In Gedenken an meine Großmutter Frieda Maria und
in Erinnerung an meinen Vater Alfred
© 2015 by Horst Hanisch, Bonn
Gelistet im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
Der Text dieses Buches entspricht der neuen deutschen Rechtschreibung.
Die Verwertung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne Zustimmung des Autors urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt auch für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmung und für die Verarbeitung mit elektronischen Systemen.
Die Ratschläge in diesem Buch sind sorgfältig erwogen, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung des Autors und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Idee und Entwurf: Horst Hanisch, Bonn
Lektorat: Alfred Hanisch, Bonn; Annelie Möskes, Bornheim
Layout und Gestaltung: Guido Lokietek, Aachen; Horst Hanisch, Bonn
Umschlaggestaltung: Christian Spatz, engine-productions, Köln; Horst Hanisch, Bonn
Fotos: Umschlag und im Text: Märchenbilder von Friedl Maria Weber; Wiedergabe durch Horst Hanisch, Bonn; alle anderen Bilder Horst Hanisch
Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN-13: 978-3-7392-6181-2
Zu meinem Geburtstag am 11. Dezember 1996 überraschte mich mein Vater Alfred mit einem dicken Schriftstück. Neugierig öffnete ich das Päckchen und hielt die Abschrift mehrerer Märchen meiner Großmutter, genannt Omi, in der Hand. Ich blätterte in den Unterlagen und versuchte hier und dort ein paar Sätze zu lesen. Mein Vater hatte sich die Mühe gemacht, über 30 Märchen und einige Textfragmente meiner Omi genauestens abzuschreiben und eingangs mit einem Kommentar zu versehen. Heute, 19 Jahre später im Jahre 2015, bin ich endlich so weit, diese Texte in diesem Buch zu erfassen und gleichzeitig einige weitere Texte, die mein Vater aus dem Nachlass meiner Großmutter gerettet hatte, unterzubringen.
Bei der Bearbeitung dieses Manuskriptes blieb ich manchmal stundenlang in Texten, Bildern oder Fotos stecken, weil es mich faszinierte festzustellen, unter welchen Bedingungen die Texte entstanden waren. Und ich war überrascht, wieviel Realität und echte Lebenssituationen in die Geschichten einflossen.
Bei der Erstellung dieser Unterlagen überlegte ich, ob ich den einen oder anderen Namen unkenntlich machen sollte, um niemanden in Verlegenheit zu bringen. Schließlich entschloss ich mich, bei der ungefärbten Realität zu bleiben.
Zu meiner großen Freude entdeckte ich auch ein Gedicht meiner Urgroßmutter und Texte meines Vaters. Diese sind nun Bestandteil des Buches.
Glücklicherweise kann ich mich noch mit meinem Vater über die Texte austauschen und auch die Hintergründe zu einigen Fotos erfragen. Wer ist dort abgebildet und in welcher Relation stand er zu meiner Großmutter? Nachdem meine eigene Mutter überraschend im Vorjahr verstorben ist, schwindet die Möglichkeit, gemeinsam nach Erinnerungen zu suchen. Und mit jedem Jahr werden Erinnerungen blasser und blasser. Umso wichtiger, einige zu ‚retten‘ und zumindest auf Papier festzuhalten.
Zu meiner großen Überraschung fanden sich im Nachlass nicht ausschließlich die Märchen. Sondern auch, manchmal mit erschreckendem oder überraschendem Inhalt für mich, Omis tatsächliche Gedanken zur Kriegszeit und die direkten Jahre danach. Davon ausgehend, dass es sich hier überwiegend nicht um Märchen, sondern um ihre tatsächlichen Gefühle und Gedanken handelt, gewährten mir diese Aufzeichnungen eine ganz andere Sicht auf meine schon lange verstorbene Omi.
Die Geschichten, die mit ‚Rickchen‘, einem Spitznamen, den sich meine Großmutter selbst gab, betitelt sind, zeigen ihre frühesten Lebensjahre als Kleinkind und Kind. Es war schon ein eigenartiges Gefühl für mich, als ich in diesem Zusammenhang von meinem (dort beschriebenen) sehr jungen Urgroßvater las, der damals zum Weltkrieg – zum Ersten Weltkrieg wohl gemerkt – eingezogen wurde. Wer hört schon seinen Urgroßvater als jungen Menschen lebhaft in einer Geschichte sprechen?
Einige der Leserinnen und Leser mögen Sachverhalte aus den Geschichten aus eigener Kindheit oder aus Erzählungen kennen. Bevor ich Ihnen nun das Lesen der nächsten Seite überlasse und es schaffe, Sie vielleicht in eine andere Zeit zu versetzen, bilde ich hier den Text ab, den mir mein Vater zusammen mit dem oben beschriebenen Geburtstagsgeschenk überreichte.
Ich bin meinem Vater jedenfalls ausgesprochen dankbar, dass er mir diese Unterlagen zur Weiterbearbeitung überlassen hat. Ich habe es sehr gerne getan.
Den Leserinnen und Lesern wünsche ich einen Anstoß zur Erinnerung an frühere Zeiten.
Horst Hanisch
„Lieber Horst,
in den Jahren, als Deine Großmutter in Rotenburg an der Fulda lebte, bat sie mich immer wieder, ihre Märchen abzuschreiben. Ich versprach, diesen ‚Herzenswunsch‘, wie sie sagte, zu erfüllen, obwohl ich wusste, dass ich damals gar nicht die Zeit dazu hatte.
Nachdem ich seit Beginn dieses Jahres im Ruhestand bin, arbeite ich alles auf, was liegengeblieben ist – und dazu zählen auch die Märchen Deiner Großmutter. Sie nannte sich übrigens Friedel Maria Weber, wobei sie Friedl ohne ‚e‘ schrieb, wie dies in Österreich üblich sei.
Das Abschreiben der Märchen, die nicht chronologisch aufgezeichnet sind, ist so, wie Deine Großmutter es gewünscht hat. Die Bilder zu den Märchen habe ich farb-ablichten lassen, die Originale finden sich bei mir.
Ich hoffe, lieber Horst, dass ich Dir mit den Märchen meiner Mutter eine Geburtstags-Freude machen kann und ich würde mich freuen, wenn Du Dich das eine oder andere Mal damit befassen könntest. Jedenfalls finde ich sie wert, dass Du sie zu ihrem Andenken aufbewahrst.
Das Märchen von dem ‚Prinzen mit den goldenen Haaren‘, das auf einer wahren Begebenheit beruht, habe ich in ihrem Stil weitergeführt und die späten Gedichte dazu in den Text eingefügt.
Im Nachlass waren drei Fragmente einer Erbsenreise, die ich, ebenso wie einige märchenhafte Gedichte an den Schluss gesetzt habe.
Vielleicht werden wir beide über das eine oder andere aus den Märchen noch reden, denn manches aus meiner und natürlich Tante Ediths Kindheit spiegelt sich in den Märchen wieder.
Fred, 11. Dezember 1996“
Am 31. Dezember 1910 wurde meine Omi, Frieda Maria, im Westerwald geboren. Sie war die Mutter meines Vaters Alfred, genannt Fred. In der Familie wurde sie als die ‚kleine Omi‘ bezeichnet, zur Unterscheidung zur ‚großen Omi‘, der Mutter meiner Mutter. Das hatte allein mit deren Körpergröße zu tun.
Meine Omi musste um die 55 Jahre alt gewesen sein, als ich die ersten bewussten Erinnerungen an sie hatte.
Sie wohnte damals mitten in Mainz. Noch heute erinnere ich mich sehr genau an die blank gewachsten, dunklen Holzstufen, die im Uhrzeigersinn hoch zu ihrer Stadtwohnung führten. Beim Gedanken an früher, drängt sich immer wieder der Geruch des Bohnerwachses in meine Nase.
Klar, dass ich ihr bei meinen Besuchen immer die Kohle aus dem Keller nach oben schleppte. Die Kellertreppen führten steil nach unten in das unheimlich wirkende Kellergewölbe. Ein wenig unheimlich war es dort schon und ich war immer wieder froh, dort schnellstmöglich rauszukommen.
Die Wohnung erschien mir damals sehr eindrucksvoll, führten doch die Zimmer sozusagen im Kreis. Hinter der Wohnungstür betrat ich die kleine Diele. Links gelangte ich in die Küche, wo sich das tägliche Leben abspielte. Von dort ging es weiter in einen Raum; nennen wir diesen mal Gästezimmer. Ursprünglich wurde es als Kinderzimmer benutzt. Zu meinen Zeiten war es eine Art Nähzimmer. Das Fenster zeigte direkt auf die Rückseite des Mainzer Doms und auf einen wunderschönen, geheimnisvollen Garten. Es muss der Garten eines Nonnenwohnheims gewesen sein, der nun dem Beobachter seine gediegenen Geheimnisse anvertraute. Mich beruhigte der beeindruckende Glockenschlag des Doms, alle fünfzehn Minuten.
Im Uhrzeigersinn ging es weiter ins Schlafzimmer meiner Großmutter. Die Fenster dort zeigten zur anderen Seite, auf die schmale Straße.
Das anschließende Zimmer war das geräumige, lichtdurchflutete Wohnzimmer. Mir erschien das Zimmer immer aufgeräumt und sauber, genau genommen sogar unbenutzt. Dunkle, schwere Holzmöbel zierten den Raum. Handmodellierte Tonfiguren, die meine Großmutter vormals selbst modelliert hatte, zierten die Kommode.
Hier eine Figur, die der Mimik der ersten ursprünglich heimlich angehimmelten Freundin meines Vaters nachempfunden sein soll (letztlich stand sie Modell).
Der schwere Schreibtisch und der Wohnzimmerschrank (mit mehreren Einschusslöchern aus dem 2. Weltkrieg) standen jahrelang bei meinen Eltern. Der Schrank hat es nun in die Seniorenresidenz meines Vaters geschafft.
Im Wohnraum stand meistens eine aufgebaute Staffelei mit einem angefangenen Gemälde. Die Farbpalette mit halb eingetrockneten (und sündhaft teuren) Farben lag, vorsichtig abgelegt, auf der Kommode.
Bei meinen wöchentlichen Besuchen spielten wir immer mal wieder Halma. Unser geläufigster Spruch dabei lautete: „Omi, hüpf‘ mal!“, wenn Omi am Zuge war. Geschickt hüpfte sie dann mit ihren Spielfiguren über das Spielbrett. Soweit ich mich erinnern kann, neigte sie dazu, zu gewinnen.
Erst nach ihrem Tod wurde mir bewusst, dass Omi neben ihrer Gemäldemalerei, Geschichten und Märchen geschrieben hatte.
Das geschah überwiegend vor meiner Besuchs-Zeit, in den 30er Jahren bis ca. 1960. Erst über meinen Vater Fred wurde ich auf diese Märchen aufmerksam gemacht. Er hatte seiner Mutter versprochen, die Märchen chronologisch zusammenzustellen. Im Jahre 1996 übergab er mir die gesammelten Werke. Interessant wurden für mich die Märchen dann, wenn der Bezug zu den Geschehnissen der damaligen Zeit genommen werden konnte.
Und noch etwas, was eine Besonderheit darstellt. Frieda Maria malte zu ihren Märchen eigene Bilder bzw. Zeichnungen. Diese werden in diesem Buch abgebildet.
Meiner Großmutter gelang es nicht, einen Verlag zur Veröffentlichung zu überzeugen. So wechselte sie die Strategie. Sie meinte, dass ich, als Enkel, durch die Veröffentlichung dieser Märchen ein gutes Einkommen erzielen könnte. Davon gehe ich allerdings nicht im Mindesten aus. Im Gedenken an meine Omi, zu ihren Ehren, sind ihre Märchen hiermit veröffentlicht. Schriftstellerische Höhepunkte sind natürlich nicht zu erwarten. Die Märchen dienten, nach Angaben meiner Großmutter, um diese ihren beiden eigenen Kindern, Alfred und Edith, vorzulesen. Also: Eine Mutter schrieb für ihre Kinder.
Sollte Frieda Maria vom Himmel herabschauen, wo sie sich seit 1990 aufhält, hoffe ich, dass sie sich über das Ergebnis freut.
In diesem Sinne: Omi hüpf‘ mal!
Dein Enkel – Horst
PS: Lustigerweise fand ich vor ein paar Tagen folgenden Liedtext, den ich im Zusammenhang mit dem Buchtitel hier einfüge. Bei der Recherche fand ich mehrfach diesen Text, manchmal aber mit einigen anderen Wörtern.
Eine Oma ging spazieren,
an der Hand ein kleines Kind.
Und das Kind, das musst‘ sie führen,
denn die arme, alte Dame, die war blind.
War ein Graben in der Nähe,
war ein Loch in der Chaussee:
„Oma, hops mal!“ sprach die Kleine
und die alte Dame sprang in die Höh'.
Die Kleine war voll Entzücken,
als sie die Oma hopsen sah.
„Oma, hops mal!“ sprach es öfter,
wenn auch kein Graben in der Nähe war.
Kam ein Schutzmann seines Weges,
war des Kindes sehr empört:
„Hör mal zu, Du kleine Range!
Dein Benehmen ist ja wirklich unerhört!“
„Herr Schutzmann, halten Sie die Klappe!
Herr Schutzmann sein Sie still!
Diese Oma, die ist Meine,
die kann ich hopsen lassen, wo und wann ich will!“
(Statt Schutzmann kann auch Lehrer oder Förster stehen.)
Omi hat im Alter von 35 bis 37 Jahren die Erinnerungen an ihre ersten LebensJahre aufgeschrieben und in Form von Geschichten festgehalten. Die harmlosen Texte lassen einen guten Einblick in die Lebensweise der Menschen nach 1910 zu. Wir befinden uns zu Beginn im Westerwald und zwar im Dörfchen Ellenhausen bei Selters. Anschließend werden einige Erlebnisse nach dem Umzug nach Mainz-Weisenau geschildert. Es lässt sich kaum mit Sicherheit sagen ob und inwieweit alle Geschichten der objektiven Wahrheit entsprechen bzw. wie weit Omis subjektive Gefühle die Realität beeinflussten. Es darf davon ausgegangen werden, dass die erwähnten Personen tatsächlich gelebt haben.
Bei der Übertragung der Texte hier in das Manuskript zuckte es manchmal in den Fingern, die Sätze anders zu formulieren. Das wurde aber tatsächlich unterlassen. Lediglich wurde der Text, soweit möglich, der aktuellen Schreibweise angepasst. Es fällt auf, dass Omi sehr häufig Verkleinerungsformen wie ‚chen‘ oder ‚lein‘ wählte. Die erstgenannte Form wird über 640 Mal geschrieben!
Manchmal scheint eine chronologische Zuordnung schwierig, da auch nicht sicher ist, ob die Geschichten in der Reihenfolge geschrieben wurden, wie sie hier aufgelistet sind.
Mein Vater machte sich die Mühe, die Texte abzuschreiben. Er hat dabei vorsichtig die eine oder andere Anpassung vorgenommen, die er dann in den Fußzeilen vermerkte. Auch ist es ihm gelungen, die meisten Personen historischen Menschen zuzuordnen.
Hierzu vermerkte mein Vater: Lebensgeschichte und -geschichten aus dem Leben von F. M. Weber aus ihrer Zeit in Ellenhausen (Westerwald) und in Weisenau bei Mainz.
Die Manuskripte waren teils mit der Hand auf Durchschlagpapier, teils in Schulhefte und teils mit der Schreibmaschine geschrieben. Eine ernsthafte Korrektur hat so gut wie nicht stattgefunden.
Da F. M. Weber in den Manuskripten bei fast allen Personen die Namen immer wieder änderte bzw. neue Pseudonyme einführte, war das Auffinden durchgehend annähernd gültiger Namen äußerst schwierig.
Schon der Titel Rickchen ist ein Pseudonym für Friedachen, wie F. M. Weber als Kind gerufen wurde. Ricke ist gleichzusetzen mit Frieda.
Selbstbildnis Datum unbekannt
In einem kleinen Dorf im Westerwald kam das rosige Menschenkind zur Welt. Missgünstige Menschen aus der Umgebung nannten diesen Ort gehässig „Elendshausen1“. Weshalb? Das wusste wohl niemand so recht zu erklären, denn ein Elendshausen war es bestimmt nicht.
Wenn sich dort auch kein Reichtum breit machen konnte, so hatte doch jeder genug um sich satt zu essen, und für hungrige Bettler und Hausierer war immer ein Stück des guten, kräftigen Bauernbrots übrig. Und für das kleine Mädchen wurde das Dorf der Tummelplatz einer sorglosen Kindheit. Ausgerechnet hatte es sich Silvester2 ausgesucht, um auf die Welt zu kommen. „Ein Glückskind“, sagten die Leute. Somit begann sein Leben unter glücklichen Vorahnungen, beim Schimmer strahlender Silvestersternen.
Es war das dritte Kind seiner Eltern3, das erste, das kräftig genug war, am Leben zu bleiben. So war es leicht verständlich, dass es von seinem Vater sehr verwöhnt, von der Mutter innig geliebt und behütet, von allen Verwandten und Bekannten aber als Glückskind betrachtet wurde.
Unbewusst schwelgte es in dieser Gunst, erreichte, was es sich wünschte und trieb sich, als es endlich auf eigenen Beinen stehen konnte, bei den Bauern herum, hier einen schönen reifen Apfel, dort eine saftige Birne einheimsend. Was Wunder also, dass es sich mit der Zeit zu einem dicken, runden Bummerchen entwickelte. Auf seinem gut genährten Körperchen saß der flachsblonde4 Lockenkopf wie ein Melönchen. Bei der kleinen Stupsnase, meinte der Vater später, habe es der liebe Gott beim Nasenverleihen vergessen. Aber damit es nicht zu jammern brauchte, und es auch eine Nase aufzuweisen hätte wie andere Leute, da wäre der liebe Gott so gütig gewesen und hätte ihm mitleidig ein Klümpchen Ton ins Gesicht gedrückt.
Man gab ihm den Namen Ricke5, wie es die Mutter wünschte. Dem kleinen Mädchen war es gleichgütig wie man es rief, es hatte damals auch nichts zu reden, und auf seine protestierenden Schreie hätte man nichts gegeben. Aber man hatte nicht mit der alten Urgroßmutter gerechnet. Der gefiel der Name gar nicht, denn sie rief außer sich: „Ricke, Ricke, ist das auch ein Name?“ Sie war untröstlich. Ricke steht nicht in der Kirchenlegende! Sollte es, das arme Kind, ohne Schutzpatronin auf der Erde herumlaufen? Nein, das hatte es noch nicht gegeben in ihrer Familie.
Sie brachte es schließlich fertig, dass man ihm den Beinamen Maria gab. Und Rickchen war es zufrieden.
Bei der Taufe sagte zwar der Pfarrer, es gäbe seines Wissens keine heilige Ricke, aber, so fügte er mit tiefer Bassstimmer hinzu: „... so kann das Kind, so Gott will, eine Heilige Ricke werden.“ Damit war’s gut und das Kind hieß Ricke. Jedenfalls gedieh es prächtig. Es kannte sich aus in dem kleinen Dorf wie Fritzchens Spitz. Das war ein struppiger, kläffender Köter mit langen schwarzen Zotteln, der, genau wie es selbst, dort zu finden war, wo er nichts verloren hatte; nämlich in den schmutzigsten Ställen und Hofecken.
Sein Plappermäulchen ging schneller als das alte Mühlrad am Bache. Da dies der zittrige, schwerhörige Großvater behauptete, sei ihm verziehen. Das kleine Dorf hatte damals, zu Rickchens Kinderzeit, kaum mehr als fünfzig, meist Fachwerkhäuser; klein, sauber, selten eines darunter, das mehr als zwei Stockwerke hoch war. Ein Erwachsener brauchte nur einige Minuten, um das Dörfchen zu durchwandern. Was denkt sich ein Kind schon von der Welt? Es weiß nichts davon! Es findet auch im kleinsten Dörfchen, das an Bäckers Haus anfängt und hinter Philipse Jakobs Haus zu Ende ging, Dinge genug, sich die Zeit zu vertreiben.
Philipse Jakob hieß der Großvater. Die Großmutter nannte man Minnings Mariann. Rickchens Vater aber rief man Philipse Karl6.
Karl ‚Philips‘ Weber im Kreise von Bekannten und Verwandten
Philipse war nicht der Familienname. Es mag gewesen sein, dass einer der Urgroßväter mit Vorname Philip hieß und dass dann dieser Name im Volksmund beibehalten wurde. Viele Familien im Dorfe führten unter sich die Vornamen als Familienname. So wie Jakobs, Pitterchens, Fritzens und wie sie alle hießen. Auch Berufsgattungen galten als Namen, wie Schusters, Schreiners, Bäckers, Wagners, Schneidemüllers, Spielmann, Lehrers und so fort. Fragte einer, der im Dorfe fremd war nach Herrn „Jakob Soundso“, da wusste man gewöhnlich nicht wen er meinte. Aber Philipse Jakob, ja, den kannte man! Rickchens Vater war kein Bauer, auch besaß er kein eigenes Haus. Er war Taglöhner im Tagebau7 und hatte auch nicht wie es sonst üblich war, eine Tochter aus dem Dorfe geheiratet. Sondern, er hatte Rickchens Mutter vom Rheine geholt. Sie war ein armes Mädchen, und da der Vater auch nicht viel besaß, waren sie arme Leute und blieben es. Als Philipse Karls Frau ins Dorf einzog, trat sie fast in ein Wespennest. „Huch, eine Fremde!“ Und dazu war sie auch noch protestantisch. Das war zu viel für ein ganz und gar katholisches Dorf und gleichsam unerhört nach der engstirnigen Auffassung der harten Bauernschädel. Ihrem Manne zuliebe tat Dinchen8, als merke sie nichts, doch litt sie sehr unter den offensichtlichen Anfeindungen. Dennoch, mit den Jahren eroberte sie sich durch Fleiß und Klugheit das Wohlwollen der Einheimischen.
Bald fand Philipse Dinchen eine ihr herzlich zugetane Bäuerin, mit der sie innige Freundschaft hielt. Sie hieß Thres, und Rickchen mochte sie auch sehr gerne, weil sie der Mutter wie eine Schwester war. Nur deren beiden Buben, den Theodor und den Engelbert, konnte es nicht recht leiden, weil sie sich immer hauten, und wenn es gerade in der Nähe war, dann fielen auch für es, mehr als einmal, einige harte Schläge und Püffe ab. Später dann, als sie zusammen zur Schule gingen, da vertrugen sie sich schon etwas besser.
Thres war klein, schwarzhaarig, dunkelhäutig und sie hatte so schöne braune Augen wie Rickchens Mutter. Es war ganz selbstverständlich, dass beide Frauen sich gegenseitig mit Rat und Tat, in allen Lebenslagen, beistanden. Mutter Dinchen half der Thres beim Heuen9 und Kartoffelhacken sowie bei jeder Feldarbeit, wobei ihre Kinder nie fehlten. Solange Rickchen noch ganz klein war, steckte man es zwischen weiche Kissen, in ein Leiterwägelchen, manchmal Thresens kleinen Theodor noch dazu, und dann ging’s hinaus aufs Feld, wo man die Kleinen sich selbst überließ, hurtig an die Arbeit ging. Anfangs, die erste halbe Stunde, ging es gut, bis sich die Kinder langweilten. Dann fingen sie an sich zu beißen und zu kratzen und sich die Haare zu raufen, bis sie schließlich ein dreistimmiges Geheul begannen. Denn Engelbert, der schon vier Jahre zählte und auf die zwei Kleinsten hätte Acht geben sollen, schrie kräftig mit.
Mit zwei Jahren, so erzählte man sich, soll Rickchen so aufgeweckt gewesen sein, dass es dem Vater das Vesperbrot auf den Tagebau gebracht hätte. Zum Mittagessen kam der Vater stets nach Hause. Dann musste er sich immer durch die Hintertür davonschleichen, damit er wieder rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz anlangte, denn war Rickchen erst gewahr, dass der Vater sich erhob, rückte es nicht mehr von seiner Seite. Jede List gebrauchend, überredete er das Kind, dies oder jenes aus dem entferntesten Winkel zu holen und machte sich inzwischen davon. Fand Rickchen ihn bei seiner Rückkehr nicht mehr vor, weinte es fürchterlich und war kaum zu beruhigen.
O, wie hatte es ihn lieb, den Vater! Einmal war es doch schlauer als er; es tat, als merke es sein heimliches Verschwinden nicht. Die Mutter, die schon bereitstand, das Kind zu trösten, erstaunte nicht wenig, als das tägliche Zwischenspiel ausblieb. Doch als sie es allein in der Küche zurückließ, da schlich es sich davon. Es kannte schon den Weg zu Vaters Arbeitsplatz und eilte, so schnell es seine kurzen Beine tragen konnte, hinter ihm her, bis zur Arbeitsstelle. Was blieb dem guten Vater anderes übrig, als sein kleines Mädchen bei sich zu behalten. Welche Freude für Rickchen!
Während der Vater die Tonerde verlud, die vollen Loren an Ort und Stelle fuhr, wo sie zum Transport an die Industrie weiter verladen wurden, saß es abseits in einer Mulde und mengte die weiche Tonerde, bis nichts mehr rein an ihm war und Hände, Gesicht und Haare voll Erde klebten.
Ab und zu sah der Vater zu ihm her und sagte lächelnd, es solle hübsch brav weiterspielen, bis er käme. Nach Feierabend setzte er sich das kleine Dreckbündel mit einem Schwung auf die Schultern und trabte mit ihm im Huckepack nach Hause.
Die Leute im Dorf streckten die Hälse lang, als sie diesen Aufzug sahen und schlugen die Hände überm Kopf zusammen und riefen ein ums andere Mal: „Sag’, Philipse Karl, was ist nur mit deinem Kind passiert?“ Und nun erzählte der Vater, wie es sich gehörte, alles haargenau. Denn in so einem kleinen Dorf glaubte jedermann die Angelegenheiten des anderen wissen zu müssen, die belanglosen, die familiären und die geheimen.
Man schüttelte den Kopf und sagte: „Nä, nä, su wat!10“ Ganz selbstverständlich schien es, ob nun interessant, banal, schrecklich, gut oder schön, dass jedes Ereignis, das sich im Dorfe zutrug, von Haus zu Haus getragen wurde. Es wurde eifrig besprochen, bekrittelt, beklatscht oder belächelt.
Es wäre kein richtiges Dorf gewesen, ohne Klatsch und Tratsch!
In diesem Dorf gab es nur ein einziges Wirtshaus, das vollends genügte für die niedrige Einwohnerzahl. Sonntagnachmittags fanden sich dort die meisten jungen Männer zum Kegeln ein, wenn sie nicht gerade in Haus und Hof Wichtigeres zu tun hatten. Natürlich war Rickchen auch da, dem Vater auf den Fersen, wenn er die Kugel rollte. Er setzte es hinter sich auf die Bank und indem er ihm liebevoll die runden Wangen tätschelte, ermahnte er es, fein artig sitzen zu bleiben.
Da saß es dann brav und gehorsam und verfolgte aufmerksam das Spiel der Männer. Weil es den Vater ja beim Spiel nicht stören durfte, geschah es oft, dass es vor Langweile schließlich mit einem „Plumps“ von der Bank fiel. Meist kam es mit dem Schreck davon, aber auch keine zerschundenen Glieder hätten es davon abhalten können, den geliebten Vater am nächsten Sonntag wieder zur Kegelbahn zu begleiten.
Die Urgroßmutter meinte dazu, es wäre wohl nicht der richtige Ort für ein Kind, und er als Vater würde schon noch erleben, was er aus dem Kinde machte. Dieser antwortete nur darauf, dass er dort seinem Rickchen Lehrstunden als Kegeljunge gebe. Die Urgroßmutter war darüber sehr ungehalten, schüttelte den Kopf mit den ergrauten Haaren und meinte, sie verstehe die Welt nicht mehr.
Kurz vor seinem dritten Lebensjahr bekam Rickchen ein Brüderchen. Anfangs nahm es wenig Notiz von ihm, wenigstens solange es die ungeteilte Liebe der Eltern besaß.
Unmerklich rückte der kleine Bruder an seine Stelle und der Vater nannte ihn Männchen11.
O, er war ein verkrischener12 Junge, der durch sein unruhiges Wesen der armen Mutter viel Sorgen machte, denn er ließ ihr wenig Zeit zur Arbeit. Auch später, als er schon drei, vier Jahre alt war: kein Federvieh war vor ihm sicher. Wild jagte er die ängstlich schreienden Hühner durch den Hof, über die Wiesen, zog sie an den Schwänzen, so dass die Federn flogen. Selbst vor Hunden fürchtete er sich nicht, mochten sie noch so groß sein, er musste sie necken. Bis ihn einer einmal, wütend geworden, am Hosenboden packte und ein Fetzchen Fleisch aus seinem Hinterteilchen biss. Von da an nahm er sich in Acht vor Hunden, unterließ es aber beileibe nicht, falls sie sich in guter Entfernung befanden, sie mit Steinen zu bewerfen.
Rickchen ging dem kleinen Wildfang meist ängstlich aus dem Wege, obwohl er so viel jünger war. Aber er war kräftig, ungestüm und unberechenbar in seinen Launen und Einfällen. Saß es mit Schreiners Rosa und Pitterchens Herta an der sonnigen Scheunenwand hinter dem Hause, wo die drei kleinen Freundinnen friedlich mit ihren Lumpenpuppen spielten, aus feingehacktem Gras, zerpflückten Blütenblättern in alten, aber sauber gewaschenen Porzellanscherben das Essen bereiteten für ihre Puppenkindern, da kam bestimmt Männchen lärmend angebraust.
Ein rascher Tritt von ihm – und alles flog in buntem Wirbel durcheinander. Ebenso schnell wie er gekommen, verschwand er auch wieder hinter der Hausmauer und streckte den weinenden und schimpfenden Mädchen höhnisch grinsend die Zunge heraus. Doch weil die drei Mädchen in ihrem Ärger gegen Männchens Unart nicht ankamen, taten sie schließlich dasselbe wie er und entdeckten dabei eine neue Unterhaltung, indem sie feststellten, wer von ihnen die längste Zunge hätte.
Mit vier Jahren durfte Rickchen ein erstes Mal mit in die Kirche gehen ins nahe Städtchen, weil das kleine Dorf kein eigenes Gotteshaus besaß. Der Weg dahin war sehr weit, fast eine Stunde zu laufen, doch wunderschön. Gleich hinter Bäckers Haus führte eine breite Steinbrücke über einen Bach13. Man bog links ab und hatte den rauschenden Buchenwald rechts, das murmelnde Bächlein links. Unterwegs kam man über Kohlemüllers Köpfchen, eine Wegbiegung nach der Kohlenmühle. Rechtsseitig davon ragte der Köppel, ein steiniges Massiv, steil in die Höhe. Nach etwa fünfzehn Minuten des Weges erreichte man die Farbmühle, links des Baches, der dort einen tiefen Bogen weit in die Wiesen hineindrückte, gegenüber den ausgedehnten Granitsteinbrüchen.
Immer gab es etwas Neues zu entdecken, so dass man darüber die Zeit vergaß und den langen, kurvenreichen Weg bald zurückgelegt hatte.
Rickchens dicke Stempelbeine streikten oft, dass es manchmal glaubte, nicht mehr weiterlaufen zu können. Da hob es der Vater, obwohl es da schon ziemlich schwer war, auf seine breiten Schultern und buckelte das müde Kind bis ins Städtchen. Dort angekommen, lud er es behutsam ab und es ging zufrieden und artig an der Hand des Vaters, die steile Straße zur Kirche hinan.
Der kleine, hölzerne Glockenturm krachte und stöhnte in allen Fugen vor Altersschwäche, dass man unwillkürlich den Kopf einzog, denn man konnte jede Minute befürchten, er würde beim Hin- und Herpendeln der Glocken das Gleichgewicht verlieren, seinen hohen Platz verlassen und abstürzen. Das Kind sah ängstlich hinauf und fragte den Vater, warum der Turm gar so jämmerlich stöhne. „Der ist schon sehr alt und morsch, mein Kind!“ gab der Vater zur Antwort.
„Bist du auch alt und morsch, Papa?“ wollte es wissen. „Aber nein Rickchen, wie kann man nur so dumm fragen?“, gab er etwas verärgert zurück und es hatte das Gefühl, ihn ein wenig verärgert zu haben. „So ein bisschen doch“, meinte es, „wenn du mich buckelst, stöhnst du auch manchmal, dann bist du bestimmt ein ganz kleinwenig alt und morsch?“
„O nein“, meinte der Vater, „was du nur denkst, ich bin noch ganz jung und stark und kann mein Mädchen noch sehr lange tragen!“ Darüber freute sich Rickchen, denn es lief nicht gerne den langen Weg in die Kirche. Es war im Herzen sehr zufrieden und sah stolz zu seinem Vater auf, der so groß und stark war. „Aber der Großvater, nicht wahr, der ist alt und morsch“, ließ es nicht locker.
„Ja“, gab der Vater ungeduldig zur Antwort. „So wie der Kirchturm, Papa?“ „Nein, nun sei aber still!“ Nach einer Weile fing es wieder an. Es musste genau wissen, wie das war mit dem alten Kirchturm und dem lieben Großvater. „Papa?“
„Ja, mein Kind?“ „Sag’ doch, Papa, kann der Kirchturm umfallen, wenn er ganz alt geworden ist?“ „Ja, freilich!“ Er dachte ernsthaft nach und warf einen letzten Blick nach dem leicht schwankenden Turm. „Gelt, Papa, wenn Großvater ganz alt geworden ist, dann fällt er auch um!“
Darauf gab Philipse Karl seinem Kind keine Antwort mehr. Sie betraten das Gotteshaus, Rickchen machte alles genau nach, wie es der Vater tat.
Dann saß es in der Bank und lauschte den Worten des Priesters, zwischendurch neugierig seine Umgebung betrachtend. Ach, da kniete ja zwei Reihen hinter ihm die gute Tante Anna. Es drehte sich vollends um und winkte ihr lachend zu.
„Tante Anna, huhu!“ rief es leise. Die liebe Gute aber machte ein ganz böses Gesicht und deutet ihm an, es solle sich artig herumdrehen und den Mund halten. Das gefiel ihm wieder gar nicht. Wo doch alle Leute so feierliche Gesichter machten und hübsch angezogen waren und die Kirche so über und über mit frischen Blumen geschmückt war und viele Kerzenlichter brannten, da sollte man so ganz still sein?
Dann setzten sich alle Leute, während der Priester langsam auf die Kanzel emporstieg. Mit seinem langen, weißen Bart sah er beinahe aus wie der liebe Gott selber.
Aber dann begann er plötzlich mit mächtiger Stimme zu schimpfen, weil die Menschen so schlecht seien und nicht zur Kirche kommen wollten.
„Er meint die anderen“, dachte Rickchen und fühlte sich nicht betroffen. Es war ja da, und es drehte sich nach allen Seiten um, damit man es auch sehen konnte.
In der Kirche war es ganz schön, aber es dauerte ihm ein bisschen zu lange. Es blätterte gelangweilt in einem kleinen Gebetbuch herum, in dem es noch nicht lesen konnte und betrachtete die Heiligenbildchen. Schließlich schlief es ein. Ein kalter Weihwasserspritzer beim Segnen riss es aus seinen Träumen und ein wenig beschämt trollte es sich mit Vater aus der Kirche. Zu Hause erzählte es der Mutter mit heller Begeisterung, wie schön es gewesen war.
An sehr heißen Gottestagen betrat selten einer der Männer das Gotteshaus. Man saß andächtig draußen auf den schattigen Stufen vor dem offenen Portal, ganz zum Missfallen des Pfarrers. Denn es schlich sich einer nach dem anderen davon, ohne den Segen abzuwarten. Philipse Karl machte da keine Ausnahme. Den Gottesdienst im Freien anzuhören fand Rickchen wunderbar. Verhieß doch ein Augenzwinkern des Vaters den Besuch im „Kaffeehaus Sam“, wo sonntäglich stets nach dem Kirchgang eingekehrt wurde.
Dort trank der Vater sein Bier, und Rickchen bekam eine Tasse feine Schokolade. Für Mutter und Männchen zu Hause nahmen sie einige Tortenstückchen mit. In hübschem Seidenpapier eingewickelt, durfte Rickchen an einem bunten Bändchen das Päckchen heimtragen.
Schneidmüllers waren zur damaligen Zeit, das konnte man schon sagen, die reichsten Leute weit und breit. Sie wohnten ungefähr zehn Minuten vom Dorfe entfernt nächst dem Beilertwald und besaßen eine große Getreidemühle. Die Stallungen und Getreidespeicher erstreckten sich links der breiten Landstraße in langer Front. Das schöne, reich ausgestattete Wohnhaus gefiel jedem Besucher.
Die Schneidmüllers besaßen zwei Kutschen, die eine meist für Geschäftsreisen in die nähere Umgebung, die andere, fast noch neu, mit glänzendem Verdeck und roten Samtpolstern, diente der Familie für den sonntäglichen Kirchenbesuch. Brennend gerne wäre Rickchen einmal in dieser feinen Kutsche gefahren.
Als sie wieder einmal, so wie der Wind, mit zwei glänzenden Pferden davor gespannt, an ihnen vorbeifuhr, da fragte das Kind den Vater, warum nur Schneidmüllers eine so schöne Kutsche hätten? Warum nur diese immerzu fahren könnten, während andere Leute, und auch sie selbst, zu Fuß gehen müssten? Schneidmüllers seien reiche Leute, die hätten viel Geld, die könnten sich das Fahren leisten, erklärte der Vater, die anderen Leute seien eben arm. „Darum, Rickchen, verstehst du das?“
Ob sie auch arm seien, wollte es wissen. Der Vater nickte. Warum nur? Und ob sie nie reich würden?
„Nein, mein Kind!“ sagte der Vater und meinte dazu, wenn sie nichts erben würden, dann blieben sie wohl immer arme Leute.
Es wurde ganz traurig, wenn es dachte, dass sie niemals eine so schöne Kutsche haben würden. Wie wunderbar müsste es sein, nur einmal, in einer solchen Kutsche zu fahren. Es wünschte es so heiß und sehnlichst, dass es nachts schon davon träumte.
Dann, eines Tages, geschah das Wunder! Es war ein Sonntag, auf dem Wege zur Kirche, als die Kutsche anhielt. Eine große, freundliche Frau lugte durch die Vorhänge und rief: „Willst du mitfahren, Rickchen, du bist doch schon zu schwer für deines Vaters Schultern?“ Sie nickte dem Vater lächelnd zu, reckte die rundlichen, kräftigen Arme, um das Kind entgegenzunehmen. „Es ist dir wohl recht, Karl?“
„Aber ja, nehmen Sie die Kleine nur mit, vielen Dank auch, Frau Schneidemüller“, rief der Vater. Sicher freute er sich, erleichtert zu sein. Man hob es hinein, in die rotgepolsterte Kutsche, und noch ehe es dem zurückgebliebenen Vater winken konnte, zogen die Pferde an – und los ging’s!
Da saß es nun, unsagbar glücklich, und glaubte ein Märchen zu erleben, so schön war es. Sein sehnlichster Wunsch war in Erfüllung gegangen.
Von nun an hielt die Kutsche regelmäßig vor Philipse Karls Haus, um Rickchen mitzunehmen.
Schneidemüllers hatten auch ein Töchterchen im gleichen Alter. Es war aber gut einen Kopf größer und viel dicker. Es hieß Luise, wurde aber „Wiesjen“ gerufen. Wiesjen saß auch an jenem glücklichen Tage in der Kutsche und trank ungeniert aus einer Milchflasche mit rotem Schnuller darauf. Rickchen riss die Augen auf, denn es konnte weder glauben noch fassen, dass ein so großes Mädchen die Milch aus einer Schnullerflasche trank. Nachdem sich beide Kinder genügend lange angestarrt hatten, versuchten sie schüchtern, unter freundlichem Zureden von Frau Schneidemüller, langsam und stockend ins Gespräch zu kommen und sich gegenseitig über dieses und jenes auszufragen.
Allmählich entwickelte sich bei diesen Fahrten die erste, zarte Kinderfreundschaft, mit der die Eltern sehr einverstanden waren. So ergab es sich von selbst, dass man nach diesen Fahrten Rickchen des Öfteren mit zur Mühle nahm wo es zum Essen dableiben durfte.
Weil es noch sehr klein war, legte man etliche weiche Polster auf den Stuhl, hob es darauf und band ihm eine schneeweiße Serviette um. Stolz wie eine Königin saß es auf dem hohen Sitz und konnte bequem den Tisch überblicken. Da saß es nun, das Tagelöhnerkind und sah zum ersten Mal wie man mit Messer und Gabel aß. Zu Hause nahm es wie alle Kinder seines Alters zu jeder Speise den Löffel. Wiesjen, ihre beiden älteren Brüder, Ewald und Heinrich und es bekamen kleinere Bestecke als die Großen.
Freilich war es sehr schwierig, so vornehm zu essen, aber so genau nahm es Frau Schneidemüller nicht, wenn es hin und wieder, um schneller fertig zu werden, zum Löffel griff. Sie meinte, es würde schon dahinterkommen und es lernen, jetzt sei es noch zu klein dazu.
Bei Schneidemüllers fühlte sich Rickchen besonders wohl, es schien alles anders als zu Hause. Bald ging es dort ein und aus, wie daheim. Jedes Märchen, das ihm die Muttern erzählte, musste in der Mühle oder in deren Umgebung geschehen sein, sonst war es nicht richtig.
Die weiten Wälder ringsum spukten voll Geistergestalten. Jedes Mal, wenn Rickchen mit den Dorfkindern durch den Wald spazierte, erfasste es ein Gruseln. Es genügte schon ein kleiner, schriller Aufschrei eines Kindes, um es, wie gehetzt, davonspringen zu lassen. Ganz gewiss hatte es dann einen schrecklichen Geist, eine verzauberte Hexe oder einen bösen Räuber gesehen. Im Nu hatte es die schaurigsten Geschichten erfunden. Dass an allem kein Fünkchen Wahrheit war, hätte es um alles in der Welt nicht zugegeben.
Am liebsten spielte es mit den Dorfkindern und Männchen in der Hecke. Das war ein schmaler Streifen Busch und Sträucher, dem Buchenwald vorgelagert, vom Dorfe aus in etwa zwei Minuten zu erreichen. Dort fand man im Frühsommer köstlich schmeckende Erdbeeren in Fülle, und in der Heidezeit brauchte man nicht lange nach den schwarzblauen, saftigen Blaubeeren zu suchen, man musste nur etwas tiefer in den Wald gehen.
Zur Sommerzeit geschah es oft, dass Zigeuner sich dort niederließen. So kam eines Tages, als die Kinder im Spiel versunken am Waldrand saßen, ein in vielen Farben bemalter Wagen des Weges dahergerumpelt, der gerade da, wo sie spielten, anhielt. Vor Schreck ängstlich schreiend liefen sie davon, denn die fremden, schwarzhaarigen, braun gebrannten Menschen jagten ihnen Furcht und Entsetzen ein, obwohl die Zigeunersleute nicht daran dachten, den Kindern etwas zuleide zu tun.
Aber am nächsten Tag kam einer dieser Zigeuner in schäbiger Kleidung und zerrissenen Schuhen, etwas um Mitleid zu erheischen, mit Tingeltangel ins Dorf; an einer schweren Kette einen großen, braunen Bären hinter sich herziehend. Er ließ das Tier, wie einen Mensch, aufrecht stehend tanzen, während er auf eine Schellentrommel schlug und viel Lärm machte, damit die Leute herbeiliefen. Auch Rickchen stellte sich zu den Neugierigen. „Ein richtiger Tanzbär!“ So ein riesengroßes Tier hatte es noch nie gesehen und staunte mit offenem Munde, lief aber erschreckt davon, als der Bär knurrend an der Kette zerrte, um sich zu befreien. Aufgeregt zitternd schlich es sich wieder Schritt für Schritt hinzu, man bekam doch nicht jeden Tag einen Tanzbären zu sehen. Die Leute warfen dem singenden Zigeuner Geld hin, für den Bären aber gaben sie Brot. Plötzlich sah das Kind etwas, das ihm Tränen in die Augen trieb.
Ohne den Leierkastenmann zu beachten, der mit zwei possierlichen Äffchen hinterdrein drudelte, lief es nach Hause zur Mutter. „Ja, was ist denn, Rickchen, Kind, du bist ganz blass und aufgeregt, hattest du Angst vor dem großen Bären?“ rief Philipse Dinchen ihrem Kinde zu und nahm es beruhigend auf den Schoß.
Nein, beteuerte es, es sei nicht aus Angst weggelaufen, nur, der Bär habe ihm so sehr leidgetan, der arme Bär, und es wollte von seiner Mutter wissen, ob ein Bär weinen könne. „Sicherlich, mein Kind, wenn ihm etwas wehtut.“
„Dann hat der Tanzbär geweint, Mama, weil ihm seine Füße schmerzten. Ich habe es gesehen, wie ihm die Haut in Fetzen von den Zehen hing. Der arme Tanzbär! So traurig sah er aus und er knurrte nur, weil die Kette zu schwer wurde. Dabei schlug ihn der böse Zigeuner immerfort mit einem Stock, weil er nicht mehr tanzen konnte.“ Die grausige Tierquälerei gehöre verboten, meinte die Mutter, man solle die Bären in ihrer Wildnis lassen, dort würden sie sich wohlfühlen, aber nicht auf den Straßen zum Tanzen.
Nun wollte es noch wissen, ob auch in den Wäldern, rund um das Dorf, Bären lebten. „Nein, jetzt nicht mehr“, erzählte Frau Dinchen, „aber zur Zeit, als hier noch niemand wohnte und ringsum alles Urwald war, wo du hinsiehst, lebten damals noch braune Bären in unseren Wäldern, aber das ist schon sehr lange her.“ Die Mutter musste ihm fest bestätigen, dass nun wirklich keine mehr da seien und erst als sie sagte: „kein einziger mehr“, da atmete es befreit auf, denn nun brauchte es wirklich keine Angst zu haben. Und es war nun getröstet und glitt von Mutters Knien. Und wenn sie ihm auch lächelnd sagte, es sei ein kleiner Angsthase, strich sie ihm liebkosend übers Lockenhaar und schickte es in die Küche.
In der Küche holte es ein kleines Schiefertäfelchen aus der Spielecke, setzte sich auf ein Schemelchen und kritzelte mit einem winzigen Griffelstummel, den es auf dem Schulhof aufgelesen hatte, darauf herum. Plötzlich hörte es unten, von der Straße, leises, hohles Trappeln. „Schäfchen, Schäfchen“, rief Rickchen begeistert.
Schiefertafel samt Griffelstummel flogen mit Schwung in die nächste Ecke, und so schnell es konnte, rannte es mit dem Schemelchen unterm Arm hinaus ans Flurfenster, um die blökenden Wolltiere zu sehen.
„Bäh, bäh“, klang es herauf. Übereilig stieg es auf das Schemelchen, trat zu knapp, kippte um und stürzte kopfüber die Treppe hinunter. Fürchterlich schreiend fand es die Mutter auf dem untersten Podest liegend, am Munde blutend. Es war nicht weiter schlimm. Männchen, aus dem Mittagsschlaf gerissen, stand im Nachthemdchen vor Rickchen und schrie noch ärger als es selbst: „Rickchen babutt, o, mein Rickchen babutt!“ Die Mutter verklebte die blutenden Lippen und steckte die beiden Kinder zusammen ins Bett, wo sie nach langem Schnippsen14 einschliefen.
Einige Tage später geschah etwas Schreckliches. Es kam für Rickchen so überraschend schnell und schlimm, weil es ja den Schaden erleiden musste.
Das kleine Mädchen ging, wie so oft, auf Entdeckung aus und geriet, da es gedankenlos fürbass schritt, unversehens auf einen schmalen Weg, entlang umzäunter Gärten, der rechts und links von Unkraut überwuchert war.
Es schien ihm wohl recht unheimlich, so ganz allein in dieser grünen Wildnis. Nichts als dorniges Gestrüpp und stachelige Sträucher ringsum. Trotzdem dachte es nicht daran, umzukehren, sondern richtete sein beschwerliches Ziel auf das nahe murmelnde Bächlein. Das Gelände fiel schräg ab. Wie es nur geschah? Es kam halt so! Plötzlich lag es, so groß und dick es war, der Länge nach in einem großen Busch Brennnesseln. Es war entsetzlich! Rickchen schrie aus Leibeskräften. Ach, wie brannte es auf der Haut, den Händen, den nackten Füßen und sogar im Gesicht. Und keine Hilfe in dieser Not. Der Bach! Gleichgültig, ob Dornen und Disteln ihm noch mehr schadeten, es kämpfte sich dort hin und setzte sich mit sämtlichen Kleidern ins kühlende Wasser. Das tat gut! Aber die Schmerzen waren zu heftig und es begann herzzerbrechend zu weinen.
Wie ein rettender Engel kam die um einige Jahre ältere Cousine Moni daher und fand das wimmernde Kind im Bache und dachte erschreckt es sei hineingefallen. Flugs zog sie das triefnasse Rickchen heraus und brachte es heim zur Mutter. Im ersten Schreck dachte auch sie ihr Kind sei in den Bach gestürzt. „Aber nein, Mama“, erzählte es weinend, „ich fiel in Brennnesseln, und weil es mich so brannte, habe ich mich ins Wasser gesetzt. Da tat es nicht mehr so weh“. Mutter Dinchen sah die rotfleckigen Hände und Beine, sie zog dem Kind die durchnässten Kleider aus und rieb den Nackedei von oben bis unten mit essigsaurer Tonerde ein. „Du Unglückskind“, sagte sie, „man hat schon gar keine Ruhe mehr. Eigentlich hättest du Strafe verdient, weil du immer in allen Dreckecken herumkriechst. Bist so ein großes Mädchen, schäme dich!“ Rickchen schämte sich nicht, war aber froh, als die Mutter es ins kühlende Bettchen legte.