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Ruth Rendell

Der Sonderling

Buch

Teddy und Francine sind weltfremde Einzelgänger. Teddy wuchs im Londoner Vorstadtmilieu ohne Wärme und Nähe auf. Seine Eltern interessierten sich nie für ihn, der Einzige, der sich mit ihm beschäftigte, war ein Nachbar. In dessen Werkschuppen entdeckte Teddy seine Liebe zu Holz und wurde zu einem hochbegabten Schreiner. Francine wiederum musste als Siebenjährige den Mord an ihrer Mutter mit ansehen. Seither lebt sie wie unter einer Glasglocke, abgeschnitten von der Welt – bis sie Teddy begegnet und sich in ihn verliebt. Auch Teddy entwickelt schnell Gefühle für die schöne junge Frau, und bald wird klar: Er, der nie etwas Eigenes besessen hat, muss Francine besitzen – selbst wenn er dafür morden muss …

Autorin

Ruth Rendell wurde 1930 in South Woodford/London geboren. Zunächst arbeitete sie als Journalistin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Dreimal bereits erhielt sie den Edgar-Allan-Poe-Preis und zweimal den Golden Dagger Award. 1997 wurde sie mit dem Grand Master Award der Crime Writer‘s Association of America, dem renommiertesten Krimipreis, ausgezeichnet und darüber hinaus von Königin Elizabeth II. in den Adelsstand erhoben. Ruth Rendell, die auch unter dem Pseudonym Barbara Vine bekannt ist, lebt in London.

Die Reihenfolge der Inspector-Wexford-Romane sowie weitere Romane finden Sie hier.

Ruth Rendell

Der Sonderling

Roman

Aus dem Englischen von Cornelia C. Walter

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Die Originalausgabe erschien 1997 unter dem Titel A Sight for Sore Eyes bei Random House (UK), London.

E-Book-Ausgabe 2015

bei Blanvalet, einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 1997 by Kingsmarkham Enterprises Ldt.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 1999 by Blanvalet Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: Arcangel Images/Stephen Mulcahey

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN: 978-3-641-15142-3
V002

www.blanvalet.de

Wieder für Don

1

_____

Sie sollten sich an den Händen halten und einander ansehen. Einander tief in die Augen schauen.

»Das ist doch kein Porträtsitzen«, meinte sie, »das ist ja Porträtstehen. Warum darf ich mich nicht auf sein Knie setzen?«

Er lachte. Alles, was sie sagte, fand er amüsant oder entzückend, alles an ihr fesselte ihn, von ihren dunkelroten Locken bis hinunter zu den zierlichen weißen Füßen. Den Anweisungen des Malers folgend, sollte er sie verliebt ansehen und sie ihn wie hingerissen. Das war leicht, es kam ganz von selbst.

»Dummes Zeug, Harriet«, sagte Simon Alpheton. »Allein die Vorstellung! Kennt ihr eigentlich Rembrandts Gemälde Die jüdische Braut?«

Sie verneinten. Simon beschrieb es ihnen, während er seine Vorskizze zu zeichnen begann. »Es ist ein sehr zärtliches Bild, es drückt die beschützende Liebe des Mannes zu seiner jungen, demutsvollen Braut aus. Sie sind offensichtlich wohlhabend, sehr reich gekleidet, doch man sieht ihnen an, dass sie empfindsam und nachdenklich sind. Und verliebt.«

»Wie wir. Reich und verliebt. Sehen wir ihnen ähnlich?«

»Nicht im geringsten. Ich glaube auch kaum, dass ihr das wolltet. Das Schönheitsideal hat sich seither geändert.«

»Du könntest es doch ›Die rothaarige Braut‹ nennen.«

»Sie ist aber nicht deine Braut. Ich werde es ›Marc und Harriet in Orcadia Place‹ nennen – wie sonst? Und jetzt hör bitte auf zu reden, Marc, ja?«

Das Haus, vor dem sie standen, wurde von Kennern als Cottage im georgianischen Stil bezeichnet; es war aus der Sorte roter Backsteinziegel gebaut, deren Farbe man gewöhnlich als warm bezeichnet. Um diese Jahreszeit – es war Hochsommer – war das Mauerwerk allerdings fast völlig unter dem dichten Blätterkleid des wilden Weins verschwunden, dessen grüne, glänzende Blätter in der sanften Brise leicht zitterten. Die gesamte Außenfläche des Hauses schien zu beben und zu rascheln; sie wirkte wie eine senkrechte, grüne See, die der Wind zu kleinen Wellen kräuselte.

Simon Alpheton mochte Mauern – Backsteinmauern, Flintsteinmauern, Natursteinmauern und auch Bretterwände. Für das Bild von Come Hither hatte er sämtliche Mitglieder dieser Popgruppe draußen vor dem Aufnahmestudio in der Hanging Sword Alley vor einer Betonmauer platziert, die über und über mit Plakaten beklebt war. Kaum hatte er gesehen, dass es an Marcs Haus eine Mauer voll Laub gab, wollte er sie ebenfalls malen, natürlich mit Marc und Harriet davor: die Mauer als glänzende Kaskade in zahlreichen Grüntönen, Marc im dunkelblauen Anzug mit weißem Hemd und schmaler schwarzer Krawatte, und Harriet ganz in Rot.

Wenn der Herbst kam, würden diese Blätter den gleichen Farbton wie ihr Haar und ihr Kleid annehmen. Dann würden sie allmählich zu Gold und dann Hellgelb verblassen, abfallen und als lästiges Ärgernis die gesamte, von Hecken umgebene gepflasterte Fläche und den Hof hinter dem Haus zentimetertief bedecken. Die Ziegelmauern des Hauses mit dem wahrscheinlich unechten Fachwerk an manchen Stellen kämen wieder zum Vorschein, bis im Frühjahr 1966 hellgrüne Schösslinge sprossen und der Laubkreislauf wieder von neuem begann. Diese Gedanken gingen Simon durch den Kopf, während er Blätter und Haare und gefältelte Seide malte.

»Lass das«, sagte er, als Marc sich zu Harriet hinüberbeugte, um sie zu küssen, ihre Hand dabei weiter festhielt und sie an sich zog. »Kannst du sie nicht mal fünf Minuten in Ruhe lassen?«

»Schwierig, Mann, schwierig.«

»Zärtlichkeit will ich einfangen, nicht Lust. Verstanden?«

»Jetzt ist mir der Fuß eingeschlafen«, sagte Harriet. »Können wir mal Pause machen, Simon?«

»Noch fünf Minuten. Denk nicht an deinen Fuß. Schau Marc an und denk dran, wie verliebt du in ihn bist.«

Sie sah zu ihm hoch, und er sah zu ihr herunter. Er hielt ihre Linke in seiner Rechten, ihre Augen trafen sich zu einem langen Blick, und so malte Simon Alpheton sie und hielt sie im Vorgarten von Orcadia Cottage fest, wenn nicht für die Ewigkeit, so doch für lange, lange Zeit.

»Vielleicht kaufe ich es«, meinte Harriet später mit einem anerkennenden Blick auf das Abbild ihres Gesichts und ihrer Gestalt.

»Womit denn?« Marc küsste sie. Seine Stimme war sanft, seine Worte waren es nicht. »Du hast doch kein Geld.«

Wenn Simon Alpheton später an diesen Tag zurückdachte, meinte er, dies sei der Anfang vom Ende gewesen, als der Wurm in der Knospe sein hässliches Gesicht und seinen zuckenden Körper inmitten der Blumen zeigte.

2

_____

An einem kalten Samstag unternahmen Jimmy Brex und Eileen Tawton eine Busreise nach Broadstairs. Das war im Sommer des Jahres 1966. Es war das erste Mal, dass die beiden so einen Ausflug zusammen machten. Ihre sonstigen Aktivitäten – Eileen nannte es »sich den Hof machen«, und Jimmy hatte gar keinen Ausdruck dafür – bestanden darin, ins White Rose and Lion zu gehen, und gelegentlich schaute Jimmy bei Eileens Mutter zum Abendbrot vorbei. Doch dann bekam das Pub einen neuen Pächter, und für die Stammgäste wurden an den Wochenenden Veranstaltungen organisiert. Eine davon war der Ausflug nach Broadstairs.

Es regnete. Ein scharfer Nordwind brauste die Küstenstreifen von Suffolk, Essex und Kent entlang, bevor er irgendwo auf den Kanalinseln schließlich zum Erliegen kam. Jimmy und Eileen saßen unter einem Unterstand am Wasser und aßen ihre mitgebrachten Sandwiches. Sie kauften Zuckerstangen und schauten in einem vergeblichen Versuch, die französische Küste zu erspähen, durch ein Fernrohr. Am späten Nachmittag beschlossen sie, etwas Richtiges zu essen, und betraten Popplewell’s Restaurant mit Meerblick.

Wie die meisten Restaurants und Cafés damals hatte das Lokal keine Schankkonzession, und Jimmy verzehrte sich nach einem Drink. Er musste mit Tee vorliebnehmen, denn die Kneipen machten erst um halb sechs auf. Als sie ihre Eier mit Pommes frites, Erbsen und Pilzen, ihren Apfelkuchen mit Vanillesauce und ein paar Scheiben Dundee-Kuchen aufgegessen hatten, war immer noch eine halbe Stunde herumzubringen. Während Jimmy noch eine Kanne Tee bestellte, ging Eileen auf die Damentoilette.

Es war ein winziges, fensterloses und – wie damals üblich, verschmuddeltes – Kabuff mit nacktem Betonboden und einer einzigen Kabine. Ein Waschbecken hing – gefährlich locker – an der Wand, aber Seife, Handtuch oder Papiertücher gab es nicht und natürlich auch keinen Händetrockner. Aus einem Wasserhahn tropfte es. Als eine Frau aus der Kabine kam, konnte Eileen hineingehen. Sie hörte, wie draußen das Wasser lief, und dann hörte sie, wie die Tür zuging.

Eileen hatte nicht die Absicht, sich die Hände zu waschen. Sie hatte sie heute Morgen vor der Abfahrt gewaschen, und im Übrigen gab es ja sowieso keine Handtücher. Doch sie warf einen kurzen Blick in den angeschlagenen Spiegel, zupfte ihr Haar ein wenig zurecht, schürzte die Lippen und konnte dabei schwerlich vermeiden, dass ihr Blick auf die kleine Ablage unter dem Spiegel fiel. In deren Mitte lag ein Brillantring.

Die Frau, die gerade vorhin hier gewesen war, musste ihn zum Händewaschen abgelegt und dann vergessen haben. Da konnte man doch wieder mal sehen, wozu übertriebener Wascheifer führte. Eileen war an der Frau nichts weiter aufgefallen, außer dass sie mittleren Alters war und einen Regenmantel trug. Sie betrachtete den Ring. Dann nahm sie ihn in die Hand.

Selbst für jemanden, der sich absolut nicht damit auskennt oder keinen Sinn für guten Schmuck hat, ist ein Brillantring sofort als solcher erkennbar. Bei diesem hier handelte es sich um einen Solitär, bei dem auf jeder Seite ein Saphir eingelassen war. Eileen steckte ihn sich an den rechten Ringfinger. Er passte wie angegossen.

Mit dem Ring am Finger hineinzuspazieren wäre keine gute Idee. Sie steckte ihn in ihre Handtasche. Jimmy saß da und wartete auf sie und rauchte gerade die dreißigste Zigarette an diesem Tag. Er gab ihr auch eine, und dann gingen sie zum Anchor hinüber, wo er für sich ein Bier und für sie ein Glas Cidre bestellte. Nach einer Weile öffnete sie ihre Tasche und zeigte ihm den Brillantring.

Auf die Idee, den Ring ins Restaurant zurückzubringen, ihn dem Geschäftsführer zu geben oder damit zur Polizei zu gehen, kam keiner der beiden. Wer was findet, darf’s behalten. Doch andere Ideen kamen ihnen durchaus in den Sinn. Eigentlich war es ein und dieselbe Idee. Eileen steckte sich den Ring wieder an, diesmal jedoch an den linken Ringfinger, und hielt die Hand hoch, um ihn Jimmy vorzuführen. Wieso sollte sie ihn wieder ablegen? Obwohl sie es nicht laut sagte, übertrug sich ihr Gedanke irgendwie auf ihn.

Er besorgte sich noch ein Bier und dazu eine Tüte Kartoffelchips und sagte, als er wieder an den Tisch trat: »Behalt ihn doch gleich an.«

»Meinst du?« Ihre Stimme klang unsicher. Sie spürte den Ernst der Situation. Es war ein erhabener Augenblick.

»Verloben wir uns eben«, meinte Jimmy.

Eileen nickte, lächelte aber nicht. Ihr Herz klopfte heftig.

»Wenn es dir recht ist.«

»Ich hab’ mir das schon länger überlegt«, sagte Jimmy. »Hab’ auch daran gedacht, dir einen Ring zu kaufen. Ich hab’ nicht damit gerechnet, dass der jetzt hier auftaucht. Ich hol’ mir noch was zu trinken. Willst du noch einen Cidre?«

»Warum nicht?« sagte Eileen. »Also, feiern wir – warum eigentlich nicht? Gib mir noch’ ne Kippe, ja?«

Eigentlich hatte Jimmy bis zu diesem Augenblick überhaupt nicht an Verlobung gedacht. Er hatte keinerlei Absicht zu heiraten. Wieso auch? Seine Mutter versorgte ihn und seinen Bruder. Sie war erst achtundfünfzig und hatte noch viele Jahre vor sich. Doch die Entdeckung des Rings war eine Gelegenheit, die man sich nicht entgehen lassen durfte. Angenommen, er hätte nichts getan und Eileen den Ring einfach behalten lassen. Wenn er dann eines Tages beschlossen hätte, sich doch zu verloben, hätte er ihr einen Ring kaufen müssen, und zwar einen neuen. Außerdem war verlobt nur verlobt und konnte sich jahrelang hinziehen; es hieß ja nicht, dass man gleich morgen heiraten musste.

Eileen war in Jimmy nicht verliebt. Hätte sie darüber nachgedacht, so hätte sie wahrscheinlich gesagt, sie mochte ihn ganz gut leiden. Sie mochte ihn lieber als die anderen Männer, die sie kannte, aber eigentlich kannte sie gar keine anderen. Kein Mann verirrte sich je in das Wollgeschäft, in dem sie Miss Harvey, der Besitzerin, zur Hand ging und einer ältlichen, weiblichen Kundschaft doppelfädige, kuschelweiche Wolle verkaufte. Jimmy hatte sie kennengelernt, als er mit seinem Chef gekommen war, um Miss Harveys Wohnung oben zu streichen und ein neues Waschbecken einzubauen. Das war vor fünf Jahren gewesen.

Obwohl sie Rechtshänderin war, bediente Eileen ihre Kundinnen während der nächsten Wochen mit der linken Hand; oft hielt sie sie sich ans Kinn, um den bisweilen im Licht aufblitzenden Brillanten vorzuführen. Er wurde ausgiebig bewundert. Sie ging mit Jimmy weiterhin ins Pub, und er kam weiterhin zum Abendbrot zu Mrs. Tawton. Dann hatte Eileen ihren fünfunddreißigsten Geburtstag. Sie fuhren noch auf mehrere vom White Rose and Lion organisierte Ausflüge mit, entweder zu zweit oder mit Mrs. Tawton und ihrer Freundin Gladys.

Wenn Eileen manchmal das Thema Heirat ansprach, sagte Jimmy jedes Mal: »Wir haben uns doch gerade erst verlobt«, oder »Das können wir uns in ein paar Jahren immer noch überlegen.« Außerdem würden sie sich niemals eine eigene Wohnung leisten können. Sie hatte nicht vor, zu ihrer Mutter zu ziehen, und zu seiner auch nicht. Ihre Beziehung war nicht sexueller Natur. Obwohl er sie manchmal küsste, hatte Jimmy nie angedeutet, dass er mehr wollte, und Eileen redete sich ein, sie hätte in dem Fall sowieso nicht eingewilligt, und respektierte ihn dafür, dass er es nicht von ihr verlangte. Das konnten sie sich in ein paar Jahren immer noch überlegen.

Dann starb Jimmys Mutter. Sie fiel auf der Straße tot um, in jeder Hand eine vollbepackte Einkaufstasche. Brotlaibe, Halbpfundpäckchen Butter, Kekspackungen, große Cheddarstücke, Orangen, Bananen, Speck, zwei Hähnchen, Konservendosen mit Bohnen und Spaghetti in Tomatensauce kullerten über den Gehweg oder fielen in den Rinnstein. Betty Brex war einem schweren Schlaganfall erlegen.

Ihre beiden Söhne hatten von Geburt an im Haus gewohnt, und keiner kam auf den Gedanken auszuziehen. Als nun niemand mehr da war, um sie zu versorgen, fand Jimmy es an der Zeit zu heiraten. Schließlich war er schon fünf Jahre verlobt. An diese Tatsache erinnerte ihn der Ring, den Eileen tagein, tagaus trug. So viel Glück, einen Ehering auf der Damentoilette zu finden, würde sie wohl nicht haben, doch zum Glück hatte er den, den er seiner toten Mutter vom Finger gezogen hatte. Auf dem Standesamt in Burnt Oak heirateten sie.

Das Brexsche Haus war eine kleine, zweistöckige Doppelhaushälfte mit oben und unten je zwei Zimmern, einem kleinen Bad und einer Küche. Außen war es gipsverputzt und ockergelb gestrichen und lag inmitten ganzer Reihen solcher Häuser in der Nähe der North Circular Road in Neasden. Als Eckhaus hatte es von der Straße her eine Zufahrt zum Garten, und dort stellte Keith Brex immer seinen Wagen ab, der dann den Großteil der verfügbaren Fläche einnahm. Eigentlich war es eine Abfolge von Autos, wobei es sich zum Zeitpunkt der Vermählung seines Bruders um einen rotsilbernen Studebaker mit Heckflossen handelte.

Keith war älter als Jimmy und nicht verheiratet. An Frauen oder jeglicher Spielart von Sex nicht interessiert, Nichtleser und Nichtsportler, war ihm im Grunde alles gleichgültig außer Trinken und Autos. Dabei interessierte er sich nicht so sehr dafür, sie zu fahren, als an ihnen herumzubasteln, sie auseinanderzunehmen und wieder zusammenzusetzen. Sie zu putzen und zu polieren und zu bewundern. Vor dem Studebaker hatte er einen Pontiac gehabt und davor einen Dodge.

Für den täglichen Gebrauch und um zur Arbeit zu fahren hatte er ein Motorrad. Wenn sein Auto perfekt hergerichtet war und nur so glänzte, holte er es heraus und fuhr auf der North Circular Road nach Brent Cross, den Hendon Way hinauf, die Station Road hinunter und den Broadway entlang wieder zurück. Und wenn der Klub der Studebaker-Eigner ein Rennen veranstaltete, nahmen er und sein Auto immer teil. Eine Ausfahrt mit dem Auto bedeutete immer, vorher den Motor auseinander- und wieder zusammenzubauen. Er war wie sein Bruder im Baugewerbe tätig, und so hatte er den Garten hinter dem Haus schon vor langer Zeit zubetoniert, um dort den Wagen und das Motorrad abzustellen. Nur ein winziges, grünes Rechteck mit Gras, Löwenzahn und Disteln hatte er als »Rasen« stehenlassen.

Als ihre Mutter, und früher auch ihr Vater, noch am Leben gewesen waren, hatten sich die Brüder Brex ein Schlafzimmer geteilt. Dort hatte sich Jimmy abends, während Keith an seinem Auto herumwerkelte, unter Zuhilfenahme des Penthouse-Magazins um seine sexuellen Bedürfnisse gekümmert. Jetzt, wo er dort ausgezogen und in Betty Brex’ ehemaliges Zimmer übersiedelt war, hatte eine weitere Veränderung zu erfolgen. Jimmy, der sich nie groß Gedanken machte, nahm an, es ließe sich ganz einfach bewerkstelligen. Im Endeffekt dauerte es dann etwa ein Jahr und war für Jimmy nie so befriedigend wie seine früheren Phantasie-Affären mit den Nacktstars. Was Eileen betraf, so akzeptierte sie ihr Los und hatte nichts dagegen einzuwenden. Es tat ja nicht weh. Es wurde einem nicht kalt oder schlecht davon. Man tat es eben, wenn man verheiratet war. Wie man staubsaugte und einkaufte und kochte und abends die Hintertür abschloss.

Und – natürlich – ein Baby bekam.

Eileen war zweiundvierzig. Aufgrund ihres Alters war sie gar nicht auf die Idee gekommen, sie könnte schwanger sein. Sie war nicht die erste, die es für die Wechseljahre hielt. Außerdem wusste sie nicht sehr viel über Sex und noch weniger über Fortpflanzung und hatte von Mutter und Tanten einige seltsame Vorstellungen aufgeschnappt. Eine davon besagte, dass zur Fortpflanzung häufige, üppige und sich stetig steigernde Ejakulationen nötig waren, dass man also eine Menge von dem Zeug in sich aufnehmen musste, bevor es überhaupt Wirkung zeigte. Darin glich es der Grecian-2000-Kur, die Keith auf sein ergrauendes Haar auftrug und die nur bei wiederholter Anwendung wirkte.

In ihrer Ehe waren die Anwendungen schon anfangs selten gewesen und fielen immer spärlicher aus. Deshalb glaubte sie auch dann noch nicht, sie sei schwanger, als sie zunahm und einen dicken Bauch bekam. Jimmy bemerkte natürlich überhaupt nichts. Mrs. Chance von nebenan war es, die sich erkundigte, wann es denn soweit wäre. Eileens Mutter merkte es sofort – sie hatte sie zwei Monate nicht gesehen – und äußerte die Meinung, mit dem Baby würde wegen des Alters ihrer Tochter dann sicher »etwas nicht stimmen«. Damals redete noch niemand vom Down-Syndrom, und Agnes Tawton sagte, das Kind würde bestimmt mongoloid.

Eileen – wie übrigens die anderen auch – ging nie zum Arzt und hatte auch nicht vor, jetzt damit anzufangen. Sie war der festen Überzeugung, wenn man etwas ignorierte, verschwand es von selbst, und deshalb ignorierte sie ihre auseinandergehende Gestalt und gab sich ihren Essgelüsten hin. Sie entwickelte geradezu eine Leidenschaft für Donuts und Croissants, die damals neu auf dem Markt waren, und paffte etwa vierzig bis fünfzig Zigaretten am Tag.

Es war in den siebziger Jahren, als der Ausdruck »den eigenen Körper spüren« gerade aufkam. Eileen spürte ihren Körper überhaupt nicht, sie betrachtete ihn nie im Spiegel und achtete außer bei echten Schmerzen nicht auf seine Empfindungen. Doch diese Schmerzen waren etwas völlig anderes. Eileen hatte so etwas noch nie erlebt, sie hörten überhaupt nicht mehr auf und verschlimmerten sich zusehends, so dass sie gar nicht anders konnte, als ihren Körper zu spüren. Natürlich besaß die Familie Brex kein Telefon, und es wäre ihnen auch nicht eingefallen, eins anzuschaffen; als Eileen schon tief in den Wehen lag, wurde daher Keith losgeschickt, um den Arzt zu Hilfe zu rufen. Er fuhr im Studebaker hin, es war nämlich zufällig gerade Zeit für die zweiwöchentliche Ausfahrt.

Dass Jimmy gefahren wäre, kam gar nicht in Frage. Er sagte, das Ganze sei doch ein Sturm im Wasserglas. Außerdem hatte er gerade einen neuen Fernseher gekauft, den ersten in Farbe, und wollte sich die Tennismeisterschaften in Wimbledon ansehen. Ein Arzt kam, wutschnaubend, und traute seinen Augen nicht, als er Eileen kettenrauchend mit geplatzter Fruchtblase daliegen sah. Dann kam eine Hebamme. Die gesamte Familie Brex wurde mit scharfen Worten zurechtgewiesen, und die Hebamme schaltete eigenhändig den Fernseher ab.

Das Baby, ein achteinhalb Pfund schwerer Junge, wurde um zehn Uhr abends geboren. Entgegen Mrs. Tawtons Prophezeiungen war mit ihm alles in Ordnung. Jedenfalls das, was sie gemeint hatte. Die Dinge, die bei ihm nicht stimmten, reagierten damals nicht auf Tests und tun es größtenteils auch heute noch nicht. Jedenfalls kommt es darauf an, welcher Schule man angehört: Natur und Veranlagung oder Umgebung und Erziehung. In den siebziger Jahren meinten alle, die nur ein wenig Bescheid wussten, der Charakter eines Menschen und sein Temperament seien einzig und allein das Resultat seiner frühkindlichen Umgebung und Konditionierung. Freud war unbestritten die Nummer Eins.

Es war ein hübsches Baby. Während es in ihr herangereift war, hatte sich seine Mutter von gebutterten Croissants, Donuts mit Schlagsahne, Salami, durchwachsenem Speck, gebratenen Eiern, Schokoladenriegeln, Würstchen und Pommes frites mit sämtlichen Garnierungen ernährt. Sie hatte ungefähr zehntausendachthundert Zigaretten geraucht und literweise Guinness, Cidre, süßlichen Schaumwein und süßen Sherry getrunken. Trotzdem war es ein hübsches Kind mit glatter Pfirsichhaut, seidigem dunkelbraunem Haar, den Gesichtszügen eines Puttchens in einem Gemälde Alter Meister und wohlgestalteten Fingerchen und Zehen.

»Wie wollt ihr ihn denn nennen?« fragte Mrs. Tawton nach einigen Tagen.

»Er muss ja wohl einen Namen kriegen, oder?« sagte Eileen, als wäre die Namensgebung bei einem Kind zwar angebracht, aber absolut nicht zwingend erforderlich.

Weder sie noch Jimmy wussten irgendwelche Namen. Seinen und den von Keith und von Mr. Chance, dem Nachbarn, kannten sie, der hieß Alfred, und die Namen ihrer verstorbenen Väter, aber von denen gefiel ihnen keiner. Keith schlug vor, ihn Roger zu nennen, weil sein Saufkumpan so hieß, doch da Eileen diesen Roger nicht ausstehen konnte, wurde daraus nichts. Dann kam eine Nachbarin vorbei und brachte ein Geschenk für das Baby: einen kleinen weißen Teddybären mit Glöckchen an den Füßen und einem Band, an dem man ihn vom Kinderwagendach herunterhängen konnte.

Sowohl Agnes Tawton als auch Eileen waren ziemlich gerührt über dieses Geschenk, machten: »Aaah!« und nannten es süß.

»Teddy«, sagte Eileen zärtlich.

»Da habt ihr doch euren Namen«, sagte Keith. »Teddy. Oder abgekürzt – Edward!« Dann lachte er über seinen eigenen Witz, weil es sonst keiner tat.