ISBN eBook: 978-3-649-62628-2
Die Einzelbände der Meeressaga von Patricia Schröder:
eBook ISBN Meeresflüstern (Band 1): 978-3-649-61134-9
eBook ISBN Meeresrauschen (Band 2): 978-3-649-61241-4
eBook ISBN Meerestosen (Band 3): 978-3-649-61604-7
www.coppenrath.de
ISBN 978-3-649-61134-9 (eBook)
eBook © 2012 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
ISBN 978-3-649-60319-1 (Buch)
© 2012 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Text: Patricia Schröder
Umschlaggestaltung: Geviert – Büro für Kommunikationsdesign, München, Conny Hepting
Umschlagfoto: © Anni Suvi
Lektorat: Nicola Dröge
Satz: Sabine Conrad, Rosbach
eBook Produktion: book2look International GmbH
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Niemand kann seiner Bestimmung entfliehen.
Das ist ein ehernes Gesetz des Meeres.
Zärtlich ruhte Kyans Blick auf dem nackten Körper des Mädchens, der
sich im Licht des schmalen, hoch stehenden Mondes gespenstisch vom
dunklen Boden abhob. Ihre hellblauen Augen hatte sie dem Himmel
zugewandt, doch ihr Blick war stumm nach innen gerichtet, und aus
den Winkeln ihrer leicht geöffneten Lippen flossen dünne Rinnsale
salzigen Meerwassers. Sie perlten über ihr Kinn und an ihrem Hals
entlang und verfingen sich schließlich in ihrem Nacken zwischen den
Strähnen ihres goldblonden Haares. Ihr linker Arm lag angewinkelt
über ihrem Kopf, und die rechte Hand, die sich eben noch oberhalb
ihres Nabels befunden hatte, glitt nun langsam an ihrer Hüfte hinab
und landete mit einem dumpfen, endgültigen Laut im Gras.
»Nie wieder wirst du einem anderen gehören«, flüsterte Kyan.
Leise setzte er sich auf und beugte sich über sie. Ihre feuchtglänzende Haut war noch warm und die Luft über ihrem Körper flirrte geradezu von ihrem fremden, lockenden Duft.
Kyan schloss die Augen und atmete ihn tief in seine Lungen.
Obwohl er geahnt hatte, dass es nicht gut gehen würde, hatte er nicht widerstanden, und jetzt, da er diese tiefe Ruhe und Zufriedenheit in sich spürte, wusste er, dass es richtig gewesen war. Dass es so sein musste.
Eine Art Wiedergutmachung.
Eigentlich hatte ich mir meinen letzten Abend in Lübeck ein
wenig anders vorgestellt, irgendwie intimer. Außerdem war
Pas Unfall gerade einmal sechs Wochen her und mir war überhaupt
nicht nach Feiern zumute, aber Sina hatte unbedingt
diese Party für mich geben wollen, und wie immer hatte ich
ihr auch diesen Wunsch nicht abschlagen können. Sina war
seit der sechsten Klasse meine beste Freundin und half mir
bei allen lebenswichtigen Entscheidungen. Denn leider war
ich nicht der Typ, der einfach geradeaus durchs Leben spazierte.
Im Gegenteil: Ich liebte Umwege und Warteschleifen
und überlegte alle drei Wochen aufs Neue, ob es nicht vielleicht
doch besser wäre, irgendeine Ausbildung zu beginnen,
als noch endlos weiter zur Schule zu gehen.
Ich besuchte das sprachliche Profil in der elften Jahrgangsstufe des Katharineums mit dem Kernfach Latein – was ich einzig und allein der Überzeugungskraft meines Vaters und Sinas Gebettel verdankte – und hatte die erste Schuljahreshälfte gerade einigermaßen erfolgreich hinter mich gebracht, als Pa verunglückte.
Seitdem klaffte ein Riesenloch in meinem Herzen, das niemand, nicht einmal Mam oder Sina, ausfüllen konnte. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren, den Blick in die Zukunft, ja, ich wusste nicht einmal mehr, ob ich mich gerade in einer Warteschleife, auf einem Umweg oder schlicht im Niemandsland befand.
Als meine Mutter dann mit der Idee kam, dass ich doch für eine Weile bei meiner Großtante Grace auf Guernsey leben könnte, um Pas Tod zu verarbeiten, mich zu sortieren und am Ende vielleicht sogar etwas ganz Neues zu entdecken, das mich begeisterte und mein Leben auf ein Ziel ausrichtete, hätte ich eigentlich vollends durchdrehen müssen. Ausgerechnet ich mit meiner panischen, irrationalen Angst vor Wasser sollte mein Seelenheil auf einer winzigen Nordseeinsel finden? – Hallo! Unter normalen Umständen wäre ich ganz sicher eher gestorben, als eine solche Reise anzutreten.
Doch die Umstände waren eben nicht normal. Ich war in einem Ausnahmezustand und hatte einfach nicht die Kraft zu diskutieren. Es schien mir weitaus einfacher, zumindest dieses eine Mal über meinen Schatten zu springen, und am Ende kam mir Mams Vorschlag mit der Insel schon fast wie eine Erlösung vor.
Für meine große Abschiedsparty hatte Sina es sogar hingekriegt, die angesagtesten Typen unseres Jahrgangs einzuladen. Bestimmt hatte sie mir damit eine Freude machen wollen, doch leider war der Schuss nach hinten losgegangen. Ich hatte zu viel Alkohol getrunken – was ich sonst nie tat –, war schrecklich sentimental geworden und hatte einfach nicht Nein sagen können: weder bei Luis noch bei Jannik und am allerwenigsten bei Frederik.
An diesem berüchtigten Morgen danach stellte ich mir dann die Frage, ob ich mich nicht vielleicht sogar ein bisschen in ihn verliebt hatte. Und auch jetzt, nachdem ich am Flughafen Lübeck-Blankensee durch die Passkontrolle gegangen war und mich in eine der Schlangen an der Sicherheitskontrolle einreihte, grübelte ich weiter darüber nach. Ich tat es allerdings nicht, weil ich darauf hoffte, dass mir meine momentan ein wenig chaotisch angeordneten Gehirnzellen eine zufriedenstellende Antwort liefern würden, sondern vor allem, um mich abzulenken. Hätte mein Denkapparat nichts zu tun gehabt, hätte ich wahrscheinlich längst einen Herzinfarkt bekommen.
Ich war noch nie in meinem Leben geflogen. Schon gar nicht allein und erst recht nicht über Millionen Liter Nordseewasser hinweg, um anschließend auf der wahrscheinlich viel zu kurzen Landebahn dieser winzigen – exakt ausgedrückt: achtundsiebzig Quadratkilometer kleinen – Insel aufzusetzen. Dass es zunächst nach Stansted ging und erst nach einer kleinen Verschnaufpause von London-Gatwick aus weiter nach Guernsey, war für mich nur ein schwacher Trost. Okay, die Flugzeiten waren auf diese Weise jeweils einigermaßen erträglich kurz, dafür verdoppelten sich sowohl der Start als auch die Landung und damit erhöhte sich natürlich das Gesamtrisiko.
»Flugzeugunglücke sind absolut selten«, hörte ich Sina sagen.
»Aber sie passieren«, war mein unschlagbares Gegenargument.
»Okay, wenn es dir passieren sollte, befolgst du einfach konsequent alle Sicherheitsanweisungen der Stewardessen und des Flugkapitäns«, riet sie mir. »Dann machst du die Augen zu und denkst an mich oder an Frederiks Hintern.«
»Oh nein«, murmelte ich, »das werde ich nicht tun. Ich werde hyperventilieren und schnellstens in Ohnmacht fallen, damit ich so wenig wie möglich von allem mitbekomme.« – Gratuliere Elodie, wenn das mal keine schnelle Entscheidung war!
Ich grinste in mich hinein, und als ich schließlich aus meiner Gedankenwelt in die Realität zurückkehrte, blickte ich in das genervte Gesicht einer Ryanair Groundhostess, die auf eine leere graue Plastikwanne vor mir auf dem Transportband deutete.
Überraschenderweise passierten Rucksack, Jacke und Gürtel und sogar ich selbst die magische Schwelle der Sicherheitszone ohne irgendwelche Komplikationen. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte, denn jetzt gab es kein Zurück mehr.
Mam und Sina saßen inzwischen wahrscheinlich längst wieder im Auto und würden mich bis zum Spätsommer mehr oder weniger aus ihrem Leben streichen. Ab sofort gab es nur noch E-Mails, Skype, Facebook, SMS und Telefonate. Oh Mann, wie sollte ich das bloß überleben? Hier und jetzt in der Abflughalle neigte ich spontan dazu, mich für geheilt zu erklären. Ich war nicht mehr traumatisiert. Ich wusste sehr wohl, wie ich mit Pas Tod zurechtkam. Und ich wusste auch, was ich mir von der Zukunft erwartete. Ich war ungeheuer zielgerichtet. Ha! Nein, verdammt, genau das war ich eben nicht! Und deshalb beschloss ich ein für alle Mal, das Risiko einzugehen und mich der Herausforderung zu stellen, damit ich nicht womöglich etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben verpasste.
»Wenn du tot bist, ist dir eh alles egal«, hörte ich Sina sagen.
»Ja, ich weiß«, musste ich ihr diesmal recht geben. Wie sollte ich ihr auch erklären, dass manche Sachverhalte im selben Augenblick, in dem sie auf mich trafen, ihre Allgemeingültigkeit verloren?
»Ist schon klar«, erwiderte Sina und grinste. »Du bist Elodie Saller, siebzehn Jahre alt, traumatisiert und die einzige Person auf diesem Erdball, an dem sich selbst das Chaos die Zähne ausbeißt.«
»Danke, Sina, ich liebe dich«, murmelte ich, während ich mich neben einer fülligen Frau in eine gelbe Plastiksitzschale fallen ließ.
Ich seufzte ein bisschen, dann kramte ich mein Handy hervor und stellte fest, dass seit meiner tränenreichen Verabschiedung von Mam und Sina sechs Kurznachrichten eingegangen waren. Warum zum Teufel hatte ich das nicht gemerkt? Ich checkte die Signaltoneinstellungen, konnte aber keinen Fehler feststellen – wer mich kannte, wusste, dass das nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatte – und widmete mich den SMS. Sie waren – NATÜRLICH! – allesamt von Sina und lauteten:
Ich liebe dich!
Ich vermisse dich!
Kopf hoch! Du wirst es überleben!
Ich auch!!!!!!!!!!
Ganz viele liebe grüße von deiner mutter. Sie sagt: kopf hoch! ;-)
Alles klar bei dir?
Das weiß ich erst, wenn ich angekommen bin,
schrieb ich zurück und
schaltete das Handy aus. Sicher war sicher.
Nachdem ich eine gute Viertelstunde neben der fülligen Frau gesessen, den Leuten beim Herumwuseln zugesehen und dabei wieder an Frederik und meine Abschiedsparty gedacht hatte, fing ich an, unruhig zu werden. Nicht, dass ich es nicht die ganze Zeit über schon gewesen wäre, aber dies war nun eine neue Stufe von Nervosität, die es mir unmöglich machte, noch eine Sekunde länger in meiner Sitzschale zu hocken. Ich sprang also auf und löste damit eine Art Lemmingreflex aus. Jedenfalls schossen auch alle anderen hoch, packten hastig Butterbrote, Wasserflaschen und Zeitschriften zusammen und stürzten auf die Absperrung zu. Und zu meiner großen Verwunderung machten es die, die eben noch umhergeschlendert waren, etwas gekauft oder in Gruppen zusammengestanden und sich unterhalten hatten, genauso.
Elodie, sagte ich mir. Du bist etwas Besonderes, du wusstest es nur noch nicht.
»Na, junge Dame, wollen Sie sich denn gar nicht anstellen?«, fragte eine Stimme hinter mir.
Es kostete mich ungeheure Willenskraft, aber ich schaffte es tatsächlich, nicht herumzuwirbeln, sondern so zu tun, als ob ich mich nicht angesprochen fühlte. Warum sollte hier auch irgendwer mit mir quatschen wollen?
Im nächsten Moment schob sich ein Kopf in mein Blickfeld, und ich registrierte ein Augenpaar von undefinierbarer Farbe irgendwo zwischen Türkis und Blaugrau, kurze dunkelblonde Locken und ein Lächeln, das ein ausgesprochen seltsames Gefühl unter meinem Brustbein hervorrief.
»Ähm, meinten Sie mich?«, fragte ich schnell.
»Allerdings.«
Der Mann, den ich auf Mitte dreißig schätzte und der dermaßen überirdisch gut aussah, dass es beinahe schon gruselig war, zog seine Mundwinkel noch ein Stück weiter auseinander und entblößte eine Reihe beeindruckend kräftiger Zähne. Unwillkürlich kam mir die Sache mit Rotkäppchen, ihrer Großmutter und dem bösen Wolf in den Sinn.
»Wenn Sie sich jetzt nicht anstellen, ist Ihnen einer der sechs schlechtesten Plätze garantiert.«
»Äh …?« Wahrscheinlich sah ich aus wie ein Kaninchen, das versehentlich ein Ei gelegt hatte.
Der Mann lachte jetzt geradeheraus. »Kommen Sie«, sagte er und tippte mir an die Schulter. »Ich werde auf Sie aufpassen.«
»Vielen Dank«, erwiderte ich. Den Kommentar, ihn doch eigentlich gar nicht darum gebeten zu haben, verkniff ich mir. Außerdem war ich mit der Stelle beschäftigt, an der er mich berührt hatte. Es war Mitte März, ich trug meine dunkelgrüne gefütterte Cabanjacke, und trotzdem spürte ich eindeutig Kälte, und zwar direkt auf meiner Haut, klar abgegrenzt und exakt von der Größe einer Fingerkuppe.
»Wenn ich mich vorstellen darf … mein Name ist Javen. Javen Spinx.«
»Oh«, sagte ich, und dann war ich erst mal für eine ganze Weile still, denn in diesem Moment wurde die Absperrung geöffnet, und die Menschentraube, in der auch Mister Spinx und ich inzwischen eingequetscht waren, schob sich mit einem Ruck nach vorn. Da fiel mir ein, dass die Tickets keine Platznummern hatten, und mit einem Schlag wurde mir klar, was der Lemmingreflex zu bedeuten hatte.
»Haben Sie Ihre Bordkarte zur Hand?«, hörte ich Javen Spinx neben mir fragen. Unsere Oberarme wurden gegeneinandergedrückt, und ich stellte verwundert fest, dass diese Berührung keine Kälte verursachte.
Natürlich hatte ich das Ticket nicht zur Hand. Es steckte im Seitenfach meines Rucksacks, dessen Riemen ich fest umklammert hielt und der gerade irgendwo auf Kniehöhe klemmte. Ich spannte die Muskeln an und zerrte ihn unter leisem Stöhnen nach oben, in diesem Gedränge war jedoch kein Denken daran, das Seitenfach zu öffnen.
Ich ließ mich also weiter nach vorn schieben, gab mich dabei dem ulkigen Gefühl hin, nicht selber laufen zu müssen, sondern gelaufen zu werden, dachte an Frederiks Grübchen und versuchte, nicht durchzudrehen. Meine Knöchel fingen an zu jucken, was sie normalerweise eigentlich nur dann taten, wenn zu viel Wasser in Sichtweite war. Sie juckten beidseitig und immer an beiden Beinen; und besonders in Situationen, in denen es kein Zurück gab, ging das Jucken auch noch in ein fieses Brennen über, das sich bis zu meinen Oberschenkeln hinaufzog. Offensichtlich spürte mein Körper bereits, dass ich in den nächsten Monaten regelrecht von Wasser umzingelt sein würde.
Vielleicht war Javen Spinx’ Einfluss so stark wie Sinas, Mams und Pas zusammen. Er zog das Ticket aus meinem Rucksack, lotste mich zielsicher in die Mitte des Fliegers, drückte mich direkt am Gang auf einen Sitz, erklärte mir den Anschnallgurt und dass ich ein Glückskind wäre und verschwand. Na ja, vielleicht war er auch so etwas wie ein Schutzengel. Zumindest wäre das eine Erklärung für die außergewöhnliche Kälte seiner Finger gewesen – ich stellte mir Schutzengel jedenfalls eher tot als lebendig vor. Außerdem überkam mich trotz geschlossener Flugzeugtüren eine bisher völlig unbekannte, extrem wohltuende Gelassenheit und das Brennen in meinen Beinen hatte ebenfalls aufgehört.
Der Flieger rollte los und der Kapitän nuschelte eine Ansage auf Englisch, von der ich nur jedes dritte Wort verstand.
Unauffällig zog ich Pas dunkelgrünen Sweater aus dem Rucksack und vergrub meine Hände darin. Dann schloss ich die Augen, spürte die Beschleunigung der Maschine und das Rumpeln des Fahrwerks auf der Startbahn. Ein paar Sekunden fühlte ich mich wie eine Presswurst, dann wurde ich leicht und mir war etwas schwindelig im Bauch und zwischen den Schläfen. Es war ein bedrohliches Gefühl, das mir jedoch keine Angst machte, ein bisschen schizo also, aber das passte ja zu mir und beunruhigte mich deshalb auch nicht weiter.
Nachdem ich mich eine Weile auf den Sweater konzentriert hatte, ließ der Schwindel in meinem Bauch und im Kopf allmählich nach, und plötzlich fand ich das Fliegen sogar angenehm. Die Sonne schien, der Himmel war glasklar, und als ich mich dann auch noch dazu durchrang, über die Beine der beiden Frauen neben mir hinweg aus dem kleinen Fenster zu schielen, sah ich tief unter mir die Nordsee und den Küstenstreifen mit den Ostfriesischen Inseln. Es war ein überwältigender Anblick.
Wasser aus einer Höhe von ungefähr 35 000 Fuß hatte ganz offensichtlich eine weitaus weniger alarmierende Wirkung auf mich als Wasser in einem Kinderplanschbecken.
Die Landung im Nordosten von London war ebenfalls kein großes Ding, abgesehen davon, dass sie für mich persönlich natürlich schon ein großes Ding war. Es machte mir so viel Spaß, dass ich kein Problem damit gehabt hätte, wenn der Pilot durchgestartet und gleich noch ein zweites Mal gelandet wäre.
Tief entspannt lehnte ich in meinem Sitz, während der Flieger auf das Flughafengebäude zurollte. Ich war als eine der Ersten auf den Beinen, öffnete die Gepäckklappe und holte meinen Rucksack heraus. Noch während ich auf den Vorderausgang zulief, schaltete ich mein Handy ein. Die Geschichte mit Frederik nagte einfach zu sehr an mir. Es wäre schlicht unfair, wenn er sich falsche Hoffnungen machte.
Hallo frederik,
tippte ich, ich mag dich, aber bitte lass uns noch mal über alles reden, okay?
Die zweite Nachricht ging an Sina.
Hey, du stellst die fotos von der party aber bitte nicht ins internet!
Schon passiert ;-)
, simste sie zurück.
Dann nimm sie wieder raus!
, bat ich.
Sieh sie dir doch erst mal an!
Sina, bitte!
Sei froh, dass du noch lebst!
»Miststück!«, fluchte ich. Sina war schrecklich stur. Es würde verdammt schwer sein, sie davon zu überzeugen, dass sie mir das nicht antun durfte.
Ich hatte ihre letzte Nachricht gerade gelöscht, da erschien Frederiks Nummer auf dem Display. Ohne Ton und ohne Vibration. Zögernd drückte ich auf die Verbindungstaste.
»Hör mal, Elodie, ich verstehe nicht …«, sprudelte er los.
»Ich bin gerade in London«, unterbrach ich ihn, nicht ohne Stolz in der Stimme.
»Eben«, sagte Frederik. »Du bist viel zu weit und vor allem viel zu lange weg, um ernsthaft darüber zu reden. Es ist der völlig falsche Zeitpunkt und außerdem der verkehrte Ort.«
Das passt doch, dachte ich. Zu mir, zu uns, zu allem.
»Hör zu«, sagte jetzt ich. »Wir haben uns nur geküsst.«
»Ja, und es war toll!«.
Okay, das fand ich auch. Aber war das ein Grund, gleich ans Heiraten zu denken?
»Ich muss jetzt meinen Pass vorzeigen«, behauptete ich, obwohl noch mindestens acht Leute vor mir waren.
»Ja und?«, brummte Frederik.
»Ich kann nicht das Handy halten und gleichzeitig in meinem Rucksack kramen.«
»Dann klemm dir dasverdammte Ding doch einfach zwischen die Schulter!«
Hä?, dachte ich noch, da lag das verdammte Ding bereits auf dem Boden. »Elodie?«, brüllte es. »Elodie, bist du noch da? Was machst du denn, zum Teufel noch mal?«
Das Mädchen, das vor mir stand, drehte sich um und grinste blöd. Ich zuckte entschuldigend die Achseln und wollte mich gerade nach dem Handy bücken, als sich eine lange schmale Hand dazwischenschob und es aufhob.
»Elodie?«, sagte Javen Spinx. »Das ist aber ein sehr hübscher Name.«
»Oh, Verzeihung«, stammelte ich. »Ich glaube, ich hatte mich vorhin gar nicht vorgestellt.«
Mister Spinx lächelte. Sein rechtes Auge schillerte jetzt eindeutig türkisblau und das andere dunkelgrün. Seine Haut war hell und sehr ebenmäßig. Er hatte weder Pickel noch irgendwelche Unebenheiten, ja seltsamerweise nicht einmal Bartstoppeln.
»Hallooo? Elodiiie!«, brüllte Frederik durch den Handylautsprecher.
Die Männer, Frauen, Mädchen und Jungs vor und hinter mir starrten mich an, als ob sie in alles eingeweiht wären. Ich merkte, dass ich rot wurde, und achtete sorgsam darauf, niemandem direkt in die Augen zu sehen. Nur noch drei Leute bis zur Passkontrolle, Frederik am Handy, ein Mann ohne Bartstoppeln und mindestens eine Milliarde Augenpaare, die auf mich gerichtet waren – das war eindeutig mehr, als ich verkraften konnte.
»Elodie ruft Sie in zehn Minuten wieder an«, hörte ich Javen Spinx sagen. Er kappte die Verbindung, reichte mir das Handy und fragte: »Haben Sie Ihren Pass zur Hand?«
Äh … Natürlich nicht!
Ich fing an, meinen Rucksack zu durchsuchen.
Mister Spinx runzelte die Stirn. »Vielleicht im Seitenfach, dort wo Sie auch das Ticket aufbewahren?«
Schön wär’s!
»Ich bin manchmal etwas chaotisch«, entschuldigte ich mich.
»Schauen Sie doch erst einmal nach«, sagte Javen Spinx seelenruhig.
Der Perso steckte tatsächlich im Seitenfach. Ich zog ihn genau in der Sekunde hervor, als ich an der Reihe war. Der britische Beamte prüfte ihn eingehend, schließlich wandte er sich an meinen Begleiter. »Ihre Tochter?«, erkundigte er sich.
Mister Spinx überlegte einen Moment. »Nicht, dass ich wüsste.«
Der Beamte nickte und gab mir den Personalausweis zurück.
»Vielleicht will er die schriftliche Erlaubnis von meiner Mutter noch mal sehen«, sagte ich.
Javen Spinx schüttelte den Kopf. »Ohne die wären Sie jetzt gar nicht hier.«
Da hatte er wohl recht.
»Kommen Sie«, sagte er dann. »Während wir auf unser Gepäck warten, können Sie in Ruhe mit Ihrem Freund telefonieren. «
»Frederik ist nicht mein Freund«, erwiderte ich.
Mister Spinx grinste entwaffnend. »Nun, das wissen Sie sicher besser als ich.« Er deutete die Richtung an, die wir einschlagen mussten, und ich lief brav neben ihm her durch etliche Gänge und um diverse Ecken herum bis zu unserem Gepäckband. Seine Bewegungen waren auf atemberaubende Weise fließend, und mir kam der wahnwitzige Gedanke, dass nicht der Boden unter seinen Füßen ihn trug, sondern die Luft, die ihn umgab.
»Warum dachte dieser Beamte an der Passkontrolle, dass Sie mein Vater sind?«, fragte ich.
»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen.« Javen Spinx zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sehen wir uns ähnlich.«
Überhaupt nicht!
»Und wieso haben Sie so lange gezögert, ehe Sie ihm geantwortet haben?«
Er zwinkerte mir zu. »Aus Spaß.«
Aha. Eigentlich hatte ich bisher nicht den Eindruck gehabt, dass er besonders witzig wäre. Im Gegenteil: Ich hielt ihn für einen ernsthaften, ausnehmend höflichen Menschen, der sich aus irgendeinem unerfindlichen Grund um mich kümmerte, was ich aber letztendlich ziemlich sympathisch fand.
»Fliegen Sie eigentlich noch weiter?«, fragte ich, als er eine schmale Tasche vom Band nahm.
»Ja, nach Guernsey.«
»So ein Zufall!«, platzte ich heraus. »Ich auch!«
An Javen Spinx’ Lippen zupfte ein Lächeln, das ich nicht zu deuten vermochte. »Nehmen Sie den Zug nach Gatwick oder ein Taxi?«, erkundigte er sich.
»Ein Taxi. Sonst kriege ich meinen Anschlussflieger nicht«, antwortete ich. Im selben Moment entdeckte ich den Rollkoffer und meine Monsterreisetasche. Ich griff nach der Tasche und schaffte es gerade eben, sie vom Gepäckband zu zerren. Unterdessen glitt mein Koffer weiter.
»Auf in die nächste Runde«, meinte Mister Spinx. »Das dauert noch mal zwei bis drei Minuten, bis er wieder auftaucht.« Er wies auf eine komplett leere Sitzreihe an der gegenüberliegenden Wand. »Ich warte auf Ihren Koffer und Sie rufen jetzt bitte diesen jungen Mann an. Egal, ob er Ihr Freund ist oder nicht. Ich möchte ihm nicht etwas versprochen haben, das nicht einzuhalten ist.« Er musterte mich abwartend. »Es ist doch einzuhalten, oder?«
»Ja, ja«, sagte ich, während ich mich setzte. »Ist es.« Ich stellte den Rucksack ab, zog das Handy hervor und suchte Frederiks Nummer heraus.
Er musste wie ein Schießhund neben seinem Telefon gewartet haben, denn er meldete sich bereits, ehe das erste Klingelzeichen verstummt war. »Elodie, was war das eben?«
»Nichts«, sagte ich. »Ich kann nicht mit dem Ding an der Schulter telefonieren und gleichzeitig etwas suchen. Ich krieg dann sofort einen Krampf.«
»Okay. Und wer war der Typ?«
»Niemand.«
»Erzähl mir nichts.«
»Er hat mir geholfen, mich zurechtzufinden«, sagte ich. »Ich kenne ihn nicht.«
»Okay.« Frederik klang noch immer misstrauisch, aber das war mir egal. Vielleicht war es mir sogar recht. »Hör mal, ich hab mir was überlegt. Ich könnte dich in den Osterferien besuchen. «
Wow! Es war ja nicht mal Sina in den Sinn gekommen, das zu tun. Wahrscheinlich, weil es zu den zwar unausgesprochenen, aber doch irgendwie intuitiv aufgestellten Regeln gehörte.
»Ich glaube, das ist keine so gute Idee«, sagte ich.
»Aber wenn wir uns ein halbes Jahr überhaupt nicht sehen, ist unsere Beziehung vielleicht schon zu Ende, bevor sie richtig angefangen hat.«
»Mensch, Frederik, ich weiß doch nicht mal, ob ich das überhaupt will.«
Ich sah es förmlich vor mir, wie er sich wand. »Elodie, du weißt, dass ich dich mag«, sagte er schließlich.
Ich schwieg.
»Lass es doch einfach auf dich zukommen.«
»Genau das habe ich vor, Frederik«, erwiderte ich. »Ich steige absichtlich für sechs Monate aus meinem Leben aus, um es auf mich zukommen zu lassen.«
Jetzt schwieg Frederik und das sprach für ihn.
»Ich erwarte nicht, dass du das verstehst«, sagte ich.
»Okay …«
»Tschüs, Frederik«, beendete ich das Gespräch. »Wir sehen uns. Spätestens Anfang September.« Dann schaltete ich das Handy aus und verstaute es ganz unten im Rucksack. Auch Mam und Sina würden warten müssen. Jetzt wollte ich tatsächlich erst mal alles auf mich zukommen lassen.