Eoin Colfer
Das magische Tor
Roman
Aus dem Englischen
von Claudia Feldmann
List
Die Originalausgabe erschien 2012
unter dem Titel Artemis Fowl and the Last Guardian
beim Verlag Puffin Books, London.
Wir danken Nikolaus Heidelbach
für die Gestaltung von Vor- und Nachsatz.
List ist ein Verlag
der Ullstein Buchverlage GmbH
ISBN 978-3-8437-0540-0
© 2012 by Eoin Colfer
© der deutschsprachigen Ausgabe
Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2013
Alle Rechte vorbehalten.
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können zivil- oder strafrechtlich
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Gesetzt bei Leingärtner, Nabburg
eBook: LVD GmbH, Berlin
Für alle Fowl-Fans,
die mit mir nach Erdland gereist sind.
Ich danke euch.
Ériú, heute
Die Berserker lagen unter dem Runenstein, in einer Spirale, die sich ins Erdinnere schlängelte, tief hinab – Füße nach außen, Kopf nach innen, wie es der Zauber verlangte. Natürlich hatten sie nach zehntausend Jahren unter der Erde keine physischen Füße oder Köpfe mehr. Nur das Plasma der schwarzen Magie hielt ihr Bewusstsein zusammen, und selbst dies begann zu zerrinnen und sickerte in den Boden, so dass seltsame Pflanzen wuchsen und die Tiere von einer ungewöhnlichen Aggressivität befallen wurden. Nur noch ein Dutzend Vollmonde etwa, dann wären die Berserker vollends vergangen und ihr letzter Machtfunke würde in die Erde fließen.
Aber noch sind wir nicht verschwunden, dachte Oro, Captain der Berserker. Wir sind bereit, im rechten Augenblick unseren ruhmreichen Kampf aufzunehmen und Chaos unter den Menschenwesen zu säen.
Er sandte seinen Gedanken in die Spirale und spürte voller Stolz, wie seine ihm verbliebenen Krieger antworteten.
Ihr Wille ist ebenso scharf, wie ihre Schwerter es einst waren, dachte er. Obwohl wir tot und begraben sind, schwelt der Funke blutiger Rachgier noch immer in unserer Seele.
Es war der Hass auf die Menschenwesen, der diesen Funken am Leben hielt – und die schwarze Magie des Zaubererelfen Bruin Fadda. Mehr als die Hälfte seiner Krieger war bereits erloschen und ins Jenseits übergegangen, aber ihm blieben immer noch acht Dutzend, um in den Kampf zu ziehen, falls der Ruf dazu erschallte.
Erinnert euch an euren Befehl, hatte der Zaubererelf sie vor all den Jahrhunderten ermahnt, als die Erde auf ihre Körper fiel. Erinnert euch an diejenigen, die gestorben sind, und an die Menschenwesen, die sie ermordet haben.
Oro erinnerte sich, und er würde es niemals vergessen. So wie er niemals das Gefühl der Steine und der Erde vergessen würde, die auf seinen sterbenden Körper niederprasselten.
Wir werden uns erinnern, sandte er in die Spirale. Und wir werden zurückkehren.
Der Gedanke wanderte hinab, und wie ein Widerhall kehrte er zurück von den toten Kriegern, die es kaum erwarten konnten, aus ihrem Grab befreit zu werden und die Sonne wiederzusehen.
Kapitel 1
Aus den Notizen von Professor Jerbal Argon, Präsident des Psychologenverbands
1. Artemis Fowl, der sich selbst einst als genialer Meisterdieb bezeichnet hat, verwendet jetzt den Ausdruck jugendliches Genie. Anscheinend hat er sich verändert. (Anmerkung: Wer’s glaubt …)
2. Seit sechs Monaten unterzieht sich Artemis wöchentlichen Therapiesitzungen in meiner Klinik in Haven City, um einen schweren Fall von Atlantis-Komplex zu überwinden, eine seelische Störung, die er sich durch leichtfertige Spielerei mit Elfenmagie zugezogen hat. (Geschieht diesem dämlichen Menschenjungen ganz recht.)
3. Nicht vergessen, eine unverschämt hohe Rechnung an die Zentrale Untergrund-Polizei zu schicken.
4. Artemis scheint geheilt zu sein, und das in Rekordzeit. Kann das sein? Ist so etwas überhaupt möglich?
5. Ich sollte mal meine Relativitätstheorie mit Artemis besprechen. Könnte ein sehr interessantes Kapitel für mein neues Buch abgeben: Fowler Zauber – Wie ich das Genie austrickste. (Verleger lieben solche Titel: ta-daa!)
6. Schmerztabletten für meine verdammte Hüfte besorgen.
7. Zeugnis über Zustand mentaler Gesundheit für Artemis ausstellen. Heute letzte Sitzung.
Professor Argons Büro, Haven City, Erdland
Artemis Fowl wurde ungeduldig. Professor Argon verspätete sich. Diese letzte Sitzung war ebenso überflüssig wie die vorigen sechs. Er war voll und ganz geheilt, verdammt noch mal, und zwar schon seit der achtzehnten Sitzung. Sein genialer Verstand hatte den Prozess beschleunigt, und er hatte Besseres zu tun, als Däumchen zu drehen und auf einen Psychiatergnom zu warten.
Artemis lief im Büro auf und ab, unwillig, sich von dem Wasserfall an der Wand mit seinen sanft pulsierenden Stimmungslämpchen beruhigen zu lassen. Dann setzte er sich einen Moment in die Sauerstoffzelle, doch die war etwas zu beruhigend für seinen Geschmack.
So ein Humbug, dachte er und verließ hastig die Glaskabine.
Endlich glitt mit leisem Zischen die Tür auf, und Professor Argon betrat sein Sprechzimmer. Der untersetzte Gnom humpelte direkt zu seinem Sessel, ließ sich ächzend hineinsinken und drückte auf den Tasten an der Armlehne herum, bis das Gelpad unter seiner rechten Hüfte sanft zu glühen begann.
»Aaah«, seufzte er. »Meine Hüfte bringt mich noch um. Und nichts hilft. Die Leute denken immer, sie wüssten, was Schmerz ist, aber die haben keine Ahnung.«
»Sie sind zu spät«, bemerkte Artemis in fließendem Gnomisch und ohne jedes Mitgefühl.
Argon seufzte erneut, diesmal jedoch vor Erleichterung, weil das Wärmepad seines Sessels zu wirken begann. »Immer in Eile, was, Menschenjunge? Warum hast du dir nicht eine Portion Sauerstoff gegönnt oder ein bisschen vor dem Wasserfall meditiert? Die Hey-Hey-Mönche schwören auf diese Wasserfälle.«
»Ich bin kein Priesterwichtel, Professor. Was die Hey-Hey-Mönche nach dem ersten Gong tun, interessiert mich nicht. Ob wir uns jetzt vielleicht meiner Rehabilitation zuwenden könnten? Oder möchten Sie noch mehr von meiner Zeit verschwenden?«
Argon grummelte ein wenig, dann beugte er seinen massigen Oberkörper vor und schlug die Akte auf seinem Schreibtisch auf. »Wieso wirst du eigentlich immer frecher, je besser es dir geht?«
Artemis schlug die Beine übereinander; das erste Anzeichen von Entspannung in seiner Körpersprache. »So viel unterdrückter Zorn, Professor. Woher kommt der nur?«
»Ich schlage vor, wir konzentrieren uns auf deinen Zustand, Artemis.« Gereizt zog Argon einen Stapel Karten aus der Schublade. »Ich zeige dir jetzt ein paar Tintenkleckse, und du sagst mir, was du darin siehst.«
Artemis stöhnte bewusst theatralisch. »Tintenkleckse, ich bitte Sie, Professor! Meine Lebenszeit ist wesentlich kürzer als Ihre, und ich habe keine Lust, einen Teil davon mit sinnlosen Pseudotests zu vergeuden. Da könnten wir genauso gut Kaffeesatz lesen oder versuchen, aus den Eingeweiden eines Truthahns die Zukunft vorherzusagen.«
»Tintenkleckse erlauben eine zuverlässige Diagnose der seelischen Verfassung«, widersprach Argon. »Das ist erprobt und bewiesen.«
»Ja, von Psychiatern für Psychiater«, schnaubte Artemis.
Argon knallte eine der Karten auf den Tisch. »Was siehst du in diesem Tintenklecks?«
»Ich sehe einen Tintenklecks«, sagte Artemis.
»Ja, aber woran denkst du, wenn du ihn siehst?«
Artemis verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. »Ich denke an Nummer 534.«
»Wie bitte?«
»Ich denke an Nummer 534«, wiederholte Artemis. »Von den insgesamt sechshundert Standard-Tintenkleckskarten. Ich habe sie mir während unserer Sitzungen eingeprägt. Sie mischen sie ja nicht einmal.«
Argon drehte die Karte um: Nummer 534. Natürlich. »Dass du die Nummer kennst, beantwortet meine Frage nicht. Was siehst du?«
Artemis zog eine furchtsame Miene. »Ich sehe eine bluttriefende Axt. Und ein verängstigtes Kind und einen Elfen in der Haut eines Trolls.«
»Tatsächlich?« Nun war Argons Interesse geweckt.
»Nein. Eigentlich nicht. Ich sehe ein Geborgenheit vermittelndes Gebäude, vielleicht das Haus einer Familie, mit vier Fenstern. Ein treuergebenes Haustier und einen Weg, der von der Tür in die Ferne führt. Wenn Sie in Ihrem Handbuch nachschlagen, werden Sie feststellen, dass diese Antworten auf einen gesunden Seelenzustand schließen lassen.«
Argon brauchte nicht nachzuschlagen. Der Menschenjunge hatte recht, wie immer. Vielleicht konnte er Artemis mit seiner neuen Theorie von seinem hohen Ross holen. Sie gehörte nicht zum Programm, aber möglicherweise verschaffte sie ihm ein wenig Respekt.
»Hast du schon mal von der Relativitätstheorie gehört?«
Artemis zog die Augenbraue hoch. »Soll das ein Witz sein? Ich bin durch die Zeit gereist, Professor. Ich denke, ich weiß einiges über die Relativität.«
»Nein, die Theorie meine ich nicht. Meine Relativitätstheorie geht davon aus, dass alles Magische in Relation zu alten Zaubern oder Magiezentren steht und von ihnen beeinflusst wird.«
Artemis rieb sich das Kinn. »Interessant. Aber in dem Fall sollte Ihre Theorie wohl eher Relationstheorie heißen.«
»Das ist doch nebensächlich«, sagte Argon mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Ich habe ein paar Nachforschungen angestellt, und dabei ist herausgekommen, dass die Fowls, wenn auch mit Unterbrechungen, bereits seit Tausenden von Jahren im Krieg mit dem Erdvolk stehen. Dutzende von deinen Vorfahren haben versucht, das Elfengold zu stehlen, allerdings bist du der Einzige, dem es gelungen ist.«
Artemis setzte sich auf; das war nun wirklich interessant. »Und ich wusste nichts davon, weil Sie meine Vorfahren einer Erinnerungslöschung unterzogen haben.«
»Genau«, sagte Argon, begeistert, dass er endlich Artemis’ volle Aufmerksamkeit hatte. »Als dein Vater noch ein Junge war, ist es ihm tatsächlich gelungen, einen Zwerg zu fesseln, den es zu eurem Anwesen gelockt hatte. Von dem Augenblick träumt er bestimmt heute noch.«
»Schön für ihn.« Artemis kam ein Gedanke. »Warum hat es den Zwerg zu unserem Anwesen gelockt?«
»Weil es dort überdurchschnittlich viele Magiereste gibt. Irgendwas muss auf dem Fowl’schen Anwesen einst passiert sein. Etwas, bei dem gewaltige Magiemengen freigesetzt wurden.«
»Und diese Überreste bringen uns auf merkwürdige Ideen und wecken in den Fowls den Glauben an Magie«, murmelte Artemis gedankenverloren.
»Genau. Die klassische Kobold-oder-Ei-Situation: Habt ihr an Magie gedacht und deshalb Magie gefunden? Oder hat die Magie euch dazu gebracht, nach Magie zu suchen?«
Artemis machte sich ein paar Notizen auf seinem Smartphone. »Dieses Ereignis, bei dem Magie freigesetzt wurde – haben Sie eine Idee, was das gewesen sein könnte?«
Argon zuckte die Achseln. »So weit reichen unsere Aufzeichnungen nicht zurück. Ich vermute, das muss zu der Zeit passiert sein, als das Erdvolk noch an der Oberfläche gelebt hat, also vor über zehntausend Jahren.«
Artemis stand auf und trat an den Schreibtisch des Gnoms, den er um mehrere Kopflängen überragte. Er hatte das Gefühl, er schuldete dem Professor etwas für seine Relationstheorie, mit der er sich auf jeden Fall eingehender beschäftigen würde. »Professor Argon, sind Sie als Kind über den großen Onkel gelaufen?«
Argon war so überrascht, dass er auf diese persönliche Frage ehrlich antwortete, was für einen Psychologen höchst ungewöhnlich war. »Ja, das bin ich.«
»Und hat man Sie gezwungen, Spezialschuhe mit Einlagen zu tragen?«
Argons Neugier war geweckt. Er hatte seit Jahrhunderten nicht mehr an diese grässlichen Schuhe gedacht; bis zu diesem Moment hatte er sie sogar völlig vergessen. »Nur einen, am rechten Fuß.«
Artemis nickte wissend, und Argon kam es so vor, als hätten sie die Rollen getauscht und er wäre der Patient.
»Ich vermute, dadurch wurde zwar Ihr Fuß gerichtet, aber Ihr Oberschenkelknochen hat sich dabei ein wenig verdreht. Daher die Schmerzen in Ihrer Hüfte. Aber das müsste sich mit einer einfachen Schiene korrigieren lassen.« Artemis zog eine zusammengefaltete Papierserviette aus der Tasche. »Während der letzten Male, als Sie mich warten ließen, habe ich eine Zeichnung angefertigt. Foaly kann Ihnen die Schiene bestimmt bauen. Es kann sein, dass ich mit den Maßen ein paar Millimeter danebenliege, Sie sollten das also sicherheitshalber noch mal nachmessen lassen.« Er beugte sich hinunter und stützte sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab. »Kann ich jetzt gehen? Habe ich meiner Pflicht Genüge getan?«
Der Professor nickte missmutig und beschloss, diese Sitzung lieber nicht in seinem Buch zu erwähnen. Er sah Artemis nach, der den Raum durchquerte und sich unter dem Türrahmen hindurchbückte.
Dann musterte er die Zeichnung auf der Serviette, und spürte instinktiv, dass Artemis recht hatte, was seine Hüftschmerzen betraf.
Entweder ist der Junge das vernünftigste Wesen auf der Erde, dachte er, oder er ist so vermurkst, dass unsere Tests nicht mal an der Oberfläche kratzen.
Argon nahm einen Stempel aus seiner Schublade und drückte das Wort GEHEILT in dicken roten Buchstaben auf Artemis’ Akte.
Hoffen wir’s, dachte er.
Butler, Artemis’ Leibwächter, wartete draußen vor Professor Argons Büro auf seinen Schützling. Er saß auf einem extragroßen Stuhl, den der Zentaur Foaly, Technischer Leiter der Zentralen Untergrund-Polizei, für ihn entworfen hatte.
»Ich kann’s einfach nicht mit ansehen, wie Sie auf einem unserer Stühle hocken«, hatte Foaly zu ihm gesagt. »Es tut mir in den Augen weh. Sie sehen aus wie ein Affe, der aus einer Kokosnuss quillt.«
»Also gut«, hatte Butler mit seinem dröhnenden Bass geantwortet. »Ich nehme das Geschenk an, und sei es nur, um Ihre Augen zu schonen.«
In Wirklichkeit war er mit seinen fast zwei Metern sehr froh gewesen, in dieser Stadt, die für Leute von höchstens einem Meter Größe gebaut worden war, endlich eine bequeme Sitzgelegenheit zu haben.
Der Leibwächter stand auf und reckte sich, wobei er die Hände flach an die Decke drückte. Zum Glück hatte Argon einen Hang zum Größenwahn, sonst hätte Butler in der Klinik nicht einmal aufrecht stehen können. Für ihn sah dieses Gebäude mit seinen gewölbten Decken, golddurchwirkten Tapeten und auf alt gemachten Erdholzschiebetüren eher aus wie ein Kloster, dessen Mönche ein Reichtumsgelübde abgelegt hatten. Nur die Laser-Handreinigungsgeräte, die in die Wände eingelassen waren, und die Elfenschwestern, die gelegentlich vorbeieilten, ließen erkennen, dass es sich in Wirklichkeit um eine Klinik handelte.
Bin ich froh, dass diese Episode bald vorbei ist, hatte Butler während der vergangenen zwei Wochen ungefähr alle fünf Minuten gedacht. Es war schon oft eng für ihn geworden, aber monatelang in einer Stadt festzusitzen, die tief unter der Erdkruste lag, hatte in ihm zum ersten Mal in seinem Leben klaustrophobische Gefühle aus-gelöst.
Als Artemis Argons Büro verließ, war sein selbstzufriedenes Grinsen noch ausgeprägter als sonst, und Butler wusste sofort, dass sein Boss wieder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und somit ein für alle Mal vom Atlantis-Komplex geheilt war.
Schluss mit dem Wörterzählen. Schluss mit der unsinnigen Angst vor der Zahl Vier. Schluss mit Paranoia und Wahnvorstellungen. Dem Himmel sei Dank.
Zur Sicherheit fragte er aber trotzdem nach. »Nun, Artemis, wie geht es uns?«
Artemis knöpfte das Jackett seines dunkelblauen Wollanzugs zu.
»Uns geht es gut, Butler. Um genau zu sein: Ich, Artemis Fowl der Zweite, bin hundertprozentig funktionstüchtig, sprich: so funktionstüchtig wie fünf Durchschnittsmenschen. Oder anderthalb Mozarts. Oder ein Dreiviertel Leonardo da Vinci.«
»Nur ein Dreiviertel? Sie sind bescheiden.«
»In der Tat«, sagte Artemis und lächelte. »Das bin ich.«
Vor Erleichterung sackte Butler ein wenig in sich zusammen. Übergroßes Ego, unerschütterliches Selbstvertrauen. Artemis war eindeutig wieder er selbst. »Sehr gut. Dann würde ich vorschlagen, wir holen unsere Eskorte und machen uns auf den Weg. Ich möchte die Sonne auf meinem Gesicht spüren. Die echte Sonne, nicht diese UV-Lampen, die sie hier unten haben.«
Artemis verspürte einen Stich des Mitgefühls mit seinem Leibwächter, ein Gefühl, das sich in den letzten Monaten immer öfter gemeldet hatte. Für Butler war es schon unter Menschen schwer genug, mit der Menge zu verschmelzen; hier unten hätte er kaum mehr auffallen können, wenn er ein Clownskostüm getragen und mit Feuerbällen jongliert hätte.
»Einverstanden«, sagte Artemis. »Wo ist Holly?«
Butler wies mit dem Daumen auf das andere Ende des Flurs. »Wo sie meistens ist. Bei dem Klon.«
Captain Holly Short von der Aufklärungseinheit der Zentralen Untergrund-Polizei betrachtete das Gesicht ihrer Erzfeindin und verspürte nichts als Mitleid. Gut, hätte sie die echte Opal Koboi vor sich gehabt, wäre Mitleid sicher auch auf der Liste ihrer Gefühle gewesen, aber weit unterhalb von glühendem Zorn und massivem Abscheu, der an Hass grenzte. Doch das hier war ein Klon, der eigens herangezüchtet worden war, um der größenwahnsinnigen Wichtelin eine Doppelgängerin zu verschaffen, mit deren Hilfe sie unbemerkt aus ihrer Zelle in der Argon-Klinik fliehen könnte, falls es der ZUP je gelänge, sie zu verhaften. Was schließlich tatsächlich geschehen war.
Holly bemitleidete die geklonte Wichtelin, weil sie eine armselige, hirnlose Kreatur war, die nie darum gebeten hatte, erschaffen zu werden. Das Klonen war schon seit langem verboten, zum einen aus ethischen Gründen, zum anderen weil Klone keine Seele besaßen, die ihrem Körper Leben einhauchte, und daher zu einem kurzen Dasein mit Organversagen und quasi nichtexistenter Hirntätigkeit verdammt waren.
Dieser spezielle Klon hatte den größten Teil seiner Tage in einem Brutkasten verbracht und kämpfte um jeden Atemzug, seit man ihn aus dem Zuchtkokon genommen hatte.
»Bald ist es vorbei, meine Kleine«, flüsterte Holly und berührte die Stirn der Klonwichtelin durch die sterilen Handschuhe, die in die Seitenwand des Brutkastens eingebaut waren.
Holly hätte nicht genau sagen können, warum sie angefangen hatte, die Klonwichtelin zu besuchen. Vielleicht weil Argon ihr erzählt hatte, dass sonst nie jemand zu ihr kam.
Sie kommt aus dem Nichts. Sie hat keine Freunde.
Jetzt hatte sie zumindest zwei Freunde. Artemis hatte es sich zur Regel gemacht, Holly bei ihren Besuchen zu begleiten, und saß dabei schweigend neben ihr, was für ihn höchst ungewöhnlich war.
Die offizielle Bezeichnung für die Klonwichtelin war Unerlaubtes Experiment Nr. 14 – kurz UE 14 –, aber einer von den Klinikwärtern, der sich für besonders witzig hielt, hatte sie Nopal genannt, ein gemeines Wortspiel mit dem Namen Opal und den Worten no pal – kein Freund. Doch trotz der Gemeinheit blieb der Name hängen, und mittlerweile benutzte sogar Holly ihn, wenn auch voller Zärtlichkeit.
Argon hatte ihr versichert, dass UE 14 keinerlei geistige Fähigkeiten besaß, doch Holly war sicher, dass Nopals trübe Augen manchmal reagierten, wenn sie sie besuchte. Konnte es sein, dass die Klonwichtelin sie erkannte?
Holly betrachtete Nopals feine Gesichtszüge und musste unweigerlich an ihre Genspenderin denken.
Diese Wichtelin ist pures Gift, dachte sie verbittert. Alles, was sie anfasst, verkümmert und stirbt.
Artemis betrat den Raum, stellte sich neben Holly und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.
»Es stimmt nicht, was man über Nopal sagt«, murmelte Holly. »Sie spürt Dinge. Und sie versteht sie.«
Artemis ging in die Hocke. »Ich weiß. Ich habe ihr letzte Woche etwas beigebracht. Pass auf.«
Er streckte die Hand aus und tippte mit den Fingerspitzen einen langsamen Rhythmus auf das Glas, den er mehrfach wiederholte. »Diese Übung hat ein kubanischer Arzt namens Dr. Parnassus entwickelt, um Säuglinge und sogar Schimpansen zu einer Antwort zu bewegen.«
Artemis fuhr mit seinem Klopfen fort, und ganz langsam reagierte Nopal. Mühsam hob sie die Hand und schlug ungeschickt von innen gegen das Glas, um seinen Rhythmus nachzuahmen.
»Siehst du?«, sagte Artemis. »Intelligentes Leben.«
Holly stupste ihn mit der Schulter an; das war ihre Variante einer Umarmung. »Ich wusste doch, dass dein Verstand noch mal zu irgendwas nütze sein würde.«
Das Eichelabzeichen auf der Brustklappe ihrer ZUPUniform vibrierte, und Holly berührte ihren Ohrknopf, um den Anruf entgegenzunehmen. Ein kurzer Blick auf ihren Armbandcomputer verriet ihr, dass der Anruf von Foaly kam und dass er ihn als dringend markiert hatte.
»Was gibt’s, Foaly? Ich bin gerade in der Klinik und spiele Babysitter für Artemis.«
Die Stimme des Zentauren kam kristallklar über das Drahtlosnetzwerk von Haven City. »Ich brauche dich hier im Polizeipräsidium, und zwar sofort. Bring den Menschenjungen mit.«
Es klang dramatisch, aber Foaly spielte schon die Dramaqueen, wenn sein Karottensoufflé in sich zusammenfiel.
»So läuft das nicht, Foaly. Technische Leiter geben Captains keine Befehle.«
»Wir haben hier eine Koboi-Sichtung über Satellit. Und zwar live«, entgegnete der technische Leiter.
»Sind unterwegs«, sagte Holly und kappte die Verbindung.
Butler wartete im Flur auf sie. Artemis, Holly und Butler – drei Verbündete, die gemeinsam Schlachten, Aufstände und Verschwörungen durchgestanden hatten und in Krisensituationen nicht mehr viele Worte brauchten.
Butler sah sofort, dass Holly ihre dienstliche Miene aufgesetzt hatte. »Sachlage?«
Holly eilte an ihm vorbei, und die beiden anderen folgten ihr. »Opal«, sagte sie knapp.
Butlers Züge verhärteten sich. »Augenzeugen?«
»Satellitenbild.«
»Ursprung?«, fragte der Leibwächter.
»Unbekannt.«
Sie liefen durch den Flur zum Ausgang der Klinik. Butler überholte die beiden und hielt die altmodische Schwingtür auf, deren Bleiverglasung einen mitfühlenden Arzt zeigte, der einen weinenden Patienten tröstete.
»Nehmen wir das Pömpelband?«, fragte der Leibwächter, und sein Tonfall ließ erkennen, dass er lieber darauf verzichten würde, das Pömpelband zu nehmen.
Holly trat durch die Tür. »Tut mir leid, großer Mann, aber diesmal geht’s nicht anders.«
Artemis hatte noch nie viel mit öffentlichen Transportmitteln zu tun gehabt, ganz egal, ob über oder unter der Erde, deshalb musste er nachfragen: »Was ist denn das Pömpelband?«
Pömpelband war die umgangssprachliche Bezeichnung für ein System aus Förderbändern, die in parallelen Streifen an Haven Citys Häuserblocks vorbeiführten. Es war eine altmodische, aber verlässliche Form des Transports, ähnlich wie die Laufbänder in den Flughäfen der Menschen. Überall in der Stadt gab es kleine Bahnsteige, und man brauchte nur aufzusteigen und sich an einem der Stäbe aus Karbonfaser festzuhalten, die aus dem Band ragten. Daher der Name.
Natürlich hatten Artemis und Butler das Pömpelband schon gesehen, aber da Artemis nicht vorhatte, jemals ein so würdeloses Fortbewegungsmittel zu benutzen, hatte er sich auch nie nach dem Namen erkundigt. Bei seiner mangelnden Koordinationsfähigkeit würde jeder Versuch, lässig auf das Band zu springen, sowieso mit einem demütigenden Sturz enden. Butlers Problem hingegen war nicht mangelnde Koordinationsfähigkeit, sondern seine Größe: Er würde seine liebe Mühe haben, auch nur die Füße zwischen die Stabreihen zu zwängen.
»Ah ja«, sagte Artemis. »Das Pömpelband. Ein Ökotaxi wäre doch bestimmt schneller, oder?«
»Nein«, erwiderte Holly und schob Artemis auf den nächsten Bahnsteig. Dann versetzte sie ihm genau im richtigen Moment einen Stoß in die Rippen, so dass er unwillkürlich einen Schritt nach vorn auf das Band machte und den gewölbten Griff eines Pömpels umklammerte.
»Wow«, sagte Artemis und benutzte damit ungefähr zum dritten Mal in seinem Leben einen Slangausdruck. »Ich hab’s geschafft!«
»Ja, und morgen melden wir dich für die Olympiade an«, spöttelte Holly, die hinter ihm aufgestiegen war. »Kommen Sie, Mister Leibwächter«, rief sie Butler über die Schulter zu. »Ihr Schützling hält Kurs auf einen Tunnel.«
Butler warf der Elfe einen Blick zu, der einen Bullen in die Knie gezwungen hätte. Holly war eine gute Freundin, aber sie konnte das Sticheln einfach nicht lassen. Vorsichtig trat er auf das Band, schob seine riesigen Füße in eine Lücke und bückte sich, um einen der winzigen Pömpel zu ergreifen. Von der Seite sah er aus wie eine übergewichtige Ballerina, die eine Blume pflücken wollte.
Beim Gedanken an Opal Koboi blieb Holly das Grinsen allerdings im Halse stecken.
Das Pömpelband trug seine Passagiere von der Argon-Klinik an einer Piazza im italienischen Stil vorbei zu einem niedrigen Tunnel, der mit Hilfe von Lasern in den massiven Fels gefräst worden war. Unterirdischen, die ihr Mittagessen in einem der Straßencafés einnahmen, erstarrte die Gabel in der Luft, als das seltsame Trio an ihnen vorbeiglitt.
Der Anblick eines uniformierten ZUP-Officer auf dem Pömpelband war nicht weiter ungewöhnlich, aber ein schlaksiger Menschenjunge, der wie ein Bestatter gekleidet war, und ein Riese von der Größe eines Trolls mit rasiertem Schädel kamen eher selten vorbei.
Da der Tunnel nur knapp über einen Meter hoch war, warf sich Butler flach auf das Band, wobei er etliche Pömpel umknickte. Seine Nase streifte beinahe die Tunnelwand, die mit hübschen fluoreszierenden Darstellungen aus der Geschichte des Erdvolks verziert war.
Damit die jungen Unterirdischen jedes Mal, wenn sie hier vorbeikommen, etwas über ihr Erbe erfahren. Was für eine wunderbare Idee, dachte er, doch schließlich unterdrückte er seine Bewunderung und übte sich in Disziplin. Sein Gehirn musste sich auf seine Pflichten als Leibwächter konzentrieren, er konnte es sich nicht leisten, kostbare Neuronen aufs Staunen zu verschwenden, solange er hier unten war.
Heb dir das für den Ruhestand auf, rief er sich zur Ordnung. Dann kannst du deine Gedanken zurückwandern lassen und die Kunst genießen.
Vor dem Polizeipräsidium erstreckte sich ein großer gepflasterter Platz, in dessen Mitte das Eichelabzeichen der Zentralen Untergrund-Polizei kunstvoll aus goldbeschichteten Steinen eingearbeitet war. Aus Sicht der ZUP-Officer reine Verschwendung, denn sie gehörten nicht zu der Sorte, die sinnierend am Fenster stand und sich daran erfreute, wie die Erdsonne jeden einzelnen vergoldeten Stein aufschimmern ließ.
An diesem Tag schienen überhaupt alle geradezu magnetisch aus ihren Büros in den vierten Stock gezogen worden zu sein und drängten sich vor der Kommandozentrale, die direkt neben Foalys Labor lag.
Holly strebte direkt auf die dichteste Stelle zu und schob sich mit spitzen Ellbogen durch die merkwürdig stille Menge. Butler brauchte sich nur einmal zu räuspern, und schon teilte sich der Haufen wie von Geisterhand. Durch die entstandene Schneise ging Artemis schnurstracks in die Kommandozentrale, wo Commander Kelp und Foaly wie gebannt vor einem wandgroßen Bildschirm standen.
Foaly bemerkte das erschrockene Luftschnappen, das Butler stets begleitete, wenn er in Haven unterwegs war, und blickte sich um.
»Mögen die Vieren mit dir sein«, flüsterte er Artemis zu – sein Standard-Begrüßungsspruch der letzten sechs Monate.
»Ich bin geheilt, wie Sie sehr wohl wissen«, entgegnete Artemis würdevoll. »Was ist denn los?«
Holly stellte sich neben Trouble Kelp, der ihrem früheren Chef, Commander Root, mit den Jahren immer ähnlicher wurde. Nichts konnte Commander Kelp mehr aufhalten; einmal hatte er sogar versucht, einen Troll zu verhaften, der sein Bonbonpapier einfach auf die Straße geworfen hatte. Seither prangte ein Stück Ersatzhaut auf seiner Nasenspitze, das bei einem bestimmten Lichteinfall gelblich schimmerte.
»Neuer Haarschnitt?«, frotzelte Holly. »Root hatte genau den gleichen.«
Commander Kelp starrte unverwandt auf den Bildschirm. Trouble Kelp wusste, dass Holly gern Sprüche klopfte, wenn sie nervös war. Und sie hatte allen Grund, nervös zu sein. Genau genommen wäre nackte Angst passender gewesen, in Anbetracht der Situation, die sich da vor ihnen abspielte.
»Sehen Sie sich die Show an, Captain«, entgegnete er angespannt. »Spricht Bände.«
Auf dem Bildschirm waren drei Personen zu sehen, eine kniende, gefesselte und zwei, die sie bewachten, doch Holly konnte Opal Koboi zuerst nicht entdecken, weil sie die Wichtelin unter den Bewachern suchte. Doch dann begriff sie überrascht, dass Opal die Gefangene war.
»Das ist ein Trick«, entfuhr es ihr. »Garantiert.«
Commander Kelp zuckte die Achseln. Abwarten.
Artemis trat näher an den Bildschirm und suchte nach weiteren Hinweisen. »Sind Sie sicher, dass das live ist?«
»Es ist zumindest eine Live-Übertragung«, sagte Foaly. »Aber sie könnten es vermutlich auch vorher aufgezeichnet haben.«
»Von wo wird es gesendet?«
Foaly deutete auf die Nachverfolgungskarte auf dem gesplitteten Bildschirm. Die Linie lief von einem Satelliten des Erdvolks nach Südafrika, von dort nach Miami und dann kreuz und quer zu hundert anderen Orten; es sah aus wie das wütende Gekritzel eines Kindes.
»Sie haben einen Satelliten angezapft und die Verbindung über zahllose Router weitergeleitet. Das kann von überall her kommen.«
»Die Sonne steht hoch«, überlegte Artemis laut. »Anhand der Schatten würde ich schätzen, es ist früher Nachmittag. Wenn es denn wirklich live ist.«
»Das schränkt die Suche schon mal auf ein Viertel des Planeten ein«, sagte Foaly spöttisch.
Entsetztes Gemurmel hob an, als auf dem Bildschirm einer der beiden massigen Gnome, die hinter Opal standen, eine Menschenpistole zog. In seiner Hand sah die verchromte Waffe wie eine Kanone aus.
Mit einem Schlag schien die Temperatur in der Kommandozentrale um einige Grade zu sinken.
»Ich brauche Ruhe«, sagte Artemis. »Schaffen Sie die Leute raus.«
An einem normalen Tag hätte Trouble Kelp sich von Artemis diesen Befehlston nicht bieten lassen und sogar noch weitere Leute in den Raum geholt, um ihm die Stirn zu bieten, aber dieser Tag war alles andere als normal.
»Alle Mann raus«, herrschte er die versammelten Officer an. »Holly, Foaly und der Menschenjunge bleiben, wo sie sind.«
»Ich werde auch lieber bleiben«, sagte Butler, der eine Hand schützend über den Kopf hielt, um sich nicht an der Deckenlampe zu verbrennen.
Niemand widersprach.
Statt sich mit der gewohnten machohaften Langsamkeit zu trollen, stürzten die zum Gehen aufgeforderten ZUP-Officer davon, auf der Suche nach dem nächsten Bildschirm. Sie wollten nur ja nichts verpassen.
Foaly schloss die Tür mit einem Huftritt und verdunkelte die Fensterscheiben. Jetzt lenkte sie nichts mehr ab. Die anderen vier standen im Halbkreis vor dem Wandbildschirm und verfolgten die, wie es schien, letzten Minuten im Leben von Opal Koboi. Oder zumindest von einer Opal Koboi.
Die beiden Gnome trugen Partymasken, die auf jedes beliebige Gesicht programmiert werden konnten. Ihre Masken zeigten Pip und Kip, zwei Kätzchen aus einer beliebten Zeichentrickserie im Fernsehen, aber an der massigen Brust und den keulenförmigen Unterarmen waren sie trotzdem als Gnome zu erkennen. Hinter ihnen ragte eine eintönige, graue Wand auf, und vor ihnen kniete die zierliche Wichtelin in den Schlammspuren irgendeines Fahrzeugs. Die Beine ihres Designerjogginganzugs waren nass und schmutzig. Ihre Hände waren gefesselt, ihr Mund war mit Klebeband verschlossen, und Opal sah aus, als hätte sie wirklich schreckliche Angst.
Der Gnom mit der Pistole sprach durch eine VoxBox in der Maske, so dass seine Stimme klang wie die von Pip, der Zeichentrickkatze. »Okay, noch mal zum Mitschreiben«, kiekste er, und irgendwie klang er durch die alberne Stimme noch gefährlicher. »Wir haben die eine Opal, ihr habt die andere. Wenn ihr eure gehen lasst, lassen wir unsere am Leben. Ihr hattet zwanzig Minuten, jetzt sind’s noch fünfzehn.«
Pip entsicherte die Waffe.
Butler tippte Holly auf die Schulter. »Hat er gerade gesagt –?«
»Ja. Fünfzehn Minuten, sonst töten sie Opal.«
Butler steckte sich einen Dolmetscherknopf ins Ohr. Das hier war zu wichtig, um seinen rudimentären Gnomischkenntnissen zu vertrauen.
Trouble Kelp konnte es nicht fassen. »Was soll das denn? Gebt uns eure Terroristin, sonst töten wir unsere Terroristin?«
»Wir können nicht einfach zulassen, dass jemand vor unseren Augen erschossen wird«, sagte Holly.
»Auf keinen Fall«, stimmte Foaly ihr bei. »Wir sind schließlich keine Menschen.«
Artemis räusperte sich.
»Tut mir leid, Artemis«, sagte der Zentaur. »Aber ihr seid nun mal ein blutrünstiger Haufen. Gut, wir bringen gelegentlich größenwahnsinnige Wichtelinnen hervor, aber insgesamt sind wir ein friedliebendes Volk. Was vermutlich der Grund dafür ist, dass wir überhaupt hier unten leben.«
Trouble Kelp knurrte drohend – eine seiner Waffen, die nur wenige Führungskräfte so überzeugend einsetzen konnten wie er, vor allem wenn sie (trotz Einlagen, wie Artemis vermutete) nur knapp einen Meter groß waren. Aber Troubles Knurren reichte aus, um die anderen zum Schweigen zu bringen.
»Konzentriert euch, Leute«, sagte er. »Ich brauche Lösungen. Wir können Opal Koboi unter keinen Umständen freilassen, aber wir können auch nicht einfach tatenlos zusehen, wie sie ermordet wird.«
Der Computer hatte die Erwähnung von Opals Namen registriert und blendete auf einem weiteren Bildschirm ihre Akte ein, nur für den Fall, dass jemand eine Gedächtnisauffrischung brauchte.
OPAL KOBOI: Wichtelin. Geniale Erfinderin und Unternehmerin. Anführerin des Koboldaufstands. Ließ einen Klon von sich züchten, um aus dem Gefängnis zu entkommen, und versuchte, das Erdvolk den Menschen auszuliefern. Verantwortlich für die Ermordung von Commander Julius Root. Ließ sich eine menschliche Hirnanhangdrüse einpflanzen, um stärker zu wachsen (wurde später wieder entfernt). Eine jüngere Ausgabe von Opal ist Captain Holly Short aus der Vergangenheit in die Gegenwart gefolgt und befindet sich nach wie vor in unserer Zeit; derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt. Vermutlich wird sie versuchen, ihr gefangenes Ich zu befreien und in ihren eigenen Zeitstrom zurückzukehren. Opal belegt im ZUP-Ranking der Größten Feinde des Erdvolks die Plätze eins und zwei. Gilt als hochintelligent, ehrgeizig und psychotisch.
Das ist ein gewagter Schachzug, Opal, dachte Artemis. Ein Schachzug, der katastrophale Auswirkungen haben kann.
Er spürte, wie Holly neben ihn trat.
»Was hältst du davon?«
Artemis runzelte die Stirn. »Spontan würde ich vermuten, dass das Ganze nur ein Bluff ist. Aber Opal plant spontane Vermutungen immer mit ein.«
»Es könnte auch eine List sein. Vielleicht schießt dieser Gnom nur mit einer Platzpatrone?«
Artemis schüttelte den Kopf. »Nein, davon hätten sie nichts, außer unserem momentanen Entsetzen. Opal hat alles so geplant, dass sie in jedem Fall gewinnt, ganz gleich, wie die Sache ausgeht. Wenn ihr sie freilasst, ist sie frei. Wenn die jüngere Opal stirbt … was dann?«
Butler meldete sich zu Wort. »Heutzutage kann man mit Spezialeffekten alles Mögliche anstellen. Was ist, wenn sie ihren Kopf nur in einer Computeranimation explodieren lassen?«
»Nein, Butler«, sagte Artemis. »Denken Sie nach. Auch dadurch gewinnt sie nichts.«
Foaly schnaubte. »Wenn die Gnome sie wirklich erschießen, wissen wir zumindest bald, ob das Ganze echt ist oder nicht.«
»Stimmt«, sagte Artemis mit halbem Lachen. »Das merken wir auf jeden Fall.«
Butler stöhnte. Das war wieder eine von diesen Situationen, wo Artemis und Foaly irgendetwas Technisches wussten und annahmen, dass alle anderen im Raum ebenfalls über die nötigen Kenntnisse verfügten. Das trieb Holly regelmäßig in den Wahnsinn.
»Wovon redet ihr?«, fauchte Holly prompt. »Was wissen wir dann? Was merken wir auf jeden Fall?«
Artemis sah sie an, als wäre er gerade aus einem Traum aufgewacht. »Im Ernst, Holly? Wir haben zwei Ausgaben desselben Wesens innerhalb eines Zeitstroms, und dir ist nicht klar, was das für Konsequenzen haben kann?«
Auf dem Bildschirm standen die beiden Gnome wie Statuen hinter der zitternden Wichtelin. Der bewaffnete – Pip – sah ab und zu auf die Uhr, indem er mit dem Pistolenlauf den Ärmel seiner Jacke hochschob, aber davon abgesehen warteten sie geduldig. Opal blickte flehentlich in die Kamera, dicke Tränen rollten ihr über die Wangen und glitzerten in der Sonne. Ihr Haar wirkte feiner als sonst und ungewaschen. Ihr Juicy-Couture-Jogginganzug, den sie vermutlich in der Kinderabteilung irgendeiner exklusiven Onlineboutique gekauft hatte, war an mehreren Stellen zerrissen und blutgetränkt. Die Auflösung des Bildschirms war so hoch, dass man das Gefühl hatte, durch eine Fensterscheibe zu blicken. Falls das Ganze nur eine leere Drohung war, so wusste die junge Opal jedenfalls nichts davon.
Trouble schlug mit der Faust auf den Tisch, eine Lieblingsgeste, die er ebenfalls von Julius Root übernommen hatte. »Was sind die Konsequenzen? Jetzt sag schon!«
»Na gut«, seufzte Artemis. »Da hier offenbar keiner mitdenkt … Also, die Sache ist folgendermaßen –«
»Ach bitte«, flehte Foaly. »Lass mich das erklären. Das ist mein Spezialgebiet, und ich mache es einfach und kurz, versprochen.«
»Na, dann los«, sagte Trouble, der bekanntermaßen eine Vorliebe für einfach und kurz hatte.
Holly stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. Sie war fassungslos, dass sich alle einfach genauso verhielten wie immer, obwohl ein Leben auf dem Spiel stand.
Wir sind schon genauso gefühllos wie die Menschen.
Ganz gleich, was Opal getan hatte, sie war immer noch ein lebendes Wesen. Wie oft Holly selbst früher davon geträumt hatte, die Wichtelin zu schnappen und ein bisschen oberirdische Gerechtigkeit an ihr zu üben … Aber die Zeiten waren längst vorbei.
Foaly zupfte an seiner dramatisch ondulierten Stirnlocke. »Alle Lebewesen bestehen aus Energie«, begann er pompös zu dozieren wie gern bei solchen Gelegenheiten. »Und wenn Lebewesen sterben, löst sich ihre Energie langsam und kehrt zur Erde zurück.« Er legte eine dramatische Pause ein. »Aber was ist, wenn die gesamte Existenz eines Lebewesens plötzlich durch eine Quantenanomalie negiert wird?«
Trouble hob genervt die Arme. »He! Einfach und kurz, wenn ich bitten darf!«
Foaly seufzte. »Also gut. Wenn die junge Opal stirbt, kann die ältere Opal nicht weiterexistieren.«
Trouble brauchte einen Moment, aber dann verstand er. »Sie meinen, so wie im Film? Sie löst sich in Luft auf, wir gucken alle ein bisschen dumm, und dann vergessen wir sie?«
Foaly kicherte. »Das ist die eine Theorie.«
»Und die andere?«
Plötzlich wurde der Zentaur ganz blass und überließ zur allgemeinen Überraschung Artemis den Vortritt.
»Den Teil kannst gerne du übernehmen«, sagte Foaly. »Mir ist gerade klargeworden, was alles passieren kann … und ich müsste mal dringend telefonieren.«
Artemis nickte kurz. »Die andere Theorie wurde erstmals vor über fünfhundert Jahren von Ihrem Professor Bahjee aufgestellt. Seine Theorie besagt, wenn ein Zeitstrom durch die Ankunft einer jüngeren Ausgabe eines Lebewesens verunreinigt wird und diese jüngere Ausgabe stirbt, dann wird die gesamte Energie der gegenwärtigen Ausgabe des Lebewesens mit einem gewaltigen Schlag freigesetzt. Und nicht nur das: Es wird all das explodieren, was wegen der jüngeren Opal existiert.«
Gewalt und explodieren waren Wörter, die Commander Kelp sofort verstand.
»Die Energie wird freigesetzt? Mit welcher Gewalt?«
Artemis zuckte die Achseln. »Das hängt vom Objekt oder Lebewesen ab. Materie verwandelt sich schlagartig in Energie. Dabei wird eine enorme explosive Kraft freigesetzt. Das könnte sich durchaus in der Größenordnung einer Kernspaltung bewegen.«
Holly spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte. »Kernspaltung?«
»So in etwa«, sagte Artemis. »Jedenfalls bei Lebewesen. Die Objekte dürften weniger Schaden anrichten.«
, dachte Holly plötzlich. .
»Können sie uns hören?«, fragte sie Foaly.
»Ja, aber bisher haben wir nicht reagiert. Drück einfach auf den Knopf.«
Das war nur eine alte Redewendung; natürlich gab es keinen Knopf mehr, sondern lediglich einen Sensor auf dem Touchscreen.
»Stopp, Captain!«, befahl Trouble.
»Ich bin ausgebildete Verhandlerin, Sir«, sagte Holly und hoffte, dass der respektvolle Ton ihr helfen würde, sich durchzusetzen. »Und ich war …« Sie warf Artemis einen schuldbewussten Blick zu, weil sie die alte Geschichte wieder hervorholen musste. »Ich war selbst einmal Geisel, ich weiß, wie so etwas abläuft. Lassen Sie mich mit ihnen reden.«
Artemis nickte ermutigend, und sie wusste, dass er ihre Taktik verstanden hatte.
»Captain Short hat recht, Commander«, sagte er. »Holly ist eine sehr gute Verhandlerin. Sie hat es sogar geschafft, zu mir durchzudringen.«
»Meinetwegen«, knurrte Trouble. »Foaly, Sie versuchen weiter, Atlantis zu erreichen. Und rufen Sie den Rat zusammen. Wir müssen sofort mit der Evakuierung der beiden Städte beginnen.«
Obwohl man ihre echten Gesichter nicht sehen konnte, wirkten die Comicmasken der Gnome jetzt gelangweilt. Die beiden hielten den Kopf schief und waren träge in sich zusammengesackt. Irgendwie war das Ganze doch nicht so aufregend, wie sie gedacht hatten. Schließlich konnten sie ihr Publikum nicht sehen, und bisher hatte niemand auf ihre Drohungen reagiert. Was als revolutionäre Aktion begonnen hatte, sah jetzt eher aus wie zwei große Gnome, die eine kleine Wichtelin piesackten.
Pip wackelte mit der Waffe und sah zu Kip. Was das bedeuten sollte, war klar: Warum erschießen wir sie nicht einfach sofort?
Holly aktivierte mit einem Fingertippen das Mikrofon. »Hallo, hier spricht Captain Holly Short von der Zentralen Untergrund-Polizei. Können Sie mich hören?«
Sofort wurden die Gnome munter, und Pip versuchte sogar einen Pfiff, der über die VoxBox allerdings eher wie ein Furz klang.
»Hey, Captain Short. Wir haben schon von Ihnen gehört. Und ich hab Bilder gesehen. Sie sind gar nicht mal so hässlich, Captain.«
Holly verkniff sich eine bissige Entgegnung. Zwing einen Entführer nie dazu, seine Entschlossenheit zu demonstrieren. »Danke, Pip. Ich darf Sie doch Pip nennen?«
»Sie dürfen mich nennen, wie Sie wollen, Holly Short, und Sie dürfen mich auch gerne mal besuchen kommen«, kiekste Pip und stieß seine Faust demonstrativ gegen Kips.
Holly konnte es nicht fassen. Die zwei waren kurz davor, ganz Erdland plattzumachen, und doch alberten sie herum wie zwei Kobolde bei einer Feuerballparty.
»Okay, Pip«, sagte sie mit ruhiger Stimme. »Was können wir für Sie tun?«
Pip sah Kip an und schüttelte traurig den Kopf. »Warum sind die Hübschen bloß immer so dumm?« Dann wandte er sich zur Kamera. »Sie wissen, was Sie für uns tun können. Das haben wir Ihnen schon gesagt. Lassen Sie Opal Koboi frei, oder ihre jüngere Ausgabe wandert ins Land der ewigen Träume. Sprich: Sie kriegt einen Kopfschuss.«
»Sie müssen uns Zeit lassen, unseren guten Willen zu zeigen. Kommen Sie, Pip. Noch eine Stunde? Tun Sie das für mich?«
Pip kratzte sich mit dem Pistolenlauf am Kopf und tat so, als würde er ernsthaft nachdenken. »Sie sind süß, Holly. Aber so süß nun auch wieder nicht. Wenn ich Ihnen noch eine Stunde gebe, spüren Sie mich irgendwie auf und verpassen mir einen Zeitstopp. Nein danke, Captain. Sie haben zehn Minuten. An Ihrer Stelle würde ich zusehen, dass die Zellentür aufgeht, oder das Beerdigungsinstitut anrufen.«
»So was geht nicht in ein paar Minuten, Pip«, versuchte Holly es erneut. Sie wiederholte seinen Namen, um eine persönliche Bindung herzustellen. »Es dauert ja schon drei Tage, um ein Knöllchen zu bezahlen.«
Pip zuckte die Achseln. »Ist nicht mein Problem, Herzchen. Und Sie können mich Pip nennen, so oft Sie wollen, ich werd trotzdem nicht Ihr bester Freund. Das ist nämlich nicht mein richtiger Name.«
Artemis schaltete das Mikro aus. »Der ist nicht dumm, Holly. Spiel nicht mit ihm, sag ihm einfach die Wahrheit.«
Holly nickte und schaltete das Mikro wieder ein. »Okay, wie immer Sie heißen. Ich will ganz offen mit Ihnen sein. Wenn Sie die jüngere Opal erschießen, wird es hier unten mit ziemlicher Sicherheit eine Reihe massiver Explosionen geben. Eine Menge unschuldige Leute werden sterben.«
Pip schwenkte ungerührt seine Waffe. »Ach ja, die Quantengesetze. Die kennen wir auch, nicht wahr, Kip?«
»Quantengesetze«, sagte Kip. »Klar kennen wir die.«
»Und es ist Ihnen egal, dass harmlose Unterirdische sterben, vielleicht sogar Gnome aus Ihrer Familie?«
Pips Augenbrauen wanderten so hoch, dass sie über dem Rand der Maske auftauchten. »Magst du irgendwen aus deiner Familie?«
»Ich hab keine Familie. Ich bin Waise.«
»Echt? Ich auch.«
Während sie ihre Sprüche klopften, kauerte Opal zitternd im Schlamm und versuchte trotz des Klebebands etwas zu sagen. Foaly beschloss, das undeutliche Gemurmel später durch die Stimmanalyse zu schicken, falls es ein Später gab, aber man brauchte kein Genie zu sein, um zu begreifen, dass sie um ihr Leben bettelte.
»Vielleicht gibt es ja etwas, das Sie gerne haben möchten?«, sagte Holly.
»Ja, da fällt mir tatsächlich was ein«, erwiderte Pip. »Könnte ich Ihren Comcode haben? Ich würd mich gerne mal mit Ihnen auf einen Erdkaffee treffen, wenn das alles hier vorbei ist. Das könnte natürlich ein bisschen dauern, wenn Haven wirklich in die Luft fliegt.«
Foaly schickte ihr ein Textband auf den Bildschirm: Sie bringen Opal jetzt raus.
Holly nickte kurz, als Zeichen, dass sie verstanden hatte, dann fuhr sie mit den Verhandlungen fort. »Die Lage ist folgende, Pip. Wir haben noch neun Minuten. Aber in der Zeit können wir niemanden aus Atlantis rausbringen. Das ist schlicht unmöglich. Die Leute brauchen Schutzanzüge, müssen in die Druckausgleichskammer und durch die Schleusen hinaus ins offene Meer. Das geht nicht in neun Minuten.«
Pips flapsige Antworten waren allmählich nur noch schwer erträglich. »Tja, dann werden wohl eine Menge Leute baden gehen. So eine Kernspaltung dürfte ein ziemliches Loch in die Kuppel reißen.«
Holly hielt es nicht mehr aus. »Kümmern Sie denn all die Leute überhaupt nicht? Was zahlt man Ihnen so für Völkermord?«
Pip und Kip fingen tatsächlich an zu lachen.
»Scheißgefühl, so machtlos zu sein, nicht?«, sagte Pip. »Aber es gibt Schlimmeres. Ertrinken zum Beispiel.«
»Oder von einstürzenden Häusern erschlagen zu werden«, fügte Kip hinzu.
Holly schlug mit ihren kleinen Fäusten auf den Tisch.
Die zwei machen mich wahnsinnig.
Pip trat so nah an die Kamera heran, dass seine Maske den ganzen Bildschirm ausfüllte. »Wenn ich nicht in den nächsten paar Minuten einen Anruf von Opal kriege, dass sie in einem Shuttle sitzt und auf dem Weg zur Oberfläche ist, erschieße ich diese Wichtelin. Das ist mein Ernst.«
Foaly ließ den Kopf in die Hände sinken. »Dabei habe ich immer so gerne Pip und Kip geguckt«, seufzte er.