ALAN DEAN FOSTER

 

 

 

CACHALOT

 

Roman

 

 

 

 

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

 

Widmung

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

 

 

 

 

 

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Für Philippe und Jacques Cousteau

 

Für die Männer der Calypso

 

Für die Männer und Frauen von Greenpeace

1. Kapitel

 

Mustapha Ali saß am Ende von Rorqual Towne und war nicht seekrank. Nur ein Fremder hätte daran etwas auffällig gefunden. Mustapha hatte sein ganzes langes Leben auf Cachalot verbracht, und die auf jener Welt Geborenen wissen weniger von der Seekrankheit, als ein Wurm vom Andromedanebel. Alle auf Cachalot Geborenen haben zwei Wiegen: ihre Pflegestätte und jene andere größere Pflegestätte der allumfassenden Mutter Ozean. Und wer von anderen Welten nach Cachalot kam, blieb nicht lange, falls sich herausstellte, dass er unter Bewegungskrankheit litt.

Da hatte die Geschichte und der Zufall einen großen Wandel herbeigeführt, dachte Mustapha und ließ seine dunkelbraunen Beine über die Dockseite hängen. Sie hingen vielleicht einen Meter über dem tiefen, grün-schwarzen Wasser. Seine Vorfahren waren aus einem hohen, trockenen Ort der Erde gekommen, wo die See nur ein Märchen war, das man Kindern mit großen Augen erzählte. Und hier lebte er an einem Ort, wo man das meiste Land importieren musste.

Seine Vorfahren hatten das Spiel mit viel Freude gespielt. Er bedauerte es sehr, dass er die Tradition des Spiels nicht fortsetzen konnte. Denn wo auf Cachalot konnte man fünfzig gute Reiter und eine tote Ziege finden? Mustapha hatte sich damit begnügt, Champion im Wasserpolo zu werden, nachdem er in seiner Jugend jenes Spiel und seine vielen Varianten gemeistert hatte. Verglichen mit dem Spiel seiner Vorfahren war es sehr sanft gewesen und hatte ihn nicht sehr gefordert.

Jetzt musste er sich damit begnügen, weniger anstrengende Freuden zu erleben, aber unglücklich war er nicht. Die altmodische Angel, die er über das Wasser hielt, hatte er in seiner Freizeit aus einer Antenne gemacht. Die Angelschnur, die durch eine Kerbe am anderen Ende führte, verschwand unter der Wasseroberfläche unter dem Dock. Einst hatte die Antenne dazu gedient, unsichtbare Worte von jenseits des Himmels und des Wassers ausfindig zu machen. Jetzt half sie ihm, kleine, wohlschmeckende Fische auf viel kürzere Distanz zu finden.

Mustapha blickte zu den Wolken auf, die am Himmel dahinzogen, zuckte zusammen, als ihn ein Regentropfen ins Auge traf. Das Gewitter, das sich möglicherweise dort oben zusammenbraute, würde nicht besonders heftig werden. Der Himmel sah wie immer drohender aus als es sich am Ende erweisen würde. Der Donner prahlte und grollte, vermochte den alten Fischer aber nicht von seinem Platz zu verdrängen.

Hinter ihm ruhte die Stadt Rorqual fest auf der Oberfläche. Das nächstliegende echte Land, die Swinburne-Untiefe, lag dreißig Meter darunter. Dennoch saß die Stadt reglos auf dem Meer. Eine komplizierte Konstruktion von Kielschwertern, Auslegern und Gegendüsen bewirkte das, auch wenn das Meer unruhiger wurde, sorgte dafür, dass die Stadt unbewegt blieb, um ihren Bewohnern den Anschein von Stabilität zu bieten, und dem alten Mustapha einen sicheren Ort, von dem aus er fischen konnte.

Das Dock war jetzt leer, die Fangboote und Sammler waren draußen bei der Arbeit. Der lange Streifen unsinkbaren grauen Polymers verschwand unter einem Lagerschuppen; schließlich war das Dock nur eine von Dutzenden solcher Stützen für die Stadt.

Aber es gab keine Gegendüse oder Kielschwert, um das Dock völlig bewegungslos zu halten. Vier Meter breit und genauso dick, bewegte es sich sachte im natürlichen Rhythmus der See. Deshalb zog Mustapha es vor, vom Dockende aus zu fischen und nicht von einer der stabileren äußeren Straßen der Stadt. Wenn er mit dem Ozean und seinen Bewohnern spielte, zog er es vor, ihre Umgebung zu verspüren. Das war wie eine Kadenz, ein zähflüssiger Marsch, der ebenso Teil seines Lebens war wie sein eigener Herzschlag.

Der Regen begann jetzt auf ihn einzupeitschen und durchtränkte sein langes, weißes Haar. Er ignorierte ihn. Die Bewohner der schwimmenden Städte von Cachalot hatten ebenso oft Wasser auf der Haut wie Luft. Hier in Äquatornähe waren die dicken Tropfen warm, ja fast heiß. Er spürte sie auf seiner nackten Brust. Sie rollten von seiner kahlen Stirn und juckten in seinem herunterhängenden Schnurrbart.

Die Stange teilte seinen Fingern etwas mit. Er hob sie an. Ein kleiner gelber Fisch krümmte sich am Haken. Seine vier blauen Augen starrten stumpf in das fremdartige Medium, in dem er sich plötzlich fand.

Mustapha überlegte, ob er ihn vom Haken nehmen sollte und entschied dann, dass der Fisch ihm besser als Köder für einen größeren Artgenossen dienen würde. Er ließ den frischen Fang ins Wasser zurückfallen. Ein elektronischer Köder hätte mehr Fische angezogen als er tragen konnte, aber ein solches Gerät hätte im Verein mit Haken und Schnur unpassend gewirkt. Mustapha hatte Freude daran, auf traditionelle Art zu fischen. Er fischte nicht, um sich Nahrung zu beschaffen, sondern weil es ihm Freude machte.

Gelegentliche Blitze beleuchteten den dunklen Unterleib der Gewitterfront und bildeten Entwässerungssysteme für den Himmel. Der grelle Schein der Blitze verwandelte die Wellenkämme in Kerzenflammen. Er wusste, dass diese Entladungen mehr Hitze als Wut mit sich trugen. Ihre Frequenz verriet ihm, dass das Gewitter nicht lange dauern würde. Jetzt war nicht die Zeit der schweren Regenfälle.

Immer noch benetzten ihn gelegentliche Tropfen. Er war auf dem Dock allein. Dreißig Minuten, dachte er, dann kommt die Sonne wieder heraus. Allerhöchstens dreißig Minuten. Vielleicht habe ich dann mehr Glück.

So blieb er sitzen, mit seinen Shorts und seinem Schnurrbart, und wartete geduldig, dass etwas anbiss. Einige fanden, dass sich Pose und Tätigkeit für den Computerplaner-Emeritus der Stadt nicht geziemten, aber das machte Mustapha nichts aus. Er war weise genug, um zu wissen, dass Verrücktheit und Alter eine Vielfalt von Exzentrizitäten entschuldigen, und er hatte von beidem etwas.

Einige schnittige und doch breitrümpfige, verlassene Sammelschiffe waren zwei Docks von ihm entfernt vertäut. Zwei magnetisch verankerte Gleiter tanzten zu seiner Rechten in den Wellen. Ihre Mannschaften hatten Landurlaub, weilten entweder bei ihrer Familie oder vergnügten sich im Erholungszentrum der Stadt.

Mustapha war ein durchaus liebesfähiger, aber kompromissloser Typ und hatte in seinen frühen Jahren versucht, mit zwei verschiedenen Frauen zu leben. Sie hatten ihm mehr Narben hinterlassen als all die fleischfressenden Geschöpfe, mit denen er gekämpft hatte, um den Fang der Stadt zu vergrößern.

Ein neues, kräftigeres Zerren riss ihn aus seinen Träumen. Er sah auf die Stelle, wo die Schnur im Wasser verschwand. Da war das Zupfen wieder, drängend, hartnäckig. Jetzt beugte sich die Antennenstange in einem weiten Bogen seewärts, und ihre Spitze wies wie ein Jagdhund ins Wasser.

Mustapha hielt sich an der Metallstange fest und begann, an der selbstgemachten Kurbel zu drehen. Das war eine Menge Schnur, und sie verhielt sich höchst seltsam. Es war gerade, als hätte sich etwas in die Leine selbst verwickelt und zöge gar nicht am Haken.

Im dunklen Wasser war undeutlich eine Silhouette sichtbar. Was immer es auch war, es bewegte sich sehr schnell. Jetzt kam es näher, wuchs, bis es fast zu groß war. Die Augen des alten Mannes weiteten sich über dem grauen Schnurrbart. Er warf die Stange und die mühsam angefertigte Rolle weg. Die Angel prallte auf dem auf- und abhüpfenden Pier auf, ehe sie ins Wasser fiel.

Mustapha ignorierte sie und rannte zur Stadt zurück. Seine lauten Rufe wurden vom plötzlichen Aufbrüllen der Verteidigungssirenen der Stadt übertönt. Er schaffte es nicht einmal bis zum Ende des Piers. Aber das hätte auch keinen Unterschied gemacht.

Zwei Tage später kehrten die ersten Boote der wandernden Fischflotte von Rorqual Towne zurück. Ein Sammler, mehrere Köpfe hoch, mit magischen Coreenpflanzen und vielen Kisten mit Dauer-Slesetgewürz beladen. Doch das, was sie nicht fanden, machte den Wert der Ladung für die Männer und Frauen der Mannschaft bedeutungslos.

Obwohl sie immer wieder besorgt und mit Tränen in den Augen über der Swinburne-Untiefe hin- und herkreuzten, fanden sie keine Spur von Mustapha Ali. Auch ihre Familien fanden sie nicht und ihre Lieben, sie fanden keinen einzigen der einstmals achthundert Bewohner von Cachalot.

Zerschlagene Möbel, Haushaltsgegenstände, ein paar Kleiderfetzen und Fragmente von Häusern, in die sich Brocken von grau-weißem Eierschalenpolymer mischten, war alles, was von der Stadt übriggeblieben war. Das, ein Rätsel, und die Erinnerung einstmals vergnügten Lebens.

Und für einige auf den leidbeladenen Booten war das Schlimmste von allem das Wissen, dass dies nicht das erste Mal war …

 

Weit, weit über der grünen Seefläche, die einst Rorqual Towne eingenommen hatte, bewegte sich ein riesiges, lautloses Gebilde, stumm, in einem viel weiteren Ozean. Die Insassen des kugelförmigen Metallkörpers waren in Zeit und Raum von jener ozeanischen Tragödie weit entfernt.

Ein vergleichsweise winziger, scharfer Schatten des schimmernden Rumpfs löste sich von seinem mächtigen Heck und fiel wie ein silbernes Blatt zu der atmosphärischen See hinunter, die unmittelbar unter ihr wogte. Obwohl er Bewegungen zeigte, die normalerweise auf Leben deuten, war der Schatten nur ein totes Ding, das dazu diente, Lebende zu befördern, ein Shuttle-Fahrzeug, das aus dem KK-Transporter fiel, neben dem es vergleichsweise wie ein Zwerg wirkte, wie eine Arbeitertermite, die ihre Königin verlässt.

Das pfeilförmige, silberne Gebilde drehte sich leicht. Seinem Heck entwichen weiße Wölkchen, und dann begann das Fahrzeug schneller zu fallen, selbstbewusster, der Welt in der Tiefe entgegen, einer Welt von diamanthartem Blau-Weiß, einer großen azurfarbenen Kugel, die mit einem zarten Wolkengitter überzogen war.

Eine Besatzung von zwölf Passagieren starrte durch die Luken des Shuttle, während das Fahrzeug seine Landekurve flog. Einige starrten die näherkommende Planetenoberfläche erwartungsvoll an, und Vorstellungen von unmittelbar bevorstehendem Reichtum zogen durch ihre Gedanken. Andere waren entspannter. Dies waren die zurückkehrenden Bewohner, die Weltraum und Land satt hatten und die es danach drängte, wieder auf dem Wasser zu leben. Einige wenige betrachteten die größer werdende Kugel ohne Erwartungen, doch auch ohne Habgier. Sie waren überwältigt von der Schönheit des planetenweiten Ozeans und von den Geschichten, die man sich über das Leben erzählte, die er in seinen Tiefen barg.

Ein Passagier starrte wie gebannt mit dem Blick eines erstmals Verliebten hinaus, und jugendliche Begeisterung mischte sich mit der ruhigen Distanziertheit des reifen Wissenschaftlers. Cora Xamantina drückte die Nase gegen die Luke. Eine Luftdüse darunter verhinderte, dass ihr Atem die Luke beschlug.

Das intensive, reflektierte Licht von Cachalots Stern ließ ihre obsidianfarbene Haut hinter dem Glasalum wie poliert erscheinen. Es beschien die hohen Backenknochen, die auf indianische Vorfahren hindeuteten, auf zart gemeißelte Züge, die von jenen vorspringenden Strukturen fast verdeckt wurden. Nur die riesigen schwarzen Augen, Münzen der Nacht, traten in dem herzförmigen Gesicht hervor. Ihr Haar, das in einem einzigen Zopf zusammengebunden war, der ihr bis zur Hüfte reichte, schwang bei jeder Bewegung wie ein Pendel.

Physisch war Cora Xamantina Mitte der Vierzig. Geistig war sie etwas älter. Emotionell war sie alt. Sie war nicht größer als eine durchschnittliche Jugendliche und knabenhaft schlank. Eine überraschend tiefe Stimme, von einer Lebhaftigkeit, die alles andere als matronenhaft war, war das einzige, was verhinderte, dass man sie für ein Kind hielt.

Selbst wenn sie, wie jetzt, ruhig war, schienen ihre Hände und Schultern stets in Bewegung; ihre Körpersprache war elegant und persönlich. Sie entstammte einer Gesellschaft, die gleichzeitig Sklavenhändler und Sklaven umfasste, deren beider Schicksal sich in der Aufgabe vereinten, den Saft eines gewissen Baumes zu sammeln. Sklavenhändler und Sklaven gehörten beide einer lang vergessenen Geschichte an. Und bedauerlicherweise galt das gleiche größtenteils auch für die Bäume.

Sie äußerte sich häufig über die Schönheit der Welt, der sie sich jetzt näherten. Ihre Bemerkungen galten der jüngeren Frau, die neben ihr saß, Größtenteils wurden sie von dem größeren, viel üppigeren Schatten ihrer selbst mit einem Gefühl hilfloser Resignation entgegengenommen. Wo Coras Bewegungen häufig und voll nervlicher Energie waren, waren jene der jüngeren Frau eher schlaff, wirkten, als müssten sie von gequältem Seufzen begleitet werden. Sie hielt ein seltsames, höchst eigentümliches Musikinstrument im Arm und gab sich keine Mühe, ihren gelangweilten Eindruck zu verbergen.

»Ist es nicht schön, Rachael?« Cora lehnte sich in ihrem Andrucksessel zurück. »Da – beug dich über mich, dann kannst du’s auch sehen.« Die entnervte Sirene machte keine Anstalten, nach draußen zu blicken. »Willst du es nicht sehen? Wir werden dort unten leben, weißt du.«

»Nur für kurze Zeit.« Sie seufzte müde. »Ich weiß, wie Cachalot aussieht. Du hast mich ja, weiß Gott, genügend Bänder davon studieren lassen, seit du wusstest, dass wir hier eingesetzt würden. Mag sein, dass ich im Institut noch ein Jahr vor mir habe, aber ich weiß immerhin, wie man Hausaufgaben macht.« Ihr Blick wanderte zu dem schmalen Gang, der durch die Mitte des Shuttle verlief. »Je schneller wir all das hinter uns bringen, desto früher können wir nach Terra zurückkehren und desto besser wird es mir gefallen!«

»Ist das alles, was dir einfällt, Mädchen? Wir sind noch nicht einmal gelandet, und du kannst es schon nicht mehr erwarten, wieder zurückzukehren?«

»Mutter … bitte!« Das war eine Warnung.

»Schon gut.« Cora machte mit ihren Mannequinhänden besänftigende Bewegungen, und ihre langen Finger flatterten elegant. »Du brauchst dich ja nicht festzulegen, so lange wir nicht eine Weile dort unten waren. Du bist ja nur meine Sonderassistentin für diesen Auftrag, so wie es in der Anweisung steht. Dass du auch meine Tochter bist, hat nichts zu sagen.«

»Fein. Passt mir ausgezeichnet.«

»Versuch nur, Augen und Ohren offenzuhalten, das ist alles.«

»Ich will es versuchen, Mutter. Das sage ich schon seit sechs Jahren. Noch ein paar Monate machen da nichts aus.«

»Gut. Mehr will ich gar nicht.« Cora wandte sich wieder der Luke zu. Der Anblick, der sich ihr bot, beruhigte sie, zog sie unwiderstehlich an und massierte gleichsam die Sorge weg, die sie um die Zukunft ihrer Tochter empfand und die Schuld.

Sie hatte Rachael zu drei Studienjahren in extraterrestrischer Meeresbiologie gedrängt. Die Zeugnisse des Mädchens waren gut, ihre Arbeit war gut – verdammt, sie war gut! Sie verfügte über alle Mittel dazu, dachte Cora. Mehr als ich, und das will, ohne mich zu brüsten, etwas besagen. Nur eines fehlt ihr, ein einziges Ingredienz, das sie davon abhält, eine brillante Laufbahn im gleichen Feld wie dem meinen anzutreten: Begeisterung.

Die hatte Cora von Silvio bekommen. Oh, Silvio … »Du musst die Augen offenhalten, Cora«, hatte er ihr immer wieder gesagt. Das hatte sie getan. So offen, dass sie ihn an eine andere Frau verloren hatte, an eine ganze Reihe anderer Frauen. Und dann war er gestorben, als seine Begeisterung für das Leben und die Liebe sich als unfähig erwiesen hatten, ihn am Ende zu retten.

Nein, sagte sie sich entschieden. Er hat mich verloren. Nicht anders herum. Er fehlte ihr immer noch, hin und wieder wenigstens. Er war nicht brillant gewesen. Und sie nicht außergewöhnlich hübsch oder reich oder eine Zauberin der Sexualität. Begeistert war er gewesen, dachte sie, und registrierte verblüfft, dass sich bei dem Gedanken ein Kloß in ihrer Kehle gebildet hatte. Begeistert über alles. Behaglich. Oh, so behaglich war er gewesen. So wie ihre zerbeulte alte Nymph-Unterwasser-Kamera, oder die zerfledderte Elatridez Encyclopedia of Commonwealth Marine Life. Das Voodoo-Halsband, das ihre Urgroßmutter ihr zu ihrem zweiten Geburtstag geschenkt hatte – das sie immer noch um den Hals trug, auch wenn es nicht zu ihr passte – ja, behaglich war Silvio gewesen.

Er fehlte ihr, sie vermisste ihn in ihrer Umgebung, so wie sie die Enzyklopädie vermisst hätte oder das Halsband. Wahrscheinlich gab es noch eine ganze Menge anderer Frauen, die ihn auch vermissten. Aber sie hatte sich stets Freiheit für ihre Gedanken bewahrt. Jedes Mal. Bis nach Rachaels Geburt. Das Komische war nur, dass Silvio nie begriff, weshalb sie eigentlich wütend war. Er mochte jeden und alles – zu sehr. Aber dann war er gestorben. Der Schmerz war mit ihm gestorben. Jetzt litt sie nur gelegentlich an einem Schmerz ganz anderer Art.

Als das Shuttle die äußersten Ausläufer der Atmosphäre berührte, erzitterte es leicht. Unter ihr war der Höhepunkt eines Traums, die Erfüllung zwanzig Jahre harter Arbeit. Sie hatte für die verschiedenen Firmen, in deren Dienst sie gestanden hatte, gute Arbeit geleistet, und noch bessere, wenn die Regierungsbehörden ihre Erfahrung benötigt hatten. Zwanzig Jahre, in denen sie abbaufähige Salzdome ausgewählt hatte. Ein Jahr für das Buch über giftiges Meeresleben im Riviera-System. Vier Jahre harter Arbeit unter den seehundähnlichen Eingeborenen von Largesse und dann zurück zu langweiliger Regierungsforschung. Und sie hatte sich stets über die letzten Techniken auf dem laufenden gehalten, die letzten Entwicklungen und Entdeckungen. Und sich immer einen Anlass gewünscht, der sie zum Mekka aller Meeresbiologen führen würde.

Und jetzt war dieser Traum in Erfüllung gegangen. Die Ozeanwelt lag dicht unter ihr, erglänzte in perlmuttartiger Schönheit, erwartete sie mit dem Versprechen von Wundern und eines noch zu lösenden Geheimnisses. Wenn es überhaupt etwas gab, das das Genie entzünden konnte, das, wie sie wusste, im Kopf ihrer Tochter verborgen lag, dann würde es Cachalot sein.

Obwohl sie immer noch das Gesicht gegen die Luke presste und mit großen Augen das Bild absuchte, das sich ihr bot, konnte sie keine der weit verstreuten Inseln entdecken, die das einzige Land auf Cachalot darstellten. Diese isolierten Inseln waren auch nicht aus Fels oder Stein geformt. Auf Cachalot hatte sich der ewige Krieg zwischen Wellen und Klippen vor langen Zeiten zugunsten der Wellen entschieden. Winzige Geschöpfe, die Hexalate genannt wurden, hinterließen ihre harten Exo-Skelette und erbauten daraus Atolle und Riffe, ganz ähnlich den Korallen der Erde.

Es gab nichts, das den Namen Kontinent verdiente, obwohl an manchen Stellen die Ozeane seicht waren, wenn auch nie über weite Strecken. Alles, was von Coras augenblicklichem Standort aus zu sehen war, waren die hellen, spiegelblanken Flecken an den gegenüberliegenden Polen, Packeisfelder, die auf dem Wasser trieben. Sie waren viel kleiner als jene der Erde.

Cora zeigte sie Rachael, die darauf nur mit einem gleichgültigen Zupfen an den Saiten ihres Neurophons reagierte.

»Hör auf damit!«, meinte Cora mit gerunzelter Stirn. »Das macht man nicht.«

Rachael runzelte die Stirn. »Ach Mutter … ich hab die Projektionsmatrix abgeschaltet und nur ganz wenig Energie. Das macht doch dem Shuttle nichts aus.«

Aber Cora hatte ein verräterisches, wenn auch schwaches Prickeln verspürt. »Deine Axonen leuchten. Ich spüre es. Du könntest die anderen Passagiere belästigen.«

»Ich habe keine Klagen gehört«, sagte Rachael leise. Aber sie berührte einige Kontaktpunkte an den Dendriten und schaltete die Energiezufuhr ab. Dann zupfte sie beleidigt an einer Saite. Sie erzeugte einen normalen musikalischen Ton, der durch die Kabine zog. Einige Passagiere drehten sich um und sahen sie an.

Coras Nerven reagierten nicht. Befriedigt wandte sie den Blick wieder zur Luke.

Rachael war intelligent genug, um nichtverbale Möglichkeiten zu finden, ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Cora sagte sich, dass ihre Tochter genau wusste, dass es allen Flugregeln widersprach, ein Neurophon in einem nicht abgeschirmten Raum an Bord irgendeines Fahrzeugs zu spielen. Es wäre schlimm genug an Bord des Liners gewesen, den sie gerade verlassen hatten. In einem Shuttle, wo der ganze Flug von komplizierten, kritischen Gleichgewichtsvorgängen abhing, die von Pilot und Maschine gesteuert wurden, hätte es ihnen viel Ärger bereiten können. Rachael zupfte nur an ihrem verdammten Spielzeug herum, um ihre Mutter zu ärgern, das wusste Cora. Es wäre viel besser für sie, wenn sie das Instrument einfach aufgäbe. Es nahm einen viel zu großen Teil ihrer Studienzeit in Anspruch. Cora hatte sie zu überreden versucht, das Gerät aufzugeben. Sie hatte es nur einmal versucht. Für ihre Tochter war es gleichsam eine Sucht geworden, ja mehr als das, gleichsam ein Ersatzkehlkopf. Rachael wusste, dass sie ihrer Mutter mit Worten nicht gewachsen war, also reagierte sie manchmal durch Schmollen auf einen Streit und indem sie mit der Nervenmusik sprach. Ihre Tochter entwickelte sich zu einer Art Bauchrednerin.

Eine höfliche, etwas angespannt wirkende Stimme hallte aus dem Kabinenlautsprecher. »Bitte, bereiten Sie sich auf den Eintritt in die dichte Atmosphäre vor, meine Damen und Herren. Wir erwarten einige Turbulenzen. – Danke.«

Cora vergewisserte sich, dass sie angeschnallt war, hielt sich an den Armlehnen ihres Sessels fest und lehnte sich zurück. Ein paar Minuten lang war nichts zu bemerken, dann ein kräftiger Stoß, eine Sekunde lang das Gefühl abzustürzen, und dann trieben sie sanft durch klaren, blauen Himmel. Sie ließ die Armlehnen los und blickte zur Luke hinaus.

Unter ihnen tauchte der Wirbel eines kleinen Zyklons auf, raste vorbei und verschwand hinter ihnen. Wolken aller möglichen Formen und Größen flogen vorbei, und einmal, ein einziges Mal, glaubte sie, etwas Helles aufblitzen zu sehen. Das hätte eine Insel sein können. Sie versuchte, sich Cachalots Topographie vorzustellen, die sie sich eingeprägt hatte, und kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem hellen Blitz um eine Kumuluswolke und nicht um Land gehandelt hatte.

Das Commonwealth-Hauptquartier befand sich auf Mou’anui, einer von einigen riesigen Lagunen, die von ausreichend stabilem Land umgeben waren, um die Einrichtung dauerhafter, nichtschwimmender Installationen zu gestatten. Cora suchte die Meeresfläche danach ab, als eine Stimme hinter ihnen erklang: »Entschuldigen Sie.«

Die Anschnallzeichen waren ausgeschaltet. Sie schnallte sich los und blickte über die Rückenlehne ihres zurückgeklappten Sessels. Der Mann, der gesprochen hatte, saß auf der anderen Seite des Mittelgangs, eine Reihe hinter ihnen. Ein kräftig gebauter Herr mit kaffeefarbener Haut, etwa in ihrem Alter. Sein Haar und seine Augen waren ebenso schwarz wie die ihren. Das Haar hing ihm bis zu den Schultern, war glatt nach hinten gekämmt und zeigte nicht einmal die Andeutung einer Locke oder Welle. Er hatte einen breiten Mund, der unter seiner scharfen Hakennase verschwand, die wie der Schnabel eines Raubvogels wirkte.

»Das ist ein Neurophon, nicht wahr? Vor einer Weile war mir, als würde etwas an mir zupfen.« Er lächelte explosionsartig und verwandelte sich plötzlich von einem nichtssagenden Zeitgenossen in einen gut aussehenden, dunkelhäutigen Herrn.

»Ja, das stimmt«, sagte Rachael kühl, und Cora dachte, gut für dich, Mädchen.

»Chalcophyritbeschichtet, ein Zwölf-Schichten-Modell, nicht wahr? Auf Amropolus gemacht? Mit einem Yhu-Tu-ner?«

»Stimmt.« Rachael wurde plötzlich munter und drehte sich in ihrem Sitz herum. »Spielen Sie?«

»Nein.« Das klang, als wolle der Mann sich entschuldigen. »Ich würde gerne. Ich fürchte nur, dass ich überhaupt kein musikalisches Talent habe. Aber um einen geschickten Spieler zu erkennen, reicht es aus. Auch wenn es nur ein paar Töne sind.« Wieder das strahlende Lächeln.

»Wirklich?« Rachaels Tonfall war jetzt nicht mehr so kühl. »Ich kann verstehen, wenn Sie sagen, Sie würden ein Talent dann erkennen, wenn Sie es hören. Aber mir scheint, Sie verlassen sich mehr auf Ihre Augen als Ihr Gehör?«

»Sehen kann ich ein Talent nicht, nein«, erwiderte der Mann. Irgendwie schien ihm der Einwand peinlich. Er wirkte scheu, wollte sich aber offenbar nicht ins Schweigen zurückziehen. »Aber Sensitivität und gefühlsmäßige Beweglichkeit glaube ich sehen zu können.«

»Wirklich?«, antwortete Rachael geschmeichelt und erfreut. »Wollen Sie mir schmeicheln?«

»Ich schmeichle Ihnen, nicht wahr?«, sagte er mit entwaffnender Direktheit. Das war eine ehrliche Frage.

Rachael hielt sich noch ein paar Sekunden lang zurück und brach dann in ein hohes, mädchenhaftes Kichern aus, das in auffälligem Kontrast zu ihrer sonst meist dunkel klingenden Stimme stand.

»Ja, das tun Sie wahrscheinlich.« Sie musterte ihn interessiert. »Jetzt werden Sie mich gleich bitten, mich zu Ihnen zu setzen und Ihnen etwas vorzuspielen.«

»Ja, das wäre nett«, erwiderte der Mann offen. Und dann fügte er noch rechtzeitig hinzu: »Aber ich fürchte, das geht nicht. Ich weiß noch nicht einmal, wo ich auf Cachalot wohnen werde.«

Rachael starrte ihn an. »Ich glaube, Sie meinen es ernst. Dass Sie sich bloß die Musik anhören wollen.«

»Das sagte ich doch, nicht wahr? Falls wir uns wieder begegnen sollten, mein Name ist Merced. Pucara Merced.«

»Rachael Xamantina.«

»Sagen Sie«, meinte er und rutschte auf seinem Sitz ein Stück zur Seite, als sie in ein kleines Luftloch gerieten, »können Sie bei Richtungsprojektionen gleichzeitig die Tasten und die Glieder wechseln?«

»Manchmal.« Sie klang begeistert. Cora starrte resolut zur Luke hinaus. »Es ist schwierig genug, wenn man sich auf die Musik konzentriert und versucht, die entsprechenden neurologischen Reaktionen im Publikum hervorzurufen. Es ist so schwierig, sie richtig durchzuführen, ohne sich gleichzeitig über die physiologische Orientierung Sorgen zu machen. Man muss sich einfach auf zuviel konzentrieren.«

»Ich weiß.«

»Möchten Sie vielleicht, dass ich Ihnen jetzt etwas vorspiele?« Sie drehte das leierförmige Instrument in Spielposition, und ihre linke Hand liebkoste die Saiten, während die rechte über den Energieschaltern und Projektionssensoren schwebte. »Ich glaube nicht, dass es dem Piloten etwas ausmachen würde, obwohl meine Mutter da anderer Ansicht ist.«

»Das ist keine Frage des Piloten«, sagte er nachdenklich. »Ich weiß, dass Sie das Niveau ziemlich tief halten können. Aber unseren Mitpassagieren gegenüber wäre es nicht höflich. Vielleicht mögen nicht alle Musik. Außerdem …« – dabei lächelte er wieder leicht – »könnten Sie versehentlich die Lichter ausschalten, oder die Temperatur um dreißig Grad senken.«

»Also gut. Aber sobald wir gelandet sind, wenn Sie dann nicht zu schnell verschwinden, verspreche ich, dass ich etwas für Sie spielen werde. Sagen Sie …«, fuhr sie erregt fort und lehnte sich über den Mittelgang, »wissen Sie über den neuen Zerebralaufschließer Bescheid? Damit soll man angeblich zusätzliche vierzig Watt Neuronenenergie hinzufügen können.«

»Ich habe davon gehört«, meinte er freundlich. »Es heißt, man kann …«

So plauderten sie begeistert, und die Diskussion wanderte von musikalischen Dingen zu den letzten Entwicklungen der Instrumentenelektronik.

Das Ganze überstieg irgendwie Coras Begriffsvermögen. Ein erstklassiger Neurophonspieler musste Musiker, Physiker und Physiologe in einem sein. Sie konnte sich immer noch nicht vorstellen, dass ihre Tochter imstande sein sollte, das äußerst schwierige Instrument wirklich zu meistern. Ihr schien das Ganze dreifache Energievergeudung.

Doch eines wusste sie sicher. Wenn er auch einen Kopf kleiner als Rachael und äußerst scheu war, interessierte Merced sich doch ganz bestimmt für mehr als nur die ästhetischen Fähigkeiten ihrer Tochter. Nicht, dass ihn das besonders hervorgehoben hätte. Ein Mann, den Rachael nicht interessierte, war es nicht wert, Angehöriger seines Geschlechts zu sein. Das war die Natur der Männer, und die nichtmentalen Eigenschaften ihrer Tochter verstärkte dies noch.

Aber sie konnte da nichts tun. Wenn sie den Versuch machte, Rachael etwa zu befehlen, nicht mit ihm zu sprechen, würde sie damit genau das Gegenteil bewirken. Und dann bestand natürlich die Möglichkeit, dass sie sich in Bezug auf ihn irrte. Jedenfalls wirkte er nicht wie ein Schlafzimmersammler.

Besser, sagte sie sich, die Situation im besten Licht sehen. Sollte Rachael sich doch für ihn interessieren, anstatt sich beispielsweise zu dem auf wesentlich konventionellere Art gut aussehenden Piloten des Shuttle hingezogen zu fühlen. Sobald wir einmal gelandet und in unserem Quartier untergekommen sind, hat es ohnehin nichts mehr zu bedeuten.

Sie warf Merced einen weiteren verstohlenen Blick zu. Er lauschte stumm, während Rachael ihm die Vorzüge von Neurophonen, die auf Amropolus hergestellt wurden, gegenüber denen erklärte, die von Willow-Wane kamen. Er sah wie ein Fischer aus, der nach Hause zurückkehrte, oder vielleicht auch ein Finanzexperte, den eine Maklerfirma ausgeschickt hatte, um die Profite einiger schwimmender Farmen zu untersuchen. Seine Haut war angemessen dunkel, aber seine Gesichtszüge und seine Knochenstruktur standen im Widerspruch zu jenen der dominanten, von Polynesiern abstammenden Siedlern der Wasserwelt. Er war ganz bestimmt ein Außenweltler.

Nun, sie würde ihn im Auge behalten. Durch ein Leben der Erfahrung machte sie das fast automatisch. Gedanken an unglückliche Erlebnisse der Vergangenheit warnten sie vor der unbestimmten Möglichkeit künftiger. Sie dachte über das Problem nach, das sie nach Cachalot geführt hatte. Es betraf weit mehr als die Zerstörung von Besitz oder Fischereien. Wie es schien, hatten viele den Tod gefunden. Man hatte ihr nur genügend Informationen übergeben, um ihre Neugierde zu reizen. Jemand gab sich große Mühe, vor der Öffentlichkeit zu verbergen, was wirklich auf Cachalot geschah.

Doch das hatte nichts zu besagen. Sie würde es bald genug erfahren. Die Möglichkeit, auf Cachalot zu arbeiten, hatte völlig ausgereicht, sie zur Annahme des Auftrags zu bewegen. Als man ihr zugestanden hatte, sich selbst eine Assistentin auszuwählen, hatte Cora Rachael gewählt. Wenn es ihr jetzt nur noch gelang, ihre Tochter davon zu überzeugen, dieses bizarre Instrument auf den Abfall zu werfen, dann würde eines der beiden größeren Probleme, zu deren Lösung Cora hierhergekommen war, eine glückliche Lösung finden.

Es hatte einige Schwierigkeiten gegeben. Formell betrachtet, war Rachael immer noch Studentin, und an einigen Stellen hatte sich ein Geschrei erhoben, als entschieden wurde, dass sie Cora als Assistentin zugewiesen worden war. Hunderte hätten den Job übernommen. Nur sehr wenige Wissenschaftler konnten nach Cachalot reisen, und das trotz seines Reichtums an ungewöhnlichem Meeresleben. Das war Teil der Übereinkunft, die man mit den ursprünglichen Siedlern des Blauen Planeten getroffen hatte, die man so gründlich studiert hatte, dass sie dessen müde waren. Sie hatten nichts gegen die Anwesenheit einer sehr beschränkten Zahl von Fischern und Sammlern und sogar etwas Leichtindustrie, aber die Zahl der Forscher, die zu bestimmter Zeit auf dem Planeten anwesend war, war streng eingeschränkt. So ergab es sich, dass die Chance, die Cora und Rachael gewährt wurde, als etwas Besonderes galt. Es war eine Chance, auf die Cora nicht verzichten wollte, und sie würde nicht zulassen, dass Rachael sie in den Wind schlug.

»Das ist ein interessanter Name«, meinte Rachael, während das Shuttle jetzt flach über einer endlos wogenden Wasserfläche dahinzog. Cachalot hatte keinen Mond, und daher kaum Gezeiten. Schwere Stürme, wie der Zyklon, über den sie gerade hinweggeflogen waren, waren häufig, aber vorhersehbar. Insgesamt war es eine wesentlich sympathischere Welt als die meisten anderen bislang entdeckten Planeten.

»Das ist eine Zusammenziehung von Worten aus zwei antiken menschlichen Sprachen«, erklärte er ihr. »Pucara bedeutet in einer Sprache, die sich Quechua nennt, ›leuchtend‹. Quechua war die Hauptsprache meiner Vorfahren, die auf dem südamerikanischen Kontinent lebten.«

»Tut mir leid«, sagte Rachael. »Ich fürchte, ich kenne mich nicht besonders gut in terranischer Geographie aus. Ich habe dort nur ein paar Jahre während meiner Schulzeit gelebt.«

»Macht nichts. Merced bedeutet in der Sprache meiner anderen Vorfahren, die meine Hauptvorfahren besiegten, ›Fluss‹.«

»Leuchtender Fluss. Sehr hübsch.«

»Und der Ihre? Bedeutet er etwas?«

»Keine Ahnung.« Eine Hand griff nach hinten, berührte Cora. »He, Mutter, was heißt ›Xamantina‹?«

»Ich weiß nicht, Rachael.« Wieder sah sie den ernsthaften kleinen Mann hinter ihnen an. »Das ist ein Indianername, der ebenfalls aus Südamerika stammt. Aber aus einer anderen Gegend, glaube ich.«

Merced schien interessiert. »Vielleicht waren unsere Vorfahren dann Nachbarn.«

»Vielleicht«, meinte Cora leise. »Ohne Zweifel haben sie sich mit großem Mut bekämpft und gegenseitig getötet.« Sie wandte sich ab und sah wieder zur Luke hinaus.

»Mutter«, flüsterte Rachael ihr ärgerlich zu, »du hast ein wahres Talent zu ausgesuchter Unhöflichkeit.«

»Beruhige dich doch, meine Liebe. Wir landen gleich. Du möchtest doch nicht etwa, dass dein Spielzeug über die ganze Kabine verstreut wird?«

Rachael kuschelte sich mürrisch in ihren Sitz, aber Cora konnte immer noch die Augen ihrer Tochter im Nacken spüren, während sie zur Luke hinaussah. Sie lachte halblaut vor sich hin und war Merced dankbar, dass er ihr Gelegenheit gegeben hatte, ihm zu zeigen, was sie in Bezug auf ihn empfand, ohne sich in das Gespräch einmischen zu müssen.

»Vier Minuten bis zur Landung«, sagte die Stimme im Lautsprecher. »Bitte schnallen Sie sich wieder an!«

Cora tat das mechanisch. Mou’anui sollte gerade vor ihnen liegen. Unmittelbar vor der Landung sollte sie wenigstens einen Teil davon sehen können. Sie würden sich der ovalen Lagune von einem Ende nähern. An manchen Stellen war sie sechzig Kilometer lang und würde ohne Zweifel – ja dort!

Ein greller Blitz traf sie durch die Luke, als ein Sonnenstrahl auf den Hexalatesand fiel. Sie starrte das Farbenkaleidoskop an, bis ihre Augen tränten.

Ein dumpfer Stoß war zu hören, als die langen, massiven Pontons abgesenkt wurden. Sekunden vor dem Kontakt war das Licht so hell geworden, dass Cora sich von der Luke abwenden musste. Den kurzen Eindruck, den sie von Mou’anui gehabt hatte, würde sie aber nie im Leben vergessen. Es war, als landeten sie im Inneren eines Diamanten.

Als sie das Wasser berührten, war ein weiterer, kräftigerer Stoß zu spüren. Die Heckmotoren brüllten auf. Cora versuchte, klar zu sehen, aber durch die Luke zuckten immer noch reflektierte Lichtblitze herein und blendeten sie. Jetzt verspürte sie eine andere Bewegung, eine, die ihr gleichzeitig vertraut und doch fremd war.

Sie trieben auf einem fremden Meer.

2. Kapitel

 

»Wir werden in Kürze ausschiffen, Ladies and Gentlemen«, sagte die Stimme aus dem Lautsprecher. »Willkommen auf Cachalot.«

Die Passagiere lösten die Sicherheitsgurte, kümmerten sich um ihr Gepäck, ihre Bandgeräte und die sonstigen persönlichen Habseligkeiten. Cora versuchte, unter den Passagieren mögliche Eingeborene ausfindig zu machen, und entschied sich schließlich für den Mann und die Frau an den zwei vordersten Backbordsitzen. Sie waren nicht polynesischer Abstammung, hatten aber eine Haut von der Farbe heller Schokolade. Sie trugen nur Schwimmshorts und Oberteile aus Fischnetz.

Das Shuttle fuhr langsam über die Lagune. Durch die Fenster, die sich infolge der starken Lichtreflexe automatisch abgedunkelt hatten, konnte sie auf die matt schimmernde Wasseroberfläche hinaussehen. Langsam wich die dunkle Tönung helleren, fröhlicheren Farben, als das Wasser seichter wurde.

Jetzt konnte Cora Gebilde erkennen, die sich im Wasser bewegten. Diese ersten Anzeichen des Lebens von Cachalot erregten sie so, dass sie beinahe zu atmen vergaß. Die Gebilde huschten zwischen den seltsamen zweigähnlichen Gewächsen hin und her, die von den Hexalaten geformt wurden.

Keines der kristallinen Gewächse wies die sanften Kurven oder gerippten Oberflächen mancher Korallen der Erde auf. Gleichgültig ob groß oder klein, zeigten die Formationen im allgemeinen gerade, rechtwinklige Architektur, Albtraum eines Kristallographien. Die winzigen Geschöpfe, deren versteinerte Skelette den Sand bildeten, der den Grund der Lagune füllte, ihre Ufer bildete, bauten ihre Exoskelette aus Silizium auf, während die Korallen der Erde dazu Kalk benutzten. Die Strände von Cachalot bestanden aus Glas. Vielfarbiges Glas sogar, denn winzige Beimengungen verschiedener Mineralien reichten aus, um Hexalate praktisch jeder Farbe des Spektrums zu erzeugen. Die Tridi Solidos, die Cora von den Inseln Cachalots gesehen hatte, erinnerten sie an riesige Berge von Edelsteinen.

Jetzt konnte sie die ersten Bauten auf der zunächst liegenden äußeren Insel erkennen. Hier und da, um die Bauten verstreut, waren lange, niedrig wachsende grüne Pflanzen zu erkennen. Es handelte sich um Seelungen, eine Abart der lokalen Pflanzenwelt, die die Fähigkeit entwickelt hatte, Sauerstoff aus der Luft, statt aus dem Wasser, zu entnehmen. Ihre Wurzeln waren tief im Innern des Riffs verankert.

Man hatte vertrautere Vegetation dazu benutzt, um die Anlage gärtnerisch zu gestalten. Cora erkannte zahlreiche Arten außerplanetarischen, salztoleranten Pflanzenlebens, darunter auch einige von der Erde. Unter letzteren fielen ihr besonders die prosaischen, gebogenen Silhouetten von Kokospalmen auf. Wahrscheinlich waren die Pflanzen, ebenso wie das Erdreich, in dem sie gediehen, importiert.

Jetzt tauchten einige kleine Docks auf. Männer und Frauen arbeiteten auf ihnen oder in ihrer Nähe, und waren mit irgendwelchen Verrichtungen beschäftigt. Alle waren nur notdürftig bekleidet. Besonders breitkrempige, dunkle Hüte schienen populär. Die Instrumentengürtel, die einige trugen, enthielten wesentlich mehr Material als der Rest ihrer Kleidung.

Das Shuttle bog nach rechts ab und glitt auf einige große, zweistöckige Gebäude zu. In entgegengesetzter Richtung fegte ein kleiner Gleiter an ihnen vorbei. Seine Mannschaft winkte den Insassen des Shuttle vergnügt zu.

Das ehemals dröhnende Donnern der Motoren des Shuttle hatte sich jetzt auf ein chemisches Schnarchen reduziert. Die Maschinen husteten noch ein oder zweimal, als der Pilot den Kurs des Shuttle leicht änderte. Dann lag es lautlos neben einem schwimmenden Dock aus braunem Polymer. Das Dock tanzte zwischen zwei dünnen Pfosten aus grünem Glas behäbig auf den Wellen.

Cora überlegte, ob das Glas wohl aus Hexalatesand bestehen mochte, und sagte sich, dass dies wahrscheinlich der Fall war. Jede Außenwelt musste möglichst viel aus eigenen Mitteln herstellen. Das Ziel einer jeden Kolonie war die Autarkie. Sie rechnete damit, dass eine Vielzahl der alltäglichen Gebrauchsgegenstände Cachalots aus Glas bestehen würde.

Am anderen Ende des Docks war ein kleiner Tragflächengleiter vertäut.

Die vordere Tür zwischen dem Cockpit und dem Passagierraum stand offen. Ein warmer Lufthauch erfüllte die Kabine, und an die Stelle der abgestandenen Konservenluft trat jetzt Feuchtigkeit und das kräftige Aroma der See. Cora atmete tief ein und schloss wohlig die Augen. Parfüm, schieres Parfüm.

»Ich möchte nur wissen«, brummte Rachael, »weshalb sämtliche Ozeane auf sämtlichen Planeten immer stinken müssen.«

Das war nicht das erste Mal, dass sie ein solches Gespräch führten. Cora ging nicht auf die Unempfindlichkeit ihrer Tochter gegenüber einem der wunderbarsten Gerüche des ganzen Universums ein.

Dann füllte sich die Tür plötzlich mit einer hünenhaften, an einen Bären erinnernden Gestalt. Sie zwängte sich in die Kabine, zog den Kopf ein, um nicht am Eingang anzustoßen, und musterte die Ankömmlinge.

Der hünenhafte Mann trug bloß einen Trylon Pareu, der mit blauen Nebeln und rosafarbenen Blumen bedruckt war und locker um seine Hüften drapiert bis zu den Knöcheln reichte. Brust und Kinn waren haarlos, während sein mächtiger, runder Schädel mit schwarzen Locken bedeckt war, die durchaus im Verlauf der letzten Dutzend Jahre kaum einmal gekämmt worden sein mochten.

Der Mann war nur ein paar Zentimeter größer als Rachael, aber sein Körperbau war der eines Riesen. Oder eines Granitmassivs. Er mochte Anfang vierzig sein, schätzte Cora, hatte aber die rundlichen Formen eines Kindes. Am auffälligsten daran war ein beträchtlicher Bauch, der sich unter seinem Brustkasten förmlich nach vorne wölbte, aber keineswegs fett wirkte. Eher handelte es sich um eine glatte Kurve aus massiven Muskeln, die unter dem Hüftband des Pareu verschwanden.

Auch das Gesicht war gerundet und vermittelte Cora das gespenstische Gefühl, dass sie hier gar keinen reifen Mann vor sich sah, sondern ein zu groß geratenes Kind. Sah man von seiner Größe ab, so war es höchstens noch dem mit Instrumenten überladenen Gürtel, den er um Hüften und Taille geschlungen hatte, mehr unter den Bauch gestopft als darüber, zuzuschreiben, dass man ihn doch für einen Erwachsenen halten konnte. Sie studierte die Instrumentenanordnung, erkannte die Unterwasser-Not-Einheit, die einem Taucher zwanzig Minuten Luft bot, ein Unterwasser-Lumar, einige Instrumente, deren Zweck sie nicht kannte, und schließlich an seiner Linken ein kleines Rechteck aus Metall mit einer dauernd wechselnden Digitaldatenausgabe. Sie hatte in ihrem Gepäck ein ähnliches Gerät. Es war imstande, auf Kommando Zeit, Tiefe, Richtung und Strömungsgeschwindigkeit, Wassertemperatur und eine ganze Anzahl weiterer Faktoren von vitalem Interesse zu liefern. Es war teuer, jedenfalls nicht die Art von Gerät, wie sie einfache Fischer zu tragen pflegen. Ob er der hiesigen Wissenschaftsstation angehörte? Das würde sie bald wissen.

Seine Fleischmassen, die er großteils unbedeckt zur Schau stellte, störten sie nicht. Notwendigerweise trugen die Bürger des Commonwealth, die seine Ozeane bewohnten, weniger als ihre binnenländischen Kollegen. Dies war teilweise der Konvention zuzuschreiben, teilweise auch der Bequemlichkeit, teilweise, wie sie häufig vermutete, der Tatsache, dass der Mensch dem Meer entstiegen war und insgeheim den Wunsch verspürte, wieder dorthin zurückzukehren. Je näher der Mensch wieder der See kam, desto größer die Zahl zivilisatorischer Artefakte, die er abzulegen bereit war.

Cora trug nur ein einfaches, einteiliges lockeres Schiffskleid, das über den Knien endete. Trotzdem kam sie sich jetzt, da sie auf Cachalot war, unerträglich overdressed vor. Sobald man ihnen ein Quartier zugewiesen hatte, würde sie sich umziehen. Sie konnte es kaum erwarten.

Noch hübscher müsste es sein, nur mit der eigenen Haut bekleidet herumzulaufen, aber selbst eine so formlose Welt wie Cachalot würde wahrscheinlich den universellen Konventionen folgen. Bedauerlicherweise schlossen diese auch ein, dass man wenigstens minimale Kleidung trug. Nicht alle Bewohner, ganz zu schweigen von Besuchern und Zeitarbeitern, würden bereitwillig die anerzogene Moral gegen Vernunft und Bequemlichkeit eintauschen. Und dann gab es natürlich immer das etwas delikate Problem der Wünsche und der Nähe von Männern. Ihre Kollegen würden ebenfalls Wissenschaftler sein, aber die Erfahrung hatte ihr gezeigt, dass gerade die wissenschaftliche Distanziertheit in ihrer Gegenwart auf geradezu entwaffnende Weise zu zerschmelzen drohte. Ganz zu schweigen von Rachael.

»Sam Mataroreva.« Der Mann blickte auf sie herunter. Seine Stimme klang so sanft wie das Schnurren einer Katze, und ebenso leicht und offen, wie er als Mensch auf sie wirkte. Er ging jetzt den Mittelgang hinunter, zwängte seine Hünengestalt zwischen den Kontursitzen hindurch. Trotz seiner Größe wirkte er physisch weniger drohend auf sie als andere sehr große Männer. Vielleicht war das sein babyglattes, haarloses Gesicht. Und vielleicht einfach nur sein reizendes Lächeln.

»Sie sind Cora Xamantina?« Seine Hand umschloss die ihre.

Sie zog sie abwehrend weg. »Wie bitte?« Warum hast du das jetzt getan?, fragte sie sich. Warum dieser instinktive Rückzug? Schließlich durfte man einen Menschen nicht nach seinem Aussehen beurteilen, und es war durchaus möglich, dass sich unter diesem jovialen Äußeren Gefahr verbarg.

Mataroreva schien ihre abwehrende Haltung nicht zu bemerken. Er war bereits dabei, Rachael die Hand zu schütteln. »Und Sie sind Rachael, e’?«

»Ja.« Sie wich einen halben Schritt zurück, als die mächtige Fleischmasse sich über sie beugte.

Irgendein Beamter, den man ihnen entgegengeschickt hatte, um sie zu begrüßen, dachte Cora. Nun, damit hatte man rechnen müssen. Sie wollte gerade jene ewig gleichen und doch notwendigen Fragen stellen, die Besucher an einem neuen Ort stellen müssen, als Mataroreva sie dadurch erschreckte, dass er ein paar Schritte den Mittelgang hinunterging und einen dritten Passagier ansprach.

»Und Mr. Merced natürlich.«

»Richtig.«

Cora starrte den kleinen Mann mit weit offenem Munde an.

»Sie kommen aus Kommissar Hwoshiens Büro?«, fragte Merced.

Mataroreva lächelte und fuhr sich mit den dicken Fingern durch das Kelpgestrüpp auf seinem Kopf. »Eine Art Liaison zwischen der Regierung und den privaten Gesellschaften, die handelsgerichtlich registriert sind und hier tätig sein dürfen. Damit habe ich das Beste und das Schlimmste gleichzeitig.«

Cora starrte immer noch Merced an, der wie ein dunkler Splitter wirkte, der von der Flanke des mächtigen Polynesiers abgefallen war. Merced fiel ihr Blick auf und schien noch peinlicher berührt als zuvor.

»Es tut mir schrecklich leid. Wahrscheinlich hätte ich mich schon früher vorstellen müssen.« Er trat in den Mittelgang. »Aber das Instrument Ihrer Tochter hat mich so fasziniert – die sind so rar, wissen Sie, und …« Er hielt inne, wurde rot und streckte die Hand aus. »Ich bin Professor für angewandte ozeanographische Forschungen von der Universität Toleamia auf Repler.«

»Toleamia?« Sie wollte nicht ohne weiteres glauben, dass diese reizbare Person ein Vertreter einer so prestigeträchtigen Institution sein sollte.

»Richtig.« Das klang, als wolle er sich entschuldigen. »Bitte, entschuldigen Sie mich. Ich hatte mich wirklich für das Neurophon interessiert.«

»Und seine Besitzerin?«

»Mutter!«, meinte Rachael warnend.

»Ich müsste lügen, wenn ich es verneinte.« Merced schien durchaus wahrheitsliebend.

Matarorevas Lächeln war langsam verblasst. »Fehlt mir da irgend etwas, um richtig zu verstehen?«

»Nein.« Cora wandte sich um und zwang sich, ihn anzulächeln. »Nichts Wichtiges. Wir sind sehr froh, dass wir hier sind, Mr. Mataroreva. Jetzt hoffe ich nur, dass wir uns irgendwie nützlich machen können.« Sie stellte fest, dass sie die letzten Passagiere an Bord des Shuttle waren. »Wenn ich etwas durcheinander scheine, so liegt das nur daran, weil man mir eingeredet hat, dass meine Tochter und ich die einzigen Experten wären, die man zu Konsultationen hierher gerufen hat, um Ihr Problem zu überdenken.« Sie sah Merced an. »Ich nehme doch nicht an, Ihre Anwesenheit hier und die Tatsache, dass Sie von Mr. Mataroreva begrüßt werden, bedeuten, dass Sie an etwas anderem arbeiten?«

»Ich fürchte, wir sind alle aus demselben Grund hier.« Merced trat von einem Fuß auf den anderen. »Nicht, dass es etwas zu besagen hätte, aber bis Sie an Bord des Shuttle gingen, wusste ich ebenso wenig von Ihrer Einschaltung, wie Sie von der meinen. Der Unterschied war nur, dass ich schon von Ihnen gehört hatte, und Sie nicht von mir.« Er zwang sich zu einem Lächeln. »Ich glaube nicht, dass wir Schwierigkeiten haben werden, miteinander zu arbeiten.«

»Immer vorausgesetzt, dass wir am Ende wirklich zusammenarbeiten.« Cora räumte damit gar nichts ein.

Mataroreva begann sich sichtlich unwohl zu fühlen. Sie fand, dass er des Zuspruchs bedurfte.

»Normalerweise bin ich nicht so reizbar. Es war nur eine lange, anstrengende Reise.«

»Ich verstehe.« Seine Haltung lockerte sich etwas. »Bitte, nennen Sie mich Sam.«

»Okay … also Sam.« Sie war zu müde, um sich mit irgend jemandem über protokollarische Fragen auseinanderzusetzen. Außerdem war ›Sam‹ viel leichter auszusprechen als ›Mataroreva‹.

»Gut.« Er strahlte. »Ihr großes Gepäck sollte bereits zu Ihren Zimmern unterwegs sein. Sonst noch etwas?«

Alle schüttelten den Kopf. Sie trugen alle ihre Instrumentengürtel mit allem Nötigen.

»Dann fahren wir jetzt zur Verwaltung. Aber zuerst …« Er griff in ein großes wasserdichtes Paket, das er an seinem wie ein Weihnachtsbaum wirkenden Gürtel trug, und entnahm ihm eine Handvoll Schutzbrillen, die zur Gänze aus einem elastischen, durchsichtigen Material angefertigt waren, deren Kopfband also genauso beschaffen war wie die Linsen. Er schob sich ein weiteres Paar über das Gesicht. »Die passen sich ganz von selbst an«, sagte er, als die anderen es ihm nachmachten. »Ich empfehle Ihnen, die Brille nicht abzunehmen, bis Sie ein Gebäude betreten haben. Auf dem offenen Meer brauchen Sie sie auch nicht. Alle unsere Gebäude haben Fenster, die aus demselben Material sind.«

»Gewöhnt man sich denn nicht an das helle Licht?«, fragte Cora.