Die Namen der Personen in meiner Familie habe ich mit Rücksicht auf ihre Privatsphäre geändert.

Dieses Buch ist eine überarbeitete Fassung von "Jasmin und Oliven", von Monika Haddad (Pseudonym), erschienen im IKO-Verlag 2004 und von „Jasmin und Oliven“ von Gisela Darrah, erschienen 2010 bei BoD.

Die Kurzgeschichten „Um Hassans Geheimnisse“, „Wir sind alle Geschwister“, „Baschira“, „König der Höfe“, „Das Mulid“, „Ramadan im Scha´ar“, „Ein typischer Freitag“ sind einige Jahre später entstanden als die Geschichte meiner Eingewöhnung in die arabische Großfamilie.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Jetzt lebe ich in einer Kleinstadt in der Pfalz. Deutschland hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Menschen vieler Nationalitäten und Sprachen leben hier, Dönerläden, türkische Klingeltöne auf Handys und Kopftuchfrauen sind alltäglich. Syrien ist in den Nachrichten, weil ein Bürgerkrieg im Land herrscht, Flüchtlinge sind in vielen Ländern der Welt angekommen.

Ich möchte Ihnen jetzt meine Geschichte erzählen aus einer Zeit, als alles ganz anders war. Viele in meiner Heimatstadt in Deutschland wussten nicht einmal, wo Syrien liegt, verwechselten es oft mit Zypern.

Damals studierte ich in Karlsruhe und lernte einen Syrer kennen. Wir verliebten uns und wanderten zusammen nach Kanada aus, heirateten und bekamen drei Kinder. Und eines Tages setzte mein Mann sich in den Kopf, mit seinem Bruder zusammen aus der damaszener Schmiede seines Vaters ein modernes Geschäft zu machen. Und hier beginnt die Geschichte.

Ich möchte das Leben in einer arabischen Großfamilie beschreiben, so wie ich es erlebt habe. Deshalb lade ich Sie jetzt ein, einer jungen Frau nach Damaskus zu folgen, die - es gab kein Internet, keine Handys, kein Skype, kein elektronisches Wörterbuch - in ein unbekanntes Land zog und damit kämpfte, die Welt um sich herum zu verstehen und kennenzulernen.

Des weiteren enthält der Band sieben Kurzgeschichten, die auch das Leben im Syrien der damaligen Zeit beschreiben.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die Menschen in Syrien in der Zukunft wieder ein normales Leben führen und Frieden finden können.

Steinplatten als Regal

Soeben war ich mit meinem Mann und unseren drei Kindern am Flughafen in Damaskus angekommen. Der Lautsprecher meldete auf Englisch: 12. Juni 1977, 21 Uhr, 32 Grad Celsius.

Inmitten der Menschenmenge und dem für mich fremden, unverständlichen Stimmengewirr erwartete uns Hishams Familie. Einige Kinder waren an den Gitterstäben hochgeklettert, die die Wartenden von den Ankommen trennten, um uns als erste zu sehen. Dann waren wir endlich draußen und wurden herzlich mit "Ahleen u sahleen!" begrüßt, seid gegrüßt und gesegnet.

Hisham hatte vor, hier in seiner Heimatstadt eine neue berufliche Zukunft zu suchen, nachdem er in Deutschland fünf Jahre studiert und zehn Jahre in Kanada gelebt hatte. Wir hatten uns in Deutschland während des Studiums kennen gelernt, waren zusammen ausgewandert und hatten dann in Toronto geheiratet. Dort wurden auch unsere Kinder geboren. Wir hinterließen ein typisch kanadisches Vorstadthaus mit Garten und vollautomatischer Küche.

Meine Schwiegereltern hatten seit Jahren ein Haus in einem Vorort von Damaskus bereitgehalten und die ganze Familie freute sich nun, dass ihr lange vermisster Sohn heimgekehrt war. Unsere eigenen Gefühle waren gemischt. Alles hier war neu für mich und ich fand es sehr wagemutig, auf dieses Abenteuer einzugehen.

In unserem Haus war fast alles aus Stein. Der Fußboden: Steinplatten. Die Wände: verputzte Mauersteine. Der Balkon und sein Geländer: Beton und Steinplatten. Küchenregale und Spülstein: Marmor. Der kleine Hof: Steinplatten und Beton. Einen Keller besaß das Haus nicht, wie alle Häuser in Damaskus. Als Abstellplätze dienten das Dach, der Balkon und der Hof. Die Hälfte der Küche war mit einer Zwischendecke versehen, so entstand ein Vorratsraum für Lebensmittel, zu dem die Hausfrau über eine grobgezimmerte Holzleiter hinaufsteigen konnte. So waren die Vorräte vor Mäusen sicher.

Das Geschirr stand offen in Steinregalen, die Familie hatte uns das Nötigste bereitgestellt.

Auf dem Flachdach des Hauses standen drei große Blechfässer: das Warmwassersystem für den Sommer. Die heiße, südländische Sonne erwärmt das Wasser auf über 30 Grad in den Fässern, von hier aus fließt es durch Leitungen zu den Waschbecken. Noch zwei weitere Fässer standen auf dem Dach, sie enthielten Masot, Heizöl. Es floss ebenfalls in Leitungen durch das Haus, und man konnte aus Messinghähnen Öl für den Ofen oder den Dreifußkocher erhalten.

Da mir das niemand erklärt hatte, musste ich es durch Erfahrung lernen. Ich versuchte, mir die Hände unter dem Masot-Hahn zu waschen und da kam mir das Wasser recht dick vor.

Sowohl im Haus als auch draußen umgab mich eine fremdartige Welt. Das meiste, was ich um mich herum sah und erlebte, konnte ich als Europäerin noch nicht verstehen und schon gar nicht beurteilen. Die deutschen Ehefrauen, oder auch die russischen, jugoslawischen oder polnischen, die ihre Männer beim Studium kennen gelernt hatten, wissen, dass man in den ersten Wochen wie im Traum wandelt. Ich musste mich beinahe kneifen, um festzustellen, ob ich wirklich wach war und das alles mit eigenen Augen sah und miterlebte.

Der allererste Schritt zum Verstehen dieser neuen Welt muss sein, alle mitgebrachten Vorstellungen zwar nicht zu vergessen, doch wenigstens beiseite zu schieben, um das Neue aufnehmen zu können. Würde es mir gelingen, diese Stadt für mich und meine Familie zur Heimat werden zu lassen? Meine älteste Tochter war sieben, mein Sohn drei Jahre alt, das Baby erst sechs Monate. Bisher waren es wohlbehütete, an Komfort gewöhnte Kinder.

Ich sah mich weiter um. Hinter den Dächern erhob sich der Berg Kassiun, felsig, kahl und eindrucksvoll, ohne Bewaldung. Die Häuser schienen am Berg empor zu kriechen. Unten gab es fruchtbaren Boden für Ackerbau, Olivenhaine, Obstbäume und Schafweiden. Da durfte die Stadt sich nicht ausdehnen. Sie musste in die Wüste hinaus und am Berg hinaufwachsen.

Der Vorort, in dem wir wohnten, stand erst seit etwa fünf Jahren und wurde für Zuwanderer vom Land und Flüchtlinge aus den Golanhöhen gebaut. Es war kein Villenviertel, kein Diplomatenviertel. Ein Haus wie unseres wurde meistens von mehreren Familien bewohnt. Wie Reihenhäuser miteinander verbunden, glich doch keins dem anderen. Jeder Hausbesitzer hatte seine eigene Vorstellung davon, was schön und was wichtig war. Der eine vergrößerte den Garten, um Obstbäume zu pflanzen oder eine Weinlaube anzulegen, der andere baute ein Zimmer oder eine Werkstatt in den Garten hinaus, der dritte legte Wert auf einen großen Balkon zur Straße hin, damit die Frauen abends nach getaner Arbeit draußen sitzen und hinaussehen konnten, ohne selbst gesehen zu werden.

Wenn eine traditionell orientierte Frau auf den Balkon oder ans offene Fenster geht, bedeckt sie schnell den Kopf. Das führte manchmal zu Szenen, die ich lustig fand, wenn die Frau eben mal ihr Staubtuch ausschütteln wollte und sich das nächste greifbare Objekt, zum Beispiel ein Handtuch oder ein Kleidungsstück aufsetzte oder umwickelte.

Vom Dach aus konnte ich nach hinten in die ummauerten Gärten und Höfe von acht Nachbarhäusern blicken. Begeistert rief ich nach Hisham, musste aber erfahren, dass es sich nicht gehört, dass ein Mann vom Dach aus die Höfe betrachtet. Daran hatte ich nicht gedacht! Alle Nachbarinnen waren unverschleiert zu sehen. Da wurde gewaschen, Gemüse geputzt und gekocht. Der Dreifußkocher verursacht viel Ruß, deshalb benützte man ihn gern im Freien. Fast jede Hausarbeit konnte im Hof verrichtet werden. Teppiche waschen, mit der Nähmaschine nähen, Wäsche bügeln, Kräuter trocknen und vieles mehr. Der Schnene, wie der Hof oder Garten auf damaszenisch heißt, ist einer der wichtigsten Orte, sowohl für die Arbeit als auch für die Geselligkeit. Dazu dient er noch als Abstellfläche, sodass man oft auf wenigen Quadratmetern ein wahrhaft buntes Leben vor sich hatte: Pflanzen wie Geranien, Zitronenmelisse, Weinranken, Aprikosenbäumchen, stark duftender Jasmin, daneben eine Tonne mit gärenden Oliven, Knoblauch und Zwiebeln, zum Trocknen aufgehängt, Fahrräder, Kinderwagen, Stühle ...

Auf Decken oder Matratzen saßen Frauen, die große Mengen von Gemüse schälten, putzten oder füllten. Mein Ausblick vom Dach zeigte mir eine lebhafte Welt der häuslichen Tätigkeiten, Radioklänge mit arabischer Musik ertönten, viele Kinder waren überall zu sehen. Ein einfacheres Leben als ich es gewöhnt war spielte sich hier ab, teilweise bunter und malerischer, aber auch viel härter.

Die nächsten Wochen waren mit Beobachtungen, Irrtümern und Fehlern ausgefüllt. Alle westlichen Länder erschienen mir als eine kulturelle Einheit, so groß die Unterschiede auch sein mögen, im Vergleich zur orientalischen Lebensweise.

Wo bei uns Konventionen herrschen, fand ich Freiheit, doch leider galt dies auch umgekehrt. Höflichkeitsregeln und Verpflichtungen bestimmten das Familien- und das Geschäftsleben. Niemand schien Anspruch auf Privatsphäre zu haben, auf Alleinsein. Besucher wurden zu jeder Zeit willkommen geheißen. Wenn eine Nachbarin vorüberging und einige Worte mit meiner Schwägerin Asma wechselte, wurde sie sofort mit "Bitte schön, komm doch herein!" aufgefordert, das Haus zu betreten. Keine Tätigkeit schien so wichtig zu sein, dass man sie zum Anlass nehmen könnte, unhöflich zu sein.

Verwandte küssten sich zur Begrüßung ausgiebig und nach patriarchischer Rangordnung. Zuerst der Großvater, dann die Großmutter, dann der Vater, usw. Wie lange verstand ich diese Regeln nicht! Doch galten Europäer als unhöflich und unwissend, und keiner wunderte sich über meine Unbeholfenheit. Man küsste sich nicht schon auf der Straße, sondern wartete, bis die Verwandten im Hausflur waren, bevor man sich freudestahlend auf sie stürzte! Ein Kuss auf die linke Wange, drei laute Küsse auf die rechte, noch einen auf die linke, so ungefähr war der Ablauf. Kinder, Enkel und Schwiegerkinder küssten den Eltern und Großeltern die Hand und berührten sie mit der Stirn, was Respekt und Ergebenheit symbolisiert.

Gastfreundschaft und Bewirtung spielten eine große Rolle im sozialen Leben. Als ich einen Teil der Famile zum Essen einlud, die Eltern und drei von Hishams sieben Geschwistern mit ihren Familien, kochte ich vier Kilo Rindergulasch, fünf Kilo Reis, drei Hühner in Tomatensoße mit Erbsen und Kartoffeln, Salat, davor eine Suppe. Es wurde alles gegessen. Wir beschlossen, dass vorerst keine weiteren Essenseinladungen folgen sollten, bevor der berufliche Aufstieg und das Einkommen gesichert waren. Wir konnten es uns einfach nicht leisten. Abendbesuche bei Tee, Nüssen und Obst sollten genügen. Die Großfamilie hatte so viele Mitglieder und alle waren mit so großem Appetit ausgestattet, ich musste erst lernen, preiswerte einheimische Gerichte zu kochen.

Hier stelle ich die Familie einmal vor: Hishams ältester Bruder Karim und seine Frau Asma hatten fünf Kinder. Zwei Schwestern meines Mannes wohnten mit ihren Familien im Ausland, nämlich in Kuweit und Saudi-Arabien, nur im Sommer kamen sie während der dreimonatigen Schulferien nach Damaskus.

Miriam, die älteste Schwester, wohnte nicht weit vom Haus der Eltern entfernt und kam täglich mit ihren beiden Kindern zur Mutter, um zu helfen, nachdem sie ihre eigene Hausarbeit erledigt hatte. Die Schwester Mira, etwas älter als Hisham, wohnte mit ihrem Mann und ihren sieben Kindern in einem Vorort am anderen Ende der Stadt. Der jüngste Bruder Marwan war als einziger noch nicht verheiratet und wohnte zu Hause bei den Eltern. Das waren also zunächst 36 enge Verwandte, dazu kam ein Vielfaches an Onkeln, Tanten, Großtanten, Cousins und Cousinen, dazu Nachbarn, Freunde und Geschäftspartner, außerdem die Verwandschaft der Schwägerin, Ich war ziemlich verwirrt von all den Menschen, die mich nun kennen lernen wollten.

Meine Schwägerin Asma, die im Nebenhaus wohnte, war eine hübsche Frau mit sehr heller Haut, worauf sie besonders stolz war, kurzem Haar, freundlichen Gesichtszügen, und für arabische Verhältnisse war sie schlank. Die arabischen Verhältnisse orientierten sich daran, dass die Durchschnittsfrau mit etwa 35 Jahren fünf bis zehn Kinder geboren hat und dann natürlich einen mehr fraulichen Typ darstellt, der durchaus als schön gilt. Asma war genau dieser Typ, und sie war sich auch dessen bewusst. Würdevoll und selbstbewusst zeigte sie sich, natürlich mit Kopftuch, vom Balkon aus oder beim Einkaufen.

Das Einkaufen der Lebensmittel war allerdings meist die Aufgabe der Männer und Buben; nur wegen Kleidung, Schuhen oder Haushaltswaren fuhr sie gelegentlich in die Stadt. Zu Familienfesten, wenn Männer und Frauen in getrennten Räumen waren, zeigte sie sich gut geschminkt und elegant angezogen. Im Alltag bei der Hausarbeit trug sie einfache, lange Hauskleider. Ein großer Ehrgeiz trieb sie an, ich spürte, dass unter den Nachbarinnen starke Konkurrenz bestand. Die Aluminiumtöpfe und -pfannen zum Beispiel, die man zum Trocknen auf das Fensterbrett legte, sollten blankgescheuert und glänzend sein. Die Wäsche wurde so lange gekocht, bis sie wirklich absolut weiß war, die Speisen wurden gut gewürzt. Wenn ein Gericht besonders gut gelungen war, schickte man ein Kind mit Kostproben zu den Freundinnen. Auf diese Weise war immer ein Austausch da; von mir zum Beispiel hat die Nachbarschaft die Bratkartoffeln und die Pfannkuchen schätzen gelernt, ich übernahm zunächst die gefüllten Zucchini und die grünen Bohnen in Tomatensoße.

Asma half mir stets freundlich mit allen meinen Problemen, soweit die Verständigung es erlaubte. Ich spürte bei ihr und den Nachbarinnen, dass wir uns gegenseitig beobachteten. Genau wie ich dachte: "Wie sind orientalische Frauen nun eigentlich wirklich?" schienen sie zu denken: "Was sind das wohl für fremdartige Wesen in Deutschland?"

Nun musste ich so schnell wie möglich Arabisch lernen! Die Schwierigkeiten begannen bei den Schriftzeichen. Die arabische Schrift, von rechts nach links gelesen, erschien mir wie eine Kurzschrift. Die Vokale unterscheiden die Wortbedeutung, die Konsonanten kennzeichnen den Wortstamm. Da die kurzen Vokale nicht geschrieben werden, sondern nur die langen, sind die Wörter nicht zu lesen, wenn man nicht schon die Sprache perfekt beherrscht. So konnte mir die Schrift beim Lernen keine Hilfe bieten, es hatte aber auch keinen Sinn, Arabisch in lateinischen Buchstaben zu schreiben, weil es viele Laute in unserem Alphabet nicht gibt. Schon die gebräuchlichsten Namen wie "Ahmed" und "Mohamed" enthalten mehrere uns unbekannte Laute, daher können wir sie gar nicht korrekt schreiben und aussprechen.

Bis ich die Sprache beherrschte, schien mir die Zeichensprache Ersatz zu bieten. Doch Vorsicht! Hochheben des Kopfes und wieder senken bedeutet "nein", während Kopfschütteln eine Frage bedeutet oder "Ich weiß nicht.", Schnalzen mit der Zunge und gleichzeitiges Heben der Augenbrauen bedeutet ebenfalls "nein". Dazu ein Beispiel. Hisham kam vom geplanten Großeinkauf im staatlichen Geschäft zurück, völlig entmutigt.

Fast jeder verlangte Artikel war mit Zungenschnalzen beantwortet worden, weder zu einem Wort noch einer Bewegung hatten sich die Angestellten bemüht.

"Habt ihr Butter?" - T

"Käse?" - T

"Milchpulver?" - T

Das frustrierte!

Drehen der gespreizten rechten Hand mehrmals nach rechts und links bedeutet eine Frage, meistens "Wie viel?" oder "Was ist los?". Wenn man beim Einkauf auf eine Ware deutet und diese Bewegung macht und dabei noch etwas das Kinn hebt, bekommt man als Antwort, was sie kostet.

Nun wollte ich also Gemüse kaufen. Es gab keine Preisschilder, ich musste fragen. Da konnte es schon sein, dass der Händler mir einen höheren Preis nannte, weil ich Ausländerin war. Ich kannte mich nicht aus und würde es nicht merken. Ich musste aufpassen, vergleichen, herunterhandeln. Für die Damaszener ist Handeln ein Sport, ein Beweis von Charakterstärke, eine Gelegenheit für Späße. Frauen bot es die Möglichkeit, sich auf ehrenhafte Weise mit Männern zu unterhalten.

Eines Tages beobachtete ich eine Nachbarin und einen Bauern beim Handeln um einen Sack Kartoffeln. Ich stand an der Haustür und sah diesem Schauspiel zu. Die Hausfrau schilderte ihre Finanzlage, der Bauer seine eigene Situation und warum er die Kartoffeln auf gar keinen Fall unter einem bestimmten Preis verkaufen könnte. Alle Argumente und Gegenargumente wurden dargelegt, danach kam die Handlung: Die Käuferin drehte sich zur Seite, als betrete sie ihr Haus, der Bauer trieb unter lautem Zurufen seinen Esel etwa zehn Meter weiter. Es schien kein Geschäft zustande zu kommen. Würde einer der beiden nachgeben?

In diesem Fall gab der Bauer nach und nahm den gebotenen Preis. Die Hausfrau konnte zufrieden sein. Heute Abend würde sie Freunden und Verwandten von ihrem Sieg erzählen. Ein anders Mal würde es umgekehrt sein.

Ich begriff, dass diese stetige Übung im Streitgespräch, die schon in der Kindheit begann und sich das ganze Leben fortsetzte, den Charakter der Menschen mit prägte. Die Lebensbedingungen in diesem Klima sind hart, härter als bei uns, und es gehört viel Willenskraft dazu, sie zu meistern.

Ich bemühte mich, die Kunst des Handelns zu erlernen; hier ging es um mein Ansehen in der Nachbarschaft, ich wollte nicht länger als die Ausländerin betrachtet werden, die jeden Preis bezahlt. Die Brot- und Fleischpreise waren staatlich festgelegt, da brauchte man nicht zu handeln.

Das arabische Fladenbrot gehört zu jeder Mahlzeit, es ist das Grundnahrungsmittel, außerdem das Essbesteck. Man kann von den Fladen Stücke abbrechen und es wie eine Schaufel benützen. Für feste Speisen formt man es zu einer Art Zange. In den Haushalten gibt es zwar Löffel, Gabeln und Messer, aber das Brot als Besteck, das mitgegessen wird, ist so praktisch, dass es nicht zu verdrängen ist. Beim Picknick kann das Fladenbrot als Telller sowie Essbesteck dienen und dann mitgegessen werden. Sandwiches werden bestrichen und belegt und dann aufgerollt.

Beim täglichen Brotholen kaufen große Familien etwa vier Kilo; eine sechsköpfige, also kleine, Familie etwa zwei Kilo. Das Brot wird restlos verwertet. Getrocknet kann man es für verschiedene Gerichte verwenden, zum Beispiel Fattusch, Brotsalat.

In der Bäckerei, oder besser gesagt in der staatlichen Brotfabrik, hing ein Bild an der Wand: ein Stück Brot und ein Glas Wasser; das waren hier wirklich die Grundnahrungsmittel.

Schon morgens vor Schulbeginn standen die Kinder vor dem Bäcker Schlange. Die Bevölkerung war durch Zuwanderung so stark gewachsen, dass die Brotproduktion nicht mehr mitkam. Noch warm vom Backen, wurde es sofort verkauft, auch bei den privaten Bäckern wurden die Fladen, sobald sie kühl genug zum Anfassen waren, abgezählt und weggetragen, auf dem Kopf, in der Hand, auf dem Fahrrad, so strömte das kostbare Brot dreimal täglich durch die ganze Stadt.

Beim Metzger hingen die ganzen Schafe oder große Stücke vom Rind an Eisenhaken direkt neben der Straße. Der Metzger schnitt dem Kunden die gewünschte Menge ab und bereitete es zu: als Hackfleisch wurde es durch den Fleischwolf gedreht oder in "Vogelkopfgröße" von Hand gehackt, mit mehr oder weniger Fett, ja nach Geldbeutel. Einfache Leute kauften ein Wiije (1/3 Pfund), zur Hälfte weiß, von Hand gehackt, für etwa 0,70 €. Damit konnten sie ein Gemüsegericht für zehn Personen kochen.

Ich dagegen wurde mit "Madame" angesprochen und kam mir reich vor, weil ich ein Pfund rotes, mageres Rindfleisch verlangte. Dabei musste ich mich zusammennehmen und gegen Übelkeit kämpfen. Blut floss auf den Steinboden, der kleine Sohn des Metzgers hackte Zwiebeln, bis allen im Laden die Tränen kamen, Fliegen surrten, Geld und Fleisch gingen durch die gleiche Hand. So konnte ich mich einerseits glücklich schätzen, dass ich im Vergleich zu den anderen Nachbarn fast wohlhabend war, doch ein Vergleich mit dem früheren Lebensstandard war überhaupt nicht möglich. Ich war im Zwiespalt der Gefühle: Die Menschen um mich herum hatten ihr Auskommen, keiner hungerte, doch sie mussten für ihren Lebensunterhalt hart kämpfen. Die Verschwendung in Europa und Amerika erschien mir absurd, und trotzdem sehnte ich mich im Inneren nach meinem bequemen Leben mit Fertiggerichten und Spülmaschinen zurück.

Noch ein anderes Problem beschäftigte mich täglich aufs Neue: der Staub. Mein erster Eindruck vom Haus war "sehr staubig". Ich dachte aber daran, dass es lange Zeit unbewohnt gewesen war und dass es bald schön sauber aussehen würde. Wir deutschen Hausfrauen sind ja so gründlich. Ich werde es den Orientalen mal zeigen, wie alles blitzen kann!

Dann erfuhr ich, dass die Verwandten das Haus gerade gestern geputzt hatten und dass es, schlicht und einfach, jeden Morgen wieder so staubig aussehen würde!

Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag.