Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autoren
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Vorwort
  8. 1. KLARTEXT: Die Wahrheit auf dem Vulkan: Wo wir in der Klimakrise wirklich stehen
    1. High Noon auf Hawai’i: Die Werte der Keeling-Kurve sagen alles
    2. Eine moralische Verpflichtung: Wissen, was Sache ist
    3. Warum wir Treibhausgase beim Namen nennen sollten
    4. Von Wolken, Molekülen und fernen Strahlen: Der Treibhauseffekt
    5. Von GWP und CO₂Äq: Wie werden Treibhausgase eigentlich berechnet?
    6. Eine Institution namens IPCC: Die Schaltzentrale der Klimakrise
    7. Emissionen und ihre Quellen: Das sind unsere dicksten Brocken
    8. Stürmische Zeiten vor unserer Haustür: Die Folgen des Klimawandels
    9. Die größte Klimaschutzbremse: Fadenscheiniges Tun statt echten Handelns
  9. 2. KOPFSACHE: Emissionsarmes Frühstück ist gut, erkenntnisreiches Handeln besser: Warum wir persönlich umdenken sollten
    1. Wer das Problem ernst nimmt, sollte auch die Herangehensweise ernst nehmen
    2. Ökologie und Klimaschutz: Zwei völlig verschiedene Welten
    3. Zwischen Lochkarten, Kowloon und Kanada:Mein Weg zum Treibhausgasbuchhalter
    4. Etwas wirklich Neues schaffen: »Actionable Insights«
  10. 3. KURSKORREKTUR: Besser gute und gerechte Wege gehen statt draufzahlen und verlieren: Warum CO₂-Steuer und Zertifikate der Wirtschaft und uns nur schaden
    1. Zwischen Palmen und Profit: Lukrative Geschäfte im Rahmen des Gesetzes
    2. Die großen Widerhaken im Klimaschutz: Opportunismus, Etikettenschwindel, Greenwashing
    3. Klare Spielregeln, klare Kriterien, klare Kante: Eine Navigationshilfe für den Markt der Zukunft
    4. Ungerecht und wirkungslos: Die CO₂-Steuer ist ein volkswirtschaftlicher Dinosaurier
    5. Anachronismus Nummer zwei: Warum der Emissionshandel ein schlechter Deal ist
    6. Dringend gefragt: Warum ordnungspolitische Lösungen uns den Weg öffnen
  11. 4. AUFBRUCH: So kriegen wir die Klimakrise geregelt: Gute Gesetze fordern, kluge Lösungen fördern – und Strom und Co. von den Emissionen befreien
    1. Das internationale Tauziehen ums Klima: Eine Reise nach Nirgendwo, die endlich ein Ziel braucht
    2. Offene Ohren statt vorgekauter Meinungsnahrung: Nur so einigen wir uns auf einen guten Weg
    3. Von British Columbia lernen, wie es geht: Deutschland muss als größter Emittent Vorreiter in Europa sein
    4. »Neugift« oder die Wasser-Analogie: Warum ordnungspolitische Maßnahmen unsere Pflicht sind
    5. Ganz oben auf der Liste: Eine saubere Antwort auf die große Energiefrage
    6. Regeln statt nur kennzeichnen: So kriegen wir den Strom in den Griff
    7. Regulieren und unterstützen:So drücken wir die Stromemissionen Richtung null
    8. Energie klug speichern: Pumpspeicherwerke sind das Mittel der Wahl
    9. Wo klimaneutral draufsteht, muss auch klimaneutral drin sein
    10. Bäume, Moore, Meer: Der natürliche Weg zur Netto-Null
    11. E-Autos, autonome Minibusse und die richtige Schiene fahren: So klappt die Transportwende
    12. Unternehmen: Regulierter Klimaschutz bedeutet Zukunft
    13. Klarheit schaffen: Die wichtigste Verantwortung der Bundesländer
    14. Gemeindesache: Lieber genau hinschauen als Vorgefertigtes nachmachen
    15. Gemeinsam stark: Comox-Projekte in den Gemeinden
    16. Was kann ich selbst fürs Klima tun – um wirklich etwas zu bewegen?
  12. Nachwort
  13. Danksagung
  14. Weiterführende Literatur
  15. Quellenverzeichnis

Über dieses Buch

Die Klima-Krise ist das drängendste Thema, die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre, da sind sich alle Politiker einig! Doch wissen sie eigentlich, was sie wirklich tun müssten, welche Instrumente längst da sind - und welche wirken? Als Treibhausgas-Experte hat der Deutsche Svend Andersen Antworten, denn in seiner Wahlheimat Kanada ist Klimaschutz längst Staatsauftrag. Treibhausgas-Buchhalter Andersen analysiert und zeigt, wie mit wenigen Maßnahmen große Wirkung erzielt werden kann.

Über die Autoren

Svend Andersen, MBA, Dipl.-Psych., ist Treibhausgasbuchhalter, Klimaschutzexperte und Psychologe mit über 20 Jahren Erfahrung im Bereich Umweltmanagement. Svend hat sich seit 2005 auf die Arbeit mit den ISO 14000-Reihen und den Treibhausgas-Buchhaltungsstandards ISO 14067/9/4-1/2/3 konzentriert. 2009 gründete er GHG Accounting, die Firmen und Institutionen bei der Erreichung ihrer Umweltmanagementziele unterstützt. Svend war in leitenden Positionen in Kanada, Hongkong, Deutschland und den USA tätig. Er wurde 2015 vom Bundesumweltministerium und von der Universität Süddänemark eingeladen, einen Beitrag zu den kommunalen Komponenten der COP 21-Erklärungen der Vereinten Nationen in Paris zu leisten. Das von Svend und seinem Team entwickelte Treibhausgasbilanzierungssystem wird von der Regierung von British Columbia genutzt, um die Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften zur Klimaneutralität für alle öffentlichen Einrichtungen zu überwachen. Svend Andersen ist Gastdozent an der University of British Columbia, dem British Columbia Institute of Technology und der Simon Fraser University.

Marc Bielefeld, 1966 in Genf geboren, hat als Journalist zahlreiche Artikel und Reportagen geschrieben u.a. für mare, Merian, National Geographic, Die Zeit oder Süddeutsche Zeitung. Er hat mehrere Bücher geschrieben und als Co-Autor u.a. mit Heidi Hetzer UNGEBREMST LEBEN (Ludwig) und zuletzt den KREBS-KOMPASS (C. Bertelsmann) mit Verena und Achim Sam. Momentan arbeitet er mit der Politikerin Diana Kinnert an einem Buch über das Phänomen der modernen gesellschaftlichen Vereinsamung (ET Frühjahr 2021).

An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld,
die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern.

Erich Kästner

Vorwort

Als der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore den Klimawandel 2005 zum großen Thema machte und in einer Serie von über tausend Reden über dessen Ursachen und Auswirkungen sprach, hatte er einen passenden Namen für sein Wachrütteln gewählt. Er nannte es »Inconvenient Truth«, eine unbequeme Wahrheit. Ein Jahr darauf wurde daraus sogar ein prämierter Film. Ich hatte damals die Gelegenheit, Al Gore bei einem seiner Auftritte live zu erleben. Und schon davor hatte ich den Klimaschutz zu meiner Lebensaufgabe gemacht, als Treibhausgasbuchhalter schließlich zu meinem Beruf.

Nach Al Gores Präsentation damals dachte ich, dass eine derart große öffentliche Aufmerksamkeit die Dinge beim Klimaschutz endlich ins Rollen bringen würde. Sechzehn Jahre später muss ich leider feststellen, dass es die unbequemen Wahrheiten noch immer gibt. Und mehr als das: Inzwischen sind daraus erschreckende Wahrheiten geworden. Noch viel alarmierender allerdings ist die Tatsache, dass diese Wahrheiten sich nicht mehr auf das beschränken, was die meisten erwarten würden: nämlich, dass wir bisher einfach nicht genug getan haben, um die Klimakrise abzuwenden. Längst sind wir einige Stadien weiter. Heute stehen wir vor erdrückenden Tatsachen. Vor blanken Fakten und nicht zu leugnenden Entwicklungen, die uns mehr und mehr davon abhalten, diese Krise überhaupt noch zu bewältigen, und stattdessen drohen, unsere Gesellschaft zu zersprengen. Im Klartext: Inzwischen müssen wir befürchten, dass wir an der Klimakrise katastrophal scheitern werden. Und ich muss mich nur umschauen, um zu erkennen, dass sich dieses Szenario immer realer abzeichnet.

In den sozialen Medien wird mit aller Härte gestritten, wie wir als Gesellschaft mit den existenziellen Bedrohungen für die nächsten Generationen umgehen sollen. Längst ist die Debatte einem erbitterten Schlagabtausch gewichen. Bei der Frage, wie stark die Preise für Energie erhöht werden dürfen, ohne dass es zu sozialen Verwerfungen kommt, ist mehr zorniges Chaos zu beobachten als der Wille zu Übereinkünften.

All das zeigt, wie weit wir davon entfernt sind, diese Krise zu lösen. Es herrschen Wirrnis statt Wahrheit, Übervorteilung statt Bewältigung. Derweil vernehmen wir die üblichen Narrative. Uns wird erzählt, dass wir uns einschränken müssen. Dass wir umsichtiger essen sollen, weniger fliegen dürfen und mehr Fahrrad fahren müssen. Dann wieder hören wir, dass Zertifikate die Lösung sind. Dass wir uns einem Emissionshandelssystem anpassen und immer mehr für Energie zahlen müssen.

Wer jedoch genau hinhört und hinsieht, stellt fest, dass es einen wirklichen Plan nicht gibt. Um diese globale Krise zu bewältigen, werden immer wieder neue Ziele formuliert – doch weit und breit ist keine Strategie erkennbar, die diesen Namen verdient. Als Treibhausgasbuchhalter, der sich täglich mit Klimaschutz befasst, kann ich in Deutschland keinen erfolgversprechenden Kurs erkennen – und das, obwohl wir seit Jahrzehnten wissen, dass wir ein Problem haben. Was also ist der Ausweg? Wo finden wir eine praktikable Methode, um uns aus dem Dilemma zu holen?

Es wird gern behauptet, wir hätten sämtliches Wissen und auch die nötigen Technologien, um zu handeln. Beides müssten wir nur noch anwenden. Doch da habe ich meine Zweifel. Denn wenn dies der Fall wäre – dann hätten wir längst gehandelt.

Mir scheint indes, dass es sich ganz anders verhält. Wenn ich Vorträge halte oder an Universitäten spreche, stelle ich immer wieder fest, dass die Konzepte, Prinzipien und Einsichten der Treibhausgasbuchhaltung fast niemandem vertraut sind. Dabei beschäftigt sich die Treibhausgasbuchhaltung unmittelbar mit dem Kern des Problems. Hier geht es ausschließlich um die Emissionen, um ihre Ursachen und um die Methoden, sie zu reduzieren. Und dies mit wissenschaftlicher Präzision, bis zu den Kommastellen. Das mag sich trocken anhören, doch wie heißt es so schön: Was wir nicht messen oder gar präzise beschreiben können, das können wir auch nicht managen. Und schon gar nicht lösen.

Darum erschreckt es mich regelrecht, dass die Mechanismen und quantitativen Aspekte der Treibhausgasthematik so wenig bekannt sind – obwohl die Treibhausgase doch der Casus knacksus der Klimakrise sind und in der präzisen Beschäftigung mit ihnen der Schlüssel zur Lösung liegt.

Die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre ist für die Klimakrise verantwortlich. Dies und nichts anderes ist der singuläre und wichtigste Faktor, um den wir uns kümmern müssen. Nichtsdestotrotz würde ich – auch nach über einem Jahrzehnt der Berufserfahrung – behaupten, dass es in der Tat noch immer nur sehr wenige Menschen gibt, die sich professionell und unabhängig mit der Entstehung und Vermeidung von Treibhausgasen beschäftigen.

Auf der anderen Seite sehen wir viele wichtige Beiträge zur Klimakrise, sie erreichen uns aus allen Himmelsrichtungen. Bei genauer Betrachtung jedoch befassen sie sich nicht so sehr mit den Ursachen des Problems, dafür umso mehr mit den Auswirkungen.

Womöglich ist es spannender, über die neuesten Waldbrände zu berichten, Wirbelstürme zu zeigen und immer neue Dürren zu konstatieren. Doch damit starren wir lediglich auf unsere eigene Zukunft und verharren in einer Faszination des Schreckens. Keine gute Idee. Aus dieser pubertären Phase sollten wir inzwischen rausgewachsen sein. Denn wenn wir weiter auf das Inferno blicken, während uns das Dach über dem Kopf abbrennt, ist es bald zu spät. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Wir haben nur noch eine Chance, das Ruder herumzureißen. Deutlich gesagt: Nichts oder das Falsche zu tun ist jetzt keine Option mehr.

Angesichts dieser prekären Situation sollten wir es darum als unsere Pflicht ansehen, besser informiert zu sein. Sollten es uns dringend zur Aufgabe machen, die bisherigen Klimaschutzmaßnahmen unter die Lupe zu nehmen, um deren Gefahren und Fallstricke zu erkennen. Und dann sollten wir auch dies tun: offen sein für echte Handlungsalternativen, bereit für jene Schritte, mit denen wir zügig und sicher vorankommen.

In diesem Buch habe ich darum alle wichtigen Aspekte der Treibhausgasproblematik zusammengetragen und lege die entscheidenden Einsichten offen. Mich wundert, dass dies bisher noch nie jemand getan hat: das Einmaleins der Emissionen aus Sicht eines Emissionsexperten erklären und die Säulen des Klimaschutzes somit viel präziser begreifen. Mit diesem Wissen jedoch ergeben sich nicht nur neue Perspektiven. Wir gewinnen auf diese Weise ein anderes Verständnis der Situation und schärfen den Blick für einen transparenten und praktikablen Weg aus der Krise.

Das Buch gliedert sich dafür in vier Teile. Im ersten Kapitel reden wir Klartext. Wo liegen wir derzeit bei den Treibhausgasemissionen? Worauf steuern wir zu? Das zweite Kapitel legt offen, warum es eine Illusion ist, wenn wir glauben, die Emissionen durch unser persönliches Verhalten ausreichend reduzieren zu können. Gefragt ist hier ein Umdenken, im besten Fall ein Engagement auf anderer Ebene. Das dritte Kapitel seziert die marktbasierten Instrumente, mit denen uns die Politik derzeit aus der Misere wirtschaften will: die CO₂-Steuer und den Emissionshandel. Sehen wir uns die Historie dieser beiden Werkzeuge an und messen sie an wissenschaftlichen Standards, wird klar: Im Vergleich zum internationalen Wissensstand steckt Deutschland in der klimapolitischen Steinzeit fest. Und was uns dabei noch immer als Allheilmittel verkauft wird, entpuppt sich als Scheinlösung – mit erheblicher gesellschaftlicher Sprengkraft.

Im letzten Teil des Buches zeige ich schließlich die Möglichkeiten auf, wie wir mit den besprochenen Inhalten und Erkenntnissen umgehen können. Und auch umgehen sollten. Denn wenn wir das Wissen anwenden, zeichnet sich der Weg logisch ab: ein ordnungspolitischer Aufbruch, der uns effektiv aus der Krise führen könnte – praktikabel, sozial und ökonomisch gerecht sowie in Übereinstimmung mit unseren freiheitlichen Grundwerten.

Noch ist es möglich, die Katastrophe abzuwenden. Und auch Sie können dazu beitragen. Nicht jedoch allein, sondern nur gemeinsam mit anderen.

Manche werden es vielleicht nicht gerne hören, doch bei der Klimakrise handelt es sich nicht um eine Modeerscheinung. Auch haben wir es hier nicht mit einer Jugendbewegung zu tun, nicht mit dem Hobby von Klimaaktivisten und auch nicht mit einem politischen Thema. Es geht um Menschenleben, und zwar knallhart. Der Klimawandel wird die Lebensbedingungen auf unserem Planeten so drastisch verändern, dass es für Millionen von Menschen ums nackte Überleben gehen wird. Angesichts dieser Aussicht ist es wohl angemessen, zu sagen, dass wir es jetzt mit einer moralischen Verpflichtung zu tun haben. Wir müssen uns informieren. Wir müssen wissen, was Sache ist. Und dann müssen wir tun, was wir am besten tun können, um uns und allen anderen dieses Schicksal zu ersparen.

Svend Andersen, Vancouver, im Juli 2021