiten und ihm den falschen Weg, den in das Wasser zu zeigen. Die Menschen, die der Wassermann mit in sein kaltes, nasses Reich nahm, waren für immer verschwunden.
»Mach dir keine Sorgen. Ich werde morgen früh zur Polizei gehen. Es wird sich alles klären. Wichtig ist, dass du mit Henri sprichst. Er muss aufhören, solchen Unsinn zu verbreiten. Vielleicht sprichst du auch mal mit deinem Bruder, von wem Konstantin das hatte.«
Die Worte erleichterten Hanka. Nicht wenig Verantwortung und Organisation lasteten derzeit auf ihren Schultern, wochentags alles allein zu meistern. Für derlei Scherze fühlte sie sich ganz und gar nicht aufgelegt.
Im dämmrigen Licht der einzigen Lampe, die sein spärlich eingerichtetes Zimmer sparsam erhellte, hielt Christoph das dünne Blatt Papier in den Händen und drehte es ein paar Male, als fände er so einen Hinweis auf den Urheber der merkwürdigen Zeilen.
»Die Geister von Caspers Hof«, murmelte er und schüttelte verständnislos den Kopf. Schließlich hob er diesen und sah sich in dem kleinen Raum um, der irgendwann eines der Kinderzimmer werden sollte, im Augenblick jedoch nicht mehr war, als ein karges Zimmer, mit immerhin neuen Fenstern, frisch verputzten Wänden und einer Couch, die ihm gelegentlich als provisorische Schlafstatt diente.
Sein Blick wanderte von dem dunklen Fenster, an der dunkelbraunen Wand entlang zu dem Loch in der Wand, in welches in den kommenden Tagen eine Tür eingesetzt würde, die der Tischler nach ihren individuellen Wünschen fertigen sollte. Der Flur dahinter verschwand in der undurchdringlichen Schwärze. Hier draußen, abseits jeder engen Besiedlung, bar jeder Lichtverschmutzung, konnte die Nacht alles und jeden mit einer Schwärze verschlucken, die es unmöglich machte, die buchstäbliche Hand vor Augen zu sehen. Gleichwohl schien der Mond in Vollmondnächten so klar, dass man in seinem Schein hätte ein Buch lesen können. Leider war heute keine dieser klaren Nächte. Es war einfach nur dunkel.
Als könnte er ein Detail in dieser Dunkelheit ausmachen, das ihm eine Erklärung für die ominöse Nachricht lieferte, starrte Christoph an die Wand. Doch so sehr er sich auch bemühte, er fand keine Antwort.
Wer erlaubt sich solch einen schlechten Scherz?, kramte Christoph in seinen Gehirnwindungen nach einer plausiblen Erklärung für diese Zeilen, die durchaus geeignet waren, ihm Unbehagen zu bereiten.
Vor allem, warum?
Mit welcher Intention?
Sollen wir hier wieder ausziehen?
Oder sollen wir nur Angst bekommen?
Wenn ja, warum?
Ein Blick auf seine Armbanduhr verriet, dass es schon nach neun war. Reichlich spät. Er würde morgen zeitig aufstehen müssen, um spätestens gegen neun in der Klinik zu sein. Auf dem Weg dorthin sollte er einen Zwischenstopp beim Tischler einlegen, um diesem den Haustürschlüssel zu hinterlegen. Dann könnten die neuen Türen über das Wochenende eingebaut werden, wenn er selbst zwei freie Tage in Dublin verbringen würde.
Entgegen der Vernunft, den Abend lieber langsam ausklingen zu lassen und frühzeitig zu Bett zu gehen, warf sich Christoph die Jacke über und beschloss, noch ein Bier trinken zu gehen.
Er zog die Schultern weit an die Ohren, um dem kalten Wind zu trotzen, der ihm entgegenschlug. Ein Blick nach oben verriet, dass heute keiner der klaren Monde seinen Weg erleuchten würde. Mit dem Licht seines Telefons leuchtete er den Weg vor sich aus, um bei der absoluten Dunkelheit nicht über umherliegendes Werkzeug oder ähnliches zu stolpern.
Er schmunzelte bei dem Gedanken an den Nachbarn, der ihm erst kürzlich erzählt hatte, er habe sich auf dem Weg nach Hause an dem Licht desselben orientiert und unverhofft ins Fließ gefallen sei, weil er die Biegung der Straße nicht beachtet hatte. Vollständig nass, schlammig, aber schlagartig wieder nüchtern, hätte seine Frau ihn zeternd daheim empfangen. Ähnliche Erfahrungen - zumal ein See direkt vor seiner Tür lag - wollte Christoph sich heute Abend ersparen. Zwar würde ihn keine schimpfende Frau erwarten, dennoch gehörte ein Sprung in das sicherlich eiskalte Nass nicht zu den bevorzugten Erlebnissen, die er sich von dem Abend erhoffte.
Das Licht des Telefons tanzte vor seinen Füßen im Rhythmus seiner Schritte. Ein Blick nach links und rechts offenbarte unberührte Natur und Felder und nichts als Schwärze. Ein Schwenk des Lichtstrahls in die eine Richtung reflektierte in den blitzenden Augen der Kühe, die auf der Weide trotz des fortgeschrittenen Abends wiederkäuend und stoisch zu ihm herüber schauten.
Einige Schritte weiter erblickte er zur Linken einen der in dieser Straße seltenen Höfe. Lediglich etwa jeden Kilometer siedelte hier ein Anwohner. Das Dorf war deutschlandweit berühmt dafür, das flächenmäßig größte Dorf zu sein, weil die Gehöfte derart weit auseinander lagen. Christoph blickte mit ein wenig Eifersucht durch die noch kein Laub tragenden Büsche und Sträucher und erhaschte einen Blick durch die bodentiefen, großen Fenster in das Innere des Hauses. Er kannte die junge Familie, die dort an einem großen Tisch beisammen saß und offenbar einen heiteren, geselligen Abend verbrachte. Erst in der vergangenen Woche hatte er sie alle beim Einkaufen im Supermarkt im Dorf getroffen und sie hatten einige banale Floskeln ausgetauscht. Nett, aber oberflächlich waren sie ihm erschienen. Eine der typischen Familien in der Gegend, die den Hof von der Oma, der Tante oder wem auch immer geerbt, mit überschaubaren Investitionen ausgebaut hatten, und nun ein hübsches Heim ihr eigen nennen konnten.