Marlowe hat ein neues Herz bekommen und eigentlich sollte jetzt alles gut sein. Doch die Frage, wem sie das zu verdanken hat, lässt sie nicht los. Und so macht Marlowe sich auf die Suche nach der Familie ihres Spenders und findet schließlich seine Schwester. Die beiden freunden sich an, doch Marlowe verschweigt, wer sie wirklich ist. Je länger sie schweigt, desto schwieriger wird es, die Wahrheit zu sagen.
Und dann ist da noch Leo von nebenan, der ihr Herz aus einem ganz anderen Grund zum Stolpern bringt.
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Vita
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Stellt euch die Konfettiparade vor, als ich aus dem Krankenhaus rauskam. Krankenschwestern, Ärzte und wildfremde Leute, wie sie alle heulen und Taschentücher schwenken. Du hast es geschafft, Marlowe! Du hast überlebt! Und ich auf der Rückbank eines schicken Cabrios winke wie die Queen allen zu, die links und rechts die Straßen säumen und das Mädchen bejubeln, das es geschafft hat.
Und dann lebte Marlowe Jensen glücklich bis ans Ende ihrer Tage.
Nur …
Ganz so ist es nicht gelaufen. Und ich bin erst siebzehn, also hab ich noch eine Menge Tage durchzustehen.
Ich denke daran, was die Psychologin zu mir gesagt hat, als ich auf die Warteliste für eine Transplantation kam. Dass es wie ein Tod sein würde, mein Herz zu verlieren. Dass ich um mein Herz trauern würde. Dass ich weiterleben und doch nie vergessen würde.
Aber dass ich dieses Gefühl nicht mehr loswerde, das hat sie mir nicht gesagt. Dieses Gefühl, dass bei dem Glücklich-bis-ans-Ende-meiner-Tage etwas fehlt. Noch immer fühlt sich jeder Schlag, jedes Pochen und Pumpen meines Herzens unbekannt und unbegreiflich an, weil dieses Ding nicht zu mir gehört – ein kleines verschlossenes Zimmer tief in meiner Brust.
Ich dachte, ich würde erfahren, wer mir sein Herz geschenkt hat. Ich dachte, ich könnte seine – oder ihre – Familie kennenlernen und alles wäre Friede, Freudentränen, Eierkuchen. Aber so läuft das nicht. Man erfährt nicht, wer es ist. Wer es war. Und wenn mein Herz nicht mein eigenes ist – und ich nicht weiß, wem es gehört –, wie soll ich dann je herausfinden, wer ich bin?
Deshalb kann ich dieses Gefühl nicht abschütteln.
Und was sehen die Leute, wenn sie mich anschauen?
Mich jedenfalls nicht. »Mich« gibt es nicht mehr. Sie sehen ein Mädchen mit einem geliehenen Herzen.
Kennt ihr das? Ihr steht mit einem Lautsprecher, aus dem Meat is Murder dröhnt, vor Matts feinste Fleisch- und Wurstwaren, eure Mutter stellt mit einem Ausdruckstanz das Leid einer Kuh bei der Schlachtung dar und euer zehnjähriger Bruder Pip – karierte Schürze, rote Perücke und Combat-Boots, Tigerschminke im Gesicht – verteilt Werbezettel für euren neuen veganen Bioladen Bewusst & Glücklich.
Das ist der totale Scheiß.
Ich meine, nichts gegen The Smiths. Und die Ernährungsweise meiner Mutter finde ich richtig gut – frei von Fleisch, Weizen, Milchprodukten, Zucker und allem, was schmeckt –, auch wenn ich manchmal sehnsüchtig vor der Käsetheke stehe. Und wenn mein Bruder sich so anziehen will, als wäre er kopfüber in eine Klamottenkiste gefallen, viel Spaß.
Aber muss man gleich so ein Trara machen? Muss man das Ganze morgens um acht auf der Queens Parade veranstalten, wo alle uns anstarren? Muss meine Mutter ein imaginäres totes Kalb »gebären«, während mein Bruder Pirouetten dreht und Metzger Matt mit dem Hackebeil in der Hand wütend zum Schaufenster rausguckt?
Können wir nicht zu Hause schräg sein?
»Kann ich jetzt gehen?«, frage ich.
Meine Mutter schließt die Augen und nimmt drei tiefe, reinigende Atemzüge. »Halt den Gettoblaster höher«, sagt sie.
»Kein Mensch sagt Gettoblaster, Mum.«
Ihre Hände und Arme sind bis zu den Ellbogen mit Kunstblut vollgeschmiert, als hätte sie gerade ein Kalb auf die Welt geholt, was sie ja quasi auch getan hat. Genau genommen ist es ein Plüscheinhorn namens Glitzerprinzessin, schwarz-weiß angemalt und mit der Aufschrift Hab mich gern – aber nicht zum Fressen.
Ein Typ mit Strickkrawatte schlurft herbei und glotzt uns an. Ich verstecke mich hinter meinen langen Haaren und versuche, nicht aufzufallen, aber darin waren wir in meiner Familie noch nie gut. Ich gebe echt mein Bestes – keiner hat Wischiwaschiweiß, Blassbeige und Grieselgrau so gut drauf wie ich. Ich gebe wirklich alles, um mich in eine Kreuzung aus Mensch und Chamäleon zu verwandeln. Aber zwischen einer blutbekleckerten veganen Kriegerin und einem halloweenverrückten Jungen verschwindet es sich schlecht.
Pip drückt dem Typ einen Werbezettel in die Hand. »Da vorn ist Bewusst & Glücklich, sagt er und zeigt auf unseren Laden. »Heute große Eröffnung.« Der Typ guckt auf den Zettel, dann zu Pip, dann auf unseren Laden direkt neben Matts feinste Fleisch- und Wurstwaren. Er schüttelt den Kopf und denkt sich vermutlich, dass uns glücklicherweise so einiges nicht bewusst ist.
Er geht davon und ich bin rot wie ein Feuermelder.
Ich riskiere einen Blick über die Schulter. Metzger Matt funkelt uns immer noch an, seine Knöchel am Griff des Hackebeils treten weiß hervor. Wir haben den Laden erst vor ein paar Tagen bezogen und er überlegt sich womöglich jetzt schon, uns auf die Tageskarte zu setzen.
Der Lautsprecher wird mir langsam schwer.
»Mum? Wie lange dauert das hier noch?« Meine Schultern sind schon ganz verspannt. »Können wir nicht einfach gehen? Ich hab heute meinen ersten Schultag seit ewigen Zeiten. Warum können wir nicht …«
Metzger Matt stürmt aus seinem Laden, die alte Glocke, die freundlich bimmelt, wenn jemand hereinkommt, scheppert wild. »He, was soll das hier werden?«, ruft er. Seine Stimme klingt wie durch den Fleischwolf gedreht. »Ihr vergrault mir ja die Kundschaft.«
Ich stolpere rückwärts und presse den Lautsprecher vor die Brust. Als Schild taugt er nicht besonders gut, aber wahrscheinlich könnte ich ihn werfen.
Meine Mutter zögert keine Sekunde. Konfrontation ist ihre Spezialität. Dabei blüht sie regelrecht auf. Das war schon für ihren Job als hochkarätige Anwältin super und kommt jetzt, bei der veganen Kriegerin, noch besser.
»Wenigstens töten wir keine Unschuldigen.« Sie fuchtelt Matt mit ihrem blutroten Finger vor der Nase herum. »Zehn Millionen Kühe werden jedes Jahr für den menschlichen Konsum geschlachtet. Das ist Massenmord.«
Matt lacht unfreundlich. »Sie sind wohl so’n Tierschutzspinner, was?« Auf seiner blau-weißen Schürze sind überall rote Streifen – in echtem Blutrot.
»Allerdings!«
Jetzt versuchen sie einander zu übertönen, meine Mutter haut ihm Statistiken um die Ohren und Matt lässt ein Hippie-Klischee nach dem anderen ab. Pip verteilt derweil fleißig Werbezettel an die umstehenden Gaffer.
»Was ist hier los?«, fragt eine Frau.
»Das ist meine Mutter, die Inhaberin von Bewusst & Glücklich.« Pip drückt der Frau einen Zettel in die Hand. »Heute zur großen Eröffnung alle Sojaprodukte zum halben Preis.«
Die Frau kneift die Augen zusammen. »Und was sollst du darstellen?«
»Dschungel-Anne auf Green Gables. Wie wenn Anne sich im Dschungel verlaufen hätte und sich survivor-mäßig rauskämpfen müsste.«
Die Frau lacht, aber es klingt eher wie ein nervöses Trillern. Sie sieht mich an. Fragend. Als hätte ich eine Erklärung parat. Und obwohl ich nichts sage, sieht sie mich weiter an.
Alle sehen mich an.
Mein neues Herz pocht. Die Ärzte haben gesagt, es ist ein gutes Herz, aber ich weiß ja nicht. Ist es normal, dass es so rast? Ich bin einigermaßen fit – für die Zeit nach der OP wurde mir ein strenges Trainingsprogramm verordnet und normalerweise dauert es nicht lange, bis mein Puls sich nach dem Laufen wieder beruhigt. Aber jetzt bewege ich mich überhaupt nicht, wieso kommt es mir trotzdem so vor, als würde ich gleich zusammenklappen und ohnmächtig werden? Wieso fühlt es sich an, als würde mein Herz schlappmachen?
Ich wende mich von den gaffenden Leuten ab und da sehe ich, dass mich auch aus der Metzgerei jemand anstarrt.
Seine Knochen scheinen die Haut fast zu sprengen, als könnte der Mann in ihm es kaum erwarten, durch die äußere Schale des Jungen zu platzen. Er ist bestimmt einen Kopf größer als ich, hat breite Schultern, ein kantiges Kinn, dunkelblonde zerzauste Haare. Er steht mit einer blau-weißen Schürze hinter der Theke, das Messer in seiner Hand ruft Das ist doch kein Messer – DAS ist ein Messer! Er guckt so, als wäre er gerade in einen Hundehaufen getreten. Als wäre ich der Hundehaufen.
Mein Herz klopft schnell und heftig – es verschlägt mir den Atem. Vielleicht ist es ein Blindgänger, vielleicht ist es eine tickende Zeitbombe und explodiert jeden Moment und ich sterbe hier auf dem Gehweg und die Sanitäter können mein Blut nicht von dem Blut des Pseudo-Kalbs unterscheiden. Was passiert überhaupt, wenn man mit einem verpflanzten Herzen stirbt – wird man damit beerdigt oder geht es zurück an die Familie des Spenders?
Ich drehe mich zu meiner Mutter um. Inzwischen schreit sie richtig, Matt wird puterrot im Gesicht und Pip tanzt und singt das Erkennungslied unseres Ladens, das er gestern Abend komponiert hat.
Am liebsten würde ich den Lautsprecher auf den Gehweg schmeißen und losbrüllen. Aber ich will nicht, dass die Leute mich angucken. Nicht weil ich schüchtern bin und ungern im Mittelpunkt stehe. Ich bin zwar wirklich schüchtern, aber daran liegt es nicht.
Es liegt daran, dass ich ein geliehenes Herz habe. An diesem Gefühl.
Einen Vorteil hat es, mit meinem Bruder (Schürze, tigermäßig geschminktes Gesicht, riesiges dreidimensionales Schaubild vom Kolosseum in den Händen) und meiner Mutter (Kunstblut bis zu den Ellbogen) in der Schule aufzutauchen: Die meisten sehen mich gar nicht an.
Die meisten.
»Atmen, Marlowe«, sagt meine Mutter. »Durch die Nase ein, durch den Mund aus.«
Ich lächele sie schwach an. »Ich weiß, wie man atmet, Mum.«
»Klar.« Sie nickt. »Ich meine nur … Wenn es dir zu viel wird, denk an deine Leitsätze. Und an die Atemübungen.«
Ich sage ihr, dass alles okay ist.
Es ist okay, dass die anderen mich anstarren.
Es ist okay, nach fast einem Jahr wieder zur Schule zu gehen.
Es ist okay, dass mein Herz – das Herz von jemand anderem – mit tausend Schlägen pro Sekunde in meiner Brust pocht.
Wirklich und unglaublich und völlig okay. (Atmen, Marlowe. Einfach atmen.)
Pip rümpft die Nase und sein Schnurrbart gerät aus der Form. »Alle starren uns an«, sagte er. »Die sind bestimmt neidisch auf mein Schaubild. Es ist maßstabsgetreu.«
Meine Mutter sagt, sein Kolosseum ist so toll, dass alle ausflippen werden, und Pip strahlt. Ich könnte jetzt die Augen verdrehen, aber sein Kolosseum ist wirklich der Hammer. Also schaue ich verstohlen zu den Leuten um uns herum und überprüfe meine Definition von »okay«.
Vor dem Klingeln zur ersten Stunde laufen die meisten kreuz und quer über den Schulhof. An unserer Schule gibt es keine Uniform, deshalb ist es eine Farbexplosion, als hätte ein T-Rex eine Wagenladung Konfetti gefressen und alles über der Schule ausgekotzt. Mit meinem grauen T-Shirt und den hellbraunen Shorts bin ich der einzige trübe Klecks mittendrin.
Ich sehe mich um, kann jedoch kein bekanntes Gesicht entdecken. Mit einem schwachen Herzen verpasst man so viel Unterricht, dass man eine Klasse wiederholen muss. Und dann noch eine. Bis schließlich alle, mit denen man früher mal in einer Klasse war, ihren Abschluss haben und man die einzige Siebzehn-, fast Achtzehnjährige ist, die in die Elfte kommt.
Willkommen in deiner alten Schule, Marlowe McNoFriends.
Die Northside Community School besteht aus einem bunten Gebäude-Mix, von riesigen zauberwürfelartigen Kunsträumen bis zu nierenförmigen Lernzentren; über dem Haupteingang prangt in einer Art Comic-Sans-Schrift das Schulmotto »Seit 1972 fördern wir kreative Köpfe«. Ich hänge mir den Rucksack über die Schulter und murmele einen Abschiedsgruß, dann mache ich mich auf den Weg zum Hauptgebäude, wo mich ein »Willkommensgespräch« mit der Direktorin erwartet.
»Soll ich mit rein?«, ruft meine Mutter.
Ja.
»Nein, schon okay.«
»Nicht vergessen: Nach der Schule hast du einen Termin im Krankenhaus.«
Ich nicke über die Schulter und sehe aus dem Augenwinkel ein blutiges Winken. Dann strubbelt sie Pip durchs Haar und sagt: »Los, auf in den Kampf.«
Mit gesenktem Kopf gehe ich weiter und die anderen machen mir Platz, als wäre ich Moses. Pip rennt hinter mir her und ruft, ich soll auf ihn warten.
Ich kann nicht atmen.
Ich hab vergessen, wie man atmet.
Kann ich zu meiner Mutter zurücklaufen und sie fragen, wie es geht?
Ich gehe ein paar Schritte und bleibe dann hinter dem »Fühlbaum« stehen. Nur einen Augenblick. Vielleicht auch fünf Augenblicke. Vielleicht mehr.
Der Fühlbaum ist eine baumförmige Skulptur aus Holz, an deren Ästen Stifte hängen für den Fall, dass ein verzweifelter junger Mensch sich seine Sorgen von der Seele schreiben will. In Wirklichkeit benutzen die Jungs die Stifte, um Penisse zu zeichnen. Jede Menge Penisse.
Ironischerweise ist der Fühlbaum in diesem Moment echt genau das Richtige.
Denn ich habe Gefühle.
Und ich kann kaum atmen.
Pip bleibt neben mir stehen und sieht mit seinem Tigergesicht zu mir hoch. »Hast du vergessen, wo das Büro ist?« Er versucht sich mit der Schulter an der Nase zu kratzen. Die Farbe in seinem Gesicht verschmiert. »Soll ich dir den Weg zeigen?«
»Ich komm schon klar, Pip. Zisch ab.«
»Warum bist du so gemein zu mir?«
Pip ist der süßeste Junge der Welt und für einen kleinen Bruder ist er echt toll, aber ich versuche grad unsichtbar zu sein und da ist es ungünstig direkt neben Dschungel-Anne auf Green Gables zu stehen. Deshalb ignoriere ich ihn, bis er sich zu einer Gang gleichaltriger Jungs trollt. Er setzt sein typisches Grinsen auf und erzählt ihnen in allen Einzelheiten von seinem Schaubild – wie genau er gearbeitet hat und wie maßstabsgetreu es ist. »Guckt mal, die kleine Toga, die ich genäht hab«, sagt er.
Meine fünf oder mehr Augenblicke sind um, aber ich stehe immer noch wie angewurzelt da und schaue rüber zu der Rasenfläche, wo die anderen in Grüppchen zusammenstehen und quatschen, die Schultaschen wie Mauern um sie herum am Boden. Undurchdringliche Mauern.
Mein Herz drückt mir gegen die Rippen, als wäre es zu groß für meine Brust. Noch zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen ich mich hinter dem Fühlbaum verstecken werde, weil ich niemanden kenne. Die Gruppen stehen seit dem Kindergarten fest, es sei denn, man ist jemand, der die große Freundschaftsmauer einfach durchbrechen kann. Und so jemand bin ich nicht.
Als ich noch das sterbende Mädchen war, da war ich natürlich der Star des Monats. Nichts macht einen so interessant wie der drohende Tod. Ihr hättet die Blumen sehen sollen, die Karten, die Stände, an denen man spenden konnte, und die überkonfessionellen Gebetskreise, die es gab, als ich die Schule endgültig verlassen musste.
Aber dann hat jemand Pech gehabt und ich konnte mein schwaches Herz gegen ein neues eintauschen und hier bin ich wieder. Und wie sich jetzt zeigt, bedeutet »Star des Monats«, dass man genau einen Monat bekommt. Wenn der Monat um ist, ist man wieder ein Niemand. Und wenn ich nicht das sterbende Mädchen bin, wer bin ich dann?
Offenbar hat sich keiner – auch ich nicht – gefragt, was passiert, wenn ich nicht sterbe.
Stellt euch vor, ihr wärt Figuren in einem Katastrophenfilm. Ihr seid gerade im Supermarkt, als auf einmal das Licht flackert, die Erde bebt und alles aus den Regalen fällt. Über euch taucht ein außerirdisches Raumschiff auf und feuert Laserstrahlen ab. Alle um euch herum schreien und ihr denkt, das war’s jetzt. Das Ende der Welt. Also umarmt ihr euch, die zehn Leute, die da zufällig im Supermarkt sind, sagt euch, dass ihr euch liebt und was für ein Mist es ist, dass ihr nie ein Croissant in Paris gegessen habt oder mit Haien geschwommen seid, und ihr versprecht euch, dass ihr das alles tun werdet, falls ihr lebendig hier rauskommt, und dann fangt ihr an mit dem erstbesten Jungen rumzuknutschen, weil ihr einfach noch ein bisschen Spaß haben wollt, bevor ihr sterbt. Aber dann geht das Licht wieder an und das UFO fliegt weg, weil Will Smith die Situation gerettet hat.
Was macht ihr dann? Verkauft ihr wirklich alles und fliegt nach Kapstadt, um mit den Haien zu schwimmen? Wollt ihr immer noch mit dem Kassierer knutschen und mit diesem zufällig zusammengewürfelten Grüppchen befreundet sein? Oder zahlt ihr eure Cola und verschwindet?
Atmen, Marlowe. Einfach atmen.
Und gehen.
Ich laufe in Richtung Büro, aber nach zwei Schritten schließen mich drei honigblonde Mädchen in einem Kreis aus Lächeln und Winken ein. »Marley!«, quieken sie.
Fast richtig.
Außerdem können sie mich nennen, wie sie wollen, denn es sind echte Mädchen aus Fleisch und Blut, die mit mir reden! Vielleicht wird es gar nicht so schlimm, wie ich dachte.
»Mein Gott, Marley. Du bist wieder da.«
»Du hast gar nicht gesagt, dass du wiederkommst.«
»Das hättest du sagen sollen.«
Ich weiß, dass sie keine Schwestern sind, aber sie sehen alle gleich aus – die gleiche Frisur, die gleichen Jeans, die gleichen weißen Sneaker. Ich weiß nur nicht mehr, wie sie heißen, denn bisher bestand unsere Beziehung aus fünf Sekunden Unterhaltung und einer Karte mit Genesungswünschen. Es ist auch nicht gerade hilfreich, dass ich sie in Gedanken immer Zerberus genannt habe. Aber sie sind ein ganz netter Zerberus. Na ja, soweit ein dreiköpfiger Hund nett sein kann.
»Du musst uns alles erzählen«, sagt Kopf Nummer eins.
»In allen Einzelheiten«, sagt Kopf Nummer zwei.
»Du bist eine Berühmtheit«, sagt Kopf Nummer drei. »Alle reden über dich.«
Die Wahrheit trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube – wenn ich nicht weiter das sterbenden Mädchen gebe (auch bekannt als das Mädchen mit der Herztransplantation), habe ich keine Chance, mir ihre Aufmerksamkeit zu erhalten.
»Da gibt es nichts zu erzählen«, sage ich. »Ich hab ein neues Herz bekommen. Es geht mir besser.«
Sie sehen mich erwartungsvoll an – sie wollen all die schmutzigen Details hören, aber ich lasse sie schmoren. Wie viele Knochen muss man einem dreiköpfigen Hundemonster hinwerfen, damit es zufrieden ist? Ich weiß es nicht, aber von mir kriegen sie nichts.
»Ihr habt tolle … Schuhe«, sage ich und zeige auf die drei Paar weißen Sneaker.
»Ah.«
»Ja.«
»Danke.«
Kopf Nummer eins hält über meine Schulter hinweg nach einer neuen Zerstreuung Ausschau, einer besseren Zerstreuung, nach etwas, in das ein dreiköpfiges Hundemonster wirklich seine Zähne schlagen kann.
»Hat eine von euch auch Englisch bei Mr Laidlaw?«, frage ich.
Die drei wechseln einen Blick.
»Ja.«
»Glaub schon.«
»Klar.«
Sie gucken gelangweilt vor sich hin.
»Gibt’s ja nicht!«, quiekt Nummer eins. Sie hüpft auf der Stelle und fasst die anderen beiden an den Armen. »Kaitlyn Schlagmichtot hat einen neuen Haarschnitt – potthässlich. Das muss ich mir aus der Nähe angucken.«
Und schneller, als man Konfettikotze sagen kann, sind sie auch schon weg.
»Das muss überwältigend sein«, sagt die Direktorin, eine Frau mit plattem Gesicht, asymmetrischem Bob und so einem fließenden Designerkleid, das man gut als Tagesdecke benutzen könnte. Sie lächelt mitfühlend und zeigt auf einen Sitzsack mitten in ihrem Büro. Im Ernst, ein Sitzsack.
Ich bleibe in der Tür stehen.
»Setz dich. Wir trinken ein Tässchen und unterhalten uns ein bisschen.« Sie sieht mich an, während ich durchs Zimmer gehe und mich in den Sitzsack sinken lasse. »Ich will einfach Herzlich willkommen sagen … Willkommen zurück, meine ich.«
Ich nicke.
Sie fuchtelt mit den Händen und zieht die Nase kraus. »Das ist alles ein bisschen komisch, oder? Wenn man so lange weg war. Du musst erst mal wieder deinen Platz finden, neu Fuß fassen, deine neuen Klassenkameraden kennenlernen.«
Immer wenn ich mich bewege, knistert der Sitzsack ein bisschen, wie wenn jemand im Kino lautstark Lollis auspackt. Also verschränke ich die Hände im Schoß und nehme die Schultern zurück.
»Das ist schon okay«, sage ich. Obwohl, wussten Sie, dass ein dreiköpfiges Hundemonster auf dem Schulgelände frei herumläuft? Das verstößt doch bestimmt gegen sämtliche Sicherheits- und Gesundheitsvorschriften.
Sie beugt sich zu mir herunter und klatscht ihre Hand auf meine. »Marlowe? Du sollst wissen, dass ich immer ein offenes Ohr für dich habe.«
Ich stelle sie mir als ein riesiges Ohr vor, das mit einer Tagesdecke und großen roten Kreolen behangen ist, und das hilft. Wirklich.
»So«, sagt sie und klatscht in die Hände. (Ein Ohr mit Händen? Zum Schreien!) »Du hast deinen Stundenplan und die meisten Lehrer kennst du ja bestimmt schon und …«
Ich schaue aus dem Fenster, während das offene Ohr weiter darüber plappert, dass mich das alles bestimmt erst mal erschlägt und dass ich mich nicht schämen soll, weil ich so viel älter bin als die anderen, was sie so oft wiederholt, dass ich mir vorkomme wie eine Oma, die sich in die Hotpants ihrer Enkelin quetscht, um im Skaterpark Jungs aufzureißen.
Dieses Willkommensgespräch ist scheiße.
Ich schalte ab und denke an den Brief in meinem Rucksack. Ein Brief an die Familie meines Spenders. Nach dem Gesetz darf ich nicht erfahren, wer dieses Herz vor mir besessen hat – nicht mal den Vornamen. Ich weiß nur, dass es ein Junge war. Aber in letzter Zeit denke ich immer wieder über ihn nach. Ob er mutig war? Oder gemein? Hat er viel gelacht? War er verliebt?
Im Moment kann ich nichts anderes tun, als Briefe zu schreiben. Ich darf der Familie aber nicht verraten, wer ich bin, und auch nichts Persönliches schreiben.
Im Laufe des vergangenen Jahres habe ich vier Briefe geschrieben. Ich kann sie der Familie nicht direkt schicken (logischerweise bekomme ich die Adresse nicht), deshalb leitet das Krankenhaus sie weiter und dann kann die Familie mir ebenfalls über das Krankenhaus zurückschreiben.
Bis jetzt haben sie allerdings noch nicht geantwortet.
Ich warte.
Und hoffe.
»Marlowe?«
Das offene Ohr hält mir eine Tasse Löwenzahntee hin. Als ich die Tasse misstrauisch beäuge, lächelt sie. »Das ist wie eine Streicheleinheit für die Seele«, sagt sie.
Ich hasse Löwenzahntee. Meine Mutter hat mich immer gezwungen, den zu trinken, wenn ich Bauchschmerzen hatte. Unzählige Male.
Er schmeckt nach Enttäuschung. Und eingeschlafenen Füßen.
»Vielleicht ein andermal«, sage ich und sie stellt die Tasse auf ihren Tisch.
»Meine Tür steht immer offen«, sagt sie.
Ich sage Danke.
Ich sage, dass ich mal wieder vorbeikomme.
Ich sage, dass alles okay ist.
Sie schlägt sich mit den Händen auf die Schenkel. »Gut. Ich wollte dich noch wegen der Schülerversammlung fragen.«
»Was ist damit?«
»Die Einzelheiten können wir ja später klären, aber ich dachte mir, nachdem du dich eingelebt hast, wäre es schön, wenn du eine kleine Rede halten könntest und den anderen von deinen Erfahrungen erzählst. Bestimmt würden sie deine Geschichte sehr gern hören.«
Mein Herz macht bum-bum-bum. Was redet sie da – ich soll vor der ganzen Schule sprechen?
Auf gar keinen Fall.
Ich weiß, dass alle Menschen ein bisschen Herzklopfen haben, wenn sie aufgeregt sind. Das ist normal. Aber ich musste bisher Tag für Tag auf eine gleichbleibende Herzfrequenz achten, immer mit dem Wissen, dass es plötzlich zu viel sein könnte. Leider weiß man nie genau, wann das der Fall ist und wie kurz davor man ist, über die Klippe zu fallen, nur, dass es, wenn man einmal fällt, kein Zurück gibt. Die Vorstellung, dass ich, das allerschüchternste aller schüchternen Mädchen, sich vor die versammelte Schule hinstellt und »ihre Geschichte« erzählt? Will sie mich umbringen?
Ich schüttele den Kopf, ich bringe kein Wort heraus.
»Die Einzelheiten klären wir dann später«, sagt sie wieder und stellt mir eine Entschuldigung aus, weil ich zu spät zur ersten Stunde kommen werde. Wenn sie mit »Einzelheiten klären« meint, dass wir die Einzelheiten im Höllenfeuer verbrennen werden, bin ich dabei.
Ich rolle mich mehr oder weniger aus dem Sitzsack, während der versucht, mich bei lebendigem Leib zu verschlingen. Dann renne ich praktisch zur Tür hinaus.
Und knalle fast gegen ein Mädchen, das ich tatsächlich kenne.
Zan Cheung.
Sie steht in der Tür zum Büro der Direktorin, schwarze knallenge Jeans, schwarzes T-Shirt, schwarze knöchelhohe Sneaker und eine schwarze Kappe. Vielleicht bin ich vor Scham gestorben und das hier ist meine Beerdigung.
»’tschuldigung«, murmele ich und will schnell an ihr vorbei, doch sie verstellt mir den Weg. »Du bist wieder da«, sagt sie.
Tatsache ist: Zan Cheung ist cool. Sie war immer schon cool. Die Coolste der Coolen. Sie gehört zu keiner Gruppe, schlüpft einfach rein und wieder raus, wie es ihr passt. Meist hängt sie allein rum und das macht sie irgendwie noch cooler. Wenn sie auch nur in deine Richtung spucken würde, wäre das schon wie ein Sechser im Lotto. Sie befindet sich so weit außerhalb der sozialen Stratosphäre, dass sie schon wieder mittendrin steht.
Wieso redet sie mit mir?
In einer Hand hält sie eine weitgehend leere Mappe, in der anderen einen Zettel zum Nachsitzen – es ist der erste Schultag und sie muss schon nachsitzen.
Ich überlege verzweifelt, wie ich Zan dazu bringe, mich zu mögen, aber ich habe gerade eine ernsthafte Sprechblockade.
»Mir geht’s besser«, bringe ich heraus. Ich zupfe am Kragen meines T-Shirts und warte darauf, dass sie nach schmutzigen Details fragt, wie der Zerberus.
Aber Zan nickt nur und sagt: »Super.«
Und dann stehen wir in peinlichem Schweigen da. An einem guten Tag hätte ich vielleicht »Du. Ich. Freudinnen. Bitte?« zusammenkratzen können, heute kriege ich nicht mal den Mund auf.
»Was hast du?«, fragt sie schließlich, weil sie nicht so sozial inkompetent ist wie ich und kapiert, dass man etwas sagen muss, um ein Gespräch in Gang zu halten.
»Einen angeborenen Herzfehler«, sage ich.
Sie starrt mich an. »Ich meine, was für einen Kurs hast du?«
Bitte lass mich im Boden versinken. Auf der Stelle.
»Äh, Englisch?«
Jeden Moment wird ihr Blick sich trüben. Sie wird merken, dass sie auf der Coolness-Skala sofort sinkt, wenn sie mit mir gesehen wird. Dass ich die Coolness aus ihr raussaugen kann wie ein nerdiger Dementor.
»Ich auch«, sagt sie. »Bis dann, okay?«
Ich will gerade Ja sagen – ach was, ich will es ihr entgegenschreien und sie bitten meine beste Freundin zu sein und können wir bitte, bitte nebeneinandersitzen –, als etwas total Blödes passiert.
Etwas noch viel Blöderes.
Und zwar Eddie Oro.
Ich kenne Eddie flüchtig, so wie man alle beliebten Leute in der Schule kennt, selbst wenn man nie dieselbe Luft geatmet hat wie sie oder Blickkontakt hatte, geschweige denn auf einer ihrer Partys gewesen wäre. Man kennt sie einfach.
Eddie geht mit einem Drittel des Zerberus vorbei. Ich schätze, Eddie steht auf Hundemonster, denn er hat diesen gewissen Blick – den Blick, der sagt: Ich will unbedingt dieses heiße Mädchen beeindrucken –, dann dreht er sich um und starrt mich an.
»Hey«, sagt er und lacht. »Das ist doch die, die aus Teilen von irgendwelchen Toten zusammengesetzt ist. Wie geht’s, du Freak?«
»O Mann, Eddie, das ist echt fies.« Der Zerberus kichert und hält sich eine Hand vor den grinsenden Mund.
»Fies, aber wahr«, sagt Eddie.
Schwarze, graue und weiße Punkte flimmern vor meinen Augen. Wie ein Feuerwerk, aber kein buntes, fröhliches. Eher eins, das einen daran erinnert, wie man als Kind mal eine brennende Wunderkerze angefasst hat, wie das gebrannt und wie man geweint hat und es nicht aufgehört hat wehzutun, und ich kriege keine Luft mehr. Ich kriege keine Luft. Denn was er gesagt hat, ist nicht nur fies – es ist einfach widerlich. Mein Spender ist nicht irgendein Toter, und sein Herz – sein Geschenk – ist nicht bloß irgendein Teil.
Lachend geht Eddie weiter, als würde es überhaupt nichts bedeuten. Aber es bedeutet etwas. Es bedeutet alles. Es verletzt mich mehr, als irgendein Löwenzahntee, ein offenes Ohr oder ein mitfühlendes Lächeln wiedergutmachen kann.
»Arschloch«, sagt Zan. Die Sekretärin sagt schneidend ihren Namen, doch Zan achtet gar nicht darauf. »Hör einfach nicht auf Eddie Oro.«
Ich stehe da, versuche zu atmen und frage mich, was ich mit Zans überraschenden Worten anfangen soll. Ich schaue auf meine leeren Hände, als müsste ich damit die Worte aus der Luft pflücken, festhalten, untersuchen und verstehen.
Danke, denke ich. Aber ich kann es nicht laut sagen und sie geht davon.
Kennt ihr den Witz von dem Typ, der ein neues Herz braucht? Eines Tages sagt sein Arzt zu ihm: »Heute ist Ihr Glückstag, Karl. Heute kriegen Sie das Herz, das Sie so dringend brauchen.« Karl kann es nicht glauben. »Sie meinen, es gibt endlich ein Herz für mich?« Der Arzt schaut zum Fenster seiner Praxis hinaus – es regnet in Strömen. »Bald«, sagt er. »Sehr bald.«
Okay. Das ist schwarzer Humor. Tiefschwarz. Und vielleicht findet man das nur witzig, wenn man auf ein neues Herz wartet. Selbst dann ist es kein Schenkelklopfer: Es ist schon ziemlich makaber, dass man sich über schlechtes Wetter freut, weil es bei Regen mehr Verkehrsunfälle gibt und Verkehrsunfälle bedeuten, dass es Organe zu verteilen gibt.
Aber wenn man eine Transplantation braucht, ist das die Realität. Organe wachsen nicht auf Bäumen oder in Reagenzgläsern. Damit du den Jackpot knacken kannst, muss jemand anders sterben.
Ich bin schon so oft im Royal Children’s Hospital gewesen, was jedes Mal ungefähr so witzig ist wie ein Organspenden-Witz. Noch weniger witzig ist es, wenn sich ein Unwetter zusammenbraut und man immerzu an die Patienten denken muss, die am Fenster sitzen und warten.
Ich hocke auf dem Rand einer Krankenhausliege, als meine Lieblingskrankenschwester Hannah durch den Vorhang gerauscht kommt und nach einem Blick auf mich verkündet: »Du brauchst mehr Schlaf.« Dabei sieht sie nicht mich, sondern meine Mutter vorwurfsvoll an. »Warum geht sie nicht früher ins Bett, Kate?«
Meine Mutter guckt verängstigt. Sie würde einem bärenstarken Schlägertyp eins mit dem Hackebeil verpassen, aber eine malayische Krankenschwester, ein Meter fünfzig groß und fünfzig Kilo leicht? Vor der würde sie am liebsten Reißaus nehmen.
»Sie hat ein bisschen Stress«, sagt meine Mutter und kämmt mir die langen Haare mit den Fingern. »Heute war sie zum ersten Mal wieder in der Schule.«
»Schon wieder in der Schule? Tss, tss.«
»Aber Professor Kirmani hat gesagt …«
»Pah! Was wissen die Ärzte schon?« Hannah breitet die spitzen, glänzenden Geräte vor sich aus, mit denen sie prüfen will, ob mein Körper das neue Herz auch nicht abstößt. Oder ob ich mir nicht eine der Krankheiten eingefangen habe, für die ich jetzt so anfällig bin. Zum Beispiel Hautkrebs. Unglaublich, oder? Und Lungenentzündung und Meningitis und Diabetes und was weiß ich noch alles.
Denn man pflanzt jemandem nicht einfach ein fremdes Herz in die Brust und – ta-da! – alles ist gut. Ich muss für den Rest meines Lebens Medikamente gegen eine Abstoßungsreaktion nehmen, regelmäßig zur Kontrolle gehen und Vorsichtsmaßnahmen treffen, weil meine Immunität gleich null ist. Ich habe also quasi negative Superkräfte – nichts von wegen Passt bloß auf, hier komme ich! –, genau das Gegenteil ist der Fall.
Während Hannah ihre Folterinstrumente ausbreitet, zählt meine Mutter alles auf, was sie unternimmt, damit ich bei bester Gesundheit bin – Ernährung, Sport, positive Leitsätze. Es ist wie ein Elternsprechtag über meine Gesundheit. Aber Hannah hört nicht zu.
»Erster Tag in der Schule, hm?«
Sie zieht die Manschette des Blutdruckmessgeräts an meinem Arm fest.
Ich nickte und halte den Blick auf die Manschette gerichtet, die sich aufpumpt.
»Hmhmhm«, macht Hannah. »Und, wie war’s?«
»Okay.«
»Okay?«
»Okay.«
Und das stimmt ja auch. Abgesehen von dem Gefühl, dass ich aus meiner sicheren kleinen Welt gerissen und in eine feindselige neue Umgebung gesteckt worden bin, die mich am liebsten sofort wieder ausspucken würde. Abgesehen davon, dass Eddie ein Ekelpaket ist und mein Bruder sich mal wieder unmöglich aufgeführt hat, und abgesehen von einem Zusammenstoß mit einem dreiköpfigen Hundemonster und davon, dass ich eine Außenseiterin bin, die sich in den Pausen in der Bücherei versteckt, und abgesehen davon, dass ich Zan Cheung den ganzen Tag nicht mehr gesehen habe.
Abgesehen davon war es toll.
Die Blutdruckmanschette presst sich um meinen Arm, als ob sie die Luft anhält. Hannah starrt mich an, bis ich weggucke. Die Luft entweicht aus der Manschette.
»Hmhmhm.«
Meine Mutter schaut ruckartig auf. »Was war das für ein Geräusch? Das hört sich nicht gut an.«
»Der Blutdruck ist ein bisschen hoch«, murmelt Hannah und notiert etwas.
Mir stockt der Atem.
Wenn man ein neues Organ bekommt, hört man immer wieder von Worst-Case-Szenarios – eine Abstoßungsreaktion steht ganz oben auf der Liste. Bei jedem kleinen Zwicken oder Kneifen denke ich, es könnte das erste Anzeichen dafür sein, dass mein brandneues Herz in Flammen aufgeht. Hoher Blutdruck? Das reicht schon, um mir einen Schreck einzujagen.
Und meine Mutter kann sowieso die kleinste Sorge in eine Panikattacke verwandeln. »Lavendel«, sagt sie. »Und Passionsblumentee und grünes Gemüse. Du isst nicht genug Gemüse. Sobald wir nach Hause kommen, koche ich einen großen Topf Brokkoli-Grünkohl-Suppe.«
»Das ist ganz harmlos, Kate.« Hannah macht immer noch Notizen. »Er ist nur leicht erhöht und Marlowe hatte einen stressigen Schultag. Da kann der Blutdruck schon mal schwanken.« Sie zwinkert mir lächelnd zu, genauso wie damals, als sie mir heimlich einen Schokoriegel zugesteckt hat, als meine Mutter nicht hinsah. »Trotzdem möchte ich dich diesen Monat noch mal sehen. Auch wenn ich alle drei Monate gesagt habe, sollten wir erst mal bei monatlich bleiben. Das ist etwas früher als gedacht, aber wir müssen das im Auge behalten. Und wir müssen überlegen, ob du ins Alfred-Hospital wechseln solltest. Du wirst ja bald achtzehn.«
Ich baumele mit den Beinen und stoße mit den Waden gegen die Liege. Vor Aufregung prickeln meine Finger.
Hannah legt mir beide Hände auf die Schultern und sieht mir in die Augen. »Es ist alles gut, Marlowe. Mehr als gut. Du hattest einen holprigen Start mit ein paar kleinen Abstoßungsreaktionen und einer schlimmen Meningitis, aber seit sechs Monaten ist überhaupt nichts mehr aufgetreten. Das ist super.«
Ich beiße mir auf die Lippe und versuche mich auf ihre Augen zu konzentrieren. Auf ihre lächelnden, beruhigenden, ehrlichen Augen.
»Dir kann nichts passieren«, sagt sie und schnippt mir scherzhaft an die Nase. »Du bist unsere absolute Erfolgsgeschichte. Hörst du?«
Ich nicke. Denn wenn Hannah sagt, dass bei mir alles gut ist, dann meint sie das auch so. Deshalb ist sie meine Lieblingskrankenschwester – wenn man sich ein Leben lang lauter euphemistische Halbwahrheiten von Erwachsenen anhören musste, die nicht wollen, dass man sich Sorgen macht, obwohl man jedes Recht hat, sich Sorgen zu machen, weiß man Ehrlichkeit zu schätzen.
Hannah sagt mir immer, was Sache ist.
Ich lasse ihre Worte eine Weile nachwirken, atme sie ein und genieße ihren kühlenden Effekt auf die Angst, die immer wieder auflodert. Angst ist eine Pyromanin.
Aber Hannah sagt, dass alles okay ist. Das bedeutet, dass es mir gut geht. Ich werde nicht sterben.
Ich verbeiße mir ein Lächeln.
Meine Mutter runzelt die Stirn, macht »Tsss« und legt mir eine Hand auf die Wange. Auf sie haben Hannahs Worte nie so eine beruhigende Wirkung wie auf mich. Sie steht da, steckt mir das Schild ins T-Shirt und pflückt mir einen Flusen von der Schulter. Sie kämmt mir mit der Hand durchs Haar, denn anscheinend ist mein Körper Gemeineigentum, den jeder anfassen darf, man darf ihn aufschnippeln und reingucken. Manchmal könnte ich schreien.
Aber egal. Heute kümmert es mich nicht. Weil bei mir alles okay ist. Und schon bald wird mir die Familie meines Spenders antworten und dann ist es noch besser als okay – was ist die Steigerung von okay? Gut? Cool? Toll? Super?
Hannah wischt mir die Armbeuge ab, weil sie gleich Blut abnimmt.
»Hannah?«
»Ja, Äffchen?«
Ich sehe zu, wie die Nadel in meine Haut sticht und die Spritze sich mit Blut füllt. Es ist immer viel dunkler, als man erwartet.
»Ist ein Brief von der Familie angekommen?«
Das frage ich jedes Mal, wenn ich zur Untersuchung komme. Und jedes Mal sagt Hannah dann, dass ich schlimmer bin als ihr Neffe, der schon im Mai nach dem Weihnachtsmann fragt. Und dann lachen wir und sie sagt, ich soll Geduld haben.
Aber diesmal nicht.
Diesmal kneift Hannah die Augen zusammen und antwortet nicht. Sie tauscht das volle Röhrchen gegen ein leeres aus.
»Wie wär’s mit dicken Bohnen und frittiertem Rosenkohl?«, sagt meine Mutter. Sie fasst mich am Arm, vielleicht ihr persönlicher Blutdrucktest. Sie guckt uns nicht an, denn sie kann kein Blut sehen. »Ich hab mal gelesen, dass Rosenkohl gut fürs Herz ist.«
»Drück da drauf.« Hannah hält den Tupfer in meiner Armbeuge fest. Ich übernehme und sie lässt los.
Ich starre auf meine Fingerspitze, die beim Drücken weiß wird. »Ist ein Brief gekommen, Hannah?«
Sie hat mir den Rücken zugewandt und macht sich am Pflaster zu schaffen. Ich höre meinen Herzschlag. Mein neues Herz ist so viel lauter als das alte.
Sie lächelt mich an und klebt das Pflaster über den Tupfer. »Wir behalten die Dosis Prednisolon erst mal bei. Aber die Werte von der letzten Untersuchung waren gut. Sehr gut sogar.«
Hannah nimmt meine Akte und drückt sie an die Brust.
»Hannah? Ist was für mich gekommen?« Ich fasse in meine Schultasche und hole den zerknitterten Brief Nummer fünf heraus. Fünf ist eine Glückszahl, oder? Es muss ein Land auf der Welt geben, in dem Fünf eine Glückszahl ist. »Ich hab noch einen geschrieben, aber ich dachte, vielleicht haben sie ja schon geantwortet, weil …«
Hannah tippt mit den Fingern auf meine Akte. Ein Schatten huscht über ihr Gesicht. »Es tut mir leid, Äffchen«, sagt sie. »Es gibt da ein Problemchen.«
Ich schüttele den Kopf und schiebe ihr Gerede von »Problemchen« und die tiefen Falten auf ihrer Stirn beiseite, damit ich mich ganz und gar darauf konzentrieren kann, was sie als Nächstes sagen wird. Denn das muss sein: »Bitte sehr. Hier ist der Brief, auf den du seit fast einem Jahr wartest.«
Es muss einfach.
»Die Familie möchte keinen Kontakt«, sagt Hannah und beißt sich auf die Lippe. »Das müssen wir respektieren.«
In meinen Ohren fängt es an zu rauschen. Es ist so laut, dass ich einen Moment lang denke, ich hätte mich verhört, aber Hannah sieht mich mitleidig an und das Rauschen wird noch lauter, und die Worte – die Worte, die ich nicht hören will – schreien mir entgegen, bis ich sie nicht mehr ignorieren kann.
Meine Mutter sieht mich betrübt an. Sie weiß, wie sehr ich es mir wünsche. Dass ich unbedingt etwas von der Familie meines Spenders hören will.
»So was kommt vor«, sagte Hannah. »Häufiger, als man meint. Meist weil es für die Familie noch zu früh ist und sie sich der Sache noch nicht stellen wollen. Vielleicht ändern sie ihre Meinung und nehmen in ein oder zwei Jahren Kontakt mit dir auf, wenn sie lange genug getrauert haben. Was denkst du?«
Was ich denke?
Ich denke.
Ich fühle.
Ich.
»Marlowe?«
Meine Mutter sieht mich an und schluckt. Sie streckt die Hand aus, aber ich zucke zurück. Ich schreie gleich.
»Hör mal«, sagt Hannah. »Es gibt eine Facebook-Gruppe ausschließlich für Spender und Empfänger und ihre Familien. In erster Linie geht es darum, miteinander in Kontakt zu kommen. Zum Beispiel erzählen die Organspendenempfänger etwas über sich, was für ein Organ sie bekommen haben und wann das war, und die Spenderfamilien können zurückschreiben, wenn sie sich dazu äußern wollen. Ich erzähle dir das nur, weil es dir ja vielleicht helfen könnte, mit anderen Familien in Kontakt zu kommen. Solchen, die gern etwas von den Empfängern erfahren möchten. Vielleicht nicht die Familie deines Spenders, aber es könnte dir ja trotzdem helfen, meinst du nicht?«
Ich kann nur nicken. Noch fehlen mir die Worte.
»Eine Freundin von mir ist in der Gruppe, ich werde sie bitten dich einzuladen«, sagt sie. Sie zieht die Brauen zusammen und ihr Lächeln wird unsicher. »Vielleicht will die Familie deines Spenders ja irgendwann später mit dir in Kontakt treten.« Ihre Stimme wird brüchig. »Nur jetzt noch nicht.«
Nur jetzt noch nicht.
Und da fühle ich endlich.
In Wellen schlägt mir die Enttäuschung gegen den Brustkorb, immer wieder.
Warum wollen sie nicht, dass ich ihnen schreibe? Habe ich irgendwas Verkehrtes geschrieben? Bereuen sie, dass sie mir sein Herz gegeben haben? Bin ich nicht gut genug? Ich fasse den Stoff meines T-Shirts an, direkt über dem Herzen, und spüre, wie sich meine Brust beim Atmen hebt und senkt. Es erinnert mich an das Ticken einer Uhr. Tick, tack, ein und aus. Die Zeit läuft weiter. Aber nur für mich. Nicht für den Menschen, der dieses Herz vor mir besessen hat.
Die Hand meiner Mutter schwebt wenige Zentimeter vor mir in der Luft. »Wir kriegen das schon hin«, sagte sie, doch als ich nicht antworte, spüre ich, dass sie und Hannah sich wortlos über meinen Kopf hinweg austauschen.
Jeder Herzschlag fühlt sich seltsam an, wie ein Lied, das ich niemals spielen werde, obwohl ich es nicht aus dem Kopf bekomme.
»Vielleicht können Kate und ich uns mal kurz unterhalten«, sagt Hannah. »Unter Erwachsenen.«
Ich nicke. Ich nicke und nicke und nicke immer weiter. Ich bin hier gefangen, zwischen den Wänden eingezwängt, zwischen meiner Mutter und Hannah, den Skalpellen und Nadeln und Tupfern, all das hält mich hier fest und zwingt mich, in diesem Augenblick zu verharren.
Meine Mutter drückt mir die Schulter. »Wir sind draußen«, sagt sie und sucht nach dem Spalt im Vorhang. Beide verschwinden wie Schauspieler von einer Bühne.
Ich atme die Luft aus, die ich angehalten habe, und gleichzeitig entfährt mir ein Schluchzer, nass und rau.
Schnell halte ich mir eine Hand vor den Mund und dränge einen weiteren Schluchzer zurück.
Denn ich werde deswegen nicht weinen.
Ich werde nicht weinen.
Ich stehe auf und schmeiße Brief Nummer fünf auf den Boden. Dieses Herz, dieses verdammte Herz drückt sich hoch in meinen Hals und es fühlt sich an, als könnte ich daran ersticken.
Ich starre auf meine Akte, in der ein Brief sein sollte. Nur ein einziger Brief – ist das zu viel verlangt? Ich schließe die Augen und stelle mir den Brief vor, wie er in meiner Akte liegt, halb eingerollt dort, wo das Papier zu fest gefaltet wurde, um je wieder glatt und flach zu sein. Es ist ganz dünnes Schreibpapier, fast durchsichtig und mit blassblauen Linien. Der Briefumschlag, in dem es gesteckt hat, ist klein, so ein Umschlag von einer No-Name-Firma, die man stapelweise im Supermarkt bekommt. Nicht die irrwitzig teuren Umschläge aus recyceltem Jeansstoff, wie meine Mutter sie kauft.
Der Brief hat Flecken von meinen Tränen – Freudentränen, die ich vergossen habe, als ich die Worte der Familie gelesen habe. Worte, die mir helfen, die Geschichte, die jetzt in mir pocht, und das Geschenk, das ich bekommen habe, zu verstehen.
Ich mache die Augen auf. Aber da ist nichts. Kein Brief. Nur dröhnende Stille.
Und dann weine ich.