„Einsam, bi-sam, dreisam (Teil 3)“ von Benjamin Larus
herausgegeben von: Club der Sinne®, Langhansstr. 146, 13086 Berlin, Januar 2011
zitiert: Larus, Benjamin: Einsam, bi-sam, dreisam (Teil 3), 1. Auflage
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Covergestaltung: Club der Sinne®
ISBN 978-3-95527-198-5
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Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Erfundene Personen können darauf verzichten, aber im realen Leben gilt: Safer Sex!
Benjamin Larus
Einsam, bi-sam, dreisam
Teil 3
Meine Stimmung war nicht die beste, als ich am Freitagabend vor Weihnachten das Hallenbad verließ und ziemlich müde zur Bushaltestelle schlurfte.
Ein Teil meiner Müdigkeit rührte von den heute schätzungsweise nur etwa fünfzehnhundert Metern her, die ich gerade im Schwimmbecken zurückgelegt hatte, aber dieser Teil äußerte sich mehr in Form eines wohlig-entspannten Kribbelns, das mir vertraut und nach all den Jahren meines regelmäßigen Schwimmtrainings geradezu ans Herz gewachsen war.
Zu einem weiteren Teil hieß die Ursache schlichtweg Schlafdefizit, und auch dieses hatte zunächst einmal einen erfreulichen Anlass, denn die letzte Nacht war wirklich wundervoll gewesen – mein geliebter Guido und ich hatten sie gemeinsam in dessen „Höhle“ verbracht und uns wieder einmal so hemmungslos und unersättlich der Lust hingegeben, dass wir wohl erst in den frühen Morgenstunden beglückt und erschöpft übereinandergesunken und in tiefen Schlummer gefallen waren.
Dass wir in gerade dieser Nacht mit ganz besonderer Hingabe bei der Sache gewesen waren und ein wahres Spermabad veranstaltet hatten, beruhte jedoch auch auf dem in jeder Sekunde gegenwärtigen Bewusstsein, dass es sich hier um unsere letzten gemeinsamen Stunden für eine uns grausam lang erscheinende Zeit handelte. Und das tat weh.
Eigentlich waren nicht einmal sechs Wochen seit jenem schicksalhaften Abend im Lucky’s vergangen, an welchem wir uns so unverhofft wiederbegegnet waren, aber so, wie wir seither jede Stunde auf für den Rest der Welt scheinbar unerreichbaren Wolken überirdischen Glücks genossen hatten, erschien mir die Zeit davor wie ein völlig anderes Leben und somit auch unendlich weit entfernt.
Nun stand das Weihnachtsfest vor der Tür, und dieses bietet ja bekanntlich immer wieder Anlass für allerlei emotionsgeladene Bekenntnisse, Offenbarungseide und Diskussionen unter durch Beziehungs- oder verwandtschaftliche Bande miteinander verbundenen Menschen.
Über die Frage, wie man das Fest organisatorisch gestalten soll, entzweien sich mitunter die scheinbar intaktesten Familien, zerstrittene dagegen sollen bisweilen im Kerzenschein des Christbaums wieder zueinander finden und sich weinend in den Armen liegen. Ich muss das nicht weiter vertiefen, jeder wird hier seine eigenen Erfahrungen beisteuern können.
Ich selbst darf sagen, dass ich bisher ein recht positives Verhältnis zum Fest der Feste hatte, denn so, wie dieses seit etlichen Jahren traditionell in unserer Familie begangen wurde, konnte ich ganz gut damit leben. Meine Eltern und die vier älteren Geschwister sehen das vielleicht nicht ganz so entspannt, aber als Nesthäkchen war mir innerhalb unseres Clans schon immer eine Sonderrolle vergönnt, und dass ich mich bei Organisation und Logistik außen vor hielt, wurde mir schon deshalb nicht weiter übel genommen, weil man wusste: Solange ich da war, hatte man seine Ruhe vor der lärmenden, aufgeregten Kinderschar!
Ich weiß nicht warum, aber Kinder hängen immer an mir. Vielleicht, weil es mir überhaupt nichts ausmacht, mich auf ihre Stufe zu begeben, besser gesagt, weil ich womöglich in mancherlei Hinsicht schlichtweg auf ihrer Stufe bin: Ich kann mich noch immer mit demselben Eifer etwa der Montage eines Lego-Bausatzes widmen wie zu Zeiten meiner eigenen Kindheit; darüber hinaus macht es mir nichts aus, mich selbst durch den Kakao zu ziehen und für die Kleinen den Clown zu mimen, und so fühle ich mich bei unserem traditionellen, großen Familientreffen an Heiligabend jedes Jahr immer wieder sehr wohl im Kreise meiner mittlerweile sieben Neffen und Nichten im Alter zwischen fünf und dreizehn Jahren.
Dieses Jahr nun hatte sich ja in meinen persönlichen Verhältnissen etwas sehr Entscheidendes verändert: Ich hatte, wie es aussah, meine große Liebe gefunden, und mein göttlicher Guido, von dem ich wusste, dass in seiner Familie Traditionen recht hoch gehalten wurden, kam gut zwei Wochen vor dem Fest mit einem solchen Ernst auf das Thema Weihnachten zu sprechen, dass ich mir schon Sorgen machte, er müsse mir etwas unerhört Schmerzliches eröffnen – ich will nicht weiter vertiefen, welche konkreten Ängste mir in diesen Sekunden durch den Kopf schossen, jedenfalls war ich dann richtiggehend erleichtert, als ich hörte, dass es „nur“ darum ging, wie wir Weihnachten verbringen würden.
Guidos Mutter ist gebürtige Italienerin, und offenbar wird seit vielen Jahren eisern an der Tradition festgehalten, Weihnachten und Neujahr gemeinsam mit den Familien ihrer beiden Geschwister im Rahmen eines Skiurlaubs in immer demselben Berggasthof in den italienischen Alpen zu verbringen. Im ersten Augenblick – wie gesagt, ich hatte mit irgendetwas Schlimmem gerechnet und war zunächst einmal erleichtert – zuckte ich gelassen mit den Schultern. Bald schon jedoch verspürte ich ein gewisses, schmerzhaftes Würgen im Kehlkopf, denn mir wurde klar, dass mein Geliebter und ich nicht nur das Weihnachtsfest, sondern auch unseren ersten Jahreswechsel als glücklichstes Traumpaar aller Zeiten getrennt verbringen sollten.
Ich nickte trotzdem tapfer, aber ein verräterischer Glanz in meinen Augen mag Guido bedeutet haben, dass ich doch recht traurig war. Er zog mich an sich, kraulte mir liebevoll das Haar und zauberte eine Überraschung aus dem Hut, die mich gleichermaßen glücklich machte wie verzweifeln ließ: Er habe mit seinen Eltern gesprochen, ich könne einfach mitkommen!
Mein Guido! Wer ihn kannte, musste wissen, wie hoch es zu bewerten war, dass er mich in seine Familie einzuführen bereit war (natürlich nicht als seinen Partner, das erwartete ich nicht eine Sekunde, sondern sicher nur als „besten Freund“), und das rührte mich wirklich über alle Maßen.
Was mich aber gleichzeitig so traurig machte, war, dass ich mich außer Stande sah, seine Einladung anzunehmen. Wer mich kennt, weiß, wie schwer es mir fällt, „Nein“ zu sagen, und so bleiben die unbeliebtesten Verpflichtungen mit schöner Regelmäßigkeit an mir hängen. Früher wurde zwischen Weihnachten und Neujahr in der Immobilienfirma, für die ich arbeite, lediglich ein telefonischer Notdienst im Bereich Hausverwaltungen angeboten, aber unsere neue Chefin hatte den ganzen Laden gehörig umgekrempelt und war der Ansicht, dass wir es uns nicht leisten könnten, unseren Kunden nicht auch in diesen Tagen wenigstens in einer Mindestbesetzung persönlich zur Verfügung zu stehen. Na, und an wem blieb es wohl hängen, als Einziger an sämtlichen Tagen einschließlich des Samstags sowie der Vormittage von Heiligabend und Silvester am Schreibtisch zu hocken? Ich hätte mir wieder mal in den Hintern beißen können, dass ich mich von meinen Kollegen derart hatte ins Bockshorn jagen lassen, aber nun war es zu spät. Übrigens war dies alles bereits unter Dach und Fach gebracht worden, bevor mir Guido im November über den Weg gelaufen war, und ich war schon damals nicht begeistert gewesen. Nun aber war es doppelt ärgerlich.
Wir mussten uns also in unser Schicksal fügen. Die Trennung war schon schmerzlich genug, aber nach und nach waren mir immer mehr Tatsachen bekannt geworden, die meine Laune stetig weiter verschlechterten.
Als ich Guido gegenüber bemerkte, im Zeitalter des Mobiltelefons sei man ja nicht ganz so weit voneinander entfernt, wie es die Zahl der Kilometer vermuten ließe, hatte er mich sichtlich unangenehm berührt schon einmal darauf vorbereitet, dass es um das Funknetz in jenem Tal der Alpen äußerst schlecht bestellt sei. Toll!
Dann waren da meine anderen Freunde, von denen ich mir dann doch etwas Abwechslung, Tröstung oder eben einfach nur angenehme Gesellschaft versprochen hatte – zunächst mein brasilianischer Freund Nuno, seines Zeichens Flugbegleiter bei der Lufthansa: Er würde über Weihnachten vorwiegend in der Luft und an Silvester in Sydney sein (dieses Schwein!), ich konnte jedenfalls nicht auf ihn zählen.
Und Sandra? Tja, das ist ein Thema für sich. Nachdem sie Guido im Rahmen unseres atemberaubenden Rollenspiels tüchtig Saures gegeben hatte, war wohl zumindest er davon ausgegangen, dass ihm nun vergeben sei und wir unsere Freundschaft dort wieder würden aufnehmen können, wo sie im Spätsommer durch seine Schuld plötzlich eingeschlafen war. Abgesehen jedoch von der Tatsache, dass sich die Gewichtungen innerhalb unseres Trios durch die neue, starke Liebesbindung zwischen uns Männern empfindlich verschoben hatten und die Situation nun doch eine recht andere war, hatte ich gleich das Gefühl gehabt, dass mein Liebster es sich bei Sandra ernstlich verdorben haben könnte.
Ich will ihr nicht vorwerfen, sie sei über Gebühr nachtragend, aber in ihren Augen, so meine Einschätzung, war sein Verhalten unter echten Freunden schlichtweg inakzeptabel gewesen, und dies konnte sie ihm einfach nicht gänzlich verzeihen. Trotzdem wir uns nach dem geschilderten Abend noch zweimal zu sehr aufregendem Sex zu dritt getroffen hatten, musste ich leider feststellen, dass zwischen Sandra und Guido etwas kaputtgegangen war. Zumindest zu der beispiellosen Unbekümmertheit des Sommers, so fürchte ich, werden die beiden niemals mehr zurückfinden können. Ich weiß, man soll niemals „nie“ sagen, aber irgendwie spüre ich, dass es so ist. Wäre ja auch zu schön gewesen.
Und Sandras Verhältnis zu mir? Das hat per se eigentlich nicht gelitten, aber dass ich Guido so völlig verfallen und in den vergangenen Wochen auch physisch kaum mal ohne ihn zu haben war, das hat sich auf unsere Freundschaft natürlich zunächst einmal nicht unbedingt belebend ausgewirkt.
In meinem Bemühen, an allem möglichst gleich auch das Positive zu sehen, hatte ich nun darauf spekuliert, mich ihr in Guidos Abwesenheit zwischen Weihnachten und Neujahr endlich wieder einmal verstärkt widmen zu können – aber auch diese Hoffnung war kläglich in sich zusammengefallen: Sandra hatte einen Verehrer, einen ehemaligen Patienten, von dem sie mir freimütig berichtet hatte, mit dem es jetzt aber offenbar doch etwas ernster wurde. Jedenfalls hatte er sie ebenfalls zu einem Skiurlaub eingeladen, und so war meine kleine Freundin bereits am Donnerstag vor Weihnachten mit ihrem Lover von dannen gebraust und ließ sich in dem Moment, da ich vor dem Hallenbad mit schweren Gliedern in den Bus stieg, wahrscheinlich gerade auf einem Bärenfell vor einem knisternden Kamin irgendwo in einer lauschigen Walliser Hütte von ihm durchvögeln.
Man kann sich also vorstellen, wie ich mir vorkam an diesem Abend: wie ein verlassenes, verschmähtes Häuflein, dessen Freunde sich rund um den Erdball Erholung und Vergnügen hingaben!
Während ich mich derart in Selbstmitleid erging und seufzend auf einen Sitzplatz fallen ließ, vibrierte plötzlich mein Mobiltelefon. Ich bekam es nicht sofort aus meiner Jackentasche, da die offensichtlich mit Weihnachtsgeschenken gefüllte Einkaufstüte eines Sitznachbarn halb darüber lag, und so riss ich es eilig ans Ohr und nahm gleichzeitig ab, ohne vorher auf das Anzeigefeld zu schauen. Trotz beträchtlicher Umgebungsgeräusche erkannte ich die Stimme, die überschwänglich an mein Ohr drang, sofort: Annika.
Ich zögerte. Hätte ich vorher gewusst, dass sie es war, hätte ich wohl nicht abgehoben. Jetzt war es zu spät. Geschah mir vielleicht Recht, denn nachdem mich Guido so unerträglich lange auf gleiche Weise hatte ins Leere telefonieren lassen, hätte ich so, wie ich darunter gelitten hatte, einem anderen Menschen eigentlich niemals das Gleiche antun dürfen, wenn ich auch nicht davon ausgehen konnte, dass Annika sich auch nur annähernd derart in Sehnsucht nach mir verzehrte wie ich seinerzeit nach Guido. Trotzdem hatte ich sie in den letzten Wochen mehrfach dergestalt ignoriert, und die paar Male, da sie mich doch erwischt hatte und sich mit mir treffen wollte, hatte ich mich mit Zeitmangel herausgeredet – was ja so falsch auch nicht war, denn natürlich hatte ich seit jenem magischen Wochenende im November versucht, nahezu jede freie Minute mit meinem göttlichen Geliebten zu verbringen.
Es kam jedoch hinzu, dass Annika ein seltenes Talent besaß, ihren Mitmenschen mit entwaffnender Unverschämtheit irgendwelche undankbaren Freundschaftsdienste oder „Gefallen“ aufzudrücken, und ich bin ja, wie gesagt, ganz schlecht darin, mich in solchen Fällen herauszuwinden. Schließlich war ich seinerzeit keine zehn Minuten, nachdem wir uns zum ersten Male begegnet waren, von ihr als Umzugshelfer verpflichtet worden!
Außerdem – nun, wer meine vorangegangenen Erzählungen gelesen hat, wird es schon mitbekommen haben: Die Frau nervt mich!
Ich will mich jetzt nicht zum x-ten Male über Annikas anstrengendes Wesen ereifern, das treibt mir nur wieder ungeduldige Zornesröte ins Gesicht und meinen Puls in die Höhe – Letzteres allerdings, das muss ich natürlich anstandshalber einräumen, bewirken auf sehr viel angenehmere Weise nicht minder ihre unbestreitbaren Vorzüge. Oder sollte ich den Singular gebrauchen? Wenn ich ganz ehrlich sein soll, reduzieren sich nämlich die Gründe, warum ich den Kontakt mit dieser Frau trotz allem nicht ganz einschlafen lassen will, auf einen einzigen: ihren Körper. Dieser allerdings ist nun wirklich vom Feinsten, und wenn ich jetzt darüber nachdenke, so war ich Annika in den Wochen seit Guidos Rückkehr wohl doch nicht nur aus dem Wege gegangen, weil ich etwaige Verpflichtungen zu ungeliebten Hilfsdiensten fürchtete, weil ich keine Lust auf ihre affektierten Okays und Hallos (in der unnachahmlich nervigen, fragenden Betonung!) hatte oder mir schlichtweg die Zeit fehlte – bei anderen Gelegenheiten hatte mir die einstündige Mittagspause gereicht, um sie im Rahmen einer schnellen, aber heftigen Nummer auf die Hörner zu nehmen!
Nein, obwohl sicher weder Guido noch ich jemals auf die Idee gekommen wären, unsere leidenschaftlichen Liebesschwüre auch nur mit einer Absichtserklärung in Richtung Monogamie gleichzusetzen (so gut kannten wir uns mittlerweile doch, und so realistisch waren wir bei allem romantischen Überschwang auch), muss ich dennoch bekennen, dass in den ersten Wochen ein gewisses genüsslich-aufopferungsvolles Gefühl des Sich-für-den-Liebsten-Aufheben-Wollens von meiner Seite bei der Vermeidung eines Treffens mit Annika eine Rolle gespielt haben mag.
ohne–