Über Maria Dries

Maria Dries wurde in Erlangen geboren und hat Sozialpädagogik und Betriebswirtschaftslehre studiert. Heute lebt sie in der Fränkischen Schweiz. Schon seit vielen Jahren verbringt sie die Sommer in Frankreich.  

Im Aufbau Taschenbuch sind bisher erschienen: Der Kommissar von Barfleur, Die schöne Tote von Barfleur, Der Kommissar und der Orden von Mont-Saint-Michel, Der Kommissar und der Mörder vom Cap de la Hague, Der Kommissar und der Tote von Gonneville, Der Kommissar und die Morde von Verdon, Der Kommissar und die verschwundenen Frauen von Barneville, Der Kommissar und das Rätsel von Biscarrosse, Der Kommissar und das Biest von Marcouf, Der Kommissar und die Toten von der Loire, Der Kommissar und die Tote von Saint-Georges und Das Grab im Médoc.

Informationen zum Buch

Drei spannende Krimis von Maria Dries in einem E-Book.

Der Kommissar von Barfleur.

Philippe Lagarde, ein ehemaliger Kommissar, hatte eigentlich vor, sich in seinem malerischen Dorf Barfleur zur Ruhe zu setzen. Allenfalls wollte er seiner Freundin Odette beim Kochen helfen und vielleicht dann und wann aufs Meer hinausfahren. Doch als ein deutscher Student auf mysteriöse Weise verschwindet, ist Lagardes Hilfe gefragt. Er hat nur einen Hinweis: eine Postkarte von Barfleur, die der junge Mann vor seinem Verschwinden abgeschickt hat. Bald findet Lagarde die erste Spur – und eine Leiche ...

Die schöne Tote von Barfleur.

Ein Mann stürzt in die Gendarmerie von Barfleur, um seine Frau Maryline als vermisst zu melden. Am selben Tag macht eine Pilzsammlerin eine grauenvolle Entdeckung. Ein weiblicher Fuß ragt aus dem Unterholz. Rasch ist klar, dass Maryline ermordet wurde. Die Polizei steht vor einem Rätsel – und man bittet Commissaire Philippe Lagarde um Hilfe, obschon der eigentlich seinen Ruhestand genießen wollte. Denn der Ehemann der Toten, der sofort in Verdacht gerät, ist ein Freund des einzigen Polizisten von Barfleur...

Der Kommissar und der Orden von Mont-Saint-Michel.

Philippe Lagarde aus Barfleur, als Kommissar eigentlich längst im Ruhestand, erhält einen Spezialauftrag. Ein junger Mann aus besten Kreisen wurde erstochen im Ferienhaus seiner Familie aufgefunden. Auf dem Film der Überwachungskamera ist ein Mönch zu sehen. Der Mord wurde mit einem Dolch der Templer begangen und auf der Leiche lag eine weiße Christrose. Schnell findet Lagarde heraus, dass der Tote zur Gewalt gegen Frauen neigte. Aber wo genau ist das Motiv?

Commissaire Lagarde ermittelt – drei spannende Kriminalromane mit dem besonderem Flair der Normandie.

ABONNIEREN SIE DEN
NEWSLETTER
DER AUFBAU VERLAGE

Einmal im Monat informieren wir Sie über

Folgen Sie uns auf Facebook, um stets aktuelle Informationen über uns und unsere Autoren zu erhalten:

https://www.facebook.com/aufbau.verlag

Registrieren Sie sich jetzt unter:

http://www.aufbau-verlag.de/newsletter

Unter allen Neu-Anmeldungen verlosen wir

jeden Monat ein Novitäten-Buchpaket!

Maria Dries

Der Kommissar von Barfleur

Ein Kriminalroman aus der Normandie

Inhaltsübersicht

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Newsletter

Der Kommissar von Barfleur

Die goldenen Muscheln von Barfleur

Die Wildgänse von Pirou

Der Leuchtturm von Gatteville

Die Straßenmalerin von Cherbourg

Das Herrenhaus von Plessis

Fischer zu Fuß

Die versunkene Kathedrale

Das Mimosenkastell

Ein kurzes Nachwort

Die schöne Tote von Barfleur

Totenreue

Die jadegrüne Bucht – Erster Tag

La Basilique de Trinité – Die Basilika der Dreifaltigkeit – Zweiter Tag

Das Haus im Erdbeerwald – Dritter Tag

Der Reiterhof – Vierter Tag

Der Blutrosenkavalier – Fünfter Tag

Der Engel auf der Wolke – Sechster Tag

Veuve Clicquot – Siebter Tag

Das schwarze Schloss – Achter Tag

Bootsfahrt auf der Seine – Neunter Tag

Der Kommissar und der Orden von Mont-Saint-Michel

Carolles, Basse-Normandie

Barfleur, eine Woche später – Die goldene Makrele (Erster Tag)

Der Christrosenorden (Zweiter Tag)

Das Kloster zwischen Himmel und Meer (Dritter Tag)

Sturmflut (Vierter Tag)

La Mère Poulard – Mutter Poulard (Fünfter Tag)

Der verzauberte Berg (Sechster Tag)

Die Abtei von Hambye (Siebter Tag)

Barfleur, zwei Wochen später

Impressum

SIEH, DES VERBRECHERS FREUND,
DER HOLDE ABEND, NAHT

MIT LEISEM RAUBTIERSCHRITT,
DER HELFER BEI DER TAT;

DER HIMMEL SCHLIESST NUN SACHT
DES SCHWEREN VORHANGS FALTEN.

ZU TIEREN WANDELN SICH
DIE MENSCHLICHEN
GESTALTEN.

Charles Baudelaire,
Les Fleurs du Mal, Die Abenddämmerung

DIE GOLDENEN MUSCHELN VON BARFLEUR

Das kleine titanweiße Fischerboot mit den rosa Fendern schaukelte wie eine Maronenschale sanft auf den Wellen in einer weiten Bucht nördlich von Barfleur. Das Licht der aufgehenden Sonne ließ das Meer vom Ufer bis zum fernen Horizont in silbernen, türkisen, opalgrünen und nachtblauen Schattierungen erstrahlen und die Wellenkämme perlmuttfarben schillern. Die Flut drängte auf den Strand und umspülte unzählige Sandkringel der Wattwürmer, gedrehte Schneckenhäuschen und blank geriebene Muschelschalen.

Über der sandigen Bucht erstreckte sich eine sanfte, von Strandhafer bewachsene Dünenlandschaft. Die Grashalme wiegten sich im Wind. Dahinter wucherten dicht wilde Brombeerbüsche. Eine Frau mit einem Körbchen über dem Arm pflückte die aromatischen, süßen Früchte und steckte sich zwischendurch eine Beere in den Mund. Auf der steinernen Mole saßen geduldig Angler auf Campingstühlen. Männer mit Schiebermützen trafen sich zum morgendlichen Plausch. Sie führten kleine Hunde an der Leine und trugen ein Baguette unter den Arm geklemmt.

Der Phare de Gatteville, mit seinen fünfundsiebzig Metern zweithöchster Leuchtturm Frankreichs, ragte majestätisch in den Himmel. Errichtet aus elftausend Granitblöcken, führten dreihundertfünfundsechzig Stufen zu einer Plattform, von der aus sich eine überwältigende Fernsicht bot. Daneben stand der alte Leuchtturm mit einer bescheidenen Höhe von zwanzig Metern.

Philippe Lagarde hatte den Anker ausgeworfen und seine Angeln in die Rutenhalter gesteckt. Die Schwimmer hüpften auf den Wellen. Bei seinem Boot des Fabrikats ACM handelte es sich um einen Dreikieler, der besonders für Rauwasser geeignet war und bei Ebbe nicht umkippte. Es war fünf Meter fünfzig lang und zwei Meter zehn breit. Der Steuerstand befand sich im Vorschiff und verfügte über eine Sitzgelegenheit und einen kleinen Tisch sowie einen Gaskocher mit einer Flamme. In das Cockpit führte eine schmale Tür, das Steuerrad war auf der rechten Seite, steuerbord, angebracht. Die Persenning lag eingerollt auf dem Dach des Steuerstandes.

Die Sonnenstrahlen wärmten ihn, und er zog sich den abgetragenen, blauen Pullover über den Kopf. Er genoss die frische Brise, den belebenden, archaischen Geruch des Meeres und den Geschmack von Salz auf seinen Lippen. Hier draußen auf dem Ozean fand er zu einer inneren Ruhe wie nirgendwo sonst. Gedankenverloren trank er einen Schluck Milchkaffee aus einer schwarzen Schale, auf der sich ein silberner Eifelturm erhob. Das Wasser für sein Getränk hatte er auf dem Gasherd erhitzt. Er griff nach dem aufgeschlagenen Buch auf der Sitzbank über dem Stauraum und las einen Vers von seinem Lieblingsdichter Charles Baudelaire aus dessen Werk »Les Fleurs du Mal«:

Wie schön der jungen Sonne Aufwärtsschweben!

Ihr Morgengruß schießt Flammen in den Tag.

Beglückt, wer sie in Liebe grüßen mag,

Wenn traumhaft schön sie sich der Nacht ergeben!

Nach einem letzten Blick auf die malerische Bucht holte er die Angeln ein und startete den kleinen Innenbordmotor. Er hörte, wie die Bilgepumpe sich einschaltete. Sie befand sich heckmittig, wo sich das Regenwasser, das Spritzwasser und das Kondenswasser sammelten, und pumpte es ab einer bestimmten Wassermenge durch ein Rohr in das Meer. Das Boot glitt durch die Wellen und strebte dem Hafen von Barfleur zu, dessen Einfahrt, markiert von zwei wuchtigen Pfeilern, er kurz danach passierte. Rechter Hand erhob sich auf einem mächtigen Fels die Pfarrkirche Saint-Nicolas mit ihrem zinnengekrönten Vierecksturm aus massivem Granitstein. Der Ort zählte zu den schönsten Dörfern Frankreichs und verfügte über eine kleine Fischereiflotte. Endlose Muschelbänke zogen sich die Küste entlang. Dort gediehen Miesmuscheln, auf deren schwarzen Schalen goldene Reflexe schimmerten. Im hiesigen Hafen hatte sich im Jahr 1194 Richard Löwenherz eingeschifft, um sich in England krönen zu lassen. Der Tidenhub konnte in Barfleur bis zu zehn Meter betragen, und die Schiffe lagen bei Ebbe auf Grund, hingestreckt auf einem grasgrünen Algenteppich.

Philippe Lagarde vertäute sein Schiff an einer Boje und kletterte über die Leiter in ein korallenrotes Ruderboot. Seit einem Schulterschuss war er bedauerlicherweise nicht mehr in der Lage, die Ruder über einen längeren Zeitraum durchzuziehen. Die Strecke von der Boje zur Kaimauer jedoch war zu bewältigen. Nachdem er die glitschigen, steilen Stufen hinauf gestiegen war, stellte er den Eimer mit seinem Fang, zwei prächtigen Makrelen für das Abendessen, auf die Ladefläche seines alten, verbeulten Kastenwagens, eines himmelblauen Renault Express, den er hinter der Promenade geparkt hatte.

Als er den Quai Henri Chardon überquerte, bewunderte er wie so oft die schönen alten Häuser aus Granitstein mit ihren Schieferdächern, weißen Fenstern und Kaminen, die den Hafen säumten. Vor seiner Stammkneipe »Im Wind der Inseln« ließ er sich unter einer weißrot gestreiften Markise an einem runden Bistrotisch nieder, der an der Hausmauer stand, und streckte die Füße mit den ausgeblichenen Segelschuhen aus. Eine dicke Silbermöwe, die Brotkrumen aufpickte, ließ sich dadurch nicht stören. Die Blätter einer alten Platane rauschten im Morgenwind. Auf einer blau lackierten Tafel in Form eines Surfbrettes wurde das Tagesgericht angepriesen. Ein Dutzend Strandschnecken, Huhn und ein Karamellpudding für zwölf Euro.

Der Besitzer Gaston, der aussah wie ein verwegener Korsar, dem nur noch die Augenklappe fehlte, trat aus der geöffneten Glastür und blinzelte lächelnd in die Sonne. »Das wird ein schöner Tag heute, Philippe. Guten Morgen! Das Gleiche wie immer, Milchkaffee und zwei Eclairs mit Mokkacremefüllung?«

»Ja bitte, Gaston, das Gleiche wie immer.«

Der Wirt servierte die Bestellung und legte die Tageszeitung »Ouest-France« auf die Tischplatte. »Hattest du einen guten Fang?«

»Zwei fette Makrelen. Das reicht. Mir geht es weniger um die Fische als um das Angeln selbst. Ich schenke meinen Fang häufig meinen Nachbarn.«

Sie lachten beide. Gaston wusste, dass Lagarde in Ruhe frühstücken und Zeitung lesen wollte und begann hinter der Theke seiner Bar Gläser zu polieren. Zwei alte Männer saßen auf Barhockern und tranken ihr erstes Glas Rotwein. Lagarde genoss den ersten Bissen des köstlichen Gebäcks und ließ die Füllung auf der Zunge zergehen. Stirnrunzelnd las er einen Artikel, der von einer Engländerin berichtete, die während der Renovierungsarbeiten an ihrem neu erworbenen Domizil in der Normandie spurlos verschwunden war.

Nachdem er seine Rechnung beglichen hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem Ferienhaus. Es befand sich circa vier Kilometer südlich von Barfleur nahe dem kleinen Ort Réville. Von Dünen geschützt kauerte es in einer kleinen Senke. Das Haus war sonnengelb gestrichen, die Läden waren dunkelbraun. Es verfügte über eine Küche mit Essbereich, einen Salon, ein Bad und zwei Schlafzimmer im ersten Stock. Die Aussicht von der südöstlich ausgerichteten Terrasse auf das Meer war atemberaubend schön. Eine dichte, akkurat gestutzte Ligusterhecke begrenzte den Garten und schützte die Bewohner vor neugierigen Blicken. Hinter dem gemauerten Grill stemmten sich zwei zerzauste Palmen gegen den Wind. An der Vorderseite des Hauses rankten sich blühende Rosenstöcke um dunkelgrün lackiertes Spalierholz. Im seitlichen Schuppen waren Gartenmöbel und andere nützliche Dinge untergebracht. Sein Weg führte ihn durch eine verlassene, sich endlos erstreckende Dünenlandschaft, anschließend durch einen dichten Wald mit hohen Buchen und Eichen, die von Efeu umschlungen waren.

Auf Albertine, seine Putzfrau, war absolut Verlass. Die erwarteten Urlaubsgäste, ein Ehepaar aus Deutschland, würden ein sauberes, gepflegtes, behaglich eingerichtetes Domizil vorfinden und sich während ihres Aufenthaltes von zwei Wochen sicherlich sehr wohl fühlen. Er wollte vor ihrem Eintreffen heute Nachmittag, bei dem er sie herzlich begrüßen und die Schlüssel übergeben würde, lüften und frische Blumen aus dem Garten sowie eine Schale Obst auf den Esstisch stellen. Der Rasen musste noch gemäht werden, und neben dem Kamin würde er in einer steinernen Nische einen Ster Holz aufschichten und einen Korb mit Pinienzapfen bereitstellen. Im September konnte es am Abend manchmal schon frisch werden, auch mit vereinzelten Regentagen war zu rechnen. Bei solchen Witterungsbedingungen könnten seine Gäste ein Feuer schüren und es sich mit einem Glas Wein in der bequemen Sitzecke vor dem Kamin gemütlich machen.

Für den kommenden Abend würde er sie, nachdem sie sich schon ein wenig akklimatisiert hatten, zum Essen einladen. Dieses zwanglose Treffen, an dem bisher alle Feriengäste gerne teilgenommen hatten, war ihm zu einer lieben Gewohnheit geworden. Dankbar und interessiert pflegten sie seinen Empfehlungen in Bezug auf Sehenswürdigkeiten, kulturhistorische Stätten, Märkte, Naturparadiese und Traumstrände zu lauschen. Im Ferienhaus befand sich ein dicker Ordner mit ausführlichen Beschreibungen, Prospekten und Informationen, die er regelmäßig aktualisierte und ergänzte. Eine Landkarte der Halbinsel Cotentin, die zur Normandie gehörte, lag in einer Schublade. Es war ein faszinierendes Land mit weiten heckenumsäumten Salzwiesen, sturmumtosten Klippen und endlosen, traumhaften Sandstränden.

An den normannischen Küsten stellten Ebbe und Flut ausgeprägte Phänomene dar. Seit vor zwei Jahren bei einsetzender Flut eine österreichische Touristin beinahe ertrunken wäre und ihre Rettung in letzter Sekunde aufmerksamen Anglern verdankte, hatte er sich angewöhnt, seine Gäste auf die Gefahren der Gezeiten hinzuweisen. Bei Granville, wo der Modeschöpfer Christian Dior geboren und aufgewachsen war, an der Westküste der Halbinsel, konnte der Tidenhub bis zu vierzehn Meter betragen. Das heranrollende Meer barg eine gewaltige, unbändige Kraft und bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die schneller war als jeder Wattwanderer.

Karin Engelhardt besichtigte das Ferienhaus, in dem sie und ihr Ehemann Günther die folgenden zwei Wochen wohnen würden.

Der sympathische Eigentümer hatte ihnen die Schlüssel übergeben, die Bedienung des Gasherdes erläutert, auf die Holzvorräte im Schuppen hingewiesen und erklärt, dass die beiden Fahrräder zu ihrer Verfügung standen. Er trug zwei Liegestühle auf die Terrasse und stellte sie neben einem blauweiß gestreiften Sonnenschirm auf. Danach hatte er ihnen einen schönen Urlaub gewünscht und sie für den kommenden Abend zum Essen eingeladen.

Günther hatte sich ein wenig hingelegt, er war von der langen Anreise erschöpft. Den größten Teil der Strecke hatte er am Steuer gesessen.

Karin Engelhardt lächelte, als sie Details der Ausstattung ihres Domizils wahrnahm. Der mächtige Spülstein dominierte die Küche, ein aufgeklappter ultramarinblauer Seestern diente als Schwammhalter, die Servietten klemmten zwischen zwei Ankern. Am herzigsten fand sie die Butterdose, die sie im Geschirrschrank entdeckte. Um den gewölbten Deckel rankten sich, aufgereiht an einem Tau, winzige Fischerboote, Rettungsringe und Anker.

Die Küchenuhr war in ein Steuerrad integriert, in einem Holzrahmen wurden verschiedene, kompliziert verschlungene Seemannsknoten zur Schau gestellt, und ein rotweißblau gestrichener Leuchtturm diente als Schlüsselkästchen. Den Höhepunkt stellte ein gerahmtes Poster neben dem Kamin dar, das den mystischen Klosterberg Le Mont Saint-Michel auf seinem Granitkegel aus der Vogelperspektive während einer Springflut darstellte. Die Abteikirche auf dem berühmten Glaubensfels war eines der Ziele während ihres Aufenthalts. Dort wollte sie eine Kerze anzünden und beten.

Über die kuschelige Sitzecke am Kamin war eine einladende rosarote Decke gebreitet. Auf dem stabilen Esstisch aus Holz lag ein Wachstuch, über das Strandläufer spazierten. Die unterschiedlichen Stühle waren weiß lackiert. Sämtliche Türen verfügten über einen weißen Rahmen, der ein rosafarbenes Türblatt umfasste. Sie warf einen Blick in das Badezimmer, auf dessen Tapete sich bunte kleine Fische tummelten.

Das Ferienhaus, im Stil vergangener Jahre, strahlte einen unwiderstehlichen Charme aus. Als sie nach oben stieg, knarrten die Holzstiegen der gewundenen, schmalen Treppe.

Im Schlafzimmer im ersten Stock stellte sie behutsam und liebevoll eine silbergerahmte Fotografie auf den Nachttisch neben eine jakobsmuschelförmige zart rosa Lampe. Der Raum hatte schräge, holzverkleidete Wände, und das Dachfenster gab den Blick auf das Meer frei. Sie konnte Günther im zweiten Schlafzimmer gegenüber dem kleinen Flur schnarchen hören. Das Ehepaar hatte beschlossen, getrennt zu schlafen, da Karin Engelhardt sich nachts unruhig im Bett herumwälzte und aufschreckte, wenn sie von Alpträumen heimgesucht wurde.

Als sie ihren Rundgang beendet hatte, setzte sie sich mit einer Tasse Kaffee auf die Terrasse und starrte auf die Weiten des Ärmel-Kanals. In ihren Augen lag abgrundtiefe Traurigkeit.

Philippe Lagarde stieg in seinen Renault Express und setzte rückwärts aus der Einfahrt. Er folgte der schmalen Straße entlang der Dünenlandschaft. Nach einem Kilometer landeinwärts bog er rechts ab auf einen Schotterweg. Auf dem weitläufigen, gepflegten Campingplatz, der sich bis zum Meer erstreckte, brannten bereits die Lampen, die die Wege und Parzellen sanft beleuchteten. Einige Kinder hüpften fröhlich auf einem Trampolin, das den Mittelpunkt eines Spielplatzes bildete, und ein mutiger Knirps schlug jauchzend einen Salto nach dem anderen. Der Duft von gegrilltem Fleisch lag in der Luft, und irgendwo klimperte jemand auf seiner Gitarre. Nach ungefähr vierhundert Metern erreichte er den Parkplatz des Nobelrestaurants Mirabelle. Obwohl montags Ruhetag war, waren die Laternen im Außenbereich des Gourmettempels eingeschaltet. Sie gruppierten sich um die kiesbestreute Terrasse und tauchten die Sitzgruppen in ein milchig weißes Licht. In die Oberflächen der runden Tische waren flache, bunte Steine eingelassen. Die dunkelbraunen Sessel aus Peddigrohr wirkten einladend und bequem. Um die Pfähle und die Leuchten schlangen sich Efeuranken. Den Mittelpunkt der von Walnussbäumen umsäumten Terrasse bildete ein alter Ziehbrunnen. Das Restaurant Mirabelle war früher eine Schäferei gewesen. In den steinernen Schafstränken blühten Goldlack, Margeriten, Glockenblumen, Klatschmohn und Lichtnelken zwischen üppigen Farnen. Im ehemaligen Schafstall, errichtet aus grob behauenen Granitplatten, war nun das Restaurant untergebracht. Das alte Schieferdach saß auf dem Gebäude wie eine gestauchte Pyramide. Der riesige Kamin im Speiseraum war im Nachhinein eingebaut worden. Steinerne Bögen stützten die Decke ebenso wie naturbelassene Holzpfeiler, die natürliche Nischen bildeten, die von den Gästen gerne reserviert wurden.

Lagarde stieg, zwei Stufen auf einmal nehmend, eine Holztreppe hinauf, über die man auf eine Galerie gelangte, die auf der Rückseite des Haupthauses entlang führte, und trat durch eine unverschlossene Eichenholztür in einen breiten Flur, der bis zur vorderen Seite des Hauses verlief. Er befand sich nun in den Privaträumen von Odette de Crézy, der Eigentümerin des Mirabelle. Auf der linken Seite des Eingangsbereiches befanden sich die Küche und das Badezimmer. An der lindgrün gestrichenen Wand zog ein hohes Relief aus Gips in einem Rahmen die Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte die Rückenansicht einer nackten Frau mit schmaler Taille und ausladenden Hüften, die sich versonnen die Haare einschäumte. Das Pendant mit kleinen spitzen Brüsten, gewölbtem Venushügel und zarten Gesichtszügen konnte auf einer lachsfarbenen Badezimmerwand bewundert werden. Nach Osten lag das Schlafzimmer, begrenzt von einem wuchtigen runden Turm, in dem Odette sich einen Salon eingerichtet hatte.

»Wo steckst du, mein Liebling?«, rief Lagarde.

»In der Küche, Philippe, wie immer«, erwiderte Odette.

Er trat ein, umarmte sie und gab ihr ein Küsschen auf jede Wange.

»Hast du etwas geangelt? Ich habe Appetit auf Fisch.«

»Zwei dicke Makrelen.«

»Großartig. Ich werde sie im Backofen grillen. Dazu gibt es Salat und Weißbrot.« Sie freute sich. »Schenk uns ein Glas Weißwein ein, Philippe.«

Odette de Crézy, die ein exklusives Restaurant führte und anspruchsvolle Gäste mit ihren Kreationen verwöhnte, aß am liebsten einfache Gerichte. Ihr Favorit waren warme Blutwürste. Gutgelaunt schnitt sie Champignons in dünne Scheiben, während Philippe den Tisch deckte und Wein einschenkte. Sie war barfuß und trug eine enge Jeans, über die ein weites, kariertes Hemd fiel.

Als die Makrelen fertig waren, genossen beide ihr gemeinsames Abendessen.

Sie trafen sich jeden Montagabend, wenn das Mirabelle geschlossen hatte. Odette war an einer festen Beziehung nicht interessiert. Lagarde bedauerte zwar diese Einstellung, liebte andererseits aber auch seine Unabhängigkeit.

Odette träufelte Zitronensaft über ihren Fisch und erkundigte sich: »Wie war dein Tag, mein Liebster?«

»Das Ehepaar aus Deutschland ist heute Nachmittag im Ferienhaus eingezogen. Das sind nette Leute.«

»Ach, schön. Jetzt Anfang September ist es doch herrlich hier auf der Halbinsel. Die Touristenmassen sind weg, und das Wetter ist noch angenehm warm. Nächsten Montag beeile ich mich mit der Buchführung, und wir fahren mit deinem Boot raus und angeln und schwimmen. Hast du Lust?«

»Ich wüsste nicht, was ich lieber täte.«

»Stell dir vor«, erzählte Odette. »Gestern Abend – das Restaurant war ausgebucht bis auf den letzten Platz – hatte ich eine Auseinandersetzung mit Jacques.«

Jacques war ihr Chefkoch, genial, schwierig und empfindlich wie eine Mimose.

»Er hatte die Bouillabaisse versalzen, definitiv.«

»Vielleicht ist er verliebt?«, scherzte Lagarde.

»Vielleicht. Also, ich spreche ihn darauf an, und was macht er?«

Odette fuchtelte lebhaft mit den Händen und verdrehte die Augen. »Er knallt die Schöpfkelle auf die Herdplatte, schleudert seine Kochschürze auf den Boden und verbarrikadiert sich im Kühlhaus. Nach einer Weile kam er wieder heraus, stolzierte durch meine Küche und erklärte, dass er kündigen werde. Auf der Terrasse holte ich ihn ein. Wir redeten bei einem Glas Wein. Anschließend ging er zurück an den Herd und kochte eine neue Suppe.«

Sie lachte, dann legte sie den Kopf schief und sah Lagarde an. »Worüber grübelst du?«

»Ich weiß nicht. Das Ehepaar Engelhardt kommt mir irgendwie anders vor.«

»Wie anders?«

»Anders als normale Touristen.«

Odette lächelte. »Monsieur Philippe Lagarde hört mal wieder das Gras wachsen. Öffne lieber eine Flasche Champagner und folge mir ins Schlafzimmer.«

Er betrat den Raum, setzte sich auf das breite Bett und füllte die Kelche. Dann knöpfte er sein Hemd auf. Odette stand vor dem halbmondförmigen Panoramafenster, das beinahe die gesamte Breite des Hauses einnahm. Sie zog sich langsam aus und warf ihre Kleidung achtlos über die Gliedmaßen einer Schaufensterpuppe. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen. Das Mondlicht ließ ihren Körper alabasterfarben schimmern. Lagarde fand die sechsundvierzigjährige Restaurantbesitzerin wunderschön. Sie war fast so groß wie er, sie war schlank, und die glatten dunkelbraunen Haare fielen ihr über die Schultern. Er liebte ihre feinen Gesichtszüge, die großen dunklen Augen mit den Lachfältchen und ihren sinnlichen breiten Mund.

Lagarde streckte eine Hand nach ihr aus. »Komm her.«

Odette lag in seinem Arm. »Kommst du morgen Abend zum Essen?«, fragte er. »Ich habe das deutsche Ehepaar und ein paar Freunde eingeladen.«

»Ich kann nicht, Philippe. Ich habe sieben Reservierungen, und man munkelt, dass ein Tester kommt.«

Odette führte den Krieg der Sterne. Sie war hinter dem ersten Stern des Guide Michelin her, neben dem Gault-Millau der einflussreichste Restaurantführer, wie der Teufel hinter der Seele.

Er streichelte zärtlich ihren weichen Bauch. »Schade, meine Schöne. Heiratest du mich?«

»Aber, Philippe, ich bitte dich. Du weißt doch, dass ich mit meinem Restaurant verheiratet bin.«

Am nächsten Abend stand Philippe Lagarde, bekleidet mit einer sandfarbenen Cargohose und einem weißen kurzärmligen Hemd, auf seiner gepflasterten Terrasse und verteilte gleichmäßig Holzkohle in der runden Grillpfanne. Dann spritzte er Anzündflüssigkeit darüber und entfachte mit einem Streichholz das Feuer.

Dem Kommissar im Ruhestand sah man seine zweiundsechzig Jahre nicht an. Er war mittelgroß, kräftig, fast stämmig und durch regelmäßige sportliche Betätigung muskulös. Seine dichten schwarzen Haare waren kurz geschnitten, der gestutzte Bart glänzte weich. Saphirblaue Augen, umgeben von Lachfältchen, beherrschten sein kantiges, symmetrisches, sonnengebräuntes Gesicht mit der breiten geraden Nase. Seine letzte Freundin, eine passionierte Taucherin, hatte die Farbe seiner Augen mit der von Meerwasser verglichen, das man in der Tiefe vorfand. Wenn er lachte, zeigten sich weiße ebenmäßige Zähne.

Der lange, schwere Holztisch war für acht Personen gedeckt. Neben dem Ehepaar aus Deutschland hatte er Camille mit ihrer Tochter Amélie eingeladen sowie Angélique und Richard, die neben ihm in einer alten Villa wohnten, die den Charme des Beginns des vorigen Jahrhunderts ausstrahlte, als Urlaub noch Sommerfrische hieß. Beide waren über achtzig Jahre alt und ließen es sich dennoch nicht nehmen, jeden Morgen bei Wind und Wetter in ihren weiten gelben Regenjacken auf das Meer hinauszufahren und ihre Reusen zu kontrollieren. Der achte Platz wartete auf den Gendarm Roselin, der die örtliche Polizeistation leitete. Seine Leidenschaft waren Einladungen zu mindestens viergängigen Menüs.

Auf dem pittoresken Markt von Barfleur hatte Philippe Lagarde sorgfältig die Zutaten für das Abendessen ausgewählt. Als Vorspeise würde er normannische Miesmuscheln mit Sahne, Schinkenspeck und Cidre servieren. Der Hauptgang bestand aus gegrillten Steaks mit Pommes frites und Salat. Zum Dessert reichte er gemischtes Eis mit frischen Brombeeren. Besonders viel Zeit hatte er sich für die Auswahl der verschiedenen Rohmilchkäse genommen, die das Mahl abrunden würden.

Als er die Temperatur des Weißweines, der an den sonnenverwöhnten Hängen der Loire gereift war, prüfte, hörte er Schritte auf dem Kiesweg, der vom Eingangstor um das Haus in den Garten führte. Die Urlaubsgäste, Karin und Günther Engelhardt aus Nürnberg, trafen mit deutscher Pünktlichkeit ein, so dass er rasch seine Schürze abband, und bewunderten sein Domizil. Absolut zu recht, wie er fand. Er hatte das Kleinod von seiner Großmutter geerbt. Es stand auf einer Anhöhe über einer kleinen Bucht. Der Weg zum Strand führte durch ein lichtes Wäldchen von Strandkiefern und Zedern. Auf dem sandigen Boden wucherte Heidekraut, das derzeit rotviolett blühte. Das Haus war aus grob behauenen Granitsteinen in sämtlichen Grauschattierungen gebaut und von einem Schieferdach bedeckt, das zur Meerseite hin mit einem Giebel ausgestattet war. Die Laibungen der Fenster bestanden aus versetzt gemauerten gelborangen und roten Ziegelsteinen, die Läden waren weiß lackiert. An der Vorderseite, zur Straße hin, wuchsen Bauernhortensien an der Steinmauer. Ihre barocken Blütenbälle leuchteten in blauen und lila Farbtönen. Tamarisken beschirmten Fuchsienbüsche im Garten. Auf beiden Seiten der Terrasse quollen rote und weiße Geranien aus großen Pflanzenkübeln.

Monsieur Engelhardt sah genauso aus, wie man sich einen Bilderbuchbayern vorstellte. Ein gewaltiger Bierbauch wölbte sich über dem Hosenbund, und das Lächeln in seinem runden Gesicht strahlte Gemütlichkeit und Ruhe aus, die durch nichts zu erschüttern waren. Durch die Sonneneinstrahlung am Meer, die er offensichtlich unterschätzt hatte, hatte sich seine Glatze rot verfärbt. Er überragte Madame Engelhardt, eine zierliche brünette Frau mit großen dunklen Augen, um Haupteslänge. Wie bereits bei der gestrigen Ankunft fiel Philippe Lagarde der überwältigende Kummer auf, der in ihnen zu lesen war.

Er begrüßte seine Feriengäste mit großer Herzlichkeit und bat sie, Platz zu nehmen. Auf die Frage nach ihren Getränkewünschen dröhnte die Stimme von Günther Engelhardt durch den lauschigen Garten: »Ein kaltes Bier wäre großartig.« Er nahm einen großen Schluck und betrachtete die Aussicht.

Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, und eine Lichterkette zog sich an der Küste entlang. Die Wellenkämme der heranrollenden, donnernden Brandung sprühten silberne Funken.

»Hier ist es wunderschön«, murmelte Madame Engelhardt andächtig. »Vielen Dank für die Einladung. Mein Mann und ich haben heute Nachmittag einen ausgiebigen Strandspaziergang unternommen. Ich habe Muscheln gesammelt. Ins Meer habe ich mich nicht getraut.«

»Schauen Sie, welche Fahne die Wasserwacht am Strand gehisst hat«, riet ihr der Gastgeber. »Ist sie grün, können Sie bedenkenlos ins Wasser. Aber schwimmen Sie nicht zu weit hinaus. Dort gibt es unterirdische Strömungen und heimtückische Strudel.«

Fröhliche Stimmen erklangen, und um die Ecke kamen Camille und Amélie, begleitet von dem Gendarm Roselin Dumas. Das fünfjährige Mädchen mit der kecken Stupsnase hatte sich für die Abendeinladung fein gemacht und trug ihr helles Haar zu vielen Zöpfchen geflochten, die mit bunten Bändern zusammengehalten wurden. Das weiße Rüschenkleid reichte bis zu den Knöcheln, und ihre Füße mit den rosa lackierten Nägeln steckten in goldenen Sandalen. Sie führte einen kleinen Hund an der Leine, der, als er Philippe Lagarde entdeckte, auf den Hinterbeinen tänzelte und grenzenlose Begeisterung ausstrahlte. Er hatte ein kurzes, weiß-hellbraun getupftes Fell, spitze Fledermausohren und einen Stummelschwanz, der nun heftig vibrierte. Um seinen Hals war ein rotes, zum Dreieck gefaltetes Tüchlein gebunden. Auch Lali hatte sich schick gemacht.

Prinzessin Pippinette – diesen Kosenamen hatte sich Lagarde für sie ausgedacht – fiel ihm um den Hals und rief mit ihrem glockenhellen Stimmchen: »Guten Abend, Onkel Philippe, wie schön dich zu sehen.« Ihre Mutter begrüßte ihn mit einem Küsschen auf die rechte und linke Wange und erklärte an ihre Tochter gewandt: »Philippe ist nicht dein Onkel. Ich bin mir nicht sicher, ob ihm diese Anrede gefällt.«

Lagarde setzte das kleine Mädchen auf dem Boden ab und beteuerte grinsend: »Onkel Philippe ist absolut in Ordnung. Ich fühle mich geschmeichelt.«

»Na, siehst du!« Pippinette warf ihrer Mutter einen triumphierenden Blick zu.

Der Gastgeber musterte Camille unauffällig und fand, dass sie bezaubernd aussah. Sie trug einen schwarzen Overall mit schmalen Trägern. Glitzernde Strasssteine auf dem Oberteil verliehen ihm eine elegante Note. Die Arme steckten in einem schillernden anthrazitfarbenen Bolerojäckchen, das unterhalb der Brust verknotet war. Ein breiter silberner Gürtel saß auf ihrer schmalen Hüfte. Das dicke, dunkelblonde Haar war zu einem Pagenkopf geschnitten. Sie hatte nur ihren Mund geschminkt, der bordeauxrot glänzte.

Erst vor kurzem hatte er die beiden Damen kennengelernt, und zwar unter äußerst dramatischen Umständen. Damals war ihm Camille eher unscheinbar und vor allem abgehetzt und gestresst vorgekommen.

Er hatte wie so oft in seinem Stammcafé gesessen. Es herrschte Niedrigwasser, und so konnte er nicht mit seinem Boot auslaufen. Die Schiffe lagen auf Grund. Rinnsale zogen sich durch den Schlick. Möwen kreischten im Flug über die Muschelbänke. In der Luft lag ein Geruch von Meer und Algen. In seine Zeitung vertieft, fuhr er zusammen, als plötzlich ein schrilles, lang gezogenes Schreien einsetzte wie Sirenengeheul. Er blickte auf und erfasste die Situation sofort. Ein kleines Mädchen kreischte mit hochrotem Kopf, die Frau, die es an der Hand führte, war vor Entsetzen kreidebleich geworden und wirkte vollkommen paralysiert. Etwa zwanzig Meter entfernt rannte eine schwarze Dogge die Promenade entlang, im Maul ihre Beute, ein kleines, braunweißes Bündel. Dem Kind liefen Tränen über die runden Wangen, und es schrie unaufhörlich: »Lali, Lali.«

Lagarde sprang auf, stieß seine Kaffeetasse um und nahm die Verfolgung auf. Der Hund war verdammt schnell, er aber auch. Er brüllte Befehle, wie »aus« und »stopp«, die ein Tier mit Erziehung eigentlich kennen sollte. Weiter rannte er am Torbogen des Cours St-Cathérine vorbei, einem Kleinod, um dessen Innenhof sich malerische Häuser aus dem Mittelalter gruppierten. Als die Dogge um eine Hausecke fegte, hatte er sie beinahe eingeholt. Auf einmal bremste sie ab, drehte sich um und musterte feindselig ihren hartnäckigen Verfolger. »Aus«, herrschte er sie an. Er hoffte, dass die junge Dogge nur spielen wollte. Ansonsten hätte sie dem kleinen Hund in ihrem Maul mit den langen spitzen Zähnen längst das Genick durchgebissen. Sie starrten sich in die Augen, dann, endlich, gehorchte der Hund. Er legte die zitternde Lali ab und knurrte furchterregend. Das Tier war nicht bereit, seine Beute aufzugeben. Keinen Schritt wich es zurück. Lagarde musste es ablenken. Suchend blickte er sich um. Ein abgebrochener Ast lag unter einer Platane. Er ergriff ihn, versuchte, indem er ihn hin und her schwenkte, die Aufmerksamkeit der Dogge auf den Gegenstand zu ziehen, und schleuderte den Stock mit der gesunden Schulter, so weit er konnte. Der Hund vergaß seine Beute und raste hinterher.

Behutsam und leise beruhigende Worte murmelnd, nahm Lagarde das bebende, kleine Wesen in seine Arme. Es schien unverletzt zu sein. Rasch lief er den Weg zurück zu dem verzweifelten Kind.

Ein Mann trat ihm nach Atem ringend in den Weg und fuhr ihn an: »Was haben Sie mit meiner Dogge gemacht? Wenn Sie ihr auch nur ein Haar gekrümmt haben, zeige ich Sie bei der Polizei an.«

»Und wenn Sie dieses unberechenbare Biest noch einmal von der Leine lassen, so dass es ein kleines Mädchen zu Tode erschreckt, werden Sie Probleme mit der Polizei bekommen«, gab Lagarde aufgebracht zurück.

Wütend starrte der Mann hinter ihm her und drohte mit der Faust.

Das Kind schrie immer noch. Die tröstenden Worte ihrer aufgelösten Mutter erreichten es nicht. Ihr kleines, niedliches Gesicht war übersät mit roten Flecken. Inzwischen hatte sich eine Ansammlung von Menschen gebildet, die helfen wollten, aber nicht recht wussten, auf welche Weise. Philippe Lagarde ging in die Hocke und reichte ihr den Hund. »Deiner Lali ist nichts geschehen. Sie ist nur gewaltig erschrocken.«

Schlagartig verstummte das Gebrüll. Das Mädchen blinzelte ihn zwischen den Tränen an und erklärte dann mit großer Ernsthaftigkeit: »Wenn Lali einen Schreck bekommen hat, hilft am besten Erdbeereis.«

Der Retter nickte. »Ich verstehe. Dann kaufen wir jetzt Erdbeereis für deinen Hund, wenn deine Mama nichts dagegen hat.«

Er führte sie die paar Meter zu seinem Stammcafé. Gaston hatte inzwischen den Tisch abgewischt und brachte nun einen neuen Milchkaffee. Anerkennend schlug er seinem Gast auf die Schulter und nahm die Bestellung auf. Die anderen Gäste wandten sich wieder ihren Gesprächen zu. Lali saß auf dem Schoß von Amélie und schleckte eine Kugel Eis aus einem silbernen Schälchen, das sein Frauchen in der Hand hielt. Die andere Hand umfasste einen langstieligen Dessertlöffel. Begeistert machte sich die Kleine über ihren riesigen Eisbecher her, als wäre nichts geschehen. Die Einzige, der man die Aufregung noch allzu gut ansah, war ihre Mutter. Sie nippte an einem starken schwarzen Kaffee.

»Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll«, begann sie. Philippe Lagarde winkte ab. »Gern geschehen. Hauptsache, das Hündchen ist unversehrt und Ihre Tochter wieder glücklich.« Das Mädchen bestand darauf, dass er seine Adresse und Telefonnummer notierte. In den nächsten Tagen würde sie ihm ein Geschenk vorbeibringen. Das Fensterbild aus Hochglanzpapier, im Kindergarten von ihr gebastelt, hatte nun einen Ehrenplatz in seiner Küche. Es zeigte ein kleines Mädchen mit Zöpfen und einen Hund mit spitzen Ohren, die am Strand Ball spielten. Im Hintergrund konnte man das Meer und die Sonne mit gezackten Strahlen ausmachen.

Camille und der Gendarm Roselin nahmen am Tisch Platz und wurden mit dem deutschen Ehepaar bekannt gemacht. Amélie und Lali liefen im Garten herum. Camille entschied sich für Mineralwasser, Roselin wollte auch ein kaltes Bier. Er war klein, dick, humorvoll und eine Seele von einem Menschen. Sein spärlicher Haarkranz ergraute zusehends.

Nun fehlten noch die beiden Nachbarn von Philippe Lagarde, die sich auch schon ankündigten.

Angélique und Richard Martinet hatten sich in Schale geworfen. Sie trug ein lindgrünes Chiffonkleid mit schwarzen Fransen am Saum und hatte ihre langen blonden, welligen Haare zu einem Bienenstock frisiert, dem ein schwarz glitzerndes Haarband Halt verlieh. Ihr Ehemann Richard hatte sich für eine graue Uniform entschieden, an der etliche Orden klimperten. Es war unklar, ob es sich dabei um ein Fantasiekostüm oder eine Berufskleidung aus einem Kolonialkrieg handelte. Die Haare waren streng zurückgekämmt und mit Pomade fixiert. Er begrüßte die Damen mit Handkuss, auch Prinzessin Pippinette, die das zum Kichern fand.

Als seine Gäste um den Tisch versammelt waren, servierte Lagarde den Aperitif, Pastis, mit Wasser aufgefüllt und zwei Eiswürfeln. Sie plauderten fröhlich, und das deutsche Ehepaar fühlte sich in ihrer Gesellschaft sichtlich wohl. Philippe Lagarde und Camille sprachen ein wenig Deutsch, und Karin Engelhardt hatte in der Schule drei Jahre am Französischunterricht teilgenommen.

Die Ferienhausgäste waren begeistert von den Muscheln auf normannische Art. »Bei unserem Italiener zu Hause um die Ecke werden diese Meeresfrüchte in Weißweinsoße oder Tomatensoße zubereitet«, erklärte Günther Engelhardt. »Aber diese Variante ist einfach zu köstlich.«

Seine Frau fand die schwarzen, gusseisernen Töpfe so originell, in denen jeweils eine Portion Muscheln in ihrem Sud dampfte. Sie pickte mit ihrer Gabel das Fleisch aus der Schale. Der Gendarm Roselin konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Liebe Madame Engelhardt, ich demonstriere Ihnen, wie man in Frankreich Muscheln isst. Schauen Sie mir zu.« Er griff nach zwei leeren, verbundenen Schalen und benutzte sie wie einen Zwicker, mit dem er das Fleisch aus einer anderen Muschel löste und genüsslich in seinem Mund verschwinden ließ, eine nach der anderen. Die Geschwindigkeit, die er dabei an den Tag legte, war beeindruckend. »So macht man das. Oder man bricht die Schalen am Gelenk auseinander, behält die Schale mit dem Inhalt, taucht sie in die exquisite Soße und schlürft das Ganze heraus. Das ist die ursprünglichere Variante. Aber kein Besteck, non, non.«

Amüsiert und durchaus geschickt folgte das Ehepaar seinen Anweisungen und übte konzentriert. Roselin lobte sie überschwänglich, während er sein Weißweinglas zur Hälfte leerte, und Amélie klatschte vor Freude in die Hände. Plötzlich hielt Günther Engelhardt inne. Er hatte etwas in einer Schale entdeckt, das dort nicht hingehörte. Mit den Fingern fischte er nach einer kreisrunden, rosa Krabbe mit ungefähr einem Zentimeter Durchmesser. Er hielt seinen Fund in die Höhe, so dass alle ihn sehen konnten, und erkundigte sich irritiert: »Was ist denn das?«

»Ach«, Roselin winkte ab, »das ist un petit pois, weiter nichts.« Fragend sah er in die Runde. »Wie heißt das auf Deutsch?« »Kleine Erbse«, erklärte Camille lächelnd. »Die Krabbe wird hier so genannt. Sie profitiert von dem Überfluss an Nahrung, die durch die Muschel filtriert wird, und stärkt sich dadurch. Dieser kleine Parasit ist völlig harmlos. Legen Sie ihn einfach beiseite.«

Während des Hauptganges gab Richard mit lebhaften Gesten eine haarsträubende Geschichte zum Besten. Im Algerienkrieg war er mit seinem Jeep alleine auf einer Piste am Rande der Sahara unterwegs gewesen. Von einer Minute auf die andere war ein Sandsturm aufgekommen. Sein Fahrzeug blieb stecken und wurde von den wirbelnden Sandkörnern völlig bedeckt. Zwei Tage und zwei Nächte harrte er in seinem Gefängnis aus, teilte sich den Inhalt seiner Wasserflasche ein und ernährte sich von einer Handvoll Datteln. Am dritten Tag verließen ihn die Kräfte und die Hoffnung.

Amélie lauschte fasziniert und ihre Augen wurden immer größer. »Bist du gerettet worden, Onkel Richard?«, fragte sie aufgeregt. Auch Lali spürte die Spannung und spitzte die Ohren.

»Aber sicher, Prinzessin. Sonst säße ich ja nicht hier. In meiner Notlage vernahm ich plötzlich ein Rumpeln. Ich hielt dieses Geräusch zunächst für eine Fata Morgana. Schließlich schwanden mir bereits die Sinne. Dann rumpelte es erneut. Helligkeit drang in den Innenraum meines Jeeps, das Seitenfenster wurde eingeschlagen, und vier Hände zerrten mich in die Freiheit. Tuaregs, ein Volk mit nomadischer Lebensweise, waren auf ihren Kamelen der Piste gefolgt, bis ein Tier über mein Fahrzeug stolperte. Das war meine Rettung.« Nach dem Kaffee verabschiedete sich Camille. Sie musste ihre Tochter ins Bett bringen. Morgen früh war Kindergarten. Roselin erbot sich, die beiden nach Hause zu fahren. Als er sich, bei seinem Gastgeber für die Einladung bedankte und sich mit einem »Gute Nacht, Monsieur le Commissaire« verabschiedete, wechselte das Ehepaar Engelhardt einen vielsagenden Blick. Angélique und Richard schlossen sich den anderen an. Der alte Herr bemerkte, dass man in ihrem Alter mit den Perlhühnern ins Bett ginge. Und vielen, vielen Dank für den wunderschönen Abend.

Philippe Lagarde war sich sicher, dass seine deutschen Gäste etwas auf dem Herzen hatten. Vielleicht gefiel ihnen das Ferienhaus nicht. Es war ihm bewusst, dass die Einrichtung etwas altmodisch war. Aber er mochte es so, und er wollte sich nicht davon trennen, da sie ihn an seine Großmutter erinnerte. Er holte für Monsieur Engelhardt noch ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und schenkte dessen Ehefrau und sich ein wenig Wein nach.

Anschließend packte er den Stier bei den Hörnern und fragte direkt: »Wie gefällt Ihnen Ihre Unterkunft?«

Karin Engelhardt lächelte: »Sie ist ganz bezaubernd. Wir fühlen uns sehr wohl, und die Aussicht auf das Meer ist traumhaft. Es ist nur …« Sie verstummte, ihre Augen wurden feucht.

Monsieur Engelhardt übernahm das Reden. »Der freundliche Gendarm hat beim Verabschieden Monsieur le Commissaire zu Ihnen gesagt. Verzeihen Sie meine Neugierde, aber sind Sie Kommissar, bei der Polizei?«

Sein Gastgeber lächelte. »Roselin kann es sich nicht abgewöhnen, mich mit diesem Titel anzusprechen. Ich war bei der Polizei. Seit drei Monaten befinde ich mich im Ruhestand. Warum fragen Sie?«

»Nun, normalerweise würde ich Sie nicht belästigen. Aber meine Frau befindet sich kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Vielleicht können Sie uns helfen. Wir sind verzweifelt und greifen nach jedem Strohhalm.«

»Ich helfe Ihnen gerne, wenn ich kann«, erwiderte Lagarde. »Warum geht es Ihrer Frau so schlecht? Was ist geschehen?«

»Mir geht es genauso schlecht. Ich versuche nur, es mir nicht anmerken zu lassen. Wir sind nicht hierhergekommen, um Urlaub zu machen. Wir sind auf der Suche nach unserem Sohn David. Er ist verschwunden, seit ungefähr sechs Wochen. Wie vom Erdboden verschluckt. Die letzte Postkarte kam aus Barfleur. Ende Juni. Deshalb haben wir uns für diesen Ort entschieden. Dann hat er sich noch einmal mit seinem Handy gemeldet. Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.«

Madame Engelhardt schluchzte leise vor sich hin. Philippe Lagarde reichte ihr ein Taschentuch und schenkte ihr ein Glas Wasser ein. Sie nickte dankbar und beruhigte sich ein wenig.

»Erzählen Sie.«

Beide begannen zu berichten, was bisher geschehen war.

Ihr Sohn David hatte gemeinsam mit seiner Freundin Malin beschlossen, Ende Mai, nach bestandenem Abitur, drei Monate als Rucksacktouristen die griechische Ägäis zu bereisen. Zuvor hatte er jeden Samstag an einer Tankstelle an der Kasse gearbeitet und auf die Reise gespart. Begeistert hatten beide Reiseführer gewälzt und sich im Internet über ihr Ziel informiert. Sie buchten einen Flug von Nürnberg nach Athen, der Rest würde sich finden. Sie wollten individuell und unabhängig unterwegs sein, die Schönheit der griechischen Inseln und ihr Liebesglück genießen. In Piräus angekommen, buchten sie zwei Plätze auf einer Fähre, die bald auslaufen und das Pärchen auf das Eiland Naxos bringen sollte. Auf der Überfahrt machte der erste Offizier Malin den Hof, und Hals über Kopf verliebte sie sich in den dunkelhäutigen, feurigen Griechen. Auf der Stelle verließ sie David, der aufgewühlt, verzweifelt und gebeutelt von heftigem Liebeskummer mit der nächsten Fähre nach Piräus zurückfuhr und sich in ein Flugzeug nach Paris setzte.

Monsieur Engelhardt trank einen großen Schluck von seinem Bier. Seine Kehle fühlte sich an, als hätte sie jemand mit Schleifpapier aufgeraut. Er fuhr fort: »Von dem Drama haben wir erst erfahren, als uns nach der ersten Juniwoche ein Brief von David erreichte, in dem er die Geschehnisse knapp schilderte. Er schrieb, dass er vorhabe, alleine durch Frankreich zu reisen. Dieses Land sei ohnehin sein bevorzugtes Reiseziel, und nur Malin zuliebe sei er nach Griechenland geflogen. Und wir sollten uns keine Sorgen machen, er komme schon klar.«

Karin Engelhardt ergänzte: »Wir machten uns auch keine Sorgen. David ist ein selbständiger, junger Mann, der gut auf sich selbst aufpassen kann.«

»Woher kam der Brief?«, wollte der Kommissar wissen.

»Er schrieb, er sei in einem wunderschönen, kleinen Ort am Atlantik, in Saint-Germain-sur-Ay-Plage. Wir schauten auf der Landkarte nach, wo das Dorf liegt.«

Lagarde nickte. »Auf der Westseite der Halbinsel Cotentin, ungefähr in der Mitte, circa sechzig Kilometer von hier entfernt.«

Günther Engelhardt berichtete weiter: »Etwa Mitte Juli rief David an. Er erzählte, dass er sich verliebt habe. Wir vereinbarten, dass er sich Anfang August wieder melden würde, um uns den Tag seiner Rückkehr mitzuteilen. Es war geplant gewesen, dass wir zusammen in der letzten Augustwoche nach Berlin fliegen. Unser Sohn hat dort einen Studienplatz bekommen, und wir wollten eine Wohnung für ihn suchen. Aber wir bekamen keine Nachricht mehr. Nicht in der ersten Augustwoche und in den darauf folgenden Wochen auch nicht. Keinen Brief, keine Mail aus einem Internetcafé, keinen Anruf. Selbstverständlich versuchten wir ihn zu erreichen, aber sein Handy war abgeschaltet.«

»Als Ihr Sohn sich Mitte Juli zum letzten Mal gemeldet hat, hat er da einen Ort genannt, wo er sich befindet?«, erkundigte sich Lagarde.

»Leider nein«, antwortete Herr Engelhardt mit sehr ernster Miene. »Ich habe auch nicht gefragt. Ich ging aber davon aus, dass er sich noch irgendwo in der Gegend hier befand. Wenn er woandershin gereist wäre, hätte er mir das bestimmt erzählt. Ich habe mich für ihn gefreut, dass er eine neue Freundin gefunden hat und nicht mehr dieser sprunghaften Malin nachtrauert. Auf jeden Fall machen wir uns schreckliche Sorgen. David hält sich immer an Absprachen. Außerdem freute er sich auf unsere gemeinsame Woche in Berlin. Wir wollen ihm ein Apartment kaufen. Eine eigene Bude in Berlin findet er großartig.«