Kapitel Eins
Candice Brewin stieß die schwere Glastür der Manhattan Bar auf und spürte, wie sie von der vertrauten Woge aus Wärme, Lärm, Licht und Gläserklirren umfangen wurde. Es war sechs Uhr an einem Mittwochabend, und die Bar war schon fast voll. Kellner mit dunkelgrünen Fliegen schwebten über den polierten Boden und trugen Cocktails an die Tische. Junge Frauen in luftig leichten Kleidchen standen am Tresen und blickten aufgeweckt und hoffnungsfroh in die Runde. In der Ecke klimperte ein Pianist Gershwin-Songs, was im allgemeinen Geplapper beinah unterging.
Langsam wird es mir hier zu voll, dachte Candice, während sie ihren Mantel abstreifte. Als sie den Laden gemeinsam mit Roxanne und Maggie entdeckt hatte, war er ein stiller, fast verschwiegener Treffpunkt gewesen. Eher zufällig waren sie hineingestolpert, weil sie nach einem stressigen Tag in der Redaktion ganz schnell einen Drink brauchten. Damals war es noch eine düstere, altmodische Bar gewesen mit abgewetzten Hockern und einem abblätternden Wandgemälde der New Yorker Skyline. Die wenigen Gäste – überwiegend ältere Herren mit erheblich jüngerer, weiblicher Begleitung – unterhielten sich leise. Candice, Roxanne und Maggie hatten sofort eine Runde Cocktails bestellt und dann noch einige mehr, und als der Abend zu Ende ging, hatten sie kichernd und gackernd beschlossen, dass der Laden einen gewissen Charme besaß und man ihm dringend einen weiteren Besuch abstatten sollte. Und damit war der monatliche Cocktail-Club geboren.
Inzwischen hatte sich die Manhattan Bar, nachdem sie ausgebaut, neu eröffnet und in sämtlichen Hochglanzmagazinen gepriesen worden war, total verändert. Jetzt trafen sich dort täglich die Jungen und Schönen nach der Arbeit. Auch Prominente waren schon am Tresen gesichtet worden. Selbst die Kellner sahen aus wie Models. Wir sollten uns wirklich etwas anderes suchen, dachte Candice, als sie ihren Mantel der Garderobenfrau gab und dafür einen silbernen Art-déco-Knopf bekam. Irgendwas, wo weniger los war, was weniger angesagt war.
Gleichzeitig wusste sie, dass sie es niemals tun würden. Dafür kamen sie schon viel zu lange hierher, hatten sich schon viel zu viele Geheimnisse mit Martinis in der Hand anvertraut. Eine andere Bar wäre irgendwie nicht richtig. Am Ersten jeden Monats musste es einfach die Manhattan Bar sein.
An der Wand gegenüber hing ein Spiegel, und sie warf einen kurzen Blick hinein, um sicherzugehen, dass ihr kurzes Haar ordentlich aussah und ihr Make-up – das wenige, das sie benutzte – nicht verschmiert war. Sie trug einen schlichten, schwarzen Hosenanzug über einem hellgrünen T-Shirt – nicht gerade der letzte Schrei, aber gut genug.
Eilig suchte sie die Gesichter an den Tischen ab, konnte jedoch weder Roxanne noch Maggie finden. Obwohl sie alle drei für dieselbe Zeitschrift arbeiteten – den Londoner –, kam es nur selten vor, dass sie nach der Arbeit gemeinsam etwas unternahmen. Roxanne zum Beispiel war freie Mitarbeiterin und kam nur gelegentlich ins Büro, um ihre Auslandsreisen zu organisieren. Und Maggie musste als Chefredakteurin oft noch länger als die anderen für Besprechungen dortbleiben.
Heute aber nicht, dachte Candice bei einem Blick auf ihre Armbanduhr. Heute hatte Maggie allen Grund, so früh Schluss zu machen, wie sie wollte.
Sie strich ihren Hosenanzug glatt und steuerte auf die Tische zu, und als sie ein Pärchen entdeckte, das gerade gehen wollte, machte sie sich eilig auf den Weg dorthin. Der junge Mann war kaum aufgestanden, als sie sich schon auf seinen Stuhl gleiten ließ und dankbar zu ihm auflächelte. Wenn man in der Manhattan Bar einen Tisch ergattern wollte, durfte man nicht zögern. Und die drei saßen immer an einem Tisch. Das war Tradition.
Maggie Phillips blieb draußen vor dem Eingang der Manhattan Bar stehen, stellte ihre pralle Tragetasche mit den bunten Stofftieren ab und zupfte ungeniert an ihrer Schwangerschaftsstrumpfhose herum, die um die Beine Falten schlug. Noch drei Wochen, dachte sie mit einem letzten Ruck. Drei Wochen noch in diesen verdammten Dingern. Sie holte tief Luft, griff nach ihrer Tragetasche und stieß die Tür auf.
Sobald sie drinnen war, wurde ihr vom Lärm und der Wärme ganz schwindlig. Sie stützte sich an der Wand ab und stand ganz still, um nicht umzukippen, während sie die Punkte vor ihren Augen wegblinzelte.
»Alles in Ordnung, Liebes?«, erkundigte sich eine Stimme links von ihr. Maggie drehte den Kopf und sah das freundliche Gesicht der Garderobenfrau.
»Alles okay«, sagte sie und lächelte etwas bemüht.
»Sind Sie sicher? Möchten Sie vielleicht ein Glas Wasser?«
»Nein, wirklich, es geht schon.« Wie zum Beweis begann sie, sich aus ihrem Mantel zu schälen, und bemerkte den bewundernden Blick, den die Frau auf ihre Figur warf. Die schwarze Lycra-Hose mit dem Umhang war so vorteilhaft, wie Schwangerschaftskleidung nur sein konnte. Und doch war es da, direkt vor ihr, wohin sie auch ging. Eine Beule von der Größe eines Heißluftballons. Maggie reichte der Frau ihren Mantel und sah ihr offen in die Augen.
Wenn sie mich fragt, wann es so weit ist, dachte sie, bringe ich sie um.
»Wann ist es denn so weit?«
»Am 25. April«, sagte Maggie munter. »Drei Wochen noch.«
»Tasche schon gepackt?« Die Frau zwinkerte ihr zu. »Damit sollte man nicht bis zur letzten Minute warten, oder?« Maggies Haut fing an zu kribbeln. Was ging es irgendwen an, ob sie ihre Tasche gepackt hatte oder nicht? Wieso redeten eigentlich alle davon? In der Mittagspause war ein wildfremder Mann im Pub auf sie zugekommen, hatte auf ihr Weinglas gezeigt und gesagt: »Wie kann man nur!« Fast hätte sie es ihm ins Gesicht geschüttet.
»Es ist Ihr erstes Kind, nicht wahr?«, fügte die Garderobenfrau hinzu, ohne es allzu sehr nach einem Verhör klingen zu lassen.
So offensichtlich ist es also, dachte Maggie. Dem Rest der Welt ist klar, dass ich, Maggie Phillips – oder Mrs Drakeford, wie man mich in der Klinik kennt – so gut wie noch nie ein Baby im Arm hatte. Geschweige denn, dass ich eins zur Welt gebracht hätte.
»Ja, es ist mein erstes«, sagte sie und hielt der Frau die Hand hin, um den silbernen Garderobenknopf entgegenzunehmen und endlich dort wegzukommen. Doch die Frau betrachtete nach wie vor liebevoll Maggies prallen Bauch.
»Ich habe selbst vier«, sagte sie. »Drei Mädchen und einen Jungen. Und jedes Mal waren die ersten paar Wochen etwas ganz Besonderes. Genießen Sie die Zeit, Liebes. Sie geht viel zu schnell vorbei.«
»Ich weiß«, hörte sich Maggie sagen, mit aufgesetztem Lächeln.
Ich weiß überhaupt nichts!, wollte sie schreien. Ich verstehe nichts davon. Ich verstehe was von Seitenlayout und Umfangsanalysen und Verlagsbudgets. Oh Gott. Was mache ich nur?
»Maggie!« Eine Stimme unterbrach sie, und sie fuhr herum. Candice lächelte sie mit ihrem runden, fröhlichen Gesicht an. »Dachte ich mir doch, dass du es bist! Ich habe uns einen Tisch organisiert.«
»Sehr gut!« Maggie folgte Candice durch die Menge, war sich der Schneise durchaus bewusst, die sie mit ihrem dicken Bauch schlug, und auch der neugierigen Blicke, die ihr folgten. Niemand sonst in dieser Bar war schwanger. Es war noch nicht mal jemand dick. Wohin sie auch blickte, sah sie nur Frauen mit flachen Bäuchen und schlanken Beinen und kecken kleinen Brüsten.
»Okay?« Candice war am Tisch angekommen und schob ihr vorsichtig einen Stuhl hin. Maggie verkniff sich die Bemerkung, dass sie nicht krank sei, und setzte sich.
»Wollen wir uns schon was bestellen?«, fragte Candice. »Oder auf Roxanne warten?«
»Ach, ich weiß nicht.« Maggie zuckte mürrisch mit den Schultern. »Vielleicht warten wir lieber.«
»Bist du okay?«, fragte Candice ehrlich interessiert. Maggie seufzte.
»Es geht mir gut. Ich habe es nur satt, schwanger zu sein. Betatscht und getätschelt und wie ein Mutant behandelt zu werden.«
»Ein Mutant?«, fragte Candice ungläubig. »Maggie, du siehst fantastisch aus!«
»Fantastisch für eine fette Frau.«
»Fantastisch. Punkt«, sagte Candice mit fester Stimme. »Hör mal, Maggie – bei mir gegenüber wohnt eine Frau, die ebenfalls schwanger ist. Und ich sage dir, wenn die sehen könnte, wie du aussiehst, würde sie vor Neid platzen.«
Maggie lachte. »Candice, du bist ein Schatz. Du sagst immer genau das Richtige.«
»Aber es stimmt!« Candice nahm die Cocktail-Karte – groß, mit grünem Leder und silbernen Troddeln. »Jetzt komm, wir werfen schon mal einen Blick darauf. Roxanne kommt bestimmt bald.«
Roxanne Miller stand in der Damentoilette der Manhattan Bar, beugte sich vor und zeichnete ihre Lippen mit einem zimtfarbenen Stift nach. Sie kniff den Mund zusammen, dann trat sie zurück und unterzog ihr Spiegelbild einer kritischen Betrachtung, angefangen – wie immer – mit ihren Vorzügen. Hübsche Wangenknochen. Die Wangenknochen konnte einem niemand nehmen. Blaue Augen, etwas gerötet, die Haut nach drei Wochen in der Karibik braun gebrannt. Die Nase nach wie vor lang, nach wie vor krumm. Wallendes, dunkelblondes Haar, das von einem perlenbesetzten Kamm gehalten wurde. Vielleicht wallte es etwas zu wild. Roxanne suchte in ihrer Tasche nach einer Bürste und fing an, es zu bändigen. Sie trug – wie so oft – ein weißes T-Shirt. Ihrer Meinung nach gab es nichts auf der Welt, was Sonnenbräune besser hervorhob als ein schlichtes weißes Shirt. Sie steckte die Bürste weg und lächelte, da sie unwillkürlich von ihrem eigenen Spiegelbild beeindruckt war.
Dann rauschte hinter ihr eine Toilettenspülung, und eine Kabinentür ging auf. Ein etwa neunzehnjähriges Mädchen trat heraus und stellte sich neben Roxanne, um sich die Hände zu waschen. Sie hatte helle, glatte Haut und dunkle, träumerische Augen, das Haar fiel glatt auf ihre Schultern, wie die Fransen eines Lampenschirms. Ein Mund wie eine Pflaume. Nicht das geringste Make-up. Das Mädchen fing Roxannes Blick auf und lächelte, dann ging es hinaus.
Als sich die Schwingtür geschlossen hatte, stand Roxanne noch immer da und starrte sich im Spiegel an. Plötzlich kam sie sich vor wie eine aufgetakelte Fregatte. Eine dreiunddreißigjährige Frau, die sich viel zu sehr mit ihrem Äußeren beschäftigte. Im selben Augenblick wich alles Leben aus ihrem Gesicht. Ihre Mundwinkel sanken herab, und das Leuchten verschwand aus ihren Augen. Leidenschaftslos fiel ihr Blick auf die kleinen roten Äderchen, die sich über ihre Wangen zogen. Sonnenschaden nannte man so was. Schadhafte Ware.
Da hörte sie die Tür, und ihr Kopf fuhr herum.
»Roxanne!« Maggie kam auf sie zu, mit sonnigem Lächeln im Gesicht. Ihr nussbrauner Bob schimmerte im Licht.
»Süße!« Roxanne strahlte sie an und warf ihr Make-up-Täschchen in eine größere Prada-Tasche. »Ich war gerade dabei, mich aufzuhübschen.«
»Völlig überflüssig!«, sagte Maggie. »Sieh dir an, wie braun du bist!«
»Kommt von der karibischen Sonne«, sagte Roxanne fröhlich.
»Behalt’s für dich«, sagte Maggie und hielt sich die Ohren zu. »Das will ich alles gar nicht wissen. Es ist einfach total unfair. Wieso habe ich als Redakteurin eigentlich nie auch nur einen einzigen Reiseartikel geschrieben? Wie konnte ich nur so blöd sein!« Sie deutete mit dem Kopf zur Tür. »Geh und leiste Candice Gesellschaft. Ich komm gleich nach.«
Als sie die Bar betrat, sah Roxanne, dass Candice dort allein saß und die Cocktail-Karte studierte. Unwillkürlich musste sie lächeln. Candice sah immer gleich aus, wo sie auch war, was sie auch trug. Ihre Haut wirkte immer frisch geschrubbt und leuchtend, ihre Haare waren immer ordentlich kurz geschnitten, und wenn sie lächelte, hatte sie immer Grübchen an denselben Stellen. Und immer blickte sie mit denselben großen, vertrauensvollen Augen auf. Kein Wunder, dass sie so gut Leute interviewen konnte, dachte Roxanne. Man taumelte geradezu in diesen freundlichen Blick hinein.
»Candice!«, rief sie und wartete darauf, dass ihre Freundin den Kopf heben, sie erkennen und lächeln würde.
Es war schon merkwürdig, dachte Roxanne. Sie konnte ganz und gar unberührt an jedem noch so süßen Baby vorbeispazieren, ohne dass jemals ihr Mutterinstinkt geweckt wurde. Aber manchmal, wenn sie Candice ansah, versetzte es ihrem Herzen einen Stich. Dann überkam sie ein obskurer Drang, dieses Mädchen mit dem runden Gesicht und der kindlichen Stirn zu beschützen. Aber wovor? Vor der Welt? Vor finsteren, übelwollenden Fremden? Im Grunde war es lächerlich. Wie groß war denn der Altersunterschied zwischen ihnen? Doch höchstens vier oder fünf Jahre. Die meiste Zeit schien er gar nicht zu existieren, trotzdem kam sich Roxanne manchmal eine ganze Generation älter vor.
Sie trat an den Tisch und gab Candice ein Küsschen rechts und links auf die Wange.
»Hast du schon bestellt?«
»Ich guck noch«, sagte Candice und deutete auf die Karte. »Ich kann mich nicht entscheiden zwischen Summer Sunset und Urban Myth.«
»Nimm einen Urban Myth«, sagte Roxanne. »Summer Sunset ist knallrosa und kommt mit einem Schirmchen.«
»Wirklich?« Candice runzelte die Stirn. »Ist das schlimm? Was nimmst du denn?«
»Margarita«, sagte Roxanne. »Wie immer. Auf Antigua habe ich mich von Margaritas ernährt.« Sie langte nach ihren Zigaretten, dann dachte sie an Maggie und ließ es sein. »Margaritas und Sonnenschein. Mehr braucht man nicht.«
»Und … wie war’s denn so?«, fragte Candice. Mit blitzenden Augen beugte sie sich vor. »Irgendwelche jungen Kavaliere …?«
»Ich kann nicht klagen«, sagte Roxanne und grinste sie verschlagen an. »Unter anderem ein Wiederholungstäter.«
»Du bist unmöglich!«, sagte Candice.
»Ganz im Gegenteil«, sagte Roxanne. »Ich bin richtig gut. Deshalb mögen sie mich. Deshalb kommen sie wieder, weil sie mehr wollen.«
»Was macht dein …?«, Candice stockte betreten.
»Was macht mein Mister Verheiratet mit Kindern?«, fragte Roxanne unbeschwert.
»Ja«, sagte Candice leicht errötend. »Macht es ihm denn nichts, wenn du …?«
»Mister Verheiratet mit Kindern darf nichts dagegen haben«, sagte Roxanne. »Mr Verheiratet mit Kindern hat schließlich seine Frau. Da ist es doch nur fair, wenn ich auch ein bisschen Spaß habe, findest du nicht?« Sie funkelte Candice an, als wollte sie weitere Fragen im Keim ersticken, und Candice kniff den Mund zusammen. Roxanne wollte nie über ihren Freund sprechen. Sie war schon mit ihm zusammen, seit Candice sie kannte, hatte sich aber stets strikt geweigert, seine Identität und irgendwelche Details über ihn preiszugeben. Candice und Maggie hatten im Scherz gemutmaßt, es müsse wohl jemand sein, der berühmt war – vielleicht sogar ein Politiker – und wohlhabend, einflussreich und sexy noch dazu. Roxanne würde sich nie im Leben einem mittelmäßigen Mann an den Hals werfen. Nicht ganz so sicher waren sie in der Frage, ob sie ihn wirklich liebte. Sie klang immer so leichtfertig, fast lieblos, was diese Affäre anging, als benutzte sie ihn und nicht er sie.
»Hör zu, es tut mir leid«, sagte Roxanne und nahm ihre Zigaretten. »Fötus hin oder her. Ich brauche eine Zigarette.«
»Ach, rauch nur«, sagte Maggie, die hinter ihr an den Tisch trat. »Das kann auch nicht mehr schaden als die Umweltverschmutzung.« Als sie sich setzte, winkte sie einer Kellnerin. »Hi. Ja, wir können jetzt bestellen.«
Zielstrebig kam das blonde Mädchen mit der grünen Weste zu ihnen herüber. Candice musterte sie aufmerksam. Irgendwie kam sie ihr bekannt vor – die gewellten Haare, die Stupsnase, die grauen Augen mit den müden Schatten. Selbst die Art und Weise, wie sie ihre Haare von den Schultern strich, kam ihr bekannt vor. Wo um alles in der Welt hatte sie diese Frau schon mal gesehen?
»Stimmt was nicht?«, fragte die Kellnerin.
»Nein. Ich meine … Äh …« Candice lief rot an, schlug eilig die Cocktail-Karte wieder auf und ließ ihren Blick über die Liste schweifen, ohne eigentlich hinzusehen. In der Manhattan Bar konnte man über hundert verschiedene Cocktails bekommen. Manchmal war ihr die Auswahl fast zu groß. »Einen Mexican Swing, bitte.«
»Für mich eine Margarita«, sagte Roxanne.
»Oh, Gott, ich weiß nicht, was ich nehmen soll«, sagte Maggie. »Ich hatte heute Mittag schon Wein …«
»Eine Virgin Mary?«, schlug Candice vor.
»Bestimmt nicht.« Maggie verzog das Gesicht. »Ach, scheiß drauf. Einen Shooting Star.«
»Gute Wahl«, sagte Roxanne. »Soll sich das Kind gleich mal an den Alkohol im Blut gewöhnen. Und jetzt …« Sie griff in ihre Tasche. »Zeit für die Geschenke!«
»Für wen?«, fragte Maggie und blickte überrascht auf. »Nicht für mich. Ich habe heute schon Berge von Geschenken bekommen. Viel zu viele. Und außerdem etwa fünftausend Mothercare-Gutscheine …«
»Mothercare-Gutscheine?«, sagte Roxanne verächtlich. »Das ist doch kein Geschenk!« Sie holte eine kleine, türkisblaue Schachtel hervor und legte sie auf den Tisch. »Das hier ist ein richtiges Geschenk.«
»Tiffany?«, fragte Maggie ungläubig. »Ehrlich? Tiffany?« Ungeschickt öffnete sie mit ihren geschwollenen Händen die Schachtel und holte etwas Silbernes aus dem kleinen Beutel. »Ich fass es nicht! Eine Rassel!« Sie schüttelte sie, und alle grinsten mit kindlicher Begeisterung.
»Lass mich mal probieren!«, sagte Candice.
»Es wird das mondänste Baby weit und breit sein«, sagte Roxanne mit zufriedener Miene. »Wenn es ein Junge wird, besorg ich ihm noch die passenden Manschettenknöpfe.«
»Die ist wundervoll …«, sagte Candice und starrte die Rassel bewundernd an. »Daneben wirkt mein Geschenk eher … na ja, egal.« Sie legte die Rassel weg und fing an, in ihrer Tasche herumzuwühlen. »Ich habe es hier irgendwo …«
»Candice Brewin!«, sagte Roxanne vorwurfsvoll. »Was hast du da in deiner Tasche?«
»Wie?«, fragte Candice und blickt schuldbewusst auf.
»Noch mehr Geschirrtücher! Und einen Schwamm.« Roxanne zog den Stein des Anstoßes aus der Tasche und hielt ihn hoch. Es waren zwei blaue Tücher und ein gelber Schwamm, in Plastikfolie, mit der Aufschrift Young People’s Cooperative. »Wie viel hast du für die Dinger bezahlt?«, wollte Roxanne wissen.
»Nicht viel«, sagte Candice sofort. »Fast nichts. Ungefähr … fünf Pfund.«
»Also zehn«, sagte Maggie und warf Roxanne einen ungeduldigen Blick zu. »Was sollen wir bloß mit ihr machen? Candice, du hast mittlerweile doch bestimmt schon deren gesamten Vorrat aufgekauft!«
»Na ja, die kann man doch immer brauchen, oder? Geschirrtücher?«, sagte Candice und wurde rot. »Und ich kann einfach so schlecht Nein sagen.«
»Genau«, sagte Maggie. »Du tust es nicht, weil du es für eine gute Sache hältst. Du tust es, weil du dich sonst ganz mies fühlen würdest.«
»Ist das nicht dasselbe?«, erwiderte Candice.
»Nein«, sagte Maggie. »Das eine ist positiv, und das andere ist negativ. Oder … was weiß ich.« Sie verzog das Gesicht. »Oh Gott, ich bin schon ganz durcheinander. Ich brauche dringend einen Cocktail.«
»Ist doch egal«, sagte Roxanne. »Entscheidend ist nur: keine Geschirrtücher mehr!«
»Okay, okay«, sagte Candice und stopfte die Päckchen wieder in ihre Tasche. »Keine Geschirrtücher mehr. Und hier ist mein Geschenk!« Sie holte einen Umschlag hervor und reichte ihn Maggie. »Du kannst es machen, wann du willst.«
Alle schwiegen, während Maggie den Umschlag öffnete und eine rosarote Karte hervorholte.
»Eine Aromatherapie-Massage«, las sie ungläubig vor. »Du schenkst mir eine Massage.«
»Ich dachte, so was könnte dir gefallen«, sagte Candice. »Bevor du das Baby bekommst oder danach … Die kommen zu dir nach Hause, du musst nicht mal vor die Tür …« Maggie blickte auf, und ihre Augen glänzten ein wenig.
»Das ist das einzige Geschenk, das ich bekommen habe. Ich – nicht das Baby.« Sie beugte sich über den Tisch und schloss Candice in die Arme. »Danke, meine Süße.«
»Du wirst uns wirklich fehlen«, sagte Candice. »Bleib nicht zu lange weg.«
»Na, ihr müsst mich besuchen kommen!«, sagte Maggie. »Und das Baby.«
»Auf deinem Landgut«, sagte Roxanne sarkastisch. »Dem Palast der Mrs Drakeford.« Sie grinste Candice an, die sich ihr Lachen verkneifen musste.
Als Maggie vor einem Jahr verkündet hatte, sie würde mit ihrem Mann Giles ein Cottage auf dem Land beziehen, hatte Candice sich ein schrulliges Häuschen mit schiefen Fenstern und einem ummauerten Garten vorgestellt, irgendwo mitten in einem Dorf.
Die Wahrheit sah ganz anders aus. Wie sich herausstellte, lag Maggies neues Haus – The Pines – am Ende einer langen, von Bäumen gesäumten Auffahrt. Es hatte acht Schlafzimmer, einen Billardsalon und einen Swimmingpool. Denn – was keiner ahnte – Maggie hatte heimlich einen Millionär geheiratet.
»Das hast du uns nie erzählt!«, hatte Candice vorwurfsvoll gesagt, als sie in der riesigen Küche saßen und Tee tranken. »Du hast uns nie erzählt, dass ihr im Geld schwimmt!«
»Wir schwimmen nicht darin!«, hatte Maggie sich verteidigt und ihren Emma-Bridgewater-Becher umklammert. »Es ist nur … auf dem Land sieht alles irgendwie größer aus.« Diese Bemerkung sollte sie nie mehr vergessen.
»Auf dem Land …«, setzte Roxanne gerade an, schnaubend vor Lachen. »Sieht alles irgendwie größer aus …«
»Ach, lass mich doch in Ruhe«, sagte Maggie gutmütig. »Guck mal, da kommen unsere Cocktails.«
Die blonde Kellnerin kam auf sie zu, trug ihr Silbertablett mit der flachen Hand. Drei Gläser balancierten darauf. Ein Margarita-Glas mit Salzrand, ein Highball-Glas, verziert mit einer aufgeschnittenen Limettenscheibe, und eine Champagnerflöte, die mit einer Erdbeere geschmückt war.
»Sehr stilvoll«, murmelte Roxanne. »Keine Kirsche weit und breit.«
Die junge Frau stellte die Gläser geschickt auf Papieruntersetzer, fügte ein Silberschälchen mit gesalzenen Mandeln hinzu und legte die Rechnung diskret – versteckt in einem grünen Ledermäppchen – an den Rand des Tisches. Als sie sich aufrichtete, sah Candice ihr noch einmal ins Gesicht und versuchte, sich zu erinnern. Irgendwoher kannte sie diese Frau. Da war sie ganz sicher. Aber woher?
»Vielen Dank«, sagte Maggie.
»Gern geschehen«, sagte die Kellnerin und lächelte, und als sie das tat, wusste Candice augenblicklich, wer sie war.
»Heather Trelawney«, stieß sie hervor, ehe sie es verhindern konnte. Und dann, als sich die Frau ihr langsam zuwandte, wünschte sie von ganzem Herzen, sie hätte es nicht getan.