Über das Buch

Trump im Visier der Journalistenlegende: Ein Präsident zwischen Corona und Wirtschaftskrise, zwischen unbeirrbaren Anhängern und neuem Widerstand

Donald Trump hat die USA in eine tiefe Krise geführt. Die Corona-Pandemie, deren Gefahr er bewusst runterspielte, legt offen, welche Wunden seine Präsidentschaft gerissen hat. Nun stehen Gesundheitssystem und Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs. Wie reagiert der US-Präsident auf die Krise? Bob Woodward hat in den vergangenen Monaten 18 Interviews mit dem Präsidenten geführt, mit Mitarbeitern und Opponenten gesprochen, Mails, Tagebücher und vertrauliche Briefe ausgewertet, um das Portrait eines Mannes zu zeichnen, der zwischen Verdrängung, Angriff und Momenten des Zweifels schwankt. Eine bahnbrechende, scharfsichtige, intime Reportage: das bleibende Buch über Trumps Präsidentschaft.

Inhalt

Persönliche Notiz des Autors

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Epilog

Dank

Hinweis

Quellennachweise

Register

Dem Andenken an Alice Mayhew, die im Verlauf von 44 Jahren jedes einzelne meiner bisher 19 Bücher lektoriert hat und mir ein Leben lang mit Weisheit und Liebe zugetan war. Und dem Andenken an Carolyn Reidy, unsere verehrte und zuverlässige Kapitänin bei Simon & Schuster. Ich vermisse sie beide.

Und für die nächste Generation:

Diana Woodward

Tali Woodward

Schwiegersohn Gabe Roth

Enkelkinder Zadie und Theo

Persönliche Notiz des Autors

Evelyn M. Duffy hat mir inzwischen in dreizehn Jahren bei sechs Büchern über vier Präsidenten geholfen. Sie ist eine bemerkenswerte Frau mit Tiefgang und Integrität und der festen Überzeugung, dass jeder zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Auch und vor allem ich. Sie ist ein Organisationsgenie und hat sozusagen mehrfache Doktorwürden in den Bereichen Präsidentschaft, Regierung, Journalismus und modernes Leben erworben. Sie beharrte darauf, dass jeder in diesem Buch so fair wie möglich behandelt werden sollte. Auch Präsident Trump. Sie behielt diese Forderung im Blick und arbeitete unermüdlich an ihrer Erfüllung. Fröhlich und authentisch, wie sie ist, hat sie die Energie von einem halben Dutzend Menschen. Als ihrem nur nominellen Chef ist mir klar, dass solches Engagement sich weder einfordern noch erkaufen lässt. Es ist etwas, das sie nur verschenken konnte. Und das tat sie. Für Evelyn ist das ein Way of Life. Wieder einmal half sie mir als Mitarbeiterin und — mit ihrer ganzen Geisteshaltung und ihrem hohen Einsatz — als Co-Autorin.

Steve Reilly fing vor einem knappen Jahr an, mit Evelyn und mir zu arbeiten. Er ist einer der am härtesten arbeitenden Menschen, die mir je begegnet sind. »Stört es Sie, wenn ich am Sonntag komme und arbeite?«, war eine häufig gestellte Frage. »Okay«, erwiderte ich dann, ohne zu zögern. Er verleiht dem Archetyp des hartnäckigen, unermüdlichen Investigativreporters, der die ganze Nacht im Newsroom verbringt, neues Leben und neue Bedeutung. Er besitzt ein sanftes und angenehmes Auftreten und ist dabei trotzdem knallhart. Er besteht darauf, alles zu verifizieren. Es gibt kein Faktum und keine Nuance, die er ungecheckt durchgehen ließe. Steve gehörte fünf Jahre zum Investigativteam von USA Today und 2017 zu den Finalisten des Pulitzer-Preises für Investigative Reportage. Integrität, Liebenswürdigkeit und Kreativität liegen in seiner Natur. Er ist wahrlich einer, der nach der Wahrheit gräbt und sucht. Ich danke ihm für seinen unermesslichen Beitrag zu diesem Buch. Ihm steht eine große Zukunft im Journalismus bevor, denn ich weiß, wie sehr er dieses Handwerk liebt.

»Ich provoziere Wut. Ich provoziere tatsächlich Wut. Das hab ich schon immer getan. Keine Ahnung, ob das ein Vorteil oder eine Belastung ist, aber was auch immer es ist, ich tue es.«

Präsidentschaftskandidat Donald J. Trump in einem Interview mit Bob Woodward und Robert Costa am 31. März 2016 im Old Post Office Pavilion des Trump International Hotel, Washington, D. C.

»Damals haben Sie uns gesagt: ›Ich provoziere Wut. Ich provoziere tatsächlich Wut. Das hab ich schon immer getan. Keine Ahnung, ob das ein Vorteil oder eine Belastung ist, aber was auch immer es ist, ich tue es.‹ Ist das wahr?«

»Ja«, sagte Trump. »Manchmal. Ich schaffe mehr, als andere Leute in der Lage sind zu schaffen. Und das kann meine Gegner manchmal ärgern. Sie betrachten mich anders, als sie andere Präsidenten betrachten. Viele andere Präsidenten, über die Sie geschrieben haben, haben nicht viel geschafft, Bob.«

Präsident Donald J. Trump in einem Interview mit Bob Woodward für dieses Buch, 22. Juni 2020

Prolog

Während der täglichen Topsecret-Besprechung des Präsidenten am Nachmittag des 28. Januar 2020, einem Dienstag, kam im Oval Office der Ausbruch eines mysteriösen Virus zur Sprache, das Symptome hervorrief, die einer Lungenentzündung ähnelten. Beamte des Gesundheitswesens und Präsident Trump persönlich erklärten der Öffentlichkeit, dass dieses Virus ein geringes Risiko für die Vereinigten Staaten bedeute.

»Dies wird die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit sein, der Sie sich in Ihrer Präsidentschaft stellen müssen«, erklärte der Nationale Sicherheitsberater Robert O’Brien dem Präsidenten. Damit vertrat er so entschieden und heftig wie nur möglich einen erschütternd gegensätzlichen Standpunkt.

Trump schreckte auf. Dann stellte er Beth Sanner, der Hauptreferentin für die Geheimdienste, einige Fragen. Sie sagte, China sei besorgt und die Geheimdienst-Community werde die Sache beobachten, aber es sehe so aus, als würde es nicht annähernd so ernst wie beim tödlichen Ausbruch des Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS) 2003.

»Das wird die härteste Sache, mit der Sie konfrontiert werden«, beharrte von seinem Platz am Resolute Desk aus O’Brien, dem durchaus bewusst war, dass Trump noch mitten in seinem Impeachment-Verfahren im Senat steckte, das zwölf Tage zuvor begonnen hatte und seine Aufmerksamkeit beanspruchte. O’Brien glaubte, Sicherheitsberater müssten versuchen, um Ecken zu schauen, weil es ihre Pflicht sei, vor einer drohenden Katastrophe zu warnen. Und dieses Problem war dringend. Nicht irgendein geopolitisches Thema, das vielleicht erst in drei Jahren akut würde. Dieses Virus konnte sich in den USA sehr schnell ausbreiten.

O’Brien, 53, Jurist, Autor und ehemaliger Unterhändler bei internationalen Geiselnahmen, war Trumps vierter Nationaler Sicherheitsberater. Er besetzte diese Schlüsselstelle erst seit vier Monaten und hielt sich selbst nicht für jemanden, der mit der Faust auf den Tisch schlug. Aber er war geradezu leidenschaftlich davon überzeugt, dass der Ausbruch der Krankheit eine echte Gefahr darstellte.

»Ich stimme dieser Schlussfolgerung zu«, sagte Matt Pottinger, der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater, von einer Couch weiter hinten im Oval Office aus. Trump wusste, dass der 46-jährige Pottinger, der seit drei Jahren, also seit Beginn von Trumps Präsidentschaft, dem Nationalen Sicherheitsrat angehörte, auf einzigartige Weise, um nicht zu sagen, perfekt dafür qualifiziert war, so eine Einschätzung abzugeben.

Seine Warnung besaß Autorität und großes Gewicht. Pottinger hatte sieben Jahre in China gewohnt und war während des SARS-Ausbruchs dort Reporter für das Wall Street Journal gewesen. Als China-Experte sprach er fließend Mandarin.

Der umgängliche, weltlichen Dingen nicht abgeneigte Workaholic Pottinger war auch ein dekorierter ehemaliger Geheimdienstoffizier der Marines gewesen und hatte auf dem Höhepunkt dieser Laufbahn als Co-Autor an einem einflussreichen Bericht über die Unzulänglichkeiten der US-Geheimdienste mitgeschrieben.

Pottinger wusste aus erster Hand, dass die Chinesen Meister darin waren, ein Problem zu verschleiern und zu verheimlichen. Er hatte mehr als dreißig Storys über SARS geschrieben und darüber, wie die Chinesen bewusst monatelang Informationen über den Schweregrad der Krankheit zurückgehalten und deren Verbreitung heruntergespielt hatten. Dieser unsachgemäße Umgang hatte SARS erlaubt, sich rund um den Globus auszubreiten. Das Journal hatte Pottingers Arbeit für einen Pulitzer-Preis eingereicht.

»Was wissen Sie?«, fragte Trump Pottinger.

Pottinger sagte, er habe in den vergangenen vier Tagen am Telefon gehangen, um Ärzte in China und Hongkong anzurufen, mit denen er in Verbindung geblieben war und die etwas von der Materie verstanden. Er hatte auch die chinesischen sozialen Medien beobachtet.

»Wird es so schlimm werden wie 2003?«, hatte er einen seiner Gesprächspartner in China gefragt.

»Denken Sie nicht an SARS 2003«, hatte der Experte erwidert. »Denken Sie an die Grippeepidemie von 1918

Pottinger sagte, das habe ihn umgehauen. Die sogenannte Spanische Grippe von 1918 hatte geschätzte fünzig Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet, davon 675.000 in den Vereinigten Staaten.

»Warum glauben Sie, dass es schlimmer wird als 2003

Pottingers Gesprächspartner erklärten dem Präsidenten, dass drei Faktoren die Übertragung der neuen Erkrankung dramatisch beschleunigten. Im Gegensatz zu den offiziellen verklausulierten Berichten der chinesischen Regierung bekamen die Menschen die Krankheit auch leicht von anderen Menschen, nicht nur von Tieren. Man spricht hier von der Verbreitung von Mensch zu Mensch. Noch an jenem Morgen hatte er erfahren, dass sie auch von Menschen verbreitet wurde, die keinerlei Symptome zeigten, was man asymptomatische Verbreitung nennt. Sein bester und verlässlichster Informant sagte, fünfzig Prozent der Infizierten würden keine Symptome aufweisen. Dies bedeutete einen einmaligen Gesundheitsnotstand, ein Virus außer Kontrolle mit einer riesigen Verbreitung, die nicht sofort nachweisbar war. Und die Krankheit hatte sich schon weit über das chinesische Wuhan hinaus, wo der Ausbruch anscheinend begonnen hatte, ausgebreitet. Für Pottinger waren dies die drei Alarmzeichen eines Flächenbrandes.

Am beunruhigendsten fand Pottinger, dass die Chinesen Wuhan, eine Stadt mit elf Millionen Einwohnern und größer als jede amerikanische Stadt, im Grunde genommen unter Quarantäne gestellt hatten. Die Menschen konnten innerhalb Chinas beispielsweise nicht mehr von Wuhan nach Peking reisen. Aber Reisen von China in den Rest der Welt, darunter auch in die USA, hatte man nicht unterbunden. Das bedeutete, dass ein hochinfektiöses und zerstörerisches Virus wahrscheinlich bereits still und leise in Amerika eindrang.

»Was tun wir dagegen?«, fragte der Präsident.

Reisen von China in die Vereinigten Staaten verbieten, sagte Pottinger.

Er war sich sicher, dass die Aussagen seiner Informanten auf soliden Fakten und nicht auf Spekulation basierten. Er hatte eine eingehende Untersuchung des neuen Virus angestoßen. Der erste Fall außerhalb Chinas war am 13. Januar in Thailand gemeldet worden. Eindeutig breitete sich das Virus von Mensch zu Mensch aus.

Spitzenbeamte der Centers for Disease Control (CDC), der obersten staatlichen Gesundheitsbehörde, hatten Pottinger ebenfalls zunehmend alarmiert berichtet, dass sie seit Wochen versucht hätten, die besten Geheimdienstagenten des Epidemic Intelligence Service nach China zu schicken, damit sie herausfänden, was dort los sei. Doch die Chinesen hätten gemauert und sich geweigert, zu kooperieren und Proben des Virus herzugeben, wie internationale Abkommen es vorsahen.

Der Chef der chinesischen Gesundheitsbehörde habe bei einem Telefonat wie eine Geisel geklungen, und der chinesische Gesundheitsminister habe ebenfalls amerikanische Unterstützung abgelehnt.

Pottinger kam das bekannt vor. Am Wochenende des 24. bis 26. Januar erhöhte er die Frequenz seiner Telefonate. »Nach diesem Wochenende standen mir die Haare zu Berge«, sagte Pottinger im Vertrauen.

Mehrere Angehörige der chinesischen Elite, die gute Beziehungen zur Kommunistischen Partei und zur Regierung unterhielten, gaben zu verstehen, dass China ein teuflisches Ziel im Sinn haben könnte: »China wird nicht allein darunter leiden.« Wäre China das einzige Land mit Masseninfektionen im Ausmaß der Pandemie von 1918, dann würde das massive wirtschaftliche Nachteile bedeuten. Das war nur ein Verdacht, aber einer von Leuten, die das Regime am besten kannten. Eine schreckliche Vorstellung. Pottinger, ein Falke in Bezug auf China, war außerstande, Chinas Absichten in der einen oder anderen Richtung einzuschätzen. Höchstwahrscheinlich war die Krankheit versehentlich ausgebrochen. Aber er war sich sicher, dass den USA ein noch nie da gewesener Angriff auf die öffentliche Gesundheit bevorstand. Und Chinas Mangel an Transparenz würde alles noch schlimmer machen. Bei SARS hatten die Chinesen ungeheuerlicherweise den Ausbruch einer gefährlichen neuen Infektionskrankheit drei Monate lang verheimlicht.

Drei Tage später, am 31. Januar, erließ der Präsident Einschränkungen für Reisende aus China, was eine Reihe seiner Kabinettsmitglieder missbilligten. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich bei ihm gerade auf alles andere als auf ein Virus: auf den bevorstehenden Super Bowl, auf das Technologie-Desaster bei den Demokratischen Vorwahlen in Iowa, auf seine Rede zur Lage der Nation und, am allerwichtigsten, auf das Impeachment-Verfahren im Senat. Wenn die hochansteckende, durch das neuartige Coronavirus ausgelöste Atemwegserkrankung, auch Covid-19 genannt, bei Anlässen zur Sprache kam, wo er die Gelegenheit hatte, zu einer großen Zahl von Amerikanern zu sprechen, dann versicherte Trump der Öffentlichkeit weiterhin, man habe nur ein geringes Risiko zu gewärtigen.

»Wie besorgt sind Sie wegen des Coronavirus?«, fragte ihn Sean Hannity von Fox am 2. Februar bei einem Interview kurz vor Ende eines Spiels im Vorfeld des Super Bowl. Hauptsächlich ging es dabei allerdings darum, wie unfair das Impeachment wäre, sowie um seine demokratischen Gegner 2020.

»Wir haben das gegen ein Eindringen aus China ziemlich gut abgeschottet«, sagte Trump. Einer Art präsidentieller Tradition vor dem Spiel folgend, bescherte das Interview dem so umstrittenen wie beliebten Talkshow-Gastgeber die größte Zuschauermenge aller Zeiten. »Wir bieten gewaltige Hilfen an. Wir haben die Besten der Welt dafür … Aber wir können nicht Tausende von Menschen brauchen, die zu uns kommen und vielleicht dieses Problem, das Coronavirus, haben.«

Am Morgen hatte sogar der Nationale Sicherheitsberater O’Brien, der nur wenige Tage zuvor die unheilvolle Warnung ausgesprochen hatte, bei »Face the Nation« in CBS gesagt: »Im Moment gibt es für Amerika keinen Grund, in Panik zu geraten. Wir denken, dass das in den Vereinigten Staaten eine Sache mit geringem Risiko ist.«

Zwei Tage später, am 4. Februar, schalteten knapp vierzig Millionen Amerikaner ein, um sich die alljährliche Rede des Präsidenten zur Lage der Nation anzusehen, das von der Verfassung vorgegebene Update vor dem Kongress zu den drängendsten Problemen des Landes. Die Rede bietet einem Präsidenten den Moment größter Sichtbarkeit, um Themen von hoher Wichtigkeit anzusprechen. Etwa in der Mitte seiner überlangen Rede erwähnte Trump das Coronavirus in einem kurzen Absatz. »Amerikas Gesundheit zu schützen, das bedeutet auch, gegen Infektionskrankheiten zu kämpfen. Wir koordinieren uns mit der chinesischen Regierung und arbeiten eng zusammen gegen den Ausbruch des Coronavirus in China«, sagte Trump. »Meine Regierung wird alle notwendigen Schritte unternehmen, um unsere Bürger vor dieser Bedrohung zu schützen.«

Die Warnung, die er selbst erhalten hatte, teilt er der Öffentlichkeit allerdings nicht mit.

Als ich den Präsidenten später zu der Warnung von O’Brien befragte, sagte er, dass er sich nicht genau daran erinnere. »Aber sicher hat er es gesagt«, meinte Trump. »Ein netter Kerl.«

Und in einem Interview mit Präsident Trump am 19. März, also sechs Wochen bevor ich von O’Briens und Pottingers Warnungen erfuhr, sagte der Präsident, seine Äußerungen während der frühen Wochen des Virus seien absichtlich so ausgerichtet gewesen, keine Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

»Ich wollte es immer herunterspielen«, erklärte Trump mir gegenüber. »Ich spiele es immer noch gern runter, weil ich keine Panik erzeugen will.«

Am Freitag, den 7. Februar 2020, rief Trump mich gegen 21 Uhr an. Da er zwei Tage zuvor im Impeachment-Verfahren des Senats freigesprochen worden war, erwartete ich, dass er gut gelaunt sein würde.

»Wir haben da gerade einen kleinen interessanten Rückschlag mit diesem Virus in China«, sagte er. Er hatte am Vorabend mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping gesprochen.

»Einen Rückschlag?« Es wunderte mich, dass er sich Gedanken um das Virus und nicht über seinen Freispruch machte. Zu dem Zeitpunkt gab es nur zwölf bestätigte Fälle in den USA. Den ersten Bericht über einen Coronatoten in den Vereinigten Staaten sollte es erst in drei Wochen geben. Bisher war es in den Nachrichten immer nur um das Impeachment gegangen.

Die Chinesen seien sehr fixiert auf das Virus, sagte Trump.

»Ich denke, dass das in zwei Monaten mit der Hitze verschwinden wird«, sagte Trump. »Wissen Sie, wenn es heißer wird, dann tötet das das Virus eher. Na ja, man hofft es.«

Er fügte noch hinzu: »Wir haben uns ausführlich darüber ausgetauscht. Aber wir haben ein gutes Verhältnis. Ich glaube, wir können uns gut leiden.«

Ich erinnerte den Präsidenten daran, was er mir in früheren Interviews für dieses Buch erzählt hatte: dass er Präsident Xi hart wegen dessen »Made in China 2025«-Plan angegangen war, mit dem die USA überholt werden und China der weltweit führende Hersteller von Hightech-Produkten in zehn Industrien werden sollte, angefangen bei fahrerlosen Autos bis hin zur Biomedizin. »Das ist sehr beleidigend für mich«, hatte Trump zu Xi gesagt. Der Präsident hatte auch mit grimmigem Stolz angekündigt, er werde »China im Handel die Hölle heißmachen« und dafür sorgen, dass Chinas jährliches Wirtschaftswachstum sinke.

»Na ja, wir hatten ein paar Auseinandersetzungen«, gab Trump zu.

Und was hatte Präsident Xi am Vortag gesagt?

»Ach, wir haben hauptsächlich über das Virus geredet«, sagte Trump.

Warum, fragte ich mich, »hauptsächlich«?

»Und ich denke, er wird es ganz gut in den Griff kriegen«, sagte Trump, »aber wissen Sie, das ist eine sehr knifflige Situation.«

Was sie so »knifflig« mache?

»Es kommt durch die Luft«, sagte Trump, »das ist immer schwieriger als über Berührung. Man muss Sachen nicht anfassen. Stimmt’s? Aber die Luft. Man atmet nur die Luft, und so wird es übertragen. Und deshalb ist es sehr knifflig. Das ist ein sehr schwieriges Ding. Es ist auch noch tödlicher als die schlimmste Grippe.«

»Tödlich« war ein sehr starkes Wort. Hier ging offenbar etwas vor sich, womit ich mich noch nicht intensiv beschäftigt hatte. In den kommenden Monaten sollte ich Reisen nach Florida und an die Westküste unternehmen, ohne mir der zunehmenden Pandemie bewusst zu sein. Zu jenem Zeitpunkt wusste ich auch noch nicht, dass O’Brien dem Präsidenten gesagt hatte, dass das Virus »die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit sein wird, der Sie sich in Ihrer Präsidentschaft stellen müssen«. Ich hatte auch noch niemand fordern gehört, dass die Amerikaner ihr Verhalten ändern müssten, außer nicht mehr nach China zu reisen. Die Amerikaner gingen ihrem Alltag nach, was unter anderem über sechzig Millionen Inlandsflüge allein in jenem Monat umfasste.

Bei unserem Telefonat verfügte Trump über erstaunliche Detailkenntnis über das Virus.

Er fuhr fort, es sei »pretty amazing« und tödlicher als die Grippe. Vielleicht fünfmal so tödlich.

»Das ist tödliches Zeug«, wiederholte Trump. Er lobte Präsident Xi. »Ich denke, er wird einen guten Job machen. Er hat in Rekordzeit mehrere Krankenhäuser gebaut. Die wussten, was sie tun. Sie sind sehr gut organisiert. Und wir werden sehen. Wir arbeiten mit ihnen zusammen. Wir schicken ihnen Sachen, Ausrüstung und so weiter. Und das Verhältnis ist sehr gut. Viel besser als vorher. Wegen dem [Handels-]Deal war es belastet.«

Mein erstes Buch über seine Präsidentschaft, Furcht: Trump im Weißen Haus, war siebzehn Monate vor diesem Telefonat am 7. Februar erschienen. Furcht schilderte Trump als einen »emotional überreizten, sprunghaften und unberechenbaren Staatschef«, der eine Regierungskrise und einen »Nervenzusammenbruch der politischen Exekutive des mächtigsten Landes der Welt« ausgelöst hatte.

Während einer Fernsehdiskussion über Furcht fragte man mich nach meinem Fazit über Trumps Führungsqualitäten. »Lassen Sie uns bei Gott hoffen, dass wir keine Krise bekommen«, hatte ich damals gesagt.

Trump hatte Interviews für Furcht abgelehnt. Allerdings erklärte er Mitarbeitern immer wieder, er wünschte, er hätte mit mir kooperiert. Und so willigte er in Interviews für dieses Buch ein. Am 7. Februar fand unser sechstes von insgesamt siebzehn Interviews statt.

Ich fragte: »Wie sieht der Plan für die nächsten acht bis zehn Monate aus?«

»Es einfach gut machen«, erwiderte Trump, »es einfach gut machen. Das Land gut führen.«

»Helfen Sie mir, ›gut‹ zu definieren«, sagte ich.

»Wissen Sie«, sagte Trump, »wenn Sie ein Land führen, steckt das voller Überraschungen. Da ist Sprengstoff hinter jeder Tür.«

Vor Jahren hatte ich einmal einen ähnlichen Ausdruck gehört. Streitkräfte benutzten ihn, um die Gefahren und die nervenzehrenden Emotionen bei der Durchsuchung von Häusern in einer Kampfzone zu beschreiben.

Bei Trump überraschte mich, dass er von »Sprengstoff hinter jeder Tür« sprach. Anstatt optimistisch, Beifall heischend oder wütend wie sonst zu sein, klang der Präsident ahnungsvoll, wenn nicht sogar verunsichert, ja fast unerwartet fatalistisch.

»Man will sagen, gut, aber dann passiert was«, fuhr Trump fort. »Boeing passiert zum Beispiel. Boeing war das großartigste Unternehmen der Welt, und plötzlich macht es einen großen, großen Fehltritt. Und das schadet dem Land.« Boeing ist immer noch von den Problemen mit seiner 737-MAX aus der Bahn geworfen. Nach zwei aufeinanderfolgenden Abstürzen innerhalb von fünf Monaten in Indonesien und Äthiopien, bei denen alle 346 Menschen an Bord ums Leben kamen, wurde das Flugzeug 2019 mit einem Startverbot belegt.

»General Motors ist im Streik«, sagte Trump und nannte damit ein anderes Beispiel. Knapp 50.000 Arbeiter des Autoherstellers hatten im Herbst 2019 vierzig Tage lang gestreikt. »Das hätten sie nicht machen sollen. Die hätten in der Lage sein sollen, das beizulegen. Aber sie konnten es nicht. Sie streiken. Hunderttausende von Leuten arbeiten nicht. Lauter solche Sachen passieren. Und du musst es gut machen.«

»Da ist Sprengstoff hinter jeder Tür« schien das selbstkritischste Statement über das Wagnis, den Druck und die Verantwortung der Präsidentschaft zu sein, das ich je in der Öffentlichkeit oder im Privaten von Trump gehört hatte.

Die unerwartete Botschaft dieses Anrufs war aber auch sein detailliertes Wissen über das Virus und dass er es als so tödlich schilderte. Und zwar so früh im Februar, d.h. über einen Monat bevor es begann, ihn, seine Präsidentschaft und die Vereinigten Staaten zu erfassen. Das war ein ganz anderer Ton als der, den er sonst öffentlich anschlug.

Die Einzelheiten seines Telefonats mit Xi waren besorgniserregend. Erst später erfuhr ich, dass viel mehr verheimlicht worden war: dass seine Spitzenberater aus dem Nationalen Sicherheitsrat im Weißen Haus ihn vor der bevorstehenden Katastrophe in den USA gewarnt hatten und der Überzeugung gewesen waren, dass man China und Xi nicht trauen könne; dass seine höchsten Berater für das Gesundheitswesen verzweifelt versucht hatten, ihr Medizinerteam zu Ermittlungen nach China zu schicken; dass Trump Xi Hilfe angeboten hatte und persönlich abgewiesen worden war.

Xi verheimlichte viel. Trump auch.

Wer war verantwortlich dafür, dass die amerikanische Öffentlichkeit nicht vor der heraufziehenden Pandemie gewarnt wurde? Wo kam es zum Versagen? Welche Führungsentscheidungen fällte Trump, welche unterließ er in den entscheidenden ersten Wochen? Ich sollte Monate brauchen, um Antworten auf diese Fragen zu bekommen.

Nachdem ich Furcht geschrieben hatte, dachte ich, die mögliche Krise, die ich befürchtete, würde sich in der Außenpolitik ereignen, wo Trump über die geringste Erfahrung verfügte und die größten Risiken einging. Als ich deshalb im letzten Jahr, deutlich vor Auftreten des Virus, mit der Arbeit an diesem Buch begann, beschloss ich, mir das National Security Team noch einmal und genauer anzusehen. Das hatte Trump in den ersten Monaten nach seiner Wahl 2016 rekrutiert und aufgebaut.

Jetzt erkenne ich, dass Trumps Umgang mit dem Virus — zumindest bisher die mit Sicherheit größte Herausforderung für ihn und seine Präsidentschaft — die Instinkte, Gewohnheiten und den Stil widerspiegelt, die er sich in den ersten Jahren als Präsident bzw. im Lauf seines Lebens zugelegt hat.

Eine der großen Fragen jeder Präsidentschaft lautet: Wie wird sie enden? Aber ebenso wichtig ist die Frage: Wie hat sie begonnen? Deshalb nehmen wir uns diese zuerst vor.

Eins

Kurz vor dem Feiertag an Thanksgiving 2016 sah der pensionierte General James Mattis einen Anruf von einer unbekannten Nummer aus Indiana auf dem Bildschirm seines Mobiltelefons aufleuchten. Da er niemanden von dort kannte, ignorierte er ihn.

Er arbeitete ehrenamtlich bei der örtlichen Tri-Cities-Tafel in Richland im Staat Washington, dem Ort seiner Kindheit am Columbia River, wo seine Mutter und sein Bruder noch immer lebten.

Als ein zweiter Anruf aus Indiana einging, nahm er ab.

»Hier spricht Mike Pence

Mattis kannte keinen Mike Pence, aber es dämmerte ihm schnell, dass er mit dem designierten Vizepräsidenten sprach.

Der designierte Präsident würde gerne mit Ihnen über den Posten des Verteidigungsministers reden, sagte Pence.

Ich berate ihn gerne, sagte Mattis, stehe jedoch nicht zur Wahl zur Verfügung. Um die strenge zivile Kontrolle aufrechtzuerhalten, ist es jedem, der innerhalb der letzten sieben Jahre Militäroffizier war, untersagt, als Verteidigungsminister anzutreten. Die einzige Ausnahmebewilligung erhielt 1950 George Marshall, der im Zweiten Weltkrieg als General gedient hatte und ein Nationalheld war.

In Anbetracht der erbitterten parteipolitischen Spaltung in Washington konnte Mattis sich nicht vorstellen, dass die Demokraten im Kongress eine solche Ausnahmebewilligung unterstützen würden.

Doch Mattis wollte gerne mit Trump reden und war bereit, an die Ostküste zu fliegen. Er wollte Trump davon überzeugen, seine Positionen zur NATO und zur Folter zu überdenken. Trump hatte das Militärbündnis als »obsolet« bezeichnet und versprochen, er würde die »erweiterten Verhörtechniken« für Terrorverdächtige wieder einführen, die von Präsident Barack Obama abgeschafft worden waren. Mattis dachte, Trump läge in beiden Fällen falsch.

Einer Sache war sich Mattis sicher: Den Posten wollte er nicht. Mattis hatte sich den US-Marines mit Leib und Seele verschrieben, nicht jedoch Washington, D. C. Von 2010 bis 2013 war Mattis Oberbefehlshaber des Zentralkommandos der Vereinigten Staaten im Mittleren Osten (U. S. Central Command, CENTCOM), wo er für die Kriege im Irak und in Afghanistan zuständig war. Aufgrund seines aggressiven Auftretens gegenüber dem Iran während Obamas Verhandlungen über ein Atomabkommen mit dem Land wurde er von Obama entlassen.

Kurz nach seinem Eintreffen in Trumps Golfclub in Bedminster, New Jersey, am Samstag, dem 19. November, wurde Mattis zu einer informellen Zusammenkunft geleitet, bei der Trump, Pence, Chefstratege Steve Bannon, Ivanka Trump und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner am Tisch saßen.

Mattis hatte das stoische Äußere eines Marine und eine auffallend steife Haltung, doch sein freundliches, offenes und einladendes Lächeln vermochte es, dies abzumildern.

Gleich zu Beginn stellte Trump den Wert der NATO in Frage, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von zehn europäischen Staaten, den USA und Kanada als Schutzwall gegen sowjetische Aggressionen gegründet worden war. 2016 umfasste sie 28 Mitgliedstaaten.

Die anderen NATO-Länder, diese europäischen Bündnispartner, ziehen uns über den Tisch, sagte Trump. Die Vereinigten Staaten bräuchten die NATO nicht. Wir zahlen, und sie werden beschützt. Wir überlassen ihnen unser letztes Hemd, und sie geben uns nicht genug dafür.

Nein, insistierte Mattis, wenn es die NATO nicht gäbe, müssten wir sie erfinden und aufbauen, weil wir sie dermaßen dringend brauchen. Sie wissen doch, wie man ein großes, hohes Gebäude baut? So würden Sie auch die NATO bauen.

Hä?, sagte Trump.

Es waren die NATO-Staaten, die sich verpflichtet haben, einen Angriff gegen einen als Angriff gegen alle anzusehen, die nach den Anschlägen auf Ihre Heimatstadt New York in den Krieg zogen, rief Mattis ihm in Erinnerung. Nach den Terroranschlägen gegen die USA am 11. September wurden NATO-Truppen nach Afghanistan entsandt. Einige der Länder haben mehr Männer pro Einwohner in Afghanistan verloren als wir. Sie haben Blut gelassen.

Gewiss, sie müssen mehr tun, sagte Mattis. Sie haben völlig recht, sie müssen einen höheren Anteil ihres Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung aufwenden. Sie haben völlig recht damit, sie unter Druck zu setzen. Wir müssen ihnen klarmachen, dass wir amerikanischen Eltern nicht mehr erzählen können, sie müssten sich mehr darum sorgen, europäische Kinder zu beschützen, als es die Europäer selbst tun.

Aber, fuhr Mattis fort, die NATO hielt im Kalten Krieg so lange Stellung gegen die sowjetischen Aggressionen, bis die Sowjetunion an ihren internen Zerfallserscheinungen zugrunde gegangen ist. Die NATO hat einen realen Krieg in Europa verhindert. Wir brauchen die NATO.

Zu Mattis’ Überraschung wandte Trump nichts dagegen ein. Er schien zuzuhören.

Wenig später äußerte der designierte Präsident seine Zustimmung zur Folter als der schnellsten Methode, um an Informationen von gefangenen Terroristen zu gelangen.

Mattis wollte keine Zeit damit vergeuden, den Ursprung seiner persönlichen Philosophie zu erklären. Er hatte sich den Ansichten von General John Lejeune verschrieben, dem legendären General, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und häufig als bedeutendster Marine aller Zeiten beschrieben wird. Lejeune glaubte, die Korps müssten nicht nur effiziente Kämpfer ausbilden, sondern sie als bessere Bürger wieder in die Gesellschaft entlassen. Menschen zu foltern, davon war Mattis überzeugt, führe zu seelischen Schäden und bringe grausame Menschen hervor. Das untergrabe die moralische Autorität des Landes.

Stattdessen sagte er zu Trump nur: »Wir müssen anerkennen, dass uns Folter schadet. Mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette bekommt man genauso viel aus ihnen heraus.«

Trump hörte aufmerksam zu, und Mattis war erneut überrascht.

Als Nächstes war der Geheimdienst an der Reihe, ebenfalls ein Thema, das Trump im Wahlkampf kritisiert hatte.

»Wir haben die besten Spione der Welt«, sagte Mattis. »Wahrscheinlich bin ich der erste General in der Geschichte, der im Verlauf von drei Jahren beim CENTCOM keine einzige Überraschung erlebt hat, was strategische oder operative Belange betrifft. Keine einzige.«

Ivanka Trump, die Tochter des designierten Präsidenten, fragte, wie lange es dauern würde, die Strategie zur Bekämpfung des IS zu prüfen und zu überarbeiten; der IS, irakische und syrische Terrorgruppen, entsprungen aus den Überbleibseln von Al-Qaida, breitete sich in Syrien aus und versuchte, in der arabischen Welt ein Kalifat zu errichten.

Trump hatte im Wahlkampf versprochen, den IS »windelweich zu prügeln«. Mattis, überrascht darüber, dass die Frage von Ivanka kam, sagte, eine Prüfung würde Monate dauern. Die Strategie müsse sich radikal ändern, von einem Stellungskrieg hin zu einem Krieg der »Vernichtung«. Zeit sei eine entscheidende Frage. Langsame Kriege seien für die Vereinigten Staaten verlorene Schlachten.

Mattis konnte sehen, dass Trump stolz darauf war, wie Ivanka sich eingebracht hatte.

»Werden Sie Mad Dog genannt?«, fragte Trump. »Ist das Ihr Spitzname?«

»Nein, Sir.«

»Wie lautet er dann?«

»Chaos.«

»Der Name gefällt mir nicht«, sagte Trump.

»Nun, das ist mein Name.«

»Ich dachte, der wäre Mad Dog.«

Nein, der stammte von jemand anderem. Mattis gab den Medien die Schuld daran.

»Stört es Sie, wenn ich Ihren Namen zu Mad Dog ändere?«

»Es steht Ihnen frei, so ziemlich alles zu tun, was Sie wollen.«

»Mad Dog Mattis«, sagte Trump, »das klingt großartig.« Können Sie den Posten übernehmen?

Ein Regierungsamt jedweder Art war, wie Mattis glaubte, sowohl eine Ehre als auch eine Verpflichtung. Er hatte den Posten nicht gewollt, aber wenn der Oberbefehlshaber einen herbeirief, akzeptierte man, ohne zu zögern — es gab kein Jammern an der Schlossmauer wie bei Hamlet, kein Ringen mit sich selbst, kein »Sein oder nicht sein«.

Mattis sagte Ja. Trump wollte es aber noch nicht öffentlich machen. Eine Ausnahmebewilligung sollte einfach zu bekommen sein, sagte er.

Nach dem vierzigminütigen Gespräch sagte Trump, sie würden vor die Presse treten. Ob Mattis etwas sagen wolle?

Nein danke.

Steve Bannon hatte dafür gesorgt, dass das Foto von Trump und Mattis aussah, als wäre es in 10 Downing Street aufgenommen worden — der britische Premierminister vor einer großen Tür. Als wären die Medien auf der anderen Straßenseite und Trump das Staatsoberhaupt.

»Alles, was ich sagen kann, ist, dass er es voll draufhat!«, sagte Trump gegenüber der Presse. Mattis stand daneben, regungslos und schweigend.

Später twitterte Trump: »General James ›Mad Dog‹ Mattis, der als Verteidigungsminister in Erwägung gezogen wird, war gestern sehr eindrucksvoll.«

Mattis folgte einer allgemeinen Lebensphilosophie, die er über die Jahre viele Male zum Ausdruck brachte: »Die Umstände hat man nicht immer unter Kontrolle, wohl aber seine Reaktion darauf.«

Er rief seine Mutter Lucille an, die 94 Jahre alt war. Sie hatte während des Zweiten Weltkriegs beim militärischen Geheimdienst gearbeitet. Er wusste, dass sie Trump verabscheute.

»Wie kannst du bloß für diesen Mann arbeiten?«, fragte sie.

»Ma, als ich das letzte Mal nachgesehen habe, stand da, dass ich für die Verfassung arbeite. Ich kann es mir aber auch nochmals durchlesen.«

»Schon gut«, sagte sie. »Schon gut.«

Zwei

Schon kurz nach der Wahl hatte Rex Tillerson, langjähriger Präsident und Geschäftsführer von ExxonMobil, Nachrichten von Steve Bannon und Jared Kushner auf seinem Anrufbeantworter. Tillerson, der das größte börsennotierte Erdöl- und Gas-Unternehmen der Welt fast elf Jahre lang geleitet hatte, war die Verkörperung des Ölmagnaten. Ein Texaner mit sanfter Stimme und ungezwungenem Lachen, war er neben seinem Hauptberuf ein höchst disziplinierter Reiter und Züchter von Western-Reitpferden auf seiner 35-Hektar-Ranch in der Nähe von Dallas. Er ignorierte die Anrufe.

Dann rief der designierte Vizepräsident Mike Pence an. Diesmal entschied sich Tillerson, dranzugehen.

»Der designierte Präsident hat gehört, dass Sie mit vielen Staatsmännern in aller Welt bekannt sind«, sagte Pence, »und dass Sie gut Bescheid wissen über die gegenwärtige Weltlage. Wären Sie bereit, zu uns zu kommen und ihn zu informieren?«

»Ja, gerne«, sagte Tillerson. Er war es gewohnt, Präsidenten an seinem Wissen teilhaben zu lassen, aber er legte keinen Wert darauf, vor aller Augen durch die Lobby des Trump Tower zu spazieren. »Ich werde nicht durch die Vordertür und an diesen vergoldeten Fahrstühlen vorbeigehen und mich der Pressemeute aussetzen.«

Pence versprach, man werde ihn diskret ins Haus schleusen.

Tillerson, 64, traf am 6. Dezember im Trump Tower ein und fuhr mit dem Privataufzug nach oben. Mit seiner nach hinten gekämmten grauen Mähne und dem breiten texanischen Akzent stach er aus der Menge heraus. Bannon und Reince Priebus, der designierte Stabschef des Weißen Hauses, nahmen ihn in Empfang und führten ihn in einen kleineren Tagungsraum.

»Sie sind doch kein Niemals-Trumper, oder?«, fragte Priebus.

Tillerson war sich nicht ganz sicher, was das bedeuten sollte, konnte es sich aber denken und verneinte.

»Haben Sie sich je negativ über den designierten Präsidenten geäußert?«, wollte Bannon wissen.

»Nicht, dass ich wüsste, Steve.«

»Uns ist aufgefallen, dass Sie nicht gespendet haben.«

»Politische Spenden sind nicht meine Sache.« Tillerson versuchte der Stoßrichtung der Bemerkung auszuweichen. »In meiner beruflichen Position ist das nicht sonderlich gesund, habe ich festgestellt.« Er sei seit eh und je Republikaner. Seine Frau Renda habe 2500 Dollar ausgegeben, um an einem Trump-Lunch teilzunehmen.

Es ist dokumentiert, dass Tillerson in den Wahlkämpfen von 2016 Spenden von über 100.000 Dollar leistete, darunter 2700 Dollar an Trumps Konkurrenten Jeb Bush. Seit dem Jahr 2000 hat er mehr als 400.000 Dollar gespendet.

»Haben Sie bei der Wahl Ihre Stimme abgegeben?«

»Ja.«

»Für wen haben Sie gestimmt?«

»Ich habe für den designierten Präsidenten Trump gestimmt.«

Okay, okay, lasst uns reingehen und mit ihm reden.

Tillerson fand die politische Überprüfung recht plump und ein wenig seltsam.

Trump erhob sich hinter seinem Schreibtisch, um den Besucher zu begrüßen. In den vergangenen Monaten war er eine so dominante Erscheinung im Fernsehen gewesen, dass es fast unwirklich anmutete, ihm persönlich zu begegnen.

Wahlkampfmaterial — Stofftiere und Hüte — lag überall herum. Disneyland, dachte Tillerson.

Man nahm Platz. Jared Kushner kam auch noch hinzu.

»Dann erzählen Sie mal, was auf der Welt so los ist«, bat Trump.

»Was die Außenpolitik angeht, haben Sie ein schwieriges Blatt auf der Hand«, sagte Tillerson. Als Geschäftsführer von Exxon kam er in der Welt herum und traf sich mit zahlreichen Regierungschefs. »Ich habe mir in den letzten acht Jahren« — also während Obamas Präsidentschaft — »angehört, was diese Staatsmänner zu sagen haben. Die Herausforderungen, vor denen Sie heute stehen, sind schwerwiegender als alles, was ich bisher erlebt habe.«

Die engsten Beziehungen, so Tillerson, unterhielt er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, den er regelmäßig besuchte. Öl und Erdgas machten über sechzig Prozent der russischen Exporte aus, und für Exxon war Russland das weltweit größte Explorationsgebiet, auf einer Landfläche von mehr als 24 Millionen Hektar. Exxon hatte Anteile von dreißig Prozent im Rahmen eines Production Sharing Agreement über die Förderung von Öl und Erdgas auf Feldern im fernen Osten Russlands. Außerdem besaß Exxon 7,5 Prozent einer Pipeline, die Erdöl von Kasachstan zu einem russischen Hafen am Schwarzen Meer leitete.

Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen, sagte Tillerson, über ein Treffen mit Putin zwei Jahre vor der Präsidentschaftswahl.

»Wir waren beim Mittagessen, unten in Sotschi, und meine Taktik war es, Putin Fragen zu stellen und ihn dann einfach reden zu lassen«, sagte Tillerson. Es sei nicht schwer gewesen, den russischen Präsidenten aus der Reserve zu locken, angesichts seines starken Interesses an den Energiemärkten und an neuen Technologien.

»Tja«, sagte Putin, »euren Präsidenten Obama habe ich abgeschrieben. Er macht nie das, was er vorher sagt. Ich kann nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der seine Versprechen nicht hält. Ich warte auf euren nächsten Präsidenten.« Putin, so Tillerson, sah ihm in die Augen und fügte hinzu: »Ich weiß, wann es so weit ist.«

Da Trump bei der Erwähnung Putins sichtlich aufmerkte, beschrieb Tillerson noch eine frühere Unterhaltung, in der Putin Obamas Entscheidung von 2011 kritisierte, in den libyschen Bürgerkrieg einzugreifen, was zum grauenvollen Tod des libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi und in der Folge zu Aufständen und verschärftem Bürgerkrieg geführt hatte.

Putin sagte, er habe Obama gewarnt. »Ich sagte zu Obama, ich kann verstehen, dass Sie Gaddafi nicht mögen, aber was wird nach ihm kommen? Darauf hatte er keine Antwort. Also sagte ich ihm, na ja, solange Sie das nicht beantworten können, sollten Sie da nicht reingehen«, zitierte Tillerson Putin.

»Die Sache kam vor den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Putin hätte es blockieren können. Und er erzählte mir: ›Ich habe Obama angerufen. Hab ihm gesagt, wir würden uns bei der Abstimmung enthalten.‹ Was Putin mir also sagen wollte, denke ich, war: Ich hab wirklich versucht, mit dem Mann zusammenzuarbeiten.«

»Oder kommen wir zu Syrien«, fuhr Tillerson fort. »Als Obama die rote Linie zum Einsatz von chemischen Kampfstoffen zog, redeten Putin und Obama wieder miteinander. Und Putin sagte: ›Okay, ich verstehe, dass Sie meinen, darauf reagieren zu müssen. Aber ich werde Ihnen nicht erlauben, in Syrien den gleichen Fehler zu begehen wie in Libyen, denn in Syrien haben wir unsere Interessen. Wir sollten uns also richtig verstehen.‹ Das, sagte Putin, habe er Obama klarmachen wollen. Und irgendwann im Verlauf dieser Geschichte kommt Putin also zu dem Schluss, dass dieser Typ nichts auf die Reihe kriegt. Er macht immer alles nur noch schlimmer.«

»Heute herrscht in Libyen das reine Chaos«, sagte Tillerson zu Trump. »Die Frage, die Sie sich immer stellen müssen, ist: Weiß ich, was als Nächstes kommt? Und natürlich wissen wir, dass die libysche Revolution dem IS geholfen hat. All die bösen Typen, die den IS bildeten, die hatte Muammar Gaddafi in seine Gefängnisse gesteckt.«

Tillerson ergänzte: »Putin findet, wir würden Russland wie eine Bananenrepublik behandeln.« Ein Jahr zuvor, so Tillerson, sei er auf Putins Yacht übers Schwarze Meer geschippert. »Da sagte er zu mir: ›Ihr müsst euch vor Augen führen, dass wir eine Nuklearmacht sind. Genauso mächtig wie ihr. Ihr Amerikaner glaubt, ihr hättet den Kalten Krieg gewonnen. Nein, ihr habt nicht den Kalten Krieg gewonnen. Wir haben diesen Krieg nie geführt. Hätten wir können, haben’s aber nicht getan.‹ Da lief es mir kalt den Rücken herunter.«

Hier eröffne sich eine wichtige Gelegenheit, sagte Tillerson. »Wenn Putin sagt, das Auseinanderbrechen der Sowjetunion sei die größte Tragödie des 20