Inhalt

 

Ralph Skuban

 

Das Paradies

ist ganz anders

 

Wahre Geschichten

vom Leben und Sterben

 

Aquamarin Verlag

 

1. eBook-Auflage 2020

© Aquamarin Verlag GmbH

Voglherd 1 • D-85567 Grafing

 

 

Umschlaggestaltung: Annette Wagner unter Verwendung von

© Nika Art 130135037 (shutterstock.com)

 

 

ISBN 978-3-96861-167-9

Über dieses Buch

 

Dieses Buch erzählt wahre Geschichten. Die meisten weisen eine Verbindung zum Tod auf, zur scheinbar äußersten Grenze unseres Seins, einer Grenze, die alles Lebendige seit Äonen schon überschreiten muss – auch Sie und ich. Jeder weiß das, und dennoch will kaum einer es wahrhaben, weil es bloß ein Kopfwissen ist. Etwas im Kopf zu wissen, kann hilfreich sein, doch ist es nicht einmal ein schwacher Abglanz wirklicher Erfahrung. Mit dem Tod und unserer Vorstellung davon scheint es mir so zu sein, wie es ein altes indisches Epos namens Mahabharata in einem bemerkenswerten Dialog zum Ausdruck bringt. Dort tritt die Weisheit in Gestalt eines Kranichs auf und fragt den Krieger Yudhishthira: „Was ist das wundersamste von allen Dingen in der Welt?“ Yudhishthira antwortet: „Dass kein Mensch denkt, er selber könnte sterben, obgleich er doch alle Menschen um sich herum sterben sieht.“

Was mich betrifft, ich habe wirklich viele sterben sehen, aber auch leben. Einige von ihnen waren fröhlicher als viele Gesunde, die ich traf. Die Begegnung mit der Hinfälligkeit des Menschen, seines Körpers und seines Geistes, wurde zum prägenden Moment in meinem Leben: Mein Beruf war es, pflegebedürftige Menschen, überwiegend Demenzkranke, bis zum Tode zu betreuen. Ich führte eine stationäre Pflegeeinrichtung mit dreiunddreißig schwerst Pflegebedürftigen, ein Beruf, an den ich mehr oder weniger durch Zufall geriet – falls Zufälle überhaupt existieren.

Ich beobachtete fünfundzwanzig Jahre lang nicht nur jeden Tag aufs Neue, dass Menschen alt werden, dement, krank und schließlich sterben, sah also die Grenzen des Menschseins an sich und das damit verbundene Leid der Pflegebedürftigen wie auch ihrer Angehörigen, sondern ich kam immer wieder auch an meine eigenen Grenzen, an die Grenzen dessen, was ich aushalten konnte. Mein Beruf verlangte mir ab, Pflege in einem „Pflegesystem“ zu organisieren, in einem System, das bis heute alle Beteiligten in eine kaum vorstellbare Fremdbestimmung führt; in gefühlte Ohnmacht, verlassen von Politikern, die die Kunst des politisch-korrekten Schönsprechs pflegen, inmitten einer Medienlandschaft, die meist mehr die Sensation sucht als nüchterne und wahrhaftige Betrachtung. Ich sah mich kontrolliert von staatlichen Institutionen und ihren bürokratischen Absonderlichkeiten; von Institutionen, welche die Pflege geplant, dokumentiert und verwaltet wissen wollen in einer Weise, die weder sinnstiftend noch machbar ist, sondern deprimierend und ärgerlich. Nach allem, was ich erlebt habe, verstehe ich nur zu gut, warum so viele Menschen im Gesundheitswesen ausbrennen, warum sie ihren Optimismus verlieren, warum ihr Lebenslicht ausbrennt. Ich kam ja selbst an diesen Punkt … an diese Grenze …

Die Grenzen der anderen und meine eigenen Grenzen sind die Folie, vor deren Hintergrund sich mein Suchen nach Wahrheit und Sinn entfaltete. Auf meinem akademischen Weg jedoch, den ich neben meinem Beruf ging, fand ich keine Antworten auf die wichtigen Fragen des Lebens. Bestenfalls schien mir die Wissenschaft die Anzahl der Fragen zu erhöhen, die beantwortet werden wollen. So jedenfalls empfand ich das nach meiner Promotion in Politikwissenschaft. All die Jahre des Studierens und Bemühens, all die intellektuellen Traktate. Doch was es bedeuten soll, dass ich mit einer ersten Einatmung mein Leben beginne und es mit einer letzten Ausatmung beende, und wie ich die Zeit dazwischen sinnvoll nutzen könnte oder sollte – darauf fand ich keine Antworten. Es sind Fragen wie diese:

 

Wo komme ich her?

Warum bin ich hier?

Was soll ich hier tun?

Wo werde ich hingehen, wenn ich sterbe?

Warum existiert so viel Leiden auf der Welt?

 

Alle diese Fragen ruhen eigentlich auf einer einzigen Grundfrage, die lautet:

 

 

 

 

 

Wer bin ich?

 

Oder, allgemeiner formuliert: Was ist der Mensch? Erst, wenn ich weiß, wer ich bin, kann ich doch wissen, was ich hier tun soll. Sei es nun bewusst oder nicht, unser aller Selbstverständnis – das Bild, das wir uns von uns selber machen – liegt unserem Leben und unserem Handeln zugrunde, alldem, was wir für gut oder schlecht halten, was wir wollen oder nicht wollen.

Dass ich in der Wissenschaft keine Antworten fand, soll kein Vorwurf an sie sein. Die Suche nach Sinn und Glück versteht sie eben nicht als ihren Auftrag. Und so sagt sie uns auch nichts über das Einzige, das wir wirklich haben: unser Leben. Doch wenn man so vielen Menschen begegnet, deren Geist zerfällt und die dem Sterben so nahe sind, einem Sterben, das leider meist nicht der „leichte Abgang“ ist, der schöne Abschied von der Bühne des Lebens, wie ihn uns der alte chinesische Philosoph Zhuangzi empfiehlt, wenn man alles das sieht und mitten drin ist, dann drängt sich die Frage „Wer bin ich?“ übermächtig auf.

Dieses Buch erzählt also wahre Geschichten. Es sind Geschichten vom Leben und vom Sterben. Von Grenzen ganz unterschiedlicher Art, aber auch von Hoffnung und Liebe. Und von der Unsterblichkeit. Jede einzelne Episode ist ein persönliches Schicksal, mit dem ich in Berührung kam, und jede wirft ein Schlaglicht auf die Fragen unserer Existenz: Wer wir sind und was wir hier tun sollen. Einen Versuch, diese Fragen vor dem Hintergrund der hier aufgeschriebenen Erlebnisse zu beantworten, will ich am Ende des Buches wagen. „Was ist der Mensch?“, heißt dies letzte Kapitel, das einen Entwurf für eine neue philosophische Anthropologie andeutet – eine Anthropologie, die nicht intellektuellen Ursprungs ist, sondern aus lebendiger Erfahrung gespeist ist, getragen von der bewussten Anerkennung und Bejahung des Menschen in seiner Zerbrechlichkeit.

 

 

 

Schlüsselmoment

 

Es gibt Momente im Leben, die alles verändern. In meinem Fall war es ein kurzer Anruf bei der Telefonauskunft vor fünfundzwanzig Jahren. Ich suchte die Nummer eines Pflegeheims in einem kleinen Vorort südlich von München. Meine Mutter hatte mir den Vorschlag gemacht, als Pfleger zu jobben, um etwas Geld zu verdienen und die wenigen Monate zu überbrücken, bis mein Studium an der Universität in München beginnen würde. Ich hatte mich für Musikpädagogik eingeschrieben. Musik war meine große Leidenschaft. Außer Gitarren hatte ich damals kaum etwas im Kopf. Ich schrieb Songs und spielte gleich in mehreren Bands. Ein Beruf, der mit Musik zu tun hatte: Das war die Idee. Doch der Telefonanruf kam dazwischen.

Der Vorschlag meiner Mutter schien so naheliegend, denn die beiden Jahre zuvor hatte ich als Zivildienstleistender in einer Schule für geistig behinderte Kinder und Jugendliche gearbeitet. Dort war ich in der inoffiziell sogenannten „Intensivgruppe“ eingesetzt worden, wo die schwersten Fälle mit geistiger und körperlicher Behinderung betreut wurden. Eigentlich lag die Pflege im Vordergrund, viel weniger die schulische Ausbildung. Lesen, Schreiben und Rechnen würde keines der Kinder jemals erlernen, sie konnten ja kaum sprechen. Es ging um die grundlegenden Dinge des täglichen Lebens: Beaufsichtigung, Hilfe beim Essen und Ausscheiden, einfachste Formen der Beschäftigung und Kommunikation. Da sein.

 

Die kognitiven Fähigkeiten der Kinder waren verschwindend gering. Da war zum Beispiel Elias, ein kleiner griechischer Junge, geplagt von häufigen und massiven epileptischen Anfällen. Oft schlug er seinen Kopf gegen die Wand. Meist lachte er dabei – Schmerz schien er kaum zu fühlen. Die Ärzte sprachen ihm eine nur kurze Lebenserwartung zu. Er sollte dennoch viel länger leben, als alle dachten.

Besonders bewegte mich die Geschichte von Peter: Er lag immer auf dem Boden, auf einer weichen Matte. Aus eigener Kraft zu sitzen, war ihm nicht möglich. Nur den Kopf und einen Arm konnte er willkürlich bewegen. Dennoch lachte er viel. Im Gegensatz zu den anderen Kindern der Intensivgruppe war er gesund zur Welt gekommen. Er wurde zusammen mit seinem Bruder und seinem Vater von einem betrunkenen Raser überfahren. Sein Bruder starb bei dem Unfall. Der Vater war fürs Leben gezeichnet; und die Mutter hatte vom Straßenrand aus zusehen müssen.

Natürlich schwebte oft die Frage im Raum, was das für ein Leben war, das diese Kinder lebten. Warum ein Leben wie das ihre überhaupt gelebt werden musste. Oder ob es gelebt werden wollte. Allzu tief schürfte ich damals freilich noch nicht. Es war wie es war: intensiv eben. Da ich bereits diese pflegebedürftigen Kinder betreut hatte, schien der Vorschlag meiner Mutter so naheliegend. Warum nicht für ein paar Monate in einem Pflegeheim arbeiten? Alte statt Kinder. Alte Menschen können ohnehin wie Kinder sein, am anderen Ende der Lebensstrecke zwar, doch irgendwie kindhaft. Junge Kinder, alte Kinder – Kreise, die sich schließen. So kam es also, dass ich die Telefonauskunft anrief. Dann wählte ich jene Telefonnummer, unter der ich mich heute noch selbst melde, wenn jemand anruft – eine Wahl, die die kommenden Jahrzehnte meines Lebens bestimmen sollte.

 

 

 

 

 

Erste Begegnung

 

Herr Kertész war einer der ersten Menschen, die ich pflegte. Er hatte im Leben nichts ausgelassen. Als Wanderarbeiter war er in der ganzen Welt unterwegs gewesen. Geboren in Ungarn, hatte er später lange Zeit in Australien und Deutschland gelebt und gearbeitet. Seine Sprache war ein seltsames Kauderwelsch aus Ungarisch, Englisch und Deutsch. Er war bei klarem Verstand und konnte sehr fordernd sein. Auch verletzend.

Verletzt werden kann man nur von jemandem, der seine Sinne beisammen hat. Verwirrte verletzen uns nicht, selbst wenn sie eine Wuttirade ausleben. Der Verwirrte weiß nicht, was er tut. Wenn wir uns dessen bewusst sind, macht das schon den ganzen Unterschied. Das zeigt, dass die Verletzung in erster Linie in unserem Kopf passiert und eigentlich keine eigene Wirklichkeit besitzt: Sie ist im Grunde eine Illusion.

So schlecht wie es Herrn Kertész ging, mochte es kaum überraschen, dass er meist mürrisch war. Eine Familie hatte er nicht mehr, irgendwo eine Tochter, zu der keine Brücke führte. Seine Frau hatte ihn schon vor Langem verlassen. Sein Körper war ein einziges Bündel aus Schmerz und Verfall. Dabei war er gar nicht so alt, noch keine siebzig. Alkohol und Diabetes ließen ihn erblinden. Von der kaputten Leber war sein Bauch ganz aufgequollen, ein grotesker Anblick, dieser riesige Bauch, glänzend wie ein Fischleib, obwohl die Haut ganz trocken war. Daran hängend dünne Arme und Beine und ein viel zu groß wirkender Kopf. Beide Fersen waren wundgelegen bis aufs Fleisch. Sie wollten trotz aller Bemühungen nicht mehr heilen. Herr Kertész hatte einen Blasenkatheter, der durch die Harnröhre gelegt war, ein Rohr aus Gummi, das durch sein Glied lief. Weiß Gott, warum man den Katheter nicht durch die Bauchdecke gelegt hatte. Vielleicht war das damals, Ende der Achtzigerjahre, noch nicht gebräuchlich in der Medizin. Wenn der Gummischlauch durch die Harnröhre gelegt ist, dann ist er ewig störend und belastend. Jeden Morgen sammelte sich eine gelb-klebrige Masse am Harnröhreneingang, der sich nur schwer reinigen ließ – jeden Tag aufs Neue die Quälerei. Oft blutete er.

Alle zwei, drei Monate kam ein Urologe, um den Katheter zu wechseln. Stunden vorher schon bekam Herr Kertész Schmerzmedikamente. Er brüllte dennoch jedes Mal. Als Mann braucht man nicht viel Vorstellungskraft, um nachzufühlen, wie es wohl sein mag, wenn ein Schlauch vom Umfang eines dicken Strohhalms durch eine entzündete Harnröhre gezogen und ein neuer eingeführt wird. Bei Herrn Kertész war es immer eine blutige und schmerzhafte Prozedur. Er brüllte: „Joi, joi, joi!“ Man hörte es im ganzen Haus. „Joi, joi, joi!“ Ich hasste den Urologen.

Herr Kertész konnte sehr wählerisch sein, wenn es um sein Essen ging. Und er tat sich schwer mit dem Kauen, das Gebiss saß wegen des Knochenabbaus im Kiefer nicht mehr gut. Es war eigentlich viel zu groß für ihn, und es klapperte, wenn er kaute. Doch Essen war das, was ihm noch am meisten Freude machte. Welche Optionen hatte er auch sonst? Man musste ihm das Essen eingeben, seine Hände konnte er kaum noch benutzen.

Statt „eingeben“ würde ich viel lieber „füttern“ sagen, doch diesen Begriff ächtete man in der Pflegebranche irgendwann. Er gilt heute sozusagen als politisch-inkorrekt, weil es heißt, er sei mit der Würde des Erwachsenen nicht vereinbar. Ich habe nie verstanden, warum die Würde eines Erwachsenen beschädigt werden sollte, wenn man „füttern“ sagt, die eines Kleinkinds aber nicht. Heutzutage also gibt man das Essen ein. „Eingabe“ – das erinnert mich an einen Automaten. Oder an eine Computertastatur. An einen Antrag beim Bauamt. Ein technokratischer Begriff. Der passt gut in die Landschaft, denn kalt, bürokratisch und technokratisch ist die Welt der Pflege schon seit Langem. Immerhin haben wir für alle Vorgänge professionell klingende Begriffe – für eine Pflege, die zum „Pflegesystem“ geworden ist. Als promovierter Politikwissenschaftler bin ich es ja gewohnt, Fachbegriffe zu benutzen. Sie sind manchmal geradezu der Inbegriff der Wissenschaftlichkeit selbst: Einer Wissenschaft, die manchmal selbst einfachste Sachverhalte zu Wortungetümen aufbläht. Wie weit Worte doch von der Lebenswirklichkeit weg sein können!

Herr Kertész aß am liebsten Bratkartoffeln. Fast jeden Abend musste ich ihm welche zubereiten. Die Küche war um diese Zeit nicht mehr besetzt. Zwei Pfleger für mehr als dreißig schwerst Pflegebedürftige. Das ist in der Pflegewirklichkeit oft noch heute kein so schlechtes Zahlenverhältnis: Ich habe mit Krankenschwestern gesprochen, die zu zweit für hundertdreißig Patienten zuständig waren oder sogar alleine achtzig Pflegebedürftige im Nachtdienst betreuen mussten. Die knappe Arbeitszeit wird auch noch dominiert von wenig hilfreichen Schreibarbeiten – kein Zweifel: Im Gesundheitswesen laufen manche Dinge mächtig schief. Zwei Pfleger also für dreißig Bewohner. Nicht gut, aber irgendwie musste es ja gehen. Doch nebenbei auch noch Kartoffeln braten und danach von Hand das Geschirr für alle Leute waschen – das war schon eine echte Herausforderung. Doch so war es nun einmal.

Wenn ich Herrn Kertész fütterte, genoss er manchmal den Moment. Er schloss seine ewig klebrigen Augen und sagte: „Good, Herr Ralph, very good!“ Sein Gebiss klapperte. Ein kleiner Moment der Seligkeit. Sein Fenster zum Licht. Ein wenig Konversation dabei.

Jetzt, Jahre später noch, da ich hier sitze und diese Zeilen schreibe, fühle ich mit ihm – heute vielleicht mehr als damals. Auch ich bin älter geworden. Und jeder Tag bringt mich meinem eigenen Tod einen Tag näher. Warum bin ich hier? Was ist der Zweck meines Lebens? Wird es auch mit mir ein solches Ende nehmen? Warum musste Herr Kertész so viel leiden?

Einmal stritten wir uns. Ich weiß nicht mehr weshalb. Vielleicht ging ihm irgendetwas zu langsam voran, da konnte er ungehalten werden. „Fuck you!“, rief er dann. Irgendwann war mir das zu viel. Ich setzte mich zur Wehr. „Nicht mit mir! Nie wieder Bratkartoffeln!“ Irgendetwas in dieser Art habe ich wohl gesagt. Ich verließ das Zimmer. Das tat ihm weh. Mir auch. Eine halbe Stunde später hat er sich bei mir entschuldigt. „Herr Ralph, I‘m sorry!“ Und ich mich bei ihm. Wir haben wieder Frieden miteinander gemacht. Vergebung.

Sein Tod war eine Erlösung. Wie sehr bedauere ich heute, dass ich damals wütend wurde und seinem Elend noch ein weiteres draufsetzte. Auch ich bin „sorry“. Man muss nicht dement sein, um nicht zu wissen, was man tut.

 

 

 

 

Vision

 

Nur wenige Jahre nach meiner ersten Begegnung mit der Pflege fand ich mich – mehr oder weniger ungeplant und unerwartet – in der Rolle des Heimleiters wieder. Manchmal frage ich mich, wie das Leben wohl verlaufen wäre, wenn ich hier oder dort eine andere Abzweigung genommen, einen Anruf nicht getätigt oder eine Begegnung nicht gehabt hätte. Eine besonders eindrückliche Begegnung jedenfalls hat zu tun mit einer Nahtoderfahrung.

Herr Fink, der Sohn einer unserer Heimbewohnerinnen, der uns noch Jahre nach dem Tod seiner Mutter regelmäßig besuchte, sprach manchmal mit mir über seine Grenzerfahrungen. Er litt an einer Form des Lymphdrüsenkrebses, die als unheilbar gilt – auch heute noch sterben die Menschen daran, so wie jüngst Katharina, eine unserer Pflegerinnen, die in jungen Jahren schon jäh aus dem Leben gerissen wurde.

Alle Therapien versagten. Die Ärzte sagten Herrn Fink den Tod voraus, schon bald würde er ihnen zufolge sterben. Monate nur sollten ihm noch bleiben. Doch wie Elias, der griechische Junge aus der Intensivgruppe, sollte auch er allen Weissagungen der Mediziner trotzen und schließlich sogar vollständig gesund werden.

Ein neues Medikament gab es damals, noch in der Erprobungsphase. Die Ärzte versprachen sich bei Herrn Fink eigentlich nichts davon. Doch weil er nichts zu verlieren hatte, ließ er sich auf das Experiment ein. Die Chemotherapie war eine Qual. „Die Schmerzen“, so erzählt er mir einmal, „waren furchtbar. Es fühlte sich an, als würde ein Lastwagen über mich hinwegfahren und mir alle Knochen brechen.“ Er ballte die Faust, während er das sagte, um mir die unbändige Kraft dieser Schmerzenergie begreiflich zu machen.

In dieser Zeit hatte er Visionen und eine Nahtoderfahrung. Nicht im Fieberwahn, ganz im Gegenteil. Sie kamen zu Hause über ihn: Augenblicke größter Klarheit. Er sah sein Leben an sich vorüberziehen, alle wichtigen Momente: „Ich erkannte, dass ich immer dann, wenn ich barmherzig war, richtig lag im Leben. Und immer, wenn ich nicht barmherzig war, war es falsch. Das habe ich ganz klar gesehen. Ich weiß es jetzt. Ohne jeden Zweifel.“ Er lächelt, während er das sagt, und fährt fort: „Lieber Herr Skuban, glauben Sie mir – dass Sie diese Aufgabe erfüllen, Alte und Kranke bis zum Tod begleiten, wird Ihnen vielfach vergolten werden.“

Es ist schön, was er da zu mir sagt, bewegend, ein wenig tröstend sogar. Dennoch macht mich das nicht sehr viel glücklicher in der Rolle des Heimleiters, die ich schon so lange spiele. Dann lässt Herr Fink mich teilhaben an einer wunderbaren Nahtoderfahrung:

„Ich war in einem Raum. Der Raum war ganz und gar leer. Niemand war da. Völliger Friede. Und dennoch spürte ich, dass der Raum ganz voll war, angefüllt mit Licht, Güte und Liebe. Was die Kirche die Menschen lehrt, ist Lüge, ein furchtbares Verbrechen. Das Paradies ist ganz anders.“

Mich erinnert diese Schilderung an eine Begebenheit, die man sich über den Dominikanermönch Thomas von Aquin erzählt. Er lebte im 13. Jahrhundert und soll mit einem Glaubensbruder einmal Folgendes vereinbart haben: Wer zuerst starb, sollte zurückkommen und dem Freund davon berichten, wie es auf der anderen Seite zuging. Der Klosterbruder starb vor Thomas und erschien ihm nach seinem Tod. Thomas fragte ihn neugierig: „Qualiter? – Wie ist es?“ Und sein Freund antwortete: „Totaliter aliter! – Ganz anders!“

Was Herr Fink erlebte, das ist ebenfalls eine „ganz andere“ Erfahrung – eine meditative Gipfelerfahrung könnte man sie nennen, ein Erleuchtungserlebnis, das transformiert und das eigene Leben verändern kann. Er sah die Leere, die Fülle ist.

Herr Fink ging durch die Hölle und ist dennoch einer der fröhlichsten, dankbarsten und zuversichtlichsten Menschen, die ich jemals kennenlernen durfte – vielleicht gerade deshalb. Seine Visionen und die Fülle des Lichts, die ihm als Gnade geschenkt wurden, durchwirken sein ganzes Wesen.

Die Reise meines körperlichen Lebens führt unweigerlich an den Punkt, wo ich es aufgeben muss: Ich werde sterben. Vielleicht kann ich mich einer bedrohlichen Krankheit widersetzen und dem Tod noch einmal von der Schippe springen, so wie Herr Fink. Doch auch das ändert nichts am grundsätzlichen Faktum meiner Sterblichkeit. Eigentlich würde ich lieber vom Ablegen meiner sterblichen Hülle sprechen, denn an den Tod als solchen glaube ich nicht. Es erscheint mir völlig unplausibel, an ein Leben zu glauben, das bei meiner körperlichen Geburt beginnt und im Moment meines physischen Todes enden soll, wo doch alles in der Natur mir zeigt, dass das Leben ein nicht endender Kreislauf ist, wo der Tag auf die Nacht folgt, die Blüte auf das Verwelken und jeder Winter von einem Frühling abgelöst wird.

Jedenfalls meine ich, gut beraten zu sein, wenn ich mich mit jenem Übergang auseinandersetze, den wir „Tod“ nennen, ein Übergang, den wir fürchten und als das größte Übel ansehen, weil wir fast nichts Hilfreiches darüber wissen, schon gar nicht, wie wir uns ihm stellen sollen. Was lehren wir unsere Kinder über das Sterben und den Sinn des Lebens? Wenn ich einmal im Bett liegen werde, vielleicht hilflos und schwerst pflegebedürftig, und wenn ich dann mein Leben Revue passieren lasse – vorausgesetzt ich bin nicht dement und kann das dann noch –, dann hätte ich doch gern das Gefühl, ohne Reue zurückzuschauen, gewachsen zu sein und vorbereitet auf das, was bald kommen mag. Ich will mich also anfreunden mit dem Tod. Ich versuche das auch hin und wieder.

Manchmal, wenn ich eine Rolltreppe betrete, mache ich ein Gedankenexperiment, eine Art Todesmeditation. Ich denke daran, dass am Ende der Treppe auch mein Leben enden könnte. Ich stelle mir vor, ich hätte nur noch diese dreißig Sekunden zu leben, vielleicht eine Minute, wenn die Rolltreppe sehr lang ist. Ich versuche, mir wirklich auszumalen, dass ich am Ende der Rolltreppe sterbe, versuche, mich einzulassen auf diesen Gedanken und das Gefühl, das entsteht. Was bleibt? Was ist jetzt noch wichtig? Mir fällt nichts mehr ein. Nicht einmal ein letzter Anruf. Die Zeit ist viel zu kurz dafür. Der Schmerz und Groll der Vergangenheit … so unbedeutend … lächerlich geradezu. Eine halbe Minute lang verschwinden die Sorgen. Was kümmert mich das irdische Morgen, wenn ich doch in einer Minute schon fortgegangen sein werde? Wie kindisch ist es doch, sich zu sorgen … offene Augen … den Atem spüren … er ist das deutlichste Zeichen dafür, dass ich noch im physischen Körper bin … Noch dreißig Sekunden leben … dreißig Sekunden sein … Ich blicke nicht einmal mehr ans Ende der Treppe, dorthin, wo auch mein Leben endet. Es gibt nur noch eines: Mit der Treppe fließen und in den Ozean des Lebens eintauchen, aus dem ich gekommen bin.

 

 

 

 

 

Koma