Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist COTTON RELOADED?
  3. Über diese Folge
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. In der nächsten Folge

Was ist COTTON RELOADED?

Dein Name ist Jeremiah Cotton. Du bist ein kleiner Cop beim NYPD, ein Rookie, den niemand ernst nimmt. Aber du willst mehr. Denn du hast eine Rechnung mit der Welt offen. Und wehe, dich nennt jemand »Jerry«.

Eine neue Zeit. Ein neuer Held. Eine neue Mission. Erleben Sie die Geburt einer digitalen Kultserie: COTTON RELOADED ist das Remake von JERRY COTTON, der erfolgreichsten deutschen Romanserie, und erzählt als E-Book-Reihe eine völlig neue Geschichte.

COTTON RELOADED erscheint monatlich. Die einzelnen Folgen sind in sich abgeschlossen. COTTON RELOADED gibt es als E-Book und als Audio-Download (ungekürztes Hörbuch).

Über diese Folge

Folge 42.

Special Agent Jeremiah Cotton vom G-Team freut sich auf seinen wohlverdienten Urlaub, als ihn seine Kollegin Philippa Decker um einen Gefallen der etwas anderen Art bittet. Er soll sie als ihr »Verlobter« zur Hochzeit der Schwester begleiten. Doch dann taucht die Leiche eines Mädchens auf und wirft einen blutigen Schatten auf die Hochzeit …

COTTON RELOADED ist das Remake der erfolgreichen Kultserie JERRY COTTON und erscheint monatlich in abgeschlossenen Folgen als E-Book und Audio-Download.

Über den Autor

Peter Mennigen, wuchs in Meckenheim bei Bonn auf. Er studierte in Köln Kunst und Design, bevor er sich der Schriftstellerei widmete. Seine Bücher wurden bei Bastei Lübbe, Rowohlt, Ravensburger und vielen anderen Verlagen veröffentlicht. Neben erfolgreichen Büchern und Hörspielen schreibt er auch Drehbücher für Fernsehshows und TV-Serien.

COTTON RELOADED

Bluthochzeit

Peter Mennigen

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Larry witterte den Tod. Kein Blut, dafür den unverkennbaren Verwesungsgestank eines menschlichen Körpers. Das Aroma vermischte sich in der Luft mit dem unzähliger anderer Gerüche, die es zu filtern und auszusortieren galt. Eingrenzung des Dufts auf unverfälschte organische Fäulnis.

Für Leichen hatte Larry einen Riecher. Denn er war kein gewöhnlicher Hund. Er war ein Spürhund. Präzise gesagt: ein Leichenspürhund. Seine Nase war darauf gedrillt, tote Menschen zu erschnüffeln.

Wie alle Hunde hatte auch Larry keinen Zugang zu dem Begriff »Tod«. Er wusste nicht, was es bedeutete, gestorben zu sein. Für ihn war eine Leiche nur ein Bündel Fleisch, das einen markanten Duft verströmte.

Und jetzt empfing sein hochempfindliches Riechorgan verweste menschliche Überreste von irgendwo vor ihm, aus den düsteren Schatten des Waldes.

Den schwarzen Cockerspaniel und seinen Besitzer Matthew Stevens verbanden zehn Jahre Dienst bei der Polizei-Hundestaffel in Providence, Rhode Island. Mit Erreichen von Stevens Pensionsalter schied auch Larry bei der Staffel aus. Seitdem verbrachten der Ex-Polizeihund und der Ex-Hundeführer ihren Lebensabend gemeinsam. Nachmittags unternahmen beide häufig Spaziergänge durch den Lincoln Woods Nationalpark. Einem idyllischen Waldgebiet, in dem sie ihre Runden auf immer denselben Pfaden zu drehen pflegten. Heute allerdings hatten Holzfällerarbeiten sie zu einer Änderung der gewohnten Route gezwungen.

»Zeit, nach Hause zu gehen«, entschied Stevens und drehte sich um. Aber Larry war damit ganz und gar nicht einverstanden. Der Fäulnisgeruch zog ihn geradezu magnetisch an.

Larry schlug an, wie es Leichenspürhunde bei einer positiven Witterung von etwas Totem zu tun pflegen. Dann wartete er auf die Reaktion, dass er sein Herrchen beeindruckt hatte. So wie es früher bei der Polizeistaffel immer der Fall gewesen war.

Doch der Ex-Hundeführer ignorierte das Gekläff und marschierte davon. Er ging den Weg zurück, den sie gekommen waren.

Larry rührte sich nicht vom Fleck.

Stevens blieb stehen und drehte sich zu ihm um. »Brauchst du eine Extra-Einladung? Abmarsch!«

Der Hund rührte sich immer noch nicht.

»Verdammt, sitzt du auf deinen Schlappohren?« Der Ex-Hundeführer ging zu dem Cocker zurück und gab ihm einen Klaps auf den Hintern. »Komm endlich in die Gänge.«

Larry zögerte. Totes Fleisch aufzuspüren, war ihm antrainiert worden. Und der Trieb war stärker als die Pflicht, seinem Herrchen zu gehorchen.

Larrys motorische Fähigkeiten waren mit dem Alter überschaubar geworden. Sein ehemals federnder Gang hatte sich zu einem müden Humpeln entwickelt. Umso überraschter war Stevens, als der Hund aus dem Stand wie der Blitz losschoss. Immer der Nase nach, dem Aasgeruch folgend.

In Sekundenschnelle tauchte der Cockerspaniel in das dichte Unterholz ein, das den Forstweg säumte. Stevens schaute wie versteinert hinterher, ohne die geringste Ahnung, was in das Tier gefahren war.

»Larry!«, brüllte er. »Bei Fuß!«

Doch der Wald hatte den Hund bereits verschluckt. Seinem Besitzer blieb nichts anderes übrig, als ihm wild fluchend durch das Gestrüpp hinterherzurennen. Es war nicht einfach. Trotz der Arthritis in seinen Knochen machte der Vierbeiner ordentlich Tempo.

Sein Verfolger arbeitete sich durch ein Gewirr aus Ranken und Farnen. Dann ging es in eine grüne Wand aus verfilztem Buschwerk und nach etwa zehn Metern wieder raus.

Begleitet von Atemlosigkeit und Herzrasen stolperte der Ex-Polizist auf eine Lichtung. Außerhalb der schattigen Kühle des Waldes kratzte die Temperatur auf dem Thermometer die Dreißig-Grad-Marke. Was nicht der alleinige Grund war, weshalb es Stevens schlagartig heiß wurde.

Vielmehr kam sich der Pensionär vor, als wäre er gerade in eine dreidimensionale Ausgabe des Penthouse-Magazins gestolpert. Über ein Dutzend gut gebauter College-Schülerinnen in gewagten Bikinis zogen seine Blicke in ihren Bann. Daneben wurde die Wiese auch von einigen College-Boys in Schwimmshorts frequentiert. Die Autos, mit denen die Jugendlichen von Providence oder Pawtucket hergekommen waren, parkten Stoßstange an Stoßstange auf einem angrenzenden Waldweg.

Cheerleader und Footballspieler, die ihre Vorstellung von einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung umsetzen, ging es Stevens durch den Kopf. Dem Geruch nach waren hier auch noch ein paar illegale Drogen mit im Spiel.

Ein Weiher bildete das Zentrum der von dichten Kiefernwäldern umschlossenen Wiese. An dessen Ufer ließen sich die Teenager von der Sonne bräunen.

Es war kein sehr großer See, vielleicht dreihundert Meter im Durchmesser. Die gegenüberliegenden Uferbereiche waren von dichtem Schilf zugewuchert. Von dort breiteten sich zunehmend Algenkolonien aus. Wo sie den See in Besitz nahmen, wurde das Wasser zu einer dunkelbraunen klumpigen Brühe, über der ein fauliger Geruch hing. Wer sich dennoch in den brackigen Morast wagte, versank bei jedem Schritt knietief im Schlick, der sich auf dem Grund abgelagert hatte, und der Gott weiß was für Unrat als Grab diente.

Stevens schlenderte zwischen den Jugendlichen umher und überzeugte sich, dass Larry nirgendwo auf der Wiese war. Der Hund war spurlos verschwunden.

Zu diesem Zeitpunkt durchstöberte der Cockerspaniel das Schilf auf der gegenüberliegenden Seeseite. Um ihn herum war es beinahe unnatürlich ruhig. Nur das Platschen seiner Pfoten beim Durchwaten des brackigen Wassers durchbrach die Stille. Der sumpfige Brei war zäh wie Sirup und reichte Larry bereits bis zum Bauch. Mit jedem Schritt stieg der Wasserspiegel höher, wucherte das Schilf dichter und wurde der Schlick am Grund tiefer.

Fünf Meter vom Land entfernt entdeckte der Cocker die Quelle des Fäulnisgestanks. Im seichten Wasser zwischen den Schilfhalmen dümpelte eine Insel aus vermoderten Kleidern: Jeans, Tanktop, Turnschuhe. Darin steckten menschliche Überreste.

Die Strömung hatte den Leichnam tief ins Schilf gespült. Von dem schleimigen Faulwasser ging ein ekelhafter Gestank aus, weshalb es nicht viele Spaziergänger hierherzog.

Die Überreste waren stark verwest, teils skelettiert. Ein schwarzer Pilzbefall überzog die noch vorhandenen Hautpartien. Der aufgeblähte Körper zerfiel schon in seine Bestandteile. Ein Arm und der Kopf waren vom Rumpf getrennt angeschwemmt worden. Die üblichen Aasvertilger waren ebenfalls zur Stelle. Schwärme schwarzer Fliegen bevölkerten das verfaulte Fleisch und nutzten es zur Ei-Ablage. Summend stoben die Insekten vor dem nahenden Cocker empor, um sich in der von Verwesungsgasen durchsetzten Luft neu zu formieren.

Larry schlug pflichtbewusst an.

Durch das Schilf hindurch und über den See hinweg erspähte er seinen Besitzer. Larrys Augen waren zwar nicht mehr die besten, dennoch erkannte er seinen ehemaligen Hundeführer auch als verschwommene Silhouette an dessen Körpersprache. Waren es bei Larry die Augen, so waren es bei seinem Herrchen die Ohren, die nicht mehr wie früher funktionierten. Außerdem veranstalteten die Jugendlichen einen gehörigen Lärm.

Als auch weiteres Bellen keine Wirkung zeigte, wurde der Cockerspaniel kreativ. Er tat etwas, das er als Leichenspürhund zuvor noch nie getan hatte: Er schnappte sich einen Teil des Fundstücks, um es seinem Hundeführer zu bringen. Weil er sein Ziel auf kürzestem Weg erreichen wollte, musste er sich wohl oder übel geradewegs durch das Gewässer abzappeln.

Am jenseitigen Ufer schweifte Stevensʹ suchender Blick über die Wiese hin zum Wasser, blieb dort bei einer jungen Schwimmerin hängen und folgte ihr. Es war eine hübsche Blondine mit langem Haar und einem trägerlosen weißen Bikini. Zielstrebig kraulte sie zur Mitte des Sees. Dort glitt ihr ein kugelförmiger Gegenstand an der Wasseroberfläche entgegen, dessen Umrisse sich bei näherem Hinsehen als Larrys Hundekopf entpuppten.

Die Schwimmerin erreichte den Cocker. Lachend schlang sie einen Arm um den Hund und streichelte sein Fell. Plötzlich stutzte die Studentin. Sie bemerkte etwas in Larrys Maul. Etwas, das ihr schlagartig den Magen umdrehte, als sie erkannte, um was es sich handelte: ein menschlicher Schädel ohne Unterkiefer. Wo vorher ein Gesicht gewesen war, gab es lediglich noch Knochen und leere Augenhöhlen, an deren Innenseiten sich Maden kringelten.

Der Teenager kreischte, ruderte wild mit den Armen und durchpflügte das Wasser Richtung Land.

Sie erreichte das Ufer wenige Meter vor ihrem vierbeinigen Verfolger. Keuchend hetzte sie durch struppiges Unkraut die flach ansteigende Böschung hinauf auf die Wiese. Mit einer gegen den Mund gepressten Hand schaffte sie es gerade noch hinter ein Gebüsch, wo sie sich würgend übergab.

Larry stieg in aller Gemütsruhe aus dem Wasser. Im Gras schüttelte er erst sein Fell trocken, dann präsentierte er den Umstehenden sein makabres Fundstück. Er ließ den Schädel zu Boden fallen.

Während die Jugendlichen erst nach und nach begriffen, was passierte, förderte Stevens sein Smartphone aus der Jackentasche und rief den Notruf 911 an.

Es dauerte nicht lange, und zwei Streifenwagen fuhren aus Providence vor, dahinter stoppte ein Mini-Van der Spurensicherung. Stevens stellte sich Jim Durham, dem Einsatzleiter der Polizeitruppe, vor und erzählte ihm, was passiert war. Wenig später fanden seine Cops den Rest der Leiche im Schilf und sperrten den Fundort ab. Forensiker in weißen Kunststoff-Overalls arbeiteten sich durch Schilf und Schlick zu der Leiche vor.

Kleidung und Knochenbau ließen auf ein Mädchen von dreizehn bis vierzehn Jahren schließen. Dem Grad der Zersetzung nach hatte die Tote mehrere Monate unter Wasser gelegen. Um ihren Brustkorb war ein Strick gebunden, der vermutlich mit einem Gewicht am anderen Ende beschwert worden war. Das Seil hatte sich irgendwann gelöst oder war vermodert. Die durch Faulgase aufgedunsene Leiche besaß genug Auftrieb, um dann an der Wasseroberfläche aufzutauchen, wo die Strömung sie ins Schilf schwemmte.

Die Forensiker schafften die Überreste ans Ufer und packten sie mit dem separierten Arm und Schädel in einen Leichensack.

Zwei Taucher in Polyesteranzügen suchten den Grund des Gewässers nach weiteren Indizien ab, die Rückschlüsse auf Täter oder Tathergang geben konnten.

Nach etwa einer Stunde fuhr ein Streifenwagen mit einer Polizei-Delegation aus Hyannis vor, einer Kleinstadt hinter Newport, etwa fünfzig Kilometer entfernt. Dem Fahrzeug entstieg ein untersetzter, grauhaariger Mann um die fünfzig in Polizeiuniform. Der Einsatzleiter vor Ort hatte ihn rufen lassen, weil der Leichenfund in seinen Zuständigkeitsbereich fiel. Beide Männer begrüßten sich mit Handschlag und unterhielten sich kurz, dann schlenderte er zu Stevens rüber.

»Guten Tag«, begrüßte er den Hundeführer und reichte ihm die Hand. »Ich bin Aaron Brewster, stellvertretender Deputy-Chief von Hyannis.«

»Erfreut Sie kennenzulernen.« Stevens schüttelte ihm die Hand. »Matthew Stevens, ehemaliger Hundeführer der Polizeistaffel von Providence. Und das ist mein Hund Larry.«

Kaum hörte Larry seinen Namen, blickte er zu den beiden Männern hoch. Stevens erzählte dem Cop aus Hyannis ausführlich, wie sein Hund die Tote gefunden hatte.

»Gut gemacht, mein Junge.« Brewster schaute mit breitem Grinsen auf Larry hinunter.

»Die Tote ist schon ziemlich verwest.« Stevensʹ Stimme klang vollkommen ruhig, obwohl er innerlich zitterte. Es war nicht die erste Leiche, die er sah. Doch er hatte gehofft, mit der Pensionierung auch mit dem Kapitel seines Lebens abgeschlossen zu haben. »Die Identifizierung wird nicht einfach.«

»Wir wissen, wer das Mädchen ist.« Mit tiefem Stirnrunzeln starrte Brewster zu dem geschlossenen Leichensack, in den man die Tote gebettet hatte.

»Konnten Sie die Überreste tatsächlich mit einem Blick identifizieren?«

»Nein, ich habe mir die Leiche nicht angesehen«, gestand er bitter. »Ich habe das Mädchen persönlich gekannt. Deswegen möchte ich mir den Anblick noch ersparen. Das kommt früh genug, wenn die Überreste in Providence obduziert und für die Beerdigung in meinen Distrikt nach Hyannis überführt werden.«

Stevens runzelte die Stirn. »Wenn Sie das tote Mädchen noch nicht gesehen haben, woher wollen Sie wissen, wer es ist?«

Jim Durham hatte sich zu ihnen gesellt und übernahm die Antwort: »Die Tote trug ein Medaillon, dessen Silberkettchen sich zwischen den Halswirbeln verheddert hat. Das Schmuckstück ist vor ein paar Monaten überall in den Nachrichten gezeigt worden. Es gehört einem vermissten Mädchen aus Hyannis Port. Ist spurlos von einem Tag auf den anderen verschwunden. Der Name der Vermissten lautet Dana Witter.«

Stevens überlegte kurz. »Demnach hat der Täter ihre Leiche hergebracht und im See deponiert.«

»Wäre möglich«, meinte Durham. »Wobei offen ist, ob es überhaupt einen Täter gibt, oder ob es sich bei der Toten um eine Selbstmörderin handelt. Eine Ausreißerin, die erst von zu Hause weggelaufen ist und sich dann in dem See hier das Leben genommen hat. Zum Beschweren ihres Körpers wurde offenbar ein Sockel der mobilen Badeverbotsschilder benutzt, die rund um den See aufgestellt sind.«

»Wie auch immer.« Stevens atmete tief durch. »Seit dem Tod des Mädchens ist eine Menge Zeit vergangen. Möglicherweise lassen sich die genauen Tatumstände nie mehr klären.«

Brewster nickte grimmig. »Das ist leider zu befürchten.«

2

Morgengrauen in New York City.

Wie die Sieben-Zoll-Klinge eines Bowie-Messers aus Cro-Van-Stahl schnitt das Röhren des Hellcat-V8-Motors durch die Stille der ausklingenden Nacht. Mit unheilvollem Grollen donnerte der Dodge Challenger durch Manhattans vornehme Upper Westside. An der Zieladresse schmirgelte das Muscle Car mit kreischenden Bremsen und schwarzen Reifenabrieb auf dem Asphalt hinterlassend von der Fahrbahn auf einen Parkstreifen. Einen Fingerbreit neben dem Bordstein kam der Dodge zum Stehen. Schlagartig verstummte der Motor. Stille. Nur das Abkühlen der Maschine war als leises Ticken aus dem Motorblock zu hören.

Die Fahrertür flog auf. Special Agent Jeremiah Cotton stieg aus und bewegte sich lässig um den Wagen herum. Beide Hände in den Taschen seiner Lederjacke vergraben, lehnte er mit dem Rücken gegen die Beifahrertür und wartete.

Den menschenleeren Straßenzug säumten mehrstöckige Hochhäuser. Hinter den unscheinbaren Fassaden verbargen sich Luxuswohnungen, in denen vornehmlich Spitzenverdiener der New Yorker Oberklasse lebten. Pförtner in Livree sorgten in den Foyers für Ruhe und Sicherheit der privilegierten Bewohner.

Cotton ertappte sich dabei, dass er zum dritten Mal innerhalb von fünf Minuten auf seine Armbanduhr blickte. Es war kurz vor sechs Uhr in der Frühe. In wenigen Stunden würde er in die Abgeschiedenheit der kanadischen Wälder eintauchen, wo ihm in den kommenden zwei Urlaubswochen höchstens mal ein Braunbär Gesellschaft leisten würde.

Zuvor musste er bloß noch Philippa Decker zu Hause absetzen. Seine Kollegin wollte den Urlaub im Schoß ihrer Familie verbringen. Am Tag zuvor, an ihrem letzten Arbeitstag, hatte sie ihn gebeten, sie heute mitzunehmen, weil ihr Auto streikte. Ihr Zuhause lag quasi auf der Strecke nach Kanada und bedeutete somit keinen großen Umweg für Cotton.

An einem der Hochhäuser schwang die Haustür auf und beendete Cottons Geduldsprobe. Decker verließ das Gebäude, in dem sie eines der teuren Apartments bezogen hatte. Bestückt mit Handtasche, Trolley und einem passenden Kofferset marschierte sie im stakkatoartigen Stechschritt auf die Straße hinaus.

Bereits von Weitem grüßte sie für ihre Verhältnisse erstaunlich enthusiastisch: »Guten Morgen, Cotton. Wie schön, Sie zu sehen.«

»Morgen, Decker.« Er ging seiner Kollegin entgegen und nahm ihr das Gepäck ab.

Die Agentin trug ein umwerfendes Sommerkleid mit Nackenträgern, dazu hochhackige Riemchensandalen.

Er pfiff anerkennend und bewunderte den optischen Seltenheitswert ihrer vergleichsweise verwegenen Aufmachung. »Sieh an, unter Ihrem obligatorischen Hosenanzug steckt ja eine richtige Frau.«

Der G-Man blickte sie in Erwartung einer scharfzüngigen Antwort an. Stattdessen bedachte sie ihn mit einem Lächeln, als wolle sie sich für ein Kompliment bedanken. Die für die ansonsten leicht reizbare Agentin untypisch sanfte Reaktion versetzte Cottons Instinkte in höchste Alarmbereitschaft. Irgendwas war hier im Busch. Er wusste nur noch nicht was.

»Legen wir einen Zahn zu.« Er öffnete den Kofferraum des Challenger und platzierte Deckers Gepäck neben seinen Trekking-Rucksack. »Um diese Uhrzeit wollte ich eigentlich schon halb in Kanada sein.«

»Tut mir leid, ich hatte noch ein paar Sachen zu erledigen.« Sie stieg auf der Beifahrerseite ein und ließ sich auf den Sitz nieder.

Cotton knallte die Heckklappe zu, ging zur Fahrertür und machte es sich hinter dem Lenkrad bequem. Er legte den Sicherheitsgurt an und wartete, bis sich seine Kollegin angeschnallt hatte. Sie wirkte unkonzentriert, als ginge ihr etwas durch den Kopf. Man konnte ihr förmlich ansehen, wie die kleinen Zahnrädchen in ihrem Gehirn rotierten. Nachdem ihr Gurt mit einem Klicken eingerastet war, gab er Gas und fuhr los.

»Ist furchtbar nett von Ihnen, Cotton, dass Sie mich bei meinen Eltern absetzen«, begann sie ein wenig nervös.