Armin Öhri

Professor Harpers Expedition

Historischer Roman

Impressum

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-digital.de

Gmeiner Digital

Ein Imprint der Gmeiner-Verlag GmbH

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlagbild: © Murat Sen – istock.com; © Byelikova_Oksana – istock.com

Umschlaggestaltung: Simone Hölsch

ISBN 978-3-7349-9223-0

Widmung

Für Simon

Zitat

Audires ululatus feminarum,

infantum quiritatus, clamores virorum.

Plinius der Jüngere, ›Epistularum liber VI‹

Ein Todesfall

Amtliches Schreiben von Decimus Hitchens, Proctor, an das Königliche Institut für Geowissenschaften, datiert auf den 13. Juni 1934.

Sehr geehrte Herren!

Vor etwas mehr als zwölf Monaten verschied Mister Sweeney Cunningham, ehemaliger Zeitungskorrespondent, im gesegneten Alter von 83 Jahren. Da der Erblasser weder nähere Verwandte noch eine ihm angetraute Gattin besaß, fällt sein Vermögen der Krone zu. Die Jahresfrist, binnen welcher etwaige Ansprüche hätten geltend gemacht werden können, ist mittlerweile verstrichen.

Unter den nachgelassenen Besitztümern des Verblichenen befand sich immobile sowie mobile Masse; unter letztgenannter waren einige Briefe und Dokumente zu finden, deren Inhalt nie zur Veröffentlichung kam, aber dennoch vor Ihren Augen Beachtung erheischen sollte. Es handelt sich hierbei um Augenzeugenberichte von Mitgliedern der Harper-Expedition, welche – noch im vorigen Jahrhundert – eine Reise nach Sunda unternommen hatten. Was ihren Gehalt anbelangt, sind sie von einigem Interesse, zumal nun, nachdem ein halbes Jahrhundert vergangen ist, aus erster Hand wohl befriedigend geklärt werden dürfte, weshalb im Sommer 1883 drei splitterfasernackte Mannsbilder die Reisegesellschaft Lord Berrysfields erschreckten. Wie Sie vielleicht wissen, hat dieser Zwischenfall damals in gewissen fashionablen Kreisen ein noch größeres Rauschen im Blätterwald verursacht, als es das Ergebnis der Expedition selbst vermochte.

Es liegt nun an Ihnen, werte Herren, die Schriftstücke auf ihre Echtheit hin zu überprüfen und – falls sich diese bestätigen sollte – gegebenenfalls eine wissenschaftliche Veröffentlichung in Betracht zu ziehen. Die (meiner unbedeutenden Ansicht nach eher dümmlichen) Kapitelüberschriften, welche einzelne Abschnitte der Briefe voneinander trennen, sind mit großer Wahrscheinlichkeit von Mister Cunningham persönlich eingefügt worden; zumindest deutet deren abweichende Buchstabenführung darauf hin. Ich stelle deshalb die Vermutung an, dass dem ganzen Konvolut an Briefen ein trauriges Schicksal als Fortsetzungsroman bestimmt war, was aber – zum Wohle der intellektuellen britischen Leserschaft jener Zeit – nie geschah. Um jedoch das Erscheinungsbild dieser Korrespondenz abzurunden, ließ ich es mir nicht nehmen, entgegen meiner sonstigen beruflichen Praxis meinem Schreiben ebenfalls eine Überschrift voranzustellen.

Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen

Ihr Decimus Hitchens, Proctor

Sweeneys Obliegenheiten

Abschrift des Briefes von Mister Sweeney Cunningham an Sir Collin Fitzgerald, Redakteur der ›Modern Evening Times‹, datiert auf den 1. Juni 1883.

Hallo, altes Haus!

Du wunderst Dich sicher, weshalb ich so lange nichts mehr von mir hören ließ. Nun, der Grund ist ganz einfacher, sprich alkoholischer Natur. Der Frühling hat Einzug gehalten, und so war es mir ein unvermeidliches Bedürfnis, auf dieses Ereignis hin einen zu lüpfen. Da ich nicht so viel trinken sollte … (Mein Arzt hat mir davon abgeraten.) Übrigens ein famoser Kerl. Hat elf Kinder von drei Frauen. Weiß auch nicht, wie der die ganze Rasselbande zu bändigen weiß. Ich meine die Frauen, nicht die Kinder. Kleiner Scherz, alter Knabe! – Also, weil ich ja nicht zu viel trinken sollte, habe ich mir erst mal einen Traubensaft genehmigt. Ich war prächtiger Laune, und da profaner Traubensaft dem Vergleich mit dem einzig wahren Rebensaft nicht standhält, überlegte ich mir ernsthaft, zur Fleet Street zu wechseln, wo es für einen Sovereign ganz wunderbare Gläschen zu erstehen gibt.

Gesagt, getan.

Mein mutiges Unterfangen hätte hier auch sein vorzeitiges Ende gefunden, wenn nicht mein Blick die neu aufgestellte chinesische Pagode von Chang’s Tavern gestreift hätte, welche meinem Sitzplatz gegenüberlag. »Einmal ist keinmal«, beschwor ich mich und wechselte das Lokal. Doch chinesischer Reisschnaps ist einem durch und durch englischen Magen nicht bekömmlich, kann ich Dir sagen. Dieses vermaledeite Gesöff brannte wie Zunder in meiner Kehle. Und was macht man bei Feuer und Brand? Man löscht!

Ich bezahlte und fand einen rettenden Hafen im Seaman’s Inn bei den alten Docks. Du kannst mir glauben, Collin, dass ich bei all den Hindernissen, die sich mir in den Weg stellten, deinen Auftrag, einen Bericht über die Tagung der Geowissenschaftler zu verfassen, zu keiner Zeit auch nur das kleinste bisschen aus den Augen verlor. Von den Anlegeplätzen Westminsters ist es aber ein weiter Weg hin zum Gelände des Hurlingham Clubs, und so ist es wohl nur allzu verzeihlich, dass ich meinen müden Beinen einen Muntermacher in Form eines frisch gezapften Northdown Ale gönnte.

Kaum wieder genesen, erinnerte ich mich meiner Pflicht und lenkte die Schritte westwärts. Irgendwie muss ich mich dann in dem Gewühl aus Laufburschen, Pendlern, Arbeitern, Tagelöhnern und Droschken verlaufen haben, denn ich endete in einem stickigen Häuserlabyrinth. Mietskaserne reihte sich an Mietskaserne, Ladenverschlag an Ladenverschlag. Verhärmte, elende Gesichter starrten mich an, sodass ich mich an die abgerissenen Gestalten der Glücksritter aus der Exchange Alley erinnert fühlte. Auf diesen Schreck hin suchte ich das Weite … Ich fand es schließlich im True Man’s Pride, wo man mir ein Schlückchen Branntwein zugestand.

Der Wirt, ein dicker, feister Kerl, ließ sich nicht erweichen, mir ein zweites Mal einzuschenken. Ich schob das zuerst auf sein gesundes Verständnis von Kapital und Marktwirtschaft, musste dann – nachdem ich ihm ein paar Münzen auf den Tresen geworfen hatte – aber einsehen, dass er eher humaneren Prinzipien zuneigte. (Kleine Anmerkung: Natürlich war ich damals gegenteiliger Meinung und fasste seine Weigerung, mir noch einen auszuschenken, als äußerst inhumanen Charakterzug auf.)

Auf meine Nachfrage, ob er etwa Methodistenprediger, Temperenzler oder gar Sozialist sei, der den freien Handel bekämpfe, grunzte er bloß missmutig.

»Na, alter Hohlkopf, dir hat es wohl die Sprache verschlagen«, meinte ich gereizt.

Als er sich immer noch nicht rechtfertigen wollte, verlangte ich mit Nachdruck mein Getränk. Der ›Nachdruck‹ bestand dabei aus einer geballten Faust, die krachend auf das Holz niederfuhr. Leider Gottes war der Wirt nicht empfänglich für solcherlei Argumente. Ehe man sichs versah, bugsierte er mich aus dem Lokal. Na, Collin, Du kannst Dir ja denken, wie ein Sweeney Cunningham auf diesen Affront reagiert hat!

Der langen Rede kurzer Sinn: Wenig später saß ich wegen Unruhestiftung und Handgreiflichkeiten im Newgate ein. Es muss wohl die Ironie an der ganzen Sache sein, dass es mir in dieser misslichen Lage zugutekam, einen zu viel gepichelt zu haben. Der unerträgliche Gestank, der aus den berühmt-berüchtigten Sickergruben des Gefängnisses schwelt und sich wie ein Pesthauch über das Viertel legt, fuhr mir nämlich erst am nächsten Tag, als ich wieder halbwegs nüchtern war, in die Nase.

Die Obrigkeit dieser Institution erkannte sehr wohl, dass sie sich mit mir einen Insassen eingebrockt hatte, der so gar nicht zu den übrigen Delinquenten passen mochte. Sie kamen mir entgegen, indem mir eine Einzelzelle zugestanden wurde, abgesondert von dem Gesindel, den Leichenräubern, Trickdieben und anderen Ganoven.

Abgesehen davon, wurde ich jedoch sehr übel behandelt. Man befahl mir, den Namen meines Rechtsvertreters anzugeben. Ich musste ablehnen, und zwar aus Prinzip. Da ich mich vorübergehend als Opfer eines Justizirrtums sah – es sollte in diesen unseren Tagen wohl noch erlaubt sein, hin und wieder einen zu süffeln –, vertraute ich auf die Unfehlbarkeit der royalen Jurisdiktion, die letzten Endes noch immer die untrügliche Wahrheit ans Licht gebracht hat.

Bald einmal wurde die Angabe des Namens meines Rechtsvertreters richtiggehend gefordert.

Ich wies die Forderung zurück.

Dann wurde die Angabe eines Rechtsvertreters inständig erbeten.

Ich verweigerte die Antwort.

»Bitte, werter Herr!«, flehte schließlich der Gefängnisdirektor, dem man mich zugeführt hatte. »Ihrer Kleidung sieht man doch an, dass Sie ein Gentleman sind. Diese Schnallenschuhe, diese kostbare Seidenkrawatte! Nie und nimmer kann ich Sie den Händen eines staatlichen Pflichtverteidigers überlassen.«

Abermals zeigte ich mich unnachgiebig.

»Warum sollten Sie das nicht können? Ist in dieser großartigen Nation denn die Sache so geregelt, dass ein Pflichtverteidiger weniger gut ist als jeder beliebige andere Verteidiger?«

Der Direktor tupfte sich den Schweiß von der Stirn. »Nun«, stammelte er, »das würde ich nicht explizit so behaupten …«

»Dann kann ich ja weiterhin beruhigt sein, da alles zum Besten steht«, fuhr ich ihm über den Mund. »Ich sehe nicht ein, weshalb ich meine Privatschatulle öffnen sollte, wenn doch der Staat selbst dafür aufkommen kann, meine Unschuld zu beweisen.«

»Die Sache ist ein bisschen vertrackt«, gab der gute Mann zu bedenken und griff nach einem Dokument, das vor ihm auf dem Tisch lag. »Schließlich wird Ihnen vorgeworfen, Sie hätten … Moment, ich zitiere: ›… den Wirt Robert Stapney, Rufname: Bobby, mit Händen und Füßen traktiert und einen Teil der Inneneinrichtung des True Man’s Pride mit dem Inhalt einer Flasche Hochprozentigem in Brand gesteckt‹. Drei Zeugen haben das Protokoll der polizeilichen Einvernahme unterschrieben.«

Als Vorkämpfer der Entrechteten sah ich es als meine Pflicht, dem noch Kommenden gelassen entgegenzusehen. Leider muss ich eingestehen, dass die Unfehlbarkeit der royalen Rechtsprechung nicht so unfehlbar ist, wie ich anfangs geglaubt habe. Lieber Collin, sechs lange und zermürbende Tage wurden mir aufgebrummt, nachdem in einem Schnellverfahren meine Angelegenheit abgewickelt worden war. Doch ein Sweeney Cunningham lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Abwechselnd las ich in meinem Samuel Pepys oder unterhielt den Zellentrakt mit lautstark geschmetterten Offenbach-Arien, die mir seit meinem Opernbesuch der Inszenierung durch Guiraud im Ohr nachhallen. Recht bedenklich finde ich, dass das Personal dieser staatlichen Einrichtung sich als resistent gegenüber Kunst erwies, sodass die Wärter plötzlich mit wattierten Ohren ihre Runden machten. Diese Ignoranten!

Schnell schwanden die Tage dahin, und meine staatlich verordneten Gesangsstunden neigten sich ihrem Ende zu. Zwei Aufseher entriegelten meine Tür und führten mich den Gang entlang in einen weiteren Trakt des Gebäudes, wo man mir die Habe aushändigte, die man mir bei meiner Einweisung abgenommen hatte, und mich sodann äußerst unfreundlich durch das Portal komplimentierte.

»Lassen Sie sich ja nie wieder hier blicken«, raunzte einer der Wärter und rüttelte mit drohender Gebärde seinen Schlüsselbund.

Tja, nun war ich wieder ein freier Mann. Insgeheim muss ich eingestehen, dass mein Aufenthalt gar nicht mal so übel war, wenn man bedenkt, dass ich mir einen Teil meiner Steuern dadurch wieder erwirtschaftet habe, indem ich auf Staatskosten drei Mahlzeiten täglich und ein Dach über dem Kopf erhalten hatte.

Dieser unzuverlässige Nichtsnutz, wirst Du jetzt denken. Beruhige Dich, alter Knabe: Niemals, zu keiner Zeit, nie und nimmer und weder jetzt noch später habe und werde ich meinen Auftrag vergessen. Meine ersten Schritte lenkten mich denn auch zum Sekretariat des Königlichen Instituts für Geowissenschaften im Kirchspiel von St. Mary’s Overis. Zugegeben, jetzt noch einen Bericht über die Veranstaltung im Hurlingham Club zu schreiben, wäre wohl unsinnig gewesen. Da mir Unvernunft und Irrationales in hohem Maße zuwider sind und wohl ohnehin nur bei einem Kontinentaleuropäer zu finden sein mögen, fasste ich den scharfsinnigen Entschluss, mich über die Tagung der Geowissenschaftler und deren Beschlüsse kundig zu machen.

Der Sekretär – übrigens auch ein famoser Kerl wie mein Doktor, der elf Kinder von drei Frauen hat – gab mir bereitwillig Auskunft und unterrichtete mich über die beschlossene Expedition eines Professors Olmus Harper, die zum Ziel hat, irgendwelche neuen Theorien über Kontinentalverschiebungen zu untermauern. Meiner unbedeutenden Meinung nach kann so ein Unternehmen, das vom Geiste eines Darwin oder eines James Hutton inspiriert ist, einen amüsanten Ausklang haben, sofern tatsächlich irgendwelche wissenschaftlichen Erkenntnisse gezogen werden können, die auch vor dem prüfenden Auge der internationalen Forscherwelt Bestand haben. Aber ich schweife wieder einmal ab. Zudem ist das Feuilleton der Modern Evening Times mit Bestimmtheit besser informiert als ich.

Zu meinem Bedauern musste ich jedoch erfahren, dass die ›Explorer‹, das Schiff der Harper-Expedition, am Morgen meiner Haftentlassung die Anker gelichtet und bereits Kurs auf Frankreich genommen hatte. Ich kann Dir also nichts Genaueres über Sinn und Zweck der Unternehmung berichten. Nichtsdestotrotz kam mir bei einem kleinen Umtrunk die Erleuchtung, wie unser Blättchen trotzdem noch mit guten Karten in den Kampf um die Gunst der Leser einsteigen kann: Ich werde Harper telegrafieren und ihm ein Angebot unterbreiten, das er nur schlecht ausschlagen kann.

In der Zwischenzeit werde ich natürlich auch Ausschau halten nach all den schimpflichen Themen und Skandalen, nach denen unsere Leser so lechzen. Mir schwebt da so einiges vor: die Sache mit dem verschwundenen Prinzen aus Batavia etwa, um den jetzt ein so großes Geschrei gemacht wird, oder gar die neumodische, spinnerte Trust-Idee dieses Rockefellers, die ja nur ein Misserfolg werden kann. Ich glaube, genau die wären eine Reportage wert!

In diesem Sinne … Bis bald, alter Knabe!

Und – bleib sauber!

Dein Sweeney Cunningham; stets zu Diensten

Troddles Nachricht

Brief von Professor Olmus Harper, wissenschaftlicher Leiter der Sunda-Expedition, datiert auf den 2. Juni 1883.

An den vorzüglichen Master Cunningham

Mit Interesse habe ich Ihr postlagerndes Telegramm gelesen, das mich bereits in Le Havre erwartet hatte. Die darin enthaltenen Ausführungen und Vorschläge finden meine uneingeschränkte Zustimmung. Sehr gerne nehme ich Ihr Angebot an, sporadisch ein paar Zeilen über den Verlauf unserer Reise aufs Papier zu bringen, und bin dienstfertig bei der Sache, wenn es darum geht, der Weltöffentlichkeit einen Einblick in die Geheimnisse der Naturwissenschaften zu ermöglichen. Es ist verständlich, dass ich Ihrer Bitte, meine Schilderungen nicht allzu trocken zu halten, nachkommen werde. Ihre Leserschaft erwartet einen Reisebericht, keine Vorlesung – das ist nur folgerichtig und liegt in der Natur der Sache.

Dennoch komme ich nicht umhin, Sie, Master Cunningham, darauf aufmerksam zu machen, dass uns unsere Fahrt in weit entfernte und abgelegene Länder führen wird. Ich kann Ihnen versichern, dass es ein Ding der Unmöglichkeit ist, mein ›Reise-Journal‹ tagesaktuell nach London zu schicken. Die Route unserer Expedition wird uns nämlich um den afrikanischen Kontinent führen, da die Passage durch den Suezkanal momentan heikel und gefährlich ist. Die neuesten politischen Entwicklungen – namentlich die Strafaktion unserer tapferen Soldaten gegen die Nationalisten um Ahmad Urabi Pascha sowie die Schleifung der alexandrinischen Befestigungsanlagen letzten Sommer – lassen es klug erscheinen, diesen Unruheherd fürs Erste zu meiden. Überdies entgehen wir möglichen Auswirkungen des Mahdi-Aufstands und können getrost in britischen Kolonien oder Dominions wie Gambia, Sierra Leone und an der Gold- sowie an der Kapküste Wasser und Verpflegung an Bord nehmen.

Bei all diesen Gelegenheiten werde ich es nicht versäumen, Ihnen, Master Cunningham, meine schriftlich fixierten Beobachtungen und Gedanken zu schicken. Wenn auch die Postwege mühsam und beschwerlich sein werden: Papier ist geduldig, wie man so schön sagt; und Ihre Leserschaft wird meine Ausführungen sicher auch mit mehrwöchiger Verspätung zu würdigen wissen.

Aber ich komme vom Hundertsten ins Tausendste und habe noch immer nicht mit dem eigentlich Wichtigen begonnen. Nun denn, frisch ans Werk. Ein richtig schöner Beginn benötigt einen richtig schönen Anfangssatz. Versuchen wir es mal mit diesem hier …

Aufgeregt, mit beinah überreizten Nerven funkte der Hobby-Botaniker Charles Troddle, der gerade auf Java weilte, die Meldung über eine seltsame seismische Aktivität nach London. Obgleich er für den Vermerk ›via Eastern‹ einige Münzen extra hatte springen lassen, damit seine Nachricht auch schnell genug ihren Bestimmungsort erreichen sollte, wurde sie erst einmal über konventionelle Leitungen nach Sumatra gekabelt, ging dort weiter nach Malaysia, von wo aus sie den Sprung nach Thailand hinter sich brachte und schließlich den Golf von Bengalen überquerte. Von hier weg wurde die Nachricht von unbekannter Hand in das Tiefseekabel der British-Australian Telegraph Company gespeist. Ironischerweise verläuft in Indien das Unterseekabel nicht unter, sondern über der See, und zwar quer über den Subkontinent, bis es das Arabische Meer erreicht, wo es wieder untertaucht und dann in die britische Empfangsstation bei Alexandria mündet. Die alte Stadt am Nil ist der Ausgangspunkt für eine weitere Reise nach Malta, von dort weg durch die Säulen des Herakles hindurch und der portugiesischen, spanischen und französischen Westküste entlang nach Norden, bis das Telegramm endlich festen englischen Boden erreicht.

Zwei Tage nachdem Troddles Nachricht am anderen Ende der Welt abgeschickt worden war, brachte sie ein Postbote ins Königliche Institut für Geowissenschaften. – Bloß zwei Tage! Man stelle sich das einmal vor! Als Napoleon im Exil gestorben war, dauerte es ganze zwei Monate, bis die Nachricht seines Todes auch noch den letzten Briten erreicht hatte. – Da ich gerade einige Gesteinsproben katalogisieren musste, war ich zufällig vor Ort, sodass ich den Beamten bezahlen und die Annahmebestätigung quittieren konnte.

Das auf den ersten Blick unscheinbare Telegramm versetzte jedoch mich und meine Kollegen in hellste Aufregung. Sein Inhalt war verheißungsvoll und dazu angetan, jede Forscherseele zu erfreuen, die sich auch nur ein bisschen mit Vulkanologie oder der Lehre von Antonio Snider-Pellagrini beschäftigt hat. Sofort fassten wir den Entschluss, Genaueres in Erfahrung zu bringen, weshalb auch sogleich ein Antworttelegramm aufgesetzt wurde, das mit der Bitte um mehr Informationen schloss.

Doch noch bevor wir am nächsten Tag unsere Korrespondenz aufgeben konnten, trudelte eine zweite Meldung in unsere geheiligten Hallen der Wissenschaft. Diesmal berichtete Troddle über den Gezeitenpegelmesser, der in Batavia stationiert war und der eine minimale Abweichung registriert hatte. Normalerweise hätte einen das nicht weiter gestört, aber die Neuigkeit, die bereits wenige Stunden später, am 25. Mai, von der Nachrichtenagentur Reuters um die ganze Welt geschickt wurde, ließ uns aufhorchen: In der Sunda-Straße hatte es eine Eruption gegeben. Der Perboewatan zischte und brodelte, ließ die Erde erzittern und die Felder und Fluren an seinen Hängen erbeben.

Ich weilte soeben mit meinem Sohn im Covent Garden und lustwandelte an den Auslagen der Spezialitätenhändler vorbei, bis mir das Wasser im Munde zusammenlief. Plötzlich vernahm ich den Ruf eines Zeitungsjungen. »Extrablatt!«, rief er. »Extrablatt! Vulkanausbruch in Krakatau!«

Vor Aufregung ließ ich die Maracuja fallen, die ich gerade in den Händen hielt. Konnte es sein, dass ich mich verhört hatte?

»Tobias, du aufrichtiger Knabe«, hielt ich meinen Kleinen an, »geh und erkundige dich bei dem Gentleman, ob tatsächlich die Wörter ›Krakatau‹ und ›Vulkan‹ an unsere Ohren gedrungen sind. Es ist manniglich nützlich und stärkt deinen Charakter, wenn du deinem alten Herrn Papa diesen Gefallen tust.«

Mein Kleiner trottete los. Ich nenne ihn noch immer so, obgleich die 16 Jahre, die er bereits zählt, eigentlich eine andere, eine erwachsenere Nomenklatur verlangen. Vielleicht stört es ihn gar nicht, vielleicht lässt er seinem Ernährer einfach die Freude, und vielleicht hält er mich auch bloß für einen schusseligen Professor – wer weiß? Jedenfalls nimmt dieses prächtige Kerlchen meine Anreden mit stoischer Gelassenheit entgegen. Ich nahm mir fest vor, seinen Kopf zu tätscheln, sobald er zurück sein würde.

Inzwischen wühlte ich mich weiter durch die Maracuja-, Mango- und Orangenberge.

Wenige Augenblicke später überreichte mir mein Sohnemann eine druckfrische Ausgabe des Extrablatts. »Potzblitz!«, entfuhr es mir, sowie meine Augen über die Schlagzeile und die Einleitung huschten. Tobias blickte mich interessiert an.

»Mein Junge, du schlackerst mit den Ohren wie die Sequaner, als sie von Cäsar geschlagen wurden. Dennoch muss ich dir recht geben, was eine gewisse Verwunderung anbelangt. Noch selten nämlich hast du deinen Ernährer und Wohltäter so verblüfft und erregt gesehen wie jetzt. Deshalb lassen wir diese Früchte nun Früchte sein und lenken unsere Schritte heimwärts, wo es viel zu tun gibt. Ich muss Vorladungen schreiben, Billette verschicken, Listen anfertigen. Das ganze Team muss sich unverzüglich im Hurlingham versammeln. Um uns herum warten Heldentaten darauf, endlich vollbracht zu werden!«

Im Hurlingham Club

Am selben Nachmittag, es ging gegen 15 Uhr, fanden sich einige der hervorragendsten Gelehrten unserer glorreichen Nation in Fulham ein, genauer gesagt im exklusiven Hurlingham Club. Das Clubhaus war der ehemalige Landsitz eines Arztes aus dem letzten Jahrhundert, umgeben von einem weitläufigen Gelände, das an die 16 Hektaren misst und hin und wieder von der königlichen Familie für Wettbewerbe im Taubenschießen verwendet wird.

Von außen sieht das Gebäude mit seiner klaren und symmetrischen Gliederung wie ein Paradebeispiel der Georgianischen Architektur aus: Die weiß verputzten Ornamente an der Fassade kontrastieren mit den Backsteinflächen; Pilaster und Zierbögen säumen das Eingangsportal, welches seinerseits den um das Haus herumlaufenden Sockel durchbricht.

Eine großzügig angelegte Freitreppe weist den Weg ins Grün des Gartens hinab, und genau auf diesen Stufen erwartete ein Diener in Jackett und Gamaschen die Mitglieder unserer Gesellschaft. Er führte jede einzelne Koryphäe, nachdem er sie begrüßt und Hut und Stock in Empfang genommen hatte, in einen abgesonderten Warteraum, in welchem Zeitschriften und die Hälfte aller Erzeugnisse aus der Fleet Street auflagen. Auch ich kam in den Genuss seines Geleits.

Die Wände in besagtem Zimmer waren mit bemalten Spanntapeten überzogen und stellten Jagdszenen sowie mythische Geschehnisse dar. Unschwer konnte ich Beowulfs Kampf mit Grendel ausmachen oder etwa Gawains Geplänkel mit dem Grünen Ritter. Die Einrichtung war eine einzige Lobeshymne auf die angelsächsische Geschichte. – Wohl mit ein Grund, weshalb die ältere Garde meiner Kompagnons einen fast schon snobistischen Gefallen an der Räumlichkeit findet, welche übrigens durch das Vorhandensein einiger Blumentöpfe in meinen Augen eine heimelige Note erhielt.

Nachdem auch die letzten Gäste eingetroffen waren, wurde Gebäck gereicht. Florentiner und Scones machten die Runde, Schalen mit frisch geschlagener Sahne wurden auf Beistelltischchen platziert und brühend heißer Kaffee ausgeschenkt. Alles verströmte einen derart wohlgefälligen Duft, dass das Aroma dazu bestimmt war, unsere Gesellschaft in noch höhere geistige Sphären zu katapultieren als jene, in denen wir ohnehin schon schwebten.

»Well, Ladies and Gentlemen«, eröffnete Sir David Block mit seiner längst zur Gewohnheit gewordenen Begrüßungsformel die Sitzung, den kleinen Finger der rechten Hand leicht abgespreizt, was ihm ein leicht preziöses Aussehen verlieh. Ich blickte verstohlen um mich, ob sich gegebenenfalls doch noch eine Vertreterin des angesprochenen schönen Geschlechts finden mochte, doch ohne Erfolg. Sir David fuhr fort: »Wir haben uns hier – im Plenum, wie ich erfreut feststellen darf – auf Anraten und inständige Bitte unseres geschätzten Kollegen Olmus versammelt, um Näheres über die vulkanischen Tätigkeiten in Südostasien zu erfahren. Im weiteren Verlauf dieses Nachmittags werden wir zudem abstimmen müssen, ob wir dem Vorhaben unseres langjährigen Mitglieds den Segen erteilen, den es verdient, oder ob wir – was Gott verhüte – von seinen Ansichten, die ja auch diejenigen der Königlichen Gesellschaft sind, abrücken werden.«

Bedächtig setzte Sir David zu einem Schluck an und verzog das Gesicht. Mit demonstrativer Geste stellte er die Tasse vor sich auf das fahrbare Tischchen, blickte es eine Zeit lang missmutig an und schob es von sich weg. »Ekelhaftes kontinentales Gesöff«, tat er deutlich seine Meinung kund. »Nun denn, so bitte ich unseren werten Freund Olmus um aufklärende Worte. Applaus, meine Herren.«

Einige der anwesenden Professoren kippten ihren Kaffee in den gerade am nächsten stehenden Begonientopf, jene, die beim offenen Fenster saßen, leerten gleichfalls ihre Tasse in einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Als dieses Liebeswerk getan war, klatschte die illustre Runde, und ich erhob mich.

»Wie bereits von Sir David erwähnt, sehen wir uns in diesen Tagen vor eine Aufgabe gestellt, welche die Wissenschaft einen Schritt weiterbringen kann, sofern wir entschlossen, aber vor allem auch schnell genug handeln werden. Ich werde kurz die Situation umreißen, bevor ich anschließend ein paar Worte über Sinn und Zweck einer von mir geplanten Expedition verlieren werde. Zum Ersten dies: Wie einige unter Ihnen vielleicht wissen, besteht seit ungefähr zwei Jahrzehnten eine Theorie, oder vielmehr eher eine Annahme, dass die einzelnen Kontinente nicht starr an ihrem Platz sein sollen, sondern sich minim bewegen.«

Wie nicht anders zu erwarten, wurde ich an dieser Stelle durch ein leises Hüsteln unterbrochen, das aus der Ecke der Professoren kam, deren Disziplin die Hydrologie war. Ich seufzte innerlich auf und machte gute Miene zum bösen Spiel. Diese Kummerbuben waren schon immer äußerst starrköpfig und werden es wohl immer bleiben. Bevor ich meine Rede wieder aufnahm, stellte ich zufrieden fest, dass zumindest die anderen Anwesenden konzentriert bei der Sache waren, besonders natürlich die Mineralogen und Petrographen.

»Es ist ein unumstößliches Faktum, dass es an bestimmten Stellen der Erdteile zu einer sonderbaren Anhäufung von vulkanischen Tätigkeiten kommt, worauf ich bereits in meinen früheren Forschungen hingewiesen habe. Ich habe mich damals eines Hilfsmittels bedient, welches in der Medizinwissenschaft zur Anwendung kommt, wenn man Infektionsherde und Ausbreitung von Seuchen lokalisieren möchte. Das Prinzip ist so einfach wie genial: Auf einer Landkarte trägt man die auftretenden Seuchenfälle ein. Bald einmal ergibt sich daraus ein Muster. Unsere werten Kollegen Doktoren haben dank dieser Methode das Zusammenspiel von feuchten Gegenden mit der Malaria bestätigt gefunden und den Einfluss von unhygienischen Wohngegenden auf die Volksgesundheit zur Diskussion gestellt. Jeder von Ihnen, meine Herren, hat seinen Dickens gelesen, und ich kann nicht umhin, dass einem einfach schwer ums Herz werden muss, wenn man über die so eindrücklich geschilderten miserablen Zustände nachdenkt. Wie dem auch sei – zurück zu den Vulkanen … Ich habe also die Verfahrensweise der Mediziner auf die Vulkanologie übertragen. Das Ergebnis ist ebenso bemerkenswert wie aussagekräftig. Manchmal ist die Dichte der Vulkankegel nämlich so groß, dass man von einer regelrechten Vulkanseuche sprechen kann.«

Wiederum wurde mir das Wort abgeschnitten, diesmal unbewusst von Sir David, der allzu laut nachfragte, ob es denn »tatsächlich keinen Tee in diesem verfluchten Club« gebe. Sein Habichtsgesicht blickte säuerlich auf die Kaffeekanne vor ihm.

»Eine markante Anhäufung von Vulkanen«, griff ich den Faden meiner Ausführungen wieder auf, »gibt es zum Beispiel an den Kontinentalrändern in Japan und an den südamerikanischen Anden. Vermehrt kommt es in diesen Regionen auch zu Erdbeben, zu schwefelartigen Ausdünstungen oder zu seltsamem Gebaren der örtlichen Tierwelt. All dies, so meine Schlussfolgerung und nicht zuletzt auch die von einigen Kapazitäten von Rang und Namen, muss zusammenhängen und auf das zurückzuführen sein, was neuerdings unter dem Begriff der ›kontinentalen Verschiebung‹ im öffentlichen Bewusstsein Verbreitung findet.«

»Das alles mag als These schön und gut sein«, meldete sich Thomas Parker, einer der Hydrologen, zu Wort. »Aber falls die Kontinente in eine bestimmte Richtung driften, so driften sie im Gegenzug doch auch von einem Ausgangspunkt weg. Wo war denn die Landmasse vor 100 Jahren? Wo vor 1.000 Jahren? Die Erdteile können nicht endlos durch die Gegend treiben, ohne einmal aneinanderzustoßen oder ohne bereits einmal verbunden gewesen zu sein. Und dies hätte doch schon vor Urzeiten unweigerlich zu einer Vermischung von Süß- und Salzwasser geführt. Ich schließe mich deshalb der Meinung unserer selig machenden Kirche an, dass die Erde bemerkenswert klug eingerichtet ist und deshalb das trinkbare Süßwasser im Landesinneren zu finden ist, wohingegen das ungenießbare Salzwasser die großen Weltmeere bildet. Als Hydrologe kann ich das nur bestätigen, und ich zweifle jegliche andere Behauptung an.«

»Ihr Einwurf in Ehren, werter Kollege. Aber haben Sie sich einmal die Mühe gemacht, einen Blick auf den Globus zu werfen? Die Ostküste Südamerikas mit ihrer Ausbuchtung beim Kaiserreich Brasilien schmiegt sich bei der Westküste Afrikas in die Einbuchtung der Goldküste, und das kleine Australien passt haargenau ins Arabische Meer. Aber wir sind heute nicht zusammengekommen, um zu streiten, meine Herren, sondern um uns über die Chancen klar zu werden, die sich der Forschung bieten. Der Ausbruch des Perboewatan darf nicht ungenutzt bleiben, und je mehr Zeit sinnlos verstreicht, desto schlimmer steht es um die Wissbegierde unserer Nation.«

Sir David Block kam mir zu Hilfe. »Was Olmus sagen will«, erklärte er, »ist Folgendes: Egal, wie man zur Theorie der Kontinentalverschiebung auch stehen mag, jetzt endlich bietet sich die Möglichkeit, diese zu beweisen oder endgültig als unzutreffend zu brandmarken. Man muss nur vor Ort sein und die Distanzen zwischen einigen ausgewählten Punkten messen. Dies wird im Verlauf der Eruption wiederholt, um etwaige Veränderungen festzustellen. Vielleicht gelingt dies, vielleicht auch nicht. So oder so wird eine potenzielle Expedition von Erfolg gekrönt sein.«

»Aber warum ausgerechnet Asien?«, gab Parker zu bedenken. »Das ist kostspielig und aufwändig. Es gibt doch auch hier Vulkane, oder nicht? Der Kaiserstuhl in Deutschland oder zum Beispiel der Vesuv.«

»Der Kaiserstuhl ist ein erloschener Vulkan, der Vesuv ein untätiger.«

»Ich verstehe.«

Ein saturiertes Lächeln huschte über das Gesicht Sir Davids. Er klopfte kurz, aber vernehmbar auf das Beistelltischchen, sodass der Inhalt der Kaffeetasse bedenklich schwappte, und stellte dann meinen Antrag auf die Ausrüstung einer Expedition in den Raum.

»Wer ist dafür?«, bellte er durchs Zimmer. »Je schneller Sie die Hände heben, desto früher können wir den Club wechseln und endlich Tee trinken gehen.«

Mein Gesuch wurde einstimmig angenommen.