Garten I 1965 - 1971
Garten II 1965 - 1971
Zwischenspiel / Wandertage I
Fortsetzung Garten II
Garten III seit ich denken kann
Garten IV seit Oktober 1971
Zwischenspiel Wandertage II
Garten V 1971 - 1972
Garten VI ab 1972
Garten VII (1971)
Fortsetzung Garten IV
Garten VIII (1981 - 1984)
Garten IX (Sept. 1984 - April 1985)
Garten X April 1985 - März 1986
Garten XI (Sommersaison 1986)
Garten XII (März 1990 - Oktober 1994)
Garten XIII Dezember 1989 - August 1997
Garten XIV August 1997 - Oktober 2003
Wandertage III
Fortsetzung Garten XIV
Garten XV 2003
Wandertage IV (seit 2003)
Garten XV
Wandertage V (bis heute)
Garten XVI (bis heute)
Zweite Auflage
© 2011 Anna Dorb, 83435 Bad Reichenhall
Titelbild von Vreni Kauth, Frauenfeld/Schweiz Gemälde Blumentür S. 59 von Cony Kaspar aus Steckborn/Schweiz Gedicht: Es Spiegelbild und das Rezept für Bohnakern mit Klöß S. 180/ 181 von Klaus Welker aus 91353 Hausen, Gedicht: ROMANTIK S. 203 von Katharina Killait Gedichte: Der Stall, Die Hirten S. 75 u. 76 und einem weiteren Hädefelder Mundartgedicht S. 36 von Edwin Brod aus Marktheidenfeld Gedicht: VAGABUND S. 136 von Cind aus Bad Reichenhall, Der Beitrag: “Kennen Sie das…?“ und das Rezept für gegrillte Forellen S. 113- 115 von Gaby Petersen-Brinkmann aus Quickborn 3 ihrer original Radierungen von Inge Schick aus Marktheidenfeld Installation “HABEN” S. 211 von Bildhauer Andreas Kuhnlein aus Unterwössen
Herstellung und Verlag:
Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN: 9783844825145
Hier fließt kein Blut und zum Ärger vieler, kommt auch zu kurz die Sensationsgier.
Man kann es drehen wie man will, bleibt wenig Spannung und kaum Thrill.
Auch möchte ich den Mensch bewahren, vor skandalösen Memoiren, die meist von Sünd´ und Laster handeln und damit die Moral verschandeln.
Dagegen gibt’s hier viel zum Schmunzeln und manches mal ein Stirnenrunzeln, bei diesen leichten Gartengeschichten, die gut gespickt mit vielen Gedichten.
Für Entspannung sie am Abend sorgen und Freude bringen auch am Morgen. Sie machen Lust auf gutes Essen - doch wird die Fitness nicht vergessen.
So rate ich zur Naturerkundung, trägt sie doch bei zu der Gesundung von Körper, Geist und Seele pur und kommt zu Gute der Figur.
Es sind eigentlich nur ganz kleine Dinge des Lebens, die mir hier und da in Erinnerung kommen. Und obgleich sie kein Geld oder dergleichen kosten, vermögen sie es mir große Freude zu bereiten. Kurze Augenblicke nur, die oft die Dauer eines Sekundenbruchteils kaum überschreiten und dennoch so intensiv sind, als wären sie gegenwärtig.
Manches Mal auch einhergehend mit der Einbildung Gerüche von frischen Kräutern, reifen Früchten, blühenden Bäumen und Sträuchern wahrzunehmen.
Von den vielen Düften diverser Blumensorten wie Wild- und Duftrosen, Maiglöckchen, Veilchen, Schlüsselblumen, Nelken, Gladiolen und vielen anderen, ganz zu schweigen.
Zwar seltener, doch kommt es durchaus vor, zieht mich auch das vermeintliche Schmecken von leckeren Walderdbeeren oder der damals schon sehr seltenen Maulbeere mit ihrem ganz eigenen, doch sehr köstlichen Aroma in den Bann.
Und ich denke mir dann, wie kann es so etwas geben?
Keine dieser Früchtchen weit und breit und doch ist mir, als würde ich diese herrlichen Gaumenfreuden gerade genießen können.
Dass einem die Psyche so manchen Streich spielen kann, weiß ich sehr wohl, doch wenn es sich wie hierbei, um etwas derart angenehmes handelt, so lasse ich mir diese Sinnestäuschungen sehr gerne gefallen.
Freilich ist es nicht so, dass ich immer schon ein fanatischer Naturliebhaber gewesen wäre. Zumindest nicht bewusst, denn eine schöne Umgebung mit viel Grün, entsprechend wenig Beton und noch weniger hässlichen Fabrikschlöten, durfte ich stets als gegeben und somit als selbstverständlich betrachten. Inzwischen ist mir natürlich klar, dass es ein großes Geschenk bedeutet, ja sogar ein Privileg ist, immer da wohnen zu dürfen, wo die Natur schon vor der Haustür beginnt.
Mit offenen Augen und Ohren durch diese zu ziehen, ist für mich die schönste und erholsamste Freizeitbeschäftigung überhaupt.
Genervt und angewidert von der heutigen, eiligst davon schreitenden und mit technischem Schnickschnack völlig überfrachteten Zeit, ertappe ich mich neuerdings und mit zunehmendem Alter immer häufiger dabei, wenn ich mich bereitwillig meinen Tagträumen, deren Handlung aus folgenden Erinnerungen resultieren, hingebe, und mich für eine kurze Dauer vom hektischen Alltag entführen lasse.
Und gerade weil ich für einen solchen “Urlaub” keinerlei Anfahrtsweg habe, der mich auf die permanent überfüllten Autobahnen zwingt oder gar einen Flug voraussetzen würde, steigt der Erholungswert dieser Kurztrips für mich ins Unermessliche.
Mag sein, dass das (noch) nicht viele verstehen können, doch es ist einfach so!
In diesem Buch gibt es jedoch nicht nur einen Rundgang durch Gärten und Natur, sondern auch viele Erzählungen über die meist lustigen Randerlebnisse, die mir im Laufe der Jahre als angehende und praktizierende Hotelfachfrau in Bier-, Gast- und sonstigen Gärten widerfahren sind.
Ganz nach dem Motto von Komponist August Mühling (*1786 - 1847):
“Froh zu sein bedarf es wenig - und wer froh ist, ist ein König!”
wünsche ich allen Lesern eine erholsame und angenehme (Zeit)reise
Anna Dorb
Es war Frühling und wieder einmal stand uns ein schöner, sonniger Tag bevor. Die Sonne strahlte vom azurblauen Himmel, die Vögel hatten gerade ihre Matinee beendet und die Temperaturen kletterten unermüdlich in die Höhe. Das hieß nichts anderes als dass ein kleiner Trupp, bestehend aus Oma Anna, Opa Andres und meiner Wenigkeit, in den einige hundert Meter vom Haus entfernten Garten vordringen musste, um die durstigen Blumen, das noch kleinwüchsige Gemüse und die frisch gesetzten, zarten Salatpflänzchen zu gießen. Auch die erst einige Tage zuvor gesäten Radieschen und gelben Rüben, deren nun sichtbares Grün bereits verriet, was eines Tages aus ihnen werden sollte, brauchten ihre tägliche Ration Wasser, um weiter wachsen zu können. Sie durften keinesfalls vernachlässigt werden. Bewaffnet mit Gartenhacke, Gießkanne und etlichen anderen Gerätschaften, zogen wir los und trotteten auf staubigen, unbefestigten Wegen, die mit großen Schlaglöchern in der Mitte versehen waren, Omas Nutzgarten entgegen.
Dieser lag in einem Gebiet hinter der Ziegelei, in welcher der Opa damals arbeitete. Die Inhaber der Ziegelei waren auch gleichzeitig die Besitzer dieses Grundstücks und großzügigerweise überließen sie diesen Teil ihren Bediensteten, die in der Nähe wohnten. Keiner aus der Familie war darauf erpicht, am Abend noch einmal freiwillig dorthin zu gehen und womöglich erst bei einsetzender Dunkelheit, den dann unheimlich wirkenden Weg nach Hause anzutreten. Das dabei aufkommende, mulmige Gefühl ließ sich durch das Rascheln im Gebüsch, tief fliegende Fledermäuse und die lauten Rufe der Käuzchen noch beliebig verstärken. Und die Fantasie brachte es zustande, auch noch so krummen oder kurzen Beinen, zu ungeahnter Schnelligkeit zu verhelfen.
Der Garten, der aus einem waldnahen Wiesengelände mühevoll bestellt werden musste, verlangte seinem Besitzer viel Kraft, positive Einstellung und Enthusiasmus ab. Doch bei Tageslicht, respektive Sonnenschein und erkennbar guter Pflege, konnte man ihn leicht als kleines Paradies ansehen.
Die umliegenden Wiesen, die auch gerne von einer uns bekannten Schafherde genutzt wurden, waren bewachsen von durchaus ebenfalls brauchbaren Pflänzchen wie Sauerampfer und Löwenzahn, aus denen ein schmackhafter Salat gemacht werden konnte.
Genau wie die Bibernelle, die gemeinsam mit frischem Dill, ganz offensichtlich wichtige Bestandteile von Omas Geheimrezept für Salatsoße sind. Wobei - ein Geheimnis hatte sie daraus eigentlich nie gemacht.
Es war schon eher so, dass sie durchaus all ihr Wissen gerne verriet, nur hörten halt nicht alle so genau hin oder sie waren daran nicht sonderlich interessiert.
Hier also: Oma Annas Rezept für Salatsoße.
1 EL, Zucker, 1 TL Salz, ½ TL Pfeffer, 1 EL Essig, etwas Wasser und Salatöl.
Dazu kamen: Fein gehackte Zwiebeln, Schnittlauch, Petersilie, frische Dillspitzen und eben, fein geschnittene Bibernelle.
Ein Kopfsalat aus eigenem Anbau, mit dünnen Radieschenscheiben und mariniert mit dieser Vinaigrette, ist für mich ein Traum und der absolute Inbegriff von Frühling. Zumindest was die Geschmacksnerven auf der säuerlichen Seite betrifft. Huflattich war in der Nähe genauso zu finden wie Ringelblumen, Schlüsselblumen und natürlich die mit Vitamin C bestens ausgestatteten Gänseblümchen, die sich zu Kränzchen geflochten und als Kopfschmuck getragen, ganz besonders bei uns Kindern größter Beliebtheit erfreuten.
Mit den Blütenstängeln des Spitzwegerichs bastelten wir uns Jägersitze in Miniaturformat. (Inzwischen weiß ich sogar wieder wie das man das macht) Wohingegen die Oma aus deren Blätter einen Tee gegen Husten und Heiserkeit zubereitete, sofern hierfür gerade Nachfrage bestand.
Auf den Blättern des Frauenmantels konnte man oft noch bis in den späten Tag hinein, den Frühtau erkennen. Die einzelnen Tropfen funkelten in der Sonne wie Diamanten und man hatte den Eindruck, dass hier allmorgendlich die Glitzerfee am Werke war.
Sicherlich hinterließ sie ihre Spuren, die sie mit Hilfe ihres Zauberstabes auf diesen unscheinbaren Pflanzen verteilte deshalb, damit sie besser zur Geltung kamen.
Der Storchenschnabel mit seinen herrlich blauen Blüten, stand in vollster Pracht und obwohl dieser heutzutage in der Werbung als “Schneckenschreck” angepriesen wird, kann ich mich noch sehr genau daran erinnern, dass unter seinem üppigen Laub sogar besonders viele Schneckchen zu finden waren. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben, handelte es sich hierbei dann doch um die hübschen, kleinen, die ihr braun/weiß - geringeltes Häuschen mit sich herum schleppen und nicht um die grausligen, schleimigen Nacktschnecken, die jedem Gartenbesitzer sozusagen ein glitschiger Dorn im Auge sind.
Ich habe mal gelesen, dass Storchenschnabel ein gutes Kraut gegen Kinderlosigkeit sein soll. Jedoch angesichts der Tatsache, dass wir bis zum Jahr 1968 fünf Geschwister zählen sollten, könnte ich mich nicht entsinnen, dass dieses Hausmittel jemals zum Einsatz kam.
Oder ist es gerade deswegen so? Wer weiß?
Andere blau blühende Pflanzen, wie die Wegwarte, blieben durch die Unpflückbarkeit mit bloßen Kinderhändchen vom Abrupfen verschont. Die zähen Stängel ließen es einfach nicht zu, dass ich diese hübschen Wildblumen ohne Schere oder Messer in meinen bunten Wiesenblumenstrauß hätte integrieren können. Nur weil diese Blumenart so robust erschien und als Stütze der anderen, meist doch schnell, schlaff werdenden Blumen dienlich sein sollte, kam ich immer wieder in Versuchung zu testen, ob sie nun nicht doch bereit waren, mit mir zu kommen. Was zur Folge hatte, dass ich mir hierbei öfters die Händchen verbrannte. Schnell gab ich es dann wieder auf und ließ die Wegwarte am Weg warten, bis sie von mir aus schwarz wurde oder bis jemand mit geeignetem Werkzeug kommen sollte.
Ich für meinen Teil nahm stattdessen eben Storchenschnabel, Ehrenpreis oder die Witwenblume mit, die jedoch im direkten Vergleich zu dem stechenden Blau der Wegwarte, ziemlich blass wirkte. Womöglich ist diese Blässe der Grund für die Namensgebung der Witwenblume?
Ähnliche Probleme hatte ich auch mit der Kornblume, die mich eben nicht nur ihrer Farbe wegen an die schmerzlichen Erfahrungen mit der Wegwarte erinnerte. Auch diese sträubte sich geradezu, von mir gepflückt zu werden und so ließ ich sie zumeist stehen. Nichtsdestotrotz gab es stets ein reichhaltiges Angebot an Wiesenblumen und mit Margeriten, Klatschmohn, Butterblumen, Zittergras, Akelei, Schafgarbe, wilder Möhre, Glockenblumen, Wiesenkerbel, Storchenschnabel, Lichtnelken, Ehrenpreis und vielem mehr, war das Fassungsvermögen meiner kleinen Faust, die den Strauß umfassen sollte, schnell erschöpft.
Übrigens wurde mir damals weiß gemacht, dass es zu regnen beginnen würde, wenn ich Glockenblumen pflückte. Was ich natürlich sofort glaubte und bis heute (Gott ist mein Zeuge!) habe ich keine einzige Glockenblume mehr gepflückt, auch wenn dies ein weiterer Wegfall eines blauen Bestandteils meines Wiesenblumenstraußes bedeutet.
Und geregnet hat es trotzdem…
Kamen wir zufällig erst an der Wiese vorbei, nachdem die Schafe hier waren, wurde sofort die weiß- emaillierte Kehrichtschaufel in Gebrauch genommen und Opa sammelte die Hinterlassenschaft dieser wollenen Tiere ein. Jene Überbleibsel, so belehrte mich der Opa, sollten einen hervorragenden Dünger abgeben, der durch nichts zu ersetzen sei.
In einem ebenfalls weiß- emaillierten Eimer aufbewahrt, wurde er sogleich mitgenommen und da meine Hände noch ungebraucht in den Kleidertäschchen steckten, wurde mir die Aufgabe übertragen, diesen den restlichen Weg zum Gärtchen zu schleppen. Doch der Eimer, den ich am Henkel nahm, war mir damals ein paar Nummern zu groß und so zog ich ihn, halb schlurfte ich ihn über den Schotterweg, dass es kaum zu überhören war, wo ich mich damit gerade befand. Leider übertönte dieser Krach das Singen der Vögel, die uns zu begleiten schienen und sogar das heftige und durchaus laute Zirpen der Grillen, das wir heute als “sommerliches Geräusch” bezeichnen, verstummte vor Schreck.
Opa Andres ging mir stets einige Schritte voraus, so dass ich sein verschmitztes Grinsen nur kurz erkennen konnte, welches auf das “Kuhglockengeläut für Kleinkinder” zurückzuführen war.
Das hölzerne Gartentürchen wurde lediglich durch ein kleines Häkchen gesichert und so ließ es sich sehr leicht öffnen. Vor Raub und Vandalismus musste man sich in den Sechzigern, an dieser uneinsehbaren, ja beinahe schon geheimen Stelle, offensichtlich nicht fürchten.
Die Oma war wie immer werktags, mit einer Kittelschürze und ihren ollen Schuhen bekleidet. Ihre damals noch ewig langen, schwarzen Haare, die offen getragen bis über ihre Hüften reichten, hatte sie zu einem Zopf geflochten und als Dutt am Kopf hoch gesteckt.
Opa und sein kariertes Hemd, steckten in seinen alten Hosen, die von Trägern aus Gummi daran gehindert wurden, herunter zu rutschen. Doch so ganz traute er diesen wohl nicht über den Weg, denn sicherheitshalber half er noch zusätzlich mit einem Gürtel nach.
Ich selbst trug ein hellrosa/weiß-kariertes Hängekleidchen, in dessen aufgesetzten, kleinen Täschchen ich zunächst gelangweilt meine Hände vergraben konnte, bis sie zum Einsatz als Eimerträger in Frage kamen. Aus modischem Aspekt betrachtet eigentlich völlig unpassend und beleidigend bar jeden Augenscheins, jedoch in Anbetracht der unbefestigten Wege zwischen den Gemüsebeeten oftmals sehr hilfreich, erwiesen sich die Gummistiefel, die ich bei planmäßigem Abmarsch in diese Gefilde, stets verpasst bekam.
Nur selten gelang es mir, meine Leute zu überlisten und die niedlichen, weißen Riemchensandalen, die ich selbstverständlich den plumpen Gummistiefeln gegenüber vorzuziehen wusste, anzubehalten.
Ich bin ja schließlich ein Mädchen!
Doch spürte selbst ich bei aller Eitelkeit oft schnell, dass ich mit dem mir vorgegebenen Schuhwerk, in einem mit Dornen und Brennnesseln verseuchten Gelände, in dem es von Bienen, Wespen und Ameisen nur so wimmelte, weitaus mehr bewerkstelligen konnte und nicht bei jedem Schritt mit neuen Schürf- und Stichwunden zu rechnen hatte.
So früh im Jahr strotzte der Garten nur so vor Grün. Wo noch vor wenigen Wochen nur braune Erdschollen zu sehen waren und es lediglich einige Farbkleckse in leichtem Grün mit dezenten, pastellfarbenen Blüten gab, die zu den wild aufgegangenen Primeln gehörten, spießten nun überall alle möglichen und unmöglichen Grüntöne aus dem Boden, von den Hecken, den Bäumen und Büschen. Ja, die Natur war förmlich explodiert.
Über einen Baum konnte sich die Oma besonders mokieren. Es handelte sich um eine Birke, die sich ihr Maiengrün alles überragend heraushängen ließ. Oma schimpfte immer wie ein Rohrspatz, weil dieser besonders viel Dreck hinterließ. Zuerst die Hülsen von denen er sich befreit, damit sich die neuen Blätter entfalten können, dann die Samen, die sich millionenfach über den ganzen Garten verteilen und zum Schluss, bevor es in den Winterschlaf geht, fallen schon wieder die Blätter ab, die so gering wie sie in ihrer Größe nun mal sind, ganz schlecht zum Zusammenrechen sind und vom Regen oft nass, fest auf allen Flächen pappen.
Doch ich, in meiner kindlichen Naivität, sah nur die frischen, hellgrünen und noch klitzekleinen Blättchen desselben und fand den Anblick einfach nur schön. Weshalb dieser Baum überhaupt noch da stand und auch die Trauerweide, die ihre großen Äste ´gen Boden hängen ließ, habe ich nie erfahren. Vielleicht sollten sie einfach als Schattenspender dienen, unter denen man nach oft schwerer Arbeit z. B. dem Umgraben des schweren Lehmbodens, gemütlich ausruhen und sich mit Brot, Käse, Wurst und Apfelmost, etwas stärken konnte.
Gewiss! Das wird der Grund gewesen sein. Opa brauchte zwischendurch immer mal eine Vesper und vor allem auch etwas gegen den Durst. Es war auch stets die gleiche Zeremonie:
Zunächst legte er auf sein Holzbrettchen eine Scheibe Brot, die er mit einem großen Messer von einem riesigen Laib Bauernbrot herunter schnitt. Dabei hielt er sich den Brotlaib mit der linken Hand an den Seinigen und immer zu diesem hin, säbelte er einige erstaunlich gleichmäßige Scheiben herunter.
(In meinem späteren Leben bekam ich von allen Seiten, immer wieder eingebläut, dass man stets vom Körper weg schneiden solle, um sich nicht zu verletzen. Opa hatte sich hierbei, zumindest meines Wissens nach, niemals eine Verwundung zugezogen!)
Auf eine solche Scheibe Brot also, strich er nun mit seinem Vespermesserchen, ganz dünn etwas Butter (niemals Margarine).
Dann hatte er sie mit roter Wurst oder Käse belegt. Gab es die grobe Leberwurst, durfte auf keinen Fall ein Gürkchen fehlen, das zuvor hier in diesem Garten herangewachsen und von der Oma selbst eingemacht worden war. Anschließend schnitt er die belegten Brote in mundgerechte Stückchen, spießte mit Hilfe seiner Messerspitze eines nach dem anderen auf und führte diese genüsslich zum Mund. Gut gekaut wurden sie mit Apfelmost oder Bier hinuntergespült. Derweil saß ich da auf meiner Holzbank, ließ meine Beinchen, die den Boden gar nicht erreichen konnten, herunter baumeln und durfte nach Herzenslust zugreifen. Und alles, was Opa so routiniert und appetitlich zubereitete, schmeckte stets vor-züg-lich! Nur mit dem herben Apfelmost hatte ich es gar nicht so. Zumindest nicht zu dieser Jahreszeit. Denn der Most, der im Herbst aus roten und reifen Äpfeln frisch gekeltert, noch zuckersüß und süffig war und so genau meinem Geschmack entsprach, war über den Winter gegärt und schmeckte nun eher den Erwachsenen, deren Blick mit zunehmendem Konsum desselben, immer glasiger und dafür die Wangen so rot wurden, wie die Äpfel es zuvor gewesen sind. Da ich mit noch 4 Geschwistern aufgewachsen bin und unser Durst deshalb mehr so mit Milch, Apfelsaftschorle und später auch mit löslichem Zitronen-Tee gelöscht wurde, war es für mich immer die größte Freude, bei Oma und Opa eine original Bluna zu bekommen. Der fruchtig, frische Geschmack von sonnengereiften Orangen und das prickelnde Sprudeln dieses Getränkes, waren damals einfach unwiderstehlich und für mich das Höchste der Gefühle.
Ganz in der Nähe floss oder stand irgendein Gewässer. So genau kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch sehr genau weiß ich noch, dass es hier auf jeden Fall Kaulquappen und somit später Frösche gab, die abends ein ungeheuer lautes Quakkonzert von sich gaben, das man weithin hören konnte. An die Seerosen, die sich darin befanden, kann ich mich ebenso gut entsinnen, wie auch an die Wasserlinsen und natürlich die Libellen, die es mir besonders angetan hatten. Nicht, dass ich begeistert gewesen wäre um die Hacken, die sie während ihres Fluges immerzu schlagen können oder ihrer Form wegen, die einen unwillkürlich sofort an Hubschrauber denken lässt. Nein. Es waren vielmehr die beinahe phosphoreszierenden Farben, die mich so faszinierten. Dieses helle und/oder doch dunkel anmutende Blau. Oder auch das auf den ersten Blick giftgrün aussehende Grün, das sich bei näherem Hinsehen als dunkelgrün erwies. Oder war es doch hellgrün? Wer kann das mit Sicherheit sagen? Diese schimmernden, farblichen Akzente waren es, die ich so an ihnen bewunderte. Damals hieß es noch, dass diese eleganten Luftakrobaten genauso stechen könnten, wie Bienen oder Wespen. Inzwischen weiß ich, dass das nicht stimmt!
Das Gewässer wurde ganz offensichtlich durch eine Quelle gespeist die auch innerhalb des Gärtchens für eine kostenlose, gleichzeitig jedoch sehr kostbare Bewässerung genutzt werden konnte. Es wurde ein Loch in das Erdreich gegraben und mit dem roten, festen Lehm, den es hier praktischerweise in Hülle und Fülle gab, ausgekleidet. Darin sammelte sich also stets frisches Quellwasser und das wurde durch eine Art Aquädukt, quer Beet durch den ganzen Garten weitergeleitet.
Diese oberirdische Wasserleitung hatte Opa aus einer Dachrinne oder einem ähnlichen Bestandteil, das ein Halbrohr darstellte gebaut und es funktionierte tadellos. So konnte man sich auch an entfernten Stellen mit Wasser versorgen, ohne sich von der Schlepperei der vielen Wassereimer und schweren Gießkannen einen krummen Buckel zu holen.
Oma Anna und Opa Andres hatten noch diese alten, auch ohne Inhalt schon sehr schweren Gießkannen aus Metall, die heut zu Tage bereits einen antiquarischen Wert darstellen würden. Ich für meinen Teil durfte mich, diesmal mit einem extra für Kinderhände geeigneten Plastikgießkännchen, an der, für die Pflanzen lebensnotwendigen Bewässerung beteiligen.
Gerne drehte ich mich dabei im Kreise, sodass mein Kleidchen schön hoch flog und die Wassertropfen, die ich dabei aus meinem Kännchen entließ, tritschelten nur so auf die umliegende Umgebung. Die Bienchen, vor allem aber die Schmetterlinge, die es damals noch haufenweise gab, mussten sich in Acht nehmen, damit ihre großen Flügel nicht von den verhältnismäßig schweren Wassergeschossen getroffen wurden, denn dann wäre ihr Weiterflug sicherlich in Frage gestellt gewesen.
Wenn ich besonders gute Laune hatte und das war meistens der Fall, trällerte ich auch noch irgendein Liedchen, das mir gerade einfiel. Beispielsweise:
“Kuckuck, Kuckuck, ruft´s aus dem Wald. Lasset uns singen, tanzen und
springen. Kuckuck, Kuckuck, ruft´s aus dem Wald.”
Weil ich ja zu diesem Zeitpunkt noch ein kleines, liebes und entzückendes Kindchen war, wurde beinahe alles was ich tat, mit dem Wohlwollen der Erwachsenen bedacht. Erst viel später wurde mir gelernt, dass ich beim Gießen nicht die Blüten und Blätter der Pflanzen bewässern dürfe, sondern punktuell (also ohne Sprühaufsatz) auf die Wurzeln zielen solle. Auf diese Art und Weise würden die Blätter keinen “Sonnenbrand” bekommen und auch andere Schäden könne man so vermeiden.
Was es nicht alles gibt…
Außer der für die Pflanzen überlebensnotwendigen Bewässerung gab es noch viele andere, durchaus wichtige Dinge zu tun. So musste sich der Opa stets mit den Maulwurfsgrillen auseinandersetzen und sie bekämpfen, was einem ausweglosen Unterfangen gleich kam. Diese äußerst merkwürdig aussehenden und keineswegs kleinen Kreaturen mit ihren Schaufeln und Panzern, erinnern mich doch eher an Außerirdische denn an Insekten, die sie eigentlich sein sollten. Und ungeachtet der Schäden, die sie verursachen, finde ich sie nach wie vor, ziemlich unheimlich und daher zum Fürchten. Könnte man auch glauben, aufgrund ihrer unterirdischen Grabungstätigkeit mit ihren Schaufelarmen, bei denen sie fingerdicke Gänge hinterlassen, es würde wenigstens das Aufhacken und Umgraben der schweren Erde überflüssig machen, ähnlich wie dies die Regenwürmer fertig bringen, so wurde man jäh enttäuscht. Trotz invasionsartigen Überfallkommandos waren diese Aliens hierfür einfach nicht geeignet und diese schwere Arbeit blieb bei Opa und Oma hängen.
Mit Spaten und Gartenhacke mussten sie den Boden lockern, damit die jungen Pflanzen genug Luft bekamen und sich entsprechend gut entwickeln konnten. Doch manchmal sah man, trotz intensivster Bemühungen um ihretwillen, die bestens gehüteten und verhätschelten Pflänzchen wie “Ätsch” am Boden liegen und nahm man sie in die Hand, konnte man an den abgeknabberten Wurzeln schnell erkennen, um welchen Übeltäter es sich handelte, der hierfür verantwortlich war. Hätten jetzt die Salatblätter gefehlt oder zumindest große Teile davon, wären die Nacktschnecken in Verdacht geraten.
Doch die Schleimspuren die diese sonst hinterließen, konnten nicht entdeckt werden. Und so wurden anhand dieser unumstößlichen Indizien, die Maulwurfsgrillen als Täter bezichtigt. Vorsorglich und sicherheitshalber mussten beide Schädlinge auf ganz ähnliche Weise bekämpft werden.
Es wurden zwischen den Beeten mehrere, glattwandige Gefäße ebenerdig eingegraben und diese mit Sprossen kreuzförmig darauf zulaufend umlegt, damit die Bösewichte hineinfielen und nicht mehr herauskommen konnten. Die Fallen, die für die Schnecken gedacht waren, befüllte Opa (schweren Herzens) zur Hälfte mit Bier, um die Schnecken anzulocken und sie darin ertrinken zu lassen. Das mit dem Bier mochte der Opa gar nicht so gerne. Jedoch nicht der Schnecken wegen. Nein, nein! Er fand es nur sehr schade um das gute Bier und bevorzugte deshalb natürlich die Variante, bei der die Benutzung von Salz nötig war.
Was aus den gefangen genommenen Maulwurfsgrillen wurde? Ich mag es mir gar nicht vorstellen. Aber ganz sicher kann man davon ausgehen, dass sie nicht unsinnigerweise in die entfernt gelegene Umgebung gebracht wurden, wozu im Internet, aus ökologischer Sicht geraten wird.
Doch ebenso unbestritten ist die Tatsache, dass sie bis heute keinesfalls ausgestorben sind. Erst kürzlich habe ich eine (zwar tote) gesehen und meinem Mann gezeigt, der diese jedoch ebenfalls, sofort als Alien identifizierte und darauf auch noch beharrte. Seiner Meinung nach konnte es sich hierbei niemals um ein irdisches Wesen handeln. Nicht mit dieser Ausstattung, die aussieht wie ein eiserner Schutzpanzer mit Scharnieren.
Eine weitere, lästige Arbeit war das Unkrautjäten, das aus praktischen Gründen, zeitgleich mit dem Aufhacken des Bodens erledigt wurde. Doch woher weiß man eigentlich, bei welchem Grünzeug es sich jetzt um Unkraut handelt und welches die nützlichen Pflanzen sind? Was davon ist jetzt Petersilie und welches Gestrüpp soll oder darf ich ausreißen?
Ist dieses nun das, was wir letzthin gesät hatten oder doch etwas, was da nicht hingehört? Gerade im frühen Wachstumsstadium von Gewächsen, fällt es mir noch heute schwer, die Unterschiede erkennen zu können und ich bewundere alle, die dies mit offensichtlicher Leichtigkeit, quasi mit links, fertig bringen. Mir dagegen ist es schon häufiger passiert, dass ich der Aufzucht von Unkraut beste Voraussetzungen angedeihen ließ, nur um sicher zu gehen, dass ich keiner nützlichen oder schönen Pflanze den Garaus machen würde. Meine kindliche Auffassung von Gartenarbeit unterschied sich sowieso sehr von der der Erwachsenen. Während diese stets mit der Heranzucht von Rüben, Früchten, Kräutern und Knöllchen beschäftigt waren, konzentrierte ich mich lieber auf die Vernichtung derselben.
Sehr zu schätzen wusste ich z. B. die äußerst leckeren Himbeeren, die ich mir nach genauester Begutachtung ob des Wurmbefalls, händchenweise ins Mündchen schüttete. Gleiches galt für die leckeren Erdbeeren, die ja nach neuesten Erkenntnissen, botanisch gesehen zur Gattung der Nüsse gehören. Na dann liebe Botaniker, lasst Euch mal ganz schnell einen neuen Namen für die bis heute so genannten Erdnüsse einfallen, wo doch diese wiederum zu den Erbsen zählen…
Auch an weniger süßen Früchtchen fand ich schon früh Gefallen. So gehörten die frisch geernteten und nur mit der Wurzelbürste unter Wasser abgeschrubbten, gelben Rüben genauso zu meinen Zwischenmahlzeiten, wie auch die knackigen, scharfen Radieschen oder später im Sommer, die reifen Tomaten, in die ich biss, wie in einen Apfel. Mmmh… waren die noch kräftig im Aroma. So richtig tomatig. Kein Salz und kein Pfeffer war damals nötig, um den Genuss dieses Paradiesapfels in seinem ganzen Ausmaß auskosten zu können. Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Geschmack hat, wer Tomaten aus eigenem Anbau sein Eigen nennen kann. Die grünen Bohnen, die ich von den Büschen pflückte (an die Früchte, die an den hohen Stangen rankten, reichte ich rein größenmäßig noch nicht heran), wollte ich selbstverständlich auch kosten. Doch wurde mir ihr Verzehr, mit Hinweis auf ihre Giftigkeit im Rohzustand, strikt untersagt.
Das kleine Stückchen, das ich zuvor bereits erwischt hatte, musste ich sofort ausspucken. Da es sich jedoch rein geschmacklich, auch nicht gerade um Zuckerwatte handelte, folgte ich dieser Aufforderung bereitwillig und schnitt im Nachhinein noch eine Grimasse, die mir eine weitere Bluna zum Nachspülen bescherte.
Die Menschen, die in unserem Wohnbereich unsere Nachbarn waren, sollten auch hier im Grünen die Nächsten sein. Diese Tatsache war jedoch keinesfalls ein Manko. Oh nein! Es war immer sehr gesellig und lustig, wenn man sich hier hinten getroffen hatte. Es wurde geratscht und fachgesimpelt, bis sich die Bohnenstangen bogen und nicht selten war darüber hinaus so mancher anderweitige Termin vergessen worden.
Viele (Über)lebensmittel die wir in diesem Gärtchen ernten konnten, gaben ihre geschmacklichen Vorzüge erst nach ihrer Zubereitung im Kochtopf oder dem Einmachen mit Kräutern und Gewürzen preis. Freilich kam es vor, dass auch mal ein bitteres Gürkchen den Weg in Omas Einmachgläser fand und hatte gerade ich das zweifelhafte Vergnügen, jenes zu erwischen, wandte ich geistesgegenwärtig den eben gelernten Trick an, um außer der Reihe, an eine weitere Bluna zu kommen und verzog wieder ´es Göschle.
Kartoffeln gab es meistens als Ganze in der Pelle gekocht und nie werde ich die Szene vergessen (warum auch immer), als mein Onkel mal vorbei kam und die klitzekleinen Kartöffele samt Pelle in seinen Mund steckte. Dabei bemerkte er, dass die Schale von diesen Zwergen das Beste daran sei. Dass er gleichzeitig auch nach der roten Wurst schielte, die auf dem Tisch stand, fiel offensichtlich nur mir auf. Jahrzehnte später erwähnte er ganz beiläufig einmal, dass Kartoffeln mit roter Wurst und Senf, noch immer seine Leibspeise. wäre.
Ich für meinen Teil konnte keinen besseren Geschmack feststellen und dachte mir nur, dass ihm wahrscheinlich das Schälen dieser Winzlinge zu aufwändig gewesen sein musste. Doch heute beiße ich oft sogar in die großen, ungeschälten Grumbirnen (so werden die Kartoffeln in Hädefeld genannt) und hoffe nur, dass sich die Schadstoffbelastung in der Schale einigermaßen in Grenzen halten möge.
Außerdem genossen wir den Vorteil, sozusagen mit Dreck und Speck aufwachsen zu dürfen. Gemäß dem Motto: Was uns nicht umbringt, härtet uns nur ab, wurde von uns in frühester Kindheit so ziemlich alles in den Mund geschoben, was auch nur ansatzweise nach etwas Essbarem aussah. Der Geschichte, dass meine älteste Schwester den Inhalt der Sandkiste löffelweise geschluckt haben soll, kann man durchaus Glauben schenken. Und die Bemerkung eines Unbekannten, dass diese Art von Nahrungsaufnahme den Darm reinigen würde, bestärkt mich nur in der Vermutung, dass dies (zumindest damals, als man von saurem Regen und dergleichen noch nichts gehört hatte) völlig harmlos gewesen ist.
Die gesundheitsorientierten Mitmenschen heut zu Tage, tragen ganze Vermögen in Drogerien und Apotheken für Sand, den sie ja auch nur schlucken oder sich auf die Haut kleistern. Sauber, rein und etwas feiner in seiner Konsistenz wird er dort als Heilerde angepriesen.
Meine älteste Schwester sollte auch Hauptdarstellerin folgender Geschichte sein. Denn einmal, es war Mitte des Monats August, in dem hier alljährlich die Laurenzimesse stattfindet, erhielt sie vom Opa Andres eine ganze Deutsche Mark. Die völlig unverhofft zu diesem Riesenvermögen gekommene, wusste jedoch nichts besseres damit anzufangen, als das Volksfest inmitten des Städtchens zu besuchen und entfernte sich entsprechend einige Kilometer vom Haus. Ganz ohne Wissen irgendeines Erziehungsberechtigten machte sie sich also im Alter von erst ca. 3 1/2 Jahren ganz alleine auf, zunächst den Main erst etwas entlang zu gehen, dann die Brücke darüber zu überqueren und die von Häusern eingesäumten und die aus gegebenem Anlass mit Fähnchen geschmückten Straßen hinter sich zu lassen, nur um die 1 DM auf der “Messe” gebührend auf den Kopf zu hauen. Was für eine Leistung für ein so kleines Kind, das zudem ein Mädchen war. Wo es doch heißt Frauen hätten keinen Orientierungssinn! Unterdessen machte man sich Zuhause natürlich Sorgen, wo die Kleine denn wohl stecken könnte.
Die Eltern dachten, sie wäre beim Opa im Garten und der wiederum nahm an, sie sei nach Hause zu den Eltern gegangen. Nun suchte und rief man stundenlang und schon ganz verzweifelt nach ihr.
Jedoch ohne Erfolg. Das Kind blieb verschwunden, bis schließlich ein Mädchen aus der Nachbarschaft aufkreuzte und sachdienliche Hinweise geben konnte. So berichtete sie, dass sie die Vermisste auf dem Rummelplatz gesehen hätte, als diese ganz fasziniert die kleinen, mobilen Wägelchen des Autoskooters betrachtet hatte.
Schließlich wurde das Kind genau dort wieder aufgefunden und wohlbehalten nach Hause gebracht. Und wieder einmal ging ein Nerven zermürbendes Abenteuer für unsere Leute zu Ende.
Der Garten, der zu einer riesigen Villa aus rotem Sandstein gehörte, glich eigentlich mehr einem Park als einem Garten. Zumindest in den Augen eines Kindes. Die Familie, bestehend aus Mutter, Vater und 5 Kindern, die innerhalb von 6 Jahren nach und nach dazukamen, wohnte unter dem Dach im 3. Obergeschoss.
Ich konnte es immer kaum erwarten, bis die Äpfel und Birnen, die direkt vor unserem Wohnhaus wuchsen, endlich reif waren. Und sobald sie auch nur ansatzweise (wenn auch noch sehr klein) als solche bereits erkennbar an den Ästen hingen, testete ich beinahe täglich, wie weit sie in ihrer Entwicklung vorankamen. Im Nachhinein muss ich mich schon sehr wundern, dass meine damaligen Milchzähne diese Probebisse so heil überstanden hatten. Von wegen der Festigkeit dieser unreifen Früchte. Der Werbespot eines Zahnpflegeproduktes, in dem eine Frau auch morgen noch kraftvoll in einen lächerlich, ausgewachsenen Apfel beißen kann, entlockt mir höchstens ein Mündchenrunzeln.
Original Radierung |
Inge Schick ´87 |
Unter uns im zweiten Stock, zogen Oma Anna, Opa Andres und die junge Tante ein, nachdem diese Wohnung frei geworden war. Zuvor hatten sie ihr Domizil nur ca. 200 Meter entfernt, in einem schmalen aber lang gezogenen Haus, das ebenfalls von mehreren Parteien bewohnt war und eigens den Arbeitern der Ziegelei zur Verfügung stand. Der Onkel hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon eine eigene Bleibe gesucht, kam jedoch öfter auf Besuch vorbei. Wegen seiner lustigen Art und stets guten Laune, war er ein gern gesehener Gast. Auf der Ebene, die sich über der Garage und den Kellern befand und welche auch erst durch Bezwingung von mindestens 18 Treppenstufen (egal, ob innen oder außen) erreichbar war, wohnten zwei ältere Damen. Eine dieser Damen war im Besitz von Schildkröten, die im Freien ihren eingezäunten Auslauf hatten und die ich ständig mit Breitwegerich fütterte. Ich habe sie so gerne beim Verzehr dieser, zu ihrem Breitmaul passenden, breiten Blätter beobachtet, so dass sie von mir regelrecht gemästet wurden. Die bedächtigen Bewegungen dieser seltsam aussehenden Geschöpfe, hatten auf mich eine magische, entschleunigende Wirkung und allen nervösen Menschen und Hektikern sei an dieser Stelle geraten: “Legt Euch Schildkröten zu!”
Meinem nur 10 Monate jüngeren Bruder, der sich seinem Alter und Geschlecht entsprechend, permanent wie ein Lausbub verhielt, wurde einmal von einer der Damen damit gedroht, dass sie ihm ein Heftpflaster über seinen Mund kleben würde, wenn er nicht endlich etwas ruhiger wäre. Ich selbst konnte mir ein solch riesiges Pflaster, das der Verstummung meines Bruders fähig gewesen wäre, gar nicht vorstellen. Doch um ihrer Drohung Nachdruck zu verleihen, kam sie mit Schere und Endlospflaster daher und vor Staunen stand nun mein Mund ganz offen.
Mein Bruder entzog sich dieser barbarischen Bestrafung eiligst, indem er ihr einfach davon lief und die Frau warf ihm lachend einen Hausschuh hinterher, der ihn natürlich nicht traf, es aber auch nicht sollte.
Ja, es war eine schöne Zeit und alle hatten viel Spaß.
Links angrenzend an die Wohnung der alten Damen, befand sich eine immens große Terrasse mit einem umwerfenden Ausblick über den Main und auf das Städtchen. Das gute Verhältnis zu den Mitbewohnern ermöglichte es uns allen, auch diese mitzubenutzen. Terrasse und Balkone waren eingesäumt von Balustraden, ebenfalls aus rotem Sandstein und die klitzekleinen, roten Spinnentierchen, die darauf oft anzutreffen waren, konnte man kaum, oder nur bei genauerem Hinsehen erkennen.
Unter dieser Terrasse war die Doppelgarage mit dem großen, zweiflügeligen Tor zu finden, von wo aus man durch den Keller, der in diverse Teile abgetrennt war, nach oben in die Wohnungen gelangen konnte.
Unser Vorratskeller wurde durch Holzsprossenwände und einem Vorhängeschloss vor illegalen Zugriffen gesichert. Die hier in einem großen Topf aus Steingut aufbewahrten Salzheringe mussten wohl sehr wertvoll gewesen sein.
Eigentlich waren so ziemlich alle Kellerabteile abgetrennt durch diese Holzlatten. Bis auf einen. Geheimnis umwoben, lag dieser für mich absolut uneinsehbar, umgeben von dicken Mauern und geschützt hinter einer verschlossenen, dicken Eichenholztür, die nur mit Hilfe eines riesigen Bartschlüssels geöffnet werden konnte. Die Erwachsenen tuschelten oft und gerne von diesem geheimen Ort und munkelten stets etwas von einem Schatz! Neugierig spitzte ich die Ohren, denn ein Schatz hier in diesem Haus, so gut versperrt, hinter dicken Mauern, also das musste schon etwas ganz Besonderes sein und mit meiner kindlichen Naivität malte ich mir mein ganz persönliches Bild dieses Schatzes aus. In meiner Fantasie bestand dieser aus einer riesigen, mit Gold beschlagenen Kiste, aus der funkelnde Goldmünzen, Perlenketten, Diademe und glitzernde Diamanten nur so herausquellen würden. Ein Schatz wie aus 1000 und einer Nacht!