Peter Krallmann, Rosendahl, ist als psychologischer Berater sowie ehrenamtlicher Mitarbeiter bei verschiedenen sozialen Einrichtungen tätig.
Dr. med.Uta Kottmann, Marl, verfügt über langjährige Erfahrung im phoniatrischen und neurologischen Klinikbereich und ist als Gutachterin bei neurologisch erkrankten Patienten tätig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
ISBN 978-3-497-02564-0 (Print)
ISBN 978-3-497-60656-6 (PDF-E-Book)
ISBN 978-3-497-61054-9 (EPUB)
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Inhalt
Vorwort
Wind und Wetter – Erlebnisse in der Natur
Am Meer
Eine Fahrradtour in den Bergen
Das Baumhaus
Der Bovist
Der Tag beginnt
Die Mütze
Spazierengehen ist gesund!
Im Stadtpark
Frühlingssonne
Jahreszeiten
Von großen und kleinen Tieren
Anton Amsel
Der Schmetterling
Der Suppenspatz
Die Kröte
Die Marder
Die Rettung
Ein Fisch erzählt
Ein Hund erzählt
Frau Lohmeier und der schwarze Schwan
Gänse
Maximilian und Taro
Resi Raupe
Rotkehlchen
In die Ferne schweifen – Reisegeschichten
Ein Fahrrad erzählt
Ein Weihnachtsstern erzählt
Eine Reise ins Ausland
Genua
Mit Bello auf großer Fahrt
Paris
Die Schatzinsel
Feste feiern
Das Fest am Weiher
Kindergeburtstag
Kirmes in der Stadt
Neujahr
Vom Zusammenleben im Alltag
Auf dem Wochenmarkt
Das Glückstagebuch
Der Holzdackel
Der zweite Biss
Die besorgte Mutter
Die Heiratsanzeige
Die italienische Flagge
Friedrich, der Philosoph
Herberts Glückstag
In der Eisdiele
Kaiserbrunnen
Im Kaufhaus
Die Spielzeug-Eisenbahn
Stromausfall
Zu dünn
Die sieben Zwerge
Vorwort
Wer an Demenz erkrankt ist, findet sich oft isoliert und am Rande der Gesellschaft wieder. Wir möchten mit unserem Vorlesebuch die Erinnerung wecken an die Zeiten, in denen der Erkrankte noch in umfangreicheren sozialen Beziehungsfeldern lebte. Mit einfacher, verständlicher Sprache holen wir bildhafte Vorstellungen zurück, die mit früheren, emotionalen Erlebnissen verknüpft sind. Erinnerungen werden lebendig, wenn unsere Alltagsgeschichten vorgelesen werden. Möglicherweise verlässt der Erkrankte für Momente seine Isolation. Das Buch kann dazu eine Brücke sein.
Unsere Geschichten für Demenzkranke wollen unterhalten. Die Inhalte sind positiv. Unsere Leser sollen nicht traurig gestimmt werden durch zu ernste Themen. Bekannte Begriffe und Alltagssituationen wie Spazierengehen, Erlebnisse mit Tieren, Wind und Wetter, Begegnungen mit Menschen und lustige Episoden setzen Erinnerungsprozesse in Gang und der Bestand im Langzeitgedächtnis wird angesprochen. Die Geschichten sind bewusst kurz gefasst. Sie können inhaltlich und in der Länge gut variiert werden, um differenziert auf die individuellen Fähigkeiten, Biografien und Interessen der Zuhörerinnen und Zuhörer eingehen zu können.
Treffen Sie selber eine Auswahl, die den Möglichkeiten des Erkrankten entspricht. Dabei möchten wir Ihnen folgende Tipps zum Vorlesen mitgeben:
Zur Unterstützung des besseren Verstehens ist es sinnvoll, Betonung, Ausdruck, Lesetempo und Sprechpausen beim Vorlesen dem aktuellen Zustand des Zuhörers anzupassen.
Fragen am Ende eines Textes sollten vorsichtig gestellt werden, um eine Überforderung zu vermeiden. Kann der Demenzkranke die Frage nicht beantworten, entsteht für ihn eine Stresssituation. Das muss auf jeden Fall vermieden werden.
Die Geschichten mit offenen Fragen sollen den Zuhörer zu einer Antwort bringen. Hier ist jede Reaktion richtig.
Bei den Versen mit Reimwörtern am Ende ist es sinnvoll, den Reim selber zu ergänzen, wenn es dem Zuhörer nicht spontan gelingt.
Nicht fordern, schon gar nicht überfordern, dennoch wecken, um Stärken zu erhalten.
Nicht nur Worte stellen den Kontakt her zu unseren Zuhörern. Ebenso wichtig ist das Übermitteln durch nonverbale Möglichkeiten der Körpersprache wie z. B. Augenkontakt, Gestik, Mimik und Berührung. Eine Berührung am Arm, ein Händedruck können Wunder bewirken.
Am Meer
Ich mache Urlaub in einem kleinen Fischerdorf an der Ostsee. Neben der Hafeneinfahrt liegt ein nettes Café.Genau richtig für mich nach der zweistündigen Wanderung. Kaum sitze ich und will meinen Kaffee trinken, kommt Heinrich. Wir haben uns während der Anreise kennengelernt. Er saß im Bus neben mir auf dem Notsitz, weil der Bus sehr voll war.
„Hallo Peter“, begrüßt er mich, „was machst du denn hier?“ „Komm, setz’ dich zu mir“, lade ich ihn ein. Wir haben uns einiges zu erzählen. Er ist in einem anderen Hotel untergebracht. Und jetzt tauschen wir uns aus, wer das bessere Frühstück hatte. „Ich hatte Rühreier mit Schinken.“ – „Ich kleine heiße Würstchen.“ – „Pflaumenmus“ – „Fruchtsaft“ – „Haferflocken“ – „warmes Gebäck“ – „Kakao“. Schwer zu sagen, wer gewonnen hat.
Inzwischen hat sich der Himmel völlig verändert. Das helle Sommerblau hat sich zu einem dunklen Azur gewandelt, von dem sich weiße Wolkenbänke scharf umrissen abheben. Davor ein Fischerboot in einem kräftigen Grün. Ein beeindruckendes Farbenspiel, aber das Wetter scheint sich zu drehen. Droht ein Gewitter? Gut, dass wir sicher und trocken an Land sitzen und nicht auf dem bewegten Meer in dem grünen Boot. Von unserem Standort können wir die wechselnde Szenerie beobachten wie von einer Tribüne.
Etwas später beruhigt sich das Wetter, aber die Wolken haben es immer noch eilig und zeichnen Figuren in das Himmelsblau. Ich entdecke dabei ständig neue Bilder: einen Hund, einen Fisch, ein Gesicht mit langer Nase und und und …
Eine Fahrradtour in den Bergen
Nach Bayern wollte ich nun wirklich nicht, so weit im Süden. Schließlich war ich im Ruhrgebiet zu Hause. Aber die Bundeswehr wollte es anders. Ich hatte einen Stellungsbefehl für Sonthofen mit der Bundessportschule. Vielen Dank!
Aber ganz so schlimm wurde es dann doch nicht. Nach einem Monat hatte ich mich eingelebt. An einem freien Tag entschloss ich mich mit einem Fahrrad eine Tour in die Umgebung zu machen. Ein kleines Dorf im Süden von Sonthofen, etwa 30 km entfernt, war mein Ziel. Dass ich hier nicht im Flachland war, merkte ich allerdings schon bald. Es ging bergauf, bergab, und manchmal wurde es richtig steil. Aber schließlich war ich ja in der Bundessportschule und gut durchtrainiert. Also wurde nicht gejammert, sondern kräftig in die Pedale getreten.
Dicke, weiße Wolken schoben sich über die Berge. Ein Greifvogel kreiste hoch über mir. Grüne Wiesen wechselten sich ab mit von reifem Korn gelb gefärbten Feldern. Im Dorf angekommen, machte ich erst einmal eine lange Pause. Ich hatte mir ein paar Brote mitgenommen und trank dazu in einem Biergarten ein Weizenbier. Am frühen Nachmittag startete ich zur Rückfahrt.
Nach drei Kilometern führte nach rechts ein Weg, den ich auf meiner Karte zu erkennen glaubte. Das schien eine gute Abkürzung zu sein. Es ging mitten durch einen Wald. Links und rechts des Weges standen dicht an dicht hohe Tannen. Nach zwei Kilometern sah ich immer noch Tannen und keine Straße, die eigentlich längst hätte da sein müssen. Langsam dämmerte mir die Erkenntnis: Ich hatte mich wohl verfahren.
Also stehen bleiben, auf die Karte schauen. Wie geht es denn jetzt wohl weiter? Auf einmal waren da Geräusche im Gebüsch. „Jetzt bloß kein Wildschwein!“, dachte ich. Aber die kommen ja meist nur in der Dämmerung. Schnell wieder aufs Fahrrad und mit erhöhtem Tempo einfach weiter. Und hinter der nächsten Kurve tauchte kein Wildschwein auf, sondern die Hauptstraße, die ins nächste Dorf führte. Jetzt stimmte die Wirklichkeit wieder mit meiner Karte überein und nach zwei Stunden war ich in Sonthofen.
Das Baumhaus
Kalle rückte hier und da ein paar Zweige zurecht.Jetzt musste das Dach eigentlich dicht sein. So ähnlich hatte das Robinson wahrscheinlich auch gemacht. Er schaute sich um in seinem neuen Reich und war richtig zufrieden. Alles für ihn alleine. Er musste nichts mit anderen teilen. Wenn er nach unten schaute, sah er Farnkraut, Brombeeren, Brennnesseln und kniehohes Gras. Schaute er nach rechts, konnte er in der Ferne das Stadion „Rote Erde“ sehen.
Bei der Einrichtung seines Baumhauses hatte sein Vater geholfen. Aus ein paar alten Brettern war eine kleine Sitzbank geworden, direkt am Fenster, sodass Kalle einen bequemen Ausblick hatte. Ein alter kleiner Tisch und ein Hocker aus seinem Kinderzimmer vervollständigten die Möblierung. Erreichen konnte man das Baumhaus über eine Strickleiter, die mitten in den Raum führte. Der Fußboden hatte eine Öffnung, die mit einer Klappe geschlossen werden konnte. Wenn Kalle durch unerwünschten Besuch nicht gestört werden wollte, holte er die Strickleiter ein und verriegelte die Klappe von innen. Später wollte er noch einen alten Teppich auf den Boden legen und eine Schlafgelegenheit einrichten. Das musste aber noch mit seiner Mutter ausdiskutiert werden. Wie Mütter halt so sind, immer besorgt. Kalle war manchmal etwas genervt und fühlte sich in seinem Abenteuerdrang behindert.
„Kalle“, hörte er einen Ruf von unten. Das war Piet, man konnte seine immer etwas heiser klingende Stimme