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PAUL OSBORNE ist seit 20 Jahren mit Leib und Seele Feuerwehrmann in London. 2013 wurde er, als einer von nur 14 Feuerwehrleuten in ganz England, dazu ausgewählt, Hunde speziell für den Einsatz bei der Feuerwehr zu trainieren. Dabei traf er Sherlock. Gemeinsam sind sie Tag für Tag im Einsatz, um Leben zu retten.

Sherlock ist ein sechs Jahre alter Cockerspaniel mit großen, runden Augen und einer feinen Spürnase, die wie keine andere Brandbeschleuniger entdeckt. Seit 2013 lebt er bei Paul Osborne und seiner Familie. Seine große Leidenschaft sind Tennisbälle.

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PAUL OSBORNE

SHERLOCK
DER FEUERWEHRHUND

Lebensretter auf vier Pfoten

Aus dem Englischen
von Ralf Pannowitsch

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel
Sherlock, the Fire Brigade Dog bei Century, London.


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Copyright © 2018 by London Fire Commissioner

Copyright © 2018 by Paul Osborne

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 by

Penguin Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: www.bürosüd.de
nach einem Entwurf von Cornerstone UK

Umschlagmotiv: Hund Sherlock © London Fire Commissioner;
Feuerwehrhelm © Silas Manhood

Redaktion: Regina Jooß

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-24338-8
V001

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Feuerwehrhund Sherlock

Für die vier wichtigsten Frauen, die mein Leben komplett machen: Mutter, Emma, Olivia und Kate. Mit euch an meiner Seite ist das Glas immer halb voll – oder doppelt so groß, wie es sein müsste! xx

Vorwort von Dany Cotton,
Chefin der Londoner Feuerwehr

Jeder weiß, dass es gut für uns ist, einen kuscheligen vierbeinigen Freund zu haben – es bereichert uns so sehr. Hunde machen uns glücklicher und gesünder, und sie zaubern uns ein Lächeln aufs Gesicht. Als die Londoner Feuerwehr im Jahr 2000 speziell ausgebildete Brandermittlungshunde einführte, war ich überglücklich. Ich mag Hunde, aber das war nicht der einzige Grund. Unsere Hunde helfen dem Team der Brandermittler, Leute, die absichtlich einen Brand auslösen, vor Gericht zu bringen. Unseren Hunden dabei zuzuschauen, wie sie eine Brandstätte ausschnüffeln, hat etwas Magisches. Ihre empfindlichen Nasen arbeiten genauer als die modernsten und sensibelsten Technologien, die zum Aufspüren entflammbarer Substanzen entwickelt wurden.

Sherlock – dieses kleine Energiebündel – ist ein Cockerspaniel, dessen offizielle Stellenbezeichnung lautet: spezialisierter Brandermittlungshund. Er trat 2013 in den Dienst der Londoner Feuerwehr und ist einfach beeindruckend. Wenn Sie ihm auf der Straße begegnen, mag er wie ein gewöhnlicher Hund aussehen, in Wahrheit ist er aber alles andere als gewöhnlich. Er ist ein wichtiger Teil der Londoner Feuerwehr- und Brandschutz-Teams und hilft uns, die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Seine Energie ist unerschöpflich, und durch das Tempo, mit dem er eine entzündliche Flüssigkeit aufspürt, können wir Brandstätten rascher untersuchen als früher. Seine Nase kann noch die kleinsten Spuren eines verdächtigen Stoffes akkurat erschnüffeln – und das bis zu einem Jahr, nachdem die eigentliche Substanz von der Bildfläche verschwunden ist.

Doch Sherlock wäre verloren ohne Paul Osborne, seinen engagierten Hundeführer. Die beiden sind wirklich ein eng verbundenes Profi-Team, egal, ob an einem Brandort oder irgendwo sonst. Paul hat 21 Dienstjahre Erfahrung bei der Feuerwehr. Nachdem er seine Fähigkeiten beim Feuerwehr- und Rettungsdienst der Grafschaft Kent perfektioniert hatte, kam er 2005 nach London. Seit 2009 ist er in unserer Abteilung für Brandursachenermittlung tätig. Dort findet er heraus, weshalb es zu einem Feuer kam, er untersucht die Brandstätten und tritt auch als Zeuge vor Gericht auf, wenn ein Brand mit Todesfolge oder eine Brandstiftung verhandelt wird.

Ich freue mich sehr, dass uns Paul an der wunderbaren Geschichte seiner Laufbahn mit Sherlock teilhaben lässt. Wir sind wirklich stolz, die zwei bei der Londoner Feuerwehr in unseren Reihen zu haben.

Dany Cotton, London Fire Commissioner

KAPITEL 1

D-Day wie Dog Day

»Paul, du wirst echt gut sein in dieser neuen Funktion, da habe ich gar keine Zweifel. Aber eines will ich dir trotzdem sagen: Was genau der neue Job für dich mit sich bringt, weißt du erst, wenn du deinen Hund bekommst. Vergiss das nicht!«

Als mir Mick Boyle, mein guter Freund und Kollege im Brandermittlungsteam, das damals sagte, fand ich es seltsam. Ich war mir nicht sicher, was er damit eigentlich meinte, aber immerhin war er der erfahrene Hundeführer, der sich um Roscoe und Murphy, unsere beiden Brandermittlungshunde, gekümmert hatte. So konnte ich gewiss sein, dass er auf etwas Wichtiges hingewiesen hatte. Wir hatten zwischen den Schichten einige Male miteinander gequatscht, eine Menge Späße gemacht und bei so mancher Tasse Kaffee miteinander herumgealbert. Ich verstand seine Worte zunächst einfach als gut gemeinten Rat eines Kollegen, den ich sehr achtete und der eine Menge Sinn für Humor hatte. Und doch schien sein Scherz diesmal keine Pointe zu haben – oder sollte sie mir entgangen sein? Um ehrlich zu sein: Egal, wer gerade etwas sagte, ich hörte nur mit halbem Ohr hin. Alle meine Gedanken kreisten zu diesem Zeitpunkt um ein einziges Thema.

Ich war bereit für diese Herausforderung. Es war genau das, was ich mir schon so lange wünschte: Ich wollte meinen eigenen Brandermittlungshund haben – oder, um es exakt auszudrücken, meinen eigenen Kohlenwasserstoff-Spürhund. Mick wusste, dass es für mich die Erfüllung eines großen Traumes wäre, Hundeführer zu sein. Und dann kam mein persönlicher Dog Day – Freitag, der 12. Juli 2013 –, ein Tag, den ich nie vergessen werde. Der Tag, an dem ich Sherlock in mein Leben einlassen sollte. Sherlock war kein gewöhnlicher Feuerwehrhund; dieses Energiebündel von einem Cockerspaniel war schlicht und einfach der Stolz des ganzen Brandermittlungsteams der Londoner Feuerwehr. Alle meine Kollegen betrachteten ihn als den Spitzenhund. Sherlock war einfach der Beste, und nun würde er zu mir gehören.

War ich dieser Aufgabe gewachsen? Und wichtiger noch: Würde Sherlock glauben, dass ich der Aufgabe gewachsen war? Denn wenn nicht, hätten wir alle in der Klemme gesteckt. Es war so ein Schlüsselmoment, wie auch Sie ihn gewiss schon erlebt haben. Einer dieser Augenblicke, in denen Sie Ihre Persönlichkeit eingehend im Spiegel betrachten und hinter Ihren Augen danach forschen, ob Sie noch hundertprozentig da sind. »Spieglein, Spieglein an der Wand: Wer bin ich? Was habe ich erreicht? Und wo wird mich mein Weg hinführen?« Verstehen Sie, was ich meine?

Lassen Sie mich mit dem beginnen, was schnell abzuhandeln sein sollte.

Wer bin ich? Ich heiße Paul Osborne und arbeite seit fünf Jahren als Brandermittler bei der Londoner Feuerwehr. Als Feuerwehrmann habe ich schon zwanzig Jahre Berufserfahrung. Ich habe einige schreckliche Dinge gesehen. Dinge, bei denen sich mir die Haare gesträubt haben, und manchmal musste ich mir ganz fest vornehmen, sie zu vergessen.

Was habe ich erreicht? Ich habe eine schöne Frau, Kate, und zwei wunderbare Töchter, Emma und Olivia. Die drei sind meine besten Errungenschaften, mein größter Stolz und die Quelle meiner tiefsten Freude. Wir leben in der Grafschaft Kent, meiner Heimatregion, in einem hübschen Haus, das ich mit eigenen Händen nach und nach renoviere. Es wird großartig werden … irgendwann einmal. Das habe ich mir vorgenommen, also wird es auch so kommen.

Ich hörte, wie der Hundetransporter draußen vorfuhr, und eine Woge der Aufregung schlug über mir zusammen. Es war ein bisschen wie früher zu Weihnachten, wenn man hoffte, dass einem der Weihnachtsmann jenes eine, ganz besondere Geschenk brachte, das man sich das ganze Jahr über gewünscht hatte. Das musste Sherlock sein! Jetzt war es so weit.

Wäre Mick allein gekommen, hätte er längst an der Tür gestanden und geklopft. Ich hörte, wie die Fahrertür aufsprang. Wie sich die Hintertüren knirschend öffneten. Was dann folgte, war ein Geräusch, das ich sofort wiedererkannte: eine Art Schurren und Klappern, als würde etwas von der Ladefläche gezogen … Und dann schlugen die Hintertüren zu … eins! … zwei!

Ich hatte meine Arbeitskluft an: dunkelblaue Hose und dunkelblaues Hemd mit dem roten Abzeichen der Londoner Feuerwehr. Ich erinnere mich noch, wie ich durch Küche und Diele zur Haustür ging, mich aufrichtete und prüfte, ob ich korrekt angezogen war – als würde Sherlock gleich eine Inspektion vornehmen und könnte von meinem Erscheinungsbild enttäuscht sein. Natürlich war das bescheuert, aber der erste Eindruck zählt doch, auch wenn man einem Hund begegnet, oder? Ich öffnete die Tür, und da stand Mick mit einem schwarzen Cockerspaniel – wuschelig-weiche Pfoten, gelockte Schlappohren –, einer Leine und einer rosa Hundedecke.

»Hier ist er, und ich lege ihn ganz in Ihre Hand, mein Herr. Der edelste Sohn Britanniens ist fortan in Ihrer Obhut … Und denk an das, was ich dir gesagt habe: Jetzt geht es richtig los. Jetzt wirst du nach und nach entdecken, was dieser Job alles mit sich bringt.«

Auftritt Sherlock. Oder vielmehr, wie ich bald erkannte, »Mister Hummelhintern«, »Sherlockster, der Rockster« oder einfach »Rockster«. Stellen Sie sich vor, wie ein kräftiger, fellbezogener Ball aus energieprallem Chaos plötzlich in Ihrem Wohnzimmer aufschlägt, und Sie bekommen wenigstens eine vage Ahnung von dem Eindruck, den Sherlock an jenem Morgen auf uns machte. Er stürmte wie besessen durch jeden Raum im Erdgeschoss und dann raus in den Garten. Überall schnüffelte er herum – bei dieser Gelegenheit vermutlich auf der Suche nach Futter. Meine Töchter waren beide noch ganz klein: Olivia war drei Jahre alt, und Emma hatte eben erst ihren ersten Geburtstag hinter sich. Sie konnten noch nicht so richtig begreifen, was da vor sich ging, aber das breite Lächeln auf ihren kleinen Gesichtern sagte alles: Ihr neuer Spielgefährte war eingetroffen!

Sherlock hatte den höchsten Gang eingelegt, und inzwischen weiß ich, dass ihn dann – oje! – nichts mehr stoppen kann. Dieser Hund war auf einer Mission.

Sein hin- und herschlenkernder Hinterleib und der verrückt nach beiden Seiten ausschlagende Schwanz schienen ein Eigenleben zu entfalten. Sie ließen alles, was links und rechts von ihrem Pfad lag, zu Boden gehen – einschließlich der kleinen Emma, die von Sherlocks Hinterteil umgerempelt wurde, als er an ihr vorbei in den Garten sauste. Es machte ihr nichts aus: Sie juchzte und war in Sekundenschnelle wieder auf den Beinen.

»Nein, Sherlock!« waren vermutlich die ersten Worte, die ich an jenem Tag an meinen neuen Kollegen richtete. Sein Hinterteil schlug frenetisch nach beiden Seiten aus, ähnlich wie bei jenen Slinky-Spielzeughunden, die zwischen dem Kopf und den Füßen eine Springfeder haben. Krach, bumm … und dann ran ans Graben! Es folgte noch jede Menge weiteres Buddeln und, wie ich mich erinnere, auch eine Menge Gekacke.

Ich stand mit Kate und den Mädchen am Rand und beobachtete, wie Sherlock seinem neuen Zuhause – unserem Zuhause – Hallo sagte und meinen kürzlich angelegten Blumenbeeten seinen Stempel aufdrückte. Vielen Dank auch, Kumpel! Wir ließen ihm eine Menge Zeit, damit er unser Zuhause begutachten konnte, doch schließlich zeigten wir ihm hinten im Garten seine eigene »Einliegerwohnung«. Er ist ein Arbeitshund und daran gewöhnt, seine eigene Behausung zu haben. Ich hoffte dennoch, dass er die kuschelige Hundehütte annehmen würde, die ihm die Feuerwehr mitgeliefert hatte.

Ich rief ihn zu mir, und er lief an meiner Seite den Gartenweg entlang, bis wir die attraktive kleine Hunderesidenz erreicht hatten. Ursprünglich an der Seite eines alten hölzernen Gartenschuppens gelegen, dessen Dach von Kletterrosen überwachsen war, bot Sherlocks neue Hütte Wärme, genug Raum und modernstes Design: Sie war isoliert für den kalten Winter und hatte sogar eine Tür aus zwei separat zu öffnenden Hälften, sodass man im Sommer die Luftzufuhr regeln konnte. »Willkommen in deinem neuen Zuhause, Kumpel! Wie findest du’s?« Sherlock beschnüffelte Einstreu und Schüsseln und würdigte die Kollektion von Tennisbällen (seinem Lieblingszeitvertreib) und anderen, eigens für ihn ausgesuchten Spielsachen, indem er ihnen einen ordentlichen Schubs mit seiner schnurrbärtigen, cremeweiß gefleckten Schnauze gab. Dann aber flitzte er zurück in den Garten und startete den nächsten Versuch, sich zum Erdkern durchzugraben – durch meine Blumenbeete.

»Sherlock, nein!«

Kate entschied an jenem Nachmittag, dass ich Sherlock am besten erst einmal auf einen Spaziergang mitnehmen sollte. Da könnte er doch seine neuen Lieblingsplätze näher kennenlernen und die Gerüche der Nachbarschaft aufnehmen. Ich hatte das Gefühl, dass ich diesem Vorschlag lieber zustimmen sollte. Wir haben das Glück, in einem Haus zu wohnen, das hinten hinaus an einen schönen Park grenzt, in dem es für Hunde jede Menge Platz gibt, um sich ihres Hundseins zu erfreuen und Dampf abzulassen. Ich hatte sowieso vor, Sherlock jeden Morgen vor der Arbeit eine Runde im Park rennen zu lassen und ihn abends vor dem Schlafengehen noch einmal dorthin auszuführen. Es lag auf der Hand, dass dieser Park ein alltäglicher Bestandteil seines neuen Lebens mit mir werden würde – hätte es also ein besseres Ziel für den ersten Tag gegeben? Ich holte Sherlocks Leine aus der Diele und rief ihn zu mir.

Aber halt – wo steckte er eigentlich? Vor ein paar Sekunden war er doch noch an meiner Seite gewesen. Ich ging durchs Haus in den Garten zurück und erwartete, ihn dort mit der Schnauze tief in den Blumenbeeten anzutreffen. Doch auch hier war er nicht. Kate meinte, sie habe einen Sherlock-ähnlichen Wirbelwind zur neuen Hütte sausen sehen. Dort saß er tatsächlich und ließ den Kopf hängen.

»Was ist los, du Dusseltier? Ich möchte doch mit dir spazieren gehen.« Ich streckte den Arm nach ihm aus und hakte die Leine am Halsband fest, doch er drückte sich nur noch mehr gegen den Boden. Was zum Kuckuck stimmte hier nicht? Ich nahm ihm die Leine wieder ab und griff nach einer der Kaustangen, die wir in sein Begrüßungspaket gesteckt hatten. Wenn sonst nichts funktioniert, kann man es immer noch mit Futter rausreißen, besonders bei einem Cockerspaniel. »Komm her, alter Junge, jetzt aber mal los!«

Die Kaustange brachte uns immerhin bis an die Toreinfahrt, und dort versuchte ich es noch einmal mit der Leine. Nun aber merkte ich, wo das Problem lag: Sherlock mochte offenbar den Verkehr nicht. Und zwar ganz und gar nicht. Er fühlte sich eindeutig gestört vom Lärm und vom Vorübersausen der Fahrzeuge. Allerdings hatte ich das Gefühl, alles würde wieder ins Lot geraten, wenn ich es schaffte, ihn die 400 Meter bis zum Park mit leckeren Kaustangen und ein paar ermutigenden Worten abzulenken. »Ja, so ist’s schön, Sherlock … guter Hund … gleich sind wir da, Kumpel … so gut wie da …«

Wir schafften es bis zum Parkeingang, und als Sherlock die weiten grünen Flächen erblickte, änderte sich sein Verhalten komplett. Er wurde wieder zu dem herumflitzenden und schnüffelnden Energiebündel, das er bei seiner Ankunft gewesen war. Sobald seine Pfoten den Rasen berührten, hob er den Kopf, und das ganze Hinterngewackel ging wieder los. Nachdem er meinen zustimmenden Blick abgewartet hatte, rannte er los, um seinen neuen Tummelplatz zu erkunden. Jetzt war Sherlock glücklich, daran gab es keinen Zweifel.

Ich atmete tief durch, während ich ihm aus einiger Entfernung zuschaute. Ich freute mich, dass der Parkbesuch so ein Volltreffer war. Er liebte es sichtlich, im Grünen zu sein! Hier hatte er hektarweise Platz zum Herumtollen, und der Park würde auch ein guter Ort sein, um sich gemeinsam auf den Arbeitstag vorzubereiten oder um nach einer anstrengenden Schicht wieder zur Ruhe zu kommen. Das malte ich mir mit Behagen aus. Nachdem ich eine Weile darüber nachgesonnen hatte, wie wunderbar die kommende Etappe meiner beruflichen Laufbahn doch sein würde, wenn ich Sherlock an meiner Seite hatte, kam mir plötzlich zu Bewusstsein, dass ich vermutlich besser ein wachsames Auge auf das Treiben meines neues Partners richten sollte.

Ein Blitz aus schwarzem Fell sprang mir in die Augen und riss mich aus meinen Tagträumereien. Hatte er etwas gefunden? Warum, verdammt noch mal, ist er unter jenen Baum dort gekrochen? Ich sah, dass andere Spaziergänger bereits interessiert verfolgten, was da vor sich ging, und so trat ich ein wenig näher an die schattige Stelle heran, an der Sherlock sein ganz spezielles, feuchtes und grasiges Plätzchen gefunden hatte. Er steckte schon fast bis zu den Schultern im Erdreich und schob die Schnauze immer tiefer hinein. Was war ihm bloß in den Sinn gekommen? Grub er etwa nach Trüffeln?

»He, ist das Ihr Hund? Was hat er da wohl gefunden? Einen vergrabenen Schatz vielleicht? Wenn ja, will ich auch was davon!« Dieser Mann, der ebenfalls mit Hund unterwegs war, konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen, und das war auch nicht verwunderlich. Sherlock, der Stolz der Londoner Feuerwehr, buddelte gerade ein großes, hässliches Loch. Schlamm klebte ihm an der Nase, im Maul und an den Vorderbeinen. Mit einem leicht verrückten Ausdruck in den Augen grunzte und schnaubte er sich seinen Weg durchs Erdreich, sodass der Dreck in alle Himmelsrichtungen spritzte.

»Ja«, hörte ich mich dem Passanten stolz entgegnen, »das ist mein Hund.« Aber ich fragte mich unwillkürlich: Wenn in jenem Loch kein Schatz vergraben lag, suchte Sherlock dann nach seinem eigenen Verstand? Er wirkte so selbstzufrieden; sein ganzes Gesicht war mit Matschflecken übersät, und seine großen braunen Augen drehten sich vor Freude im Kreis.

Es war Zeit zu gehen, bevor der Krater, den Sherlock dort ausschachtete, tiefer wurde und wir eine noch größere Menschenmenge anzogen. »Bei Fuß! Komm schon, du verrücktes Vieh. Lass uns nach Hause gehen.«

Er kam sofort zu mir, und wir spazierten zum Parkeingang, wo ich ihm für die kurze Strecke bis zum Haus die Leine anlegte. Sogleich senkte er den Kopf; der Verkehrslärm nahm ihn bereits wieder in Anspruch.

»Keine Bange, mein Junge, wir kriegen das schon hin. Ich bin mir nicht sicher, was mit dir los ist, aber ich werde mal mit Dave und Clive sprechen, die dich kennen, seit du ein kleiner Welpe warst. Wir werden uns schon was einfallen lassen.« Inzwischen war mir klar, dass wir vorsichtig sein mussten, wenn wir uns dem Straßenverkehr näherten. Vielleicht war Sherlock in seiner frühen Kindheit von Autos erschreckt worden und nie darüber hinweggekommen? Womöglich würden wir es nie erfahren.

»Na bitte«, sagte ich, »jetzt bist du wieder daheim.« Ich nahm ihm die Leine ab. Und schon schwenkte Sherlocks Schwanz wieder von einer Seite zur anderen und nahm den ganzen Körper mit. Nun sah er wie ein Hund aus, der sich wohlfühlte und es sich gemütlich machen wollte. Hoffentlich trog der Schein nicht. Ich sah, wie Olivia und Emma reagierten, als Sherlock wieder in die Diele gelaufen kam. Es war pure Magie. Die lächelnden Gesichter meiner Töchter boten einen Anblick, den ich nie vergessen werde. Wir hatten einen Hund im Haus, und ein besseres Gefühl konnte es überhaupt nicht geben.

Glücklicherweise hatte es Sherlock geschafft, einigermaßen trocken zu werden und seine Schlammschicht abzuschütteln, ehe wir die Haustür erreichten. Das gehört zu den vielen tollen Dingen an Cockerspaniels: Sie haben ein selbstreinigendes Fell. Da muss sich jemand echt Gedanken gemacht haben, als diese Rasse entworfen wurde. Andernfalls würde ein Hund, der so eifrig buddeln und sich derart schmutzig machen kann, 90 Prozent seiner Zeit entweder draußen vor der Tür oder im Bad verbringen. Als Sherlock heimkam, hingen ihm nur noch ein paar verräterische Schlammklümpchen im Bart. Ich brauchte ihm nur einmal mit der Hand über die Schnauze zu streichen, um sie zu entfernen, bevor Kate etwas sah. Außerdem begriff ich, dass ein Haarschnitt die Dinge vereinfachen würde – nicht bloß für Sherlock, sondern auch für mich als Hundehalter. Ich würde mich sehr bald darum kümmern müssen. Aber jetzt musste ich dem Burschen erst mal was zu fressen geben.

Ich beschloss, dass er das Abendessen in seinem neuen »Appartement« einnehmen sollte, denn das würde ihm helfen, sich an seinen Alltag zu gewöhnen. Als Neuerwerbung der Londoner Feuerwehr hatte Sherlock zunächst bei meinem Kollegen Dave Arnold gewohnt, einem Brandermittler und Hundeführer. Dort durfte er im Haus bleiben, wo er es sich sehr gemütlich machte und sich durch alle möglichen Dinge kaute – Teppiche, Möbelstücke, Kleidung und ein Paar heiß geliebte und gewiss sehr schmackhafte Flipflops. Die Berichte über Sherlocks zerstörerische Ader waren ein Grund dafür gewesen, dass wir ihm sein eigenes Quartier gaben. Außerdem ist Sherlock ein Diensthund, und da bringt es die Dinge weniger durcheinander, wenn man ihm seinen eigenen Raum lässt, als wenn man ihn wie ein Schoßhündchen mit in die Wohnung nimmt. Zudem war unser Zuhause überhaupt nicht »sherlocksicher«, auch wenn die entsprechenden Umbaumaßnahmen auf meiner Aufgabenliste plötzlich ganz nach oben gewandert waren.

An jenem Abend entschied Sherlock selbst, wann er zu Bett gehen wollte. Wir hatten schon bemerkt, dass er in Richtung Hütte verschwunden war, und als ich nachsehen ging, lag er bereits eingekuschelt in die rosa Decke, die zusammen mit ihm eingetroffen war. Ich hatte sie ihm zu der Einstreu gelegt, damit er in seiner ersten Nacht bei uns einen vertrauten Geruch um sich hatte. Wir wissen ja nicht, was Hunde wirklich fühlen, wenn sich ihre Umgebung verändert. Allerdings dürfen wir mit einiger Sicherheit annehmen, dass ein vertrauter Gegenstand an ihrer Seite für sie ebenso wichtig ist wie ein Lieblingsspielzeug oder ein Schnuller für ein Kind.

Ich wollte Sherlock nicht stören, aber ich musste nachschauen, ob er seine Tennisbälle und Spielsachen bei sich hatte, damit er beschäftigt war und nachts nicht zu jaulen anfing. Das hätte ihn (und die Nachbarn!) unnötig aufgeregt. Ich schaffte es nicht ganz, unbemerkt auf Zehenspitzen zu ihm vorzudringen, aber er war so müde, dass er mich nur mit einem schläfrigen Blick bedachte, sich über die Schnauze leckte und das Kinn auf die Pfoten legte. Ich glaube, ich vernahm den ersten Schnarcher schon, bevor ich die Tür für die Nacht verschlossen hatte.

Als ich wieder zum Haus hinüberging, fragte ich mich erneut, was es wohl mit Sherlocks Abscheu vor dem Straßenverkehr auf sich haben mochte. Doch vielleicht würde sich dieser Zug sogar als Vorteil erweisen – so musste ich nicht befürchten, dass mir Sherlock mitten in einem Einsatz zwischen die Autos rannte. Wir hatten ja auch gerade erst unsere erste Vertrauensprobe bestanden. Vertrauen war die Grundlage für meinen Glauben an ihn als Feuerwehrhund, aber auch er musste mir als seinem Hundeführer vertrauen. Er tat mir wirklich leid. Aber dieses Problem würden wir wahrscheinlich jeden Tag aufs Neue bewältigen müssen. Die Zeit würde es zeigen.

Was mein Hund noch nicht wissen konnte (aber im Laufe unserer gemeinsamen Zeit lernen würde): Ich weiß genau, welche Macht das Gefühl von Unsicherheit entfalten kann. Wir alle haben unsere kleinen Dämonen, die hervorspringen, wenn wir uns verletzlich fühlen: wenn wir uns in einen neuen Job einarbeiten, neue Menschen kennenlernen oder vor neuen Herausforderungen stehen, in denen wir unsere Stärken definieren und unsere Schwächen austesten müssen. Solche Dinge machen uns zu dem, was wir sind. Ich war mir sicher, dass wir es gemeinsam hinkriegen würden.

Es war ein ereignisreicher Tag für alle gewesen, und jeder von uns hatte seine Aufgabe erfüllt, Sherlock die erste Begegnung mit seinem neuen Leben leicht zu machen. Ich hatte das Gefühl, dass es nur der Startpunkt einer Entdeckungsreise war – und zwar nicht allein für Sherlock und mich, sondern für uns alle.

Kate war in der Küche und mixte uns einen Drink, den wir mit in den Garten nehmen wollten. Ich stieg die Treppe hoch, um nach den Mädchen zu schauen. Eigentlich hatte ich erwartet, sie würden bereits tief und fest schlafen, aber Olivia war noch hellwach und bombardierte mich mit Fragen zu Sherlock. Sie wollte wissen, ob es in seinem Bett bequem war und ob ich ihm schöne Träume gewünscht hatte. Er war noch nicht einmal 24 Stunden bei uns und doch schon ein Bestandteil der höchst wichtigen Schlafengehens-Zeremonie. Ich versicherte ihr, dass Sherlock gut zugedeckt in seinem Bett lag und nach so einem großen Tag ganz sicher süße Träume hatte.

Als Kate und ich im Garten saßen und die Verwüstungen betrachteten, die unser neues Familienmitglied den Beeten beigebracht hatte, fragte ich sie, ob sie Sherlock auch süße Träume gewünscht hatte. Sie sei froh, erwiderte sie, dass er wenigstens Ruhe gab, wenn er schlief! Alles, was auf seiner Höhe und an seiner Rennbahn durchs Haus lag, hatten wir zur Sicherheit umgestellt: Raumschmuck, Lampen … Alles Dekorative oder Zerbrechliche lief Gefahr, von seinem Schwanz zur Seite gewedelt oder von seinem Hinterteil umgerempelt zu werden.

So also verlief unser erster Tag mit diesem Burschen. Wir hatten dagestanden und zugeschaut, während Sherlock den Garten, in den ich so viel Arbeit gesteckt hatte, umbuddelte. Die etwas erhöht angelegten Blumenbeete waren nun wieder auf Rasenniveau gebracht oder vielmehr in der Gegend verteilt, und dort, wo sich die Hundetoilette befand, warteten eine Menge Säuberungsarbeiten auf uns. Ansonsten war es aber ein guter Tag gewesen – voll positiver Signale dafür, dass sich Feuerwehrhund Sherlock in seinem neuen Zuhause glücklich und unbeschwert fühlte.

An jenem Tag hat meine Familie ein paar Lektionen gelernt, und die wichtigste davon war, dass Sherlock immer nur in demselben Gang lief, und zwar im fünften. Und man durfte sich nicht davon täuschen lassen, dass er dreinschaute, als könnte er kein Wässerchen trüben. Sherlock weiß genau, was er will und wo er es bekommen kann. Wenn es sich um Futter handelt, kann ihn niemand stoppen. Auch sein geliebter Tennisball muss immer in der Nähe sein. Sherlocks Schwung kannte und kennt keine Grenzen. Natürlich freut man sich bei einem Arbeitshund darüber, Sherlock aber schaltet auch in seiner Freizeit keinen Gang zurück.

Kate und ich blieben an jenem Abend länger auf als üblich, und unser Gespräch drehte sich einzig und allein um Sherlock. Aber das war angesichts seiner folgenschweren Ankunft auch nicht anders zu erwarten gewesen. Wir sprachen darüber, wie hübsch er war und dass seine Fellfärbung einem Riegel aus glänzender dunkler Schokolade ähnelte, durch den sich weiße Wirbel ziehen, die sich hier und da zu Flecken verbreitern. An seinen Füßen hat er cremeweiße Kleckse – die linke Vorderpfote hat den größten abbekommen –, und an Schnauze und Brust gibt es weitere helle Stellen. Er sieht aus, als hätte ihn jemand gemalt, dem es schwerfällt, sich an die Linien zu halten.

Und dann ist da sein Bart, der ihm einen Anschein von Weisheit verleiht, wie er sie in seinem zarten Alter noch gar nicht haben kann. (Nur wenn ihm der Sabber in den Barthaaren hängt, sieht es nicht so toll aus.) Sein glänzender ebenholzfarbener Körper ist gedrungen und muskulös, aber dennoch perfekt proportioniert. Im Kontrast zu seinem pfiffigen kleinen Gesicht, den hellen Augen, dem wachsamen Blick und den herabhängenden, mit welligen, dunkelbraunen Haaren bedeckten Ohren steht ein krauser Haarwirbel, der im Sommer einen seltsamen burgunderroten Farbton annimmt.

Sowohl Kate als auch ich hatten in unseren Elternhäusern Hunde gehabt, und in unseren Familien gibt es immer noch welche. Ehrlich gesagt hatte ich mir schon immer einen Cockerspaniel gewünscht, aber nie genügend Platz für eine so temperamentvolle Rasse gehabt. Ihre Anziehungskraft liegt, glaube ich, darin, dass man praktisch nie einen Cockerspaniel antrifft, bei dem im Oberstübchen alles in Ordnung ist. Mit ihren weit aufgerissenen Augen und ihrer übermütigen Art scheinen sie allesamt ein bisschen übergeschnappt zu sein. Es ist, als könnte man in ihrer Gegenwart alle möglichen verrückten Dinge erleben – und genau das mag ich. Ihr Bedürfnis nach jeder Menge Bewegung und ihr Hang, ein wenig gestört zu sein, schreckten mich nicht im Mindesten. Aber all diese Energie, diese Neugier und Konzentriertheit brauchen ein Ventil, und deshalb kann ich verstehen, warum sie so gute Diensthunde sind. Mit Sherlock sollte diese kraftvolle Cockerspaniel-Persönlichkeit künftig ein Teil meines Alltagslebens sein.

Kate und ich mussten lachen, als wir uns an manche Begebenheiten dieses Tages erinnerten. Wir fanden, dass Sherlock Taz ähnelte, dem Tasmanischen Beutelteufel aus dem Comic. »Es ist die Art, wie er in einen Raum hineingewirbelt kommt, wie er herumsaust, Chaos stiftet und wieder hinausflitzt. Er kann einfach nicht still sitzen, nicht wahr? Es ist verrückt, aber ich glaube, so ist er eben. Wir müssen uns einfach daran gewöhnen. Letzten Endes ist es Sherlock, wie er leibt und lebt, oder?«, sagte ich zu Kate, die mich anschaute, als wollte sie erwidern: »Das war jetzt eine rhetorische Frage, nicht wahr?«

»Paul, ich weiß nicht, warum du annimmst, ich wäre es nicht längst gewohnt, mit einem Wirbelwind wie Sherlock zusammenzuleben. Du merkst doch sicher selbst, wie ähnlich ihr beide euch seid? Ihr passt so gut zusammen, weil keiner von euch auch nur eine Sekunde still sitzen kann. Ihr werdet gut miteinander klarkommen, daran gibt es gar keinen Zweifel. Und ich? Nun, ich denke, Sherlock wird mein drittes Baby sein – oder vielleicht unser erster schwieriger Teenager!«

Kate kennt mich seit unserer gemeinsamen Schulzeit; sie ist schon fast ein Jahrzehnt mit mir verheiratet – und damit auch mit der Feuerwehr. Sie kennt mich ganz sicher besser als ich mich selbst. Und nun hatte ich ihre Unterstützung, und das bedeutete alles für mich. Ich hatte die neue Rolle als Hundeführer in meinen Arbeitsalltag eingebracht, was keine Kleinigkeit war, aber gleichzeitig hatte ich auch den Hund in die Familie eingebracht. Wenn Kate nichts dagegen hatte, mich und dazu noch eine vierbeinige Version von mir im Haus zu haben, dann konnte ich mir nichts Besseres wünschen.

In der Stille und Dunkelheit am Ende jenes ersten Tages hallten Micks Worte in meinem Kopf wider. Mir dämmerte langsam, was er mit seiner seltsamen Aussage gemeint hatte: Bevor der Hund eintrifft, könne ich nicht wissen, was der Job eines Hundeführers alles mit sich bringt … Die Zukunft gewann für jeden von uns allmählich Konturen. Ich sagte mir, dass ich in meinem Job nur erfolgreich sein würde, wenn ich ihn mit meinem übrigen Leben in Einklang zu bringen verstand. Und dabei stellte ich mir vor, wie Sherlock sagte: »Ah, … jetzt bin ich zu Hause!«

KAPITEL 2

Ein sehr spezieller Hund

Seit jenem schicksalhaften Tag, an dem Sherlock in unser Leben gestürmt kam, habe ich mich immer wieder gefragt, ob er irgendwo einen »Aus«-Schalter hat. Er ist pausenlos in Bewegung. Wenn wir arbeiten – wenn wir, wie wir bei der Feuerwehr sagen, im Einsatz sind –, können Sherlock und ich stundenlang Nachforschungen anstellen, und seine Energiereserven scheinen nie weniger zu werden. Er springt auch dann noch weiter munter herum, wenn ich einen Kaffee längst verdammt nötig habe. Immer wenn wir eine Arbeit erledigt haben, müssen wir daher an einen ganz bestimmten Ort gehen: in einen Park. Ich schaue auf die Karte, um herauszufinden, ob es in der Nähe etwas gibt, wo ich meinem alten Jungen ordentlich Auslauf geben und ihn einfach mal Hund sein lassen kann. Und wenn es für mich dort einen Stand gibt, an dem ich einen Becher Kaffee zum Mitnehmen bekomme, ist es doppelt schön.

Egal, wohin wir gehen: Sherlock hat für mich Vorrang. Er ist kein Hund, den man einfach mal eine Weile »parken« kann, während man sich sein Getränk aus einem Café holt. Um nichts in der Welt möchte ich unserer Feuerwehrchefin, Commissioner Dany Cotton, eines Tages erklären müssen, dass ich Sherlock »verbummelt« habe. Ich bin mir sicher, in meinen Ohren würde es dann lauter schrillen als alle Alarmsirenen des Landes zusammen.

Ich weiß, dass die Fähigkeiten der Diensthunde bei der Feuerwehr wohlbekannt sind, und wenn man sieht, welchen Mehrwert ein Hund für die Ermittlung der Brandursachen bedeutet, ist das auch verständlich. Es ist kein Witz: Hunde wie Sherlock können nicht mit Gold aufgewogen werden und sie sind ebenso wichtig wie die übrigen Mitglieder des Teams.

Von Anfang an zeigte sich, wie wertvoll Sherlock für die Feuerwehr werden würde. Schon bevor er seine Ausbildung begann, verriet uns sein Stammbaum, welches Potenzial in ihm schlummerte. Wenn es so etwas wie ein Who’s Who der Diensthunde-Dynastien gäbe, würde Sherlocks Ahnentafel darin mehrere Kapitel füllen. Er stammt aus einem preisgekrönten Zuchtbestand, in dem der Aufspürinstinkt wieder und wieder an die Oberfläche getreten war. Der Drang und die instinktive Befähigung zum Ausschnüffeln von Dingen lagen Sherlock in den Genen.

Clive Gregory, dem Wegbereiter für den Einsatz von Hunden bei der Londoner Feuerwehr, gebührt meiner Meinung nach ebenfalls Ruhm, denn er war für Sherlocks Anschaffung verantwortlich. Fast jedes Mal, wenn wir uns treffen, sagt mir Clive, er bedauere in seinem Leben nur eines: dass er damals nicht auch Sherlocks Bruder mitgenommen hat. Clive wusste sofort, dass er einen Welpen mit einer Menge Potenzial vor sich hatte. Als er allerdings sah, wie sich Sherlock zu einem Hund entwickelte, der nicht nur die für den Job notwendige Triebkraft und Intelligenz mitbrachte, sondern fast so etwas wie einen sechsten Sinn hatte, konnte er sich gut vorstellen, dass Sherlocks Bruder, das einzige noch verbliebene Jungtier aus diesem Wurf, genauso geworden wäre.

Sherlock war unbestritten ein hübscher Welpe, und Dave wurde nie müde, das zu bestätigen, wenn er uns mit Geschichten darüber erfreute, was das kleine Fellknäuel in seiner Obhut so alles anstellte. Aber schon bald bewies Sherlock allen, dass er nicht nur ein niedliches Gesicht hatte. Er war fünf Monate alt, als Clive beschloss, dass der neue Schützling der Londoner Feuerwehr bereit war für seinen ersten Test. Eigentlich hatte er ihn nicht zu früh dazu drängen wollen, aber Sherlock zeigte bereits eine Reife, wie man sie bei einem so jungen Hund selten erlebt, und er hielt immerzu Ausschau nach neuer Betätigung. Diese Energie musste in neue Bahnen gelenkt werden, sodass sie sich nicht mehr auf das Zernagen von Möbeln richtete!

Seine erste Prüfung sollte zwar eine gewisse Herausforderung für ihn darstellen, aber auch wieder keine Überforderung. Sonst wäre ihm die Lust verdorben worden. Clive mit all seiner Erfahrung im Ausbilden von Feuerwehrhunden hatte bereits beschlossen, dass nichts verloren war, wenn Sherlock den für ihn ausgelegten Riechstoff nicht finden oder wenn er sich für das, was da vorging, nicht einmal interessieren würde. Clive würde ihm dann einfach eine Ruhepause gönnen und es später erneut versuchen. Es gab nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen, falls der neue Hund schon für ein ernsthaftes Training bereit war.

Wann immer Clive den Begriff »verblüffend« in den Mund nimmt, weiß ich, dass er von Sherlock spricht. Es ist ein Ausdruck, der jedem über die Lippen kommt, wenn er Sherlock in Aktion erlebt. Das war schon in der Anfangszeit so. Der erste Test, den sich Clive für den Welpen ausgedacht hatte, sah so aus: Er versteckte eine Probe brennbarer Flüssigkeit in unserem Materiallager, zwischen den Uniformen, und ließ dann Sherlock in den Raum. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, stürmte der Hund hinein und machte sich an die Suche. Erst hielt er die Nase am Boden, dann streckte er sie in die Luft, schnüffelte angestrengt – und erstarrte.

Auch Clive erstarrte! Das hier war nicht bloß ein Welpe, der das Gesuchte in einem bestimmten Bereich witterte – das war Sherlock mit einer hundertprozentig positiven Anzeige. Es dauerte nur wenige Sekunden, ehe er die Testflüssigkeit entdeckt hatte. Das war der entscheidende Moment, auf den Clive und Dave gewartet hatten. Ihrer Aussage nach war es der Augenblick, in dem sie erkannten, dass Sherlock ein außergewöhnlicher Feuerwehrhund-Lehrling sein würde. Und was Clive Gregory über Hunde nicht weiß, das braucht man auch nicht zu wissen – Sherlock war also eindeutig ein Hund, auf den man achten musste.

In den nächsten Wochen hörte ich Dave häufig über Sherlock und seine seltsamen kleinen Angewohnheiten sprechen. Ich erinnere mich, dass ich Herzstechen bekam, als Dave berichtete, dass bei ihm zu Hause eine Kindersocke vermisst wurde. So etwas ist für die meisten Eltern kein Grund zur Unruhe, denn wir wissen doch alle, dass es irgendwo draußen im All ein riesiges schwarzes Loch voller Socken gibt. Wenn Sie aber einen jungen Hund im Haus haben, kann eine fehlende Socke möglicherweise zu Darmverschluss führen. Und diese besondere Socke war wirklich spurlos verschwunden. Dave zog daraus den Schluss, dass sie sich nur an einem Ort befinden konnte: in Sherlock. Überall sonst hatten sie nachgeschaut, und weil 99 Prozent der übrigen verschwundenen Gegenstände am gleichen Ort gelandet waren, hatte auch die Socke mit großer Wahrscheinlichkeit diesen Weg genommen. Sie brauchte einfach nur ein wenig länger, um durch den Verdauungsapparat zu wandern. Der arme Dave und seine Familie waren mehrere Tage lang auf »Sockenwache«, bis das gute Stück auf dem erwarteten Wege wieder zum Vorschein kam. Und Sherlock? Der machte einfach weiter, als wäre überhaupt nichts geschehen; ihm war gar nicht bewusst, dass ihn das Verschlingen dieser winzigen Socke hätte umbringen können.

Ich hatte Dave sehr gern, und als er ankündigte, er werde seinen Job als Brandermittler aufgeben, war mir klar, dass mir seine kameradschaftliche Art fehlen würde. Damals wusste ich nicht, dass diese Entscheidung auch der Vorbote für Veränderungen in meinem eigenen Leben war. Daves wichtigster Brandermittlerhund, ein gelber Labrador namens Sam, sollte nach vielen Jahren treuen Dienstes in den Ruhestand gehen und im Kreise der Familie seinen Lebensabend genießen, während Dave selbst eine neue Aufgabe innerhalb der Londoner Feuerwehr übernehmen würde. Damit waren zwei Stellen unbesetzt. Eine davon würde Sherlock ausfüllen, aber wer sollte sein Hundeführer sein? Ich konnte nicht anders, als mich dafür zu melden.

Brandermittler war ich seit zwei Jahren, aber nun stand ich kurz davor, meinen Traum zu verwirklichen und auch noch Hundeführer zu werden. Und der Gedanke, dass man mit diesem Job auch Sherlock bekam, war ein zusätzlicher Ansporn. Ich wollte das so sehr, dass ich es kaum beschreiben kann.

Die Bewerbung um diesen Job war nur der Beginn eines sehr langen Prozesses, und in den Wochen, in denen ich jedes einzelne Stadium durchlief, schlug mir das Herz die meiste Zeit bis zum Hals. Und die ganze Zeit quälten mich Selbstzweifel: Erfüllte ich wirklich alle Voraussetzungen, und hatte ich mich von meiner besten Seite präsentiert, um die Stelle zu bekommen? Nun, am wichtigsten war sicher, dass ich Hunde liebe und während meiner ganzen Kindheit immer welche um mich hatte. Daher weiß ich, was es in der Praxis bedeutet, sich um einen Hund zu kümmern. Von dieser Seite her sollte es also keine Probleme geben. In meinen Beruf hatte ich mich gut eingearbeitet und betrachtete mich als erfahren genug – inzwischen konnte mich kein plötzliches Vorkommnis mehr aus dem Konzept bringen. Das war schon mal ein gutes Zeichen. Ich wohnte im Zuständigkeitsbereich der Londoner Feuerwehr, und so würde man mich einsetzen können, wann immer und wo immer man mich brauchte. Aber das war noch nicht alles.

Unseren Familienurlaub, den wir in jenem Jahr in Frankreich verbrachten, werde ich nie vergessen, nicht weil wir an einem der wahrscheinlich schönsten Flecken der Welt waren, sondern weil ich mühsam eine ellenlange Leseliste abarbeitete. Kate und die Mädchen mussten damit klarkommen, dass ich jedes Mal, wenn ich einen Moment Ruhe hatte, meine Nase in ein Buch steckte, aber sie wussten ja alle, weshalb ich es tat. Ich wollte diese Stelle unbedingt, und ich sah deutlich, dass sie nicht nur einen Karriereschritt für mich bedeuten würde, sondern eine positive Lebensveränderung für uns alle. Ich machte mir Sorgen, dass meine junge Familie ein Bewerbungshindernis sein könnte, denn der Job eines Brandermittlers plus Hund plus Familie mit kleinen Kindern würde eine Menge Stress und Unruhe bedeuten. Und in den trüberen Augenblicken fragte ich mich unweigerlich, ob ich überhaupt gut genug war. Mein Weg in die Feuerwehr war nicht einfach gewesen, und meine schlechten Erinnerungen an jene Zeit kamen in meinen Gedanken immer noch hoch, aber jetzt konnte ich nur eins tun: mir den letzten Schliff geben, um alle Anforderungen der Stellenbeschreibung zu erfüllen. Jeder sollte sehen, dass dieser Job wie geschaffen für mich war. Letztendlich lief alles darauf hinaus, dass ich die harte Arbeit bewältigte und mich immer an das hielt, was mein Vater mir stets gesagt hatte: »Du kannst nur dein Bestes geben, Junge.«