Der Tag, an dem der Goldfisch
aus dem 27. Stock fiel
eBook 2015
Die amerikanische Originalausgabe erscheint 2015 unter dem Titel ›Fishbowl‹ bei St. Martin’s Press, New York.
© 2015 Bradley Somer
© 2015 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Annette Hahn
Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln
Umschlagillustration: © gisela goppel c/o 2 agenten.com
Satz: Angelika Kudella, Köln
eBook-Konvertierung: CPI books GmbH, Leck
ISBN eBook: 978-3-8321-8838-2
www.dumont-buchverlag.de
Für B. Tyler
Kapitel 1
Welches die Essenz des Lebens und alles andere beleuchtet.
Es gibt ein Behältnis, das das Leben und alles andere enthält.
Es ist kein metaphorisches Behältnis aus alten Überlieferungen, keine Schachtel voll Papierstapel, die gesammelt, zusammengebunden und mit den Farbwerken der Zuversicht gefüllt wurden, um damit die Schwächen und Widersprüche der menschlichen Spezies zu beschreiben. Das Gefäß verströmt nicht den modrigen Geruch antiker Weisheit und schimmelnden Papiers. Es ist kein mikroskopisch kleiner Raum mit DNA-Nukleinbasen, der zwischen Zellwänden eingebettet ist und Spuren von allem enthält, das je gelebt hat – vom heutigen Tag bis durch den Sternenstaub des Urknalls zurück zu dem, was auch immer bereits existierte, bevor die Zeit begann. Das Behältnis kann nicht zerteilt, neu zusammengesetzt oder einer Therapie unterzogen werden. Es ist nicht das Werk eines Gottes oder der Evolution nach Darwin. Es sind auch nicht tausend andere Ideen, wie konkret oder abstrakt sie auch sein mögen, die die Seiten dieses Buches füllen könnten. Es ist nicht ein Einziges von alledem, sondern alles zusammen und mehr.
Nun, da wir wissen, was es nicht ist, sehen wir uns doch einmal an, was es ist. Es ist ein Kasten, der das Leben selbst enthält. Lebewesen bewegen sich darin, und zu einem bestimmten Zeitpunkt wird dieser Kasten lange genug da gewesen sein, um absolut alles einmal enthalten zu haben. Nicht alles gleichzeitig. Aber über die Jahre hinweg, indem sich unendlich viele Schichten übereinanderlegen, wird alles früher oder später darin landen. Die Zeit wird alle Erfahrungen zusammentragen, sie aufeinanderschichten, und während jeder Augenblick an sich flüchtig ist, bleibt die spürbare Erinnerung daran unvergänglich. Allein dass ein bestimmter Augenblick vergeht, kann die Tatsache nicht auslöschen, dass er einmal existiert hat.
Auf diese Weise weist der Kasten über das Organische hinaus ins Übernatürliche. Die herzergreifende Süße der Liebe, der zerfleischende Hass, die schlüpfrige Lust, der Kummer über den Verlust eines Familienmitglieds, die Qual der Einsamkeit, alle Gedanken, die je gedacht, alle Worte, die je gesagt wurden, und selbst die, die ungesagt blieben, die Freude über ein neugeborenes Leben, die Trauer über den Tod und alles andere wird in diesem einen Behältnis durchlebt werden. Die Luft ist drückend vor Ahnung all dessen. Und wenn es vorbei ist, wird die Luft schwer sein von allem, was geschah.
Es ist ein Kasten, der von menschlicher Hand erschaffen wurde, und ja, wenn Ihr Glaube in diese Richtung geht, damit auch indirekt durch die Hand Gottes. Unabhängig von seinem Ursprung bleibt sein Sinn bestehen, und seine Form beruht auf diesem Sinn. Der Kasten ist in kleine Einheiten unterteilt, die all die Erlebnisse der Zeit bewahren, auch wenn diese sich nicht nach Ort oder Abfolge ihres Geschehens ordnen lassen.
Es sind aufeinandergestapelte Einheiten, siebenundzwanzig hoch, drei breit und zwei tief, die dieses Sammelsurium beherbergen. Melvil Dewey, Schutzpatron der Bibliothekare, würde sich beim bloßen Gedanken daran im Grab umdrehen, die Merkmale dieser einhundertzweiundsechzig Einheiten klassifizieren zu müssen. Es besteht keine Möglichkeit, das, was hier geschieht, zu ordnen oder zu strukturieren, keine Möglichkeit, es zu steuern oder zu systematisieren. Es muss schlicht als Chaos belassen werden.
Zwei Aufzüge verbinden all diese Abteile. Für sich genommen sind es ebenfalls kleine Kästen, jeder mit dem Fassungsvermögen von zehn Personen. Jeder mit einem kleinen, neben dem Tastenfeld an der verspiegelten Wand befestigten Schild, das genau darauf hinweist. Der verstörende Alarmton, der bei zu hoher Belastung schrillt, weist ebenfalls darauf hin. Die Aufzüge gleiten unablässig in ihren dunklen Schächten auf und ab und liefern beflissen die Artefakte und ihre Hüter in die verschiedenen Ebenen. Tag und Nacht fahren sie erst in das eine Stockwerk, dann ins nächste und wieder zurück zur Eingangshalle. Es gibt auch ein Treppenhaus für den Fall, dass es brennt oder der Strom ausfällt, damit die Hüter ihre liebsten Artefakte greifen und den Kasten sicher verlassen können.
Der Kasten ist ein Gebäude, ja. Genauer gesagt ist es ein Wohngebäude. Da steht es, als wirklicher Ort in einer wirklichen Stadt. Es hat eine Adresse, damit Menschen, die sich in der Gegend nicht auskennen, es finden können. Es hat auch feste Koordinaten, damit Anwälte und Stadtplaner es finden können. Es ist auf vielerlei Arten gekennzeichnet. Für die Stadt ist es ein orangefarbenes Rechteck mit schwarzer Kreuzschraffur auf dem Flächennutzungsplan. »Geschosswohnbau, Hochhaus mit hoher Wohndichte« steht in der Legende. Für viele seiner Bewohner bedeutet es »eine Zweizimmer-Mietwohnung mit Tiefgarage und Münzwaschkeller«. Für andere bedeutet es »die unglaublich günstige Chance auf die Annehmlichkeiten einer Stadtwohnung zum bezahlbaren Preis – diese 2 ZKB-Eigentumswohnung mit ungehindertem Ausblick auf die Stadt muss man gesehen haben, um es zu glauben« – und ist jetzt ihr Zuhause. Für einige wenige ist es ein Ort, an dem sie während der Woche arbeiten. Für andere ist es ein Ort, um am Wochenende Freunde zu besuchen.
Das Gebäude wurde 1976 errichtet und behauptet sich seither gegen die Zeit. Im Neuzustand war es das höchste Gebäude der Straße. Nun, da es älter ist, gibt es drei höhere. Und demnächst ein viertes. Anfangs war es ein elegantes und stattliches Gebäude. Inzwischen wirkt es veraltet, einer architektonischen Epoche zugehörig, die einen eigenen Namen trägt. Dieser Name existierte zur Bauzeit noch nicht, wird jetzt im Nachhinein aber mit wissendem Lächeln verwendet.
Vor Kurzem erst wurde das Haus renoviert, denn das war dringend notwendig. Es wurde neu gestrichen, um den abgeplatzten Beton und die Graffiti zu überdecken. Die zugigen Fenster und undichten Balkontüren wurden ersetzt, um die Abendkühle fern und die warme Luft im Gebäude zu halten. Im letzten Jahr wurde der Heizkessel erneuert, um angemessen heißes Wasser zum Waschen zu liefern. Die Elektrik wurde modernisiert, weil es neue Gebäudevorschriften gibt. Früher war es ein Gebäude, in dem ausschließlich Mieter wohnten. Heute ist es eine Eigentumswohnanlage, in der die meisten Besitzer auch selbst leben, einige jedoch lieber vermieten, um andere Investitionsrisiken auszugleichen, um »ihr Portfolio zu diversifizieren«.
Das Haus erfüllt die Funktion einer Arche, alles bisher Erwähnte, den Geist und das Chaos des Lebens und all jene Wesen, denen dies innewohnt, durch die Fluten zu tragen und in Sicherheit zu bringen, bis das Wasser zurückweicht. Je nachdem, wo Sie wohnen, könnte dieser Kasten einfach ein Stück die Straße hinauf stehen. Er könnte sich sogar fußläufig von dem Ort befinden, an dem Sie gerade diese Worte lesen. Vielleicht fahren Sie auf dem Nachhauseweg an ihm vorbei, wenn Sie im Stadtzentrum arbeiten und in einem der Vororte leben. Vielleicht wohnen Sie ja selbst darin.
Wenn Sie das Gebäude sehen, bleiben Sie einen Moment stehen und führen sich vor Augen, was für ein wundersames Geheimnis es ist. Es wird noch da sein, lange nachdem Sie die letzte Seite dieses Buches umgeblättert haben, lange nachdem wir tot und diese Worte vergessen sind. Anfang und Ende der Zeit werden innerhalb dieser Mauern stattfinden, zwischen Dach und Tiefgarage. Doch im Moment, nur eine Handvoll Dekaden alt, ist es ein sich entfaltendes Wunderding in seiner Entstehungsphase und dieses Buch eine kurze Chronik seiner Jugend.
Über der Eingangstür steht als schwarzer, metallener Schriftzug, von dessen Befestigungsbolzen rostige Tränenspuren über die Backsteinfassade laufen, der Name des Gebäudes: The Seville on Roxy.
Kapitel 2
In dem sich unser Protagonist Ian in unheilvoll freiem Fall befindet.
Unsere Geschichte beginnt nicht mit dem verhängnisvollen Sprung eines Goldfisches namens Ian vom Balkon im siebenundzwanzigsten Stock, wo er, soweit er es begreifen kann, nur einen Augenblick zuvor noch von seinem Glas aus den Ausblick auf die Skyline des Stadtzentrums genossen hat.
In den langen Schatten der späten Nachmittagssonne bildet die Silhouette der Stadt einen Palisadenzaun aus Häusern. Die einen tragen staubrosa Glasfassaden, die eine marsianische Sonne reflektieren. Andere sind graublaue Spiegel und wieder andere einfache Beton- oder Backsteinklötze. Es gibt Büroturmthrone, die stolz ihr Firmenlogo als Krone tragen, und es gibt Hotels und Wohngebäude, deren vertikale Linien durch stachlig abstehende Balkone wie gerippt erscheinen. Sie alle sind nach einem Raster in den Boden gerammt worden, das eine gewisse Ordnung in ihr unterschiedliches Erscheinungsbild bringt.
Ian blickt über diesen megalithischen Blumengarten aus Wolkenkratzern hinweg und sieht nur so viel an Wunderbarem, wie sein Geist erfassen kann. Er ist ein Goldfisch, dem sich eine Vogelperspektive auf die Welt bietet. Ein Goldfisch, der von seiner erhöhten Position aus die Sicht Gottes erlebt, eine Sicht, die vergeudet ist an ein Gehirn, das nicht begreifen kann, was es betrachtet, was aber diesen Ausblick im Grunde noch viel wunderbarer macht.
Ian springt erst in Kapitel 54 vom Balkon, als ihm eine tragische Folge von Ereignissen die Chance eröffnet, seinem wässrigen Gefängnis zu entfliehen. Trotzdem fangen wir aus diversen Gründen mit Ian an. Der erste ist, dass er als entscheidendes Element die Menschen verbindet. Der zweite ist, dass ihm Ort und Zeit aufgrund der beschränkten Kapazität seines Fischhirns wenig bedeuten, welches beides fortwährend neu entdeckt. Ob er gerade jetzt fällt oder fünfzehn Minuten später oder fünfzehn Minuten früher, ist vollkommen egal, weil Ian weder Zeit noch Ort begreifen kann noch die Reihenfolge, mit der das eine das andere bedingt.
Ians Welt ist eine Reproduktion von Ereignissen ohne logische Abfolge, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft.
In diesem Moment, zum Beispiel, zu Beginn seiner Laufbahn als cyprinoider Klippenspringer, erinnert sich Ian, dass sein nasses Zuhause immer noch auf einem gebraucht gekauften Klapptisch mit abblätternder grüner Farbe steht. Abgesehen von ein paar Kieselsteinchen, einer pinkfarbenen Plastikburg, einer Schicht Algen an der Glaswand und seinem Mitbewohner Troy, der Schnecke, ist das Glas jetzt leer. Eine rasant wachsende Strecke leerer Luft entsteht zwischen dem Glas und seinem ehemaligen Bewohner. Ian ist egal, dass dieses Ereignis erst in Kapitel 54 erfolgt, weil er bereits vergisst, wie es zustande kam. Gleich wird er auch das Glas vergessen, in dem er über Monate hinweg gelebt hat. Er wird die alberne pinkfarbene Burg vergessen. Mit der Zeit wird der mäßig erträgliche Troy nicht nur zur fernen Erinnerung werden – er wird ganz und gar aus Ians Bewusstsein verschwinden. Es wird sein, als hätte er nie existiert.
Während er an einem Fenster im fünfundzwanzigsten Stock vorbeisaust, erhascht Ian einen Blick auf eine Frau mittleren Alters und beachtlicher Größe, die durch ein Wohnzimmer schreitet. Es ist der kurze Blick, ein flüchtiger Blitz im Geist einer Kreatur ohne Gedächtnis, auf eine Frau in einem wunderschönen Abendkleid, deren elegante, anmutige Bewegungen dem Kräuseln und Fließen des edlen Materials entsprechen, aus dem die Robe geschneidert ist. Das Gewand ist von einem überwältigenden Rot. Ian würde es »karminrot« nennen, wenn er das Wort dafür wüsste. Die Frau bewegt sich mit dem Rücken zu Ian, der den Schnitt des maßgefertigten Kleides bewundert und die Art, wie er ihre üppige Figur betont, die Mulde ihres Rückgrats zwischen den muskulösen Schulterblättern. Sie ist gerade dabei, einen Couchtisch zu umrunden. Die Art, wie sie sich bewegt, verrät eine gewisse Schüchternheit sowie einen Anflug von Panik. Ihre Füße sind leicht nach innen gestellt, ihre Knie berühren sich sanft. Die Hände hält sie auf einer Seite ineinander verschränkt, dabei liegt ein Arm entschuldigend über ihrem Bauch, und der andere ruht auf ihrer Hüfte. Ihre Finger sind zu einem Nest verknotet.
In der Mitte des Wohnzimmers steht ein stämmiger Mann. Er streckt einen stark behaarten Arm nach der Frau aus und sieht sie mit leuchtenden Augen an. Sein Gesicht strahlt Ruhe aus, was einen Gegensatz zur Nervosität der Frau bildet. Auf seinen Lippen liegt der Anflug eines Lächelns. In seinem Blick liegt etwas, das sich wie die Umarmung eines geliebten Menschen anfühlt.
All das zieht blitzartig vorüber, während Ian auf dem Weg zu seiner Höchstgeschwindigkeit den fünfundzwanzigsten Stock passiert. Mit der Vernunft eines Goldfisches kann Ian das seltsam Göttliche an der Existenz einer konstanten, linearen Beschleunigung nicht begreifen. Könnte er es, würde er über die schöne und messbare Ordnung staunen, die die Schwerkraft dem Chaos der Welt auferlegt, die partnerschaftliche Harmonie zwischen einer konstanten Beschleunigung und einer Höchstgeschwindigkeit, die alle Objekte im freien Fall erreichen, aber nicht durchbrechen. Ist diese universelle Größe tatsächlich göttlich oder bloß reine Physik, und könnte sie, falls Letzteres, doch das Werk des ersten sein?
Da er kaum Kontrolle über seinen Fall besitzt, taumelt Ian in der Luft und sieht plötzlich den weiten, blassblauen Himmel über sich und Hunderte weißer Papierbögen, die anmutig durch die Luft gleiten, ihm schaukelnd und flatternd folgen wie eine Schar Seevögel einem Schlepper. Um Ian herum schweben exakt zweihundertzweiunddreißig Seiten einer unvollendeten Dissertation. Eine der trudelnden Seiten ist das Deckblatt, das als Erstes davonwehte und jetzt unterhalb der anderen auf einem Windhauch dahintreibt. In Fettdruck steht darauf: »Phytolith-Funde aus dem Jungpleistozän und Holozän im unteren Salmon River Canyon, Idaho«, und darunter in Kursivschrift: »von Connor Radley«.
Der Fall der Blätter gestaltet sich weitaus graziler als der unbeholfen korkenartige Sturz des Goldfisches, den die Evolution schlecht dafür ausgerüstet hat, die rasant schwindende Menge an Stockwerken eines innerstädtischen Hochhauses zu passieren. Tatsächlich hat die Evolution nicht vorgesehen, dass Goldfische fliegen. Und Gott auch nicht, wenn es das ist, woran Sie glauben. Es ist im Grunde auch egal, denn Ian kann weder das eine noch das andere begreifen oder glauben, und das Resultat seines Unvermögens ist dasselbe. Die Ursache ist in diesem Moment nicht relevant, weil das Resultat unwiderruflich ist.
Während seine Welt trudelt und taumelt, erhascht Ian kurze Blicke auf den Gehsteig, den Horizont, den weiten Himmel und die sanft fallenden weißen Blätter. Der arme Ian denkt nicht darüber nach, dass er bedauerlicherweise keine Ameise ist, eine Kreatur, die bekanntermaßen das Tausendfache ihrer Körperlänge fallen und ihren Weg danach fröhlich auf den sechs Beinchen fortsetzen kann. Er beklagt nicht, dass er nicht als Vogel geboren wurde, eine Tatsache, die im Moment durchaus beklagenswert ist. Ian war nie sonderlich introspektiv oder melancholisch. Eingehendes Sinnieren oder Klagen liegt nicht in seiner Natur. Sein Wesen ist ein simples Amalgam aus Carpe diem, Laisser-faire und Namaste.
»Weniger denken, mehr tun« lautet die Philosophie eines Goldfisches.
»Ein Plan ist der erste Schritt zum Scheitern«, würde er anmerken, wenn er sprechen könnte.
Ian ist ein Bonvivant, ein Lebemann, und hätte er Denkvermögen, hätte er es als bemerkenswert erachtet, dass die englische Sprache kein eigenes äquivalentes Wort dafür besitzt. Er war als Goldfisch immer glücklich. Er hat beim Passieren weiterer fünfundzwanzig Stockwerke keinen blassen Schimmer, dass, wenn nicht etwas dramatisch Unvorhergesehenes und Wunderbares geschieht, er später mit beträchtlicher Geschwindigkeit auf dem Gehweg aufschlagen wird.
Wenn man so will, ist dieser nicht analytische Goldfischgeist für Ian ein Segen. Anstelle der Sorgen, die aus tiefschürfenden Gedankengängen erwachsen, besitzt er einen Urinstinkt sowie ein Gedächtnis, das den Bruchteil einer Sekunde umfasst. Ian ist mehr Reaktionär als Macher oder Planer. Er sinnt oder grübelt nicht lange über irgendetwas nach. Kaum erkennt er seine missliche Lage, gleitet er sofort wieder in glückselige Ahnungslosigkeit, um die Situation kurz danach aufs Neue zu erfassen. Daher schläft er gut, hat weder Sorgen noch aufrührende Ideen.
Andererseits ist die sich ständig wiederholende schaurige Erkenntnis des Sturzes für einen Körper höchst ermüdend. Die schnellfeuergewehrartige Ausschüttung von Adrenalin und das beständige Auslösen des Fluchtreflexes erzeugen in dem kleinen goldüberzogenen Klumpen Fischfleisch höchsten Stress.
»Also … was hab ich gerade gemacht? Ach herrje, ich krieg keine Luft! Oh, Scheiße, ich fall von einem Hochhaus! Also … was hab ich gerade gemacht? Ach herrje …«
Gesegnet sind wahrhaftig die, die arm sind im Geiste.
Aber wie ich vorhin, nachdem er vom Balkon im siebenundzwanzigsten Stock getaumelt war und kaum den fünfundzwanzigsten erreicht hatte, bereits bemerkte: Unsere Geschichte beginnt nicht mit Ian.
Kapitel 3
In dem Katie das Seville on Roxy in einer wichtigen Mission ansteuert.
Unsere Geschichte beginnt, etwa eine halbe Stunde bevor Ian zum Sprung ansetzt. Sie beginnt mit Katie, Connor Radleys Freundin. Da ist sie, an der Tür des Drugstores zwei Blocks vom Seville on Roxy entfernt, und blickt in die späte Nachmittagssonne hinaus. Sie legt eine Hand auf den Türgriff, doch anstatt die Tür zu öffnen und das Geschäft zu verlassen, blickt sie den Roxy Drive entlang. Auf dem Gehweg drängen sich Schulter an Schulter die Fußgänger, und die Straße ist Stoßstange an Stoßstange verstopft mit dem immer dichter werdenden Berufsverkehr.
Neben dem Drugstore ist eine Baustelle, vor der eine Reklametafel verkündet: »Hier entsteht The Baineston on Roxy, 180 Luxuswohnungen jetzt zu verkaufen«. Eine klare Liniengrafik zeigt ein kastenförmiges, gläsernes Hochhaus mit grünen Bäumen und Menschen, die davor entlanglaufen. Die Bäume und Menschen sind nur abstrakte Skizzen im Vergleich zur Detailliertheit, mit der das Gebäude dargestellt ist. Quer über einer Ecke besagt ein Aufkleber: »40 % verkauft«. Seine Ränder lösen sich bereits, und Katie fragt sich, wie lange der Aufkleber dort wohl schon hängt. Ihr Blick wandert zu den Menschen auf dem Bild, die anonym und in verschwommener Bewegung eher wie raumfüllende Körper aussehen denn wie Menschen, die ein Leben haben.
Vor zehn Minuten, als sie den Drugstore betrat, war die Baustelle noch voll glotzender Bauarbeiter mit Schutzhelmen. Die Luft stank nach verbranntem Diesel und Betonstaub. Katie ignorierte ihre Blicke. Sie konnte die Männer reden hören, schnappte aber nur gerade so viel an lüsternen Kommentaren auf, dass sie wusste, sie sprachen von ihr. Es reichte aus, um sich unwohl zu fühlen, aber nicht, um die Meute ob ihrer Unhöflichkeit zur Rede zu stellen, falls Katie überhaupt den Mut dazu aufgebracht hätte.
Jetzt liegt die Baustelle verlassen, die Maschinen sind verstummt. Am Maschendrahtzaun steht ein einzelner Mann. Er trägt eine blaue Uniform mit dem Emblem von »Griffin Security« auf der Schulter und dem gestickten Namen »Ahmed« auf der Brust. Neben ihm steht ein Stuhl, aus dessen rissigem Bezug der orangefarbene Füllschaumstoff quillt.
Katie ist eine hübsche junge Frau mit kurzem, braunem Haar, kajalumrandeten blassblauen Augen und spitzem Kinn. Sie hat nicht so sehr die Straße beobachtet als darauf gewartet, dass die Arbeiter ihre Brotdosen einpacken und verschwinden. Sie drückt die Tür des Drugstores auf und geht hindurch, und ihr kleiner, schmaler Körper prallt gegen einen weichen, rundlichen Riesen von einem Mann namens Garth.
Garth ist ein ungepflegter, unrasierter Kerl mit betonverschmierter Arbeitshose und Schutzhelm. Er riecht nach körperlicher Anstrengung, nach Schweiß und Arbeit und Dreck. Über den Schultern trägt er einen Rucksack und in der Hand eine ausgebeulte schwarze Plastiktüte. Mit der freien Hand greift er nach vorn, um Katie aufzufangen, als sie nach dem Zusammenprall einen unsicheren Schritt zurücktaumelt.
»Tschuldigung«, murmelt Katie. Sie ist leicht verlegen, wenn auch mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache. Ihre bevorstehende Aufgabe lenkt sie so sehr ab, dass sie die Welt um sich herum ausgeblendet hat.
Garth lächelt. Ihm ist permanent bewusst, wie einschüchternd er auf Leute wirkt, die ihn nicht kennen, und so versucht er von Natur aus, jeden Gedanken zu zerstreuen, dass er eine Bedrohung darstellen könnte.
»Ist schon okay«, sagt er und bleibt eine Weile unbeholfen schweigend stehen, um abzuwarten, ob Katie noch irgendetwas sagt. Als sie es nicht tut, nickt er ihr zu und setzt seinen Weg fort.
Katie beobachtet, wie Garth bei Rot die Straße überquert und den sich vorwärtsschiebenden Autos ausweicht. Mit eilig schlurfenden Schritten geht er den Roxy Drive in Richtung des Seville hinauf. Sie bleibt noch einen Moment vor der surrenden Neonreklame des Drugstores stehen, weil es nicht so aussehen soll, als würde sie ihm folgen, denkt aber nicht weiter darüber nach, warum es ihr etwas ausmachen sollte, falls jemand das glaubt. Sie wartet lange genug, dass Ahmed vom Griffin-Sicherheitsdienst sie misstrauisch beäugt. Katie sieht nicht, wie Ahmed nach seinem Walkie-Talkie tastet und die andere Hand auf seinen Ausrüstungsgürtel sinken lässt, genauer gesagt auf die dort befestigte taktische 240-Lumen-Guard-Dog-Taschenlampe. Tatsächlich weiß Katie nicht einmal, dass eine Taschenlampe taktisch sein kann oder was sie dazu macht.
Während Katie im Verkehrslärm steht, der durch die Straße rauscht, denkt sie an Connor, denkt an ihre erste Begegnung an der Uni. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem der Kurse, die sie besucht hat, und sie hat ihn in seiner Sprechstunde aufgesucht, um sich über eine bevorstehende Prüfung zu informieren. Sie gingen Kaffee trinken und redeten über alles Mögliche, nur nicht über den Kurs. Connor war charmant und sah gut aus, und sie fühlte sich geschmeichelt, im Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu stehen. Er schien sich sehr für ihre Gedanken und Ideen zu interessieren, und sie spürte sofort eine Verbindung, eine Chemie, die sie überlegen ließ, ob es Liebe auf den ersten Blick womöglich tatsächlich gab. Die Vorstellung erschien ihr absurd, denn sie hatte immer geglaubt, so etwas gäbe es nur in Liebesfilmen und Romanen. Dann denkt Katie an den körperlichen Aspekt ihrer Beziehung der letzten drei Monate – es fehlen nur noch ein paar Tage. Als Katie gesagt hatte, dass sie ihn liebe, hatte er, nach ihrem hitzigen Liebesakt in die zerknüllten Laken gehüllt, nur gegrunzt und war offenbar eingeschlafen.
Im Nachhinein betrachtet, hat es abgesehen von ihrem ersten gemeinsamen Kaffeetrinken genau zwei selbst gekochte Abendessen, drei Kinobesuche und acht Kneipennächte mit exzessivem Alkoholgenuss und Tanz gegeben (im Gegensatz zu den meisten Männern ist Connor ein erstaunlich einfühlsamer Tänzer, der körperlich auf ihre Gefühle zu reagieren scheint). Die übrige gemeinsame Zeit verbrachten sie fast ausschließlich mit Bettgymnastik in Connors Wohnung.
Katie weiß um ihre Schwäche, sich schneller und unbedachter zu verlieben als die meisten anderen. Obwohl sie sich des Liebeskummers bewusst ist, den ihr das bereits beschert hat, weigert sie sich, ihre romantische Neigung zu unterdrücken, weil es sie dennoch glücklich macht. Sie denkt an all die Männer zurück, die sie nur allzu gern zum Abendessen eingeladen hat, um sie ihren Eltern und ihrer Schwester vorzustellen. Sie erinnert sich an das durchdringende, wohlige Gefühl, wenn alle am Tisch sich unterhielten und lachten. Dann denkt sie an die vielen nachfolgenden Familienessen, zu denen sie wieder allein kam, nachdem sie sich wegen der einen oder anderen Unzulänglichkeit getrennt oder selbst zu hören bekommen hatte, es liege nicht an ihr, sondern an ihm. Diese Abendessen münden dann in leise nächtliche Gespräche mit ihrer Mutter und ihrer Schwester, die ihr gebrochenes Herz verarzten, während ihr Vater in seinem Wohnzimmersessel schläft. Über das Flüstern in der Küche hinweg hören sie dann immer die Fernsehstimmen aus dem Wohnzimmer, von »Jesus ist die Antwort« bis zu »Ruf jetzt an, Hunderte heißer Singlefrauen warten auf dich«.
Katie ist sicher, dass es auf dieser Welt noch andere Menschen mit ihrer Fähigkeit zum Verlieben gibt. Sie sieht ihre Schwäche als etwas Gutes und weigert sich, von den vielen Zurückweisungen bitter zu werden. Auch glaubt sie fest daran, dass die Liebe einen Menschen nicht schwach macht, sondern im Gegenteil. Sie hält ihre Fähigkeit, sich zu verlieben, für ihre Superkraft. Dadurch wird sie stark.
Heute will Katie endgültig wissen, ob Connor Radley sie ebenfalls liebt.
Lautes Hupen ertönt aus dem Verkehrsstrom und reißt Katie aus ihren Gedanken. Sie blinzelt, sieht die Straße hinunter und kann Garth in der Menschenmenge nirgends mehr erblicken. Sie beschließt, dass sie genug gewartet hat. Die Zeit der Wahrheit ist gekommen. Entweder werden ihre Gefühle erwidert, oder sie geht allein nach Hause, isst die Fertigmahlzeit, die sie vorsichtshalber gerade im Drugstore gekauft hat, streicht Connor Radley aus ihren Gedanken und fängt morgen neu an. Derart entschlossen, setzt Katie sich auf dem überfüllten Gehsteig in Bewegung. An der Ecke wartet sie darauf, dass die Fußgängerampel auf Grün schaltet, und überquert die Straße.
Nun, da die Bedrohung vorüber ist, kann Ahmed vom Griffin-Sicherheitsdienst seine Muskeln wieder entspannen. Er spürt einen Anflug von Enttäuschung, dass er die Bewegungsabläufe mit seiner taktischen Taschenlampe, die er immer ohne T-Shirt vor dem Schlafzimmerspiegel übt, nicht ausführen kann. Er nimmt die Hand von der Taschenlampe und den Finger von der geriffelten Plastikoberfläche des Walkie-Talkie-Knopfs.
Katie legt den Kopf in den Nacken und späht im Näherkommen zum siebenundzwanzigsten Stock des Seville hinauf.
Da oben ist er, denkt sie, im obersten Betonkasten.
Sie kann die Unterseite seines Balkons sehen und das kleine gläserne Karree seines Fensters. Dann, viel zu schnell, steht sie vor dem Tastenfeld der Sprechanlage am Hauseingang. Die Türen sind zum Schutz vor Obdachlosen verschlossen, und hinter der im Glas reflektierten Straße erstreckt sich die Eingangshalle. Ein paar Reihen fluoreszierender Lämpchen tauchen die Halle in schwaches Licht, und sie wirkt traurig und leer.
Katie drückt vier Tasten auf dem Bedienfeld und lauscht dem Klingeln. Nach ein paar Sekunden erwacht die Sprechanlage zum Leben. Zitterndes Einatmen ist zu hören, dann eine zaghafte Stimme.
»Hallo?«
Katie wird von einem kleinen Jungen abgelenkt, der ihr gegen das Bein läuft. Sie sieht in sein überraschtes Gesicht, bis ein Mann herbeieilt und das Kind unter den Armen packt.
»Hab ich dich!«, ruft er, und der Junge quietscht und lacht seinem Vater ins Gesicht. Sie gehen weiter.
Katie dreht sich wieder zur Sprechanlage und beendet die Verbindung. Falsche Apartmentnummer. Sie überprüft das Verzeichnis. Sie hatte aus Versehen die Nummer von »Ridgestone, C.« gewählt, eine Reihe unter Connor und damit eine Ziffer daneben. Sie fährt mit dem Zeigefinger über die Namen, um sich noch einmal zu vergewissern, und tippt dann die vier Zahlen für »Radley, C.« ein. Es klingelt zwei Mal, ehe jemand abhebt.
»Jep?«, krächzt Connors Stimme aus dem kleinen vergitterten Lautsprecher der Sprechanlage.
»Ich bin’s«, antwortet Katie.
Statisches Rauschen, dann Stille. Dann wieder Connors Stimme, diesmal erheblich lauter. »Wer?«
»Hier ist Katie.«
Erneutes Rauschen. Es klingt, als würde jemand am anderen Ende etwas über die Sprechmuschel reiben.
Dann summt die Tür, und das Schloss klickt auf.
Kapitel 4
In dem wir den Bösewicht Connor Radley kennenlernen sowie Faye, die verruchte Verführerin.
Connor sitzt nur mit der Jogginghose bekleidet auf dem Balkon, den kühlen Betonboden unter den bloßen Füßen, an deren Sohlen eine Schicht aus Staub und Sand klebt. Es ist ein erfrischendes Gefühl, ein willkommener Ausgleich zur Nachmittagshitze. Sein Plastik-Gartenstuhl klebt vor Schweiß. Connor lehnt sich vor, um den verschwitzten Rücken abzulösen, und stützt die Ellbogen auf die Knie.
Einhundertzwanzig Blatt Papier stapeln sich auf seinem Schoß, und zwischen seinen Lippen klemmt ein Kugelschreiber. Ein Stapel von weiteren einhundertzwölf Seiten liegt auf Ians Goldfischglas, beschwert von einem halb vollen Kaffeebecher, um eventuellen Windstößen standzuhalten. Ians Glas wiederum steht auf einem kleinen Klapptisch, der in der Ecke des Balkons gegen die Brüstung geschoben wurde. Zusammen ergeben all diese Dinge – Kaffeebecher auf Papierstapel auf Goldfischglas auf Klapptisch auf oberstem Balkon – ein Denkmal, das auf den Grund ihres Daseins verweist.
Connor sitzt auf dem Balkon, weil er sich in der Enge seines Studio-Apartments bei der Arbeit behindert fühlt. Die Wohnung ist zu klein für seine Gedanken. Er ist damit beschäftigt, den ersten Korrekturdurchgang, den er von seinem Betreuer zurückbekommen hat, in seine Dissertation einzuarbeiten, und steht unter dem selbst auferlegten Termindruck, so schnell wie möglich fertig zu werden, um sich endlich von der Uni verdrücken zu können. Im Freien und mit dem weitreichenden Ausblick, den sein Balkon ihm bietet, kann Connor besser denken, also hat er ihn zu seinem Arbeitszimmer ernannt. Hier steht sein Gartenstuhl, ein Relikt der Siebziger, den er bei einem Garagenflohmarkt gefunden hat. Er besteht aus Hunderten um einen Aluminiumrahmen gewickelten Plastikschläuchen in Hellbraun, Dunkelbraun und Olivgrün. Hier steht auch sein splitternder, verwitterter Klapptisch, und hier steht Ian. Oh, und da steht sein Kaffeebecher mit der Aufschrift »Paläoklimatologen haben’s gern schmutzig«. Ein cleveres Geschenk von Faye … oder war das Ding von Deb? Oder vielleicht Katie?
Connor starrt auf die Seite vor ihm.
Jeder gedruckte Buchstabe ist ein einfaches Symbol, das für sich allein nichts bedeutet. Kombiniert bilden die Buchstaben Wörter, die ohne ihre Nachbarn ebenfalls nicht viel bedeuten. Alle Wörter zusammen jedoch vermitteln einen tieferen Sinn, weil sie die Thesen der statistischen Analyse seiner Forschungsarbeit näher erläutern. Für sich allein ist der Abschnitt bereits interessant, wie sein Betreuer in den Randnotizen sogar vermerkte, aber im Gesamtkontext der Dissertation erhält er noch mehr Bedeutung. Ebenso wären die Ergebnisse aus Connors Untersuchung über den Einfluss paläoklimatischer Fluktuationen auf die frühen menschlichen Bewohner von Idaho ohne den Kontext der weltlichen Urgeschichte weniger interessant, als sie es tatsächlich sind.
Im Moment jedoch denkt Connor nicht in solchen Dimensionen. Er ist fleißig bemüht, immer mehr über immer weniger zu lernen, und verliert den Überblick über das Gesamtbild, als er zu entziffern versucht, was sein Betreuer diagonal über eine Gleichung gekritzelt hat. Connor runzelt die Stirn. Es könnte »Ungeschickt. Verbessern.« heißen. Er überlegt, was eine derart vage, bissige Bemerkung zu bedeuten hätte.
Das ist Mathematik. Mathematik kann nicht ungeschickt sein und ist naturgemäß entweder richtig oder falsch. Was also soll er daran verbessern? Connor kaut auf dem Stiftende herum und blickt an Ian vorbei auf die unter ihm liegenden Gebäude.
Ian überlegt gar nichts. Diese Fähigkeit ist ihm fremd. Dass sein Glas auf diesen Klapptisch mit Ausblick verbannt worden ist, hat einen Grund. Wenn Connor an seiner Dissertation arbeitet, wird er zumeist von zwei Leidenschaften getrieben: Er konzentriert sich in fast schon ungesundem Maß auf seine Korrekturen und zum anderen auf die Befriedigung eines machtvoll drängenden Sexualtriebs. Allerdings ist es Connor peinlich, vor dem Fisch nackt zu sein, denn unter dessen lidlosem Starren kann er keinesfalls tätig werden. Dabei interessiert sich Ian überhaupt nicht für Connor, weder angezogen noch nackt, weder masturbierend noch kopulierend.
Das schnurlose Telefon klingelt. Connor hört es, und Ian spürt es als Schwingung im Wasser.
Connor nimmt das Gerät vom Kartentisch, drückt auf den Sprechknopf und hält es an sein Ohr.
»Jep.«
»Ich bin’s«, ertönt eine hohle Stimme, und das statische Rauschen lässt darauf schließen, dass jemand vor der Eingangstür des Wohnhauses steht.
Connor erwartet niemanden und kann die Stimme nicht zuordnen. Es ist eine weibliche Stimme. Und sie kommt definitiv von der Haustür. Der Verkehrslärm, der zum Balkon aufsteigt, und der, der durch den Hörer dringt, der Dopplereffekt des vorbeirasenden Motorrads und das nachfolgende Hupen erreichen seine Ohren beinahe synchron.
»Wer?«, fragt er nach.
»Hier ist Katie.«
Connor legt eine Hand über das Mikrofon. »Scheiße.«
Er drückt die 9, um die Haustür zu öffnen, und legt auf.
Dann streicht er die Blätter auf seinem Schoß glatt und packt sie zu dem Stapel auf Ians Glas. Den Kaffeebecher stellt er als Papierbeschwerer wieder obendrauf. Die Angst, dass ein plötzlicher Windstoß die Blätter aufwirbeln und über die Brüstung wehen könnte, überwiegt bei Weitem die vor Kaffeeflecken. Er stellt sich hin und zieht die Jogginghose hoch.
»Sitz«, befiehlt Connor, als wäre Ian ein Hund und kein Goldfisch.
Connor wollte immer einen neuen Hund haben. In dem Vorort, in dem er relativ einsam aufwuchs, da die Nachbarschaft vornehmlich aus Rentnern bestand, war sein Hund Ian sein bester Freund gewesen. Die zwei verbrachten lange, träge Sommer im Garten oder am Abzugskanal, der hinter ihrem Grundstück durch die Wiese verlief. Wenn Connor aus der Schule kam, wartete Ian bereits auf ihn und schien genau zu wissen, wann die Schlussglocke läutete. Gelegentlich irrte er sich, dann sah Connor durch das Fenster seines Klassenzimmers, wie Ian bei den Fahrradständern saß und wartete, manchmal stundenlang.
Dann, eines Morgens, wurde Ian vom Schulbus überfahren. Connor war so verzweifelt, dass seine Eltern sich nicht trauten, einen neuen Hund zu kaufen, weil sie fürchteten, Connor würde dessen Tod nicht verkraften. Also verbrachte Connor den Rest des Sommers damit, im Garten Comics zu lesen oder halbherzig allein am Kanal zu spielen.
Diese Geschichte hat er Katie erzählt, worauf sie dieses mitleidige Lächeln zeigte, das gleichzeitig »Ach, du Armer« und »Das ist ja so süß« und »Das kann ich gut nachempfinden« bedeutet. Dann schenkte sie ihm den Goldfisch Ian – als neuen Freund und um die Erinnerung an seinen traumatischen Verlust zu lindern.
»Hier ist jemand, der dir Gesellschaft leistet, wenn ich nicht da bin«, sagte sie, lächelte ihr wunderhübsches Lächeln und überreichte ihm die Plastiktüte mit Ian.
Tief in seinem Innern, im Unterbewusstsein, ist Connor mittlerweile überzeugt, dass Ian, der Goldfisch, spirituell mit Ian, dem Hund, verbunden ist, vielleicht sogar in dem Maße, dass der Fisch die Reinkarnation des Hundes ist.
Im Seville on Roxy sind weder Hunde noch Katzen erlaubt, sonst hätte Katie ihm bestimmt eins von beiden gekauft. Haustiere dürfen nur mit Genehmigung des Hausmeisters gehalten werden, eines fülligen Mannes namens Jimenez. Und Jimenez genehmigt keine Haustiere, höchstens einzelne Fische in kleinen Gläsern. Er ist der Ansicht, dass Tiere nicht ins Haus gehören, alle Haustiere schmutzig sind und große Aquarien aufgrund möglicher Wasserschäden ein zu hohes Risiko für das Gebäude und seine Bewohner darstellen. Daher die Beschränkung auf ein Fischglas mit höchstens vier Liter Fassungsvermögen.
Connor schnappt das schnurlose Telefon und schiebt die Balkontür auf. Seine Augen brauchen eine Weile, um sich nach der Sonne an das Dunkel der Wohnung zu gewöhnen. Die Luft an seinem Rücken, der vom Gartenstuhl verschwitzt ist, fühlt sich kühl an.
Nach einer Weile blickt er auf den zerknüllten Haufen Kissen und Decken auf seiner Matratze und sagt: »Du musst gehen. Sofort. Meine Freundin kommt gleich rauf.«
Connor geht durchs Zimmer, stolpert über eine Bierflasche, schwankt ein wenig und fängt sich wieder. Er tritt gegen die Matratze. »Nimm deine Sachen und geh. Ich ruf dich später an.« Er wartet einen Moment, bevor er die Decken wegzieht und auf den Boden wirft.
Faye stöhnt auf und rollt sich auf den Rücken. Sie liegt vor ihm auf der Matratze, ungeniert nackt, schamlos entblößt und unglaublich sexy. Sie blinzelt Connor gegen das helle Nachmittagslicht an.
Kapitel 5
In dem der unermüdliche Jimenez versucht, den Fahrstuhl zu reparieren, obwohl er dafür nicht qualifiziert ist.
Jimenez lehnt sich in seinem Stuhl zurück und seufzt. Er kippt die zwei vorderen Stuhlbeine vom Boden und balanciert auf den hinteren. Der Stuhl antwortet mit einem Knarren auf die Gewichtsverlagerung. Das kleine Zimmer, das ihm als Büro dient, ist heiß und laut und weiß und wird von alten, brummenden Neonröhren beleuchtet. An der Tür, die zwar offen steht, durch die jedoch kein bisschen Frischluft weht, klebt ein Plastikschild mit der Aufschrift »Hausmeister«.
Im Nebenraum springt etwa alle fünfzehn Minuten mit lautem Zischen der Brenner des riesigen Boilers an. Hinter einem rostigen Metallgitter heizt eine spitze blaue Erdgasflamme für die Bewohner des Seville on Roxy einen großen Bottich voll Wasser auf. Die Flamme entzündet sich mit einem »Plopp« und einem »Wusch«. Durch die gestrichenen Wände aus Schlackenbeton ist das Geräusch deutlich zu hören und wird durch den Entlüftungsschacht zwischen den Räumen noch verstärkt.
Jimenez findet das Geräusch des mechanischen Monsters beruhigend und erstaunlich zugleich, es klingt wie ein Drache, der pünktlich den Kessel für die Massen aufheizt.
Diese Maschine ist wie ein Herz, das Blut durch das Gebäude pumpt. Sie arbeitet bedingungslos und wird von niemandem wahrgenommen außer von Jimenez. Das heiße Wasser läuft durch die Heizungsrohre, die an den kühlen Herbstabenden Wärme in die Wohnungen leiten. Morgens, wenn sich die Mieter vor der Arbeit duschen, und abends, wenn sie sich vor dem Zubettgehen waschen, strömt Wasser aus den Duschköpfen. Es reinigt ihr Geschirr und ihre Kleidung. Es füllt ihre Putzeimer, wenn sie am Wochenende ihre Böden wischen. Es ist mit im Zimmer, wenn sie Freunde zu Besuch haben, und wartet still in den Rohren auf seinen nächsten Einsatz, wenn sie schlafen. Es ist ein sorgsamer, nicht beachteter Diener.
Genau wie der Boiler würde auch das Seville on Roxy nach und nach altersschwach werden und auseinanderfallen, würde sich der unermüdliche Jimenez nicht so gewissenhaft darum kümmern. Genau wie der Boiler ist auch Jimenez ein unverzichtbarer und häufig übersehener Grundpfeiler der Zuverlässigkeit des Gebäudes, ohne den es schnell und unaufhaltsam zugrunde gehen würde. Beide hausen im Keller, und beide sind herzzerreißend einsam.
In dem Moment, da er den Boiler anspringen hört, faltet Jimenez seine fleischigen Hände und verschränkt die behaarten Finger. Er streckt die Arme über den Kopf und legt dabei den herben Geruch seiner Achselhöhlen frei, an denen er kurz und nüchtern schnuppert. Wäre jemand bei ihm, würde er an dieser Haltung ablesen: »Ja, ich habe gerade unter meinem Arm gerochen, und das Ergebnis ist zwiespältig. Einerseits rieche ich ein wenig streng. Andererseits habe ich den ganzen Tag hart gearbeitet und darf ruhig ein bisschen stinken.«
Es sind nur noch zwei Reparaturanfragen offen, jede auf einem kleinen Zettel vermerkt und auf einen Metallstift gespießt, der neben dem alten Telefon mit Wählscheibe an der hinteren Ecke seines Schreibtisches steht. Obwohl sein Arbeitstag offiziell schon vor einer Stunde geendet hat, gehört Jimenez nicht zu den Leuten, die Reparaturanfragen unerledigt liegen lassen. Außerdem liebt er das Gefühl, Ordnung in dieses Gebäude zu bringen. Genau wie der Boiler arbeitet er unbemerkt und ohne Dank, doch er ist stolz darauf, dass alles wie am Schnürchen läuft und er für jeden Bewohner das Leben ein wenig leichter macht.
Er lässt den Stuhl auf seine vier Beine zurückkippen und zieht die letzten beiden Anfragen vom Zettelspieß.
Auf der ersten steht: »Leck unter der Küchenspüle. Apartment 2507.« Diesen Zettel schiebt er in die Hosentasche. Den anderen zerknüllt er und wirft ihn in den Mülleimer. Er weiß, was draufsteht. Er hat es den ganzen Tag vor sich hergeschoben, und nun ist die Zeit gekommen.
Seufzend steht er auf, nimmt seinen Werkzeuggürtel vom Haken neben der Tür und schnallt ihn um, während er durch den schwach beleuchteten Kellergang zur Treppenhaustür geht und diese aufzieht.
Unter dem Klirren und Klappern der herabhängenden Werkzeuge steigt er die Treppe hoch und überlegt, warum es ihm nichts ausmacht, so spät noch zu arbeiten. Es passiert häufig, dass er länger in seinem Büro im Keller sitzt, als er es laut seiner Stellenbeschreibung tun müsste, oft um Stunden länger. Für seine Arbeit erhält Jimenez ein bescheidenes Gehalt und eine vergünstigte Wohnung im zweiten Stock. Dabei hätte er über all die Jahre weitaus mehr verdient als einen Balkon über der Tiefgarageneinfahrt, einen Blick auf die unansehnliche Nebengasse und den Gestank aus den Mülltonnen unterhalb seines Schlafzimmerfensters.
Er kennt die Antwort. Er arbeitet so hart, weil er einsam ist. Er hat niemanden, der zu Hause auf ihn wartet, und damit keinen Grund, nicht länger zu bleiben. Hier bekommt er das Gefühl, gebraucht zu werden. Wichtig zu sein. Auch wenn kaum jemand an ihn denkt, wenn gerade kein tropfender Wasserhahn repariert oder das Wasser einer übergelaufenen Toilette aufgewischt werden muss.
Man würde mich nur vermissen, wenn ich nicht da wäre, denkt Jimenez. »Wo ist der Typ, der hier immer alles repariert?«, würden sie fragen und: »Wo ist der Hausmeister? In meinem Abfluss kommt Zeug hoch, das wie saure Milch stinkt.«
Jimenez erreicht das Treppenende, drückt die Tür auf und betritt die Eingangshalle. Er bleibt stehen und blickt durch den weiten Raum auf seine Gegner, die Aufzüge. Einer funktioniert schon seit Monaten nicht mehr, deshalb hängt ein »Außer Betrieb«-Schild daran. Der andere ist irgendwann am Vormittag ausgefallen. Er hat sich selbst, leer, ins Erdgeschoss zurückgefahren und seitdem nicht mehr bewegt. Wenn jemand den Knopf drückt, öffnet er sich nach wie vor mit einem fröhlichen »Ping«. Die Türen gleiten wieder zu, aber wenn die Leute dann den Knopf für ihr Stockwerk drücken, rührt der Aufzug sich nicht vom Fleck. Zum Glück gehen die Türen immer wieder auf, um die Leute herauszulassen.
Irgendwann wurde Jimenez der Beschwerdeanrufe überdrüssig, also schrieb er auf einen seiner Reparaturanfragezettel mit Filzmarker »Außer Betrieb. Wird bald repariert. Bitte Treppe benutzen« und klebte ihn an die Aufzugtür.
Dann rief Jimenez den Hausverwalter an.
»Marty, hier ist Jimenez. Der andere Aufzug ist jetzt auch kaputt.«
»Reparieren Sie ihn«, forderte Marty. Er klang, als würde er Kartoffelchips essen.
Jimenez dachte einen Moment lang nach. Er wusste sehr wenig darüber, wie Aufzüge funktionieren. »Was, wenn ich das nicht kann?«
»Dann ruf ich jemanden an, der es kann. Aber versuchen Sie es erst mal selbst«, meinte Marty. »Techniker, Mann! Die kosten ein Vermögen, wenn man sie rauskommen lässt. Rufen Sie mich wieder an. Sagen Sie mir, ob es geklappt hat.«
Um die Angelegenheit noch ein wenig länger hinauszuschieben, hat Jimenez vor etwa einer halben Stunde die Pflanzen in der Lobby gegossen. Dabei hat er beobachtet, wie dieser Junge aus dem fünfzehnten Stock, der zu Hause unterrichtet wird, von der Tür zum Treppenhaus aus quer durch die Eingangshalle ging. Der Junge scheint nett zu sein, hat nie Probleme gemacht, nie das Treppenhaus beschmiert oder Sachen vom Balkon geworfen. Aber irgendetwas an ihm war heute anders, irgendetwas fehlte.
Während Jimenez die Pflanzen wässerte, schlurfte der Junge von der Treppenhaustür zum Aufzug und drückte auf den Knopf. Es machte »Ping«, die Türen glitten auf. Das Kind schlurfte in die Kabine. Die Türen glitten zu. Jimenez goss noch ein paar Pflanzen und wurde dann neugierig, was der Junge in dem unbeweglichen Aufzug wohl machte. Er stellte die Gießkanne ab und wartete. Schließlich ging die Tür wieder auf, der Junge kam heraus, sah sich um und sagte: »Entschuldigung, aber das ist nicht mein Stockwerk. Wo ist meine Wohnung?«
»Nimm die Treppe, Junge. Der Fahrstuhl ist kaputt.«
Den ganzen Tag schon hat Jimenez es vor sich hergeschoben, den Aufzug zu reparieren. Der Stapel an Reparaturanfragen wurde mit jeder Stunde kleiner, da Jimenez ihn nach und nach abarbeitete. Das Flusensieb im Münztrockner ist nicht mehr verstopft. Die Feuertür zum Treppenhaus im siebzehnten Stock klemmt nicht mehr. Der Uringeruch in der ersten Parkebene ist beseitigt, und nun sind nur noch zwei Anfragen übrig. Er hat diesen Augenblick so lange hinausgeschoben, wie er konnte, aber jetzt wird es Zeit.
Die Tür zum Treppenhaus schließt mit einem Zischen, während der hydraulische Arm sie langsam zuzieht. Das Schloss klickt, Jimenez geht durch die Lobby und beäugt im Näherkommen den Aufzug. Die Bodenfliesen glänzen, und die Lüftungsanlage lässt Frischluft zirkulieren. Durch die verstärkte Eingangstür ist der Verkehrslärm draußen kaum zu hören. Jimenez’ Hammer schwingt am Werkzeuggürtel hin und her und stößt gegen seinen Oberschenkel.
Welches Werkzeug braucht man, um einen Aufzug zu reparieren?, überlegt Jimenez und zieht den schweren Gürtel wieder ein Stück nach oben. Was ist daran überhaupt kaputt?
Er drückt den Knopf. Mit einem Flüstern gleiten die Türen auf und legen den Blick auf das mit Spiegeln versehene Innere frei. Jimenez betrachtet sein Spiegelbild. Hinter ihm, an der Eingangstür, sieht er den großen Kerl, der im fünfundzwanzigsten Stock wohnt. Er trägt einen Schutzhelm und hält eine große, schwarze Einkaufstüte in der Hand. Jimenez nickt dem Mann im Spiegel kurz zu. Der Mann nickt zurück.
Wie schwer kann es schon sein, einen Fahrstuhl zu reparieren? Jimenez steigt in den Fahrkorb und fängt an, die Messingschrauben vom Tastenfeld zu lösen.
Die Türen gleiten zu.
Er lehnt die Abdeckung gegen die Kabinenwand und stochert unsystematisch in der Elektrik herum, auf der Suche nach irgendeinem Hinweis darauf, wie dieses Ding funktioniert und was daran kaputt ist.
Was soll schon passieren?, denkt er. Die Kiste läuft sowieso nicht, und schlimmer kann es ja nicht werden, oder?
Kapitel 6
In dem Petunia Delilah ein merkwürdiges Ziehen im Unterleib spürt.
Dr. Ross hat Petunia Delilah drei Wochen vor dem errechneten Termin ermahnt, anstrengende Aktivitäten zu vermeiden sowie alles, das ihren Blutdruck erhöhen oder sie aufregen könnte. Er sagte, sie leide unter Hyperdingsda und solle keine unnötigen Risiken eingehen, um ihre Gesundheit und die des Babys nicht zu gefährden. Sie darf ihr Essen nicht mehr salzen, weshalb ihr Dr. Ross eine Diät zusammengestellt hat, die zu gleichen Teilen aus »geschmacklos« und »langweilig« besteht. Er hat ihr zwei Listen mit Nahrungsmitteln gegeben, eine auf einem grünen und eine auf einem roten Blatt Papier. Während seine Lippen sich weiter bewegten, überflog Petunia Delilah das rote Blatt mit den verbotenen Lebensmitteln und dachte dabei nur, wie sehr sie sich gerade nach einem verdammten Eiscreme-Sandwich sehnte. Und da stand es nun auf Dr. Ross’ roter Seite. Offenbar enthalten sie ziemlich viel Natrium.
Petunia Delilah hat mittlerweile schon die gesamte Wohnung aus der Horizontalen betrachtet. Sobald diese kribbelnde Taubheit durch ihr linkes Bein zieht, legt sie sich sofort auf den Rücken, weil irgendwo ein Nerv eingeklemmt ist. Sie legt sich auf die Couch und rutscht dort genauso oft hin und her, wie sie die Fernsehkanäle wechselt, um irgendeine angeblich »gute« Sendung im Tagesprogramm zu erwischen. Sie legt sich auf die Balkonliege, gerne am Nachmittag, wenn die Sonne noch warm ist, aber vor dem Einsetzen der Rushhour, deren Lärm am Gebäude entlang zu ihr aufsteigt und ihr den Aufenthalt im Freien verleidet. Da liegt sie jetzt allerdings nicht mehr oft, weil es schwierig geworden ist, ohne Hilfe wieder auf die Füße zu kommen.
Im Moment liegt sie an einen hohen Kissenberg gelehnt im Bett und liest ein eselsohriges Taschenbuch. Es ist eine alte Science-Fiction-Geschichte, in der untadelige, höfliche Helden in vollständigen Sätzen sprechen. Beim Umblättern reibt Petunia Delilah gern die spröden Seiten zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie mag den Geruch von altem Leim und vergilbtem Papier, weil er einem das Gefühl gibt, als würde man die Vergangenheit berühren.
Petunia Delilah hört auf zu lesen und blickt fragend zur Decke, weil sie ein merkwürdiges Ziehen im Unterleib spürt. Nein, nicht im Unterleib, sondern tiefer, nahe der Stelle, wo ihre Beine sich treffen. Aber innen. Sie kann das alles da unten schon seit Wochen nur noch mithilfe eines Spiegels sehen, weil ihr Bauch zu dick geworden ist, um über ihn hinweggucken zu können.