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Peter Krallmann, Rosendahl (bei Coesfeld), ist als psychologischer Berater sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter bei verschiedenen sozialen Einrichtungen tätig. Von Peter Krallmann (zusammen mit Uta Kottmann) sind zwei weitere Bände mit Vorlesegeschichten im Ernst Reinhardt Verlag erhältlich: „Ein Koffer voll Erinnerungen“ (ISBN 978-3-497-02563-3) und „Ein Fahrrad erzählt“ (ISBN 978-3-497-02432-2).

Annelie Beel-Krallmann, ebenfalls Rosendahl, war langjährig als Sonderschullehrerin mit den Schwerpunkten Lernen und Sprache tätig und hat sechs Jahre lang ihre demenzkranke Mutter betreut.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

ISBN 978-3-497-02560-2 (Print)

ISBN 978-3-497-60225-4 (E-Book)

© 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München

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Satz: FELSBERG Satz & Layout, Göttingen

Ernst Reinhardt Verlag, Kemnatenstr. 46, D-80639 München

Net: www.reinhardt-verlag.de E-Mail: info@reinhardt-verlag.de

Inhalt

Vorwort

Er und Sie

Baumarkt

Die große Stadt

Die richtige Größe

Fernsehprogramm I

Fernsehprogramm II

Kann ich dir helfen?

Platanen

Von Kindern und Eltern – Erlebnisse in drei Generationen

Brombeergelee

Das Double

Das Familienfoto

Das Klavier

Grabowski

Spätes Abitur

Die alte Mühle

Das Wäldchen

Oma

Ordnung muss sein

Tauwetter

Übermut

Wenn die Familie Urlaub macht

14 Matrosen

Französisch

Lago

Lass das!

Paris

Zwölf Stunden unterwegs

Heimfahrt

Winterurlaub

Familienfeste

Aufgeregt?

Der Christbaumständer

Der Wunsch

Ostern

Vatis Geburtstag

Verspätung

Die liebe Verwandtschaft

Der Pekinese

Durchschaut

Der Ausflug

Onkel Fritz

Tante Helene

„Teets“

Unerwarteter Besuch

Besondere Begegnungen

Allerweltsgesicht

Der Radfahrer

Die neue Frisur

Ekel Alfred

Eselshof

Jupp

Mülltonnen

Schinkenbrote

Sportlich

Zehn Pfennig

Zwei Kirchen

Vorwort

Das Lachen ist bekanntermaßen ein Teil der Kommunikation, den ein Demenzkranker auch noch im späten Stadium versteht. Deshalb haben wir kurze Vorlesegeschichten mit Inhalten aus dem familiären und verwandtschaftlichen Alltag geschrieben, die Heiterkeit auslösen.

Wir wissen, dass emotionale Reaktionen nicht eindeutig vorhersehbar sind. Unabhängig davon, wie sie ausfallen, können sie als kommunikativer Anreiz genutzt werden, um mit dem Zuhörer über seine eigenen Erinnerungen an Familienerlebnisse ins Gespräch zu kommen. Neben der emotionalen Berührung, die recht unterschiedlich sein kann, ist auch das Erfassen der beschriebenen Situation und des Humors individuell verschieden. Einige Geschichten haben am Schluss eine Pointe, die nur aus dem Zusammenhang erfasst werden kann, also eine gewisse Anforderung an das Kurzzeitgedächtnis stellt. Deshalb haben wir versucht, in diesem Band ein differenziertes Angebot für das unterschiedliche Niveau der bildhaften Vorstellungskraft, des Sprachverstehens und der Merkfähigkeit zu machen.

Am Ende solcher Texte bieten wir einen kurzen erklärenden Anhang an, der das Verständnis für die dargestellte Situation unterstützt, falls es nötig ist. Der sensible Vorleser orientiert sich an den Reaktionen des Zuhörers und kann selbst die Entscheidung treffen, ob am Ende der Geschichte der klärende Anhang gelesen werden sollte. Hier noch einige Hinweise für den Vorleser:

„ Argumentieren Sie niemals logisch.

„ Versuchen Sie nicht, dem Zuhörer seine Fantasien auszureden.

„ Nehmen Sie alle Assoziationen humorvoll hin.

„ Empfangen Sie seine Wahrnehmungen und Emotionen gelassen.

„ Versuchen Sie positive Emotionen und Lachen zu wecken und zurückzugeben.

Wir wissen natürlich um die Bedeutung der Rolle des Vorlesers, besonders wenn er Angehöriger ist. Darum möchten wir all den klugen Hinweisen hinzufügen: … sofern es Ihnen möglich ist.

Rosendahl, im Juli 2015 Peter Krallmann und Annelie Beel-Krallmann

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Baumarkt

„So, jetzt habe ich dich durch die Textilgeschäfte beim Kauf deiner Jacke begleitet. Das hat ja wirklich lange gedauert. Dafür, finde ich, gehst du jetzt mit in den Baumarkt.“ Nein, nicht schon wieder. Ich dachte es nur und sagte stattdessen: „Was willst du denn heute da? Wir haben doch Nägel, Schrauben, Pinsel und Bohrmaschinen in allen Versionen und in ausreichender Menge bis an unser Lebensende.“ „Und wenn wir ganz lange leben?“, fragte mein Mann. Also gingen wir in den Baumarkt. „Heute hat der Baumarkt Schraubensortimente im Angebot: Kreuzschlitz, Inbus und metrisches Gewinde. So etwas muss man in ausreichender Anzahl im Haus haben.“ Im ersten Gang des Baumarktes schaute sich mein Mann die Bohrmaschinen an. „Das ist eine richtig gute Metabo, Profiausführung, aber teuer. Und dieser Akkuschrauber ist klasse.“

„Ja, aber du hast doch schon zwei Bohrmaschinen.“

„Und du hast mindestens zwei Jacken.“

„Na komm, jetzt mal ehrlich. Du willst doch keine mehr kaufen – oder?“

Insgeheim traute ich ihm zu, dass er doch wohl gerne zugreifen würde. Gut, dass ich mitgegangen war in den Baumarkt. Weiter! Schon blieb er bei einem Sonderangebot einer Flex stehen. „Guter Preis“, staunte er. „Komm jetzt, du wolltest doch die Schraubensortimente kaufen.“

Im Vorbeigehen griff er sich schnell noch ein Pinselsortiment. „Für alle Fälle“, meinte er. Jetzt standen wir an der Mittelgondel und mein Mann hatte die Qual der Wahl. „Ich brauche kurze Schrauben mit Kreuzschlitz. Such du doch bitte die längeren, rostfreien mit Inbus und außerdem die verzinkten Schlossschrauben.“ So suchten wir und wühlten auf dem Angebotstisch, bis mein Mann endlich sagte: „Ach, ich nehme jetzt alle fünf Sortimente. Die kann man immer gebrauchen.“

Ich konnte mir die Bemerkung nicht verkneifen: „Mann am Wühltisch im Baumarkt – Frau am Tisch mit Sonderangeboten im Textilladen – wo ist da eigentlich der Unterschied?“

Die große Stadt

Dort unten, dort bin ich eben hergefahren auf dem Weg in die Tiefgarage. Ich kann die Straße wiedererkennen – zum Glück. Ich bin noch nicht oft hier gewesen, hier in der großen Stadt, die jetzt meine Heimat ist. Die vielen Menschen, das Gewusel auf den Straßen und vor allem die unzähligen Fahrräder – alles ist etwas verwirrend für mich. Hoffentlich finde ich nachher mein Auto wieder.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich gegenüber die helle Sandsteinfassade des Naturkundemuseums. Zwei Kirchtürme recken sich in die Höhe, um gerade noch über das Gebäude hinausschauen zu können. Der alte Baukran schafft es nicht ganz, er ist etwas zu klein. Ein dürrer Baum steht verloren an der Ecke und träumt von einem dichten grünen Wald.

Früher habe ich mit meiner Frau und den Kindern auf unserem Hof gelebt, in einem kleinen Dorf im Münsterland. Dann hat unser Sohn den Hof übernommen. Meine Frau und ich haben uns gedacht, es sei besser für ihn, ohne unsere Kontrolle zu wirtschaften. Ich bin sicher, er schafft das. Als Erinnerung haben wir uns ein altes Stallfenster mitgenommen. Von Rost befreit hängt es an der weißen Wand im Eingangsbereich. Meine Frau dekoriert es jahreszeitlich. Wir wohnen jetzt in einer netten Eigentumswohnung und haben alles, was für uns im Alter wichtig ist, in der Nähe. Vor allem eine gute italienische Eisdiele. So etwas gab es in unserem Dorf nicht. Und ich trinke so gerne richtigen italienischen Kaffee und meine Frau isst gerne Cassata.

Die richtige Größe

„Schau mal, wie findest du die?“ Ich halte mir einen dunkelblauen Baumwollpulli vor den Körper – danach einen mittelblauen mit V-Ausschnitt. „Sind beide ganz gut“, erwidert mein Mann. Immerhin keine Ablehnung. „Ich probiere sie mal an – wegen der Größe.“ Der blaue V-Ausschnittpulli gefällt mir nicht. Der andere steht mir bestimmt besser. Ich ziehe ihn an, schiebe den Vorhang der Umkleidekabine zur Seite und präsentiere das Teil meinem Mann. „Geht so“, sagt er wenig charmant. Hätte ich ihn lieber nicht anprobiert, einfach so mitgenommen und fertig. So ist mir der Spaß daran verdorben. Ich falte beide Pullis – nicht ganz ordentlich – und lege sie zurück auf den blauen Stapel. Hellgrün sieht auch nicht schlecht aus. Schon ist die Welt wieder in Ordnung. Neue, hellgrüne Hoffnung lässt die nicht akzeptierten blauen Pullis schnell vergessen. Meine Hände befühlen das Material – dünne, weiche Merinowolle. „Aber du wolltest doch blau“, tönt es hinter mir, so dass meine heile, hellgrüne Welt wieder ins Wanken gerät. „Farblich bin ich nicht so festgelegt“, antworte ich und versuche, mein Gute-Laune-Programm wieder aufzubauen. Eine zartblaue Lambswool-Jacke mit 30 % Kaschmiranteil hilft mir dabei. Der Preis allerdings nicht. Ich nehme sie trotzdem, ohne Anprobe.

Zur Kasse. Bezahlen. Sie gehört mir! Jetzt erst frage ich meinen Mann: „Wie gefällt sie dir?“ „Nicht schlecht, ich glaube, die Wolle ist schön weich. Aber passt sie dir denn?“ „Bestimmt!“

Fernsehprogramm I

Meine Arbeit am Schreibtisch ist erledigt. Zur Entspannung werde ich ein wenig fernsehen. Ach, mein Mann sitzt schon im Fernsehsessel: Biathlon! Nein, darauf habe ich keine Lust. Ich gehe in den Wirtschaftsraum. Dort hängen viele Blusen und Hemden, die gebügelt werden wollen. Drei Hemden, vier Blusen sind fertig.

Ein neuer Versuch. Er hat es sich noch ein wenig gemütlicher gemacht: Jetzt hat er die Beine hochgelegt und schaut Fußball! Nein, auch danach ist mir nicht. Ich gehe in die Küche und mache uns eine Kleinigkeit zu essen. Blätterteig aus dem Kühlschrank bestreiche ich mit Frischkäse und belege ihn mit gekochtem Schinken. Alles wird gerollt und in Scheiben geschnitten. So entstehen kleine Schnecken, die nur noch in den Backofen müssen. Der Duft lockt meinen Mann in die Küche. Ich nutze die Chance, laufe schnell hinten herum und setze mich in den Fernsehsessel. Als er kommt, läuft schon die Tagesschau. „Was machst du denn da?“, fragt er verwundert.

„Ich habe dir nur Platz gemacht in der Küche, damit du in Ruhe die Blätterteigschnecken essen kannst, oder wir essen sie gemeinsam bei ‚Wer wird Millionär‘ – nur bitte keine Sportsendung.“

Fernsehprogramm II