Es war ein unirdischer Laut, der ihn aufweckte – ein trauerschweres Klirren frosterstarrter Mitternacht, die zur Erde stürzte, um sein Herz zu durchbohren und für immer dort zu verweilen, ohne sich jemals zu rühren, ohne jemals zu schmelzen. Doch er, wie er nun einmal war, vermutete Druck auf der Blase.
Er zog die Bettdecke fester um sich und horchte in sich hinein, versuchte herauszufinden, wie dringend es war. Dringend genug. Er seufzte. Mit achtundvierzig war er eigentlich noch zu jung, um wie ein alter Mann so häufig nachts aufstehen zu müssen, aber er würde nicht weiterschlafen können, wenn er nicht den Gang zur Toilette antrat. Vielleicht würde er gar nicht richtig wach werden, wenn er sich jetzt beeilte. Ja. Gut. Also los. Aufrappeln, den Flur entlangtappen.
Er zog die Luft durch die Zähne, als seine nackten Füße den kalten Boden berührten. Im Badezimmer gab es keinen Heizkörper, nur eine undefinierbare Platte an der Wand – er konnte dieses Teil nie richtig beschreiben –, die glühend heiß wurde, die Luft im Raum aber kaum erwärmte. Seit er nach der Scheidung hierhergezogen war, hatte er das Problem beheben wollen, doch nun war das neunte Jahr gerade zu Ende gegangen, das zehnte hatte begonnen, und er fror noch immer an den Zehen und der erstaunlich zarten Haut seines Fußgewölbes, wenn er nackt vor der Toilette stand.
»Kalt«, murmelte er, ortete die Kloschüssel im fahlen Mondlicht, das durchs Fenster fiel, und erledigte den Rest nach Gehör, nachdem er den Harnstrahl in Gang gebracht hatte.
Der Winter war bislang so sonderbar und widersprüchlich gewesen, als läge er mit sich selbst im Dauerclinch. Milde Tage, manchmal strahlend sonnig, aber bitterkalte Nächte, in denen die feuchte Luft im Haus besonders klamm wurde. Wenige Meter von der Türschwelle entfernt stieß man auf eine pulsierende moderne Großstadt, doch im Haus selbst fühlte man sich umgeben vom feuchtkalten Nebel vergangener Jahrhunderte. Bei ihrem letzten Besuch hatte seine Tochter Amanda ihren Mantel nicht mal ausgezogen und sich erkundigt, wann der Pestkarren einträfe.
Der Mann schüttelte die letzten Tropfen ab und tupfte dann mit einem Stückchen Toilettenpapier die Harnreste von seiner Eichel – eine Gewohnheit, die seine Exfrau aus unerfindlichen Gründen mit großer Zärtlichkeit betrachtet hatte. »Wie hübsche Wimpern bei einem Bär«, hatte sie immer gesagt.
Was sie jedoch nicht daran gehindert hatte, sich von ihm scheiden zu lassen.
Er ließ das Stückchen Papier in die Schüssel fallen und beugte sich vor, um zu spülen. In diesem würdelosen Moment hörte er den Laut erneut und nahm ihn erst jetzt bewusst wahr.
Er erstarrte in der Bewegung, die Hand vor dem Spülhebel.
Das Badezimmer lag an der Rückfront des Hauses, an der sich ein schmaler Garten befand, exaktes Abbild der Gärten nebenan. Und von irgendwo dort draußen, hinter der Milchglasscheibe des Fensters, kam dieser Laut.
Was um alles in der Welt mochte das sein? Keine der naheliegenden Erklärungen, die er hastig im Geiste durchging, kam in Frage: weder das verstörende Schreien eines ranzigen Fuchses, noch die Katze des Nachbarn, die sich (mal wieder) in der Garage eingesperrt hatte, und auch keine Diebe, denn hörten Diebe sich so an?
Er zuckte zusammen, als der Laut erneut ertönte, die Nachtluft durchschnitt, so scharf, wie nur sehr kalte Dinge es vermögen.
In seinem zittrigen erschöpften Geist fand sich ein Wort ein. Wehklagen. Etwas wehklagte dort draußen, und ganz plötzlich und unerwartet und tatsächlich vollkommen überraschend kamen ihm die Tränen. Dieser Laut riss an seinem Herzen wie ein missglückter Traum, ein wortloser Hilfeschrei, bei dem sich sofort das ohnmächtige Gefühl einstellte, die Aufgabe nicht bewältigen, das Bedrohte nicht retten zu können, weil jeder Versuch unweigerlich scheitern musste.
Ein Laut, der sich im Rückblick auf jene Nacht, die der Mann niemals vergessen würde, als vollkommen unerklärlich erwies. Denn als er den Vogel fand, gab er nicht einen einzigen Ton von sich.
Der Mann eilte in sein Schlafzimmer und zog sich rasch an: Hose ohne Unterhose, Schuhe ohne Socken, Jacke ohne Hemd. Dabei schaute er nicht aus dem Fenster, ließ das Naheliegende – die Geräuschquelle zu suchen – gänzlich außer Acht. Sein Instinkt sagte ihm, dass dieses Etwas, was es auch immer sein mochte, gewiss so flüchtig war wie eine vergangene Liebe. Er lief einfach nur los, und das sehr schnell.
Während er die Treppe hinunterpolterte, fischte er seine Hausschlüssel aus der Hosentasche, dann eilte er durch das unordentliche Wohnzimmer und ärgerte sich an der Küchentür darüber, dass der Schlüssel im Schloss so viel Lärm machte. (Wer brauchte schon die Tür von innen zu verschließen? Wenn es brannte, war man – wusch – erledigt, weil man an eine Tür hämmerte, die niemals aufgehen würde. Das hatte er ebenfalls ändern wollen, aber zehn Jahre später …)
Er öffnete die Tür, trat hinaus in die eisige Nacht mit der Ahnung, dass jenes Etwas, das den Laut erzeugt hatte, durch das Herumlärmen an der Tür nun gewiss vertrieben worden war. Bestimmt war es geflüchtet, davongeflogen, weggerannt …
Doch da war es. Ganz alleine auf dem schlichten Rasenstück, aus dem der schlichte Garten seines schlichten Einfamilienhauses bestand.
Ein prachtvoller weißer Vogel, so groß wie er selbst, größer noch, und grazil wie ein Schilfhalm.
Ein Schilfhalm aus Sternen, dachte er.
Dann: »Ein Schilfhalm aus Sternen?« Wo zum Teufel kam das denn her?
Beleuchtet nur vom Licht des Mondes am kalten klaren Winterhimmel, blickte der Vogel herüber, eine Gestalt aus Weiß und Grau und dunklen Tönen über den Schatten auf dem Gras, das Auge ein schmales goldenes Funkeln, ein nasses Glitzern. Das Tier war so hoch aufgeschossen, wie der Mann selbst einst als schlaksiger Teenager gewesen war. Benommen dachte er, dass der Vogel aussah, als wolle er gleich sprechen, als wolle er den spitzen Schnabel aufklappen und ihm etwas Lebenswichtiges mitteilen, das man sonst nur im Traum erfuhr und beim Erwachen wieder vergessen hatte.
Doch der Mann fror zu sehr, um an einen Traum zu glauben, und der Vogel gab keinen einzigen Ton von sich, auch nicht den Klagelaut, den doch nur er ausgestoßen haben konnte.
Er war wunderschön, dieser Vogel. Nicht nur, weil niemand ein solch außergewöhnliches Tier im Garten eines Londoner Vorstadtviertels vermuten würde, das als derartig öde galt, dass Künstlernaturen unweigerlich das Weite suchten. Sogar in einem Zoo und sogar für Menschen, die kein Herz für Vögel hatten, wäre er etwas ganz Besonderes gewesen. Das leuchtende Weiß von Brust und Hals, ein Weiß, das mit der kalten Luft und dem Raureif auf dem Gras zu verschmelzen schien und auf die Schwingen des Vogels floss, von denen eine so tief herabhing, dass sie beinahe das Gras streifte.
Unter seinem Schnabel hatte er eine dreieckige schwarze Zeichnung, und auf seinem Kopf thronte eine unglaubliche rötliche Federkrone wie das Barett einer fremdartigen Armee. Der Blick war starr und gebieterisch und so unnachgiebig, wie es Vögeln eigen ist. Das Tier blickte ihm ins Auge, doch es erschrak nicht, flog nicht davon, zeigte keinerlei Angst.
Zumindest, dachte der Mann, hatte es keine Angst vor ihm.
Er schüttelte den Kopf. Derlei Gedanken waren nicht hilfreich. Die Kälte war so schneidend, dass sie ihn nicht wacher machte, sondern erschöpfte, und er dachte einen Moment lang, dass es sich wohl so anfühlte, wenn man in einem Schneesturm ums Leben kam – diese Lethargie, diese Wärme, die gar nicht echt sein konnte. Er rieb sich die Arme, hielt aber dann inne, um den Vogel nicht zu verscheuchen.
Doch der blieb ungerührt stehen.
Ein Storch?, dachte der Mann. Ein Reiher? Doch das Tier ähnelte so gar nicht diesen gebeugten grauvioletten Vögeln, die er manchmal in den Parks umherstaksen sah wie schmuddlige alte Männer.
Dann, zum zweiten Mal in dieser Nacht, kam ihm das Wort in den Sinn. Wer konnte schon wissen, ob er recht hatte, wer wusste dergleichen überhaupt noch, die richtigen Worte für Vögel, die richtigen Worte für alles. Wer scherte sich um solche Dinge in einer Zeit, in der Wissen irgendwo abgespeichert wurde und anschließend in Vergessenheit geriet – und in der man wiederum vergaß, sich daran zu erinnern? Doch der Name fiel ihm ein, und woher er sich nun auch eingefunden hatte – er war der richtige. Als der Mann ihn aussprach, hatte er keinerlei Zweifel mehr.
»Ein Kranich«, sagte er leise. »Du bist ein Kranich.«
Der Kranich, der ihn noch immer anblickte, wandte sich nun auf die Seite, als reagiere er auf seinen Namen. Und der Mann sah, dass der andere Flügel nicht herabhing, sondern seltsam schief zur Seite ausgestreckt war.
Denn er war von einem Pfeil durchbohrt.
»Oh Scheiße«, flüsterte der Mann, und die Worte bildeten eine sinnlose Atemwolke vor seinem Mund. »Oh nein.«
Der Pfeil war außergewöhnlich lang, mindestens einen Meter zwanzig, und als der Mann ihn genau zu erkennen versuchte, stellte er fest, dass es sich um einen beängstigend echten Pfeil mit einer zwei Finger breiten glänzenden Spitze und drei Reihen akkurat geschnittener Federn am Ende handelte. Er wirkte sonderbar altertümlich, als sei er aus edlem Holz gefertigt und nicht aus Balsa oder Bambus oder irgendeinem Material, aus dem man auch Essstäbchen herstellte. Und er sah bedrohlicher aus als die Profigeschosse, mit denen kleine Nationen bei den Olympischen Spielen antraten.
Dieser Pfeil war zum Töten bestimmt. Zum Töten von Menschen sogar. Ein Bogenschütze im Mittelalter hätte für diesen Pfeil den Segen Gottes erbeten, um das nichtsnutzige Herz des Ungetreuen zu treffen. Und nun, als der Mann danach Ausschau hielt, bemerkte er auch den dunklen Fleck zu Füßen des Kranichs, wo Blut auf das gefrorene Gras getropft war.
Wer um alles in der Welt schoss heutzutage so ein Ding ab? Und wo? Und, um Himmels willen, weshalb?
Der Mann trat vor, um zu helfen, obwohl er nicht wusste, was er tun konnte, und bereits jetzt sicher war, dass er scheitern würde. Doch als das Tier sich nicht rührte, war er so erstaunt darüber, dass er stehen blieb, einen Augenblick abwartete und es dann ansprach.
»Woher kommst du?«, fragte er. »Du verirrtes Wesen.«
Der Kranich blieb stumm. Der Mann entsann sich wieder des Wehklagens, das er gehört hatte, spürte das Echo des traurigen Lauts in seiner Brust, doch der Vogel gab keinen einzigen Ton von sich. Es war überhaupt nirgendwo etwas zu hören. Die beiden hätten sich in einem Traum befinden können, wiewohl die Kälte, die durch die Schuhsohlen drang und in die Fingerspitzen biss, etwas anderes besagte, und außerdem ließ der eine oder andere Tropfen in die unterwäschelose Hose keinen Zweifel daran, dass der Mann sich in der Realität mit all ihren Schnödigkeiten befand.
Doch wenn es kein Traum war, dann war es einer jener ganz besonderen Augenblicke, von denen es nur eine Handvoll gegeben hatte im Leben des Mannes – jene Momente, in denen die Welt sich fast nur auf ihn zu konzentrieren schien, indem sie eigens für ihn innehielt, so dass er sich für kurze Zeit ins Leben gesogen fühlte. Wie damals, als er seine Jungfräulichkeit an das Mädchen mit dem Ekzem verloren hatte; ein Erlebnis, das so kurz und intensiv gewesen war, dass es ihm damals erschien, als seien sie beide für einen entfesselten Moment aus dem normalen Dasein herausgefallen. Oder als er im Urlaub auf Neukaledonien vom Schnorcheln aufgetaucht war, nichts außer Wellen gesehen und ein oder zwei Momente lang einen eigenartigen Frieden verspürt hatte, bis das Boot wieder im Blickfeld erschien und der aufgebrachte Ausruf seiner Frau – »Da ist er!« – ihn zurückgezerrt hatte in die Realität. Nicht die Geburt seiner Tochter, die ein blutroter keuchender Aufruhr gewesen war, war solch ein besonderer Moment gewesen, sondern erst der Abend danach, als seine Frau erschöpft einschlief und er mit dem winzig kleinen Menschenkind alleine war, und seine Tochter die Augen aufschlug, ebenso erstaunt über sein Dasein wie über ihr eigenes und auch ein wenig erzürnt – ein Geisteszustand, in dem sich Amanda, wie der Mann zugeben musste, noch immer mehr oder minder dauernd befand.
Das hier nun war wieder so eine Erfahrung, ja, vielleicht war sie sogar noch intensiver als alles, was ihm in der Vergangenheit passiert war. Der schwer verletzte Vogel und er in einem mit Reif bedeckten Garten, der auch die Grenze des bekannten Universums hätte sein können. An Orten wie diesen wurde man der Ewigkeit gewahr.
Und während der Mann den Kranich weiter betrachtete, tat dieser einen Schritt zur Seite und stolperte.
Der Mann stürzte vor, um ihn aufzufangen, und hielt ihn unversehens in den Armen. Der Oberkörper und der lang gestreckte Hals (einem Schwanenhals ähnlich, aber doch ganz anders) waren erstaunlich schwer. Der unversehrte Flügel flatterte aufgeregt.
Und der Geruch erst! Nach Panik und Scheiße. Blut und Angst. Der unfassbaren Mühe des Fliegens, die in jeder Zelle eines Vogels steckt. Mehr als alles andere überzeugte der Geruch den Mann davon, dass er sich nicht in einem Traum befand. Sogar in seiner Sorge, dass er das Tier verletzen könne, sogar im abrupten furchtbaren Geflatter von Flügeln und Federn und den Hieben eines Schnabels, der aussah, als könne er sich durch die Brust ins Herz bohren, wusste der Mann, dass sein Gehirn – so viel er ihm auch zutraute – außerstande war, einen so intensiven Geruch zu ersinnen.
»Nur die Ruhe«, sagte er zu dem Vogel, der sich drehte und wand, weil er vielleicht zu spät begriffen hatte, dass er sich im Griff eines anderen möglicherweise räuberischen Wesens befand. Der Schnabel holte erneut aus, ritzte die Wange des Mannes auf, so dass Blut floss. »Verflucht!«, sagte der Mann. »Ich will dir doch helfen!«
Darauf legte der Kranich den Kopf zurück, blickte zum Himmel auf und öffnete den Schnabel, um einen Ruf auszustoßen.
Doch kein Laut war zu vernehmen. Der Kranich schaute nur zum Mond hinauf, als atme er aus, was er hatte rufen wollen.
Plötzlich spürte der Mann das gesamte Gewicht des Vogels auf seiner Brust. Der lange Hals fiel nach vorne wie der Arm einer Ballerina, die den Applaus empfängt, umschlang den Hals des Mannes wie bei einer Umarmung, der Kopf kam auf dem Rücken des Mannes zu liegen. Nur am Heben und Senken der Brust erkannte er, dass der Kranich noch lebte, dass er sich in seiner Erschöpfung ihm anheimgab, dass er bereit war, ihm sein Leben zu überlassen, wenn es denn nicht zu ändern war.
»Nicht sterben«, flüsterte der Mann drängend. »Bitte stirb nicht.«
Er sank auf die Knie, worauf die nasse Kälte des Raureifs sofort durch seine Hose drang, und während er mit einem Arm den Kranich festhielt, ertastete er behutsam mit der freien Hand den verletzten Flügel und entfaltete ihn.
Die Spannweite einer Schwinge besteht hauptsächlich aus Federn; der Brustmuskel, der jenes vertraute Wunder des Flugs ermöglicht, verläuft in einem langen schmalen Band unter dem Gefieder. Der Pfeil hatte auch einige Federn durchbohrt, vor allem aber diesen Muskel, und steckte scheinbar unabänderlich fest.
Der Mann überlegte, ob er jemanden anrufen sollte, der weitaus qualifizierter war als er. Aber wen? Den Tierschutzverein? Einen Tierarzt? Um diese Uhrzeit? Und was würden die dann tun? Den schwer verletzten Vogel »einschläfern«?
»Nein«, flüsterte der Mann, ohne es zu merken. »Nein.«
»Ich werde dir helfen«, sagte er jetzt laut. »Ich will es versuchen. Aber du musst stillhalten, ja?«
Albernerweise wartete er auf eine Antwort des Kranichs. Doch von dem war nichts zu vernehmen außer seinen mühsamen Atemzügen. Der Pfeil musste entfernt werden, auch wenn der Mann keine Ahnung hatte, wie er das bewerkstelligen sollte. Doch es war die einzige Möglichkeit. Also brachte er den Vogel behutsam in die richtige Stellung.
»Geht los«, sagte der Mann. »Jetzt geht’s los.«
Er hielt den Kranich von sich weg und manövrierte sich unbeholfen aus der Jacke. Dann ließ er sie auf den Boden sinken und bettete den Vogel seitlich darauf. Der Kranich ließ sich mit beängstigender Willenlosigkeit bewegen, doch er atmete noch. Ungewöhnlich hastig jetzt, aber er war jedenfalls am Leben.
Halb nackt in einer eisigen Winternacht, in der er selbst sich leicht den Tod holen konnte, kniete der Mann nun im glitzernden Gras. Er ging so rasch wie möglich zu Werke und hielt den verletzten Flügel hoch. Bislang hatte er – wie vermutlich die meisten Menschen – Pfeilverletzungen nur im Film gesehen. Dort brachen die Retter den Pfeil immer entzwei und zogen ihn dann heraus. Aber ob das überhaupt richtig war?
»Okay«, flüsterte der Mann, nahm das hintere Ende des Pfeils in eine Hand und griff mit der anderen nach der Pfeilspitze.
Es war ein Schock, dieses Geschoss an den Fingerspitzen zu spüren, auch wenn sie von der Kälte schon halb betäubt waren. Das Holz fühlte sich erstaunlich leicht an – unabdingbar für einen Pfeil –, schien jedoch trotzdem äußerst stabil zu sein. Der Mann suchte nach einer Schwachstelle, konnte keine entdecken und wurde nun zusehends von dem Gefühl gequält, dass es ihm nicht gelingen würde, diesen Pfeil zu zerbrechen – zumindest nicht ohne mehrfache Versuche, die dem Tier grauenhafte Schmerzen bereiten würden.
»Oh nein«, murmelte er vor sich hin, jetzt am ganzen Körper zitternd. »So eine Scheiße.«
Er schaute hinunter auf den Kranich, der mit seinem goldenen Auge zu ihm aufblickte. Der lange Hals auf der Jacke war gebogen wie ein Fragezeichen.
Es gab also keine Lösung. Die Kälte war zu schlimm. Der Mann selbst war schon halb erfroren, der Pfeil zu dick und stark, beinahe als bestünde er aus Eisen. Der Kranich würde sterben. Dieser Schilfhalm aus Sternen würde hier an Ort und Stelle sterben, in diesem kläglichen kleinen Gartenstück.
Eine Welle verzweifelter Hilflosigkeit erfasste den Mann. Gab es eine andere Möglichkeit? Irgendeinen Ausweg? Der Mann blickte zur Küchentür, die noch offen stand, so dass das ohnehin spärlich beheizte Haus nun restlos auskühlte. Ob er den Vogel hineintragen konnte, ohne ihm weitere Verletzungen zuzufügen?
Der Kranich hatte den Glauben an ihn wohl ohnehin aufgegeben; hatte sich gewiss ein Urteil gebildet und sah den Mann nun, wie so viele andere auch, als sympathischen Menschen, dem aber das gewisse Etwas fehlte, jene ganz besondere Eigenschaft, für die es sich lohnte, Vertrauen einzubringen. Frauen schien es schon des Öfteren so ergangen zu sein. Der Mann hatte mehr Freunde weiblichen Geschlechts – seine Exfrau eingeschlossen – als jeder andere Heteromann, den er kannte. All diese Beziehungen hatten als Liebesbeziehungen begonnen, bis die Frauen merkten, dass er einfach zu nett war, um ernst genommen zu werden. »Du kommst auf fünfundsechzig Prozent«, hatte seine Exfrau zu ihm gesagt, als sie ihn verließ. »Und siebzig ist so in etwa das Minimum, was ich brauche.« Leider waren siebzig Prozent offenbar das Minimum, das jede Frau brauchte.
Und der Kranich sah das wohl ebenso. Dieser Vogel hatte denselben Fehler gemacht wie die Menschen: einen Mann gesehen, der in Wahrheit einfach nur ein Kerlchen war.
»Es tut mir leid«, sagte der Mann, und die Tränen begannen aufs Neue zu fließen. »Es tut mir so leid.«
Plötzlich ruckte der Pfeil in seinen Händen. Der Kranich bewegte den Flügel ein wenig nach vorne, der Pfeil glitt durch die Finger des Mannes. Und blieb stecken.
Der Mann spürte etwas. Eine kleine Unebenheit im Holz. Er betrachtete es eingehend. In dem schwachen Licht war der Riss schwer zu erkennen, aber er war immerhin so groß, dass man ihn mit halb tauben Fingerspitzen fühlen konnte – gewiss entstanden durch die heftigen Bewegungen der großen Schwingen. Der Mann spürte jetzt sogar, dass der Pfeil durch den Riss leicht krumm geworden war.
Er sah den Kranich wieder an, und der erwiderte den Blick, was immer nun auch in seinem Kopf vorgehen mochte.
Zufall, ganz bestimmt. Eine absurde Idee, dass der Vogel seine Finger zu dem Riss im Pfeilschaft gelenkt hatte.
Aber es war schließlich nicht minder absurd, dass ein Kranich mit einem Pfeil im Flügel in seinem Garten gelandet war.
Der Mann sagte: »Ich werde es versuchen.«
Er umklammerte den Pfeil nahe am Flügel und packte die andere Seite an der beschädigten Stelle mit der Faust. Die Kälte war so gnadenlos, dass seine Hände nun regelrecht schmerzten. Es musste jetzt passieren. Jetzt sofort.
»Bitte«, flüsterte der Mann. »Bitte.«
Er zerbrach den Pfeil.
Ein gewaltiges Geräusch zerfetzte die Luft. Es rührte nicht von dem Pfeil her, sondern klang, als werde eine riesige Fahne vom Wind gepeitscht. Der Kranich sprang auf und schlug mit beiden Schwingen, und der Mann fiel überrascht nach hinten auf die Betonplatten an der Raseneinfassung. Er riss den Arm hoch, um sich vor dem Pfeil zu schützen, der aber von seiner Haut abprallte und nur eine Spur Vogelblut hinterließ. Die andere Hälfte des Pfeils verschwand irgendwo im Dunkeln. Der Mann fand später keinen der beiden Teile und glaubte immer fest daran, dass die Blutspuren für einen ausgehungerten Winterfuchs zu verlockend gewesen waren, um eine solche Beute nicht davonzuschleppen.
Der Kranich reckte den Hals, blickte gen Himmel und gab wieder seinen lautlosen Ruf von sich. Die Spannweite der ausgestreckten Schwingen übertraf die Körpergröße des Mannes. In gedehnten kraftvollen Bewegungen schlug der Vogel mit den Flügeln. Der Mann sah noch die Blutflecke auf den Federn, doch der Vogel schien zufrieden mit seiner wiedergewonnenen Beweglichkeit.
Er blieb reglos stehen, die Schwingen weit ausgebreitet.
Dann drehte er den Kopf und sah den Mann an, mit seinen erschütternd goldenen starren Augen unter der rötlichen Federkrone. Einen verrückten Moment lang fragte sich der Mann, ob der Kranich ihn gleich mit den Flügeln umfassen und hochheben würde, als hätte er eine bestimmte Prüfung bestanden.
Und dann hörte er sich etwas absolut Albernes und Sinnloses sagen.
»Ich heiße George«, sagte er.
Zum Kranich.
Wie zur Antwort senkte der Vogel seinen langen Hals zur Erde und begann in anderer Weise mit den Flügeln zu schlagen. Es sah beinahe aus, als würde er dabei auf den Mann stürzen, der rasch weiter nach hinten glitt. Als der Kranich vom Boden abhob, streifte seine leuchtend weiße Brust beinahe die Nase des Mannes, der den Kopf zurücklegte, um den Flug des Vogels zu verfolgen. Der Kranich stieg rasch nach oben, weil er dem Haus ausweichen musste, und landete auf dem Dach. Dort verharrte er einen Moment, eine scharf umrissene Silhouette im kalten Mondlicht.
Dann senkte er wieder den Kopf, entfaltete die Schwingen und segelte über den Garten, die dünnen schwarzen Beine hinter sich ausgestreckt, und er stieg höher und höher und höher und höher, bis er nur noch ein Stern unter vielen am Nachthimmel war und bald nicht einmal mehr das.
Der Mann, George, erhob sich langsam vom gefrorenen Boden und spürte einen beunruhigenden Schmerz im Oberkörper. Er zitterte jetzt so heftig, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, und fragte sich, ob er unter Schock stand. Ein heißes Bad tat not, und zwar schnell, obwohl er sich schon fragte, ob er es überhaupt noch ins Haus schaffen würde …
Ein Schauer überlief ihn, als er es erneut hörte. Das Wehklagen, dieser traurige Ruf, der ihn überhaupt in den Garten getrieben hatte. Er tönte durch die kalte klare Luft, als hätte ihn die Nacht selbst hervorgebracht. Der Kranich sagte Lebewohl, bedankte sich …
Und dann wurde dem Mann bewusst, dass der Ruf nicht von einem Vogel stammte, der aus seinem Garten und seinem Leben und womöglich aus der gesamten Welt verschwand. Sein eigener Körper hatte dieses Wehklagen hervorgebracht. Wie es schien, hatte der Mann es mit eisblauen Lippen aus einer Brust gerissen, die sein unheilbar gebrochenes, aber noch immer pochendes Herz barg.