Martin Barkawitz

Inkasso Geier

SoKo Hamburg 22 - Ein Heike Stein Krimi





Elaria
80331 München

1

 

Alex Lubik wurde gejagt wie ein tollwütiges Tier.

Der große muskulöse Mann presste seinen Rücken gegen eine Backsteinmauer. Es fühlte sich an, als ob er flüssiges Feuer einatmen würde. Der Geldeintreiber war es nicht gewohnt, um sein Leben zu laufen.

Doch im Moment hatten seine Feinde eindeutig die besseren Karten. Sie hatten Lubik kalt erwischt. Zunächst war er entkommen. Aber wie sollte es jetzt weitergehen?

Der Geldeintreiber hatte seine Jacke eingebüßt, in der Pistole und Smartphone steckten. Das Kleidungsstück musste noch in dem Stripclub herumliegen. Lubik hatte keine Ahnung, wie er dorthin gekommen war, wo er sich aktuell befand. In Jeans und T-Shirt irrte er durch die Winternacht. Eigentlich kannte er sich in Hamburg gut aus. Doch in dieser Gegend südöstlich der Köhlbrandbrücke sah alles gleich aus. Endlose gut ausgebaute Straßen für den LKW-Verkehr, Güterzüge, Containerplätze für tausende von farbigen Riesenkisten.

Ein Ort zum Sterben?

Lubiks Gehirn funktionierte noch, obwohl die Drogen ihn geschwächt hatten. Es musste Rauschgift gewesen sein, eine andere Erklärung gab es nicht. Er musste seine Leute alarmieren, damit sie ihn retteten.

Und dann wollte er blutige Rache nehmen. Die Zornesader auf seiner breiten Stirn schwoll an, und die Wut überdeckte seine Todesangst. Das war ein gutes Gefühl.

Wer immer sich mit Hamburgs Inkasso-König angelegt hatte, sollte es bitter bereuen!

Lubik musste Don anrufen, seinen Mann fürs Grobe. Wenn ihm jetzt jemand helfen konnte, dann dieser irre Ex-Söldner. Don hatte seinen Verstand irgendwo in Afrika oder im Nahen Osten verloren, doch gegenüber Lubik war er so treu wie ein Pitbull.

Doch wie sollte der Geldeintreiber seinen blutrünstigen Rettungsengel erreichen?

Telefonzellen waren heutzutage so selten wie Dinosaurier in freier Wildbahn. Abgesehen davon, dass Lubik keinen Cent in der Tasche hatte. Er musste eine Tankstelle erreichen, das war die einzige Chance. Dort würde man ihn gewiss telefonieren lassen, obwohl er nicht dafür bezahlen konnte.

Lubik besaß schließlich immer noch seine beeindruckende Gestalt. Den meisten Menschen rutschte das Herz schon in die Hose, wenn sie dem Zwei-Meter-Mann mit den tätowierten Muskelbergen nur gegenübertreten mussten.

Leider schützte seine enorme Kraft ihn nicht vor einer Kugel. Und diese Bastarde hatten bereits auf ihn geschossen. Es war pures Glück gewesen, dass sie ihn bisher nicht getroffen hatten.

Lubik wusste nicht, wer ihm ans Leder wollte. Als Geldeintreiber konnte er sich über einen Mangel an Todfeinden nicht beklagen.

Er linste vorsichtig um die Ecke. Vor ihm lag die Ausschläger Allee, eine langgezogene Gewerbestraße mit Speditionen, Möbellagern und Büromaterial-Discountern. Doch weit am nördlichen Rand seines Blickfeldes sah Lubik die Neonreklame einer Tankstelle!

Das war sein Ziel, dort musste er hin.

Mittlerweile hatte sich seine Atmung wieder normalisiert. Doch die Drogen, die man ihm eingeflößt hatte, raubten seine Kraft. Es erschien ihm als eine unlösbare Aufgabe, die wenigen hundert Meter bis zu der Tankstelle zurückzulegen.

Lubik biss die Zähne zusammen. Er hasste Schwäche, vor allem bei sich selbst. Er würde diese verfluchte Benzinzapfstation erreichen. Und wenn es das Letzte war, bevor er zur Hölle fuhr.

Der Geldeintreiber rannte los.

Jetzt, um zwei Uhr früh, waren keine Passanten auf den Gehwegen zu sehen. In diesem Gewerbegebiet bewegten sich die meisten Menschen ohnehin mit einem fahrbaren Untersatz fort. Natürlich rollten zahlreiche Sattelzüge über die Ausschläger Allee. Doch vermutlich würdigte keiner der Fahrer Lubik eines Blickes. Sie alle hatten eine strammen Zeitplan im Nacken und zerbrachen sich gewiss nicht ihre Köpfe über einen muskelbepackten Glatzkopf, der um sein Leben rannte.

Lubik warf einen Blick über die Schulter nach hinten. Mehrere Lastwagen zogen an ihm vorbei. Doch da war auch ein Auto, das ihm mit gedrosseltem Tempo folgte.

Der schwarze Audi TT gehörte seinen Feinden!

Er wusste nicht, ob diese Befürchtung wirklich stimmte. Oder gaukelte sein drogenvernebeltes Gehirn ihm die Gefahr nur vor? Hatten die Bastarde es aufgegeben, Lubik zu verfolgen?

Nein, sie waren immer noch da. Und sie spielten mit ihm wie eine Katze mit einer Maus. Es wäre für den Mann am Audi-Lenkrad ein Leichtes gewesen, aufs Gaspedal zu drücken. Doch er blieb im Schneckentempo auf der rechten Spur, ein Stück weit hinter Lubik.

Die LKWs überholten den Wagen, wobei manche Trucker empört hupten. Doch davon ließen die Kerle in dem Audi sich nicht von ihren finsteren Plänen abhalten. Lubik ging davon aus, dass es mehrere Gegner auf ihn abgesehen hatten.

Und wenn er nun in die Offensive ging? Zurücklaufen, die Beifahrertür aufreißen und einem der Bastarde die Seele aus dem Leib prügeln? Damit rechneten sie garantiert nicht.

Doch gegen die Übermacht würde er keine Chance haben. Lubik hätte sein letztes Hemd darauf verwettet, dass seine Verfolger bewaffnet waren. Mit einem Gegenangriff unterschrieb er sein eigenes Todesurteil.

Aber Lubik wollte leben.

Außerdem war er ein Feigling. Das wurde ihm jetzt mit erschreckender Deutlichkeit bewusst. Er hatte sein Leben lang Menschen terrorisiert, die schwächer waren als er selbst. Erst seine Mitschüler, sogar seine eigene Mutter. Später die Kameraden bei der Armee sowie die unzähligen Frauen, mit denen er im Bett gewesen war. Ganz zu schweigen von den säumigen Schuldnern, die ihn zum Inkasso-König von Hamburg gemacht hatten.

Der Schweiß lief ihm in Strömen über sein flächiges Gesicht. Die salzige Flüssigkeit brannte in seinen Augen. Oder waren es Tränen? Das durfte nicht sein. Er wollte seinen Feinden nicht die Genugtuung verschaffen, ihn heulen zu sehen. Während der Geldeintreiber sich der Tankstelle näherte, schossen ihm diese Gedankenfetzen durch den Kopf.

Soeben fuhr ein blauer Mitsubishi Colt von der Zapfsäule weg. Der Minimarkt mit der Kasse war hell beleuchtet. Lubik bemerkte eine junge Frau in der Uniform dieser Tankstellen-Kette. Sie hockte hinter dem Verkaufstresen und spielte mit ihrem Smartphone. Lubik winkte ihr zu.

„Hilfe!“

Das Wort drang aus seiner Kehle, als ob es ein Fremder ausgestoßen hätte. Lubik kannte seine eigene Stimme nicht mehr. Sie hörte sich fremd an. So, als ob er nur ein Gast in seinem eigenen Körper wäre.

Und dieses kleine Biest bemerkte ihn überhaupt nicht. Jedenfalls hob sie nicht den Blick vom Display ihres verflixten Telefons. Ob sie gerade mit einem Spiel beschäftigt war oder chattete?

Lubik würde es niemals erfahren.

Er hatte schon fast die hinterste Zapfsäule erreicht, als der Audi-Motor hinter ihm aufheulte. Nur Sekunden später erfolgte der Rammstoß.

Seine Kontrahenten hatten sich einen Spaß daraus gemacht, den Geldeintreiber die rettende Tankstelle beinahe erreichen zu lassen. Doch jetzt erwischten sie ihn. Lubiks massiger Körper wurde wie eine Puppe durch die Luft geschleudert. Er schlug hart auf den Asphalt. Der Inkasso-König schmeckte sein eigenes Blut auf der Zunge. Aber er war noch nicht tot.

Lubik konnte sich nicht mehr bewegen. Vermutlich waren mehrere Knochen gebrochen. Das Atmen wurde zur Qual. Er sah, dass der Audi zurücksetzte. Ob die Kerle jetzt verschwanden? Sie mussten doch damit rechnen, dass die Kassiererin die Bullen rufen würde. Zumindest jetzt musste das Luder doch kapiert haben, was hier draußen geschah!

Nein, Lubiks Feinde flohen nicht. Stattdessen wollten sie ihren Job beenden. Das wurde dem Geldeintreiber bewusst, als das Auto erneut auf ihn zuraste.

Der Audi überfuhr Lubik.

Die Tankstellenangestellte telefonierte bereits mit Polizei und Rettungsdienst. Die Einsatzkräfte benötigten nur neun Minuten, um herbeizueilen.

Doch die Sirene des Krankenwagens hörte der Geldeintreiber schon nicht mehr.