Über dieses Buch

Cover

Nach einem Brand in einer Zürcher Asylunterkunft wird der Sudanese Thok Lado tot aufgefunden. Während Kriminalpolizist Bruno Cavalli den Täter über das Opfer zu ermitteln meint, verlangt Bezirksanwältin Regina Flint, da anzusetzen, wo die ersten Spuren hinführten: zum Pfarrhaus. Dort gehen einige als Ausländerhasser bekannte Jugendliche ein und aus.

Petra Ivanov

Petra Ivanov verbrachte ihre Kindheit in New York. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz absolvierte sie die Dolmetscherschule und arbeitete als Übersetzerin, Sprachlehrerin sowie Journalistin. Ihr Werk umfasst zahlreiche Kriminalromane, Jugendbücher und Kurzgeschichten.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

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Petra Ivanov

Tote Träume

Flint und Cavalli ermitteln gegen die Brandstifter

Kriminalroman

Ein Fall für Flint und Cavalli (2)

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 1 Dokument

Die Erstausgabe erschien 2006 im Appenzeller Verlag, Schwellbrunn.

Für die vorliegende Fassung hat die Autorin den Text 2017 überarbeitet.

© by Petra Ivanov 2006

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Peter Löffelholz

ISBN 978-3-293-30639-4

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Für Jonathan,
Aljoscha und Fabian

»Ich dachte immer, wenn man Ausländer
richtig kennenlernt, werden alle Vorurteile bestätigt.
Aber es ist genau umgekehrt. Man merkt,
dass sie ganz normale Menschen sind.«

Jugendlicher in Oberdiessbach

Prolog

Das Feuer brach explosionsartig aus. Die Flammen eilten über den Holzboden und kletterten die staubigen Vorhänge hoch. Dort zögerten sie kurz und leckten am Verputz der Decke. Protestierend färbte sie sich bräunlich und bekam kleine Risse. Hungrig suchten die Flammen Nahrung. Sie verschlangen Holzleisten, Zeitungen, machten sich am Radio zu schaffen, eroberten Kartonschachteln und knabberten am Plastikstuhl. Die Plastikmasse zog sich zusammen und ballte sich zu einem Klumpen. Schwarzer Rauch füllte den Raum.

Das Feuer wurde gieriger. Vergnügt knisterte es, gab ab und zu ein überraschtes Knacken von sich, wenn es unerwartet auf Widerstand traf. Orangefarbene und gelbe Flammen tanzten über die Wände, schossen in die Höhe. Sie machten nicht halt vor dem Fuß, der leblos über den Rand des Sofas baumelte. Hemmungslos züngelten sie am Fleisch, wickelten sich um die Zehen und krochen das Bein hoch. Feine Blasen bildeten sich auf der dunklen Haut. Wo sie aufplatzten, zeigte sich dunkelrotes Fleisch.

Er beobachtete den zerstörerischen Pfad der Flammen. Versuchte, sich abzuwenden. Es gelang ihm nicht. Erschüttert und fasziniert zugleich starrte er auf das hell erleuchtete Gebäude. Das Feuer besaß eine eigene Seele. Er begriff nicht, dass er dieses Monster herbeigerufen hatte. Plötzlich hörte er einen dumpfen Schrei. Erschrocken fuhr er zusammen. Am Fenster im oberen Stock erkannte er die Umrisse einer Frau. Sie presste ihre Hand gegen die Scheibe. Er spürte auf seiner Brust die Wärme, die von der Handfläche ausging. Er rang nach Luft. Starrte in das Weiß ihrer Augen, zwei helle Punkte im schwarzen Gesicht, und suchte Halt an einem Baumstamm, wo er sich gegen die raue Rinde fallen ließ. Der Rauch trübte die Scheibe. Die Frau verschwand hinter dem Ruß. Die Rinde löste sich unter seinem klammen Griff, klebte an seiner feuchten Haut. Er lief in den Wald, entsetzt über seine Tat, mit der er einen Schlussstrich hatte ziehen wollen. Stattdessen hatte er einen weiteren Albtraum ausgelöst.

1

Regina Flint musterte den gelben Strich. Sie trat einen Schritt zurück und kniff die Augen zusammen. Die Linie mündete in eine orangefarbene Fläche, die zu satt wirkte. Regina tauchte den Pinsel ins Zinnoberrot und fügte einige Tupfer hinzu. Die hitzigen Farben spiegelten ihren Gemütszustand. Die letzten Monate waren hektisch gewesen. Selten hatte sie es geschafft, vor zwanzig Uhr die Bezirksanwaltschaft zu verlassen. Eine Einvernahme reihte sich an die andere, zeitraubende Abklärungen füllten die verbleibende Zeit. Berichte und Protokolle verfasste sie oft erst abends. Bis zur Neuorganisation der Untersuchungs- und Anklagebehörden, von der sie sich eine Entlastung erhoffte, musste sie sich noch ein halbes Jahr gedulden.

Mit einer geübten Bewegung mischte sie dem Rot etwas Kadmiumorange bei und nahm ihr Werk in Augenschein. Sie genoss es, beim Malen ihre Gedanken auszuschalten. Viel zu selten nahm sie sich für ihr Hobby Zeit. Meistens erlag sie der Versuchung, zuerst ihre unerledigten Fälle abzuschließen, um danach in Ruhe entspannen zu können. Aber es wurden nie weniger. So war sie am Abend zu erschöpft, um den Pinsel in die Hand zu nehmen.

Als sie nach dem Zinnoberrot griff, läutete das Bereitschafts-Handy. Regina legte die Tube auf den Tisch zurück. Nicht heute, dachte sie. Sie wollte den Samstagabend mit dem EM-Spiel Holland-Tschechien ausklingen lassen und früh zu Bett gehen.

Die Notrufzentrale meldete einen Brand in einer Asylunterkunft in Zürich-Witikon. Resigniert rief Regina ein Taxi, schnappte ihren Dienstkoffer und eilte aus dem Haus.

Der erste Löschzug war schon vor Ort, als sie eintraf. Das brennende Haus befand sich am Waldrand, die schmale Anfahrtsstraße bot kaum Platz für die mächtigen Tanklöschfahrzeuge. Die Autodrehleiter hatte sich einen Weg über die Wiese gebahnt und stand schief im Gras. Ein Rohrführer rannte an Regina vorbei und rief dem Atemschutztrupp etwas zu. Wie farbige Zungen schossen Flammen aus den Fenstern. Hinter den Absperrbändern der Stadtpolizei hatten sich bereits Schaulustige zusammengefunden.

»Manesse Zentrale an Kommando zwei«, knisterte ein Funkgerät. Der Rettungsoffizier – sie kannte Gion Janett von früheren Bränden – eilte an Regina vorbei und hob die Hand zum Gruß. Sie hörte ihn »Großereignis« und »zweiter Löschzug« sagen. Zwei Feuerwehrmänner trugen eine weitere Hochdruckleitung über die Wiese. Wo das Wasser auf die Flammen traf, entstand eine dichte Dampfwolke.

Regina hielt nach dem Einsatzleiter der Kantonspolizei Ausschau. Der Wind drehte, und eine schwarze Rauchwolke kam auf sie zu. Hustend eilte sie ums Gebäude. In der Ferne hörte sie die Sirenen des zweiten Löschzugs. Hinter dem Haus befand sich ein kleiner Garten. Zwischen den unreifen Tomaten stand Janett und wies den Truppführer auf der Drehleiter an. Einige Meter hinter ihm beobachtete Bruno Cavalli das Geschehen.

Als Regina den Polizisten erblickte, blieb sie abrupt stehen. Trotz der Hitze war ihr, als sei sie in kaltes Wasser getaucht. Cavalli hatte sie bemerkt. Er musterte sie von Weitem und machte keine Anstalten, auf sie zuzugehen. In seinen dunklen Augen sah sie einen Anflug von Unsicherheit.

»Was machst du hier?« Regina konnte ihre Freude nicht verbergen. Cavalli lächelte erleichtert. Obwohl sie ihre Beziehung zu ihm schon vor Jahren beendet hatte, die Vertrautheit war noch da. »Du bist doch beim BKA

Vor drei Monaten war Cavalli, in Zürich stellvertretender Dienstchef beim Kapitalverbrechen zwei, kurz KV, nach Wiesbaden gereist. Beim Bundeskriminalamt begleitete er die Einführung eines Systems für die geografische Fallanalyse, das Geoprofiling. Dieses analysiert die räumliche Bewegung von Tätern, um auf ihren möglichen Wohnort zu schließen. Das Projekt sollte erst Ende des Monats abgeschlossen sein.

»Wir kamen schneller voran als geplant.«

»Seit wann bist du zurück?«

»Seit einer Stunde.«

Sie lachte: »Kaum zu Hause, und schon brennts. Kann mir gut vorstellen, dass du nicht mal auspacken konntest.« Seine Wohnung lag nur eine Querstraße entfernt.

Er hob eine Augenbraue. »Ich bin dienstlich hier.«

Sie schaute ihn überrascht an. »Dienstlich? Du willst doch nicht etwa behaupten, dass du schon Dienst hast?« Plötzlich verstand sie. Sie würden wieder zusammen an einem Fall arbeiten. Der letzte lag über sechs Monate zurück. Damals war es ihr nur mit großer Mühe gelungen, Cavalli von sich fernzuhalten. Die vielen gemeinsamen Stunden hatten Regina aus dem hart erarbeiteten Gleichgewicht geworfen und ihr gezeigt, dass sich Liebe nicht mit Vernunft löschen lässt.

Bevor sie etwas sagen konnte, wurde sie von einem Feuerwehrmann auf der Drehleiter abgelenkt. Er zeigte auf ein Fenster im ersten Stock des Gebäudes. Janett schrie nach Verstärkung und verschwand um die Hausecke. Die Sanitäter folgten ihm augenblicklich. Fast gleichzeitig tauchten zwei Feuerwehrmänner aus den lodernden Flammen auf. Sie trugen eine verkohlte Leiche heraus. Regina hatte schon viele Verletzte gesehen, aber auf den Anblick eines verbrannten Menschen war sie nicht gefasst. Das Gewebe war stellenweise aufgebrochen. Die hervortretende Muskulatur wirkte wie gekocht. Durch die hitzebedingte Schrumpfung waren Arme und Beine in halb gebeugter Stellung fixiert, die Hände lagen übereinander. Der Tote – sie erkannte nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte – sah aus, als würde er einen Boxkampf austragen. Und ihn verlieren.

Cavalli ging sofort auf die Feuerwehrmänner zu. Sie legten die Leiche ins Gras. »Fasst sie nicht mehr an!«, befahl er. »Ist der Rechtsmediziner unterwegs?«

Ein Feuerwehrmann, kaum zwanzig, zuckte mit den Schultern und deutete auf Janett. Er wandte sich benommen von der Leiche ab.

Janett rief: »Sollte in einer Viertelstunde da sein.« Sein Gesicht glänzte. Bevor er mit dem Truppführer verschwand, fügte er hinzu: »Es sind noch mehr drin.«

Der Gestank von verbranntem Fleisch mischte sich mit dem Rauch. Regina starrte auf das brennende Gebäude.

Cavalli kniete neben der Leiche. Er winkte Regina zu sich. »Schau dir die Stellung der Hände an. Woran erinnert sie dich?«

Widerwillig ging Regina neben ihm in die Hocke. »An einen Boxer.« Sie versuchte, ihre Übelkeit zu unterdrücken.

Cavalli nickte. »Das tun Brandleichen immer. Aber sieh dir die Hände genauer an. Sie sind gefaltet.«

»Das könnte von der Hitzeeinwirkung sein.«

»Schau auf die Mittelfinger.« Cavalli beugte sich noch näher zur Leiche.

Regina erkannte, worauf er hinauswollte. Der linke Mittelfinger schlang sich um den rechten. »Als hätte er – oder sie – gebetet, als klar wurde, dass der Tod bevorstand«, stellte sie fest. Mitleid überkam sie. Sie ignorierte es und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe. Später, wenn sie ihre Arbeit erledigt hatte, würden die Gefühle zurückkehren und sich nicht mehr verdrängen lassen.

Cavalli schloss die Augen und atmete tief ein. Über seinen ausgeprägten Geruchssinn machten sich seine Kollegen zwar lustig, doch sie zweifelten nie am Erfolg seiner Untersuchungen.

»Schön, dass du zurück bist«, sagte Uwe Hahn hinter ihr. Der Rechtsmediziner ließ seine Tasche ins Gras fallen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, begann er mit der Untersuchung. Der zweite Löschzug war inzwischen im Einsatz, und die Feuerwehr hatte den Brand unter Kontrolle.

Regina machte sich auf die Suche nach Janett. Er sprach mit zwei Brandspezialisten der Kantonspolizei.

»Vier Tote.« Janett schaute auf das dampfende Gebäude. Er wollte etwas hinzufügen, brachte die Worte jedoch nicht über die Lippen.

Regina wartete.

Janett räusperte sich. »Zwei Kleinkinder.«

Mit einem flauen Gefühl schaute Regina den Spezialisten nach, die sich auf die Brandstelle zubewegten. »Was sagen die Kollegen von der Brandabteilung?«

»Brandstiftung.« Janett fuhr sich mit dem Ärmel über das feuchte Gesicht.

Regina konnte nicht sehen, ob er Tränen oder Schweiß wegwischte. Gewöhnte man sich je an den Anblick verbrannter Menschen, toter Kinder?

Janett schluckte und fasste das Wichtigste zusammen: »Jemand hat Molotowcocktails durchs Wohnzimmerfenster geworfen.« Er führte sie zu einem breiten Fenster auf der Südseite des Gebäudes. Die Scheibe war zerschlagen. Janett hob eine Scherbe auf und hielt sie Regina hin. »Keine Rußspuren, regelmäßige Bruchkanten. Das heißt, die Scheibe ging vor dem Brand zu Bruch.«

Er bat sie, sich die Ostseite des Hauses anzusehen. Wortlos stapfte er durch das feuchte Gras. Auf den Verputz waren Schimpfwörter gesprayt.

Regina zog die Stirn in Falten. »Ausländer raus«, »Hau ab«, »Arschloch« verkündeten braune Großbuchstaben. »Was hat man sonst gefunden?«

»Zerschmetterte Weinflaschen mit Spuren von Benzin«, sagte Janett. Er wies zwei Feuerwehrmänner an, mit der Sicherung der Brandstelle zu beginnen. »Ich muss weitermachen. Komm, ich mache dich mit dem Pfarrer bekannt. Er hat den Brand gemeldet.« Er führte sie zum Einsatzwagen, wo der Pfarrer auf seine Befragung wartete.

Die Nacht war über die Brandstelle hereingebrochen, doch die Nachtgeräusche im angrenzenden Wald blieben aus. Der Mond hing schwer am wolkendurchzogenen Himmel. Sein Licht dämpfte das aggressive Gelb des Einsatzwagens. Ein feingliedriger Mittdreißiger stand an die Schiebetür gelehnt. Ein Stadtpolizist nahm seine Personalien auf. Regina erfuhr, dass Klaus Pollmann eine Veranstaltung in seiner Kirchengemeinde organisiert hatte, um die Bevölkerung mit den Asylsuchenden ins Gespräch zu bringen. Als eine junge Mutter trotz Anmeldung nicht erschienen war, war er zur Asylunterkunft gefahren.

»Ich dachte, sie hätte Angst«, erklärte Pollmann leise. Es sei in den letzten Monaten öfters zu Konflikten mit Jugendlichen aus dem Ort gekommen. Dabei wurde auch die Sudanesin belästigt. Pollmann ließ seinen Blick über die Dächer von Witikon schweifen. Aus einem offenen Fenster erklang ein Jubelschrei. Schon wieder ein Tor. »Als ich eintraf, stand das Erdgeschoss in Brand. Das muss kurz nach neun gewesen sein.«

»Sind Sie auf dem Weg jemandem begegnet?«, fragte der Polizist.

Der Pfarrer verneinte. Unruhig kaute er auf einem Fingernagel. »Hier oben gibt es vor allem Läufer und Spaziergänger. Vermutlich schauen sich viele das Match an. Das Wetter lädt nicht gerade zu einem Waldspaziergang ein.«

Es war außergewöhnlich kühl für Mitte Juni.

»Sie haben Konflikte mit Jugendlichen aus der Umgebung angesprochen. Was meinen Sie genau?«

Regina trat einen Schritt näher.

»Leichtsinnige Streiche von gelangweilten jungen Menschen. Heranwachsende, die Aufmerksamkeit brauchen, provozieren wollen.« Pollmann schien bei dem Polizisten nach Verständnis zu suchen. »Ich kenne einige aus dem Konfirmandenunterricht. Sie sind nicht böse, bloß überfordert, brauchen ein Ventil. Leider richten sie ihre Aggressionen gegen die Schwächeren.«

»Was haben sie angestellt?«

»Asylsuchende beschimpft, die Unterkunft besprayt. Nasse Erde auf die Scheiben geschmiert. Streiche eben. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie jemanden verletzen würden.«

Der Polizist schaute zur Brandstelle hinüber.

Pollmann schüttelte vehement den Kopf. »Auf keinen Fall! Ich sage Ihnen, das sind gute Jungs. Sie stammen aus Familien, die sie umsorgen. Wir sind hier in Witikon. Den meisten fehlt es an nichts.«

Nach Reginas Meinung hatte das wenig zu bedeuten. Doch vermutlich war sie nicht objektiv. Sie war in einem ähnlichen Viertel aufgewachsen und hatte gesehen, was sich hinter den Kulissen abspielte.

»Woher kommen Sie?«, wollte der Polizist wissen.

»Aus Ostdeutschland. Nahe der Grenze zu Polen.« Er machte sich an einem weiteren Fingernagel zu schaffen. »Weiß man schon, ob sie im Haus war, als …? Sie hat zwei kleine Kinder.«

Cavalli kam auf Regina zu. Mit einer kurzen Kopfbewegung forderte er sie auf, ihm zu folgen.

Regina wandte sich an Pollmann. »Ich werde mich bei Ihnen melden. Ich habe noch weitere Fragen an Sie.«

Er sah sie an. »Wissen Sie, was heute für ein Tag ist?«

Regina wusste nicht, worauf er hinauswollte.

»Internationaler Tag des Flüchtlings.«

»Es tut mir leid«, sagte sie und fragte sich, weshalb sie das Bedürfnis verspürte, ihm ihr Beileid auszusprechen.

Cavalli führte sie am Ellenbogen in den Garten.

Hahn packte seine Instrumente zusammen und stand mit einem Seufzer auf. Er schüttelte seine langen Beine. »Er war bereits vor Ausbruch des Feuers tot.«

»Wie, vor Ausbruch des Feuers? Bist du sicher?« Die Frage war Regina herausgerutscht, zu spät fiel ihr wieder ein, dass Hahn sich nie äußerte, wenn er nicht hundertprozentig sicher war.

»Zur Todesursache kann ich dir morgen nach der Obduktion mehr sagen.« Er griff nach seiner Tasche und ging zum Haus.

Regina betrachtete die Leiche, dann wandte sie sich an Cavalli. »Hat sich Uwe zu Geschlecht oder Alter geäußert?«

»Ein junger Mann. Afrikanischer Abstammung.« Er rieb sich den Nasenrücken.

»Was hast du gerochen?«, fragte sie.

»Wo?«

Sie lächelte. »Bist du noch in Wiesbaden?« Ernst wiederholte sie: »Als du bei der Leiche warst, ist dir da etwas aufgefallen?«

»Ach so. Ein leichter Benzingeruch. Vor allem an seinem Rücken. Komm, ich will wissen, wie weit die Brandermittler sind.«

In den umliegenden Häusern waren die Fenster dunkel. Das Spiel war längst vorbei. Die Menschenmenge, die das Flammenspektakel dem Fußball vorgezogen hatte, hatte sich aufgelöst.

»Du hast nicht zufällig etwas Essbares dabei?«, fragte Regina. In der Eile hatte sie ihren Proviant vergessen. Wenn ihr Blutzuckerspiegel absackte, musste sie etwas essen, auch dann, wenn sie keinen Appetit hatte. Wie jetzt.

Cavalli zog ein Päckchen Darvidas aus seiner Tasche.

Dankbar griff Regina zu. »Seit wann stehst du denn auf Vollkorngebäck?«

Als sie seine vergnügte Miene bemerkte, fragte sie: »Hast du sie für mich mitgebracht?« Sie riss das Papier auf. Die Hand war bereits auf halbem Weg zum Mund, als es ihr dämmerte. »Hast du gewusst, dass ich hier sein werde?« Sie deutete sein Schweigen als Zustimmung. Deshalb hatte er also Bereitschaftsdienst. Woher kannte er ihren Einsatzplan?

»Ich habe mit Pilecki getauscht«, erklärte er. Juri Pilecki war Sachbearbeiter beim KV. »Aber ring dir ja kein Lächeln ab«, fügte er trocken hinzu, »ich könnte sonst denken, du freust dich.« Er ging auf Janett zu, der einen Schlauch aufrollte. »Können wir jetzt hinein?«

Janett verwies ihn an die Brandspezialisten und trommelte seine Mannschaft zusammen.

Ein Brandermittler reichte Regina und Cavalli Schutzanzüge. »Die Haustür war beim Eintreffen der Feuerwehr verschlossen, alle Fenster zu. Die Kellertür stand offen. Eine Treppe führt in die Küche. Die Spurensicherung war noch nicht unten.« Er zeigte ins Wohnzimmer. »Der Brand ist in diesem Raum ausgebrochen.« Der Holzboden war teilweise verkohlt, die Einrichtung vollständig zerstört.

Regina hörte beeindruckt zu, wie der Spezialist aus der Beschaffenheit der Brandzehrungen und der Ruß-, Seng- und Schmelzspuren Rückschlüsse auf den Verlauf des Brandes zog.

»Seht ihr diese trichterförmigen Spuren? Man nennt sie Brandtrichter. Das Feuer dehnt sich hauptsächlich nach oben aus. Seitlich erfolgt eine weitaus geringere Ausdehnung. Deshalb brennt die Substanz trichterförmig. Im Idealfall liegt die Brandausbruchstelle im Fußpunkt eines Trichters.« Er hielt kurz inne, damit sie die Informationen verarbeiten konnten. »Fällt euch etwas auf?«

»Es gibt mehrere Brandtrichter«, stellte Regina fest. Der Raum, vor Kurzem bloß vier verkohlte Wände, sprach plötzlich Bände. »Ich nehme an, weil der Brand an mehreren Stellen gleichzeitig ausgebrochen ist?«

Der Brandspezialist nickte. »Ein Hinweis auf Brandstiftung. Schaut euch die Decke an!« Der Verputz war an verschiedenen Stellen kreisförmig abgeplatzt. »Ein weiteres Zeichen für mehrere Brandherde.« Er redete jetzt über die Hitzespuren an den Fensterscheiben und zeigte ihnen den Unterschied zwischen einer eingeschlagenen Scheibe und einer Scheibe, die unter der starken Hitzewirkung gesprungen war.

»Schmilzt Glas nicht?«, fragte Regina.

»Erst etwa bei 800 bis 1400 Grad, je nach Zusammensetzung des Glases. So heiß wurde es hier nicht.«

»Habt ihr Brandbeschleuniger gefunden?«, wollte Cavalli wissen.

Der Spezialist nickte und inspizierte eine Stelle auf dem Boden. »Wenn man Brandbeschleuniger – meistens ist es Benzin – verschüttet, verdampft die Flüssigkeit. Diese Dämpfe brennen zuerst. Die Unterlage bleibt zunächst weitgehend unbeschädigt. Das Untermaterial kann nur am Rand der Benzinlache anbrennen, also dort, wo es nicht durch Brandbeschleuniger abgedeckt ist. Deshalb entstehen anfangs bloß in diesem Randbereich die charakteristischen Brandspuren.« Er zeichnete mit dem Finger die Form nach. »So kann man feststellen, wo flüssige Brandbeschleuniger verschüttet wurden.«

Regina betrachtete den Boden und bemerkte weitere Stellen, die auf Brandbeschleuniger hindeuteten. Fragend schaute sie den Spezialisten an.

Er zeigte auf eine Wand. »Auch diese Abrinnspuren.« Dann begann er, die Aufprallstellen der Molotowcocktails zu deuten. Offenbar hatte der Täter das Benzin im Raum verschüttet, bevor er die Weinflaschen durchs Fenster geworfen hatte.

Im oberen Stockwerk gab es weniger Brandspuren.

»Wo waren die anderen Leichen?«, fragte Cavalli.

»Hier, in diesem Zimmer.«

»Wo lagen sie genau?«

»Die zwei Kinder auf dem Bett, die Frau am Fenster. Ihr könnt alles auf den Fotos sehen.«

»Gut«, lobte Cavalli. »In welchem Zustand waren die Toten?«

»Sie wiesen nur leichte Verbrennungen auf. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass sie an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorben sind. Hahn hat keine andere Todesursache feststellen können, doch er wollte sich nicht festlegen.«

»War ihr Fluchtweg abgeschnitten?«

Der Brandspezialist nickte. »Das Feuer wurde durch den sogenannten Kamineffekt die Treppe hinaufgesogen. Dieses Zimmer liegt direkt in der Verlaufsbahn.«

Regina versuchte, sich vorzustellen, was sich in diesem Raum zugetragen hatte. Sie brauchte nicht viel Fantasie, um sich die tragische Abfolge der Ereignisse auszumalen. Betroffen kaute sie auf ihrer Unterlippe.

Cavalli ging zum Fenster und betrachtete die angeschwärzte Scheibe. »Ist das ein Handabdruck?«

Eine handgroße Fläche war etwas heller als das restliche Glas.

»Kann sein. Wir müssen den Laborbericht abwarten.«

»Ist die Spurensicherung am Fenster abgeschlossen?«

»Ja.«

Cavalli versuchte, das Fenster zu öffnen. Der altmodische Riegel klemmte. Die Familie war eingesperrt gewesen. »Das Fenster muss von einem Techniker untersucht werden.«

Regina musterte das Metallscharnier. »Sieht ziemlich alt aus. Möglich, dass es schon lange klemmt.«

Cavalli wandte sich an den Brandspezialisten: »Wann können wir uns an die Arbeit machen?«

»Die Untersuchungen werden zwei bis drei Tage dauern. Danach könnt ihr das Haus auf den Kopf stellen.«

Cavalli würde bestimmt nicht zwei bis drei Tage warten, um sich ein Bild von der Asylunterkunft zu machen. Regina deutete sein Schweigen nicht als Zustimmung, dafür kannte sie ihn zu gut. Draußen schälte sie sich aus dem Overall und atmete tief ein.

»Soll ich dich nach Hause fahren?«, bot Cavalli an.

Dankbar nahm sie an. Es gab keine direkte Busverbindung zwischen Witikon und Gockhausen.

»Mein Wagen steht weiter unten.« Sie bogen in den schmalen Weg ein. Der Kies knirschte unter ihren Füßen.

»Das ist doch deine Laufstrecke.« Regina sprach mit gedämpfter Stimme. »Bist du den Asylsuchenden schon begegnet?«

»Nein. Das Haus stand bis zum Frühling leer.«

»Erzähl von Wiesbaden«, bat sie.

Cavalli erklärte ihr das Geoprofiling. Seine Weiterbildung zum Fallanalytiker stieß nicht bei allen Kollegen auf Verständnis. In vielen Köpfen hatte sich das Bild des Hollywood-Profilers festgesetzt, der mit populärwissenschaftlichen Methoden spektakuläre Fälle aufklärte. Die Realität sah ganz anders aus. Ein Fallanalytiker war ein Experte, der ein Verbrechen systematisch aufarbeitete. Empathie spielte eine wichtige Rolle, doch sie ersetzte weder eine gründliche Fallbearbeitung noch breites Fachwissen. Eine Fallanalyse war vor allem eines: Knochenarbeit.

»Und was macht Zuberbühler?«, fragte er.

Peter Zuberbühler hatte in seinen Bordellen über ein Dutzend minderjährige Prostituierte beschäftigt. Im vergangenen Herbst hatte Regina zusammen mit Cavalli den Mord an einem der Mädchen aufgeklärt. Zuberbühler hatte die schmutzige Arbeit nicht selber verrichtet. Seine Handlanger hatten sich darum gekümmert, dass die Prostituierten gefügig blieben. Doch Regina hatte sich in den Kopf gesetzt, Zuberbühler als Drahtzieher den Tatbestand des Menschenhandels nachzuweisen. Die schwierige Untersuchung hatte sie nicht von ihrem Entschluss abgebracht.

»Du weißt ja, wie sehr mir Zahlen liegen«, meinte sie ironisch. »Ich wühle stundenlang in Geschäftsunterlagen. Versuche, den Geldströmen zu folgen, die Überweisungen zu verstehen. Chinesisch ist einfacher! Aber die Beweise müssen hieb- und stichfest sein. Wenn Bankkonten doch sprechen könnten.«

Cavalli lächelte. »Lieber nicht. Dann würde meines dauernd jammern.«

Regina blickte ihn an. »Die mysteriösen Verwandten?«

Er hatte ihr nie erklärt, weshalb er Geldsorgen hatte. Einmal hatte er angedeutet, dass er Verwandte unterstützen müsse.

Er ignorierte ihre Frage. »Zum Glück wirft das Casino endlich Gewinn ab.« Sie waren bei seinem Volvo angekommen. Er öffnete ihr die Tür. Auf dem Rücksitz lagen eine Reisetasche und eine Kiste mit Ordnern und Büchern. Dazwischen klemmte eine Einkaufstasche mit Lebensmitteln.

»Welches Casino?«, fragte Regina.

»Das im Reservat. Hab ich dir nie davon erzählt?«

Regina stieg ein. »In Cherokee?« Cavalli war auf der Qualla Boundary in North Carolina aufgewachsen, südlich der Smoky Mountains.

»Harrah’s Casino ist seit Beginn der Neunzigerjahre in Betrieb. Wirft inzwischen hundertzwanzig Millionen Dollar pro Jahr ab.«

»Und was hat das mit dir zu tun?« Sie hasste es, ihm die Informationen wie Würmer aus der Nase ziehen zu müssen.

»Jedes eingetragene Stammesmitglied erhält vom Gewinn fünftausend Dollar im Jahr.«

»Du bist doch nur ein Viertel Cherokee?«

»Die Grenze liegt bei einem Sechzehntel. Und meine Großmutter ist eine FBI.« Er spürte ihren fragenden Blick. »Full blooded Indian«, schmunzelte er und lenkte den Wagen in ein ruhiges Wohnviertel.

Regina machte keine Anstalten auszusteigen, nachdem er den Motor ausgeschaltet hatte. »Bekommt auch Christopher die fünftausend?« Cavallis sechzehnjährigem Sohn war seine indianische Abstammung peinlich. Obwohl sein schwarzes Haar und seine hohen, ebenen Wangenknochen keinen Zweifel an seiner Herkunft ließen, weigerte er sich, sich mit der Kultur seiner Familie auseinanderzusetzen.

Cavalli nickte. »Ich habe ihn gleich nach der Geburt registrieren lassen. Aber das Geld bekommt er erst, wenn er volljährig ist. Bis dann zahle ich damit einen Teil seiner Alimente.«

Regina wollte gerade darauf hinweisen, dass er dazu kein Recht hatte, doch Cavalli wechselte das Thema.

»Wann warst du das letzte Mal in der Kirche?«

»Wie bitte?«

»Morgen – nein, heute«, korrigierte er sich, »um zehn Uhr in der reformierten Kirche Witikon. Gottesdienst zum Flüchtlingssonntag. Kommst du?«

Jetzt verstand sie. »Klar.« Sie blieb weiter sitzen.

»Soll ich dich abholen?«

»Nein danke, ich gehe zu Fuß. Ein Spaziergang tut mir gut.« Das Gespräch verebbte. Sie schauten einander unverwandt an. Die Situation schien Regina unwirklich. Sie überlegte, ob sie Cavalli noch auf eine Tasse Tee einladen sollte.

»Dann bis später«, forderte er sie zum Aussteigen auf.

Cavalli parkte vor seiner Wohnung und ging zu Fuß zur Asylunterkunft zurück. Die Luft war kühl und feucht, der Mond endgültig hinter den Wolken verschwunden. Er hielt der Wache seinen Dienstausweis entgegen und zog den Schlüssel hervor, den er dem Brandspezialisten abgenommen hatte. Es blieben ihm nur wenige Stunden, bis sie ihre Arbeit wiederaufnehmen und beim Durchsieben des Brandschutts ein völlig neues Bild des Tatorts zeichnen würden. Wenn der Täter ihm etwas zu sagen hatte, dann musste er jetzt genau hinhören.

Cavalli fing beim Kellereingang an. Langsam durchstreifte er jeden Winkel, leuchtete jede Ecke aus. Prägte sich Gegenstände, Formen und Gerüche ein. Er versuchte, keine Mutmaßungen anzustellen, sondern malte ein Stillleben, das bis zur Klärung des Falls seine Fantasie beleben würde. Die konkreten Spuren konnte er den Technikern überlassen, ihn interessierte mehr, ob die schmutzigen Kinderschuhe im Eingangsbereich oder im Schlafzimmer aufgereiht waren. Ob sich im Kühlschrank Emmentaler oder Lammfleisch, im Spülbecken Gläser mit Alkohol- oder Milchspuren befanden. Was im Flur lag, achtlos hingeworfen, im Glauben an eine baldige Rückkehr.

Er schloss die Augen. Das Bild wurde konkreter. An einigen Stellen blieb es weiß. Er schaute sich diese Stellen genau an und prägte sie sich ein, bis das Bild vollständig war.

Die Dämmerung brach langsam über Witikon herein. Als die erste Amsel ihren Morgengruß anstimmte, schlich Cavalli aus dem zerstörten Gebäude. Er setzte sich ins Gras. Es roch frisch, besänftigte seine vom Brandgeruch schmerzende Nase. Im Gemüsebeet lag ein verkohlter Stuhl. Die Wiese war lange nicht gemäht worden. Am Rand des Gartens, wo das Gras nicht durch die Löschtruppen niedergetrampelt war, stand es fast kniehoch. Im satten Grün leuchtete ein bunter Ball. Feine Asche klebte an der Plastikoberfläche. Daneben wuchsen einige Gräser in bizarren Formen. Auf den zweiten Blick erkannte Cavalli ein kleines Knüpfkunstwerk aus Gras. Rundherum wucherte Pfefferminze.

Der Rohrführer richtete den Wasserstrahl gegen ihn. Schützend hielt er den Arm vors Gesicht. Es war nass. Er setzte sich erschrocken im Bett auf – wo kamen die Flammen her? Das gelbe Licht, das den Fensterrahmen erleuchtete, stammte von der Straßenlaterne. Tränen vermischten sich mit Schweiß. Er atmete zitternd ein und ließ sich aufs Kissen zurückfallen. Schloss die Augen wieder. Es war vorbei. Die Flammen waren gelöscht. Wenn er nur sein Gedächtnis löschen könnte. Doch mit dieser Schuld würde er leben müssen.

Erneut stieg die Verzweiflung hoch und mit ihr der tiefe Wunsch, das Rad der Zeit zurückzudrehen.