Claudia Pinuu
Berichte einer Physiotherapeutin
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Impressum:
© by Verlag Kern GmbH
© Inhaltliche Rechte beim Autor
1. Auflage 2015
Autorin: Claudia Pinuu
Titelmotive: © Catmando/© melosine1302 | www.fotolia.com
Layout/Satz: www.winkler-layout.de
Lektorat: Manfred Enderle
Sprache: deutsch, broschiert
ISBN: 9783957161-789
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
ISBN E-Book: 9783957161-987
www.verlag-kern.de
Meinen Töchtern gewidmet
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Vorwort
Was Sie in diesem Buch erwartet
Fast alles über Physiotherapie
Beschreibung des Berufes, Ausbildungsinhalte, Arbeitsmöglichkeiten im Anschluss an die Ausbildung, Arbeitsbedingungen (finanziell und auch in Bezug auf Befugnisse), Gegenüberstellung Arzt/Therapeut, Abhängigkeiten von den Ärzten und Kassen u. v. m.
Physiotherapie und ich
Etwas über mich, meinen Weg zur Heilarbeit, meinen Weg zur Physiotherapie, meinen Bezug zur Therapie und wie ich an Heilung he-rangehe.
Berichte meiner praktischen Arbeit als Physiotherapeutin
1. In einer ambulanten Praxis für Physiotherapie
Frau A., Krankheitsbild: Arthrose in den Händen, Behandlungen und Ergebnisse, Thematiken hinter den Beschwerden.
2. Im Krankenhaus
Frau B., nach einer Knie-OP, sehr junge Patientin, hatte Angst aufzustehen und das Bein zu bewegen; Herangehensweise und Ergebnisse, Hintergründe der Beschwerden.
3. Im Krankenhaus
Frau C., Krankheitsbild: Brustkrebs im Endstadium, palliativ, Behandlungen, ganz besondere zwischenmenschliche Begegnungen in der Endphase des Lebens.
4. Behinderteneinrichtung für schwerst mehrfachbehinderte Erwachsene
Frau D., schwer körperbehinderte Frau, psychische Problematiken durch nicht erkannte Bedürfnisse.
Wunder Mensch 1
Physiologische Besonderheiten des Menschen, Vergleiche zwischen Erde und Mensch, Kindsein heilt, Wasserkristalle als Speicher im Körper und die Auswirkungen dieses Phänomens im alltäglichen Leben u. v. m.
5. In einer ambulanten Praxis für Physiotherapie
Frau E., Krankheitsbild: langjährige Schulter-Nacken-Verspannungen, Behandlungen der Füße und Ergebnisse, Hintergründe der Beschwerden.
6. Im Pflegeheim
Thematisierung von Sterbehilfe, selbstbestimmtes Sterben, Beobachtungen: Demenz und Emotionen. Wie man lebt, so altert und stirbt man.
7. Mein Schulterschmerz; Praktikum in einer Behindertenschule
Diagnose: Frozen Shoulder; warum der Schmerz entstand und was für Thematiken dahinter standen. Ausbruch während eines Praktikums in einer Behindertenschule und nach einem Traum; Berichte über Erlebnisse im Praktikum; wie ich den Schmerz heilte.
Wunder Mensch 2
Physiologische Besonderheiten, Science-Fiction-Filme zeigen Realität; Wunder: Babys erster Schrei.
8. Im Pflegeheim
Frau F., Atemwegsbeschwerden, Entwicklung einer Lungenentzündung aus Resignation im Pflegeheim, selbstbestimmtes Sterben.
9. Praktikum in einem Krankenhaus
Herr G., Krankheitsbild: Leberzirrhose, palliativ, Behandlungen, Ausflug in den Krankenhausgarten.
10. In einer ambulanten Praxis für Physiotherapie
Frau H., Krankheitsbild: Impingementsyndrom rechte Schulter, diffuse Schmerzen linke Schulter, Behandlungen und Ergebnisse, Themen hinter den Beschwerden.
Wunder Mensch 3
Selbstabgrenzung. Was ist biologische Schutzschicht des Menschen? Mutterliebe als energetische Schutzschicht, Schizophrenie – was mag das sein?
Stimmen hören: Sind Kinder und Indianer nicht normal? Was sind schon normale Menschen?
Epigenetik = Evolution
11. Im Pflegeheim
Herr I., ein sehr verwundbarer Mann, die besondere Wunde; Heilung noch vor dem Tod nötig.
12. Bei einem Hausbesuch
Frau J., Knochenkrebs, Ziele und Behandlungen; was die Worte eines Arztes anrichten können.
13. Bei einem Hausbesuch
Frau K., Zustand nach missglückter OP an der Wirbelsäule, Schmerzpatientin, Tango tanzen.
14. Im Krankenhaus auf der Intensivstation
Wie Patienten mit ihrem Darm sprechen; Frau M., nach OP wegen Gebärmutterhalskrebs, Mobilisation und künstlicher Darmausgang.
15. ALS-Patienten – beim Hausbesuch und im Beatmungsheim
Beschwerden und Behandlungen dieser beiden Patienten. Was ist wirklich wichtig im Leben?
Tiefgründiges tun – was heißt das?
Lernen von Sterbenden und von Buddha gleichermaßen.
In eigener Sache:
Wissenschaft versus Spiritualität
Wissenschaften versus Spiritualität heute, Wissenschaft versus Kirche im Mittelalter.
Alle Phänomene wissenschaftlich und spirituell erklärbar, einige Beispiele.
Astrophysik, Quantenphysik, Buddhismus, gutes Karma schaffen gleicht epigenetischer Veränderung.
Nachwort
Ziele meines Buches
Ebenfalls im Verlag-Kern erschienen
Fußnote
Ein Schiffchen fährt im Mondenschein,
dreieckig um das Erbsenbein,
vieleckig groß, vieleckig klein,
im Kopf – da muss ein Haken sein.
Lyrik aus der Anatomie.
Dieses wunderbare Gedichtlein, das einem berechtigterweise ziemlich sinnlos erscheinen mag, ist eine Eselsbrücke, um sich die vielen kleinen Handwurzelknochen in der richtigen Reihenfolge auf Deutsch zu merken.
Das Schiffchen ist das Kahnbein – Os scaphoideum.
Der Mond ist das Os lunatum und
dreieckig ist das Os triquetrum.
Das Erbsenbein, Os pisiforme, ist klein wie eine Erbse.
Das große Vieleck heißt Os trapezium, trapezuideum das kleine.
Im Kopf, os capitatum, ist ein Haken – ein os hamatum.
Einen Haken oder auch einen Knoten im Kopf konnte man sich im Anatomieunterricht durchaus zuziehen.
Wenn man 2 bis 3 Stunden nur anatomische Begriffe auf Latein gehört hat, und sich dann endlich die Tür des Vorlesungsraumes nach Ende des Unterrichtes öffnete, torkelten wir Studenten kichernd und glucksend, wie betrunken, aus dem Raum und auch unsere Tore öffneten sich wieder, die Tore des Bewusstseins in unseren Gehirnen.
Wir nahmen die normale Welt außerhalb des menschlichen Körpers wieder wahr, mit seinen rund 656 Muskeln, 206 Knochen und über 100 Gelenken, mit den Hügeln und Kulen an den Knochen, die alle einen lateinischen Namen tragen, mit allen Öffnungen zwischen einzelnen Muskeln und in Häuten, welche Nerven, Blutgefäßen sowie Lymphgefäßen den Durchtritt gewähren, die auch anatomisch getauft sind.
Das Cerebrum und Cerebellum, Nervus vagus, Amygdala und weitere Hirnbestandteile, die nun voll aktiviert rot blinkend in uns aufleuchteten, mussten nun erst einmal wieder entladen und in Einklang mit allem, was Nicht-Anatomie ist, gebracht werden.
Sinnloses, albernes Zeug quatschend war es möglich.
Bzw., es war gar nichts anderes als das mehr drin, nach solch intensiven Latein-Einheiten.
Dass ich mir all diese Begriffe wirklich werde merken können, habe ich nach dem ersten Unterrichtstag für unmöglich gehalten.
Musculus sternocleidomastoideus …
Alle lachten.
Aber man glaubt es kaum, nach 8 - 10 Wochen denkt man schon gar nicht mehr in deutschen Begriffen.
Ich musste überlegen, wie die clavicula bei uns normalerweise heißt. Es klingt plötzlich sehr schön, und man möchte gar nicht mehr Schlüsselbein sagen.
Das Hirn ist schon ein unglaublicher Computer.
Aber was nützten uns diese wunderbaren Verschaltungsmöglichkeiten, wenn wir kein Bewusstsein oder keinen Geist hätten, um dies zu begreifen.
Wenn wir keinen Willen hätten, all das zu lernen oder wenn wir keine rechte Motivation besäßen, etwas aus dem Gelernten zu machen?
Fazit: Gehirn alleine macht uns auch nicht schlau oder glücklich.
Physiotherapeuten – sind auch nur Menschen, wenn auch andere. Sie lernen auch noch im Urlaub.
Heilung bei ihnen ist, wenn die Fachbücher im Regal stehen bleiben.
Mir selbst war es auch eines Tages wieder möglich, Romane zu lesen oder anderen nichttherapeutischen Tätigkeiten nachzugehen, wenn es zum Feierabend geläutet hat.
Fast jeder von Ihnen wird schon einmal Kontakt zur Physiotherapie gehabt haben. Bei Schmerz oder Verletzung, vielleicht in Kursen oder Kuren. Kaum einer kennt diesen Beruf jedoch genau.
Außer dass man beim Physiotherapeuten „ganz schön rangenommen wird“, wie Patienten es auszudrücken pflegen, weil man sich intensivst mit seinem Körper beschäftigen muss, und das nicht einfach nur irgendwie, und dass unglaublich viele Patienten am Ende alles, was ein Therapeut machte, als Massage bezeichnen, und es einem hinterher irgendwie meist viel besser geht.
Na ja, vielleicht noch die Kleinigkeit, dass der Trainingsraum der Physios in Wahrheit eine Folterkammer ist, so jedenfalls wird er von Patienten oft liebevoll genannt.
„Sie haben aber einen guten Beruf“, hört man dann nicht selten die Patienten staunen.
Die Bedingungen, unter denen Physiotherapeuten arbeiten, sind allerdings stark überholungsbedürftig und alles andere als gut.
So lassen Sie sich aufklären über diesen guten Beruf, auch wenn Sie ihn gar nicht erlernen wollen.
Spannend wie der des Rechtsmediziners ist er allemal, nur leben die Menschen noch, mit denen wir es zu tun haben.
(Perfekt läuft es, wenn sie im Anschluss an die Therapie auch noch leben.)
Und lassen Sie sich bereichern mit Eindrücken über das, was man mit den Menschen zusammen erleben und von ihnen lernen kann über das Leben, Heilung und sich selbst.
Vielleicht ist alles nur ein Trugschluss, und die wahren Therapeuten sind die Patienten.
Viel Spaß mit meiner Aufklärungslektüre über den Beruf des Physiotherapeuten und über das Wunderwerk Mensch.
Viel Freude mit den Berichten der wunderbaren ganzheitlichen Erlebnisse, die ich in den letzten 10 Jahren mit Patienten und mit mir selbst sammeln durfte.
Physiotherapeuten haben sehr vielfältige Aufgaben zu bewältigen.
In der Ausbildung erhalten sie ein kleines Medizinstudium.
Vorrangig erlernt man natürlich ausgiebig die Anatomie und Physiologie des Menschen. Das ist die Basis.
Es wird außerdem unterrichtet in den Fachbereichen Neurologie, Innere Medizin, Orthopädie, Chirurgie, Pädiatrie, wie auch in der Gynäkologie, Psychologie und Psychiatrie.
Und dann gibt es auch noch spezielle Unterrichtseinheiten der Physiotherapie, wie Bobath, Atemtherapie, Elektrotherapie, Hydrotherapie, Trainingslehre, klassische Massagetherapie und noch einiges mehr.
Man absolviert einen großen Anteil theoretischen Unterrichts, hauptsächlich aber lernt der angehende Therapeut praktisch.
Alle Techniken, die man später am Patienten beherrschen muss, üben die Kommilitonen gegenseitig aneinander.
Das bedeutet: Alles, was man am Patienten tut, hat man auch an sich selbst erfahren und an gleichwertigen Versuchskaninchen bereits ausgiebig geprobt.
Dass man selbst alles gespürt hat, ist eine sehr wichtige Erfahrung und Voraussetzung, um gut mit den Patienten umzugehen.
Bei einer Weiterbildung für Manuelle Medizin, an der auch Ärzte teilnehmen konnten, machten wir nicht selten die Erfahrung, von einem Doktor beinahe einen Wirbel oder andere Gelenke gebrochen zu bekommen.
So ungeübt sind sie zum Teil in Bezug auf Berührungen mit Menschen, sprich: mit ihren potenziellen Patienten.
Ihr einziger Kontakt zum Menschen beruht oft nur auf dem Anlegen des Stethoskops oder der Blutdruckmanschette.
Ein Physiotherapeut hat einen sehr wichtigen Einfluss auf den Gesundheitszustand der Patienten, die in den meisten Fällen wegen Schmerzen, oder aber aufgrund von Einschränkungen bei bestimmten Bewegungen zur Therapie kommen. Wenn sie an der Ausführung wichtiger oder auch alltäglicher Handlungen gehindert werden.
Viele sind sogar krankgeschrieben. Manche sind chronisch krank.
Andere Menschen wiederum haben Unfälle erlitten, durch die sie körperliche Schäden davontrugen, wie zum Beispiel Knochenbrüche. In schlimmeren Fällen sind es neurologische Ausfälle.
Bei Atemwegserkrankungen benötigt man Atemtherapie und auch muskuläre Behandlungen, da sich durch eine erschwerte Atmung und den daraus resultierenden Angstzuständen bei Erstickungsanfällen schwere Verspannungen entwickeln, die ihrerseits das tiefe Atmen verhindern.
Bei Parkinson, Multipler Sklerose oder nach einem Schlaganfall etwa müssen Bewegungen wieder erlernt werden oder es bedarf regelmäßiger Behandlungen, damit Bewegungen erhalten bleiben. Alles, damit man alltagstauglich ist und eine höhere Lebensqualität erfahren darf.
Sogar Menschen, die im Koma liegen, erhalten Physiotherapie. Sie müssen regelmäßig durchbewegt werden, um Kontrakturen, die mit großen Schmerzen verbunden wären, zu vermeiden.
Palliative Patienten und auch sterbende Menschen finden Hilfe durch Atemtechniken oder Entspannung, die Ängste abbauen und Schmerzen lindern.
Man kann Erleichterung schaffen und die Lebensqualität der letzten Lebensphase enorm steigern, Wohlbefinden fördern mit kleinen unterstützten Bewegungen, die sonst allein nicht mehr möglich wären oder auch mit der Lymphdrainage, die Wassereinlagerungen reduzieren kann, und somit auch wiederum Druck und Schmerz lindert.
Sogar Babys werden wegen körperlichen Beschwerden behandelt, die größtenteils bereits durch die Geburt entstanden sind, wie Deformierungen am Schädel oder Hüftproblematiken. Und die etwas größeren Kinder mit den berühmten Verhaltensauffälligkeiten, wie z. B. ADS/ADHS, erhalten psychomotorische Behandlungen.
Auch geistig wie körperlich behinderte Menschen werden physiotherapeutisch unterstützt. Nicht nur mit Körpertherapien, sondern auch durch Versorgung mit Hilfsmitteln, wie Rollstühlen oder anderen nützlichen Geräten, die den Alltag erleichtern und die Teilnahme am sozialen Leben fördern sollen, die den körperlichen Fehlstellungen entweder entgegenwirken oder aber sie stabilisieren, damit ein progredienter (kontinuierlich schlechter werdender) Verlauf verlangsamt oder verhindert wird.
Man führt Esstraining durch und gibt entscheidende Hilfen, damit zum Beispiel ein Spastiker sich bei den Mahlzeiten nicht verschluckt, wenn man ihm die Nahrung zuführt, die er meist nicht selbst zu sich nehmen kann, oder man arbeitet daran und übt, dass er sie selbst zu sich nehmen kann.
Zu guter Letzt sei in diesem Bereich noch das Rollstuhltraining erwähnt. Ziel auch hier: Selbstständigkeit – Autonomie.
In psychiatrischen Einrichtungen, für Erwachsene wie auch für Kinder und Jugendliche, ist ein wichtiger Schwerpunkt die Wahrnehmungsschulung.
Das ist nur ein kleiner Einblick in die Vielfältigkeit dieses Berufes.
Und dabei habe ich hier nicht einmal erwähnt, dass man auch im Sportbereich auf den Physiotherapeuten nicht verzichten kann, der massiert, die bunten Kinesiotapes klebt, dehnt, trainiert oder Zerrungen und andere Verletzungen behandelt.
Oder dass präventiv viele Angebote laufen, Kurse die Krankheiten und Schmerzen vorbeugen, die zum Teil von den Kassen bezuschusst werden.
Du kannst nicht nur in einer Praxis arbeiten, sondern auch in Alten- und Pflegeheimen, Kindergärten, Psychiatrien oder Sportstudios und vieles mehr.
Bei diesen vielfältigen und auch wertvollen Aufgaben erhält ein Physiotherapeut allerdings äußerst wenig Autonomie.
Er darf nicht eigenständig behandeln, sondern nur, nachdem ein Arzt eine Verordnung ausgestellt hat.
Außer wenn es sich um Wellness-Geschichten handelt, die quasi gekauft werden können, wie z. B. eine Fußreflexzonen- oder Hot-Stone-Massage.
Möchte ein Patient selbstzahlend ganz normale Krankengymnastik bekommen, weil es ihm schlicht gut tut, so muss dennoch erst ein Arzt eine „Unbedenklichkeitsbescheinigung“ für ihn ausstellen, die besagt, dass einer Therapie gesundheitlich nichts im Wege steht.
Ohne das geht es nicht.
Einem Heilpraktiker ist das selbstständige Behandeln, ohne dass vorher ein Arzt grünes Licht gegeben hat, erlaubt.
Der Clou an der Geschichte ist, dass jeder Fleischer oder Koch eine Heilpraktikerprüfung ablegen kann.
Selbst per Fernkurs ist das heute möglich.
Man zahlt in etwa 3000 Euro und wird auf die Prüfung vorbereitet.
Voraussetzung zum Ablegen einer Prüfung:
Lediglich die Vollendung des 25. Lebensjahres, mindestens ein Hauptschulabschluss sollte vorhanden sein, keine Vorstrafen und keine ansteckenden Krankheiten
(Vorlage des Gesundheitszeugnisses).
Ein Physiotherapeut kann selbstverständlich so eine Prüfung auch machen.
Aber hat er nicht schon mit über 20 Prüfungen für das Staatsexamen ausreichende Fachkenntnisse bewiesen?
Wenn man beim Arzt ist, läuft es meistens so ab, dass der Patient in das Behandlungszimmer kommt und nach durchschnittlich 8 Minuten wieder draußen ist.
Unter Umständen wurde er nicht einmal vom Arzt angefasst, ihm wurden lediglich ein paar Fragen zur direkten Beschwerde gestellt, aber mehr nicht.
Die Patienten sind so konditioniert, dass sie beim Arzt, obwohl sie einen Termin haben, bis zu zwei Stunden warten bis sie dran sind. Beim Physiotherapeuten allerdings beginnen sie bereits nach 3 Minuten, die ihren angegebenen Therapiestart überschreiten, wie ein Tiger im Käfig hin und her zu laufen, oder Personal aufzusuchen, um sich zu erkundigen, wo der Therapeut endlich bleibt.
Was nichts anderes aussagt, als dass es normal ist, beim Arzt sehr lange warten zu müssen, und dass man beim Physiotherapeuten sehr pünktlich dran kommt, meist auf die Minute genau, was auf eine gute Arbeitsplanung hindeutet.
Die wahren Ursachen der Schmerzen oder noch weitere Beschwerden zeigen sich oft erst beim Besuch in der Physiotherapie-Praxis. Denn dort hält sich der Patient mindestens 20 Minuten, oft sogar 30 Minuten in Behandlung auf, in speziellen Fällen auch länger, zum Beispiel bei neurologischen Krankheiten, oder wenn er zwei Verordnungen miteinander kombiniert, wie beispielsweise 30 Minuten Lymphdrainage und 20 Minuten Krankengymnastik.
Die Berührung eines Patienten mit unseren Händen ist das Hand-Werk des Physiotherapeuten.
Ohne das wären wir keine Physiotherapeuten.
So sehe ich das. Auch wenn es in der Tat einige Ausnahmen gibt, die strikt Berührungen mit Patienten vermeiden, und nur mit Geräten arbeiten.
Es gibt natürlich einiges an Schnickschnack, Geräten und Hilfsmitteln, die man für eine Therapie einsetzen kann. Manches ist sehr nützlich und manches kann man getrost weglassen – Dinge, die die Welt nicht braucht.
Wenn man eine eigene Praxis eröffnen möchte, erhält man diverse Auflagen, die für eine Praxisgenehmigung zu erfüllen sind.
Zum Beispiel hat man eine Sprossenwand zu montieren.
Dies ist sicherlich noch ein Relikt aus vergangenen Zeiten, da Rückenbehandlungen „Orthopädisches Turnen“ hießen, und der Physiotherapeut ein Krankengymnast war.
In den 70-ern habe ich als Kind selbst auch an solch einer Sprossenwand turnen müssen.
Außer dieser obligatorischen und manchmal sogar auch nützlichen Sprossenwand, das muss man ihr trotzdem lassen, setzen wir zum Beispiel Ergometer ein, Kraftgeräte, Pezzibälle, Schwingstäbe, Therapiekreisel und so weiter und so fort.
Aber unsere Hände sind das Urwerkzeug.
Der Patient wird Be-HANDELT im wahrsten Sinne des Wortes.
Und es steht viel Zeit zur Verfügung, um sehr nützliche Informationen auszutauschen, die weit über jene hinausgehen, wo der Patient seine Schmerzen hat und wie lange.
Das ist, was der Arzt weiß.
Ein Physiotherapeut aber schaut sich nicht nur ganz genau an, wo und wie welche Bewegungen im Einzelnen gehen oder auch nicht gehen, macht verschiedene Tests, die besagen können, ob z. B. Gelenke, Muskeln oder andere Strukturen, wie Bänder, einen Schaden haben, fragt nach Alltagsbewegungen, Schlafgewohnheiten, die man sich notfalls auch vorführen lässt, erkundigt sich nach dem Beruf und der dort erforderlichen Haltung und nach Bewegungsabläufen, und fragt nach sportlichen Aktivitäten usw. Ein Therapeut hat auch die Zeit, während einer Behandlung die Gespräche in vermeintlich ganz unscheinbare Bereiche zu lenken, die aber oft das meiste darüber aussagen, warum der Patient wirklich krank ist oder Schmerzen hat.
Da geht es dann um Probleme und Sorgen, um Emotionen, schlimme Erlebnisse und Stress.
Dennoch dürfen wir keine Diagnosen stellen, selbst wenn wir kompetent genug sind, auch ohne Arzt oder sogar trotz Arzt, der auch in manchen Fällen nicht die richtigen Diagnosen stellt.
Ich schreibe diese Dinge, um einmal eine interessante Gegenüberstellung von Arzt und Therapeut in unserer Gesellschaft herzustellen. In ihrem Handeln und auch in ihrer Bedeutung. Und ich denke, fast jeder hat diese enttäuschenden Erfahrungen bereits gemacht, dass ein Arzt heute keine Zeit mehr hat, und einem manchmal nicht mal richtig in die Augen sieht. Dass er nur etwas verschreibt gegen das genannte Symptom, oder weiter verweist zum nächsten Arzt, bei dem man entweder genauso oder ähnlich behandelt wird.
Unsere Patienten jedenfalls beklagen sich darüber.
Es gibt selbstverständlich auch einige Ärzte, die es anders praktizieren, die sich Zeit nehmen und den Menschen als Ganzes betrachten, ihm zuhören, aber das scheint leider eher die Ausnahme als die Regel zu sein.
Genauso gut gibt es auch Physiotherapeuten, die ihr Handwerk besser an den Nagel hängen sollten, da sie ziemlich oberflächlich handeln.
Warum es sich so entwickelt hat, ist fraglich.
Man könnte meinen, dass die Ärzte genötigt sind, zu viele Patienten pro Tag zu behandeln, damit sie überhaupt ihre Kosten decken können.
Aber ob das wirklich der einzige Grund ist, sei dahingestellt. Denn ein Physiotherapeut mit Praxis muss ebenso alle Kosten abdecken für Personal, Miete, Material usw.
Dann kommt auch schon das nächste Problem: Nämlich, dass die Ärzte sich leider sehr oft weigern, Verordnungen für Therapien auszustellen, da sie fürchten, über das ihnen dafür zugeschriebene Budget zu kommen und dann die Kosten für die verordneten Therapien selbst tragen zu müssen.
Viele Ärzte verordnen aus diesem Grund mit den absurdesten Argumentationen vorsichtshalber gar nichts.
Die Patienten berichten, wenn sie doch eines Tages zu uns kommen, oder wenn sie nach einem Arztwechsel eine Verordnung erhalten haben, mit welchen Worten sie beim Arzt vertröstet bis abgespeist wurden.
Gehört habe ich unter anderem schon: „Das bringt eh nichts“ oder: „Sie sind zu alt für eine Therapie.“
Auch die Physiotherapeuten bekommen oft ihre Leistungen von den Kassen nicht bezahlt.
Da reicht es schon, wenn auf der Verordnung ein kleines Kreuz fehlt, da es vom Arzt beim Ausfüllen vergessen wurde. Und schon bekommt man kein Geld für die ganzen darauf enthaltenen und geleisteten Therapien.
Der Physiotherapeut muss neben all der anderen anfallenden Bürokratie also auch immer die Verordnungen bis ins kleinste Detail kontrollieren.
Die Verordnungsanzahl und die darauf enthaltenden Behandlungseinheiten sind ohnehin sehr eingeschränkt.
Sie sind nach Heilmittelrichtlinien genau festgelegt.
Meistens bekommt man höchstens drei Verordnungen für eine Diagnose, und pro Verordnung hat man dann in der Regel sechs Termine bei der Physiotherapie.
Aber oft rücken die Ärzte nicht einmal mit diesen drei Verordnungen raus.
Nun sind wir auf diese aber angewiesen, da wir wie gesagt ohne sie nicht behandeln dürfen.
Was unsere Abhängigkeit verdeutlicht.
Schönen Dank auch.
Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Zum Beispiel im Falle von Palliativversorgung.
Hier dürfen sogar mehrere Therapien gleichzeitig verordnet werden, die in vielfältigster Weise miteinander kombiniert werden und täglich erfolgen können, sodass durchaus Therapieeinheiten von eineinhalb Stunden zustande kommen.
Wie zum Beispiel Massage, Manuelle Therapie oder Bobath, Lymphdrainage und Fango.
Und das wie gesagt TÄGLICH.
Das ist ein wenig paradox.
Nicht, dass ich es gut heißen würde, wenn den todkranken Menschen, wie zum Beispiel den an ALS Erkrankten, diese Therapien auch gestrichen werden würden.
ALS ist eine neurologische Erkrankung, die große Schwester von MS, Multipler Sklerose. Nur aggressiver und meist sehr schnell tödlich verlaufend. Die Krankheit bringt Muskellähmungen am ganzen Körper mit sich, auch in der Atemmuskulatur, sodass nicht nur Bewegungen nach und nach wegfallen, sondern auch die Atmung. Man kennt es vielleicht durch Mr. Hawking, dem berühmten Astrophysiker, der allerdings einen sehr ungewöhnlichen Verlauf dieser Krankheit erfährt. Er lebt schon seit über 40 Jahren mit ihr und meint immer noch, es gäbe keine Wunder.
Dass dieser reine Kopfmensch selbst ein Wunder ist, hat er womöglich dabei noch nicht realisiert.
Mr. Hawking ist der Meinung, dass ein Wunder nur eine Begebenheit sein kann, welche gegen die physikalischen Gesetze verstößt. Er denkt also, dass Wunder auch berechnet werden müssten, um existieren zu können.
Allerdings ist es natürlich absurd, dass denjenigen Menschen, die voraussichtlich weiter leben werden, die Therapien oft sogar ganz verweigert, bzw. eben nur in stark limitierter Auflage ermöglicht werden, und viele sich schon wie Bettler vorkommen, wenn sie eine Verordnung dringend brauchen und beim Arzt darum bitten.
(Schlimm genug, dass Patienten darum bitten müssen und es nicht selbstverständlich ist, dass man Physiotherapie verordnet.)
Auch wenn sehr viele Menschen durch die Therapie wieder arbeiten gehen können oder anderen, sehr viel kostspieligeren Therapieformen, wie Medikamentengabe oder Operationen, dadurch entkommen.
Da ist es natürlich fraglich, wie man z. B. einen akuten Bandscheibenvorfall, der womöglich durch Belastung am Arbeitsplatz entstanden ist, wie zum Beispiel in der Altenpflege, in 6 x 20 Minuten heilen soll, selbst dann, wenn man dem Patienten nebst Linderung durch sein therapeutisches Handwerkzeug auch Eigenübungen und Tipps für den Alltag mit an die Hand gibt, damit er auch außerhalb der Therapie etwas für sein Wohlbefinden tun kann.
Das ist schier unmöglich.
Es wird stark gegeizt mit der Ausstellung von Verordnungen, aber eine Operation, die das X-fache kostet, wird ohne mit der Wimper zu zucken gewährt und von den Krankenkassen übernommen.
Nach Operationen folgt in der Regel eine Anschlussheilbehandlung, die finanziell auch nicht ohne ist.
Wobei eine Operation an der Bandscheibe bekanntermaßen nicht selten Folgeschäden mit sich bringt, da die Narbe des OP-Bereiches, also direkt an der Bandscheibe, neue und dauerhafte Beschwerden nach sich ziehen kann, denn Narbengewebe kann wuchern und dann wiederum auf die Nerven drücken. Manchmal sogar noch schlimmer als vorher.
Zum Thema Bandscheiben muss man allerdings auch sagen, dass zwar oft ein Bandscheibenvorfall auf dem MRT (bildgebendes Verfahren, bei dem man in die Röhre geschoben wird) zu sehen ist, dieser muss aber gar nicht zwingend die Ursache für die akuten Beschwerden sein, die der Patient angibt.
Das weiß man deshalb, da auch hierüber bereits Studien betrieben wurden, bei denen von völlig beschwerdefreien Patienten eine MRT-Aufnahme erstellt wurde, auf der trotzdem nicht selten eine Vorwölbung der Bandscheibe zu sehen war. Mit diesen Aufnahmen zum Neurochirurgen oder Orthopäden gegangen, wollten diese in fast 80 % der Fälle sofort selbst ihr Messer anlegen oder zur OP überweisen.
Da es nicht anders ginge, sagten sie. Das sehe man ja an der Aufnahme.
Wie gesagt: Die Patienten waren absolut beschwerdefrei!
Das Prozedere ist heutzutage oft folgendermaßen:
Man hat Rückenschmerzen, man geht zum Arzt, und der verordnet sehr schnell ein MRT.
Und wenn man dann etwas auf dem Bild sieht, wird geschlussfolgert, dass das die vermeintliche Ursache für den Schmerz sein muss.
Im Vergleich: Es ist ja auch nicht die Feuerwehr, die Schuld ist am Brand, auch wenn sie immer vor Ort zu sehen ist.
(Ausnahme ist ein öffentliches Osterfeuer. Dies wird offiziell von der Feuerwehr kontrolliert gelegt.)
Bandscheibenvorfälle sind ein ganz natürlicher Prozess der Alterung, wie Arthrose auch.
Die Bandscheibe verliert an Flüssigkeit und Elastizität, kann sich vorwölben, muss aber keine Symptome zeigen.
Auch Arthrose muss nicht zwingend immer gleich Schmerzen bereiten, denn sonst hätten so ziemlich alle Menschen irgendwann einmal überall Schmerzen.
Dem ist aber nicht so.
Oft sind Rückenschmerzen sehr deutliche Zeichen einer ganz anderen Form von Überlastung. Nämlich von Stress und den daraus resultierenden Verspannungen, die nicht zu unterschätzen sind in ihrer Komplexität und Intensität.
Es muss gar kein Bandscheibenvorfall vorliegen, bzw. falls doch, ist dieser wie gesagt nicht zwingend die Ursache für die angegebenen Schmerzen.
Ist ein Bandscheibenvorfall wirklich schuld an den akuten Beschwerden, gibt es eindeutige neurologische Anzeichen, die wiederum der Physiotherapeut gut kennt und auch austestet. In diesen Fällen drückt die Bandscheibe gegen den Nerven und man hat zum Beispiel Gefühlsstörungen in der betroffenen Region, z. B. im Bein, oder deutlichen Kraftverlust.
Wenn man rechtzeitig und regelmäßig für einige Wochen Physiotherapie verschrieben bekommt, kann man mit großer Wahrscheinlichkeit einer Operation entkommen.
Und das nicht nur im Falle des Bandscheibenvorfalls.
Auch bei anderen Beschwerden haben die Behandlungen sehr oft das Ergebnis, dass die Menschen wieder arbeitsfähig und gesund werden.
Trotz dieser großen Erfolge arbeiten wir unter den Fittichen der Krankenkassen und Ärzte.
Ein anderer Nebeneffekt einer intensiven Behandlung ist nicht selten, dass die Menschen wieder Spaß finden an Bewegung und in den Rhythmus kommen, da sie bei uns und mit uns zusammen regelmäßig in kleinen Portionen das „sich bewegen“ geübt haben. Bewegungen, die in jeden noch so vollgestopften Alltag reinpassen, je nach Patient sorgfältig angepasst. Wo die Menschen vorher vom inneren Schweinehund ausgebremst wurden, nach der belastenden und erschöpfenden Arbeit nun auch noch Sport machen zu müssen.
Nicht selten warten zu Hause diverse weitere Verpflichtungen, denen man erst einmal nachgehen und gerecht werden muss, bevor man irgendwann eventuell an sich selbst denken kann: Kinder, Haushalt, Garten, Tiere, Partner usw. (in dieser Reihenfolge?).
Da Patienten aber während der Therapiezeit die Erfahrung des Wohlbefindens durch Bewegungen gemacht haben, ist es oft für sie im Anschluss selbstverständlich, sich auch ohne Physiotherapeut an ihrer Seite weiter zu bewegen, sich bestenfalls sogar in einem Sportverein anzumelden.
Das nennt man Nachhaltigkeit.
Reden wir mal übers Geld:
Als frisch ausgebildeter Therapeut kann es dir passieren, dass du in einer Praxis nur 10 Euro brutto verdienen sollst. In manchen Bundesländern sogar noch weniger.
Ein Physiotherapeut verdient nicht selten kaum mehr als den kürzlich eingeführten Mindestlohn.
Und das mit einem Staatsexamen.
10 Euro11,50 Euro