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Inhalt

[Cover]

Titel

Widmung

DAS BUCH VOM GROTESKEN

Winesburg, Ohio

HÄNDE

PAPIERKNÄUEL

MUTTER

DER PHILOSOPH

KEINER WEISS ES

GOTTESFURCHT

I

II

III – UNTERWERFUNG

IV – ENTSETZEN

EIN MANN VOLLER EINFÄLLE

ABENTEUER

ANSTÄNDIGKEIT

DER DENKER

TANDY

DIE KRAFT GOTTES

DIE LEHRERIN

EINSAMKEIT

EIN ERWACHEN

»KOMISCH«

DIE UNAUSGESPROCHENE LÜGE

TRINKEN

TOD

ZEIT DER REIFE

ABREISE

BILDTEIL

MIRKO BONNÉ – IM SCHATTEN DER MAUER DES LEBENS

ZEITTAFEL

AUSWAHLBIBLIOGRAFIE

Bildnachweise

Danksagung

Autorenporträt

Übersetzerporträt

Über das Buch

Impressum

Titel.jpg

Widmung

Dem Andenken an meine Mutter
Emma Smith Anderson,
deren scharfe Beobachtung ihrer Umwelt
in mir erst das Bedürfnis weckte,
unter die Oberfläche des vielfältigen Lebens zu blicken,
ist dieses Buch gewidmet.

DAS BUCH VOM GROTESKEN

DER SCHRIFTSTELLER, EIN ALTER MANN mit weißem Schnauzbart, hatte einige Schwierigkeiten, ins Bett zu gelangen. Die Fenster des Hauses, in dem er wohnte, lagen sehr hoch, und er hatte die Bäume sehen wollen, wenn er morgens aufwachte. Deshalb hatte er einen Tischler bestellt, um das Bett auf gleiche Höhe mit dem Fenster zu bringen.

Um die Sache wurde ein ziemliches Getue gemacht. Der Tischler, der im Bürgerkrieg Soldat gewesen war, kam ins Zimmer des Schriftstellers und setzte sich. Sie berieten, für das Bett ein Podest zu bauen. Der Schriftsteller hatte Zigarren herumliegen, und der Tischler rauchte.

Eine Zeitlang besprachen die beiden Männer verschiedene Möglichkeiten, wie das Bett erhöht werden könnte, dann redeten sie von etwas anderem. Der Soldat kam auf den Krieg zu sprechen. Eigentlich hatte ihn der Schriftsteller auf das Thema gebracht. Der Tischler hatte im Gefängnis von Andersonville eingesessen und dort einen Bruder verloren. Er war verhungert, und der Tischler musste immer weinen, wenn er davon erzählte. Wie der alte Schriftsteller hatte er ­einen weißen Schnauzbart, und wenn er weinte, schürzte er die Lippen, sodass der Schnauzbart auf und nieder wippte. Der weinende Alte mit der Zigarre im Mund sah ulkig aus. Das Bett durch ein Podest anzuheben, wie der Schriftsteller es vorgehabt hatte, geriet in Vergessenheit, und später baute es der Tischler eigenmächtig so um, dass der Schriftsteller, der über sechzig war, einen Stuhl zu Hilfe nehmen musste, wenn er abends ins Bett ging.

Dort rollte er sich auf die Seite und lag ganz still. Seit Jahren machte er sich Sorgen um sein Herz. Er war ein starker Raucher, und sein Herz flatterte. Der Gedanke, eines Tages plötzlich zu sterben, war ihm vertraut. Immer wenn er ins Bett ging, dachte er daran. Beunruhigt war er deswegen nicht. Allerdings war etwas Sonderbares und nicht leicht zu Erklärendes die Folge. Er fühlte sich in seinem Bett nämlich lebendiger als irgendwo sonst. Völlig regungslos lag er da, und sein Körper war alt und nutzlos, doch etwas in seinem Innern war vollkommen jung. Er war wie eine Schwangere, nur dass er in seinem Innern nicht ein Baby trug, sondern ­einen Jugendlichen. Nein, ein Junge war es nicht, es war eine wie ein Ritter mit einem Panzerhemd bekleidete junge Frau. Natürlich ist es absurd, erzählen zu wollen, was sich im Innern des alten Schriftstellers befand, wenn er auf seinem Hochbett lag und dem Flattern seines Herzens lauschte. Worauf es ­ankommt, ist das, worüber der Schriftsteller, oder das junge ­Etwas in ihm, nachdachte.

Wie allen Leuten auf der Welt waren dem alten Schriftsteller während seines langen Lebens eine Unmenge Gedanken durch den Kopf gegangen. Früher hatte er ziemlich gut ausgesehen, und viele Frauen waren in ihn verliebt gewesen. Und natürlich hatte er Leute gekannt, viele Leute, hatte sie auf ausgesprochen intime Weise gekannt, ganz anders als Sie und ich Leute kennen. Zumindest dachte der Schriftsteller das, und der Gedanke gefiel ihm. Warum sich mit einem ­Alten über dessen Gedanken streiten?

Im Bett hatte der Schriftsteller einen Traum, der kein Traum war. Als er schon etwas schläfrig wurde, aber noch immer bei Bewusstsein war, begannen vor seinen Augen ­Figuren aufzutauchen. Er stellte sich vor, das junge unbeschreibliche Etwas in seinem Innern würde vor seinen Augen eine lange Prozession aus Figuren anführen.

Natürlich sind bei alldem im Grunde nur die Figuren von Interesse, die vor den Augen des Schriftstellers einherschritten. Es waren allesamt groteske Gestalten. Sämtliche Männer und Frauen, die der Schriftsteller je gekannt hatte, waren zu grotesken Gestalten geworden.

Nicht alle waren sie schrecklich. Einige Gestalten waren lustig, einige beinahe schön, und eine, eine Frau, die völlig aus der Fasson war, kränkte den alten Mann durch ihre groteske Unförmigkeit. Wenn sie vorbeikam, gab er ein ­Geräusch von sich wie ein wimmerndes Hündchen. Wären Sie ins Zimmer gekommen, Sie hätten angenommen, der alte Mann träume schlecht oder habe eine Magenverstimmung.

Eine Stunde lang zog die groteske Prozession vor den ­Augen des Alten vorüber, und dann stieg er, obwohl es ihm Schmerzen bereitete, aus dem Bett hinunter und fing an zu schreiben. Ein paar der grotesken Gestalten hatten tiefen Eindruck auf ihn gemacht, und das wollte er beschreiben.

Der Schriftsteller arbeitete eine Stunde lang an seinem Schreibtisch. Und irgendwann hatte er schließlich ein Buch geschrieben, das er »Das Buch vom Grotesken« nannte. Es wurde nie veröffentlicht, aber ich habe es einmal zu Gesicht bekommen, und es hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck bei mir. Das Buch hatte einen zentralen Gedanken, der sehr seltsam ist und mir immer im Kopf blieb. Wenn ich mich darauf besann, verstand ich viele Menschen und Dinge, die mir bis dahin unverständlich geblieben waren. Der Gedanke war verwickelt, einfach ausgedrückt würde er aber in etwa so lauten:

Dass es am Anfang, als die Welt jung war, eine Unmenge Gedanken, nirgends aber so etwas wie eine Wahrheit gab. Die Menschen machten die Wahrheiten selbst, und jede Wahrheit war ein Gemisch aus einer Unmenge vager Gedanken. Überall in der Welt waren die Wahrheiten, und alle ­waren sie schön.

Der alte Mann hatte Hunderte dieser Wahrheiten in seinem Buch aufgelistet. Ich will gar nicht versuchen, sie Ihnen alle zu nennen. Da gab es die Wahrheit von der Unschuld und die Wahrheit von der Leidenschaft, die Wahrheit von Wohlstand und von Armut, von Sparsamkeit und von Verschwendung, von Aufmerksamkeit und Verlassen. Hunderte und Aberhunderte Wahrheiten gab es, und alle waren sie schön.

Und dann kamen die Leute daher. Jeder, der auftauchte, schnappte sich eine der Wahrheiten, und einige, die besonders kräftig waren, schnappten sich gleich ein Dutzend.

Es waren die Wahrheiten, die aus den Leuten groteske ­Figuren machten. Der alte Mann hatte sich eine ziemlich ausgeklügelte Theorie zurechtgelegt. Ihr zufolge wurde jemand, sobald er sich eine Wahrheit aneignete, sie seine Wahrheit nannte und versuchte, sein Leben nach ihr auszurichten, ­augenblicklich zu einer grotesken Figur, und aus der Wahrheit in seinen Armen wurde etwas Unwahres.

Es liegt auf der Hand, dass der alte Mann, der sein ganzes Leben mit Schreiben zugebracht hatte und von Wörtern erfüllt war, Hunderte von Seiten über dieses Thema schreiben musste. Irgendwann nahm die Sache so viel Raum in seinem Denken ein, dass er schließlich Gefahr lief, selber zu einer grotesken Gestalt zu werden. Vermutlich wurde er es aus demselben Grund nicht, der ihn das Buch nie veröffentlichen ließ. Es war das junge Etwas in seinem Innern, das den Alten davor bewahrte.

Was den alten Tischler betrifft, der das Bett für den Schriftsteller umbaute, so habe ich ihn nur deshalb erwähnt, weil man an ihm als einem von vielen angeblich ganz normalen Leuten am ehesten erkennt, was an all den grotesken Figuren in dem Buch des Schriftstellers verständlich und liebenswert ist.

Winesburg, Ohio

HÄNDE

Über Wing Biddlebaum

AUF DER HALB VERFALLENEN VERANDA eines kleinen Holzhauses, das nahe dem Rand einer Schlucht unweit des Städtchens Winesburg, Ohio, stand, ging ein kleiner, dicker alter Mann nervös auf und ab. Über ein breites Feld, auf dem Klee ausgesät worden war, das aber bloß ein Dickicht aus gelbem Ackersenf hervorgebracht hatte, konnte er die Landstraße ­sehen, auf der ein Wagen voller Beerenpflücker entlangfuhr, die von den Feldern heimkehrten. Die Beerenpflücker, Jungen und Mädchen, lachten und johlten ausgelassen. Ein Junge in einem blauen Hemd sprang herunter und wollte eines der Mädchen, das laut kreischend protestierte, mit sich ziehen. Auf der Straße wirbelten die Füße des Jungen eine Staub­wolke auf, die übers Antlitz der schwindenden Sonne trieb. Eine dünne Mädchenstimme erklang über dem Feld. »Oh Mann, Wing Biddlebaum, kämm dir die Haare, du siehst ja gar nichts«, befahl die Stimme dem Mann, der eine Glatze hatte und dessen nervöse kleine Hände über seine weiße Stirn fuhren, als wollten sie wirklich wirre Locken ordnen.

Ewig verängstigt und heimgesucht von einer Geisterschar aus Zweifeln, fühlte sich Wing Biddlebaum in keiner Weise zum Leben der Stadt zugehörig, in der er seit zwanzig Jahren wohnte. Von allen Leuten in Winesburg war ihm nur einer nähergekommen. Mit George Willard, Sohn von Tom Willard, dem Besitzer des New Willard House, hatte er eine Art Freundschaft geschlossen. George Willard war Reporter beim Winesburg Eagle und kam manchmal nach Feierabend über die Landstraße zu Wing Biddlebaums Haus. Auch jetzt, als der alte Mann auf der Veranda auf und ab ging und seine Hände dabei nervös umherwanderten, hoffte er, George Willard würde kommen und den Abend mit ihm verbringen. Nachdem der Wagen mit den Beerenpflückern vorbei war, ging er durch die hohen Senfpflanzen über das Feld, stieg auf einen Lattenzaun und blickte sorgenvoll die Straße zur Stadt entlang. Für einen Moment blieb er so stehen, rieb sich die Hände und sah links und rechts die Straße hinunter, ehe er es mit der Angst zu tun bekam und zurückeilte, um weiter auf der Veranda seines Hauses hin und her zu gehen.

In George Willards Gegenwart verlor Wing Biddlebaum, der zwanzig Jahre lang dem Ort Rätsel aufgegeben hatte, ein wenig seine Scheu, dann kam seine schattengleiche, in einem Meer aus Zweifeln versunkene Persönlichkeit zum Vorschein, um sich die Welt anzusehen. Mit dem jungen Reporter an seiner Seite wagte er sich ins Tageslicht auf die Main Street oder schritt hektisch plappernd auf der baufälligen ­Veranda seines Hauses hin und her. Seine Stimme, eben noch leise und zittrig, wurde schrill und laut. Seine gebeugte ­Gestalt richtete sich auf. Sich windend wie ein Fisch, den der Angler in den Bach zurückwirft, begann Biddlebaum der Schweigsame zu sprechen und mühte sich, in Worte zu fassen, was sich während langer Jahre des Schweigens an Ein­fällen in ihm angehäuft hatte.

Wing Biddlebaum redete viel mit den Händen. Die schmalen ausdrucksvollen Finger, ewig in Aktion, ewig bemüht, sich in seinen Taschen oder hinter seinem Rücken zu verbergen, kamen hervor und wurden zu Pleueln seiner Ausdrucks­motorik.

Die Geschichte von Wing Biddlebaum ist eine Geschichte über Hände. Ihre rastlose Geschäftigkeit ähnelte dem Flügelschlagen eines eingesperrten Vogels und hatte ihm seinen Namen verliehen. Irgendein obskurer Dichter der Stadt hatte ihn sich ausgedacht. Die Hände beunruhigten ihren Besitzer. Er wollte sie versteckt halten und blickte verwundert auf die ruhigen ausdruckslosen Hände anderer Männer, die neben ihm auf den Feldern arbeiteten oder mit schläfrigen Gespannen auf Landstraßen vorüberfuhren.

Wenn er mit George Willard sprach, ballte Wing Biddlebaum die Fäuste und hämmerte auf einen Tisch oder gegen die Wände seines Hauses. Schon fühlte er sich wohler. Drängte es ihn zu reden, wenn die beiden über die Felder spazierten, hielt er nach einem Baumstumpf oder der obersten Latte eines Zauns Ausschau und redete dann, während seine Hände emsig klopften, mit neuerlicher Leichtigkeit.

Die Geschichte von Wing Biddlebaums Händen ist ein ­eigenes Buch wert. Einfühlsam dargelegt, würde sie an viele seltsame und doch schöne Eigenschaften rühren, die Menschen so gern verbergen. Sie ist eine Aufgabe für einen Dichter. In Winesburg hatten die Hände einzig ihrer Geschäftigkeit wegen Aufsehen erregt. Mit ihnen hatte Wing Biddlebaum bis zu dreiundvierzig Kilo Erdbeeren am Tag gepflückt. Sie wurden sein persönliches Kennzeichen, die Quelle seines Ruhms. Und sie machten eine ohnehin groteske und schwer fassliche Person noch grotesker. Winesburg war auf Wing Biddlebaums Hände ebenso stolz wie auf Bankier Whites neues Backsteinhaus oder Wesley Moyers braunen Hengst Tony Tip, Sieger bei den Zweifünfzehn-Trabern während der Clevelander Herbstrennen.

George Willard hatte schon oft nach den Händen fragen wollen. Mitunter hatte eine beinahe übermächtige Neugier von ihm Besitz ergriffen. Er spürte, es musste einen Grund geben für die auffällige Rastlosigkeit und die Neigung dieser Hände, sich immerzu verbergen zu wollen, und nur seine wachsende Achtung vor Wing Biddlebaum hielt ihn davon ab, mit Fragen herauszuplatzen, die ihm oft durch den Kopf schwirrten.

Einmal war er drauf und dran gewesen zu fragen. An einem Sommernachmittag waren die beiden auf die Felder gegangen und hatten sich auf eine Grasböschung gesetzt. Den ganzen Nachmittag lang hatte Wing Biddlebaum geredet wie ein Besessener. An einem Zaun war er stehen geblieben, hatte wie ein riesiger Specht gegen die oberste Latte gehämmert und dabei George Willard angekeift, dessen Hang, sich von den Leuten in seiner Umgebung beeinflussen zu lassen, er verdammte. »Du zerstörst dich selbst«, schrie er. »Du neigst zum Alleinsein und Träumen, aber Träume machen dir Angst. Du willst sein wie die anderen im Ort. Kaum hörst du sie reden, versuchst du schon, sie nachzumachen.«

Auf der Grasböschung versuchte Wing Biddlebaum erneut, es ihm klarzumachen. Seine Stimme wurde weich und erinnerungsselig, und mit einem Seufzer der Zufriedenheit erging er sich in einer langen, ausufernden Ansprache und ­redete dabei wie versunken in einem Traum.

Aus dem Traum formte Wing Biddlebaum ein Bild für George Willard. In dem Bild lebten die Menschen wieder in einer Art idyllischem goldenen Zeitalter. Über grünes offenes Land kamen junge, hochgewachsene Männer, einige zu Fuß, einige auf dem Rücken von Pferden. In Scharen kamen sie, um sich zu Füßen eines Alten zu versammeln, der unter einem Baum in einem winzigen Garten saß und zu ihnen sprach.

Das Bild ergriff ganz von Wing Biddlebaum Besitz. Dieses eine Mal vergaß er die Hände. Langsam stahlen sie sich davon und legten sich auf George Willards Schultern. Etwas Neues und Kühnes klang aus seiner Stimme. »Du musst versuchen, alles zu vergessen, was du gelernt hast«, sagte der alte Mann. »Du musst anfangen zu träumen. Von jetzt an musst du deine Ohren vor dem Brüllen der Stimmen verschließen.«

Innehaltend sah Wing Biddlebaum George Willard lange und ernst an. Seine Augen glühten. Wieder hob er die Hände, um den Jungen zu streicheln, als ein Ausdruck des Entsetzens über sein Gesicht kam.

Mit einer ruckartigen Bewegung seines Körpers sprang Wing Biddlebaum auf und vergrub die Hände tief in den ­Hosentaschen. Tränen traten ihm in die Augen. »Ich muss nach Hause. Ich kann nicht länger mit dir reden«, sagte er ­erregt.

Ohne sich umzublicken, war der alte Mann den Hang ­hinunter und über eine Wiese geeilt und hatte George Willard verstört und erschrocken auf dem Grashang zurückgelassen. Schaudernd vor Schreck stand der Junge auf und ging die Straße entlang in Richtung Ort. »Ich werd ihn nicht nach seinen Händen fragen«, dachte er, bestürzt über das Entsetzen, das er in den Augen des Mannes gesehen hatte. »Irgendwas stimmt da nicht, aber ich will nicht wissen, was es ist. Seine Hände haben etwas mit seiner Angst vor mir und vor jedem zu tun.«

Und George Willard hatte recht. Blicken wir kurz in die Geschichte der Hände. Vielleicht lässt sie einen Dichter aufhorchen und die verborgene Geschichte von dem wunder­samen Einfluss erzählen, den die Hände lediglich wie verheißungsvoll flatternde Wimpel anzeigten.

In jungen Jahren war Wing Biddlebaum Lehrer in einer Stadt in Pennsylvania gewesen. Damals kannte man ihn nicht als Wing Biddlebaum, sondern unter dem weniger klangvollen Namen Adolph Myers. Als Adolph Myers war er bei den Jungen an seiner Schule äußerst beliebt.

Adolph Myers war von Natur aus dazu bestimmt, ein Mentor der Jugend zu sein. Er war einer dieser seltenen, ein wenig rätselhaften Männer, deren Einfluss so sanft war, dass man ihn für eine liebenswerte Schwäche halten konnte. Das Einfühlungsvermögen solcher Männer für die Jungen unter ihrer Obhut ähnelt der Liebe feinfühliger Frauen zu Männern.

Und dennoch ist das bloß grob ausgedrückt. Hier braucht es den Dichter. Mit den Jungen aus seiner Schule war Adolph Myers abends spazieren gegangen oder hatte sich auf die Schulhaustreppe gesetzt, um sich versunken wie in einem Traum mit ihnen zu unterhalten, bis es dunkel wurde. Hierhin und dorthin wanderten seine Hände, liebkosten die Schultern der Jungen und spielten über die zerzausten Köpfe. Wenn er redete, wurde seine Stimme weich und melodisch. Auch darin lag eine Liebkosung. In gewisser Weise förderte der Lehrer mit seiner Stimme und den Händen, dem Streicheln der Schultern und dem Berühren der Haare die jungen Gemüter beim Träumen. Durch die Zärtlichkeit seiner Finger drückte er sich aus. Er war einer jener Männer, die Lebensfreude nicht auf sich ziehen, sondern an andere weitergeben. Unter der Zärtlichkeit seiner Hände wichen Zweifel und Unglaube aus den Köpfen der Jungen, sodass auch sie anfingen zu träumen.

Und dann die Tragödie. Ein alberner Knabe an der Schule verliebte sich in den jungen Lehrer. Nachts im Bett bildete er sich Unbeschreibliches ein und stellte seine Träume am Morgen als Tatsachen hin. Unerhörte, abscheuliche Anklagen kamen aus seinem losen Mundwerk. Ein Schaudern lief durch das Städtchen in Pennsylvania. Unterschwellige, halbgare Zweifel, die man gegenüber Adolph Myers gehegt hatte, brachen sich als Gewissheiten Bahn.

Die Tragödie ließ nicht auf sich warten. Bibbernde Halbwüchsige wurden aus dem Bett gezerrt und befragt. »Er hat mich in den Arm genommen«, sagte einer. »Ständig haben seine Finger mit meinen Haaren gespielt«, sagte ein anderer.

Eines Nachmittags kam Henry Bradford, dem in der Stadt eine Gastwirtschaft gehörte, an die Tür des Schulhauses. Er rief Adolph Myers auf den Schulhof hinaus und begann, mit Fäusten auf ihn einzuschlagen. Je härter seine Knöchel auf das angstverzerrte Gesicht des Lehrers eindroschen, umso furchtbarer wurde sein Zorn. Schreiend vor Entsetzen rannten die Kinder wie aufgescheuchte Insekten in alle Richtungen davon. »Ich werd dir beibringen, Hand an meinen Jungen zu legen, du Tier«, brüllte der Gastwirt und trieb, der Fausthiebe müde, den Lehrer jetzt mit Tritten über den Hof.

Adolph Myers wurde noch in der Nacht aus der Stadt gejagt. Mit Laternen in Händen kam ein Dutzend Männer an die Tür des Hauses, in dem er allein wohnte, und befahl ihm, sich anzuziehen und herauszukommen. Es regnete, und ­einer der Männer hielt einen Strick. Sie hatten vorgehabt, den Lehrer zu hängen, doch etwas an seiner Gestalt, so schmal, blass und erbärmlich, rührte sie wohl, sodass sie ihn laufenließen. Als er in die Dunkelheit davonstürzte, bereuten sie ihre Schwäche, liefen ihm fluchend nach und warfen der heulenden Gestalt, die schneller und schneller in die Dunkelheit rannte, Stöcke und Matschklumpen hinterher.

Zwanzig Jahre lang hatte Adolph Myers allein in Winesburg gelebt. Er war erst vierzig, sah aber aus wie fünfundsechzig. Den Namen Biddlebaum hatte er an einer Kiste auf einem Güterbahnhof gesehen, als er durch eine Stadt im ­Osten von Ohio gehetzt war. Er hatte eine Tante in Winesburg, eine Alte mit schwarzen Zähnen, die Hühner züchtete, und bei der wohnte er, bis sie starb. Nach dem Erlebnis in Pennsylvania war er ein Jahr lang krank gewesen, und als es ihm besserging, hatte er als Tagelöhner auf den Feldern gearbeitet, ängstlich umherschleichend und bemüht, seine Hände zu verbergen. Obwohl er nicht verstand, was passiert war, spürte er, dass die Hände daran schuld sein mussten. Wieder und wieder hatten die Väter der Jungen die Hände erwähnt. »Behalt deine Hände bei dir«, hatte der Gastwirt stampfend vor Zorn auf dem Schulhof gebrüllt.

Auf der Veranda seines Hauses an der Schlucht schritt Wing Biddlebaum weiter hin und her, bis die Sonne verschwunden war und sich die Straße jenseits der Felder in den grauen Schatten verlor. Drinnen im Haus machte er sich ein paar Brote und strich Honig darauf. Das Geratter des Abendzugs, mit dem die auf Expresswaggons verladene Beeren­ernte des Tages davonfuhr, war kaum vorüber und die Stille des Sommerabends wiederhergestellt, da setzte er sein Wandern über die Veranda schon fort. Im Dunkeln konnte er die Hände nicht sehen, und so wurden sie ruhig. Zwar verzehrte er sich noch immer nach der Gegenwart des Jungen, der das Medium war, durch das sich seine Menschenliebe mitteilte, doch auch das Verzehrtwerden gehörte zu seiner Einsamkeit und seinem Warten. Als er eine Lampe angezündet hatte, wusch Wing Biddlebaum das wenige von seinem einfachen Mahl beschmutzte Geschirr ab, stellte an der Fliegentür ­zur Veranda ein Faltbett auf und begann sich für die Nacht ­auszuziehen. Ein paar einzelne weiße Brotkrümel lagen auf dem saubergewischten Boden beim Tisch; kaum hatte er die Lampe auf einen niedrigen Stuhl gestellt, fing er an, die Krümel aufzuheben und sich einen nach dem anderen mit unglaublichem Tempo in den Mund zu stecken. In dem grellen Lichtfleck neben dem Tisch wirkte die kniende Gestalt wie ein Priester, der mit irgendeiner Zeremonie seiner Kirche ­beschäftigt war. Die nervösen ausdrucksvollen Finger, die hin und her durch das Licht zuckten, hätte man leicht für die Finger eines Betenden halten können, der rasch Gesätz um Gesätz seines Rosenkranzes durchgeht.

PAPIERKNÄUEL

Über Doktor Reefy

ER WAR EIN ALTER MANN MIT weißem Bart, einer mächtigen Nase und riesigen Händen. Lange vor der Zeit, während der wir ihm folgen werden, war er Arzt und lenkte einen weißen Klepper von Haus zu Haus durch die Straßen von Winesburg. Später heiratete er eine junge Frau, die Geld hatte. Als ihr Vater starb, erbte sie eine große, ertragreiche Farm. Ruhig, schlank und dunkel, wie sie war, hielten viele Leute die junge Frau für sehr schön. Jeder in Winesburg fragte sich, wieso sie den Doktor heiratete. Kein Jahr nach der Hochzeit starb sie.

Die Fingerknöchel des Doktors waren außergewöhnlich groß. Hielt er die Hände geschlossen, sahen sie aus wie eine Traube roher Holzbälle, groß wie von Stahldrähten zusammengehaltene Walnüsse. Er rauchte eine Kolbenpfeife und saß nach dem Tod seiner Frau den ganzen Tag lang in seiner leeren Praxis dicht an einem Fenster, das von Spinnweben bedeckt war. Er öffnete das Fenster nie. Einmal, an einem heißen Tag im August, versuchte er es, merkte aber, dass es festklemmte, und kümmerte sich fortan nicht weiter darum.

Winesburg hatte den alten Mann vergessen, dabei schlummerten in Dr. Reefy die Anlagen zu etwas ganz Besonderem. Allein in seiner muffigen Praxis im Heffnerkarree überm ­Laden der Pariser Textilhandelsgesellschaft, war er unablässig damit beschäftigt, etwas aufzubauen, was er selber zerstört hatte. Kleine Wahrheitspyramiden errichtete er, und waren sie errichtet, stieß er sie wieder um, damit er die Wahrheiten zum Errichten neuer Pyramiden verwenden konnte.

Dr. Reefy war ein groß gewachsener Mann, der seit zehn Jahren denselben Anzug trug. An den Ärmeln war er ausgefranst, und an den Knien und Ellbogen waren kleine Löcher aufgetaucht. In der Praxis trug er außerdem einen Leinen­kittel mit riesigen Taschen, in die er fortwährend Papierschnipsel stopfte. Nach einigen Wochen wurden aus den ­Papierschnipseln kleine, harte, runde Knäuel, und sobald die ­Taschen voll waren, leerte er sie auf den Fußboden aus. Seit zehn Jahren hatte er einen einzigen Freund, einen anderen ­alten Mann namens John Spaniard, dem eine Baumschule gehörte. Manchmal, wenn er zu Scherzen aufgelegt war, nahm der alte Dr. Reefy eine Handvoll Papierknäuel aus seinen ­Taschen und bewarf damit den Mann mit der Baumschule. »Damit du dich mal wunderst, du gefühlsduseliger alter Schwätzer«, rief er und schüttelte sich dabei vor Lachen.

Die Geschichte von Dr. Reefy und seinem Werben um die schlanke dunkle junge Frau, die seine Gattin wurde und ihm ihr Geld vermachte, ist eine sehr seltsame Geschichte. Sie ist köstlich, so wie die verschrumpelten kleinen Äpfel, die in den Winesburger Obstgärten wachsen. Geht man im Herbst durch die Obstgärten, ist der Boden unter den Füßen hart vom Frost. Die Pflücker haben die Äpfel von den Bäumen geholt. Sie sind in Fässer gefüllt und in die Städte verfrachtet worden, wo sie in Wohnungen gegessen werden, die voller Bücher, Zeitschriften, Möbel und Leute sind. An den ­Bäu­men hängen nur mehr ein paar knorrige Äpfel, die die Pflücker verschmäht haben. Sie sehen aus wie die Knöchel von Dr. Reefys Händen. Man knabbert daran, und sie sind köstlich. An der kleinen runden Stelle an der Seite des Apfels hat sich ihre ganze Süße gesammelt. Man läuft von Baum zu Baum über den gefrorenen Boden, pflückt die knorrigen, verschrumpelten Äpfel und füllt sich die Taschen damit. Nur wenige wissen um die Süße der verschrumpelten Äpfel.

Das Mädchen und Dr. Reefy fühlten sich seit einem Sommernachmittag zueinander hingezogen. Er war damals fünfundvierzig und hatte bereits angefangen, sich die Taschen mit Papierschnipseln zu füllen, die zu harten Knäueln wurden, bis er sie wegwarf. Das hatte er sich angewöhnt, während er in seinem Buggy hinter dem weißen Klepper saß und über Landstraßen hinzockelte. Auf die Schnipsel waren Gedanken gekritzelt, Gedankenenden, Gedankenanfänge.

Einen nach dem anderen hatte Dr. Reefys Kopf die Gedanken hervorgebracht. Aus vielen davon formte er eine Wahrheit, die in seinem Kopf riesenhafte Ausmaße annahm. Die Wahrheit verfinsterte die Welt. Sie wurde furchtbar und verschwand dann, bis die kleinen Gedanken von neuem aufkeimten.

Das schlanke dunkle Mädchen suchte Dr. Reefy auf, weil es in anderen Umständen war und nicht weiterwusste. In diesem Zustand war es aufgrund einer Reihe gleichfalls sonderbarer Ereignisse.

Nachdem Vater und Mutter gestorben und ihr die wertvollen Morgen Land vermacht worden waren, hatte sich ihr ein Schwarm von Verehrern an die Fersen geheftet. Seit zwei Jahren empfing sie fast allabendlich Verehrer. Außer zweien waren alle gleich. Sie faselten von Leidenschaft, und eine gezwungen beflissene Art lag in ihren Stimmen und in ihren Augen, wenn sie sie ansahen. Die zwei, die anders waren, hatten keinerlei Ähnlichkeit miteinander. Der eine, ein schmaler junger Mann mit weißen Händen, der Sohn eines Winesburger Juweliers, redete ununterbrochen von Jungfräulichkeit. Wenn er bei ihr war, konnte er nicht von dem Thema lassen. Der andere, ein schwarzhaariger Junge mit großen Ohren, sagte überhaupt nichts, schaffte es aber immer, sie fortzu­ziehen in die Dunkelheit, wo er sogleich anfing, sie zu küssen.

Eine Zeitlang dachte das schlanke dunkle Mädchen, es würde den Sohn des Juweliers heiraten. Stundenlang saß sie schweigend da und hörte zu, wie er mit ihr redete, ehe sie eine unbestimmte Furcht beschlich. Sie fing an, hinter seinem Gerede von Jungfräulichkeit eine größere Gier als bei all den anderen zu vermuten. Mitunter kam es ihr so vor, als taste er mit seinem Gerede ihren Körper ab. Sie stellte sich vor, wie er ihn langsam in seinen weißen Händen hin und her drehte und dabei beäugte. Nachts träumte sie, dass er in ihren Körper hineinbiss und seine Kiefer davon trieften. Sie hatte den Traum dreimal, ehe sie dann von dem in anderen Umständen war, der überhaupt nichts sagte, sie aber im Moment seiner Leidenschaft tatsächlich in die Schulter biss, sodass tagelang die Abdrücke seiner Zähne zu sehen blieben.

Als sie Dr. Reefy kennenlernte, glaubte die schlanke dunkle junge Frau, dass sie sich nie wieder von ihm trennen würde. Eines Morgens ging sie in seine Praxis, und ohne dass sie irgendetwas sagte, schien er zu wissen, was ihr zugestoßen war.

Dort in der Praxis des Doktors wartete eine Frau, die Gattin des Mannes, der die Winesburger Buchhandlung führte. Wie alle alteingesessenen Landärzte zog Dr. Reefy Zähne, und die wartende Frau hielt sich ein Taschentuch an den Mund und stöhnte. Ihr Mann war bei ihr, und als der Zahn gezogen wurde, schrien sie beide, und Blut lief auf das weiße Kleid der Frau. Das schlanke dunkle Mädchen achtete nicht darauf. Als die Frau und der Mann gegangen waren, lächelte der Doktor. »Ich werde ein bisschen aufs Land rausfahren und Sie mitnehmen«, sagte er.

Wochenlang waren das schlanke dunkle Mädchen und der Doktor fast täglich zusammen. Der Zustand, der sie zu ihm geführt hatte, ging während einer Krankheit vorüber, doch war sie wie jemand, der die Süße der verschrumpelten Äpfel entdeckt hat, sie konnte an dem runden, makellosen Obst, das in den Stadtwohnungen gegessen wird, nichts mehr finden. Im Herbst nach dem Beginn ihrer Bekanntschaft heiratete sie Dr. Reefy, und im darauffolgenden Frühling starb sie. Während des Winters las er ihr den ganzen Wust an Gedanken, den er auf die Papierfitzelchen gekritzelt hatte, vor. Als er damit fertig war, lachte er und stopfte sie sich in die ­Taschen, damit sie runde, harte Knäuel wurden.

MUTTER

Über Elizabeth Willard

ELIZABETH WILLARD, DIE MUTTER von George Willard, war groß und hager und ihr Gesicht von Pockennarben gezeichnet. Obwohl sie erst fünfundvierzig war, hatte ihr eine unbekannte Krankheit alle Lebenskraft geraubt und wie ein Feuer gelöscht. Teilnahmslos ging sie in dem liederlichen alten Hotel umher, betrachtete die verblichene Tapete und die zerschlissenen Teppiche und verrichtete, wenn sie dazu in der Lage war, zwischen vom Schlummer fetter Geschäftsreisender besudelten Betten die Arbeit eines Zimmermädchens. Ihr Gatte Tom Willard, ein schlanker, eleganter Mann mit geraden Schultern, schnittig militärischem Gang und schwarzem Schnurrbart, der an den Enden scharf emporzuweisen hatte, tat alles, um die Ehefrau aus seinen Gedanken zu vertreiben. Die Gegenwart der großen geisterhaften Gestalt, die durch die Flure schlich, fasste er als Vorwurf gegen sich auf. Wenn er an sie dachte, wurde er wütend und fluchte. Das Hotel war unren­tabel und dauernd kurz vor der Pleite, und am liebsten hätte er nichts mehr damit zu tun gehabt. Er hielt das alte Gebäude und die Frau, die darin mit ihm lebte, für zugrunde gerichtet und erledigt. Das Hotel, in dem sein Leben so hoffnungsvoll begonnen hatte, war nur mehr ein Schatten dessen, was ein Hotel sein sollte. Wenn er geschniegelt und geschäftig durch die Winesburger Straßen lief, blieb er manchmal stehen und wandte sich rasch um, als hätte er Angst, der Geist des Hotels und der Frau würde ihn noch auf den Straßen verfolgen. »So ein verfluchtes Leben, verflucht noch mal!«, geiferte er.

Tom Willard war leidenschaftlicher Lokalpolitiker und jahrelang der führende Demokrat in einem streng republikanischen Ort gewesen. Eines Tages, sagte er sich, wenn sich die politischen Verhältnisse zu meinen Gunsten wandeln und es darum geht, Belohnungen zu verteilen, werden sich die Jahre nutzloser Dienerei auszahlen. Er träumte davon, in den Kongress einzuziehen, ja sogar Gouverneur zu werden. Als einmal ein jüngeres Parteimitglied während einer poli­tischen Zusammenkunft aufstand und sich seiner treuen Dienste rühmte, wurde Tom Willard bleich vor Zorn. »Halten Sie den Mund, Sie«, donnerte er und warf wütende Blicke in die Runde. »Was wissen Sie denn von Dienst? Wie alt sind Sie junger Bengel überhaupt? Sehen Sie sich an, was ich geleistet habe! Ich war Demokrat hier in Winesburg, als es ein Verbrechen war, Demokrat zu sein. Damals haben sie noch buchstäblich mit Gewehren Jagd auf uns gemacht.«

Elizabeth und ihren einzigen Sohn George verband ein ­tiefes, unausgesprochenes Einverständnis, das auf einem lange verblichenen Mädchentraum beruhte. In Gegenwart des Sohnes war sie scheu und zurückhaltend, doch manchmal, während er durch die Stadt eilte, um seinen Pflichten als Reporter nachzukommen, ging sie in sein Zimmer, schloss die Tür und kniete sich an ein kleines, aus einem Küchentisch gefertigtes Pult, das am Fenster stand. Am Pult in dem Zimmer gab sie sich einem Ritual hin, das halb Gebet, halb an den Himmel gerichtete Forderung war. Es war ihr inständiger Wunsch, in Gestalt des Jungen etwas wiedererschaffen zu ­sehen, das früher Teil ihrer selbst gewesen war, nun aber dem Vergessen anheimfiel. Darum drehte sich ihr Gebet. »Und wenn ich sterbe, ich werde es verhindern, dass man dich zugrunde richtet«, weinte sie, und so groß war ihre Entschlossenheit, dass sie am ganzen Körper bebte. Ihre Augen funkelten, und sie ballte die Fäuste. »Wenn ich ihn nach meinem Tod zu einer so ausdruckslosen grauen Gestalt werden sehe, wie ich es bin, werde ich zurückkommen«, schwor sie. »Ich bitte Gott schon jetzt um dieses Vorrecht. Ich fordere es ein, ich werde dafür bezahlen. Möge mich Gott mit Fäusten schlagen, ich werde jeden Hieb, der mich trifft, hinnehmen, wenn dafür nur mein Junge die Chance erhält, etwas für uns beide darzustellen.« Unsicher hielt sie inne und sah sich im Zimmer des Jungen um. »Und lass ihn weder smart noch erfolgreich sein«, fügte sie rätselhaft hinzu.

Die Verbindung zwischen George Willard und seiner Mutter war nach außen hin förmlich und nicht der Rede wert. Wenn sie krank war und in ihrem Zimmer am Fenster saß, kam er abends manchmal, um ihr einen Besuch abzustatten. Dann saßen sie an einem Fenster, das über das Dach ­eines kleinen Holzgebäudes auf die Main Street blickte. Wenn sie die Köpfe wandten, konnten sie aus einem weiteren Fenster auf einen Durchgang, der hinter den Geschäften der Main Street verlief, und durch die Hintertür in Abner Groffs Bäckerei sehen. Manchmal, wenn sie so dasaßen, zeigte sich ihnen das Städtchen von seiner ureigenen Seite. An der Hintertür seines Ladens erschien Abner Groff mit einem Stock oder einer leeren Milchflasche in der Hand. Schon seit langem herrschte eine Fehde zwischen dem Bäcker und einer grauen Katze, die Sylvester West gehörte, dem Apotheker. Der Junge und seine Mutter sahen die Katze durch die Tür in die Bäckerei schleichen und augenblicklich wieder herausschießen, gefolgt von dem fluchenden und wild herumfuchtelnden Bäcker. Seine Augen waren klein und rot, und sein schwarzer Haarschopf und Bart waren voller Mehlstaub. Manchmal war er so erbost, dass er mit Stöcken, Glasscherben und selbst Gerätschaften seines Betriebes um sich warf, auch wenn die Katze längst verschwunden war. Einmal ­zertrümmerte er dabei ein Fenster auf der Rückseite von ­Sinnings’ Eisenwarenhandlung. In dem Durchgang hatte sich die Katze hinter Fässern verkrochen, die voller Papierfetzen und zerbrochener Flaschen waren und über denen ein schwarzer Fliegenschwarm schwirrte. Als sie einmal allein war und einen so ausgedehnten wie wirkungslosen Wutausbruch des Bäckers mit angesehen hatte, legte Elizabeth Willard den Kopf in ihre schmalen weißen Hände und weinte. Seither blickte sie nicht mehr zu dem Durchgang hinunter, sondern wollte den Streit zwischen dem bärtigen Mann und der Katze vergessen. Er wirkte wie eine Generalprobe ihres eigenen Lebens, furchtbar in seiner Deutlichkeit.

Wenn der Sohn abends mit seiner Mutter in dem Zimmer saß, machte die Stille sie beide beklommen. Die Dunkelheit kam, und am Bahnhof kam der Abendzug an. Unten auf der Straße trampelten Füße hin und her über den Brettergehsteig. Nachdem der Abendzug abgefahren war, lastete die Stille auf dem Bahnhofsgelände. Vielleicht bugsierte noch Skinner Leason, der Frachtkurier, einen Paketkarren über den Bahnsteig. Über die Main Street schallte die Stimme ­eines lachenden Mannes. Die Tür des Eilpaketbüros knallte zu. George Willard stand auf, durchquerte das Zimmer und tastete nach dem Türknauf. Manchmal stieß er dabei gegen einen Stuhl, der daraufhin über den Boden schurrte. Am Fenster saß die kranke Frau, völlig still, teilnahmslos. Weiß und blutleer hingen ihre schmalen Hände über die Enden der Armlehnen. »Ich finde, du solltest lieber draußen bei den Jungs sein. Du hockst zu viel drinnen«, sagte sie, um ihnen beiden den Abschied leichter zu machen. »Ich dachte sowieso, ich lauf noch ’n bisschen durch die Gegend«, gab George Willard zurück und war vor Verlegenheit ganz durchei­nander.

Eines Abends im Juli, als die durchreisenden Gäste, die das New Willard House zu ihrer zeitweiligen Heimstatt machten, rar geworden und die nur von niedriggedrehten Petro­leumlampen erleuchteten Korridore in schummriges Licht getaucht waren, erlebte Elizabeth Willard ein Abenteuer. Sie hatte mehrere Tage lang krank im Bett gelegen, und ihr Sohn war sie nicht besuchen gekommen. Das beunruhigte sie. Ihre Sorge fachte den schwachen Lebensfunken, der in ihrem Körper verblieben war, zur Flamme an, und so kroch sie aus dem Bett, zog sich etwas über und eilte, zitternd vor übertriebener Furcht, durch den Flur zum Zimmer ihres Sohnes. Dahinhastend stützte sie sich mit der Hand ab, glitt an den ­Tapetenwänden des Gangs entlang und geriet dabei außer Atem. Die Luft pfiff durch ihre Zähne. »Er ist sicher mit Jungskram beschäftigt«, sagte sie sich. »Vielleicht läuft er ­inzwischen ja abends mit Mädchen durch die Gegend.«

Elizabeth Willard graute es davor, von Gästen in dem ­Hotel gesehen zu werden, das einst ihrem Vater gehört hatte und das laut Grundbuch noch immer ihr Eigentum war. Dauernd verlor das Hotel Kundschaft, weil es heruntergekommen war, und für ebenso heruntergekommen hielt sie sich. Ihr Zimmer lag in einer entlegenen Ecke, und wenn sie sich in der Lage fühlte, mit anzufassen, half sie zwar bereitwillig beim Bettenmachen, zog aber Arbeit vor, die sich er­ledigen ließ, wenn die Gäste außer Haus waren, um mit ­den Winesburger Kaufleuten Geschäfte zu machen.

An der Tür zum Zimmer ihres Sohnes kniete sich die Mutter auf den Boden und horchte auf ein Geräusch von drinnen. Als sie den Jungen herumgehen und leise reden hörte, trat ein Lächeln auf ihre Lippen. George Willard hatte die Angewohnheit, laut mit sich selbst zu sprechen, und ihm ­dabei zuzuhören hatte seiner Mutter immer besonderes Vergnügen bereitet. Seine Angewohnheit stärkte in ihren Augen das heimliche Band, das zwischen ihnen bestand. Tausendmal hatte sie sich das flüsternd selber gesagt. »Er ist auf der Suche nach sich selbst«, dachte sie. »Er ist kein plumper Klotz, der bloß klug daherquasselt. In seinem Innern ist ­etwas Verborgenes, das unbedingt wachsen will. Es ist dasselbe, das ich in mir habe abtöten lassen.«

In der Dunkelheit des Flurs erhob sich die Kranke an der Tür und machte sich auf den Rückweg zu ihrem eigenen Zimmer. Sie hatte Angst, die Tür könnte aufgehen und der Junge sie überraschen. Als sie in sicherer Entfernung war und eben in einen anderen Flur abbiegen wollte, blieb sie ­stehen, verschränkte die Arme, um so einen Schwächeanfall zu überstehen, der sie ganz zittrig machte. Dass der Junge in seinem Zimmer gewesen war, stimmte sie froh. Während der langen Stunden allein in ihrem Bett waren die kleinen Befürchtungen, die sie dort heimgesucht hatten, riesengroß geworden. Jetzt waren sie alle verschwunden. »Wenn ich wieder in meinem Zimmer bin, werde ich schlafen können«, murmelte sie dankbar.

Doch zu ihrem Bett und zum Schlafen sollte Elizabeth Willard nicht wieder kommen. Als sie noch zitternd in der Dunkelheit dastand, ging die Tür zum Zimmer ihres Sohnes auf, und der Vater des Jungen, Tom Willard, kam heraus. Im Licht, das durch die Tür fiel, stand er mit dem Knauf in der Hand und redete. Was er sagte, machte die Frau rasend.

Tom Willard hatte ehrgeizige Pläne für seinen Sohn. Er hatte sich stets für einen erfolgreichen Mann gehalten, auch wenn nichts, was er je getan hatte, von Erfolg gekrönt worden war. Wenn das New Willard House jedoch außer Sichtweite war und er nicht befürchten musste, auf seine Frau zu treffen, prahlte er und fing an, sich wie einer der Stadtoberen aufzuführen. Er wollte, dass sein Sohn Erfolg hatte. Er war es, der dem Jungen die Stellung beim Winesburg Eagle verschafft hatte. Nun gab er mit ernstem Ton in der Stimme die weitere Marschrichtung vor. »Ich sag dir was, George, es wird Zeit, dass du aufwachst«, dröhnte er. »Will Henderson hat mich schon dreimal drauf angesprochen. Er meint, du ­taperst stundenlang durch die Gegend, hörst nicht zu, wenn man mit dir redet, und benimmst dich wie eine dumme Gans. Was ist los mit dir?« Tom Willard lachte gut gelaunt. »Na, bestimmt wirst du drüber wegkommen«, sagte er. »Hab ich auch zu Will gesagt. Du bist kein Blödmann, und du bist kein Weibsbild. Du bist Tom Willards Sohn, und du wirst schon aufwachen. Da mach ich mir keine Sorgen. Was du sagst, erklärt die Sache. Wenn dich deine Arbeit bei der Zeitung auf den Trichter gebracht hat, du könntest Schriftsteller werden, ist das in Ordnung. Bloß musst du wohl auch dafür erst aufwachen, oder?«

Tom Willard schritt energisch den Flur entlang und dann die Treppe zur Lobby hinunter. Die Frau in der Dunkelheit konnte hören, wie er sich lachend mit einem Gast unterhielt, der in einem Sessel neben dem Eingang zur Lobby vor sich hin gedöst hatte, um einen trübsinnigen Abend über sich ergehen zu lassen. Sie ging zur Zimmertür ihres Sohnes zurück. Wie durch ein Wunder war die Schwäche aus ihrem Körper gewichen, so beherzt schritt sie dahin. Tausend Einfälle rasten ihr durch den Kopf. Als sie das Schurren eines Stuhls und das Geräusch eines über Papier kratzenden Stifts hörte, kehrte sie abermals um und ging durch den Flur zu ­ihrem Zimmer zurück.

Die abgekämpfte Frau des Winesburger Hotelbesitzers hatte sich zu einem unumstößlichen Entschluss aufgerafft. Der Entschluss war das Ergebnis jahrelangen stillen und bisher fruchtlosen Nachdenkens. »Jetzt«, sagte sie sich, »werde ich handeln. Etwas bedroht meinen Jungen, und ich werde es abwehren.« Die Tatsache, dass die Unterhaltung zwischen Tom Willard und seinem Sohn eher ruhig und ungezwungen gewesen war, so als bestünde ein Einverständnis zwischen ihnen, machte sie rasend. Auch wenn sie ihren Mann schon seit Jahren verabscheute, war ihr Hass bislang immer eher unpersönlich gewesen. Er war bloß ein Teil dessen, was sie außerdem hasste. Jetzt aber, nur durch die paar Worte an der Tür, hatte ihr Hass Gestalt angenommen. In der Dunkelheit ihres Zimmers ballte sie die Fäuste und blickte um sich. Sie ging zu einem Stoffbeutel, der an einem Nagel von der Wand hing, zog eine lange Schneiderschere heraus und hielt sie in der Hand wie einen Dolch. »Ich werde ihn erstechen«, sagte sie laut. »Er hat sich entschlossen, die Stimme des Bösen zu sein, darum werde ich ihn umbringen. Wenn ich ihn umgebracht habe, wird etwas in mir zerspringen, und auch ich werde sterben. Es wird eine Erlösung für uns alle sein.«

Als Mädchen und vor ihrer Heirat mit Tom Willard hatte Elizabeth in Winesburg einen eher zweifelhaften Ruf besessen. Jahrelang hatte sie einen so genannten Bühnenfimmel gehabt, war mit geschäftsreisenden Gästen aus dem Hotel ­ihres Vaters in grellen Kleidern durch die Straßen stolziert und hatte sie gedrängt, ihr vom Leben in den Städten zu erzählen, aus denen sie kamen. Einmal scheuchte sie den ganzen Ort auf, als sie sich Männersachen anzog und auf einem Fahrrad die Main Street hinunterfuhr.

Die Gedanken des schlanken dunklen Mädchens waren damals sehr konfus gewesen. Eine große Unruhe zeichnete sie aus und äußerte sich auf zweierlei Weise. Zunächst war da ein bohrendes Verlangen nach Veränderung, nach einem großen, unumkehrbaren Wandel ihrer Lebensumstände. Es war dieser Drang, der ihre Sehnsucht aufs Theater gelenkt hatte. Sie träumte davon, sich irgendeiner Truppe anzuschließen, durch die Welt zu tingeln, immer neue Gesichter zu sehen und etwas aus ihrem Innern an alle Leute weiterzugeben. Nachts geriet sie bei dem Gedanken manchmal ziemlich außer sich, doch wenn sie dann mit den Mitgliedern der Theatertruppen, die nach Winesburg kamen und im Hotel ihres Vaters abstiegen, darüber zu reden versuchte, führte sie das nirgendwohin. Sie schienen nicht zu wissen, was sie meinte, oder lachten nur, wenn es ihr gelang, etwas von ihrer Leidenschaft in Worte zu fassen. »So ist es nicht«, sagten sie. »Es ist genauso trostlos und uninteressant wie hier. Nichts kommt dabei raus.«

Mit den Geschäftsreisenden, mit denen sie durch die Gegend lief, und später mit Tom Willard war es ganz anders. Immer schienen sie sie zu verstehen und mit ihr zu fühlen. In den Seitenstraßen des Ortes, im Dunkel unter den Bäumen, nahmen sie sie bei der Hand, und sie meinte dann, etwas Unausgesprochenes in ihr komme zum Vorschein und werde ein Teil von etwas Unausgesprochenem in ihnen.

Und dann gab es da die andere Weise, wie sich ihre Unruhe äußerte. Wenn sie einsetzte, fühlte sie sich eine Zeitlang ­befreit und glücklich. Sie gab die Schuld nie den Männern, die mit ihr ausgingen, und später gab sie die Schuld auch nie Tom Willard. Es war immer dasselbe: Es fing an mit Küssen und endete nach einer seltsam wilden Gefühlsaufwallung mit Zufriedenheit, dann aber reuigem Schluchzen. Während sie schluchzte, legte sie ihre Hand auf das Gesicht des Mannes und hatte dabei stets denselben Gedanken. Auch wenn er groß gewachsen und bärtig war, kam es ihr so vor, als wäre er plötzlich wieder ein kleiner Junge. Sie fragte sich, weshalb nicht auch er schluchzte.

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Mit einem kleinen gebrochenen Schluchzer blies Elizabeth Willard die auf dem Tisch stehende Lampe aus und blieb schwach und zitternd im Dunkel stehen. Die Kraft, die wie durch ein Wunder ihren Körper erfüllt hatte, verließ sie, und so taumelte sie geradezu über den Fußboden und fasste nach der Lehne des Stuhls, in dem sie so viele lange Tage damit ­zugebracht hatte, über die Blechdächer auf die Hauptstraße von Winesburg zu starren. Im Korridor hörte man Schritte, und George Willard kam zur Tür herein. Er setzte sich in ­einen Sessel neben seine Mutter und fing an zu reden. »Ich verschwinde von hier«, sagte er. »Ich weiß nicht, wohin ich gehen werde oder was ich machen werde, aber ich gehe.«

Die Frau in dem Sessel wartete und zitterte. Sie hatte eine Eingebung. »Es wird wohl Zeit, dass du aufwachst«, sagte sie. »Glaubst du das? Dass du in die Stadt gehen und zu Geld kommen wirst, ja? Du meinst, es wäre besser für dich, ein Geschäftsmann zu sein, forsch und smart und umtriebig?« Sie wartete und zitterte.

Der Sohn schüttelte den Kopf. »Oh, ich wünschte, ich könnte es dir begreiflich machen, aber das kann ich wohl nicht«, sagte er ernst. »Nicht mal mit Vater kann ich drüber reden. Ich versuch’s auch gar nicht. Hat keinen Zweck. Ich weiß nicht, was ich machen werde. Ich will einfach bloß weg, Leute beobachten und nachdenken.«

Stille legte sich über das Zimmer, in dem der Junge und die Frau zusammensaßen. Wieder, wie schon an früheren Abenden, waren sie verlegen. Nach einer Weile versuchte der Junge erneut, etwas zu sagen. »Es wäre wohl nicht für ein Jahr oder zwei, aber ich hab drüber nachgedacht«, sagte er, indem er aufstand und zur Tür ging. »Etwas, das Vater meinte, sagt mir, dass ich weggehen sollte.« Er fingerte am Türknauf ­herum. Die Stille im Zimmer wurde der Frau unerträglich. Sie wollte vor Freude über die Worte aus dem Mund ihres Sohnes aufschreien, aber Freude auszudrücken war ihr unmöglich geworden. »Ich finde, du solltest lieber nach draußen zu den Jungs gehen. Du hockst zu viel drinnen«, sagte sie. »Ich dachte sowieso, ich lauf noch etwas durch die Gegend«, gab der Sohn zurück, als er beklommen aus dem Zimmer ging und die Tür zumachte.