Julie Leuze
Empfindsam erziehen
Tipps für die ersten 10 Lebensjahre
des hochsensiblen Kindes
Copyright Festland Verlag, Wien, 2010
Elektronische Ausgabe, 2015
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Umschlaggestaltung: | Michael Reichmuth, www.mr-grafik.de |
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Satz: | Ulrich Bogun, www.satzservice.de |
ISBN: 978-3-9501765-7-5
»Lieben bedeutet,
einen anderen Menschen so sehen zu können,
wie Gott ihn gemeint hat.«
Fjodor Dostojewski, russischer Schr iftsteller
»Das Kind gehört nicht den Eltern,
sondern nur sich selbst.
Es ist nicht auf die Welt gekommen,
um die Erwartungen seiner Eltern zu erfüllen,
sondern um zu jenem Wesen zu werden,
das in ihm angelegt ist.
Dies zu ermöglichen,
liegt in der Verantwortung der Eltern.«
Remo H. Largo, Professor f ür Kinderheilkunde
Vorwort
Hochsensible Kinder sind ein wenig anders als andere Kinder, und dieses Buch ist ein wenig anders als andere Bücher. Was hochsensible Kinder so besonders macht, das wissen Sie von Ihrem eigenen Nachwuchs – sonst hätten Sie wohl nicht nach diesem Buch gegriffen. Was ›Empfindsam erziehen‹ besonders macht, sind die Mütter und Väter, die dahinter stehen: Eltern hochsensibler Kinder, die mir tiefe Einblicke in ihr Familienleben gewährt haben. Eltern, die mir von den vielfältigen Herausforderungen des familiären Alltags erzählt haben, von den Stärken und Schwächen ihrer Kinder, von kleinen und größeren Problemen und von den Lösungen, die sie dafür gefunden haben.
Diesen Eltern folgt die inhaltliche Ausrichtung des Buches: Was ihnen am Herzen lag, hat auch Eingang in ›Empfindsam erziehen‹ gefunden. Ein Ratgeber von Eltern für Eltern also, in dem die Mütter und Väter ausführlich zu Wort kommen. Dabei habe ich die Ausdrucksweise der Befragten bewusst unverändert gelassen, um größtmögliche Authentizität zu gewährleisten. Verändert wurden lediglich die Namen, so dass die Anonymität der Interviewten bestehen bleibt.
Auf diese Weise möchte ich es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, ermöglichen, von den Erfahrungen anderer Eltern zu profitieren. Denn das ist es, was im Umgang mit hochsensiblen Kindern oft am meisten fehlt: der Austausch mit Müttern und Vätern, denen es genauso geht wie einem selbst. Diese Lücke im Erziehungsalltag möchte ›Empfindsam erziehen‹ schließen.
Wissenschaftlichen Anspruch erhebt das Buch indes nicht, und ebenso wenig sollen bestimmte erzieherische Verhaltensweisen zum Dogma erhoben werden. Für ersteres erscheint mir die Forschungslage noch als zu dünn, und letzteres hieße, die Individualität der Kinder und ihrer Eltern nicht zu verstehen. Deshalb werden Sie hier auch keine klare Definition finden, wann ein Kind als hochsensibel gilt und wann nicht. Denn ebenso
wie andere Kinder auch, sind hochsensible Kinder sehr unterschiedlich: Manche sind extrem geräuschempfindlich, ansonsten aber unauffällig; manche zeigen ihre Sensibilität vor allem im zwischenmenschlichen Bereich; wieder andere vereinen sämtliche Merkmale in sich, die auf einschlägigen Listen zur Hochsensibilität aufgeführt werden. Hochsensibilität kann sich also auf verschiedene Art und Weise zeigen, und so werden Sie Ihr Kind weder in allem, was Sie im Folgenden lesen werden, wiedererkennen, noch werden alle Ratschläge zu Ihrem Kind und Ihnen passen.
Gott sei Dank: Denn Hochsensible sind Individuen wie andere Menschen auch, die weder auf ihre Hochsensibilität reduziert, noch abgewertet, noch auf einen Sockel gehoben werden sollten. Ein hochsensibles Kind drückte es einmal so aus:
»Ich bin doch nicht aus Gold oder Silber. Ihr seid bloß grün und ich bin gelb. Bloß ein bisschen anders.«
Wie Mütter und Väter mit dieser Andersartigkeit umgehen, welche Probleme am häufigsten vorkommen und welche Ratschläge Eltern und Experten dazu bereithalten – das steht in ›Empfindsam erziehen‹.
Bevor es nun endlich losgeht, möchte ich folgenden kompetenten und hilfsbereiten Menschen danken: Rolf Sellin vom HSP–Institut Stuttgart[1], der mir ein wertvoller Gesprächspartner rund um das Thema Hochsensibilität war. Regula Wehlte, die als Heilerzieherin und Erzieherin langjährige Erfahrung mit hochsensiblen Kindern vorweisen kann. Und nicht zuletzt Higu und Michael Körner, Leiter des Wiener Kinderhauses »Liebevoll«, das sich auf besondere Kinder – wie die Körners es nennen – spezialisiert hat. Ihnen und allen befragten Eltern ein herzliches Dankeschön dafür, dass Sie Ihre Erkenntnisse mit mir geteilt haben!
Stuttgart, im Juni 2010
Julie Leuze
Was ist Hochsensibilität?
Hochsensibilität bedeutet ein intensiveres Wahrnehmen und tieferes Verarbeiten von Eindrücken wie Geräuschen, Gerüchen, optischen und taktilen Reizen, von Hitze, Kälte u. ä. All das geht einher mit der Neigung zur Überstimulation, die sich bei Erwachsenen oft in dem Gefühl, gestresst zu sein äußert, sich aber auch in Schlafstörungen und vielfältigen anderen körperlichen Symptomen zeigen kann.
Das Kürzel »HSP« für »highly sensitive person«, also »hochsensible Person«, wurde von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron in ihrem 1996 erschienenen Buch »The Highly Sensitive Person: How to Thrive When The World Overwhelms You« geprägt. Aron ist selbst hochsensibel, was sie während einer Psychotherapie entdeckte – Jahre, bevor sie das Buch schrieb. Seither beschäftigt sie sich im Rahmen ihrer Forschungen und Publikationen intensiv mit dem Thema Hochsensibilität.
Laut Aron sind etwa 15 Prozent der Menschen hochsensibel. In den meisten Fällen ist die Hochsensibilität schon ab der Geburt feststellbar. Zwillingsstudien weisen darauf hin, dass Hochsensibilität vererbt wird. Bereits im Babyalter ist das Gehirn der Hochsensiblen wachsamer, rascher alarmiert und auch auf sehr feine Reiznuancen konzentriert. Das führt dazu, dass HSP schon von Geburt an eine besonders große Informationsdichte registrieren und verarbeiten müssen. Strömen zu viele Reize auf sie ein, reagieren Hochsensible jeden Alters daher empfindlich und häufig überreizt.
Was bedeutet das nun für Eltern und ihre hochsensiblen Kinder?
Am besten beginnen wir bei der Beantwortung dieser Frage ganz am Anfang: beim hochsensiblen Baby.