Uta-Maria Heim
Totschweigen
Kriminalroman
Alle Personen und Namen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig
und nicht beabsichtigt.
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1. Auflage 2007
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von Uta-Maria Heim
Gesetzt aus der 9.6/14 Punkt GV Garamond
ISBN 13: 978-3-8392-3296-5
Bibliografische Information
der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Ein Totschläger soll des Todes sterben.
Der Rächer des Bluts soll den Totschläger zum Tode bringen;
wo er ihm begegnet, soll er ihn töten.
4. Mose 35, 16-19
Wand’rer steh stille.
Bedenke Gottes Wille.
Not u. bitt’res Leiden
Bringen ew’ge Freuden.
Feldkreuz meiner Urgroßmutter Elisabeth Fix auf dem Sulgen (seit 1906)
Rette Deine Seele
1939
Inschrift auf dem Holzkreuz an der alten Kirche in Sulgen
For old times’ sake
Immer habe ich mir gewünscht, durch meine Kindheit rauschte die Eisenbahn. Das tat sie leider nicht. Die Bahnstrecke zwischen Rottweil und meiner Heimatstadt Schramberg existiert nur in diesem Buch. Damit habe ich mir und der schwarzwälderischen Industrie einen Herzenswunsch erfüllt. Das ortskundige Publikum möge mir verzeihen.
Dies ist ein Kriminalroman. Schauplätze, Personen und Handlung sind frei erfunden.
Allerdings waren auf der Schwäbischen Alb tatsächlich sieben Konzentrationslager: In Schömberg, Schörzingen, Frommern, Erzingen, Bisingen, Dautmergen und Dormettingen starben 1944/45 über 3.500 Häftlinge.
In Göppingen-Jebenhausen hatte es eine jüdische Gemeinde gegeben, die von den Nationalsozialisten vertrieben und ausgelöscht wurde.
In Erinnerung an die Begegnung mit Werner Ottenheimer, einem Jebenhausener Juden, den ich 1996 auf Kuba kennenlernte.
Das Mädchen lag unterhalb des Schuttplatzes in einer Senke. Sein Mantel hatte es halb zugedeckt. Es war ein teurer anthrazitfarbener Lodenmantel, der bis zu den Waden ging. Er war schmutzig am Rücken und am Kragen voller Blut. Auf dem schütteren Gras vertrocknete eine rostrote Lache. Das Mädchen hatte an der Schläfe eine klaffende Wunde. Die war von weißen Maden befallen. Um den Kopf surrten Fleischfliegen. Das Gesicht lag in einem Sandhaufen. Es war erst Mai, aber die Sonne schien und es war warm. Das Mädchen dunstete einen ekelhaften Verwesungsgeruch aus.
Auf dem Feldweg oberhalb des Schuttplatzes war am späten Nachmittag eine junge Joggerin unterwegs. Sie lief durch den Wald den steilen Weg nach Schramberg hinunter. In ihrer Bauchtasche lag eine Kamera. Sie wollte unterwegs besonders schöne Frühlingsblumen fotografieren. Die Aufnahmen entwickelte sie selbst und verkaufte sie als Postkarten auf dem Wochenmarkt, wo sie auch eigenen Honig, Walnussöl, Umweltschutzpapier, Pflanzenfarbstifte und selbst gestrickte Strümpfe anbot.
Sie roch den spitzen Gestank von Weitem. Er konnte nicht von der Müllkippe kommen. Sie dachte sofort an einen toten Fuchs. Sie hatte kürzlich schon einmal einen Kadaver gefunden und es gleich dem Förster gemeldet. In diesem Bezirk herrschte Tollwutgefahr. Der Förster hatte sie sehr gelobt für ihre Umsicht, er war nett gewesen und hatte einen Vanilletee mit ihr getrunken. Wenn sie jetzt noch ein totes Tier fand, konnte sie ihn wieder anrufen.
Der Gestank wurde stärker. Vorsichtig kletterte die junge Frau die Böschung hinab. Zwischen den Steinen wuchsen Bärlauch, Löwenzahn und Brennnesseln. Wenn das Tier beseitigt war, würde sie einen Korb mitbringen und sammeln. Die Blätter waren gesund und schmeckten gut. Man konnte Pesto, Salat und Tee daraus machen.
Den Blick auf den Boden gerichtet, ging die Frau weiter. Der Gestank überwältigte sie. Erschrocken hielt sie die Luft an und rümpfte die Nase, da entdeckte sie vor sich das Mädchen. Sie schrie nicht. Mechanisch griff sie nach ihrer Kamera.