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Unterwegs mit Florian Fritz
„Lenticchie del Altopiano di Rascino“? Selbst weitgereisten Italienkennern dürfte dazu nicht viel einfallen. Die Hochebene von Rascino liegt abseits der großen Touristenattraktionen nördlich des Valle del Salto bei Rieti. Man fährt erst mal eine halbe Stunde ab dem letzten Ort, bis man überhaupt da ist. Irgendwann endet der Teer und es geht auf einem staubigen Feldweg, einer „strada bianca“, weiter. Oben erwarten einen, je nach Jahreszeit, farbenprächtige Blumenteppiche, der Duft von Heuballen, blökende Schafherden und einige Angler samt Wohnwagen am Lago di Rascino, die dort große Fische fangen. Auf einer kleinen Fläche im östlichen Bereich der Hochebene gedeihen Linsen, die eingangs erwähnten „lenticchie“. Klein, fest, dunkelbraun. Zu kaufen gibt es sie in den Ortschaften rund um den Lago di Salto, wenn überhaupt. Gekocht, ein bisschen Olivenöl draufgeträufelt, etwas Salz. Bessere Linsen haben wir nie gegessen.
Deshalb stehen sie stellvertretend für das, was man im Latium an Schätzen für sich entdecken kann. Wir wünschen Ihnen viel Spaß dabei!
Latium - Die Vorschau
Entdeckungsreisen jenseits von Rom
Was? Du fährst nach Latium? Die Frage, wo das denn genau sei, trauen sich die meisten dann nicht mehr zu stellen. Das ist Fluch und Segen zugleich für eine Region, die den Deutschen höchstens vom Bolsenasee oder vielleicht noch von der Küste ganz im Süden bekannt ist. Fluch deshalb, weil das viele Geld, das Touristen jährlich in Rom lassen, auch Latium gut tun würde. Damit ließe sich die touristische Infrastruktur, die mancherorts den zweifelhaften Charme der verstaubten 1980er Jahre ausstrahlt, modernisieren. Ein Segen deshalb, weil Latium unverfälschten italienischen Alltag zu bieten hat. Selbst im Hochsommer, wenn das Meer von urlaubenden Römern und Norditalienern bevölkert wird, finden sich im Landesinneren lauschige Plätze. Im Rest des Jahres herrscht ohnehin Gelassenheit vor und man hat die wundervollsten Plätze vollkommen für sich alleine.
Mediterrane Kleinode mit einsamem Hinterland
Während die Küste auf der Höhe von Rom durch die Bettenburgen der Urlaubsorte zugebaut ist, wird es an der Riviera d´Ulisse östlich vom Monte Circeo richtig malerisch. Insbesondere das von weiß getünchten Häusern beherrschte Sperlonga auf einem Felssporn am Meer und die verschachtelte Altstadt von Gaeta lohnen einen Besuch. An milden Sommerabenden in einer engen Gasse zu sitzen, einen kühlen Weißen zu trinken und dabei den sich langsam rötlich verfärbenden Himmel zu beobachten - das kommt dem Paradies schon ziemlich nahe. Am nächsten Morgen geht es dann in die nur wenige Kilometer entfernten Monti Aurunci, wo sich einsame Wandermöglichkeiten mit spektakulären Küstenblicken finden. Und den Abend lässt man dann mit einem Sprung ins angenehm temperierte Meer ausklingen!
Klöster und Kirchen
Dass der heilige Franziskus einige Jahre seines Daseins im Tal von Rieti wirkte, darf als Glücksfall für den Tourismus bezeichnet werden. Denn so entstanden vier Klöster inmitten der Natur, deren schlichte Spiritualität bis heute beeindruckt: Poggio Bustone, Fonte Colombo, La Foresta und Gréccio mit seinen unter einen Felsüberhang gemauerten Gebäuden. Auch die Zisterzienser haben eindrucksvolle Zeugnisse ihrer Baukunst hinterlassen: Die Abteien von Fossanova und Casamari im Südosten Latiums gehören zu den schönsten im Lande. Die Benediktiner wiederum hinterließen die nicht weniger eindrucksvolle Abtei von Farfa in den Sabiner Bergen und die zwei Klöster von Subiaco mit farbenfrohen Fresken. Auf den Grundmauern eines Benediktinerklosters entstand um das Jahr 1000 auch die romanische Basilika von Castel Sant´ Elia bei Nepi.
Die Etrusker
Nur wenig ist über die Etrusker bekannt. Umso geheimnisvoller erscheinen sie uns heute: Wer an einem flirrenden Tag zwischen den von Gestrüpp überwucherten Grabstätten von Cerveteri oder den im dichten Wald verborgenen Gräbern von San Giuliano umherstreift und auf bröckelnden Treppen ein paar Schritte ins Halbdunkel der Grabräume wagt, meint fast im Grau einer anderen Zeitepoche zu entschwinden. Und wer auf dem staubtrockenen, vegetationslosen Ausgrabungsgebiet von Tarquinia herumspaziert, um in modrig riechende Abgänge hinabzusteigen und die farbenprächtig ausgemalten, beleuchteten und hinter einer Glasscheibe klimagesteuert ruhenden Grabräume zu bewundern, dem wird es kaum anders ergehen. Ganz bei sich und sich selbst überlassen bleibt, wer die an einer steilen Talwand hinter Gestrüpp verborgenen Gräber von Norchia für sich entdeckt - wundersames Etrurien!
Felsrücken im blauen Meer
Es wäre ein großer Fehler, die Pontinischen Inseln bei einer Latiumreise außen vor zu lassen. Ihre karge Vegetation und die schroffen Felsformationen sind von einmaliger Schönheit. Das winzige, eher verschlafene Eiland Ventotene kann man mit einer Tagestour per Boot erreichen. Geheimtipp sind die kaum bekannten, dafür umso besseren Linsen (lenticchie), die in dieser kargen Landschaft überraschend gedeihen. Das im Sommer von Tagestouristen gut bevölkerte Ponza mit seinen farbenfrohen schachtelförmigen Häusern lässt sich am besten bei einem Aufenthalt mit Übernachtung erkunden. Herrliche Badebuchten, einsame Wanderpfade und einige Adressen für ein feines Abendessen sind zu entdecken. Und wenn die quirligen Tagesausflügler entschwunden sind, bietet die Hafenmole ein überraschend entspanntes Plätzchen für einen eisgekühlten Aperitivo.
Essen und Trinken: deftiger Alltag
Trippa gefällig? Oder wie wäre es mit coda della vaccinara? Bevor der geneigte Leser denkt, er hätte sich in einen pornografischen Text verirrt: Es handelt sich hierbei um Kutteln und Ochsenschwanz - deftige Gerichte, wie sie in Latium gerne gegessen werden. Es gibt aber auch zartes Milchlamm (abbacchio), die bekannten bucatini all´ amatriciana mit scharfer Tomatensoße und jede Menge frisches und eingelegtes Gemüse. Außerdem erstklassige Oliven und den köstlichen mozzarella di bufalà, bestens geeignet als Basis für ein Picknick auf einem der Plätze mit den herrlich plätschernden Brunnen. Dazu einen süffigen Roten wie den Cesanese del Piglio oder einen fruchtigen Weißen. Besonders zu empfehlen: die Weine von der Insel Ponza, vor allem der intensive Faro della Guardia, mit drei Gläsern im Weinführer Gambero Rosso geadelt.
Naturschutz: Parks und Reservate
Italien steht in dem Ruf, den Natur- und Tierschutz nicht gerade hochzuhalten - man denke nur an die Diskussion um den massenhaften Abschuss von Singvögeln. Nichtsdestotrotz gibt es in Latium viel unberührte und auch geschützte Natur. Der erste von derzeit 25 Naturparks wurde 1923 der Nationalpark der Abruzzen, den jüngsten bzw. das erste Meeresreservat hat man 1997 auf Ventotene eingerichtet. Die Parks befinden sich somit sowohl buchstäblich auf Meereshöhe als auch am höchsten Punkt von Latium (Monte Gorzano in den Monti della Laga). Es gibt vereinzelte Bären, Wölfe, Steinadler und Falken sowie quadratkilometergroße Blumenteppiche auf endlosen Hochebenen im Frühsommer und gelbrot gefärbte Eichen- und Buchenwälder im Oktober - eine vielfältige Landschaft, die auf stillen Wegen zu eindrücklichen Naturerlebnissen einlädt.
Feste und Brauchtum
Ähnlich wie im restlichen Italien wird auch in Latium gerne und viel gefeiert. Vor allem in den Sommermonaten, aber auch saisonal bezogen, hat jeder noch so kleine Ort eines oder mehrere Feste zu bieten. Neben dem Namenstag des lokalen Heiligen werden z. B. mit Festen bedacht: Fische, Pizza, Oliven, Wein, Kastanien, Schnecken. Ein besonderer Höhepunkt ist die am ersten oder zweiten Sonntag nach Fronleichnam stattfindende Infiorata. Sie entstand in Rom im 17. Jh. als Ausdruck barocker Fest- und Lebensfreude und findet mittlerweile in vielen Orten statt. Die lokale Bevölkerung legt dabei in gemeinsamer Arbeit gigantische Blumenteppiche in bestimmten Straßen des Ortszentrums aus, die dann für einen oder mehrere Tage bewundert werden können. Bekannteste Beispiele hierfür sind die entsprechenden Veranstaltungen in Genzano di Roma, Sora, Casamari, Bolsena und Itri.