Zur linken Hand getraut
Ein ergreifender Schicksalsroman der beliebten Autorin
Schwester Maria hatte ihren Pflegling zur Ruhe gebracht. Sie neigte sich mit liebevollem Lächeln über das Bett des dreizehnjährigen Prinzen Herbert von Rastenberg und rückte ihm die Kissen zurecht. Er lächelte zu ihr auf und sagte: „Ich bin so froh, Schwester Maria, dass ich wieder gesund bin und mit Papa ausreiten darf! Das danken wir nur dir, Schwester Maria! Das sagt Papa auch.“
Er sah mit glücklichen Augen zu seiner Pflegerin auf, die noch einmal glättend über die Daunendecke strich.
Im selben Augenblick wurde die Tür geöffnet, und der Vater des Prinzen, Botho Fürst von Rastenberg, trat ein. Als sein Blick Schwester Maria traf, die von Prinz Herberts Lager zurücktrat, leuchteten seine Augen seltsam auf. Dann wandte er sich seinem Sohn zu und fasste mit warmem Druck die feste Knabenhand.
Der junge Prinz richtete sich in seinem Bett empor und fragte mit schmeichelnder Stimme: „Darf ich morgen Emir wieder reiten, Papa?“
Ein Freudenstrahl blitzte in den Augen des Fürsten auf.
„Gewiss! Und wenn du dich wieder so tapfer hältst wie heute, soll er dein Eigentum sein.“
„Oh, dann gehört er mir! Sieh, meine Hand, sie ist hart wie Stahl!“
Der Fürst umschloss die Knabenhand wieder mit der seinen. Und dann wandte er sich nach der Schwester um, die bescheiden zurückgetreten war.
„Haben Sie das gehört, Schwester Maria? Hart wie Stahl ist Herberts Hand.“
„Ja, Durchlaucht“, antwortete sie scheinbar ruhig. Aber ihre Lippen zuckten wie in verhaltener Erregung.
Der Fürst war bei der letzten Frage auf Schwester Maria zugetreten. Sein Blick heftete sich mit leuchtendem Ausdruck auf ihr schönes, stilles Gesicht.
„Sie haben ja teil an meinem Sohn, haben ihn mir neu geschenkt. Ohne Sie wäre er mir verloren gewesen“, sagte er, und tiefe Bewegung zitterte in seiner Stimme.
Ihr Blick senkte sich vor seinen strahlenden Augen.
„Durchlaucht bewerten meine Hilfe zu hoch“, wehrte sie bescheiden ab.
„Immer weisen Sie meinen Dank zurück“, sagte der Fürst mit leisem Vorwurf.
„Auch von mir lässt sich Schwester Maria keinen Dank gefallen, Papa!“, rief Herbert. „Aber wir zwei wissen genau, was sie für uns getan hat, nicht wahr?“
Der Fürst nickte seinem Sohn freundlich zu.
„Ja, Herbert, wir wissen es und werden es nie vergessen! Und je weniger sich Schwester Maria diesen Dank gefallen lässt, desto tiefer stehen wir in ihrer Schuld. Aber nun still, mein Sohn, Schwester Maria sieht mahnend nach der Uhr, es ist Schlafenszeit für dich. Gute Nacht, mein Sohn, schlafe gut!“
Er trat wieder an das Lager seines Sohnes zurück und beugte sich nieder, um ihn zu küssen.
***
Seit zwei Jahren schon weilte Schwester Maria auf Schloss Lehnsdorf. Die verstorbene Fürstin Rastenberg, Herberts Mutter, war eine geborene Gräfin Lehnsdorf gewesen, und durch die eheliche Verbindung mit ihr war Fürst Rastenberg Besitzer der reichen Grafschaft und dieses herrlichen Schlosses geworden.
Prinz Herbert war der einzige Erbe des Fürsten, und als solchem würden ihm einst nicht nur die Lehnsdorfschen Güter gehören, sondern er würde später auch Herr über die in Österreich gelegenen fürstlichen Besitzungen seines Vaters sein.
Fürst Rastenberg lebte schon seit Jahren fast ausschließlich auf Schloss Lehnsdorf. Er ging nur jedes Jahr einige Wochen nach Rastenberg, um dort nach dem Rechten zu sehen.
Seit fünf Jahren war Fürst Rastenberg verwitwet. Seine Gemahlin, eine zarte Erscheinung, war rasch an einer Lungenentzündung gestorben, die sie sich in Wien nach einem Hofball zugezogen hatte.
Auch Prinz Herbert war von Geburt an ein zartes, anfälliges Kind gewesen, dessen Gesundheit dem Fürsten stets große Sorge gemacht hatte. Als er im zehnten Lebensjahr stand – damals war die Fürstin bereits nicht mehr am Leben – begann Prinz Herbert zu kränkeln. Ohne dass man den Sitz des Leidens ergründen konnte, wurde er von Woche zu Woche matter und kraftloser. Die Ärzte waren ratlos und Botho Fürst von Rastenberg lebte in fortgesetzter Besorgnis, seinen Erben zu verlieren.
Auf den Rat eines Freundes berief er den berühmten Professor Bernd an das Krankenlager seines Sohnes.
Professor Bernd kam aus der herzoglichen Residenz nach Lehnsdorf und brachte gleichzeitig eine Krankenschwester mit, Schwester Maria.
Ihr vertraute er die Pflege und Beobachtung des Prinzen für die ersten Tage an, bis er in der Lage war, seine Diagnose mit Sicherheit zu stellen. Schwester Maria arbeitete schon längere Zeit in seiner Klinik, und er wusste, dass er sich unbedingt auf sie verlassen konnte.
Nach acht Tagen erklärte Professor Bernd, dass nur eines Prinz Herbert die Gesundheit wiedergeben könnte: eine Bluttransfusion.
Botho Fürst von Rastenberg hatte unbedingtes Vertrauen zu Professor Bernd. Sofort erklärte er sich bereit, sich selbst zur Verfügung zu stellen. Aber nach kurzem Überlegen schüttelte der Professor den Kopf. Er brauchte einen jugendlichen, lebenskräftigen Organismus.
Da sagte Schwester Maria: „Ich bin jung und kräftig und gern bereit, mich zur Verfügung zu stellen.“
Der Professor hatte sie prüfend, der Fürst zwischen Hoffen und Fürchten schwankend angesehen. Eine Weile herrschte Schweigen.
Der Professor musterte die jugendkräftige Gestalt der Schwester.
„Wollen Sie es wirklich tun, Schwester Maria?“ fragte er.
„Ja, Herr Professor.“
„Gut, Schwester, ich bin einverstanden – die Erlaubnis des Fürsten vorausgesetzt.“
Die Bluttransfusion wurde kurze Zeit darauf vorgenommen.
***
Zwei Jahre waren seitdem verflossen. Prinz Herbert war ein kräftiger, gesunder Knabe geworden, der sich mit jedem Atemzug des neu geschenkten Lebens freute. Schwester Maria wurde, nachdem sie sich von dem Blutverlust erholt hatte, die Pflege des jungen Prinzen übergeben.
Voll Hingebung, jeden Dank zurückweisend, pflegte sie den Prinzen, und dieser hing bald mit rührender Liebe an der schönen, sanften Freundin, die ihn so unermüdlich umsorgte. Und als er dann endlich das Bett verlassen konnte, wollte er nichts davon hören, dass Schwester Maria wieder von ihm ging.
Fürst Rastenberg selbst wünschte, seinen Sohn auch fernerhin der Obhut der bewährten Pflegerin anzuvertrauen, die ja für seinen Sohn mehr als eine Pflegerin geworden war und an dem verwaisten Knaben wirklich Mutterstelle vertrat.
„Du und ich, wir gehören zusammen! Du bist mir wie eine zweite Mutter geworden, und du darfst nie wieder fortgehen von mir“, hatte der junge Prinz damals gesagt, und über das schöne Gesicht seiner Pflegerin war ein halb wehmütiges, halb glückliches Lächeln geglitten.
Dieses Lächeln lag auch jetzt auf ihrem Gesicht, als sie am Fenster ihres Zimmers stand und in den alten Schlosspark hinaussah, über dem der Mond stand. Aber unvermittelt verschwand das Lächeln und machte einem traurigen Ausdruck Platz. Wie ein tiefes, namenloses Leid lag es jetzt auf ihren Zügen.
Ein schmerzlicher Seufzer hob ihre Brust.
„Ich muss fort – ich darf nicht länger hier bleiben“, sagte sie vor sich hin. Und in einen Sessel sinkend, barg sie das Gesicht in den Händen.
Sie gedachte der Vergangenheit, die ihr so vieles schuldig geblieben war und ihr auch das genommen hatte, was sie als Glück empfunden und besessen hatte. Sie dachte daran, wie sie mit müder, wunder Seele zu Professor Bernd gekommen war, nur noch mit dem einzigen Bestreben, ihr Leben dem Dienst der Kranken zu weihen. Langsam hatte sie den Frieden wiedergefunden.
Und dann kam sie nach Lehnsdorf.
Neben der mütterlichen Liebe zu Prinz Herbert zog da langsam ein ungewolltes und doch so mächtiges Gefühl in ihre Seele. Im täglichen Verkehr mit Botho Fürst von Rastenberg lernte sie diesen zuerst verehren in seiner menschlichen Güte und seiner vornehmen, großzügigen Art. Seine aufopfernde Liebe für seinen Sohn rührte sie, seine ritterliche Gesinnung bestrickte sie. Und so sehr sie sich dagegen wehrte – eines Tages erkannte sie, dass sie den Fürsten liebte.
Aber diese Erkenntnis machte sie nicht froh, sie schaffte ihr nur Pein. Wie ein Unrecht erschien ihr diese tiefe Zuneigung, sie verstand sich selbst nicht, verstand nicht, dass ihr Herz noch fähig war, Liebe zu empfinden nach allem, was sie durchlebt und durchlitten hatte. Und wohin hatte sich diese neue, gewaltig auf sie eindringende Liebe verirrt? Fürst Rastenberg stand unerreichbar über ihr, so weit wie da draußen die bleiche Mondsichel über dem Park. Was sollte ihr diese Liebe? Hatte sie nicht schon Schmerzen genug durchlitten?
Wie zum Schutz gegen diese Liebe beschwor sie die Vergangenheit herauf. Nach einer Weile sprang sie wieder empor und streckte die Hände wie abwehrend aus.
Ich muss fort aus diesem Haus, wo mich das Leben so freundlich und verlockend anlacht. Ich darf nicht mehr bleiben, darf mich nicht in diesen süßen Frieden einlullen lassen. Hinaus in Kampf und Arbeit muss ich wieder, damit ich vergessen lerne!
So dachte sie, ruhelos auf und ab gehend. Plötzlich blieb sie stehen und sah starr vor sich hin.
Morgen Vormittag rede ich mit dem Fürsten und sage ihm, dass ich zu Professor Bernd zurückgehe.
Dieser Entschluss machte sie endlich ruhiger. Langsam nahm sie die weiße Haube ab, sodass ihre starken goldbraunen Haare sichtbar wurden.
Aufatmend strich sie über die Stirn und öffnete das Fenster, um die heiße Stirn von dem würzigen Frühlingswind kühlen zu lassen. Vom Licht hell beleuchtet, stand sie im Rahmen des geöffneten Fensters.
Sie ahnte nicht, dass unter ihrem Fenster im Schatten der Bäume Fürst Rastenberg auf und ab ging und nun, durch das Öffnen des Fensters aufmerksam gemacht, zu ihr empor sah.
Er blieb stehen und ließ seine Augen auf der hübschen Erscheinung ruhen.
Wie schön war sie doch! Schön und gut, mutig und opferfreudig, und dabei doch so stolz in ihrer Bescheidenheit! Er liebte sie, ja er liebte sie! Er, der gereifte Mann! Würde sie auch seine Hand ausschlagen, ruhig und bestimmt, wie sie jedes seiner Dankesworte abwehrte? Was sein Sohn Herbert wohl sagen würde? Oh, der würde sie mit Freuden Mutter nennen, denn sie war ihm eine Mutter gewesen in all der Zeit. „Nicht Schwester Maria – Mutter Maria müsste sie heißen“, hatte Herbert eines Tages zum Fürsten gesagt. Seit jener Stunde wusste er, dass er sie liebte.
***
Am nächsten Vormittag ließ Schwester Maria den Fürsten um eine Unterredung bitten. Er empfing sie sofort in seinem Arbeitszimmer. Als sie eintrat, schob er ihr sogleich einen Sessel zurecht.
„Bitte, nehmen Sie Platz, Schwester Maria, und sagen Sie mir, was mir das seltene Vergnügen verschafft“, sagte er freundlich.
Als sie sich niedergesetzt hatte, nahm er ihr gegenüber Platz.
Sie schlang die Hände zusammen und holte tief Atem. Dann sagte sie, ohne die Augen zu heben: „Durchlaucht gestatten mir wohl, dass ich nun wieder zu Professor Bernd in meine frühere Tätigkeit zurückkehre? Prinz Herbert ist gottlob wieder so kräftig, dass er meiner Pflege nicht mehr bedarf und ich hier überflüssig bin.“
Fürst Rastenberg hatte Mühe seine Ruhe zu bewahren. Der Wunsch Schwester Marias, Schloss Lehnsdorf zu verlassen, traf ihn völlig unvorbereitet.
„Nein, nein, Schwester Maria! Das kann, das darf Ihr Wunsch nicht sein!“, erklärte er entschieden. „Was ist denn geschehen, dass Sie von Lehnsdorf fort verlangen? Fehlt es Ihnen an irgendetwas? Haben Sie irgendwelche Wünsche? Sagen Sie es mir, sie sollen sofort erfüllt werden.“
Es zitterte eine verhaltene Erregung in seiner Stimme, die Maria nicht entging. Sie hob abwehrend die Hand und schüttelte den Kopf.
„O nein“, sagte sie dann, „mir bleibt hier nichts, gar nichts zu wünschen übrig. Durchlaucht sind sehr gütig. Mir fehlt hier nichts als die Gewissheit, dass ich wirklich noch nötig bin, dass meine Hilfe gebraucht wird. Das ist aber nicht der Fall. Ich hätte schon viel früher in meinen alten Pflichtenkreis zurückkehren müssen, aber – ich gestehe offen – ich habe mich davor gefürchtet. Der Entschluss, mich von Prinz Herbert trennen zu wollen, wurde mir schwer.“
Die letzten Worte sprach sie sehr leise. Fürst Rastenberg hatte sich erhoben und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab. Dann blieb er am Kamin stehen und stützte den Arm auf den Sims. Seine Augen suchten das Antlitz Marias. Nie war sie ihm schöner, nie begehrenswerter erschienen wie in diesem Augenblick. Er atmete tief auf, und in seiner Stimme klang eine tiefe Erregung, als er begann: „Sie sagen, Ihnen fehle nichts als die Gewissheit, dass Ihre Anwesenheit hier noch nötig ist. Haben Sie diese Gewissheit wirklich nicht mehr, Schwester Maria? Wissen Sie nicht, dass Sie hier in Lehnsdorf walten wie ein guter Engel? Ich kann mir unser Leben ohne Sie nicht mehr denken.“
Sie schlang die Hände fest ineinander, als brauche sie einen Halt. „Durchlaucht messen meiner Anwesenheit auf Schloss Lehnsdorf eine allzu hohe Bedeutung bei. Wenn ich fortgegangen bin, wird es sich bald genug zeigen, dass ich keinerlei Lücke hinterlassen habe.“
Der Fürst schüttelte den Kopf.
„Das können Sie selbst nicht glauben! Seit dem Tag, da Sie Professor Bernd nach Lehnsdorf brachte, ist es wie ein stiller Segen von Ihnen ausgegangen. Sie schenkten mir meinen einzigen Sohn, meinen Erben, neu, durch Ihre aufopfernde Tat! Ich weiß es wohl, Sie wollen nichts davon hören. Aber einmal lassen Sie es mich aussprechen! Seit jenem Tag sind Sie mir so nahe gerückt wie kein anderer Mensch auf Erden außer meinem Sohn. Ich kann es nicht fassen, dass Sie an eine Trennung denken. Fühlen Sie nicht, dass Sie zu uns gehören? Ich glaubte immer, Ihre Liebe zu Herbert – ich weiß doch, dass Sie ihn lieb gewonnen haben wie eine Mutter – würde Sie hier festhalten. Und nun kommen Sie und sprechen von Trennung! Haben Sie dabei gar nicht an Herbert gedacht?“
Schwester Marias Gesicht war bleich geworden.
„Durchlaucht sollten mich nicht so quälen – mir die Trennung noch schwerer machen, als sie ohnehin schon ist“, sagte sie tonlos. „Gewiss gehe ich nur blutenden Herzens von meinem Pflegling. Aber einmal muss es doch geschehen, und darum ist es besser, es geschieht jetzt – so bald wie möglich!“
Sie schwieg wie erschöpft.
Wieder schritt der Fürst erregt einige Male im Zimmer auf und ab. Mit einem plötzlichen Entschluss blieb er vor ihr stehen.
„Schwester Maria“, sagte er mit mühsam beherrschter Stimme. „Sie dürfen nicht von uns gehen, es darf nicht sein!“
Sie sah mit seltsam glanzlosen Augen in sein erregtes Gesicht.
„Es muss sein, Durchlaucht“, erwiderte sie dann klanglos.
„Nein, es muss nicht sein“, fuhr er fort, „es muss nicht sein, wenn Sie es nicht wollen. Bleiben Sie, Maria – bleiben Sie bei uns, bei Herbert und mir. Nicht nur für meinen Sohn bitte ich, ich bitte auch für mich selbst. Ich habe Sie lieb gewonnen, Maria, mit der ganzen Innigkeit und Tiefe des gereiften Mannes. Bleiben Sie bei uns als Herberts zweite Mutter – als meine Gattin!“
Schwester Maria sprang auf. Ihre Hände streckten sich aus, als suchten sie nach einem Halt, und sanken dann kraftlos herab.
„Durchlaucht, es kann, es darf nicht sein!“, stieß sie hervor.
„Warum nicht, Maria? Gewiss, ich bin in Ihren Augen ein alter Mann – und dennoch, dennoch hoffe ich, mir Ihre Liebe erringen zu können.“
Sie sah ihn mit einem Blick an, der sein Herz lauter schlagen ließ.
„Durchlaucht, ich will ganz offen sein in dieser Stunde. Es soll auch nicht der Schatten einer Unwahrheit zwischen uns stehen“, sagte sie mit vor Erregung zitternder Stimme. „Deshalb will ich ehrlich bekennen, dass ich von Lehnsdorf fort will, weil mein Herz sich einer tiefen, starken Liebe erschlossen hat – zu Eurer Durchlaucht – allen Vernunftgründen zum Trotz, und weil ich mit dieser Liebe im Herzen nicht länger in Lehnsdorf bleiben darf, ohne mich selbst zu verlieren.“
Der Fürst trat mit aufleuchtendem Blick auf sie zu und wollte sie an sich ziehen. Sie aber schüttelte traurig den Kopf und trat einen Schritt zurück.
„Durchlaucht, es darf nicht sein!“, sagte sie leise.
„Es darf nicht sein? Und Sie sagen doch selbst, was mich namenlos beglückt, dass Sie mich lieben.“ „Durchlaucht vergessen den großen Standesunterschied.“
Der Fürst machte eine abwehrende Bewegung: „Danach frage ich nicht. Ich bin gottlob ein Fürst ohne Thron, ich bin mein freier Herr und habe auch niemanden zu fragen. Herberts Mutter, die ich ehrlich lieb hatte, ist mir zu früh genommen worden. Aber sie hat mir den Erben geschenkt, den die Tradition meines Hauses fordert. Das macht mich frei, ganz nach meinem Herzen eine zweite Gattin zu wählen. Und meine Wahl fällt auf Sie.“
„Durchlaucht, Sie wissen ja so wenig von mir.“
Ein Lächeln glitt über sein Gesicht.
„Genug, um Ihnen meine Hand anzubieten.“
„Durchlaucht wissen nicht, dass ich schon einmal verheiratet war, dass ich Witwe bin.“
Er sah sie betroffen an. „Verheiratet! Sie waren verheiratet? Nein, Maria, das wusste ich nicht.“
„Nach zweijähriger Ehe habe ich meinen Mann verloren – zugleich mit meiner kleinen Tochter. Denn ich war auch Mutter.“
Maria war sehr bleich geworden, als sie das sagte, dann sank sie kraftlos in ihren Sessel zurück.
Der Fürst sah sie voll inniger Teilnahme an. „Sie scheinen Schweres erlitten zu haben, bitte, vertrauen Sie mir, sagen Sie mir alles!“, bat er herzlich.
Sie strich sich über die Augen.
„Ja, Durchlaucht sollen meine ganze Vergangenheit erfahren.“
Voll aufrichtiger Teilnahme lauschte Fürst Rastenberg Schwester Maria, als sie aus ihrem Leben zu erzählen begann. Schon in früher Jugend hatte sie beide Eltern verloren. Da sie ohne alle Mittel dastand, sah sie sich vor die Aufgabe gestellt, früher als andere Mädchen sich durch Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen. In Professor Bernd, einen Freund ihres verstorbenen Vaters, hatte Schwester Maria einen väterlichen Berater gefunden, der es ihr ermöglichte, den Beruf einer Krankenpflegerin zu ergreifen.
„Kurz ehe ich in der Klinik Professor Bernds fest angestellt werden sollte, kreuzte ein alter Jugendfreund von mir meinen Lebensweg. Joseph Raimund, so hieß er, war nach Vollendung seiner Studien für ein paar Jahre ins Ausland gegangen, wo er als Ingenieur tätig gewesen war, und nun kehrte er zurück, um mich zu fragen, ob ich hinfort sein Leben mit ihm teilen wolle. Er hatte in Florida ein Engagement unter anscheinend günstigen Verhältnissen gefunden und konnte nun einen eigenen Hausstand gründen.
Meine Freude war groß, als ich ihn wiedersah, und als er die Frage an mich stellte, ob ich gewillt sei, mit ihm in die Fremde zu ziehen, da überlegte ich nicht lange, sondern reichte ihm frohen Herzens meine Hand zum Bund fürs Leben. Ich war damals zwanzig Jahre alt und voll glückseliger Hoffnungen.
Aber die Sorge ließ nicht lange auf sich warten. Denn von den glänzenden Versprechungen, die meinem Mann gemacht worden waren, gingen nur wenige in Erfüllung, so dass wir in den beiden Jahren unserer Ehe schwer zu kämpfen hatten. Aber was bedeutet das für zwei junge Menschenkinder, die in Liebe einander zugetan sind? Wir hofften auf eine bessere Zukunft, und ich entsinne mich noch heute des Tages, als mein Mann mit der frohen Nachricht heimkehrte, er habe in Kanada bei einem großen Unternehmen eine Stellung gefunden, die uns aller Not entheben würde.“
Schwester Maria hielt einen Augenblick inne und strich, in Gedanken verloren, mit der Hand über die Stirn, dann fuhr sie fort:
„Als mein Mann und ich mit unserem kleinen Töchterchen, das uns nach dem ersten Jahr unserer Ehe geboren war, an Bord des Dampfers gingen, der uns der neuen Heimat zuführen sollte, da ahnte ich freilich nicht, welch schwerem Schicksal ich entgegen ging. Wir hatten etwa 100 Passagiere an Bord, und der Dampfer, den wir benutzten, war ein altes Schiff und bot nur wenig Bequemlichkeit. Aber mit Rücksicht auf die beschränkten Mittel, über die wir verfügten, hatten wir davon absehen müssen, auf einem der großen Verkehrsdampfer Plätze zu belegen.
In den ersten Tagen hatten wir auch eine gute Fahrt, dann aber setzte plötzlich Nebel ein, und es kam zu einer furchtbaren Katastrophe, an die ich auch heute noch nur mit Grauen denken kann. Schon am Tag vorher war es unter den Passagieren bekannt geworden, dass in dem Kurs, den unser Schiff hielt, Eisberge treiben sollten, und ein solcher schwimmender Riese wurde uns zum Verhängnis.
Es war gegen Abend. Mein Mann war mit unserem Töchterchen noch an Deck, während ich in die Kabine geeilt war, um meinen Mantel zu holen, als ein furchtbarer Stoß unser Schiff erschütterte. Was die nächsten Minuten brachten, steht nur noch wie ein wirrer Traum vor meiner Seele. Mit den anderen Passagieren stürzte ich an Deck und wurde Zeugin der entsetzlichen Szenen, die sich im Kampf um die wenigen Rettungsboote abspielten. Noch sah ich mitten in einer Gruppe drängender Passagiere meinen Mann, der unser Kind auf dem Arm hielt, aber schon im nächsten Augenblick senkte sich der Dampfer zur Seite, und die Wellen überfluteten das Deck.
Was dann weiter geschah, weiß ich nicht mehr. Erst nach Stunden erwachte ich aus tiefer Bewusstlosigkeit und befand mich an Bord eines englischen Dampfers, auf dem ich mit einigen wenigen Passagieren unseres Schiffes, die mit mir gerettet worden waren, Aufnahme gefunden hatte. Über das Schicksal meines Mannes und meines Kindes erfuhr ich nichts. Man brachte uns nach einer nord-amerikanischen Hafenstadt, und nach langen und auch martervollen Tagen der Ungewissheit schwand für mich auch der letzte Hoffnungsschimmer, als die amtliche Liste der geretteten Passagiere unseres Dampfers veröffentlicht wurde, in der sich die Namen meines Mannes und Kindes nicht befanden. Sie hatten beide den Tod gefunden.“
Vom Schmerz überwältigt, schwieg Schwester Maria, während Fürst Rastenberg nach ihrer Hand griff und sie mitleidvoll drückte.
„Sie haben Schweres erlebt, Schwester Maria, aber auf das Dunkel der Nacht folgt Sonnenschein, und die Erinnerung an all das Leid darf nicht wie ein Schatten über Ihrer Zukunft liegen. Wir alle haben ein Recht auf Glück, und auch für Sie wird die Sonne wieder scheinen.“
Schwester Maria schüttelte das Haupt, als ob sie an ein Glück der Zukunft nicht mehr glaube. Dann sagte sie leise: „Damals glaubte ich, den Schmerz nie verwinden zu können, und meinte, das Leben habe für mich jeden Wert verloren. Wochenlang lag ich im Hospital an den Folgen eines schweren Nervenfiebers danieder, bis es endlich der Kunst der Ärzte gelang, mich dem Leben zu erhalten.
Nach Deutschland zurückgekehrt, suchte ich sofort Professor Bernd auf, den einzigen Freund, an den ich mich in meiner Not wenden konnte. Gütig, wie er stets zu mir gewesen war, nahm er mich bei sich auf und bot mir an, in seine Klinik als Krankenpflegerin einzutreten.“
Schwester Maria schwieg, und ein leises Zittern zuckte über ihre Lippen. Dann fuhr sie langsam fort:
„Fünf Jahre sind seitdem vergangen. Nach und nach vernarbten die Wunden. Ich habe in all der Zeit viel Not und Elend gesehen und habe an manchem Kranken- und an manchem Sterbebett gestanden, aber das Bewusstsein, anderen helfen und ihre Schmerzen lindern zu können, hob mich über mein eigenes Leid hinweg.
Was dann geschah, wissen Sie ja, und die zwei Jahre, die ich hier auf Schloss Lehnsdorf verlebt habe, zählen zu den glücklichsten meines Lebens. Die Pflege Ihres Sohnes, an dem ich, wie Sie selbst gesagt haben, Mutterstelle vertreten durfte, hat mein Leben sonnig ausgefüllt, und die Liebe, mit der der Knabe an mir hängt, hat mich dafür reichlich belohnt.
Aber auch in dieses stille Glück fiel ein Schatten, als ich fühlte, dass mein Herz noch nicht ganz gestorben war und vom Leben mehr forderte als aufopfernde Tätigkeit für andere. Jetzt ist meine Kraft zu Ende, und deshalb kam ich heute zu Ihnen, um Ihre Einwilligung zu erbitten, dass ich Lehnsdorf verlassen darf. Das ist es, Durchlaucht, was ich Ihnen zu sagen habe.“
Der Fürst hatte Schwester Maria, ohne sie zu unterbrechen, angehört. Und als sie nun geendet hatte, erhob er sich und trat auf sie zu. Seine Augen ruhten in liebevoller Zärtlichkeit auf ihrem bleichen Antlitz, als er sagte: „Ich danke Ihnen, Maria, dass Sie so offen zu mir gesprochen haben. Ich kann mit Ihnen fühlen und verstehe es, dass nach all dem Schweren, das Sie erlebt haben, der Gedanke, nun auch hier auf Lehnsdorf eine Enttäuschung zu finden, für Sie vielleicht das Schwerste von allem gewesen ist. Aber Sie selbst sagten mir ja, dass Ihr Herz gesprochen hat, und damit geben Sie mir das Recht, meine Werbung noch einmal zu wiederholen. Für das Glück ist es nie zu spät! Ich selbst habe es ja in diesen Wochen an mir erfahren. Wo ich bei Ihnen nur Vertrauen erhoffte, da finde ich jetzt Liebe, die ich so heiß ersehnte, und diese Liebe ist eine Bürgschaft für eine neue glückliche Zukunft!“
Es war nicht nur Dankbarkeit, die aus Marias Augen strahlte, als sie jetzt zum Fürsten aufblickte, sondern der warme Schein inniger Liebe.
Sanft zog der Fürst sie an sich und sagte mit bewegter Stimme: „In deinen Augen lese ich, was dein Herz mir zu sagen hat. Habe Dank, Maria, dass du nicht nur meinem Sohn eine zweite Mutter, sondern auch mir eine zweite Gattin sein willst!“
Zitternd schmiegte sie sich in seine Arme.
„Es ist mir wie ein Traum, an den ich nicht zu glauben wage, ich vermag es nicht zu fassen, dass die Wirklichkeit so schön sein kann“, sagte sie leise.
Er ließ sie in ihren Sessel zurückgleiten. Ihre Hände an seine Augen pressend, sagte er: „Nicht an mich allein will ich jetzt denken. Am liebsten ließ ich dich nicht von meiner Seite, aus meinen Armen. Aber mein Sohn soll teilhaben an meinem Glück.“
Maria zuckte zusammen. „Herbert! O Gott, was wird mein Prinzlein sagen?“
Er lachte glücklich auf.
„Das sollst du gleich erfahren, Maria.“
Noch einmal andächtig ihre Hände küssend, ließ er sie los und trat an seinen Schreibtisch, um zu klingeln. Ein Diener trat ein.
„Eure Durchlaucht befehlen?“
„Prinz Herbert soll zu mir kommen.“
Der Diener verneigte sich und ging.
Fürst Botho trat wieder an den Kamin und stützte sich auf den Sims.
„Wie schön du bist, Maria!“, sagte er mit verhaltener Zärtlichkeit. „Aber noch schöner wirst du sein, wenn die weiße Haube nicht mehr dein herrliches Haar bedeckt. Ich habe dich gestern Abend am Fenster deines Zimmers gesehen ohne die Haube. Da brannte die Sehnsucht nach dir in meinem Herzen – die unerfüllte Sehnsucht. Ich fürchtete, sie würde immer unerfüllt bleiben. Aber nun bist du mein, und ich freue mich, wenn ich ein Diadem in dein herrliches goldschimmerndes Haar drücken darf.“
Die Tür wurde geöffnet, und Prinz Herbert trat ein. Erstaunt sah er zu Maria hinüber.
„Hier bist du, Schwester Maria! Ich habe dich wohl schon eine halbe Stunde vergeblich im ganzen Schloss gesucht.“
Und zu seinem Vater gewendet, fuhr er fort: „Was wünschst du von mir, Papa?“
Der Fürst trat auf ihn zu und legte seinen Arm um Herberts Schultern. „Ich brauche dich hier sehr nötig, Herbert. Was meinst du wohl, warum mich Schwester Maria aufgesucht hat?“
Herbert sah fragend zum Vater auf.
„Kann ich mir nicht denken, Papa, sag es mir.“
„Das will ich. Sie kam zu mir, um mir kurzerhand mitzuteilen, dass sie fort will von Lehnsdorf“, erwiderte der Vater, einen lächelnden Blick zu Maria hinüberwerfend.
Der Knabe sah erschrocken vom Vater zu Maria.
„Was sagst du dazu, Herbert?“, fragte der Fürst.
„Das leiden wir nicht, Papa, das darfst du nicht zugeben“, erklärte der Prinz mit leidenschaftlicher Heftigkeit.
Der Fürst lächelte.
„Nicht wahr, das leiden wir nicht? Ich habe es Schwester Maria auch schon gesagt. Aber sie wollte sich nicht halten lassen.“
Herbert trat zu Maria heran und umfasste sie mit beiden Armen.
„Gut, dass mich Papa hat rufen lassen. Ich werde dich fest halten, Schwester Maria. Ich lasse dich nicht fort. Papa, sag ihr doch, dass sie nicht fort darf“, sagte er ganz außer sich.
Fürst Botho trat neben ihn.
„Ein Mittel gibt es, sie hier zu behalten für immer, Herbert“, sagte er bewegt.
Der Knabe sah ihn unruhig an. Tief atmete der Fürst auf. Dann sagte er halblaut: „Sie muss meine Frau, deine Stiefmutter werden. Frage sie, ob sie das will!“
Einen Augenblick sah Prinz Herbert betroffen in seines Vaters Gesicht. Und dann blickte er Maria an. Was sich in diesen beiden erregten Gesichtern abspielte, griff ihm seltsam ans Herz. Plötzlich warf er seine Arme um Marias Hals.
„Ja, du! Ach ja, du sollst meine Mutter sein! Hab ich dir nicht schon einmal gesagt, nicht Schwester Maria – Mutter Maria sollst du mir sein? Dann bin ich dein Sohn, und du darfst nie von mir gehen. Sag ja, bitte, sei meine Mutter! Willst du das?“, drängte er eifrig.
Maria sah ihn mit feuchten Blicken an.
„Mein Prinzlein – wenn du es willst, dann muss ich wohl ja sagen“, sagte sie unter Tränen lächelnd. Jubelnd küsste sie Herbert. Und dann warf er sich dem Vater in die Arme.
„Ich danke dir, dass du sie mir zur Mutter gibst, Papa. Nun gehört sie uns ganz, dir und mir, und kein Mensch darf sie uns nehmen.“
Fürst Botho nahm Marias Hand und küsste sie mit einem aufstrahlenden Blick.
„Sind nun alle Bedenken beseitigt, Maria?“
Zitternd legte sie ihre Hand in die seine. „Gott helfe mir, dass ich meinem lieben Prinzlein eine echte Mutter sein kann und … dir eine Frau, die deiner allzeit würdig ist.“
***
Am nächsten Tag fuhr Fürst Rastenberg nach dem etwa eine Stunde entfernten Schloss Waldlust. Das Schloss gehörte seinem Freund Herzog Ferdinand. Er sollte der Erste sein, dem der Fürst diese Kunde von seiner Verlobung mit Schwester Maria brachte.
Schloss Waldlust war der Sitz der Gräfin Regina Solmshausen, die dem Herzog seit Jahren in morganatischer Ehe angetraut war. Sie hatte dem Herzog drei Kinder geschenkt, an denen er mit großer Liebe hing.
Gräfin Regina war, ehe sie die Gemahlin des Herzogs Ferdinand wurde, eine gefeierte Sängerin gewesen, die unter dem Namen Regina Neyden Weltruf genoss. Gelegentlich einer Wohltätigkeitsfestlichkeit hatte sie der Herzog kennen gelernt und eine tiefe Neigung zu dem schönen und geistreichen Mädchen gefasst. Da es das herzogliche Hausgesetz ausschloss, dass er als regierender Herzog eine Gattin bürgerlichen Standes wählte, fasste er den Entschluss, Regina Heyden in den Grafenstand zu erheben und sich zur „linken Hand“ antrauen zu lassen. Trotz des Widerspruchs, auf den der Herzog mit diesem Schritt in seiner Familie stieß, hatte er sich doch in seinem Entschluss nicht beirren lassen und lebte nun seit Jahren in glücklicher Ehe mit Gräfin Regina. So oft er nur konnte, verließ er seine Residenz, um auf Schloss Waldlust im Kreis der Seinen zu leben. Sein Sohn Lothar, der im gleichen Alter wie Prinz Herbert stand, war dessen getreuer Freund und Spielkamerad und weilte häufig auf Schloss Lehnsdorf, ebenso wie seine beiden jüngeren Schwestern.
Jahrelang hatte sich der Herzog seines stillen Glücks erfreuen dürfen. Neuerdings jedoch wurden immer wieder Stimmen im Herzogtum laut, die einen legitimen Thronerben forderten, und auch seitens des Ministeriums wurde es dem Herzog nahe gelegt, dass es seine landesherrliche Pflicht sei, sich von Gräfin Regina zu trennen und durch eine standesgemäße Heirat die Thronfolge im Herzogtum zu sichern.
Fürst Rastenberg wusste, dass er heute Herzog Ferdinand im Schloss Waldlust antreffen würde, das war ihm lieber, als wenn er den Herzog in seiner Residenz hätte aufsuchen müssen.
Als der Wagen vorfuhr und Fürst Rastenberg sich melden ließ, wurde er sofort vom Herzog empfangen. Er fand den Freund in seinem Arbeitszimmer am Schreibtisch. Der Herzog erhob sich und begrüßte ihn.
„Grüß Gott, Botho! Wie freue ich mich, dich gerade heute zu sehen! Willst du Platz nehmen oder erst meine Frau begrüßen. Sie ist mit den Kindern im Park.“
„Es ist mir lieb, dich allein sprechen zu können, Ferdinand!“
Der Herzog schob dem Freund einen Sessel neben den Schreibtisch und ließ sich ihm gegenüber nieder.
Der Fürst begann ohne Umschweife: „Um es kurz zu machen, Ferdinand, ich komme zu dir, um dir zu sagen, dass ich mich mit Schwester Maria, der Pflegerin meines Sohnes, verlobt habe. Du bist der Erste, der davon erfahren soll, denn ich weiß, du wirst mich verstehen.“
Erfreut sprang der Herzog auf und drückte dem Freund die Hand.
„Von Herzen wünsche ich dir Glück, Botho! Ich ahnte es ja längst, dass dir Schwester Maria mehr war als nur die Pflegerin deines Sohnes. Du weißt, wie ich mit dir fühle, und darum braucht es nicht vieler Worte. Auch meine Frau wird sich herzlich freuen, denn sie schätzt Schwester Maria sehr. In unseren Kreisen allerdings wird, wie du selbst das nicht anders erwarten wirst, diese Verlobung Überraschung und Kopfschütteln erregen!“
„Du weißt, wie wenig ich auf das Urteil unserer Standesgenossen gebe“, meinte Fürst Rastenberg lächelnd. „Mein Herz hat gesprochen, und ich bin niemandem Rechenschaft schuldig!“
Herzog Ferdinand sagte ernst: „Du bist ein beneidenswerter Mann, Botho! Du darfst deinem Herzen folgen, und keine fremde Hand darf an dein Glück tasten.“
Fürst Rastenberg sah dem Freund forschend ins Antlitz.
„Du betonst meine Freiheit so eigen, Ferdinand. Was willst du damit sagen?“
„Dass ich jeden Mann aufrichtig beneide, der so wie du frei seinem Herzen folgen darf und den Konflikt zwischen Pflicht und Herzensneigung nicht kennen lernt. Du weißt, wie glücklich ich hier mit den Meinen lebe, aber es sind nur Stunden, höchstens Tage, in denen ich vergessen darf, dass ich ein regierender Herzog bin. Bis vor kurzem ist kein Schatten auf dieses stille, weltentrückte Glück gefallen, aber nun soll mit einem Mal alles anders werden.“
Fürst Rastenberg antwortete nichts und sah sinnend vor sich hin.
„Du schweigst, lieber Botho“, sagte der Herzog. „Weil auch du keinen Ausweg weißt und weil auch du mir nur den einen Rat geben kannst, dass ich als ein Mann trage, was nun einmal getragen werden muss.“
Dann fuhr er fort: „Verzeih, Botho, wenn ich in dieser Stunde, da du mir die Botschaft von deinem eigenen Glück bringst, von mir und meinen Sorgen spreche! Aber du bist mein einziger Vertrauter, zu dem ich von allem reden kann, was mir das Herz schwer macht. Und ich glaube, du wirst mich verstehen wie kein anderer, weil auch du Gräfin Regina hoch schätzt und weißt, was sie mir ist. Ja, wenn dieses Hausgesetz nicht wäre, das mich in Fesseln schlägt! Als ich Regina heiratete, hegte ich noch immer die stille Hoffnung, alle Hindernisse überwinden zu können.“ Herzog Ferdinand schwieg und ging ein paar Mal im Zimmer auf und ab. Erst nach einer Weile begann er wieder: „Ich habe vor ein paar Tagen mit meinem Minister, Exzellenz Dahlhorst, gesprochen. Er teilte mir mit, dass der Wiener Hof bereits ein bestimmtes Heiratsobjekt ins Auge gefasst habe und mir in Prinzessin Beate Iffingen eine passende Braut vorschlage. Ich kenne die Prinzessin nicht, ich weiß nichts von ihr, sie ist mir völlig gleichgültig wie all die anderen Damen, auf die man mich im Laufe der Jahre aufmerksam gemacht hat.“
Herzog Ferdinand war ans Fenster getreten und schaute in den Park hinaus.
Leise fuhr er fort: „Du weißt, dass ich der letzte bin, mich einer einmal erkannten Pflicht zu entziehen. Das habe ich auch dem Minister Dahlhorst erklärt. Nur der letzte Schritt wird mir so unendlich schwer – vor ihm graut mir! Wohl weiß auch Regina, dass unserem Glück die letzte Stunde schlagen muss, aber dass diese Stunde so nahe gerückt ist, ahnt sie nicht. Bis heute habe ich ihr gegenüber geschwiegen, um keinen Schatten in die wenigen glücklichen Stunden fallen zu lassen, die ich mit ihr noch teilen darf. Aber auch das ist nun zu Ende! Die nächsten Tage müssen die Entscheidung bringen.“
Herzog Ferdinand schwieg. Durch die offenen Fenster fiel hell und warm das Sonnenlicht. Aus dem Park klangen die hellen Stimmen der Kinder.
Der Herzog fuhr sich über die Stirn, als wolle er seine quälenden Gedanken verscheuchen. Bittend sagte er: „Verzeih, wenn ich dich mit meinen Sorgen quäle, wo du doch kamst, mir eine Freudenbotschaft zu bringen! Reden wir nicht mehr von mir, sondern von dir! Wann soll die Hochzeit sein?“
„Sobald wie möglich, denn ich bin nicht mehr jung genug, das späte Glück auch noch hinausschieben zu dürfen“, sagte Fürst Botho lächelnd.
„Ich werde schon morgen nach Rastenberg übersiedeln und bis zur Hochzeit dort weilen, damit Maria mit meinem Sohn ruhig in Lehnsdorf bleiben kann. Sie steht ja ganz allein auf der Welt, und ich möchte nicht, dass sie bis zu unserer Vermählung noch einmal unter fremde Menschen muss. Wir wollen die Hochzeit in aller Stille in Rastenberg feiern und dann nach Lehnsdorf zurückkehren.“
Über die Züge des Herzogs glitt ein froher Schein.
„Es ist mir lieb, Botho, dich in der Nähe zu wissen, besonders um Reginas willen. So hat sie doch in der kommenden schweren Zeit einen treuen Freund. Ich hoffe, dass auch die künftige Fürstin Rastenberg ihr eine Freundin in der Not werden wird, bei der sie allzeit Zuflucht finden darf. Wir sind ja so arm an wirklichen Freunden, gerade wir, die wir anscheinend auf des Lebens Höhen wandeln.“
Die beiden Freunde reichten sich die Hand.
„Gräfin Regina wird immer auf uns zählen können, Ferdinand. Und nun lass mich deine Gattin begrüßen und ihr die Nachricht von meiner Verlobung mit Maria bringen!“
„Ja, komm in den Park, dort treffen wir sie mit den Kindern. Sie wird sich deines Glückes freuen, wie ich es tue.“
Auf einer Parkwiese sahen sie die Gräfin Regina inmitten ihrer spielenden Kinder. Eine stolze, schöne Erscheinung war sie, eine schlanke, königliche Gestalt. Wundervoll war der perlenweiße Teint, in dem die schön geschweiften roten Lippen glühten. Die großen dunklen Augen sahen mit strahlendem Ausdruck den beiden Herren entgegen.
Neben ihr stand ihr Sohn Lothar, ein schlanker Knabe von dreizehn Jahren, mit dem dunklen, leicht gewellten Haar und den strahlenden Augen der Mutter und den aristokratischen Zügen des Vaters.
Jetzt erblickte er den Vater und Fürst Rastenberg. Mit kraftvollen und doch anmutigen Bewegungen sprang er ihnen entgegen. Auch die sechsjährige Komtess Lori und die zweijährige Silva strebten Papa und Onkel Botho mit fröhlichen Zurufen entgegen.
Langsam folgte ihnen die Gräfin.
Mit einem aufleuchtenden Blick voll Stolz und Zärtlichkeit umfasste der Herzog sein schönes Weib.
„Da bringe ich dir unseren treuen Freund Rastenberg, Regina. Er will dir frohe Botschaft künden“, sagte der Herzog. Regina wandte sich zu dem Fürsten, ihm die Hand zum Gruß reichend.
„Willkommen. Herzlich willkommen wie immer! Wenn Sie erscheinen, blickt das Auge meines Mannes heller – und das macht mich froh“, sagte sie mit klarer, weicher Stimme, die einen bestrickenden Wohllaut hatte.
Der Fürst führte ihre Hand an seine Lippen.
„War Seine Hoheit nicht froh und vergnügt, ehe ich kam? Dann braucht er wohl nur dieses schöne Bild zu umfassen – die herrlichste Frau seines Landes im Kreis seiner blühenden Kinder. Ich meine, bei diesem Anblick müssen alle Schatten von seiner Stirn weichen.“
Sie lächelte und sah den Herzog liebevoll an. Er legte seinen Arm um sie.
„Glaube ihm nicht ohne weiteres, Regina, dass er dich für die herrlichste Frau dieses Landes hält! Er hat mir eben gebeichtet, dass ein anderes Bild auf dem Altar seines Herzens thront“, scherzte er.
Regina sah den Fürsten fragend an. Während der Herzog seine Kinder eines nach dem anderen zärtlich küsste, sagte der Fürst: „Ich habe mich mit Schwester Maria verlobt. Um das zu melden, kam ich nach Waldlust.“
Ernst blickten die dunklen Frauenaugen zu ihm auf. Impulsiv reichte sie ihm die Hand, und den aufstrahlenden Blick zu ihrem Gemahl hebend, sagte sie herzlich: „Werden Sie mit ihr so glücklich, wie wir es sind, Durchlaucht! Einen besseren Glückwunsch kann ich Ihnen nicht sagen. Und überbringen Sie auch Ihrer Braut meinen herzlichen Glückwunsch. Prinz Herbert wird wohl sehr glücklich sein, sie zur Mutter zu bekommen.“
„Ja, Gräfin, das ist er.“
Sie plauderten noch eine Weile, dann verabschiedete sich Fürst Botho.
Als er davongefahren war, ging Herzog Ferdinand mit seiner Gemahlin in seine Gemächer.