Es fällt mir schwer, meine Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die dieses Buch möglich gemacht haben, in Worte zu fassen. An allererster Stelle steht mein Mentor Don Antonio, der die Vision, die Geduld und die Ausdauer hatte, einen jungen westlichen Anthropologen in die schamanistischen Künste einzuführen. Mein besonderer Dank gilt auch meiner Herausgeberin Patty Gift vom Verlag Random House, die tief in die alten Medizinlehren eingetaucht ist und mich auf die höchsten Gipfel der Anden begleitet hat, um dort mit den letzten Eingeweihten der Inka zu arbeiten. Ohne sie wäre dieses Buch nicht entstanden. Ich danke Laura Wood und Normandi Ellis von Herzen für ihre Hilfe bei der Gestaltung des Manuskripts. Mein Dank geht an Stanley Krippner, der immer an mich geglaubt und meine Forschungsarbeit in jungen Jahren unterstützt hat. Und an meine Agentin Sue Berger für ihre beharrliche Ermutigung. Zum Schluss möchte ich mich bei den Studenten und der Lehrerschaft der Healing the Light Body School dafür bedanken, dass sie die Techniken und Praktiken, die in diesem Buch vorgestellt werden, erprobt und damit zu ihrer endgültigen Ausformung beigetragen haben. Ein großes Dankeschön auch an Lisa Summerlot für ihre unermüdliche Liebe und Unterstützung.
Autor
Dr. Alberto Villoldo lebt in Los Angeles und ist klassisch ausgebildeter medizinischer Anthropologe. 25 Jahre lang bereiste er die Hochländer der Anden und des Amazonas und studierte die schamanischen Heilpraktiken. In seinen Seminaren führt er alljährlich Tausende von Medizinern und Laien in die energiemedizinischen Techniken ein. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter »Tanz der vier Winde« und »Insel der Sonne«.
Machu Picchu wurde von Pachacutek erbaut, dem neunten Inkakönig, der über ein Reich herrschte, das die Größe der Vereinigten Staaten hatte. Sein Name bedeutet »Erneuerer der Welt« und verkörpert den Kern der Inka-Prophezeiungen, die für das Ende der Zeit eine Phase der Erneuerung oder pachacuti vorhersagen. Das Inka-Wort pacha bedeutet »Erde« oder »Zeit«. Cuti bedeutet »das Unterste nach oben kehren«. Pachacuti bezieht sich daher auf eine Zeit des großen Umbruchs auf der Erde. Die Ankunft der spanischen Konquistadoren löste das letzte pachacuti aus, als die Welt der Inka zerstört wurde und Ordnung dem Chaos weichen musste. Könige und Häuptlinge wurden getötet, die Heiler versklavt, und die Bevölkerung wurde gnadenlos in Plantagen und Minen ausgebeutet. Nach den Weissagungen der Inka-Schamanen hat das nächste pachacuti bereits begonnen, und der Umbruch und das Chaos, das für diese Periode charakteristisch ist, werden bis zum Jahre 2012 andauern. Während dieser Zeit wird die Erde sich erneut stark verändern. Die Ausplünderung der Erde, wie sie durch die europäische Zivilisation betrieben wurde, wird aufhören, und die Lebensweise der erdverbundenen Menschen wird wieder in den Vordergrund treten. Die Konquistadoren sterben durch ihr eigenes Schwert, und die Erde wird zu einem Zustand des Gleichgewichts zurückkehren.
Für die Inka bedeutet pachacuti das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Obgleich die Prophezeiungen auch von der Möglichkeit der vollkommenen Vernichtung sprechen, verweisen sie doch auf ein Jahrtausend des Friedens, das nach der gegenwärtigen Periode der Unruhe und des Aufruhrs in Erscheinung tritt. Noch wichtiger für die Schamanen ist, dass die Prophezeiungen von einem Riss im Zeitgefüge selbst sprechen, einem neuen Fenster in die Zukunft, durch das eine neue menschliche Art entstehen wird. Don Antonio war immer der Ansicht gewesen, dass die Zeit des Homo sapiens abgelaufen sei und ein neuer Mensch, der Homo luminus, in diesem Moment auf unserem Planeten geboren wird. Interessanterweise glaubte mein Mentor, dass Evolution innerhalb der Generationen geschähe und nicht zwischen den Generationen, wie es die Biologen annehmen. Dies bedeutet, dass wir die neuen Menschen sind. Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben. Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob wir den Quantensprung in unsere Zukunft machen können, sondern ob wir uns jetzt trauen, ihn zu tun.
Don Manuel Quispe war zu einer wahrhaft globalen Perspektive gelangt. Er wusste, dass die Schicksale der Menschen auf der Erde alle miteinander verwoben sind, und war überzeugt davon, dass die Prophezeiungen der Inka, aber auch der Hopi und der Maya, sich an alle Menschen aller Farben und Nationen richteten, denn sie alle entsprangen munay, der bedingungslosen Kraft der Liebe.
Im Laufe der Jahre lud mich Don Manuel immer öfter zu seinen privaten Zeremonien ein. Ich erinnere mich daran, den ältesten Heiler der Inka, vergleichbar mit dem Dalai Lama, während einer Zeremonie außerhalb von Cuzco getroffen zu haben. Wir saßen in einer Inka-Ruine und waren von Bergen umgeben, die uns um eine Meile oder mehr überragten, obwohl wir uns bereits auf einer Höhe von fast 4000 Metern befanden. Der Schamane hielt drei Kokablätter zwischen seinen Fingern und begann zu beten. Er blies seine Gebete auf die Blätter und rief die Spirits der Berge und von Mutter Erde an. Ich fühlte die Anwesenheit der schneebedeckten Berggipfel in unserer Zeremonie. Plötzlich waren sie nicht mehr über mir und um mich herum, sondern neben mir, oder ich war an ihrer Seite in den grünen Tälern, die zwischen uns waren. Der alte Schamane glaubte, dass die Heilzeremonien und das Wissen der Indios dem ganzen Planeten gehörten. Dies wurde mir zur Gewissheit auf einer Expedition zu dem heiligen Berg Ausangate.
Wir hielten uns in Pachanta Pampa auf und bereiteten uns für den letzten Abschnitt der Reise zu unserem Lager in 4000 Meter Höhe vor. Die nächsten sechs Tage sollte ich hautnah mit den Ältesten der Inka zusammen sein und an ihren Zeremonien teilnehmen. Der Ausangate ist 7000 Meter hoch und bekannt als »Berg, der in Sturm gehüllt ist«. Wir begannen mit dem Aufstieg im Juli, also mitten im Winter in Südamerika. Der Legende nach teilen sich die Wolken, die den Berg ständig umgeben, wenn die Schamanen kommen, um an der huaca, einem Kraftort genau am Herzen des Berges, ihre Zeremonien abzuhalten.
»Du musst dem Pferd die Binde über die Augen ziehen, bevor du aufsitzt«, erklärte mir der Indio in einer Mischung aus Spanisch und Qechua. »Es geistert sonst leicht in der Gegend herum.« Ich schaute mein Pferd an, das kaum größer als ein Pony war. Als ich das bunte Halstuch sah, das seine Augen bedeckte, murmelte ich ein »Verdammt« vor mich hin. »Ein gutes Pferd«, fuhr der Indio fort, als er bemerkte, dass ich zögerte. »Klein, aber gut. Das Herz der großen Pferde hört in dieser Höhe auf zu schlagen.« Ich schaute gen Himmel, aber er war nicht das geringste bisschen blau. Es sah eher danach aus, als würde es jeden Moment anfangen zu schneien. Dies schien nicht mein Tag zu sein. »Ich glaube, ich gehe lieber zu Fuß. Muchas gracias.«
Huacas sind heilige, aber auch sehr gefährliche Orte, an denen der Schleier zwischen den Welten hauchdünn ist und die normale Wahrnehmung von Zeit und Raum verschwimmt. Es handelt sich um Plätze, an denen causay, die ursprüngliche Energie der Schöpfung, in unsere Welt strömt. Hier können Schamanen Ereignisse der Vergangenheit beeinflussen und das Schicksal lesen. Der Ausangate ist der kraftvollste aller huacas. Jedes Jahr treffen sich hier 70 000 Pilger, viele von ihnen sind Heiler und Heilerinnen, zur größten indianischen Feier auf dem amerikanischen Kontinent – Collor Riti, das Fest des Schneesterns. Die festlichen Aktivitäten werden im »öffentlichen« Teil des Berges abgehalten. Wir gingen zu seinem Herzen, einem Platz am Fuße des Gletschers, der nur Don Manuel und anderen Ältesten bekannt war. Wir kamen zusammen, um dabei zu sein, wenn die Inka-Prophezeiungen über die zukünftige Zeit verkündet wurden.
In 5000 Meter Höhe wird jeder Schritt zur Meditation. Nach drei Stunden Fußmarsch bereute ich, kein Pferd genommen zu haben, mochte es die Augen verbunden haben oder nicht. Einen unerwarteten Segen erhielt ich dadurch, dass ich in einer Gruppe von mehr als 50 Schamanen lief. Neben mir war Don Manuel. Er erklärte mir, dass Inka keine Pferde reiten. »Sie sind spanisch«, meinte er. Die übrigen Mitglieder unserer Gruppe hatten einen längeren Weg gewählt, der besser für Pferde geeignet war. Wir waren auf einem Fußpfad, der es erforderlich machte, durch knietiefes Gletscherwasser zu waten. Meine Goretex-Stiefel waren so durchgeweicht, dass ich mit jedem Schritt triefende Geräusche von mir gab. Die Frauen lachten und meinten, dass ihre Sandalen aus alten Autoreifen viel praktischer seien, da sie in der dünnen Luft schnell trocknen.
»Wir leben schon seit Anbeginn der Zeit in den Bergen«, erklärte Don Manuel, »schon bevor Cuzco gegründet wurde. Nachdem die Ñaupa Runa, die vorweltlichen Wesen, durch die Kinder der Sonne verbannt worden waren, besiedelten unsere Vorfahren die Berggipfel. Wir haben schon immer mit den apus, den heiligen Bergen, zusammengelebt.« Während der spanischen Eroberung kehrte eine Gruppe von Inka-Schamanen in die Berggipfel zurück, um der Kirche und den Konquistadoren zu entkommen. Jahrhundertelang waren sie der Stoff von Legenden, ein Mythos aus längst vergangener Zeit. Vor fast 50 Jahren kamen sie dann von den Berggipfeln herab, um Collor Riti zu feiern, und wurden von den Medizinleuten als die letzten Kinder der Sonne empfangen. Als sie zum ersten Mal herabkamen, auf ihren Ponchos das königliche Emblem der Sonne, teilte sich eine Schneise in der mehrere Tausend Menschen umfassenden Menge, und die Ältesten begrüßten sie mit den Worten: »Wir haben 500 Jahre auf euch gewartet.«
Als ich Don Manuel fragte, warum sie von den Bergen heruntergekommen seien, sagte er, dass es so in ihren Prophezeiungen steht. 500 Jahre lang haben sie das Tun der Konquistadoren beobachtet – die Verschmutzung der Flüsse, das Ausufern der Städte, die Klimaveränderung und andere Zeichen. Ihnen wurde eine Prophezeiung anvertraut, die das Ende der Zeit verkündet. »Jeder kann ein Prophet sein«, erklärte Don Manuel weiter. »Wir sind schon immer die Hüter des Wissens und der Rituale gewesen, die eine neue Zeit für die Menschheit und den Planeten ankündigen. Dieses praktische Wissen gehört nicht nur den indigenen Völkern, sondern der gesamten Welt. Es ist bekannt als mosok karpay, die Rituale der zukünftigen Zeit.«
Ich fragte Don Manuel, wie dieses Wissen und diese Rituale aussehen. »Unsere Prophezeiungen sind in Stein gemeißelt«, sagte er. »Wir haben keine geschriebene Sprache so wie ihr. Wir haben nur unsere Webereien und unsere Steine. Wenn du Machu Picchu und die Steine dieser alten Stadt verstehst, verstehst du Cuzco. Machu Picchu ist Cuzco im Kleinen. Wenn du Cuzco verstehst, verstehst du das gesamte Inka-Reich.« An dieser Stelle machte er eine Pause, und ich nutzte die Gelegenheit, um mich an einen Felsbrocken zu lehnen und Luft zu holen. Wir waren nur noch eine Meile von Azulcocha, unserem Basislager an der blauen Lagune im Herzen des Berges, entfernt. Überall um uns herum waren apachetas, Gebetssteinhaufen, von Pilgern errichtet, die die gleiche Reise unternommen hatten wie wir. Die Steine waren sorgfältig zu Türmen mit einer Höhe zwischen einem und zwei Metern aufeinander gestapelt. Auf dem Felsbrocken, gegen den ich gerade lehnte, befand sich einer dieser apachetas, und Don Manuel wies mich darauf hin, dass sie den Eingang zum inneren Raum, zum Herzen des Berges, anzeigten. Don Manuel ließ sich neben mich sinken und öffnete seine mesa, eine Sammlung von Steinen und Kraftobjekten, die jeder Schamane bei sich hat. »Wenn du die mesa verstehst«, sagte er und öffnete dabei sorgsam seinen Medizinbeutel, um mir die Steine zu zeigen, »verstehst du Machu Picchu und die Prophezeiungen.«
Der Schamane verdient sich seine mesa im Verlauf seiner eigenen Heilung. Jeder Stein steht für eine Wunde, die in eine Quelle der Weisheit und des Muts verwandelt wurde. In diesem Verwandlungsprozess entfernt er die karmischen Abdrücke in seinem Leuchtenden Energiefeld sowie die schädlichen Ablagerungen, die seine Chakras verunstalten. Indem er frei ist von dem Griff der Vergangenheit, die in den Abdrücken gespeichert ist, wird er empfänglich für den, der er in Zukunft sein wird. Von seinen Chakras gehen leuchtende Stränge aus, die das Gewebe der Zeit umspannen und sich im Unendlichen verankern. Durch diese Lichtfäden fließen die Weisheitslehren der Vergangenheit und der Zukunft. Er denkt an die alten Geschichten und erinnert sich an die, die noch nicht erzählt wurden. Er kann seinen Körper so beeinflussen, dass dieser anders altert, sich anders heilt und anders stirbt. Aus ihm ist ein Inka geworden, ein Kind der Sonne, Homo luminus.
Das Ende der Zeit ... jede Religion der Welt spricht davon. Die Juden erwarten den Messias am Ende der Zeit, und im Christentum endet die Zeit mit dem Erscheinen des Christus und später noch mal, wenn die Lebenden und die Toten zum Jüngsten Gericht auferstehen. Es ist interessant, dass alle annehmen, die Zeit flösse nur in einer Richtung, und dass das Ende der Zeit dann kommt, wenn keine Minuten und Sekunden mehr existieren.
Für Antonio, Laura, Manuel und die anderen Schamanen und Heiler ist das Ende der Zeit nicht etwas, das in einer fernen Zukunft geschieht, sondern ein Prozess, der jetzt stattfindet. Sein wichtigster Bestandteil ist die Illumination. Anstatt den heiligen Raum einen bestimmten Moment lang offen zu halten und causay, die Energie der Heilung, fließen zu lassen, betreten sie diesen Raum und kehren zur Quelle zurück, die sie texemuyo nennen. Mein Freund, ein Jesuit, hat lange gebettelt, ich möge ihn zu dieser Zeremonie mitnehmen, aber ich habe mich stets geweigert, es zu tun. Während dieser Zeremonie vereint sich der Schamane mit dem Selbst, das den Garten Eden niemals verlassen hat, das immer noch mit Gott spricht und niemals stirbt. Das muss man sich mal klarmachen. Alle warten auf die Ewigkeit, und die Schamanen sagen: »Wie wär’s mit heute Abend?«
Das Problem mit der Zeit, wie wir sie kennen, liegt darin, dass sie an Kausalität gebunden ist. Ursache und Wirkung. Weil gestern das und vor zehn Jahren das geschehen ist, bin ich heute so. Eine der unausweichlichen Folgen der Kausalität sind Psychologen. Sie rupfen das Unkraut, das in der Kindheit gesät wurde, haken die Blätter zusammen und beschneiden die Stiele, reißen es aber niemals mit den Wurzeln aus. Sie machen damit weiter, Pathologie zu ernten, und vergessen dabei, die Samen für zukünftige Möglichkeiten zu pflanzen. Kausalität bindet dich an das Gewöhnliche und den Allgemeinplatz.
Mich interessiert die Idee nichtkausaler Beziehungen. Antonio sagt, dass er unser Treffen arrangiert hatte. Es wäre nicht möglich gewesen, ihn durch Suchen zu finden. Wenn Konquistadoren und Missionare ihn und seine Leute 500 Jahre lang nicht gefunden hatten, wie konnte ich mir dann einbilden, dass ich dazu in der Lage war?
Heute ist ein guter Abend, um aus der Zeit herauszutreten. Die Unendlichkeit ist geduldig.
Tagebucheintrag
Bitte berichte mir von deinen Erfahrungen mit dem schamanistischen Heilungsprozess.
Du kannst mich per E-Mail an Dr. Alberto Villoldo errreichen, meine E-Mail-Adresse lautet:
villoldo@thefourwinds.com
Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn du mir von deinen Erfolgen berichtest. Für zusätzliche Artikel, Fotos und Video-Clips über schamanistische Heiler siehe auch unsere Website www.thefourwinds.com.
Wenn Du mehr über die Healing the Light Body School und ihr Ausbildungsprogramm erfahren willst, besuch bitte ebenfalls unsere Website oder nimm telefonischen Kontakt auf unter:
001-310-454-0444.
Wir waren schon tagelang unterwegs. Ich sagte zu Antonio, dass ich genug Geld hätte, um einen Bus oder sogar ein Taxi zu bezahlen. Aber er wollte mit all dem nichts zu tun haben. Er erlaubte mir noch nicht einmal, Pferde auszuleihen. »Meine Leute sind immer nur zu Fuß gegangen«, sagte er. Es machte ihm sichtlich Spaß, mir zu zeigen, dass er mit seinen fast 70 Jahren immer noch schneller und ausdauernder war als ich.
Habe meine Schuhe ausgezogen, sobald wir in Sillustani waren, und meine Füße im eiskalten Wasser des Titicacasees gebadet. Es ist ein unheimlicher Ort, ein Friedhof erstreckt sich über Dutzende von Meilen, wie das Tal der Könige in Ägypten. Ausschließlich Schamanen, Könige und Königinnen liegen hier am Ufer unter gigantischen Türmen begraben. Die besten Steinmetze stammten aus dieser Gegend. Warum entwickelte sich diese Technik ausgerechnet hier an einem See auf dem Dach der Welt?
Antonio erklärte mir, dass die Grabtürme oder chulpas nicht nur an die toten Schamanen erinnern sollen, sondern vorübergehend auch als ihre Heimstatt dienen, wenn sie zurückkehren und unsere Welt besuchen. Es handelt sich dabei um völlig freie, machtvolle Spirits, die sich überall und zu jeder Zeit materialisieren können. Die Vorstellung daran ließ mich erschaudern. Wir waren gekommen, um hier die Nacht mit einer Zeremonie zu Ehren dieser uralten Schamanen zu verbringen.
»Sie sind aus der Zeit herausgetreten«, sagte Antonio. Er meinte, ein Blick in die Zukunft würde mich erschüttern, wenn ich annahm, dass die Zeit nur in eine Richtung lief. »Es bedarf großer Fähigkeit und Disziplin, in die Zukunft zu schauen, ohne dass dein Wissen ein Handeln in der Gegenwart unmöglich macht.«
Tagebucheintrag
Ich studierte Psychologie und später medizinische Anthropologie, weil ich vom menschlichen Geist fasziniert war. In den 1980er Jahren verbrachte ich Hunderte von Stunden in der Anatomie. Ich wollte wissen, wie der Geist den Körper beeinflusst, wie Gesundheit oder Krankheit zu Stande kommen. Damals hatte ich wenig Interesse an Spiritualität, weder in ihrer traditionellen Ausformung noch in der New-Age-Variante. Ich war überzeugt, dass die Wissenschaft die einzige verlässliche Methode sei, um Wissen zu erlangen. Eines Tages schnitt ich an der University of California Gehirngewebe in dünne Scheiben für die Untersuchung unter dem Mikroskop. Das Gehirn war für mich das geheimnisvollste Organ des Körpers, und seine Wölbungen erinnerten mich an eine überdimensionale Walnuss. Die tiefen Gehirnwindungen waren die einzige Möglichkeit für die Natur, die dünne Schicht des Neocortex (das Wort bedeutet »neues Gehirn«) in unseren Köpfen hervorzubringen, ohne den Umfang unseres Schädels vergrößern zu müssen. Die menschliche Evolution war bereits an ein anatomisch unüberwindbares Hindernis in der Entwicklung eines intelligenteren Gehirns gestoßen, weil ein größerer Kopf nicht mehr durch den weiblichen Geburtskanal passte.
Unter dem Mikroskop kann man gut sehen, wie jede einzelne Gehirnzelle mit ihrer Nachbarzelle durch Millionen von Synapsen zu einem gigantischen Netzwerk lebender Fasern verbunden ist. Dieses neurale Netzwerk überträgt riesige Datenmengen, die für Bewegung und Wahrnehmung nötig sind. Die Faszination des Gehirns ist jedoch eine Besonderheit der westlichen Kultur. Die Ägypter wussten nicht viel mit dem Gehirn anzufangen, sie verflüssigten es nach dem Tode und saugten es ab, obwohl sie sonst alle Körperorgane mumifizierten. Wir diskutierten oft im Labor die Frage, ob der menschliche Geist auf das Gehirn oder den Körper als solchen beschränkt ist. Selbst wenn das Gehirn einfach genug wäre, um es zu verstehen, waren wir noch lange nicht in der Lage, es zu tun. Und wie penibel wir auch die einzelnen Gehirnschichten untersuchten, dem Geist kamen wir dadurch nicht auf die Schliche. Je mehr ich über das Gehirn lernte, desto weniger wusste ich über den Geist.
Ich war fest davon überzeugt, dass die menschliche Art die Millionen Jahre vor dem Auftreten der modernen Medizin nur überleben konnte, weil der Körper-Geist wusste, wie er sich gesund zu halten hatte. Wir überlebten Schnittwunden, die sich infizierten, und gebrochene Knochen, als wir auf dem Weg zum Wasserloch in Bergschluchten fielen. Noch vor 50 Jahren war es gefährlicher, einen Arzt aufzusuchen, als zu Hause zu bleiben und den Körper-Geist sich selbst heilen zu lassen. Bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Medizin nur auf dem Gebiet der Diagnose erfolgreich. Sie besaß noch keine effektiven Heilmethoden, wirksamen Medikamente oder operativen Eingriffsmöglichkeiten. Dies alles wurde erst während der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt. Penicillin zum Beispiel, das erste anwendungsreife Antibiotikum, kam erst 1940 in Gebrauch. Wie haben es unsere Vorfahren bei dem traurigen Stand der Medizin bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts nur geschafft, Tausende von Jahren gesund zu bleiben? Wussten die Naturvölker etwas über Geist und Körper, das so weit zurücklag, dass wir es vergessen hatten und nun in den Forschungslabors wieder zu entdecken hofften?
Die Vorstellung der psychosomatischen Krankheit ist inzwischen Allgemeingut, aber sie wurde ursprünglich mit Hypochondrie – »es geschieht alles in deinem Kopf« – in Verbindung gebracht. Die offensichtlichen Auswirkungen des Geistes auf den Körper wurden von der Forschung bestätigt. Als Kinder waren wir doch alle Experten für psychosomatische Krankheiten. Mit sechs Jahren konnte ich innerhalb von Minuten alle Symptome einer Erkältung hervorrufen, wenn ich nicht zur Schule gehen wollte. Die psychosomatische Krankheit widerspricht jedem Überlebensinstinkt, den eine Evolution von 300 Millionen Jahren in den Körper programmiert hat. Wie mächtig der Geist doch sein musste, wenn er in der Lage war, all die Mechanismen des Überlebens und Selbstschutzes außer Kraft zu setzen. Kaum auszudenken, wir könnten diese Fähigkeit nutzen, um psychosomatische Gesundheit zu erlangen.
In den letzten Jahrzehnten ist der Bereich der Psychoneuro-Immunologie, die den Einfluss von Stimmungen, Gedanken und Gefühlen auf unsere Gesundheit untersucht, immer größer geworden. Forscher entdeckten, dass sich der Geist im gesamten Körper befindet und nicht auf das Gehirn beschränkt. Dr. Candace Pert fand heraus, dass Neuropeptide – also Moleküle, die sich ständig in unserem Blutkreislauf befinden und im Raum zwischen den Zellen umherschwimmen – fast augenblicklich auf jede Stimmung und jedes Gefühl reagieren und so den ganzen Körper in einen vibrierenden und pulsierenden »Geist« verwandeln. Die Trennung zwischen Geist und Körper wurde durch die Entdeckung eines einzigen Moleküls aufgehoben. Unser Körper fühlt als Ganzes jede Emotion, die wir haben. Jede Zelle unseres Körpers spürt, wenn wir depressiv sind, denn unsere Immunabwehr wird dadurch geschwächt, und die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden, steigt. Nicht umsonst sagt der Volksmund, dass Lachen die beste Medizin ist. Jahre nachdem ich den Forschungslabors den Rücken gekehrt hatte, entdeckten die Forscher, was die Schamanen schon immer wussten: Geist und Körper sind eins. Aber die Forscher ließen außer Acht, was das schamanistische Heilen erst möglich macht: den Spirit.
Als ich Mitte 20 war, war ich der jüngste Professor am Klinikum der San Francisco State University. Ich hatte mein eigenes Labor zur Erforschung der biologischen Selbstregulation und untersuchte die Auswirkungen von Energieheilung und Visualisierung auf die chemische Zusammensetzung des Gehirns. Es gelang uns, die Produktion von Endorphinen um fast 50 Prozent zu steigern, indem wir die Techniken der Energieheilung anwendeten. Endorphine sind chemische Stoffe im Gehirn, die auf natürliche Weise Schmerz reduzieren und ekstatische Zustände erzeugen. Obwohl ich mit meinen Studenten faszinierende Entdeckungen machte, wurde ich zunehmend unzufriedener. Wir waren zwar in der Lage, die Chemie des Gehirns zu beeinflussen, aber wir wussten nicht, wie wir jemandem helfen konnten, eine lebensbedrohende Krankheit zu überwinden. Wir waren wie Kinder, die entdeckt hatten, dass sie Wasser und Schlamm zu Lehm und Ton vermischen konnten. Ich wollte mehr als das. Ich wollte herausfinden, wie man daraus Häuser bauen oder zumindest Geschirr herstellen konnte.
Eines Tages wurde mir im Biologielabor klar, dass meine Untersuchungen einen größeren Bezugsrahmen brauchten, anstatt immer nur detaillierter zu werden. Das Mikroskop allein konnte mir nicht länger meine Fragen beantworten. Ich musste ein System finden, das größer war als das neurale Netzwerk des Gehirns. Während viele meiner Kollegen die Hardware untersuchten, wollte ich lernen, die Software zu programmieren. Wenn es irgendwo Experten gab, die wussten, wie man die außergewöhnlichen Fähigkeiten des menschlichen Geistes nutzen konnte, um den Körper zu heilen, so musste ich sie finden. Ich war entschlossen, von ihrem Wissen zu lernen. Anthropologische Untersuchungen ließen den Schluss zu, dass es tatsächlich solche Menschen gab, die den Zusammenhang zwischen Geist und Körper kannten, zum Beispiel die Aborigines in Australien und die Inka in Peru.
Ein paar Wochen später räumte ich in der Universität meinen Schreibtisch. Meine Kollegen dachten, ich sei verrückt geworden, und waren der Ansicht, dass ich eine Erfolg versprechende akademische Karriere einfach wegwerfen würde. Ich tauschte mein Labor gegen ein paar Wanderstiefel und ein Flugticket zum Amazonas. Ich wollte von Forschern lernen, deren Blickwinkel nicht durch den Linsenrand eines Mikroskops begrenzt war und deren direkte Erfahrung über die messbare materielle Welt hinausging, die ich gelernt hatte als die einzige Realität zu betrachten. Ich wollte die Menschen treffen, die den Raum zwischen den Dingen spüren und die leuchtenden Fäden, die alles mit Leben erfüllen, wahrnehmen können. Nichts konnte mich mehr daran hindern, bei Forschern in die Lehre zu gehen, die die Energie-Seite von Einsteins Gleichung E = mc2 kannten.
Meine Forschungen führten mich schließlich vom Regenwald des Amazonas zu den Anden in Peru, wo ich Don Antonio traf, der damals Ende 60 war. Sein Lebensumstand war fast gänzlich frei von westlichen Einflüssen. Er besaß keinen Fernseher, noch nicht einmal Strom. Aber er behauptete von sich, die Unendlichkeit gekostet zu haben. »Wir sind leuchtende Wesen auf der Reise zu den Sternen«, sagte Don Antonio bei einer Gelegenheit zu mir. »Aber du musst die Unendlichkeit selbst erfahren, um das zu verstehen.« Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich wohlwollend schmunzelte, als mir der Heiler das erste Mal erzählte, dass wir Sternenreisende seien, die schon seit Anbeginn der Zeit existierten. Verschrobene einheimische Folklore, dachte ich, die Grübeleien eines alten Mannes, der die Gewissheit des Todes nicht wahrhaben wollte. Ich glaubte, dass Don Antonios Träumereien aus den archetypischen Strukturen der Psyche stammten, wie sie Carl Gustav Jung beschrieben hatte. Antonio nahm die archetypischen Mythen wortwörtlich und interpretierte sie nicht symbolisch, wie ich es tat. Aber damals widersprach ich ihm nicht. Ich dachte daran, wie ich meiner streng katholischen Großmutter erklärt hatte, dass die Jungfrau Maria keine jungfräuliche Geburt hatte, sondern dieses Bild nur als Metapher dafür stand, dass Jesus Christus im erleuchteten Zustand geboren worden war, als Sohn Gottes im vollsten Sinne des Wortes. Sie hat meine Erklärung niemals akzeptiert. Für sie war die jungfräuliche Geburt ein historischer Fakt. Ich empfand Don Antonios Träumereien über die Unendlichkeit ähnlich. Für beide war eine schöne Metapher zu einem Dogma geworden. Der Mythologe Joseph Campbell hat immer betont, dass die Realität aus Mythen besteht, die wir nicht durchschauen können. Daher ist es so leicht, in einer anderen Kultur Anthropologe zu sein. Für den Außenstehenden ist alles durchsichtig, wie des Kaisers neue Kleider.
Manchmal versuchte ich Don Antonio darauf hinzuweisen, dass der Kaiser »nackt« war und er Mythologie mit Tatsachen verwechselte. Als ich beobachtete, wie er eine Missionarin im Sterbeprozess begleitete, änderte sich jedoch meine Einstellung.
Das Dorf lag etwa eine Meile entfernt an einen Hang geschmiegt. Es war um eine gut erhaltene Inka-Ruine herumgebaut, die einen Teil des Dorfes bildete. Manche Mauerabschnitte bestanden aus Granitblöcken, die so meisterhaft behauen und zusammengefügt waren, dass die Reibung allein genügt hatte, um sie jahrhundertelang unverrückt am Platz zu halten.
Die Inka hatten hier, am Rande des altiplano, ein Dorf errichtet, einen Vorposten ihrer Zivilisation. Jetzt, ein Jahrtausend später, lebten ihre Nachkommen in den Ruinen, bestellten die Terrassen, die sich den Berghang unterhalb des Dorfes hinabzogen, und besserten das Mauerwerk mit Lehm und Stein aus, weil die alte Kunst des Mauerns längst vergessen war. Diese große Tradition lag ebenso wie das ursprüngliche Dorf in Trümmern.
Im Innenhof liefen Hühner, Schweine und ein Lama herum. Eine Indiofrau zerrieb Mais in einem der Mörser. Sie hielt inne, als wir hereinkamen, nickte mit dem Kopf und verschwand.
Der alte Mann führte uns zu einer der Hütten. Im Hof wurden die Schatten länger, und es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen an die Dunkelheit des Zimmers gewöhnt hatten. Eine Frau, deren Kopf von einem schwarzen Schal bedeckt war, stand mit einer Kerze murmelnd am Kopfende eines Bettes, einer Pritsche mitten im Zimmer, die auf zwei Holzkästen ruhte.
Eine Frau lag ausgestreckt auf der Pritsche, eine Indiodecke bis zum Kinn hochgezogen, die Arme frei zu beiden Seiten ruhend. Es war unmöglich, ihr Alter zu schätzen, so ausgezehrt war sie. Ihre Haut war gelb vor Gelbsucht und spannte sich über ihren Gesichtsknochen; die Sehnen an ihrem Hals traten wie Stränge hervor. Ihr Haar war kurz und grau; ihre Augen starrten leer aus eingesunkenen Höhlen zur Decke empor.
Sie rührte sich nicht, gab kein Zeichen von Bewusstsein von sich, nichts, um zu zeigen, dass sie unsere Anwesenheit zur Kenntnis genommen hatte.
Don Antonio wandte sich zu mir um und hob die Kerze, und ich trat vor und nahm sie. Er strich der Frau mit der Hand übers Gesicht, doch ihre Augen blieben auf die Decke fixiert. Ein silbernes Kruzifix an einem Rosenkranz lag auf ihrer Brust und um ihren Hals.
»Eine Missionarin«, flüsterte er. »Sie ist vor zwei Tagen von Indianern hierher gebracht worden.« Er deutete auf die Berge und den Urwald.
»Leberversagen«, sagte ich. »Ich glaube, sie liegt im Koma.«
»Ja.«
»Aber was können wir noch tun?«
»Nichts. Sie wird heute Nacht sterben. Wir können nur ihrem Spirit helfen, frei zu werden.«
Zwanzig oder dreißig Kerzen hatten die Lehm-und-Stroh-Hütte in eine Art Kapelle verwandelt. Ich saß auf einem Sack Maisblätter neben der Tür und beobachtete meinen Gefährten, der auf der anderen Seite des Zimmers mir gegenüber saß. Der Raum war warm von den vielen Kerzen, vor der Kühle der Nacht durch die dicken Lehmwände geschützt.
Antonio ging zur Kopfseite des Bettes, hob ganz sachte ihren Kopf und nahm ihr den Rosenkranz vom Hals. Jetzt legte er ihr die Perlen auf die linke Hand und schloss ihre Finger darum. Er sagte: »Blas die Kerzen aus. Eine nach der anderen.«
Ich ging zu dem schmalen Vorsprung, der wie ein Sims rings an den Zimmerwänden entlangging, und blickte über meine Schulter hinüber; seine Augen waren geschlossen, seine Hand lag auf ihrer Stirn, und seine Lippen bewegten sich kaum wahrnehmbar.
Drei Kerzen waren noch übrig, und der Rauch der verloschenen hing in der Luft.
Don Antonio hielt seine Hände über ihr Herz, in einem Abstand von ungefähr drei Zentimetern zum Körper. Jetzt beschrieb er mit der Hand, deren Mittel- und Zeigefinger ausgestreckt waren, eine Kreisbewegung entgegen dem Uhrzeigersinn und bewegte die Hand in Spiralen aufwärts, hoch in die verräucherte Luft. Dreimal machte er das, dann ging er über zum dritten Chakra über dem Solarplexus. Er zog perfekte Kreise von fast einem Meter Durchmesser, erst langsam, dann schneller, wie eine Spirale nach oben. Danach wechselte er zur tiefen Mulde am unteren Ende ihrer Kehle, dann zu ihrem Bauch, zu ihrer Stirn und zum Schluss zum Scheitelpunkt ihres Kopfes.
»Sieh.«
Ich wandte die Augen von seinem Gesicht und schaute auf ihren Körper hinab, das leichte Steigen und Fallen ihrer Brust.
Da schlug Antonio zu.
Blitzschnell. Sein Ellenbogen fuhr hoch und versetzte mir einen harten, heftigen Schlag auf die Stirn. Mein Kopf wurde einen Augenblick von Schwindel erfasst. Ich fasste automatisch sofort an die Stelle
»Was zum Teufel …«
»Sieh!«
Es dauerte eine Sekunde lang, mehr nicht. Etwas war um ihren Körper herum. Etwas Milchiges, Leuchtendes umgab etwa einen Zoll breit die Umrisse ihres Körpers. Dann war es weg.
»Stell dich hierhin.«
Er packte mich mit festem Griff am Arm und dirigierte mich um das Bett herum zum Kopfende.
»Schau jetzt. Mit unscharfem Blick.«
Und da war es. Unscharf, aber eindeutig da, ein ganz schwaches Leuchten, das jetzt ungefähr zehn Zentimeter weit von ihrer Haut abstrahlte, als käme eine leuchtende Körperform aus ihrem Fleisch. Ich musste mich anstrengen, nicht scharf hinzuschauen. Ich spürte, wie mir ohne mein Zutun ein Schauer über den Rücken lief.
»Sehe ich das wirklich?«, flüsterte ich.
»O ja, du siehst es, mein Freund. Ein Anblick, den wir vergessen haben, den Zeit und Vernunft verdunkelt haben.«
»Was ist das?«
»Das ist sie«, sagte er. »Ihre Essenz, ihr Lichtkörper. Sie hätte es Seele genannt. Sie will loslassen. Jetzt bald. Wir werden ihr helfen.«
Antonio war noch eine volle Stunde mit ihr beschäftigt. Er wiederholte den Vorgang, den ich zuvor miterlebt hatte, wiederholte ihn mit der gleichen geduldigen Intensität, ohne zu zögern, vollkommen hingegeben an die vor ihm liegende Arbeit. Dann beugte er sich über ihren Kopf, die Lippen kaum einen Zoll von ihrem Ohr entfernt, und flüsterte. Plötzlich hob sich ihre Brust, und sie keuchte, als die Luft durch ihren Mund in ihre Lungen strömte. Sie blieb darin.
»Ausatmen!«
Und da war ein langes Pfeifen wie ein schwerer Seufzer, als ihr letzter Atemzug aus ihrer Brust wich und aus ihrem offenen Mund heraus. Und dann sah ich auf einmal wie aus dem Augenwinkel, dass sich das milchige Leuchten von ihr löste und zu etwas Amorphem ohne bestimmte Form zusammenschmolz; etwas, das durchscheinend und milchig war wie ein Opal, schwebte dort über ihrer Brust. Ich sah, wie die gestaltlose Form über ihre Kehle und ihren Kopf glitt und dann verschwand. Ein großer Friede erfüllte die Hütte.
»Was war das?« Meine Stimme war nur ein Flüstern.
»Was die Inka wiracocha nennen.« Er drückte ihr mit den Fingerspitzen die Augen zu. »Ich bin froh, dass du es gesehen hast.«
Aus: Villoldo und Jendresen,
Die Macht der vier Winde1
Heute, mehr als 20 Jahre danach, verstehe ich den alten Indio und seine Behauptung, man könne die Unendlichkeit kosten. Ich habe gelernt, dass uns die Erfahrung der Unendlichkeit heilen und transformieren kann und dass sie uns aus den Zwängen der Zeit befreit, die uns an Krankheit, Alter und Gebrechlichkeit ketten. Im Laufe von zwei Jahrzehnten, die ich bei den Schamanen im Urwald und in den Anden verbrachte, habe ich entdeckt, dass ich nicht nur aus Fleisch und Blut bestehe, sondern aus Spirit und Licht gemacht bin. Dieses Verstehen durchströmt jede Zelle meines Körpers. Ich bin davon überzeugt, dass es meine Art zu heilen verändert hat, genauso wie meine Art, alt zu werden und zu sterben. Die Erfahrung der Unendlichkeit ist der Kern des Illuminationsprozesses, der wichtigsten Heilmethode in diesem Buch.
Meine Forschungsarbeit bei den Schamanen machte mir deutlich, dass es einen Unterschied zwischen »Behandeln« und »Heilen« gibt. Das Behandeln löst Probleme, die von außen kommen, zum Beispiel einen platten Reifen flicken, sich um einen Schlagenbiss kümmern oder Chemotherapie zur Kontrolle eines Tumors einsetzen. Eine solche Behandlung hilft nicht, den Nägeln auf der Straße oder den Schlangen im Wald auszuweichen oder die Krankheit, die den Tumor verursacht hat, zu vermeiden. Im Gegensatz dazu umfasst das Heilen wesentlich mehr. Es transformiert das eigene Leben und erzeugt – wenn auch nicht immer, so doch oft – eine körperliche Genesung. Ich habe viele medizinische Behandlungen miterlebt, in deren Verlauf keine Heilung eintrat. Ich kenne auch Beispiele, wo große Heilung stattgefunden hat, aber der Patient gestorben ist. Heilung ergibt sich aus der Erfahrung der Unendlichkeit. Beim Heilen messen wir den Erfolg an einem gesteigerten Wohlbefinden, einem neu gewonnenen inneren Frieden, einer Stärkung der persönlichen Kraft und einem Gefühl der Verbundenheit mit allem Leben.
Ein paar Wochen nach dem Erlebnis mit der Missionarin fing ich mir in den Bergen unweit von Machu Picchu eine Lungenentzündung ein. Eine ganze Packung Antibiotika reichte nicht aus, um die Infektion zu stoppen, und die Hustenanfälle hörten nicht mehr auf. Jedes Mal, wenn ich hustete, verkrampften sich meine Bauchmuskeln. Ich kam zu Don Antonio mit akuten Schmerzen. Der alte Indio sagte, ich solle mich auf die Felldecke legen, die am Fuße seines Bettes lag. Er selbst setzte sich an meinem Kopf auf ein Kissen und begann mit mir eine Heilungszeremonie. Zuerst rief er die vier Himmelsrichtungen an, danach Himmel und Erde. Als Nächstes streckte er seine Arme hoch, so als ob er die Luft über seinem Kopf teilen wollte, und nahm sie langsam wieder seitwärts herunter. Es schien, als dehnte er die Haut einer unsichtbaren Blase. Er wiederholte die Bewegung, aber dieses Mal dehnte er die Haut der unsichtbaren Blase nach vorn, damit sie mich umhüllte. Ich fühlte mich sofort sicher und behaglich. Meine Gedanken wurden ruhig, und ich fiel in einen Zustand der Bewegungslosigkeit und Stille, den ich bislang nur aus der Meditation kannte. Von weit weg konnte ich Antonios Stimme hören, die mich anwies, mit ihm im gleichen Rhythmus zu atmen. Ich fühlte, wie mein Atem sich beschleunigte, um mit seinem Schritt zu halten. Ich konnte spüren, wie seine Finger sich entgegen dem Uhrzeigersinn über der Mulde am unteren Ende meiner Kehle bewegten und dabei eine klebrige Substanz herauszogen, die sich wie Zuckerwatte anfühlte. Ich bemerkte all das eher beiläufig, so als ob es jemand anderem geschähe oder ich es in einem Traum sehen würde. Nichts von alledem störte meine innere Ruhe. Und dann begann mein Arm unkontrollierbar zu zucken. »Das ist die schädliche Energie, die aus deinem System entweicht«, sagte Don Antonio. »Hab keine Angst, lass einfach allem seinen natürlichen Lauf.« Das Zucken breitete sich schließlich auf meine linke Schulter aus und ging bis hinunter in mein rechtes Bein. All das geschah, ohne dass ich es hätte beeinflussen können, so wie Zuckungen, die man manchmal vor dem Einschlafen hat, nur mit dem Unterschied, dass dieses Zucken nicht nachließ, sondern an Intensität zunahm. Irgendwann hörte es dann jedoch genauso unvermittelt auf, wie es begonnen hatte, und ich schlief ein.
Als ich wieder aufwachte und auf meine Uhr schaute, war fast eine Stunde vergangen. Antonio saß immer noch neben mir, seine Hände hielten meinen Kopf. Er fragte mich, wie ich mich fühle. Ich spürte in meinen Körper hinein und bemerkte, dass ich ihn nicht bewegen konnte. Sonderbarerweise beunruhigte mich diese Beobachtung nicht im Geringsten. Ich fühlte mich, als ob ich in einem warmen, ruhigen See umhertrieb. Antonio begann meine Schädeldecke zu massieren, und nach wenigen Augenblicken schon konnte ich meine Hände und Füße ausstrecken und mich aufsetzen. Ich hatte ein Gefühl, als ob ich eine ganze Nacht lang geschlafen hatte, und die Schmerzen in meiner Brust waren verschwunden. Ich fragte Antonio, was er getan hatte. »Was ich gemacht habe, nennt sich hampe oder Energieheilung«, erklärte er. »Du hast fast die ganze letzte Stunde in der Unendlichkeit verbracht«, fügte er lächelnd hinzu, »aber das ist nur ein Versuch, es mit Worten zu beschreiben, denn niemand kann sich für einen festgelegten Zeitraum in der Zeitlosigkeit aufhalten.«
Er behandelte mich nur ein einziges Mal, aber dennoch hörte mein Husten fast schlagartig auf. Mein Immunsystem war wieder voll in Gang gesetzt worden, und ich fühlte mich auf dem Weg der Genesung. Viel wichtiger war jedoch die tiefere Heilung, die weit über die erfolgreiche Behandlung hinausging. Nach der Heilungszeremonie fühlte ich eine größere Gelassenheit und Klarheit, die ich nur beschreiben kann als einen Zustand von Gnade, Vergebung und Segen, der mich noch jahrelang begleitete. Ich hatte gefühlt, wie es ist, wenn ich frei bin von den Ketten, die mich an die Vergangenheit fesseln, an meine schmerzhafte Geschichte, meine Schuld und mein Bedauern, aber auch an die Zukunft mit all meinen Hoffnungen und Ängsten. Ich hatte das Gefühl des Friedens gekostet. Ich bin erzogen worden zu glauben, dass solche Gnade nur durch Gebet und Gottes großzügige Liebe empfangen werden kann.
»Ich schenke niemandem Gnade oder so etwas Ähnliches«, erklärte Don Antonio schnell. »Ich öffne nur einen heiligen Raum, in dem du Unendlichkeit erfahren kannst. Die eigentliche Arbeit hast du selbst getan.« Er verdeutlichte mir, dass er einen heiligen Raum geschaffen hatte, in dem Heilung geschieht. Die Energie in diesem Raum und die Hilfe leuchtender Wesen aus der Spirit-Welt hatten es mir ermöglicht, mich selbst zu heilen.
Ich begriff, dass der Weg des Schamanen ein Pfad der Kraft ist, auf dem man unmittelbar mit den Kräften des Spirits zu tun hat. Bis dahin hatte ich noch nie etwas vom Pfad der Kraft gehört. In meiner christlichen Erziehung hatte ich beten gelernt und konnte meine Abendgebete fehlerfrei aufsagen. Später befasste ich mich intensiv mit Meditation. Beten und Meditation sind auch heute noch wichtige Praktiken in meinem Leben. Aber der Pfad der Kraft ist anders. Er erfordert die direkte Erfahrung des Spirits in dessen eigenem Bereich, der Unendlichkeit. Außerordentliche Heilungen treten auf, wenn wir uns mit den kraftvollen Energien der leuchtenden Welt verbinden. In diesem Prozess streifst du die Identität mit dem getrennten Selbst ab und erfährst das grenzenlose Einssein mit dem Schöpfer und der Schöpfung.
Die Heilmethoden, die ich von meinen indianischen Mentoren erlernte und zusammen mit ihnen verfeinerte, sind uralte Techniken zur Erzeugung von heiligen Räumen, in denen Wunder geschehen können. Sie ermöglichen dir, den Bereich der Unendlichkeit zu betreten und die Illumination im zeitlosen Moment zu erfahren. Wenn wir in den Bereich der Unendlichkeit eintreten, sind Vergangenheit und Zukunft verschwunden, und nur das Hier und Jetzt existiert. Wir sind nicht mehr an die schmerzhaften Ereignisse der Vergangenheit gebunden, und die Zukunft wird nicht länger von unserem bisherigen Werdegang bestimmt. Dabei wird die Vergangenheit nicht einfach magisch ausgelöscht. Der Verlust, der Schmerz und die Trauer, die wir durchlebt haben, sind jedoch bloß noch Erinnerung; sie definieren nicht länger, wer wir sind. Wir erkennen, dass wir nicht unsere Geschichte sind. Darüber hinaus zerschmettert die Unendlichkeit die Illusion der Krankheit, des Alters und des Todes. Es handelt sich dabei nicht nur um einen psychologischen oder spirituellen Prozess; jede Zelle in unserem Körper ist daran beteiligt und verändert sich. Unserem Immunsystem wird freier Lauf gelassen, und körperliche und emotionale Heilungen geschehen auf einer beschleunigten Stufe. Wunder werden alltäglich, und spontane Genesungen, jene mysteriösen und irritierenden Ereignisse, die die Schulmedizin immer wieder verwirren, sind nichts Besonderes mehr. Eine spirituelle Befreiung oder Illumination findet statt. In der Gegenwart der Unendlichkeit können wir erleben, was wir vor unserer Geburt waren und nach unserem Tod sein werden.
Der Schamane, von dem ich lernte, war überzeugt davon, dass er seine leuchtende Natur – was wir die Seele nennen – genauso gut durch die Zeit hindurch verfolgen konnte wie einen Hirsch im Wald. Er behauptete, er hätte die leuchtenden Fäden seines Wesens bis zum Urknall, dem Beginn der Zeit, zurückverfolgt. Und ebenso in die Zukunft, wo er einen Eindruck von dem bekommt, was aus ihm wird, und darüber hinaus bis ans Ende der Zeit, wenn das Universum wieder zu der Singularität wird, aus der es entstanden ist.
Wir dürfen jedoch die Unendlichkeit nicht mit der Ewigkeit verwechseln. Ewigkeit bedeutet eine endlose Anzahl von Tagen. Sie ist an den Ablauf von Zeit gebunden, an das Altwerden und Sterben. Die Unendlichkeit geht der Zeit als solcher voran und existiert, bevor die Zeit überhaupt entsteht. Und da Unendlichkeit niemals geboren wird, kann sie auch nicht sterben. Unser unendliches Selbst ist jenseits von Leben und Tod und betritt nie den Zeitstrom selbst. Es wurde nicht mit unserem Körper geboren und stirbt auch nicht mit ihm. In der Unendlichkeit verlässt du die lineare Zeit und betrittst das Heilige. Weil du dich nicht länger nur mit der Zeit identifizierst, und dadurch mit einer physischen Form, die alt wird und stirbt, verliert der Tod am Ende unserer Tage seinen Schrecken. Dieser Zustand der Befreiung ist der Kern von vielen mystischen Traditionen der Welt. Die Schamanen haben praktische Methoden entdeckt, um dieses Ziel zu erreichen. Mein Mentor wusste, dass seine leuchtende Natur niemals aufhörte. Wir alle würden gern glauben, dass dies wahr ist, aber nur sehr wenige von uns wissen es mit solch einer unerschütterlichen Gewissheit. Es reicht nicht, in einem Buch darüber zu lesen. Antonio erklärte mir einmal, dass es für den Schamanen einen Unterschied gibt zwischen Information und wirklichem Wissen. Wer Information besitzt, weiß zum Beispiel, dass Wasser aus zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht. Wer aber wirkliches Wissen besitzt, kennt die Natur des Wassers so genau, dass er es regnen lassen kann.
Im Laufe der Jahre haben Don Antonio und ich den Illuminationsprozess entwickelt und immer mehr verfeinert, der auf einer Praxis des Heilens beruht, die von den Konquistadoren und der Kirche fast völlig zerstört worden war. Der Illuminationsprozess öffnet uns das Tor zur Unendlichkeit und erfrischt uns aus der Quelle, die alles Leben hervorbringt und aufrechterhält. Wenn du dir nur das Schienbein aufgeschlagen hast, brauchst du keine göttliche Offenbarung. Du säuberst einfach die Wunde und klebst ein Pflaster darüber. Aber wenn dein Immunsystem nicht mehr ausreichend funktioniert oder der Mensch, den du liebst, von einer tödlichen Krankheit bedroht ist oder du dieselben schmerzvollen Lebensmuster immer und immer wiederholtst, dann ist es vielleicht an der Zeit, über das Konkrete und Begrenzte hinauszublicken und sich auf eine Heilmethode einzulassen, die auf der direkten Erfahrung der Unendlichkeit beruht.