Dogberry&Probstein

Adel verpflichtet

Eine mörderisch schwarze Komödie

frei nach dem Roman

“The Autobiography of a Criminal” von Roy Horniman

FELIX BLOCH ERBEN

Verlag für Bühne, Film und Funk

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Personenverzeichnis

PROLOG

ERSTER TEIL

Szene 1: Die Zelle

Szene 2: Das Huhn

Szene 3: Der Stammbaum

Szene 4: Der Henker

Szene 5: Sibella

Szene 6: Lionel

Szene 6b: Der erste Fall

Szene 7: Das Erbe

Szene 8: Abigales Party

Szene 9: Der Brief

Szene 10: Die Schachpartie

Szene 11: Die lieben Verwandten

Szene 12: Sibella 2

Szene 13: Am Filmset

Szene 14: Brabsheeth-Swishingpooth

Szene 15: Edith

Szene 16: Tante Ughtretta

ZWEITER TEIL

Szene 16a+b: Der elektrische (Beicht-)Stuhl

Szene 17: Sibella 3

Szene 18: Eiskalt

Szene 19: Die verhängnisvolle Latte

Szene 20: Schwert & Fisch

Szene 21: Abschiedsbrief

Szene 22: Und dann gab’s keinen mehr

Szene 23: Abschiedsbrief 2

Szene 24: Adel verpflichtet

Ende 2

Ende 3

Ende 4 Ende der Uraufführung in Hamburg

Über die Autoren

Über das Stück

Impressum

Personenverzeichnis

Victor Lopez, 25

William Calcraft, 60, Henker

Sibella Holland, 26, Jugendliebe Victors

Lionel Holland, 27, Sibellas Ehemann

Edith Gascoyne, 28, Victors Frau

Die Adeligen, von einem Darsteller zu spielen:

Onkel Marmaduke im Bilderrahmen, 50

Gascoyne Gascoyne, 27, Bankangestellter

Henry Gascoyne, 25, Stummfilmschauspieler

Ughtretta Gascoyne, 55, Berufsadelige

Henry Gascoyne, 94, liebt Hunde

Henry Gascoyne, 62, ein wollüstiger Pfarrer

Graf Simeon Gascoyne, 30, amtierender Graf

Gascoyne Gascoyne, 68, Börsenmakler

Gespielt von der Darstellerin der Edith:

Augusta Lopez, geb. Gascoyne, Victors Mutter

Abigale Bloomingdale, eine Choristin

Kate Falconer, eine Tänzerin

Gespielt vom Darsteller des Lionel:

Papa Lopez, ein singender Mexikaner

Ein Regisseur

Jeremiah, ein Messdiener

Barnes, Chief Inspector

Gespielt vom Darsteller des Henkers:

Ein Bote

ZEIT

Anfang 20. Jahrhundert

ORT

Eine Gefängniszelle in London

BÜHNENBILD

Der Naturalismus einer Zelle, die durch eine zweite Ebene und diverse Elemente (Klavier, Divan, Hecke, Bett, Schreibtisch etc.) Stück für Stück aufgebrochen wird, ist denkbar. Eine abstrakte Bühne, etwa an eine Guillotine erinnernd und durch oben genannte Elemente bereichert, gleichermaßen.

DIE SZENEN

helfen der Übersicht, das Stück kann und sollte aber durchgehend gespielt werden.

DIE SOUNDS

Die Uraufführungsproduktion wie auch die nachfolgende Berliner Produktion verwendeten eine Vielzahl speziell erstellter Sounds, die auch im Textbuch angedeutet sind. Die Lizenz zur Verwendung der Sounds für Inszenierungen kann über den Verlag erworben werden.

PROLOG

„Was ist der Körper, wenn das Haupt ihm fehlt?“
William Shakespeare (Heinrich VI.)

Stimmungsvolle Eingangsmusik. Dann Stille. Dunkel. Das Geräusch eines fallenden Beils. Spot auf den Henker.

HENKER
(auf einer schlichten Bank – sinniert vor sich hin) Doch was ist der Körper, wenn das Haupt ihm fehlt? (Pause) Kopflos.

(Er beginnt, seine Utensilien auszupacken. Im Laufe des Stückes wird er das Fallbeil mit einem Schleifstein schleifen und die Klinge polieren.)

Ich mag meinen Beruf. Morgens, auf dem Weg zur Arbeit, den Geruch des frisch gebackenen Brots einsaugen. Und um den Marktplatz herum den Geruch von Bratwürsten und Kuchen. Und in der Mitte des Platzes, wo die Zimmerleute meist noch nicht ganz fertig geworden sind, den harzigen Geruch der frisch geschnittenen Bretter. Diese Zeit, bevor das Getümmel losgeht und die Schaulustigen kommen, das ist mir die liebste Zeit. Da bin ich unter Leuten und trotzdem ganz für mich. Und für einen kurzen Moment respektieren sie mich. Denn ohne mich kein Spektakel. Ohne Henker keine Hinrichtung. (kurze Pause, lacht kurz in sich hinein) Bin ja gespannt, ob diese Adeligen wirklich blaues Blut in den Adern haben. Vielleicht hätte ich heute besser die blauen Schuhe anziehen sollen. Falls was daneben geht. Aber was: Auch nur so ne Redensart. Auch nur ein armer Sünder. Und trotzdem bin ich aufgeregter als sonst. Irgendwie –

SIBELLA
(auf einem Diwan – spricht das letzte Wort mit) Kopflos. Was bin ich heute wieder kopflos! In einer Stunde sollte ich bei Scotland Yard sein und weiß immer noch nicht, welchen Hut ich tatsächlich tragen soll. Oh! Was für ein strahlend schöner Tag! Tragen Engel Hüte? Denn als Engel werde ich ihm gleich erscheinen. Meinem süßen, kleinen Lord. – Ein Engel. Das gefällt mir. Victor Lopez, ich bin gekommen, um dir den Schlüssel zur Freiheit zu reichen. – Ich denke, ich verzichte auf den Hut. Jetzt muss ich mich aber beeilen, sonst ist mein kleiner Lord seinen –

ERSTER TEIL

Szene 1: Die Zelle

Spot auf Victor, der in seiner Zelle gerade seine Memoiren fertig geschrieben hat. Ein Lederbuch mit seinen Notizen, ein Füller. Eine Löschwippe, sowie ein Bild seiner Mutter auf dem kleinen Tischchen.

VICTOR
(spricht das letzte Wort mit) Kopf-los? Niemals. Man kann mir vieles vorwerfen, aber Kopflosigkeit mitnichten. Das wird sich bald ändern. (für sich) Wie betrüblich.

(Licht. Die Kerkerzelle. Währenddessen hat er die letzten Worte seiner Memoiren niedergeschrieben, löscht etwas Tinte mit einer Wippe.)

Verzeihen Sie bitte, Mr. Calcraft, aber meine Nerven liegen etwas blank.

HENKER
Kein Wunder. Mylord werden ja morgen gerichtet. Tja, vom Kesselflicker bis zum Grafen, vorm Beil sind alle Menschen gleich. Was machen Sie da, wenn ich fragen darf?

VICTOR
Ich habe meine Memoiren zu Papier gebracht. Akribisch lückenlos und fein leserlich.

HENKER
Oh, ich kann leider nicht lesen. Weder akribisch noch lückenlos.

VICTOR
Kennen Sie die Redensart: „Die Wahrheit kommt immer ans Licht“?

HENKER
So sagt man.

VICTOR
Ich glaubte noch nie, dass dem so sei. Die Aussage an sich ist ja auch gänzlich unbeweisbar. Nur weil der eine oder andere es geschafft hat, durch seine Ungeschicklichkeit den verschlafenen Blick des Gesetzes auf sich zu ziehen, heißt das noch lange nicht, dass alle Kriminellen so ungeschickt zu Werke gehen. Was mich betrifft, liegt eine gewisse Ironie darin, keinen Fehler gemacht zu haben und trotzdem zu scheitern. Denn ich schwöre Ihnen, Mr. Calcraft …

HENKER
William, Sir, nennen Sie mich William.

VICTOR
… diesen Mord, für den man mich morgen hinrichten will, habe ich nicht begangen.

HENKER
Natürlich nicht, Mylord. (lacht sympathisch) Aber wenn ich Ihnen bei Ihren Aufzeichnungen irgendwie behilflich sein kann, mit Mord und Totschlag kenne ich mich aus. Und nicht zuletzt habe ich natürlich ein berufliches Interesse.

VICTOR
Ich möchte, dass Sie wissen, wen sie da ins Jenseits befördern. Denn ein Unschuldsengel bin ich gewiss nicht.

HENKER
Das freut mich zu hören, Sir. Macht es einfacher für mich.

VICTOR
(schlägt seine Memoiren auf) Nun denn. Ich wuchs in Clapham auf, diesem so wenig ersprießlichen Teil Londons.

Flashback-Sound.

Szene 2: Das Huhn

MUTTER GASCOYNE
Victor?

VICTOR
Ja, Mama?

MUTTER GASCOYNE
Du bist schon wieder ohne Schal außer Haus gegangen.

VICTOR
Ja, Mama.

MUTTER GASCOYNE
Eines Tages wirst du noch deinen Kopf irgendwo liegen lassen.

VICTOR
Ja, Mama. Verzeih bitte.

MUTTER GASCOYNE
Du weißt, wie empfindlich deine Gesundheit ist.

VICTOR
Ja, Mama. Verzeih bitte. (will abgehen, zögert) Mama?

MUTTER GASCOYNE
Ja?

VICTOR
Benjamin hat gesagt, wir können nicht adelig sein, weil wir kein Schloss haben. Sind wir adelig?

MUTTER GASCOYNE
Aber ja, mein Junge.

VICTOR
Wo ist dann unser Schloss?

MUTTER GASCOYNE
Victor, ganz gleich, was die anderen sagen: Wir sind aus dem Hause Gascoyne, einer der ältesten englischen Adelsfamilien. Doch die Familie des Grafen Gascoyne hat es mir nie verziehen, dass ich mich in deinen Vater verliebte und ihn geheiratet habe. Und als er dann viel zu früh von uns ging, waren wir auf uns allein gestellt. So leben wir nun statt in einem Schloss in diesem Haus und haben statt eines Butlers einen Untermieter.

VICTOR
Was hatten sie gegen Papa?

MUTTER GASCOYNE
Nun ja … weißt du, er war ein einfacher Musiker.

VICTOR
Aber Papa war doch ein berühmter schottischer Dudelsackspieler im Londoner Symphonie-Orchester!

MUTTER GASCOYNE
Nicht ganz. Er war –

Ein Mexikaner mit großem Mexikanerhut und Guitarrón wird sichtbar.

MEXIKANER
(spielt und singt mexikanisch) La cucaracha, la cucaracha, Ya no puede caminar; Porque no tiene, porque le faltala patita principal!

VICTOR
Papa war Straßenmusiker?

MUTTER GASCOYNE
Er war begnadet, mein Junge!

MEXIKANER
Olé!

MUTTER GASCOYNE
(aus dem Bauch) Begnadet.

VICTOR
Ein Mexikaner?

MUTTER GASCOYNE
Von ihm hast du deine schönen, schwarzen Locken. (seufzt) Doch seit seinem Tod ist ein Huhn an Feiertagen wie heute ein äußerst rarer Leckerbissen.

VICTOR
(zum Henker) Verstehen Sie mich nicht falsch: Unnötige Grausamkeit hat mich schon als Kind abgestoßen. Doch dabei zuzusehen, wie meine Mutter ein Huhn schlachtete, und zu beobachten, wie lange es sich noch rührt, war ein Schauspiel, das seine Wirkung auf meine empfängliche Kinderseele nicht verfehlte.

HENKER
Auch Benjamin schaute mir immer gerne bei der Arbeit zu.

MUTTER GASCOYNE
Was ist der Unterschied zwischen einem toten, gerupften Huhn und einem lebendigen, Victor?

VICTOR
Das tote, gerupfte ist einen Sixpence mehr wert als das lebendige, Mama.

MUTTER GASCOYNE
Was machen wir daher?

VICTOR
„Seine Seele befreien“, Mama?

MUTTER GASCOYNE
Ganz recht.

HENKER
Jetzt wird’s spannend. War die Schneide auch schön scharf?

VICTOR
Mutters Beil war unter den Hühnern das gefürchtetste in ganz Clapham. Benjamin und ich feuerten Mutter an.

HENKER
Ganz der Papa …

VICTOR
Und ssssst – war der Kopf ab.

HENKER
Feine Sache, das.

VICTOR
Doch dann: Im Augenblick des Todes kam nochmal Leben in das Huhn. Kopflos stieg es Meter um Meter in die Höhe, der vermeintlichen Freiheit entgegen, um im nächsten Augenblick –

(Aus dem Schnürboden fällt der Mutter pfeifend ein Huhn in den Schoß. Sie beginnt es zu rupfen.)

Sinnlos, aber unterhaltsam. Ich habe mich oft gefragt, was wohl dem Kopf währenddessen durch den Kopf geht –

Szene 3: Der Stammbaum

MUTTER GASCOYNE
Victor, wovon träumt mein kleiner Liebling denn schon wieder.

VICTOR
Warum bekommen die anderen Kinder immer Besuch von ihren Onkeln und ihren Tanten und wir nie?

MUTTER GASCOYNE
Weißt du, Victor, früher kam uns mein Bruder, dein Onkel Marmaduke, gelegentlich besuchen …

(Ein Bilderrahmen der Ahnengalerie wird sichtbar. Darin „Onkel Marmaduke“. Musikalisches Adeligen-Motiv.)

Dein Onkel hegte zwar keine direkte Antipathie gegen deinen Vater …

Der Mexikaner wird wieder sichtbar. Er singt und spielt mexikanisch.

MEXIKANER
(singt) Y porque gitano soy!

MUTTER GASCOYNE
… und betonte immer wieder …

MEXIKANER
(singt) Como lo pienso voy!

ONKEL MARMADUKE
Augusta …

MEXIKANER
(trocken kommentierend) Ayayay!

ONKEL MARMADUKE
Du weißt doch genau, dass ich nichts gegen Ausländer habe.

MEXIKANER
(singt) Es un amor mi vi----da

Der Onkel erschießt den Mexikaner. Der Gesang erstirbt. Der Mexikaner verschwindet mit einem kurzen musikalischen Todesmotiv, das sich durch das Stück ziehen wird.

VICTOR
Donnerwetter. – An welchem Startplatz für das Grafenrennen steht Onkel Marmaduke denn?

MUTTER GASCOYNE
Das weißt du doch. Ich habe dir den Stammbaum oft genug gezeigt!

VICTOR
Ja, Mama.

MUTTER GASCOYNE
Mein Schatz. Wäre Onkel Marmaduke noch am Leben, so stünde er noch vor dir an 27. Stelle.

VICTOR
Was wurde aus ihm?

MUTTER GASCOYNE
Nach einer einmaligen und sehr kurzen Glücksträhne im Casino …

Man hört einen entsprechenden Jackpot-Sound, der Onkel juchzt.

ONKEL MARMADUKE
(sprengt den Bilderrahmen) Juhu!

MUTTER GASCOYNE
… verfiel er dem Glücksspiel und konnte schließlich seine Schulden nicht mehr begleichen. So blieb ihm nur ein Ausweg.

Der Onkel erschießt sich. Todesmotiv. Das Bild ab.

VICTOR
Oh …