Der fünfte Robert-Langdon-Thriller: das neue Buch des Autors der internationalen Bestseller ILLUMINATI, SAKRILEG – THE DA VINCI CODE, DAS VERLORENE SYMBOL, INFERNO.
Auch in seinem jüngsten Werk wird Dan Brown gemäß seinem Erfolgsrezept geheime Codes, Wissenschaft, Religion, Geschichte, Kunst und Architektur miteinander verknüpfen. In ORIGIN wird der Symbolforscher Robert Langdon – in bisher drei Hollywood-Blockbustern von Tom Hanks verkörpert – mit den beiden ewigen und entscheidenden Fragen der Menschheit konfrontiert und mit einer bahnbrechenden Entdeckung, die diese Fragen beantworten könnte.
Dan Brown ist Autor zahlreicher Thriller, die allesamt über Monate die Bestsellerlisten angeführt haben und darüber hinaus erfolgreich verfilmt wurden. Mit seinem in über 40 Ländern erschienenen und mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmten Buch Sakrileg (Originaltitel: The Da Vinci Code) wurde er zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Dan Browns Thriller werden in 54 Sprachen übersetzt. Nach solch erfolgreichen Auflagen ließen auch die Verfilmungen der Robert Langdon Thriller nicht lange auf sich warten.
Dan Brown wurde 1964 in Exeter, New Hampshire (USA) geboren. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld heran, in dem Religion und Wissenschaft Hand in Hand gingen, was sich auch in seinen Thrillern wiederspiegelt. Nach dem Besuch der Privatschule, an der auch sein Vater unterrichtete, studierte Dan Brown Englisch und Spanisch am Amherst College in Massachusetts (USA) und später Kunstgeschichte in Sevilla.
Im Anschluss an seinen Hochschulabschluss brachte er sich das Komponieren bei und startete seine Karriere als Sänger und Liedermacher. Zunächst komponierte er Kinderlieder und später Musik für Erwachsene. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau Blythe kennen. Nachdem er der Musik den Rücken gekehrt hatte, arbeitete Dan Brown als Englisch- und Spanischlehrer.
Ab Mitte der 1990er widmete er sich schließlich vermehrt dem Schreiben und veröffentlichte einige Bücher, die er gemeinsam mit seiner Frau bewarb. Der Erfolg seiner Werke trat aber erst ab 2003 mit dem Roman The Da Vinci Code (Doubleday Group) ein, der über zwei Jahre den ersten Platz der New York Times Bestseller-Liste belegte. Das Buch sorgte weltweit für Furore und wurde aufgrund der kritischen Inhalte im Hinblick auf die katholische Kirche in einigen Ländern verboten.
Im Jahr 2004 erklommen seine beiden Titel Sakrileg und Illuminati auch die Bestseller-Listen in Deutschland und wurden zu den Jahresbestsellern in der Kategorie Hardcover und Taschenbuch. Mit seiner Robert Langdon Buchreihe, die durch ihre Mischung aus Action, Wissenschaft und Geschichte besticht, beherrscht er seither die internationalen Bestsellerlisten.
Dan Brown lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.
Aus dem amerikanischen Englisch von Axel Merz
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»Origin«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2017 by Dan Brown
All rights reserved. Published in the United States by Doubleday, a division of Penguin Random House LLC, New York, and in Canada by Random House of Canada, a division of Penguin Random House Canada Limited, Toronto.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Wolfgang Neuhaus, Oberhausen
Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, München
Einband-/Umschlagmotiv: © Catalby/Dreamstime.com | Christos Georghiou/shutterstock.com | RAYphotographer/shutterstock.com | agsandrew/shutterstock.com | agsandrew/shutterstock.com; NMarty/shutterstock.com | Morphart Creation/shutterstock.com
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7325-4221-5
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www.lesejury.de
Im Gedenken an meine Mutter
Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen,
das wir geplant haben, um das Leben führen zu können,
das uns erwartet.
JOSEPH CAMPBELL
Sämtliche Werke der Kunst und der Architektur, alle Orte, Straßen und Bauwerke, jede wissenschaftliche Disziplin in diesem Roman und jede religiöse Organisation, die in Origin eine Rolle spielt, gibt es tatsächlich.
Während die historische Zahnradbahn sich mühsam ihren Weg den schwindelerregend steilen Hang hinaufkrallte, blickte Edmond Kirsch auf die gezackten Bergspitzen hoch über ihm. In der Ferne, hineingebaut in die Flanke einer senkrecht aufragenden Klippe, schien das weitläufige Klostergebäude über dem Abgrund zu schweben, als hätte es sich auf magische Weise von der Felswand gelöst.
Dieser zeitlose Zufluchtsort hatte die glühende Sonne Kataloniens, den rauen Wind in den Bergen und andere Unbilden des Wetters und der Geschichte nun schon seit mehr als vierhundert Jahren überdauert, ohne je von seiner ursprünglichen Bestimmung abzukommen, seine Bewohner vor der modernen Welt abzuschotten.
Und ausgerechnet sie sind die Ersten, die nun die Wahrheit erfahren, dachte Kirsch. Was für eine Ironie.
Er fragte sich, wie sie reagieren würden. Schließlich waren die gefährlichsten Männer auf Erden immer und zu allen Zeiten Männer des Glaubens gewesen – insbesondere, wenn ihre Götter bedroht wurden.
Nicht mehr lange, und ich stoße einen flammenden Speer in ein Hornissennest.
Als die Zahnradbahn ihren höchsten Punkt erreichte, erblickte Kirsch eine einsame Gestalt, die auf dem Bahnsteig auf ihn wartete. Der erschreckend hagere Mann trug ein weißes Rochett zur violetten Soutane eines Bischofs, dazu ein Scheitelkäppchen. Kirsch kannte die knochigen Gesichtszüge seines Gastgebers von zahlreichen Fotos und verspürte einen unerwarteten Adrenalinstoß.
Valdespino nimmt mich persönlich in Empfang.
Bischof Antonio Valdespino war in Spanien eine Berühmtheit. Der getreue Freund und Ratgeber des Königshauses galt als einer der prominentesten und einflussreichsten Fürsprecher konservativer katholischer Werte und einer fortschrittsfeindlichen politischen Grundhaltung.
»Edmond Kirsch, nehme ich an«, sagte der Bischof, als Kirsch aus dem Waggon stieg.
»Schuldig im Sinne der Anklage.« Kirsch lächelte und schüttelte Valdespinos knochige Hand. »Ich danke Ihnen, dass Sie dieses Treffen arrangiert haben, Exzellenz.«
»Und ich freue mich, dass Sie darum gebeten haben.« Die Stimme des Bischofs war kräftiger, als Kirsch erwartet hätte, klar und volltönend wie der Klang einer Glocke. »Es kommt nicht oft vor, dass wir von Männern der Wissenschaft konsultiert werden. Erst recht nicht von jemandem, der so bekannt ist wie Sie. Hier entlang bitte.«
Valdespino führte Kirsch über den Bahnsteig, während der kalte Wind aus den Bergen an seiner Soutane zerrte. »Ich muss gestehen«, fuhr er fort, »Sie sehen anders aus, als ich mir vorgestellt hätte. Ich hatte einen Wissenschaftler erwartet, aber Sie sind ausgesprochen …« Er beäugte den maßgeschneiderten Kiton-Anzug seines Besuchers und die exquisiten Straußenlederschuhe von Barker, und ein Hauch von Missbilligung erschien auf seinem hageren Gesicht. »Das nennt man wohl hip, nicht wahr?«
Kirsch lächelte höflich. Der Begriff »hip«, Herr Bischof, ist seit Jahrzehnten aus der Mode.
»Obwohl ich mir die Liste Ihrer Errungenschaften angeschaut habe«, fuhr Valdespino fort, »weiß ich immer noch nicht, was genau Sie eigentlich tun.«
»Ich bin Fachmann für Spieltheorie und computerbasierte Modellrechnungen.«
»Sie programmieren diese Computerspiele für Kinder?«
Kirsch wusste, dass der Bischof Unwissenheit vortäuschte, um rückständig zu erscheinen. In Wirklichkeit war Valdespino ein beängstigend gut informierter Kenner neuester technologischer Entwicklungen und warnte häufig vor deren Gefahren. »Nein, Exzellenz. Vereinfacht ausgedrückt, ist die Spieltheorie ein Gebiet der Mathematik, bei dem bestimmte Muster untersucht werden, um Vorhersagen für die Zukunft treffen zu können.«
»Ach ja, ich erinnere mich. Sie haben vor ein paar Jahren die Finanzkrise der Europäischen Union vorhergesagt, nicht wahr? Als niemand auf Sie hören wollte, haben Sie ein Computerprogramm geschrieben, das die EU von den Toten hat auferstehen lassen. Wie war noch gleich Ihr berühmter Ausspruch? ›Mit meinen dreiunddreißig Jahren bin ich genauso alt wie Jesus bei seiner Wiederauferstehung.‹«
Kirsch wand sich. »Ein ziemlich verunglückter Vergleich. Aber ich war jung, Exzellenz.«
»Und Sie brauchten das Geld.« Der Bischof lachte. »Wie alt sind Sie heute? Vierzig?«
»So gerade eben.«
Valdespino schmunzelte, während der steife Wind seine Robe blähte. »Würde es nach dem Willen des Herrn gehen, würden die Sanftmütigen die Erde besitzen. Stattdessen haben die Jungen sie sich genommen – die technisch Versierten, genauer gesagt, die auf Bildschirme starren, statt in ihre eigene Seele zu schauen. Ich muss gestehen, ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal Veranlassung haben würde, den Mann zu treffen, der die Speerspitze dieser Entwicklung verkörpert. Man nennt Sie einen Propheten, stellen Sie sich vor.«
»Im aktuellen Fall war ich kein sehr guter, wie mir scheint«, erwiderte Kirsch. »Als ich um ein privates Treffen mit Ihnen und Ihren Kollegen gebeten habe, hatte ich mir eine höchstens zwanzigprozentige Chance ausgerechnet, dass Sie einverstanden sind.«
»Nun, Sie hatten Glück. Und wie ich meinen Kollegen immer wieder sage: Der Fromme kann auch dann profitieren, wenn er Ungläubigen zuhört. Indem wir der Stimme des Teufels lauschen, lernen wir die Stimme Gottes umso mehr zu schätzen.« Der alte Mann lächelte. »Keine Sorge, das war nur ein Scherz. Verzeihen Sie mir meinen vorsintflutlichen Sinn für Humor. Hin und wieder verliere ich den Blick für das rechte Maß.« Er deutete nach vorn. »Die anderen erwarten uns. Hier entlang bitte.«
Kirsch betrachtete das Gebäude, auf das sie zuhielten – eine gewaltige Zitadelle aus grauem Stein unmittelbar am Rand einer steilen Klippe, die Hunderte von Metern senkrecht abfiel, wo die Felswand im üppigen grünen Teppich eines bewaldeten Höhenzuges verschwand.
Schaudernd riss Kirsch den Blick vom gähnenden Abgrund los und konzentrierte sich auf das bevorstehende Treffen, während er dem Bischof über den unebenen Pfad am Klippenrand folgte.
Kirsch hatte eine Audienz bei drei prominenten Religionsführern erbeten, die einer soeben zu Ende gegangenen Konferenz im Kloster beigewohnt hatten.
Das Parlament der Weltreligionen.
Seit 1893 hatten sich Hunderte spirituelle Führer aus fast dreißig Religionsgemeinschaften regelmäßig alle paar Jahre an verschiedenen Orten eingefunden, um eine Woche in interreligiösem Dialog zu verbringen. Zu den Teilnehmern gehörten einflussreiche christliche Geistliche, jüdische Rabbis, islamische Mullahs, hinduistische Pujaris, buddhistische Bhikkhus, Jainas, Sikhs und andere religiöse Führer aus aller Welt.
Das selbsternannte Ziel dieses Parlaments bestand darin, »die Harmonie zwischen den Weltreligionen zu kultivieren, Brücken zwischen den unterschiedlichen Glaubensgrundsätzen zu bauen und die Gemeinsamkeiten aller Religionen zu preisen«.
Ein nobles Unterfangen, dachte Kirsch, auch wenn er selbst die Sinnlosigkeit dahinter sah – eine bedeutungslose Suche nach zufälligen Zusammenhängen und Übereinstimmungen in einer unübersehbaren Fülle historischer Aufzeichnungen, Prosatexten, Fabeln und Mythen.
Als Valdespino ihn immer höher den Pfad hinaufführte, kam Kirsch ein zynischer, beinahe lästerlicher Gedanke: Moses war auf einen Berg gestiegen, um das Wort Gottes zu empfangen. Ich steige auf einen Berg, um das genaue Gegenteil zu tun.
Kirschs Motivation, auf diesen Berg zu steigen, entsprang seinem Wunsch, einer ethischen Verpflichtung nachzukommen; zugleich aber war er sich darüber im Klaren, dass sein Besuch von einer kräftigen Dosis Selbstsucht befeuert wurde: Er war begierig auf die Genugtuung, diesen selbstgefälligen Klerikern gegenüberzusitzen und ihnen ihren unmittelbar bevorstehenden Niedergang vorherzusagen.
Ihr hattet lange genug Gelegenheit, uns vorzugeben, was wir unter der Wahrheit verstehen sollen.
»Ich habe mir Ihren Lebenslauf angeschaut«, sagte der Bischof unvermittelt und blickte Kirsch über die Schulter hinweg an. »Sie haben in Harvard studiert, nicht wahr?«
»Ja. Bis zum Diplom.«
»Verstehe. Kürzlich habe ich gelesen, dass zum ersten Mal in der Geschichte Harvards mehr Atheisten und Agnostiker ein Studium aufgenommen haben als die Anhänger sämtlicher Religionen zusammen. Das ist eine sehr vielsagende Statistik, Mr. Kirsch, finden Sie nicht auch?«
Was soll ich dir darauf antworten?, ging es Kirsch durch den Kopf. Unsere Studenten werden immer klüger.
Der Wind frischte weiter auf, als sie das uralte steinerne Gemäuer auf dem höchsten Punkt des Berges erreichten. Im Halbdunkel des Eingangsbereichs war die Luft süß und schwer vom Duft nach Weihrauch. Die beiden Männer schritten durch ein dunkles Labyrinth aus Gängen. Kirsch blinzelte; es dauerte einige Zeit, bis seine Augen sich den veränderten Lichtverhältnissen angepasst hatten, während er seinem Gastgeber folgte. Schließlich erreichten sie eine außergewöhnlich kleine Holztür. Der Bischof klopfte an, öffnete die Tür und duckte sich durch den Eingang, während er Kirsch mit einer Handbewegung bedeutete, ihm zu folgen.
Unsicher trat Kirsch über die Schwelle.
Er fand sich in einem rechteckigen Saal wieder, an dessen hohen Wänden sich Bücherregale reihten, die vollgestellt waren mit antiken ledergebundenen Folianten. In regelmäßigen Abständen ragten weitere, versetzt stehende Regale wie Rippen aus den Wänden. Dazwischen standen gusseiserne Heizkörper, deren Knacken und Zischen den Saal auf unheimliche Weise lebendig erscheinen ließ. Kirsch hob den Blick zur Galerie, die von einer kunstvollen, verzierten Balustrade gesäumt wurde, die um den gesamten ersten Stock herum verlief. Voll ehrfürchtigem Staunen machte Kirsch sich bewusst, wo er sich befand.
Die legendäre Bibliothek von Montserrat. Nicht zu fassen, dass man mir Zutritt gewährt hat.
In diesem altehrwürdigen Saal wurden Gerüchten zufolge außerordentlich seltene Texte aufbewahrt, zugänglich nur den Mönchen, die ihr Leben Gott geweiht hatten und zurückgezogen hier auf diesem Berg lebten.
»Sie hatten um Diskretion gebeten«, sagte Bischof Valdespino. »Nun, dies hier ist unser abgeschiedenster Raum. Nur wenige Laien haben ihn je betreten.«
»Ein überaus großzügiges Privileg. Ich danke Ihnen.«
Kirsch folgte Valdespino zu einem großen Holztisch, an dem zwei alte Männer saßen, die offenbar auf den Bischof und seinen Besucher gewartet hatten. Der Mann zur Linken, ein Greis mit verfilztem weißen Bart und müden Augen, wirkte erschöpft. Er trug einen zerknitterten schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und einen Fedora.
»Das ist Rabbi Yehuda Köves«, stellte der Bischof ihn vor. »Ein bekannter jüdischer Philosoph, der Standardwerke über die kabbalistische Kosmologie verfasst hat.«
Kirsch streckte den Arm über den Tisch hinweg aus und schüttelte dem Rabbi höflich die Hand. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen«, sagte er. »Ich habe einige Ihrer Bücher über die Kabbala gelesen. Ich kann nicht behaupten, sie in vollem Umfang verstanden zu haben, aber ich habe sie trotzdem gelesen.«
Köves nickte liebenswürdig und tupfte sich die wässrigen Augen mit einem Taschentuch ab.
»Und hier haben wir den hoch angesehenen Al-‘Allāma Syed al-Fadl.« Bischof Valdespino deutete auf den zweiten Mann.
Der Angesprochene, in einen unscheinbaren weißen Thawb gekleidet, erhob sich und lächelte freundlich. Er war klein und massig, und sein gutmütiges Gesicht wollte so gar nicht zu seinen dunklen, durchdringenden Augen passen.
»Ich habe Ihre Vorhersagen über die Zukunft der Menschheit gelesen, Mr. Kirsch«, sagte er. »Ich kann nicht behaupten, dass ich mit Ihren Schlussfolgerungen in vollem Umfang einverstanden bin, aber ich habe sie trotzdem gelesen.«
Kirsch lächelte liebenswürdig und schüttelte die dargebotene Hand.
»Wie Sie wissen«, wandte der Bischof sich an seine beiden Kollegen, »ist Mr. Kirsch ein renommierter Computerwissenschaftler, Erfinder und Experte auf dem Gebiet der Spieltheorie. Für viele ist er eine Art Hohepriester der modernen Technologie. In Anbetracht dieses Hintergrundes hat mich seine Bitte, uns drei zu treffen, doch sehr verwundert, muss ich gestehen. Deshalb möchte ich es Mr. Kirsch überlassen, uns den Grund für sein Kommen darzulegen. Bitte, Mr. Kirsch.«
Valdespino nahm zwischen seinen beiden Kollegen Platz, faltete die Hände auf dem Tisch und blickte Kirsch erwartungsvoll an. Die drei Männer hatten sich ihm zugewandt wie ein Richterkollegium; in dem klösterlichen Ambiente hätte man den Eindruck gewinnen können, Kirsch stünde vor einem Inquisitionstribunal. Der Bischof, wurde ihm bewusst, hatte ihm nicht einmal eine Sitzgelegenheit angeboten.
Doch Kirsch war eher belustigt als eingeschüchtert, als er die drei greisen Männer musterte, die vor ihm saßen. Das also ist die Heilige Dreifaltigkeit, ging es ihm durch den Kopf. Die Drei Weisen.
Er ließ sich Zeit, um ihnen zu demonstrieren, dass sie keine Macht über ihn besaßen. Gemächlich trat er ans Fenster und schaute hinaus auf das atemberaubende Panorama. In der Ebene tief unter ihm leuchtete das Ackerland in satten Braun- und Ockertönen, durchzogen von schwarzen Schatten; dahinter erhoben sich, glühend im Licht der Nachmittagssonne, die Höhenzüge der Serra de Collserola. Viele Kilometer weiter, draußen über dem Mittelmeer, ballten sich bedrohliche dunkle Unwetterwolken.
Wie passend, dachte Kirsch, als er an die Turbulenzen dachte, die er bald verursachen würde – zuerst in diesem Raum, dann auf der ganzen Welt.
»Meine Herren«, begann er schließlich und drehte sich zu den drei Männern um. »Ich nehme an, Bischof Valdespino hat Sie bereits über meine Bitte um Diskretion informiert. Ehe wir fortfahren, möchte ich eines klarstellen: Was ich Ihnen nun mitteilen werde, muss absolut vertraulich behandelt werden. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir den Eid zu leisten, dass Sie schweigen werden. Sind Sie dazu bereit?«
Die drei Geistlichen nickten in stillschweigendem Einverständnis. Doch die Geste war bedeutungslos, das wusste Kirsch. Sie werden alles vertuschen. Sie dürfen nicht zulassen, dass die Welt es erfährt.
»Ich bin zu Ihnen gekommen«, fuhr er fort, »weil ich eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht habe, die Sie zutiefst erstaunen wird. Es ist ein Thema, mit dem ich mich seit vielen Jahren beschäftigt habe in der Hoffnung, Antworten auf zwei grundlegende Fragen der menschlichen Existenz zu finden. Dieses Ziel habe ich erreicht. Nun komme ich zu Ihnen, weil das, was ich herausgefunden habe, die Gläubigen weltweit auf elementare Weise betrifft. Es wird eine Umwälzung herbeiführen, die dramatisch sein wird, vielleicht sogar zerstörerisch. Derzeit bin ich der Einzige, der über die Information verfügt, die ich Ihnen gleich enthüllen werde.«
Kirsch griff in sein Jackett und zog ein überdimensionales Smartphone – ein Phablet – hervor, dessen Hülle ein Mosaik in leuchtend bunten Farben war. Er hatte dieses Gerät selbst entworfen und nach seinen Spezifikationen anfertigen lassen, damit es seine individuellen Bedürfnisse erfüllen konnte. Nun stellte er das Phablet wie einen kleinen Fernseher vor den drei Männern auf. In wenigen Augenblicken würde er sich über dieses Gerät in einen ultrasicheren Server einloggen, sein Passwort aus siebenundvierzig Buchstaben eingeben und seine Livestream-Darbietung starten.
»Was Sie gleich sehen werden«, fuhr er fort, »ist ein Teil einer Präsentation, die ich in ungefähr einem Monat mit der ganzen Welt zu teilen hoffe. Zuvor aber wollte ich mich mit einigen der einflussreichsten religiösen Denkern der Welt austauschen, um Einblick darin zu erhalten, wie meine Entdeckung von jenen aufgenommen wird, die am meisten davon betroffen sein werden – Leuten wie Ihnen.«
Der Bischof stieß einen tiefen Seufzer aus, der eher gelangweilt als besorgt klang. »Eine faszinierende Einführung, Mr. Kirsch. Sie reden, als würde es die Fundamente sämtlicher Religionen der Welt erschüttern, was Sie uns in Kürze anvertrauen werden.«
Die Fundamente erschüttern? Kirsch ließ den Blick über das historische Repositorium altehrwürdiger Texte schweifen. Es wird sie nicht erschüttern, es wird sie zerschmettern.
Wieder schaute Kirsch auf die drei Männer vor ihm. Sie konnten nicht wissen, dass er in drei Tagen mit seiner Präsentation an die Öffentlichkeit gehen würde – im Rahmen eines spektakulären, minutiös choreographierten Events, in dessen Verlauf die Menschheit erkennen würde, dass die Lehren sämtlicher Religionen auf Erden tatsächlich eine Gemeinsamkeit hatten.
Sie alle lagen völlig falsch.
Professor Robert Langdon schaute hinauf zu dem zwölf Meter großen Welpen, der mitten auf der Plaza saß und dessen Fell ein lebender bunter Teppich aus Gras und duftenden Blumen war.
Ich versuche ja, dich zu mögen. Ehrlich, ich versuche es.
Langdon betrachtete den Hund noch eine Zeit lang, ehe er seinen Weg fortsetzte, der ihn zuerst über einen hohen stählernen Laufsteg mit Gitterrostboden führte; dann ging es eine terrassenartig angelegte Treppe hinunter, deren Stufen in unregelmäßigen Abständen aufeinander folgten und offenbar dazu gedacht waren, eintreffende Besucher beim Gehen aus dem Rhythmus zu bringen.
Na, das Ziel habt ihr erreicht, dachte Langdon, nachdem er das zweite Mal über eine der Stufen gestolpert war.
Am Fuß der Treppe blieb er unwillkürlich stehen und starrte hinauf zu einer einschüchternden Kreatur.
Also, der Welpe eben war netter.
Vor ihm erhob sich eine gigantische Schwarze Witwe. Lange dünne Spinnenbeine aus rostfreiem Stahl trugen einen kleinen dicken Leib, der sich in etwa neun Metern Höhe befand. Am Bauch der Spinne hing ein Eiersack aus Maschendraht, gefüllt mit Kugeln aus Marmor.
»Sie heißt Maman«, sagte eine Stimme.
Langdon senkte den Blick und sah einen schlanken Mann unter der Spinne stehen. Er trug einen skurrilen Salvador-Dali-Schnurrbart und war in einen schwarzsamtenen Sherwani gekleidet.
»Mein Name ist Fernando«, fuhr der Mann fort. »Willkommen in unserem Museum.« Er überflog einen Stoß Namensschilder, die vor ihm auf dem Tisch lagen. »Dürfte ich erfahren, wie Sie heißen?«
»Ja, natürlich. Robert Langdon.«
Sofort riss der Mann den Blick von den Namensschildchen los und schaute Langdon an. »Oh, verzeihen Sie! Ich habe Sie nicht erkannt, Sir.«
Ich erkenne mich ja selbst kaum, dachte Langdon, der in seinem klassisch geschnittenen Frack mit weißer Weste und weißer Fliege ziemlich steif und verloren dastand. Ich sehe aus wie ein Sänger der Comedian Harmonists. Der Frack war fast dreißig Jahre alt und stammte noch aus der Zeit, als Langdon Mitglied des Ivy Clubs in Princeton gewesen war. In seiner Eile beim Packen hatte er sich die falsche Kleiderhülle geschnappt und seinen Smoking zu Hause im Schrank hängen lassen, doch dank seines rigorosen täglichen Schwimmtrainings saß der Frack noch ziemlich gut.
»Dresscode Black and White«, sagte Langdon. »So stand es auf der Einladung. Ich nehme an, mein Outfit ist angemessen.«
»Absolut, Sir. Sie sehen blendend aus.« Der Mann mit dem Dali-Schnurrbart kam um den Tisch herum und befestigte geschickt ein Namensschild am Revers von Langdons Frack. »Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Sir. Sie haben unser Museum bestimmt schon mal besucht, nicht wahr?«
Langdon starrte zwischen den Spinnenbeinen hindurch auf das schimmernde, spektakuläre Bauwerk dahinter. »Offen gesagt nein, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Ich war noch nie hier.«
»Nein!« Der Mann griff sich an die Stirn, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. »Sind Sie kein Freund moderner Kunst?«
Langdon hatte die Herausforderungen der modernen Kunst stets genossen – vor allem, wenn es um die Frage ging, weshalb manche Arbeiten als Meisterwerke bezeichnet wurden, beispielsweise die Drip Paintings von Jackson Pollock, die Campbell’s-Suppendosen von Andy Warhol oder die schlichten farbigen Rechtecke von Mark Rothko. Langdon gestand diesen Werken ihren kunstgeschichtlichen Rang durchaus zu, fühlte sich aber wohler, wenn er über den religiösen Symbolgehalt der Gemälde von Hieronymus Bosch oder die Pinselführung von Francisco de Goya referieren konnte.
»Ich bin Anhänger eines eher klassischen Kunstbegriffs«, entgegnete Langdon. »Ich kann mehr mit Leonardo da Vinci anfangen als mit Willem de Kooning.«
»Tatsächlich? Wo Leonardo und de Kooning sich doch so ähnlich sind?«
Langdon lächelte geduldig. »Wenn das stimmt, muss ich wohl noch einiges über de Kooning lernen.«
»Dann sind Sie hier an der richtigen Adresse.« Der Mann hob den Arm und zeigte auf das in der Ferne schimmernde Bauwerk. »In diesem Museum befindet sich eine der weltweit großartigsten Sammlungen moderner Kunst. Ich hoffe, Sie haben Ihre Freude daran.«
»Das hoffe ich auch«, sagte Langdon. »Ich wüsste nur gern, warum ich eigentlich hier bin.«
»Da geht es Ihnen wie allen anderen.« Der Mann lachte und schüttelte den Kopf. »Ihr Gastgeber gab sich sehr geheimnisvoll, was Sinn und Zweck des heutigen Events angeht. Nicht einmal das Museumspersonal weiß, was passieren wird. Nun ja, dieses Geheimnis ist der halbe Spaß an der Sache, zumal die Gerüchte überhandgenommen haben. Es sind bereits mehrere hundert Gäste eingetroffen, darunter zahlreiche Berühmtheiten, und niemand hat auch nur eine Ahnung, was heute Abend auf der Agenda steht!«
Jetzt war es an Langdon, zu lächeln. Es brauchte schon sehr viel Selbstbewusstsein, um Last-Minute-Einladungen zu verschicken, die im Grunde nichts weiter besagten als: Komm am Samstagabend. Es lohnt sich. Glaub mir. Erst recht, wenn man damit Hunderte von VIPs dazu bringen will, alles stehen und liegen zu lassen und nach Nordspanien zu fliegen, um dem Event beizuwohnen.
Langdon setzte seinen Weg unter der Spinne hindurch fort, ehe er den Blick hob und auf ein großes rotes Banner schaute, das sich im Wind blähte.
EIN ABEND MIT EDMOND KIRSCH
Edmond hat es nie an Selbstvertrauen gemangelt, dachte Langdon belustigt.
Vor mehr als zwanzig Jahren war Eddie Kirsch einer der ersten Studenten Langdons an der Harvard University gewesen – ein Computergeek mit einer Frisur wie ein Wischmopp, der von seiner Begeisterung für Codes und Zeichensysteme in Langdons Anfängerseminar gelockt worden war: Chiffren, Codes und die Sprache der Symbole. Der überragende Intellekt des jungen Mannes hatte Langdon damals sehr beeindruckt, und wenngleich Kirsch später die staubige Welt der Semiotik verlassen hatte und den strahlenden Verlockungen der Computerwissenschaften erlegen war, hatten er und Langdon eine enge Schüler-Lehrer-Bindung entwickelt, die dafür sorgte, dass beide Männer seit Kirschs Examen vor zwei Jahrzehnten in Verbindung geblieben waren.
Der Student hat seinen Lehrer längst überflügelt, dachte Langdon. Um Lichtjahre.
Mittlerweile war Edmond Kirsch weltbekannt – ein milliardenschwerer Unternehmer, Computerwissenschaftler, Erfinder, Querdenker und Futurologe. Der inzwischen Vierzigjährige hatte eine erstaunliche Anzahl modernster Technologien entwickelt, die zu atemberaubenden Fortschritten auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Robotik, der Hirnforschung, der künstlichen Intelligenz und der Nanotechnologie geführt hatten. Seine präzisen Vorhersagen über zukünftige wissenschaftliche Durchbrüche hatten eine beinahe mystische Aura um seine Person entstehen lassen.
Langdon vermutete, dass Edmonds beinahe gespenstische Fähigkeit, richtige Prognosen zu treffen, auf sein enzyklopädisches Wissen zurückzuführen war. Solange Langdon sich erinnern konnte, war Edmond Kirsch ein unersättlicher Bücherwurm gewesen, der alles verschlungen hatte, was er in die Finger bekam. Seine Leidenschaft für Bücher und seine Fähigkeit, deren Inhalt in kürzester Zeit in sich aufzunehmen, übertraf alles, was Langdon in dieser Hinsicht je erlebt hatte.
In den vergangenen Jahren hatte Kirsch vor allem in Spanien gelebt und dies mit seiner anhaltenden Liebe zum Alte-Welt-Charme dieses Landes, seiner avantgardistischen Architektur, den exzentrischen Bars und dem perfekten Wetter begründet.
Einmal im Jahr, wenn Kirsch nach Cambridge kam, um am MIT Media Lab zu referieren, traf er sich mit Langdon zum Essen an einem der trendigen Bostoner Hotspots, die Langdon mit schöner Regelmäßigkeit gänzlich unbekannt waren. Bei ihren Gesprächen ging es nie um Technologie: Kirsch wollte mit seinem alten Lehrer immer nur über Kunst reden.
»Du bist meine Verbindung zur Kultur, Robert«, scherzte er häufig. »Mein privater Bachelor* of Arts.«
Dieser Seitenhieb auf Langdons Familienstand war von besonderer Ironie, kam er doch von einem eingefleischten Junggesellen-Kollegen, der Monogamie als »Affront gegen die Evolution« betrachtete und im Lauf der Jahre mit einer Vielzahl wechselnder Supermodels an seiner Seite abgelichtet worden war.
In Anbetracht der Reputation Kirschs als Innovator der Computerwissenschaften hätte man auf den Gedanken kommen können, man bekäme es mit einem zugeknöpften Techno-Nerd zu tun; stattdessen hatte er sich zu einer modernen Pop-Ikone stilisiert, die sich in Promi-Kreisen bewegte, nach der neuesten Mode kleidete, obskure Undergroundmusik hörte und eine umfangreiche Sammlung unbezahlbarer impressionistischer und moderner Kunst ihr Eigen nannte. Es kam häufig vor, dass Kirsch seinen einstigen Lehrer per E-Mail kontaktierte, um dessen Rat bezüglich neuer Objekte einzuholen, die er für seine Sammlung in Betracht gezogen hatte.
Und dann tut er jedes Mal das genaue Gegenteil von dem, was ich ihm rate, sinnierte Langdon.
Vor einem Jahr hatte Kirsch ihn überrascht, als er ausnahmsweise nicht über Kunst, sondern über Gott hatte reden wollen. Ein eigenartiges Thema für einen selbsternannten Atheisten. Bei einem Teller Crudo im Tiger Mama, einem Bostoner Szene-Restaurant, hatte Kirsch Langdons Hirn nach den zentralen Aussagen der großen Weltreligionen durchforstet, insbesondere den jeweiligen Schöpfungsgeschichten.
Langdon hatte ihm einen kurzen, aber fundierten Überblick über die Glaubensrichtungen geliefert, angefangen bei der Genesis, die für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen Gültigkeit besaß, bis hin zur hinduistischen Geschichte Brahmas, der Geschichte des babylonischen Hauptgottes Marduk und anderen.
»Ich bin neugierig«, hatte Langdon gestanden, als sie das Restaurant verlassen hatten. »Warum interessiert sich ein Futurologe wie du mit einem Mal so brennend für die Vergangenheit? Hat unser berühmter Atheist endlich zu Gott gefunden?«
Edmond lachte herzhaft. »Wunschdenken! Ich versuche nur, meine Konkurrenz abzuschätzen, Robert.«
Langdon lächelte. Typisch. »Wissenschaft und Religion sind keine Konkurrenten, sondern zwei verschiedene Sprachen, die versuchen, ein und dieselbe Geschichte zu erzählen. In unserer Welt ist Platz genug für beide.«
Nach dieser Begegnung hatten sie fast ein Jahr lang keinen Kontakt mehr gehabt. Dann aber, wie aus heiterem Himmel, war vor drei Tagen ein FedEx-Umschlag eingetrudelt mit einem Flugticket, einer Hotelreservierung und einer handschriftlichen Notiz von Edmond, in der er Langdon drängte, am Event dieses Abends teilzunehmen. Robert, es würde mir unendlich viel bedeuten, wenn gerade du kommen würdest. Deine Einsichten während unseres letzten Treffens haben mir geholfen, diesen Abend überhaupt erst zu ermöglichen.
Langdon hatte es glatt die Sprache verschlagen. Nichts an ihrer Unterhaltung war auch nur im Entferntesten von Bedeutung gewesen für ein Event, das von einem Zukunftsforscher veranstaltet wurde.
Der FedEx-Umschlag enthielt außerdem ein Schwarzweißfoto, das zwei Personen zeigte, die sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Kirsch hatte dazu ein kurzes Gedicht verfasst:
Robert,
Wenn wir uns sehen
Von Angesicht zu Angesicht
Füll ich den leeren Raum mit Licht
– Edmond
Langdon musste lächeln, als er das Foto sah – eine geschickte Anspielung auf eine Episode, in die er ein paar Jahre zuvor verwickelt gewesen war. Die Silhouette eines Abendmahlskelchs oder eines Gralsbechers füllte den leeren Raum zwischen zwei Gesichtern.
Jetzt stand Langdon vor dem Museum und brannte darauf, zu erfahren, was sein einstiger Student enthüllen würde. Eine leichte Brise zerrte an seinen Frackschößen, als er den betonierten Weg am Ufer des gewundenen Flüsschens Nervión entlangging, einst die Lebensader einer blühenden Industriestadt. Die Luft roch leicht nach Kupfer.
Und dann, als Langdon eine lang gezogene Biegung hinter sich gebracht hatte, erhob es sich in seiner ganzen grotesken Fremdartigkeit vor ihm: das Guggenheim-Museum in Bilbao, Spanien.
Es war unmöglich, das gesamte Bauwerk auf einmal in sich aufzunehmen. Deshalb schweifte Langdons Blick mehrmals über die gesamte Breite des bizarren, lang gestreckten Museumsbaus hinweg.
Dieses Bauwerk verstößt gegen sämtliche Regeln, ging es Langdon durch den Kopf. Nein, viel mehr noch. Es missachtet sie vollkommen. Ein Ort, wie geschaffen für Edmond.
Das schimmernde Museumsgebäude mutete wie der Entwurf eines fremdartigen Geistes an, wie ein Fiebertraum, eine Halluzination, eine Collage aus gekrümmten und verdrehten Metallelementen, die aussahen, als wären sie auf willkürliche Weise gegeneinandergelehnt. Die Außenhülle des chaotisch anmutenden Gebildes war mit mehr als dreißigtausend Titanblechen verkleidet, die wie Fischschuppen glänzten und dem Bauwerk eine organische und zugleich extraterrestrische Aura verliehen, als wäre ein futuristischer Leviathan aus dem Wasser gekrochen, um sich am Flussufer zu sonnen.
Als das Bauwerk im Jahr 1997 enthüllt worden war, hatte der New Yorker den Architekten Frank Gehry für seinen Entwurf gefeiert und diesen als »fantastisches Traumschiff aus wogenden Formen in einem Mantel aus Titan« bezeichnet. Andere Kritiker waren in dieses Lob eingefallen und hatten in höchsten Tönen geschwärmt: »Das großartigste Bauwerk unserer Zeit!« »Berauschende Brillanz!« »Eine ganz und gar erstaunliche architektonische Leistung!«
Seit der Eröffnung des Museums waren Dutzende weiterer Gebäude im Stil des »Dekonstruktivismus« errichtet worden – die Disney Concert Hall in Los Angeles, BMW Welt in München, selbst die neue Bibliothek in Harvard, Langdons Alma Mater. Jedem dieser Bauwerke lagen ein unkonventionelles Design und eine wagemutige Konstruktion zugrunde, und doch bezweifelte Langdon, dass irgendeines davon mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao wetteifern konnte, wenn es um den Schock des ersten Eindrucks ging.
Die titanverkleidete Fassade des Museums schien mit jedem Schritt, den Langdon näher kam, ihre Gestalt zu verändern und bot aus jeder Perspektive einen neuen, unbekannten Charakter. Langdon stockte der Atem, als die dramatischste Veränderung eintrat: Mit einem Mal schien die kolossale Struktur auf dem Wasser zu schweben, auf einer unendlich anmutenden Infinity-Lagune, deren Wogen träge gegen die Außenwände schwappten.
Langdon blieb einen Moment stehen, um das Bild zu bestaunen, ehe er den Weg über die minimalistische Brücke einschlug, von der die glasartige Wasserfläche der Lagune überspannt wurde. Er war erst auf halbem Weg, als ihn ein lautes Zischen, das direkt unter ihm ertönte, erschreckt innehalten ließ. Im gleichen Augenblick quoll eine wirbelnde Nebelwolke zu beiden Seiten unter der Brücke hervor. Ein dichter Schleier erhob sich ringsum, breitete sich über die Lagune aus, wogte auf das Museum zu und hüllte dessen gesamte Basis ein.
Die Nebelskulptur, dachte Langdon.
Er hatte von dieser Arbeit der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya gelesen. Die »Skulptur« war insofern revolutionär, als sie aus sichtbar gemachter Luft bestand – eine Wand aus Nebel, die materialisierte und sich mit der Zeit wieder auflöste. Aufgrund der Luftbewegungen und wechselnden atmosphärischen Bedingungen veränderte sich ihr Aussehen von Tag zu Tag.
Das Zischen unter der Brücke verstummte, und Langdon verfolgte, wie sich die Wand aus Nebel lautlos über die Lagune senkte, dann weiterkroch und sich wand, als hätte sie ein eigenes Bewusstsein. Der Effekt war ätherisch und desorientierend. Das Museumsgebäude schien gewichtslos auf dem Wasser zu schweben, getragen von einer Wolke – ein Geisterschiff, verloren auf einem unendlichen Meer.
Langdon wollte schon weitergehen, als die stille Oberfläche des Wassers durch eine Aufeinanderfolge kleiner Eruptionen in heftige Bewegung geriet. Unvermittelt schossen Flammensäulen himmelwärts, begleitet von einem dumpfen Grollen wie von Raketenantrieben, und fraßen sich durch den Nebel, um funkelnde Lichtblitze auf die silbrigen Titankacheln des Museums zu schleudern.
Klassische Museumsbauten wie der Louvre in Paris oder der Prado waren eher nach Langdons architektonischem Geschmack, doch während er den Kampf zwischen Nebel und Feuer über der Lagune beobachtete, wollte ihm kein Veranstaltungsort einfallen, der besser als dieses ultramoderne Bauwerk für das bevorstehende Ereignis geeignet gewesen wäre – ein Event, inszeniert von einem Mann, der die Kunst und die Wissenschaft liebte und der einen so klaren Blick auf die Zukunft besaß wie kein Zweiter.
Langdon durchschritt die Nebelwand und hielt zielstrebig auf den Eingang zu, ein bedrohlich wirkendes schwarzes Loch in der panzergleichen Außenhaut der reptilienartigen Struktur. Als er sich der Schwelle näherte, hatte er das beunruhigende Gefühl, in das Maul eines Drachen zu steigen.