© 2020 Panizza, Oskar

Herstellung und Verlag: BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

ISBN: 9783752694079

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Denken ist immer eine schlimme Sache.

Oskar Panizza

Oskar Panizza hatte in seinem Stück „Das Liebeskonzil“ drei Dinge zusammengebracht, die 1895 im wilhelminischen Deutschland für einen handfesten Skandal sorgten und dem Autor ein Jahr Zuchthaus wegen Gotteslästerung einbrachten: Gott, den Teufel und die Syphilis.

Genauer gesagt, hatte der deutsche Schriftsteller und ehemalige Nervenarzt die tödliche Lustseuche als eine Art Joint Venture zwischen Gott und Satan dargestellt.

Noch genauer gesagt, handelt „Das Liebeskonzil. Eine Himmelstragödie in fünf Aufzügen“ vom ersten historisch dokumentierten Auftreten der Syphilis im Jahr 1495 in Italien. Sie ist in dem Stück eine göttliche Strafe für das sündhafte, enthemmte sexuelle Treiben der Menschen, was ausdrücklich den (Borgia-)Papst und seine Entourage einschließt.

In einem ersten Impuls will Gott die Menschheit mit Vernichtung strafen. Aber es gibt ein Problem. Der Schöpfer ist mittlerweile so alt und hinfällig, dass er keinen Ersatz mehr schaffen kann. Und von seinem Hofstaat kann`s auch keiner.

Schon gar nicht der asthmatische Jesus, der von jungen Engeln angeschmachtet wird, als sei er Teil einer Boyband. Die intrigante Jungfrau Maria ist da auch keine große Hilfe, weiß aber immerhin, dass es ohne Untertanen nicht läuft für die himmlischen Mächte.

Und hier kommt der Teufel ins Spiel, der noch immer voller (bösem) Schaffensdrang steckt. Sein einziges Handicap ist, dass er seit dem Himmelssturz hinkt, weil der Aufprall einem seiner Beine nicht bekommen ist.

Dennoch weiß er, was zu tun ist, um Menschen zu bestrafen, ohne sie gleich zu vernichten, und sie „erlösungsbedürftig“ und „erlösungsfähig“ bleiben lässt, wie Maria fordert. Sonst könnte der Himmel ja keine Milde walten lassen und Vergebung gewähren.

Um den Menschen den Spaß am wilden sexuellen Treiben zu verderben, erschafft der Teufel eine Lustseuche in Gestalt einer hinreißend schönen und verführerischen Frau und setzt sie in Marsch: die Syphilis.

Erst „besucht“ sie den Papst, dann die Kardinäle und Erzbischöfe und schließlich das „übrige Menschenpack!“

Als Gegenleistung verlangt Satan von Gott eine Reihe von Zugeständnissen. Seine gesellschaftliche Stimmung im Himmel soll verbessert, die Hölle aufwändig renoviert und die Ventilation modernisiert werden. Außerdem ist dies dem Teufel sehr wichtig: „Dann muss Er mir meine Bücher frei drucken lassen, und ihre breiteste Zirkulation im Himmel und auf Erden erlauben.“ Und dann forderte Satan noch „Gedankenfreiheit“.

Das sah allerdings die Justiz und andere Institutionen wie die Kirchen im Kaiserreich ganz anders. An dem schon vorher aufrührerischen Panizza sollte ein Exempel statuiert werden, und so geschah es.

Außer vielleicht Frank Wedekind war im wilhelminischen Deutschland kein anderer Autor so oft das Opfer von Zensur wie Panizza. Keinen anderen verfolgte und bestrafte die Justiz so hart wie ihn. Fast alle seine Bücher wurden schon kurz nach ihrer Veröffentlichung verboten und konfisziert. Um dem zu entgehen, fand Panizza einen Verlag in der Schweiz, der „Das Liebeskonzil“ in drei Auflagen druckte. Später folgte Panizza seinem Hauptwerk ins Schweizer Exil.

Dort wurde er 1898 unter einem fadenscheinigen Vorwand ausgewiesen und wich nach Paris aus, wo er einen Gedichtband verfasste, in dem er kein gutes Haar an Wilhelm II. ließ. Die Folge war ein internationaler Haftbefehl wegen Majestätsbeleidigung. Damit hatten die deutschen Behörden zwar einen Haftbefehl, aber noch lange nicht den Schriftsteller, der sich auch Sven Heidenstamm oder Jules Saint-Froid Sarcasticus nannte.

Um das zu ändern, beschlagnahmten die bayerischen Behörden das Vermögen des Dichters in Deutschland, aus dem er seinen Unterhalt bezog. Schließlich stellte er sich dem Staatsanwalt, wurde auf seinen Geisteszustand untersucht und für unzurechnungsfähig erklärt. Das Gefängnis blieb ihm so erspart, und er reiste zurück nach Paris.

Wenn er sich auch diesmal noch der Maschinerie entziehen konnte, war sie doch in Gang gesetzt. Er entwickelte wahnhafte Vorstellungen, wurde von seiner Mutter gegen seinen Willen entmündigt und starb schließlich in einer Psychiatrie. Die unversöhnliche Familie verweigerte ihm sogar einen Grabstein.

Auch im Deutschen Reich war und blieb Panizza verfemt, eine Aufführung seiner Theaterstücke war undenkbar. Seine Familie weigerte sich, nach Panizzas Tod die Urheberrechte freizugeben, damit sich dies nie änderte. So konnten seine Werke erst in den späten 1960er-Jahren „entdeckt“ werden, weil sie jetzt der Öffentlichkeit zugänglich waren.

Das waren aber erst vergleichsweise kleine Anfänge, mehr passierte dann in den 1980er-Jahren. „Das Liebeskonzil“ wurde in bescheidenem Umfang aufgeführt, und es gab auch einen Film. Der wurde allerdings 1985 von der Tiroler Landesregierung verboten, weil er die christliche Religion beleidige. Panizza war schon lange weg, aber seine Feinde waren immer noch da.

Den Durchbruch zu der Bedeutung, die ihm eigentlich zustand, hat er nie geschafft.

Dabei hatte er schon immer bedeutende Fürsprecher gehabt. Sigmund Freud sah im Liebeskonzil „ein stark revolutionäres Bühnenstück“. Walter Benjamin würdigte Panizza als „häretischen Heiligenbildmaler“. André Breton, der Theoretiker der Surrealisten, schrieb im Vorwort zur französischen Ausgabe des Stücks: „Nie ist der Teufel uns näher gekommen als hier.“

Kurt Tucholsky setzte sich mehrfach nach Panizzas Tod für die Herausgabe von dessen Gesamtwerk ein, scheiterte aber an der Familie. Bewunderer Tucholsky schrieb über Panizza, dieser sei „als er noch bei Verstande war, der frechste und kühnste, der geistvollste und revolutionärste Prophet seines Landes gewesen“.

Theodor Fontane bezeichnete Panizzas Liebeskonzil als „bedeutend“ und schrieb, dem Autor müsse dafür „ein Scheiterhaufen oder ein Denkmal errichtet werden“.

Es ist dann ein Scheiterhaufen geworden ...

Für die vorliegende Ausgabe habe ich Panizzas Stück den heutigen Sprachgewohnheiten angeglichen und durchgehend die neue Rechtschreibung verwendet.

Axel Schnell

Dem Andenken Huttens

„Es ist got gefellig gewesen in unsern tagen kranckheiten zu senden (als wol zu achten ist) die unsern vorfaren unbekant seint gewesen. Da bey haben gesagt die der heiligen geschrift obligen, das die blatteren uss götz zorn kumen seint, und got damit unsere bösen berden straffe und peynige.“

Ulrichen von Hutten eins teutschen Ritters Von den Frantzosen oder blatteren 1519.

„Dic Dea, quae causae nobis post saecula tanta Insolitam peperere luem? ...“

Fracastoro, Syphilis sive de morbo

Gallico. 1509

Vorwort zur dritten Auflage

Der Verfasser ist hinsichtlich dieser dritten Auflage wenige Worte der Aufklärung schuldig. Das Publikum wird sich vielleicht schon gewundert haben, dass diese Dichtung, die doch vom Staatsanwalt konfisziert ist, immer und immer wieder in der Öffentlichkeit erscheint. Es wird sich gewiss schon gedacht haben, dass der Dichter verrückt sei. Dem ist aber nicht so. Das Publikum hat eben gar keine Ahnung von den Umständen, unter denen der Dichter produziert und den Inhalt seiner Inspiration vor die Öffentlichkeit bringt. Es kennt eben nicht jenes Kleinod, welches er allein besitzt und das ihn befähigt, unabhängig von allen sonst etwa in Betracht kommenden Faktoren, nur seiner Inspiration zu folgen und nur sie ganz und voll zum Ausdruck zu bringen: das Gottesgnadentum der Dichter. Das Gottesgnadentum mit seinen schweren Pflichten, seinen niemals endenden, stets andauernden Mühen und Arbeiten, mit seiner furchtbaren Verantwortung vor Gott allein, von der kein Mensch, kein Staatsanwalt, kein Abgeordnetenhaus, kein Volk den Dichter entbinden kann. Es ist dies das Kleinod, welches zwar auch schon früher mehr oder weniger bekannt war, aber doch erst in jüngster Zeit von den Dichtern in voller Klarheit erfasst und auch dem Volke verständlich gemacht wurde. Es wird also gut sein, wenn das Publikum, der Reichstag, die Minister, die Fürsten, der Kaiser, der Staatsanwalt unsere Dichtungen als das hinnehmen, was sie sind, eine von Gott gewollte Sache, und nicht lang fragen oder nörgeln.

Zürich, den 4. September 1897.

Hochachtungsvoll

Oskar Panizza

Dichter von Gottes Gnaden.

Vorspiel

Direktor. Schauspieler. Regisseur. Dichter.

DIREKTOR Die Häuser leer, und leer auch unsre Kassen,

Das Publikum bleibt wie vom Giftschrank fern.

Theaterstücke haben wir in Massen,

Doch diese Stücke hat das Volk nicht gern.

Stets Kladderadatsch, Radau, Erschießenlassen, – Da ist dann meist die Polizei nicht fern – Und Volksgebrüll, verdächtige Späße, Phrasen: Sie halten im Parkett sich zu die Nasen ...

REGISSEUR Ihr müsst nur 'ne Idee damit verbinden.

SCHAUSPIELER Nee, nee! Tendenz! Um Gottes willen nicht!

DIREKTOR Was heißt „Tendenz“?! Lasst mich was Schönes finden!

SCHAUSPIELER Das Schöne schlägt der Wahrheit ins Gesicht.

Streng soll der Dichter an den Stoff sich binden, Und objektiv sich zeigen. Anders nicht!

DIREKTOR auf den Schauspieler weisend Seid Ihr denn „objektiv“ – mit Euren Waden, Perücken, Stelzen, Buckeln und Pomaden?!

SCHAUSPIELER Das ist was Andres! Das ist hohler Schein, Und muss es sein; dafür ist es die Bühne ...

DIREKTOR unwillig

Lasst mich mit Redensarten nur allein! Wenn ich auf dem Kothurne mich erkühne, Dann soll es auch gedichtet danach sein; Und ich will Tränen, Jammer, Schuld und Sühne: Sie sollen im Parterre mir wieder flennen, Und dankbar dann nach Hause kehren können.

SCHAUSPIELER Da weicht Ihr ganz nun von der Regel ab.

DIREKTOR Ich hab' mich nie nach Regeln eingerichtet!

SCHAUSPIELER Da kommt Ihr wieder in den alten Trab.

DIREKTOR Poet ist der, der volle Häuser dichtet!

SCHAUSPIELER Und das Theater wird dann ein Schabab,

Wo jeder nur auf Pathos sich verpflichtet Und Purzelbäume schlägt, Pirouetten, Triller Mit Kraftgejauchze à la Schubart, Schiller.

REGISSEUR Ihr Herrn, mir scheint, der Streit geht schon zu weit.

Es kommt doch darauf an, was man tragieret. Der eine trägt die Kleider eng, der weit,

Weil jeder nur sein Körpermaß tangieret. Lasst jedem, wie's ihn ziert, sein eigen Kleid

Im Übrigen die Rollen gut studieret!

Seht dort den Herrn in seinen langen Falten, Den fragt, und lasst nur seinen Genius walten!

Sie haben alle den in tiefer Meditation begriffenen Dichter erblickt, der, im Hintergrunde vorüberwandelnd, eben an ihnen vorbeischreiten will.

DIREKTOR He, Freund, Ihr kommt wohl Grade vom Parnass?

Ich seh's am Schritt, ich seh's an Eurer Miene; Die Stirne ernst gesenkt, die Wimper nass Ihr spracht gewiss mit Klio, Euphrosyne Und hier der Stil, die Rolle – ohne Spaß, Ihr schreibt ja sonst doch für die deutsche Bühne Darf ich erfahren, was in Eurem Busen Erweckt die wechselvollen, keuschen Musen?

DICHTER trocken

Ich komm' vom Brauhaus grad – Ihr Herrn, verzeiht!

Es ist das sonst nicht meine Lieblingsstätte; Weit lieber weilt' ich in der Einsamkeit, Wo sich mein Geist wohl reich befruchtet hätte Nur um 'nen Stoff zu suchen, wie's gebeut Die Mode jetzt, trank ich dort um die Wette Doch mitten aus der dampferfüllten Stelle Trieb's mich im Geiste fort zu Himmel, Hölle ... Was um mich herging, nicht vernahm's mein Ohr, Entrückt war ich in weltentfernte Weiten, Nur dumpf vernahm ich der Berauschten Chor, Dieweil ich kniete vor Dreieinigkeiten ...

ALLE DREI stürzen auf ihn los. Ihr schriebt ein Stück!

SCHAUSPIELER Die Hölle kommt drin vor!?

DIREKTOR