Der kleine Flohling

Maifederleicht

Ein sanfter Wind hauchte durch die zarten Blätter der Bäume im Littelwald. Zart griff er unter die Flügel der kleinen Vögel, behutsam hob er die winzigen Insekten in die Luft. Alle Samen und Pollen sammelte er ein und pustete sie in die Welt hinaus, pustete und pustete sie bis hinein ins Litteldorf. Dort ließ er sie über den Dächern kreiseln, bis er die schönsten Plätze für sie fand. Schon legte er hier einen Samen ab und dort ein paar Pollen. Die kleinen Löwenzahnschirmchen aber wirbelte er am längsten herum, setzte sie in Dachrinnen und in Gärten, überall dorthin, wo sie mit ihrem satten Gelb eines Tages einen Littel erfreuen könnten. Und so landeten ein paar Schirmchen, ganz bedächtig, im Hof der alten Littelmühle, nisteten sich ein zwischen Steinen und Gräsern und konnten es kaum erwarten, zu keimen und zu blühen – und den kleinen Littel Flohling zum Lächeln zu bringen.

 

Dieser junge Littel sprang gerade pfeifend zur Hintertür der alten Mühle herein und schmetterte ein fröhliches »Guten Morgen!« in den großen Raum, als ihn ein scharf gezischtes »Pssst!« zusammenzucken ließ.

»Oh, Entschuldigung, schläft noch jemand?«, flüsterte Flohling und sah zu Mukis Nest hinauf. Das kleine Muski nahm seinen Job als Helfer in Flohlings kleinem Tierkrankenhaus sehr ernst. Die ganze Nacht ließ es ein Auge offen, während es kopfüber am Balken hängend vor sich hin döste. Jetzt war es hellwach und deutete hektisch auf die Fensternische, in der eine große Eule unruhig hin und her zappelte. Sie stöhnte leise.

»Hatsie schlecht geschlafen«, wisperte Muki. »Hatsie schrecklich traurig geschuhut. Binich jetzt auch traurig.« Er flatterte rasch zu Flohling und umarmte sein Bein. Lächelnd beugte Flo sich zu ihm hinunter. »Ich schau nach ihr, Muki«, tröstete er. »Mach dir keine Sorgen, es geht ihr mit jedem Tag besser. So ein gebrochener Flügel heilt nun mal sehr langsam.«

Muki nickte beruhigt, murmelte »Schlaf ich dann jetzt« und flatterte in sein Nest oben auf dem Balken, wo er sich raschelnd einkuschelte. Nun musste er eine Zeit lang niemanden im Auge behalten und konnte sich in aller Ruhe erholen.

Flohling stellte seine Tasche auf den Boden und zog seine Stiefelchen aus. Dann lief er auf Zehenspitzen zur Fensternische hinüber. »Guten Morgen, liebe Elsie. Hab ich dich geweckt? Das tut mir leid«, sagte er leise.

»Schuhu schon gut«, krächzte die Eule. »Ich habe kaum geschlafen. Obwohl es hier sehr gemütlich ist«, versicherte sie. »Der dicke Ast passt prima für mich. Aber der Verband drückt, und es ist schwer, das Gleichgewicht zu halten, ach, es ist ein Jammer mit mir.« Sie drehte den Kopf zur Seite. Offenbar schämte sie sich dafür, dass sie Hilfe brauchte.

»Ich bin froh, dass du hier bist«, sagte Flohling. »So weiß ich, dass du gut versorgt bist. Und ich mag deine schönen Schuhu-Rufe sehr gern. Außerdem hast du unglaublich weiche Federn, die ich so gern streichle.«

Die Eule drehte ihren Kopf zurück und sah ihn dankbar an. »Du bist nett, schuhuuu«, sagte sie und raunte ein extra langes Uuuu für ihn.

Flohling lächelte. »Ich bringe dir gleich dein Frühstück«, versprach er. Und dann begann er mit seiner morgendlichen Arbeit.

Es dauerte jeden Tag fast eine Stunde, bis Flohling nach seinen tierischen Patienten gesehen und ihnen Essen gemacht hatte. Als Tierdoktor des Dorfes kümmerte er sich um wild lebende Tiere genauso fürsorglich wie um Haustiere. Manche der kranken Tiere brauchten warmen Brei oder mussten gefüttert werden, das nahm viel Zeit in Anspruch. Doch Flohling merkte kaum, wie die Minuten vergingen. Er wuselte und köchelte, tröstete und streichelte, bis er das Gefühl hatte, dass es jedem Tier gut ging. Schließlich stellte er Muki noch einen Teller mit Rhabarberstangen bereit und schlich dann schnell zur Hintertür hinaus. Er musste sich beeilen, um rechtzeitig zur Schule zu kommen!

Freundlich grüßte er Grantel, der von seinem morgendlichen Waldspaziergang wiederkam und geradewegs auf die Mühle zusteuerte. Es war erst ein halbes Jahr her, dass die Mühle zum Krankenhaus umgebaut worden war. Seitdem wohnte der alte Schutzlittel in der Mühle und half ihm. Inzwischen hatte Flo dazugelernt und konnte viel allein, sodass er Grantels Hilfe nicht mehr unbedingt brauchte. Das war gut, denn nach dem Sommer würde Grantels Haus fertig ausgebessert sein. Das Haus war so alt und morsch gewesen, dass vieles erneuert werden musste. Das Dach, die Fenster, die Türen – sogar die Wände mussten ausgebessert und die Böden abgeschliffen werden. Eine Menge Arbeit, das wusste Flohling. Aber bald konnte Grantel wieder dort einziehen, das freute Flo. Er hüpfte die letzten Schritte zur Littelschmiede, vor der Lisbet ihn ungeduldig erwartete.

»Da bist du ja, Flo. Komm!« Sie betrachtete ihn argwöhnisch. »Hast du schon gefrühstückt? Du siehst irgendwie schlapp aus.«

Flohling lachte und rieb sich das Bäuchlein. »Warmes Nussmüsli bei Mama, danach noch eine Rhabarberstange in der Mühle. Das reicht eine Weile.«

Lisbet nickte zufrieden. Sie passte stets auf ihren besten Freund auf. »Du pflegst die anderen immer so gut, vergisst dabei aber manchmal dich selbst«, mahnte sie. Dann hakte sie sich bei ihm unter und schlenderte mit ihm ins Schulhaus, das genau wie die Mühle am Dorfrand lag, nur weiter südlich. »Jetzt lass uns etwas lernen.«

 

Alle Littel im Littelwald hatten ein besonderes Talent. Manche Littel kannten sich hervorragend mit Metallen und Feuer aus und arbeiteten in der Schmiede. Andere wussten alles über Stoffe und Wolle und nähten immerzu. Es gab auch Backlittel, Bohnenlittel, Holzlittel, Waschlittel und viele mehr. Flohlings Talent war besonders, da es kein Littel vor ihm je gehabt hatte. Er konnte mit den Tieren sprechen und wusste genau, wie er ihnen helfen oder wie er sie heilen konnte. Flo war sehr glücklich über sein Talent, und noch glücklicher war er darüber, dass er gemeinsam mit Lisbet in eine Klasse gehen konnte. Denn in der Littelschmiede lernten alle Kinder nach der Grundschule, jedes Kind in der passenden Talentklasse. Lisbet war eine Kräuterlittel und besuchte daher mit Flohling die Natur-Talentklasse.

Für den heutigen Tag stand das Thema »Schafe« auf dem Unterrichtsplan. Jeder sollte erzählen, was er über Schafe herausgefunden hatte: über die Wolle, das Melken und die Milch oder die Nahrung. Lehrer Carlos stand vor der Tafel und zwirbelte an seinem schwarzen Schnurrbart. Er war ein Sagalittel und sehr belesen, er wusste einfach alles! Zum Glück war er auch geduldig und neugierig und daher ein hervorragender Lehrer. Flohling und Lisbet mochten ihn sehr gern.

»Guten Morgen, meine lieben Littel«, brummte er mit seiner dunklen Stimme. »Schön, dass ihr alle da seid. Bitte bleibt nun ganz ruhig und begrüßt nur mit einem stillen Kopfnicken unseren besonderen Gast: Henri mit seinem Schaf Friedel.«

Auf dieses Stichwort hin öffnete sich die Tür, und der kleine Henri trat zögernd ein. Als er die vielen älteren Schüler erblickte, färbten sich seine Wangen vor lauter Aufregung rosa. Dann entdeckte er Flohling, der ihm freundlich zuwinkte. Henris Ohren richteten sich auf, und er lockte ein hübsches dickes Schaf in die Klasse.

»Komm, Friedel, komm herein«, flüsterte er. Schon tappte das Schaf auf ihn zu – vermutlich vor allem wegen der leckeren lila Kleeblumen, die Henri in der Hand hielt. Vor der Tafel blieb es stehen, drehte den Kopf und sah die Schüler verdutzt an. Da alle Littel als kleine Kinder halfen, die Schafe zu versorgen, kannte Friedel die Gesichter. Daher widmete er sich wieder den Kleeblümchen und ließ sich dann ausgiebig von Henri kraulen.

»Vielen Dank, Henri, das ist sehr freundlich«, brummte Carlos. »Nun, wer möchte uns zuerst etwas über das Schaf erzählen?«

Zwei Littelschüler berichteten, wie man Schafe scherte und wie die Wolle bearbeitet und gepflegt wurde. Sie schnitten Friedel eine kleine Wolllocke ab, die jeder einmal anfassen durfte. Flo und Lisbet staunten wieder einmal, wie fettig und dick das Fell war. Deswegen froren die Tiere draußen nicht. Anschließend sprachen zwei Schülerinnen über Schafsmilch und Schafskäse, danach teilten weitere Littel ihr Wissen. Schließlich erzählte auch Lisbet, was sie über Schafe und ihre liebsten Kräuter wusste. Ganz zum Schluss war Flohling an der Reihe.

Zunächst einmal lief er nach vorn und kraulte Friedel ein bisschen. Das dicke Schaf brummte ein zufriedenes »Mäh!«. Natürlich wollten die Schüler sofort wissen, was es gesagt hatte. Flohling lachte. »Es sagt, ich stinke nach Eulenpups«, murmelte er, und alle kicherten. Das stimmte, denn er hatte am Morgen den Boden unter Elsie sauber gemacht. »Vielleicht hätte ich andere Hosen anziehen sollen«, gab Flohling zu. Doch die anderen Littel versicherten ihm, dass sie nichts rochen. Offenbar hatten Schafe sehr feine Nasen. Nun schilderte Flohling, welche Krankheiten die Schafe manchmal befielen und wie man ihnen helfen konnte. Dann wollte er zeigen, an welcher Stelle Schafe meistens Bauchweh bekamen, und griff beherzt in die dicke Wolle. Doch er hatte vergessen, dass manche Schafe kitzelig waren, und Friedel ganz besonders. Das Schaf blökte vergnügt und zuckte mit seinem Hinterteil zur Seite, wobei es gegen Flohling prallte und ihn umwarf. Flo purzelte über den Fußboden. Erschrocken stapfte Friedel zu ihm und leckte ihm entschuldigend das Gesicht ab.

»Igitt, danke, Friedel, ist schon gut!«, quiekte Flohling.

Die anderen Schüler lachten und halfen ihm rasch auf.

»Ach, Flo, mit dir ist es immer lustig«, freute sich Lisbet, als er sich japsend neben ihr auf den Stuhl fallen ließ.

»Ich weiß«, ächzte Flohling und kicherte.

Lehrer Carlos dankte seinen Schülern mit einem dicken Lob. Nach der Pause erklärte er ihnen noch viele weitere Dinge, und als schließlich Mittag war, verabschiedete er sie mit einer Hausaufgabe: »Nehmt euch heute einmal die Zeit und spaziert über eine Wiese, oder setzt euch irgendwo ins Grüne. Sicher müssen viele Dinge erledigt werden, aber jeder sollte sich die Zeit nehmen, die Natur zu beobachten und zu genießen.«

So eine schöne Hausaufgabe wollten Lisbet und Flo natürlich gern erledigen, und sie verabredeten sich für den Nachmittag hinter der Mühle.

Wer huscht denn da herum?

In aller Ruhe ging Flohling nach Hause, aß mit großem Hunger Hirseauflauf mit knusprig gebackenen Holunderblüten, stapfte dann zur Tierstube und sah nach seinen Patienten. Zurzeit waren es nur drei: die Eule mit dem gebrochenen Flügel, ein kleines Wiesel mit verletzter Pfote und ein Salamander. Der Salamander hatte sich vor zwei Tagen verlaufen und war dabei fast ausgetrocknet. Zum Glück hatte Flohling ihn bei einer seiner Waldwanderungen entdeckt. Er hatte ihn in feuchtes Gras gelegt und ihm viel zu trinken gegeben. Nun sah er nach dem hübschen schwarzen Tier mit den gelben Punkten und fragte: »Geht es dir besser?«

Der Salamander nickte. »Danke, ich kann sicher schon wieder zurücklaufen.«

Doch Flohling schüttelte den Kopf. »Warte lieber noch eine Nacht. Morgen bringe ich dich zur Feuchtwiese hinterm See. Da wohnt deine Familie, oder?« Der Salamander nickte erneut. »Danke«, flüsterte er und legte seinen Kopf erschöpft zurück aufs Gras.

Flohling drehte sich leise um und ging hinüber zum Wiesel, das in einem Weidenkörbchen neben der Tür lag.

»So, zeig mir ein letztes Mal deine Pfote, bitte«, sagte Flohling und betrachtete die winzige blassrosa Stelle genau. »Das sieht gut aus«, meinte er. »Du kannst wieder in den Wald zurück.«

Das kleine Wiesel hüpfte sofort aus dem Korb und strich zweimal durch Flohlings Beine. »Vielen Dank«, sagte es und wieselte durch die Tür, die Flohling ihm einen Spalt weit geöffnet hatte. Im Nu war es verschwunden.

»Schön, wenn sie so glücklich sind«, brummte Grantel, der die Treppe herunterkam. Er wohnte im ersten Stock der Mühle und war jeden Tag zur Stelle, um Flohling zu helfen. Denn immerhin war Flohling sehr jung, und seine Eltern fanden, er solle nicht allein für die Tierstube verantwortlich sein.

»Gut, dass du kommst«, sagte Flohling strahlend.

Gemeinsam mit Grantel säuberte er den Weidenkorb des Wiesels, sodass er schon bald für einen neuen Patienten bereitstand. Sie notierten noch, welche neuen Lebensmittel und Verbandmaterialien sie besorgen mussten, und räumten ein wenig auf. Dann ging Grantel zu seiner Haus-Baustelle, und Flohling trat in den Hof hinaus, um Lisbet zu treffen.

 

Seine beste Freundin wartete unter dem alten Apfelbaum, der ein Stück hinter dem Mühlenhof wuchs. Sie klopfte auf den Boden neben sich, und Flohling legte sich ins Gras. Eine Weile sahen sie schweigend in die weiß blühenden Äste, die sich leicht im Wind bewegten.

»Das ist so schön«, sagte Lisbet schließlich. »Der Mai ist mein liebster Monat. Alles blüht und duftet.«

»Stimmt«, brummte Flohling und pustete ein zartes weißes Blatt, das gerade auf seiner Nase landen wollte, in die Luft. »Hier kann man sich gut von dem Gewusel erholen. Es ist erstaunlich, wie viel jeden Tag passiert – in der Schule und hier in der Mühle.«

Lisbet hob die Hand. »Schau mal, ein weißer Schmetterling, er sieht fast aus wie die Apfelblüten!«

Flohling sah dem kleinen Falter nach, wie er federleicht durch die Luft flatterte. Er seufzte zufrieden. »Solche Hausaufgaben sind prima.«

Lisbet lachte. »Stimmt, wir sollten ja die Natur beobachten, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. Sollen wir freiwillig noch etwas mehr Hausaufgaben machen?«

Flohling grinste. »Auf jeden Fall.«

Sie genossen den warmen Maiwind auf der Haut und lauschten den brummenden Hummeln, die zwischen den Apfelblüten hin und her flogen.

Plötzlich nahm Flohling eine Bewegung neben der Hausmauer wahr. Er drehte den Kopf. Im Schatten der Mauer stand ein kleines Littelmädchen, das er schon ein paarmal in der Nähe der Mühle bemerkt hatte.

»He, du, komm ruhig her«, sagte er freundlich.

Das Mädchen schob sich schüchtern näher.

Lisbet winkte es aufmunternd heran. »Du bist Okkos Schwester, richtig? Heißt du nicht Anuk?«

Das Mädchen nickte. Im Gegensatz zu ihrem lebhaften Bruder, der ein Freund von Lisbet und Flohling war, schien Anuk sehr zurückhaltend zu sein.

»Möchtest du dich zu uns setzen?«

Da huschte das Mädchen ein paar Schritte vor, legte etwas vor ihnen ab und eilte sogleich wieder weg.

Flohling sah Anuk verwundert nach. »Die ist ja noch flinker als das Wiesel«, meinte er.

Lisbet schaute neugierig auf das braune Etwas, das vor ihnen lag. »Oh, ein Häschen«, flüsterte sie überrascht.

Es war ein hübsches kleines Fellknäuel – aber es regte sich nicht.

»Lebt es noch?«, fragte Lisbet erschrocken.

Flohling hatte bereits bemerkt, dass der Körper des Häschens sich beim Atmen leicht bewegte. »Ja«, sagte er leise. »Kleine Hasenkinder lernen, sich bei Gefahr ins Gras zu ducken und sich nicht zu rühren, damit kein Feind sie entdeckt.« Er betrachtete das Tier von allen Seiten. »Wo hat Anuk es nur gefunden? Ach, wäre sie doch nicht weggelaufen.« Er senkte seinen Kopf. »Liebes Häschen, was ist mit dir? Tut dir etwas weh?«, fragte er sanft.

Das Häschen rührte sich nicht und sagte auch nichts.

»Vielleicht hat Anuk gedacht, es wäre krank, weil es so still dagesessen hat«, überlegte Lisbet.

Flohling nickte. »Leider hat Anuk es mit den Händen angefasst, nun riecht es nach Littel. Hoffentlich stört das seine Mama nicht.« Aber das war nicht mehr zu ändern. Da konnte er es auch in die Tierstube bringen. Lisbet hob das Häschen sanft hoch, und sie brachten es zur Mühle, wo sie es in ein weiches kleines Heunest legten.

»Bleib ruhig liegen, ich helfe dir«, versprach Flohling und deckte das Häschen zu.

»Muki?«, rief er dann.

Es raschelte.

Dann erklang ein müdes: »Uääääh.« Das Muski gähnte ausgiebig. Flohling und Lisbet beobachteten, wie es sich reckte und streckte. Immer wieder lugten ein Bein oder ein Arm aus dem Balken-Nestchen hervor – dann stand Muki endlich auf. Er schüttelte sich und flatterte zu ihnen herunter. »Was gibt’s?«, fragte er neugierig.

»Flieg doch bitte ein bisschen ums Dorf und horche, ob eine Hasenmutter nach ihrem Kind ruft.«

Muki blickte auf das Hasenkind. »Bleiben Hasen nicht lange bei der Mama. Lebensie ganz bald allein«, sagte es.

»Stimmt«, antwortete Flohling. »Aber in den ersten Wochen trinken sie noch Milch bei der Mutter. Sie sieht nach ihnen, auch wenn sie allein irgendwo sitzen. Und dieses Häschen scheint mir ein Baby zu sein.«

Muki nickte entschlossen. »Gut. Gehich Mami suchen.« Er flatterte auf und sauste durch das runde Fenster davon, das immer einen Spaltbreit für ihn offen blieb.

Die Hintertür knarrte.

Anuk schob nur ihren Kopf durch die Tür und wisperte: »Ich wollte noch etwas sagen. Das Häschen saß mitten im Dorf. Da sind sonst keine Hasen. Ich glaube, es hat sich verlaufen. Ich konnte fühlen, dass es schwach ist.«

Flohling wollte ihr danken und sie bitten, dass sie ihn nächstes Mal rufen solle, statt das Tier wegzutragen – da war sie aufs Neue verschwunden.

»Ein schüchternes Littelmädchen«, fand Lisbet.

»Tja«, sagte Flohling, »wir sind eben alle verschieden. Es kann ja nicht jeder so laut herumtrompeten wie Okko.«

Das war natürlich richtig. Anuks Bruder war ein Littelschmied und sehr laut und sehr fröhlich. Manchmal benahm er sich etwas ruppig, doch er war stets zur Stelle, wenn jemand Hilfe brauchte.

Das Häschen wimmerte.

»Oje, sicher hat es Hunger«, fürchtete Lisbet.

Wieder knarrte die Hintertür, die im nächsten Moment kräftig aufgeschubst wurde. Muki flog zu ihnen herein. »Binich bester Sucher. Habich Mami gefunden!«, rief er stolz.

Eine große Häsin hoppelte zaghaft über den Hof der Mühle. Bevor Flohling sie begrüßen konnte, hüpfte das kleine Häschen erstaunlich schnell aus dem Heunest und flitzte zu seiner Mama.

Die Häsin legte sofort ihre Pfote über sein Köpfchen und schob es ganz nah an ihren Bauch, damit das Häschen trinken konnte. Flohling und Lisbet sahen schweigend zu, um sie nicht zu stören.

Schließlich sagte die Häsin: »Vielen Dank, dass ihr auf mein Baby aufgepasst habt. Ein Fuchs hat es erschreckt. Ich habe ihn verjagt, aber mein Häschen danach nicht mehr wiedergefunden. Es ist tatsächlich sehr weit weggehüpft. Mein tapferes Kleines.« Sie strich ihm sanft über den Kopf.

»Schön, dass es euch beiden gut geht«, fand Flohling.

Die Häsin nickte ihnen noch einmal zu, dann verschwanden die beiden Tiere in den Wald, der gleich hinter der Mühle begann.

»Wir müssen Anuk erzählen, dass das Häschen wieder bei seiner Mama ist«, meinte Flohling.

Doch Lisbet deutete mit ihrem Kopf zur Vordertür. Im Fenster daneben entdeckte Flohling ein kleines Littelgesicht, das sich jetzt ertappt duckte. »Ich denke, sie weiß es schon«, sagte Lisbet.

»Na dann … Ich finde, wir sollten unbedingt noch ein paar Hausaufgaben machen«, schlug Flohling vor und grinste.

Lisbet zeigte auf den Tisch, auf dem Flohling das Essen für die Tiere zubereitete. »Ist das da Rhabarbermarmelade? Fütterst du damit deine Patienten?«

»Nein, die habe ich von Liliana bekommen. Sie hat beim Einkochen des Hustensaftes auch ein bisschen Marmelade mitgekocht.« Liliana war die Medilit, die Littelärztin des Dorfes. Sie machte sehr guten Hustensaft und noch bessere Marmelade.

Lisbet legte den Kopf schief. »Dann könnten wir etwas davon naschen? Ich habe zwei Knusperlinge in der Tasche.«

Sogleich kam Muki im Sturzflug vom Balken gesaust. »Willich auch Knusperzeug mit Brabra!«, rief er hungrig.

Flohling lachte. »Na klar bekommst du einen Knusperling! Und dann futtern wir gemeinsam unterm Apfelbaum.« Solche Hausaufgaben durfte es wirklich öfter geben!

Gut gedacht, nicht so gut gemacht

Während der warmen Maitage hatten fast alle Littel und Tiere gute Laune. Es gab wenig verletzte Tiere, und nachdem Flohling den Salamander zurück zu seiner Familie gebracht hatte, wohnte eine Weile nur Eule Elsie in seiner Krankenstation. Eines Morgens zog nun aber eine Entenfamilie in seine Tierstube ein, die Flohling nachdenklich machte. Die Entenmama hatte am Dorfrand Blümchen gefressen, die sie nicht kannte, die jedoch sehr lecker ausgesehen hatten. Nun plagten sie Bauchschmerzen, und ihr war übel. Flohling gab ihr beruhigende Tropfen und wollte sie ein, zwei Tage lang beobachten, um zu sehen, ob es ihr besser ging. Die sieben kleinen Küken hatten zum Glück nicht dasselbe gefuttert, doch sie wollten ihrer Mama nicht von der Seite weichen. Der Entenpapa bemühte sich, sie zu bändigen, aber die Küken wurden davon nur noch zappeliger. Schließlich bat Flohling den Papa, ihm zu zeigen, wo seine Frau die Blümchen gefunden hatte. Es kam ihm seltsam vor, dass die Ente sie nicht gekannt hatte.

»Muki, passt du auf die Küken auf?«, fragte er.

»Passichauf!«, rief Muki und reckte sich. »Bin ich starkes Muski, werden die mir gehorchen.«

Flohling schmunzelte. Dann folgte er dem Entenpapa nach draußen. Sie umrundeten das Dorf, bis sie an den kleinen Tümpel kamen, der vor den Holunderstäuchern lag. Im Frühling und Herbst glänzte hier tatsächlich ein grünbrauner Tümpel, doch im Sommer trocknete die Sonne ihn fast aus, und er war eigentlich nur eine große sumpfige Pfütze. Die Dorfbewohner überquerten den Pfuhl, wenn sie Holunderblüten oder später reife Holunderbeeren sammeln wollten, von denen es hier so viele gab. Es war eine matschige Angelegenheit, hindurchzuwaten.

Auch jetzt versank Flohling im Schlamm, als er nach den bunten Blumen suchte.

»Dort drüben wachsen sie!«, rief der Entenpapa.

Flohling sah sie und bückte sich, um die drei Blüten aufzusammeln, die dort lagen.