Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© Anja Fröhlich, Köln 2020 Alle Rechte vorbehalten.

www.anja-froehlich.de

Dieses Buch erschien im Original 2018 bei Dressler.

Umschlaggestaltung: Regina Kehn

ISBN: 978-3-7526-7716-4

Herstellung und Verlag:

BoD – Books on Demand GmbH, Norderstedt

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Ich glaube, es wird Zeit, dass ich etwas über Cooper erzähle. Auch wenn ich ihn gar nicht mag und am liebsten kein Wort über ihn verlieren würde. Schon allein, weil er auch nie ein Wort sagt. Er verliert keins, er findet keins und er gibt auch keins von sich. Denn Cooper ist so was Ähnliches wie stumm. Und man kann sich nur fragen, warum seine Eltern ihrem schweigsamen Kind einen Namen gegeben haben, bei dem die Leute immer nachfragen: »Was? Wie? Cooper? Echt jetzt? So wie Mini Cooper?«, während Cooper bei all den Fragen blöd rumsteht und innerlich versteinert.

Wenn einer stumm ist, sollte man ihn wenigstens Karl oder Paul nennen. Na ja, vielleicht wussten Coopers Eltern bei seiner Geburt ja nicht, dass ihr Sohn nicht reden wird. Denn er hat, glaube ich, genauso geschrien wie alle anderen Babys auch. Seine Stimme ist angeblich völlig in Ordnung. Darum ist Cooper auch nur so was Ähnliches wie stumm. In Wirklichkeit kann er reden, aber er tut es nicht.

Frau Tja, unsere Klassenlehrerin, hat uns Cooper erklärt, bevor er von einer Förderschule neu zu uns in die Klasse gekommen ist. Sie heißt eigentlich Tatjana Hintertür und sagt an den blödesten Stellen im Leben »tja«. Wenn sich jemand richtig wehgetan hat zum Beispiel. »Tja, das kommt davon, wenn man immer so wild ist.« Oder wenn sie jemanden ganz zu Unrecht bestraft hat: »Tja, das kann schon mal passieren.«

In der ersten Stunde nach den Ferien hat Frau Tja ein paar Mal ihre Hände geknetet und meinte: »Tja, der neue Junge wird nichts sagen. Da müsst ihr euch schon mal drauf einstellen. Aber er kann nichts dafür. Es ist wie eine Art Krankheit.«

Das Wort »Krankheit« hat sie so ausgesprochen, als wäre es etwas sehr Wertvolles. Mindestens so wertvoll wie ihre Wildleder-Handtasche, die immer an einem Haken am Pult hängt, damit sie nicht den dreckigen Klassenboden berührt. Es hörte sich ein bisschen so an, als wäre sie stolz darauf, dass es sich bei Coopers Besonderheit um eine ärztlich anerkannte Sache handelt und nicht um schlechtes Benehmen.

»Also ist der jetzt stumm oder was?«, wollte Kilian wissen. »Kann der gar nicht sprechen? So wie ein Kaninchen? Oder eine Schlange?«

Frau Tja schien auf die Frage gewartet haben. Denn sie nickte ganz aufgeregt, obwohl sie die Frage dann mit »Nein« beantwortet hat.

»Nein, eigentlich kann er sprechen. Aber er spricht zurzeit nur mit seinen Eltern. Und auch nur, wenn er mit ihnen alleine ist. Tja, das ist vollkommen in Ordnung so. Ihr braucht also nicht zu probieren, ob er vielleicht doch mit einem von euch spricht. Das macht für Cooper alles nur noch schlimmer.«

Seltsam, dass etwas, das eigentlich »vollkommen in Ordnung« ist, auch »noch schlimmer« gemacht werden kann.

Kein Wunder, dass einige aus unserer Klasse sich nicht mit Frau Tjas Antwort zufriedengeben wollten. Sie erfanden immer neue Situationen, in denen es besser wäre, wenn dieser Cooper doch den Mund aufmachen würde. Wenn er überfallen wird oder mal über Bord geht zum Beispiel. Wenn ihn jemand in einen Schrank sperrt, er ungerecht behandelt wird.

»Kinder, Kinder«, meinte Frau Hintertür, die nur Fragen mag, auf die sie sich vorher eine tolle Antwort ausgedacht hat.

Das war vor zwei Wochen. Seitdem sitzt Cooper neben mir. Und genau das ist auch der Grund, warum ich ihn nicht mag. Ich fühle mich total ungerecht behandelt. Und zwar seinetwegen. Und weil ich das noch nicht mal sagen darf, um nicht selber als ungerecht dazustehen.

Nur, weil Cooper bei mir zu Hause nebenan wohnt, soll ich mich in der Klasse um ihn kümmern. Ich soll mit ihm zur Schule gehen, und in der Schule soll ich dann neben ihm sitzen, bis wir zusammen wieder nach Hause gehen können. Selbst Verheiratete müssen nicht so viele Dinge gemeinsam machen. Und die lieben sich wenigstens. Frau Tja meinte, es würde Cooper bestimmt guttun, wenn jemand ihm hilft, sich in der Schule zurechtzufinden.

»Weißt du, Filippa, und dir tut das vielleicht auch mal ganz gut«, hat sie gemeint. Als ich sie angeguckt habe wie ein Kaninchen und eine Schlange gleichzeitig, hat Frau Hintertür mir zugezwinkert. »Tja, wegen deiner großen Klappe.

Das gleicht sich dann vielleicht ein bisschen aus«, meinte sie.

Das sollte wohl ein Spaß sein. Ich fand es allerdings kein bisschen witzig! Ich finde, Leute, die behaupten, man hätte eine große Klappe, haben selber eine. Das hätte ich ihr am liebsten gesagt. Und aus ihrer großen Klappe kommt auch immer noch so ein komischer Geruch raus. Genauer gesagt, Mundgeruch. Aber wenn ich das sagen würde, dann gäbe es bestimmt einen Eintrag ins Klassenbuch. Wegen Beamtenbeleidigung. Es ist so ungerecht, dass Lehrer einfach gemeine Witze machen dürfen und niemand bestraft sie dafür. Nicht mal der liebe Gott lässt ihre Handtaschen vom Haken rutschen oder macht, dass sie sich an einem ihrer vielen Tjas verschlucken.

Ich soll also auch noch dankbar sein, dass ich diesen Schweiger neben mir habe. Ich glaube übrigens, dass ich Cooper kein bisschen guttue. Er interessiert sich noch nicht mal für mich. Meistens sieht er mich den ganzen Tag nicht an, selbst wenn ich ihn aus nächster Nähe beobachte.

Cooper ist übrigens ein durch und durch unauffälliger Typ. Die nicht besonders blonden Haare, die nicht besonders blauen T-Shirts … Auf einem Klassenfoto wäre er der Letzte, den man entdeckt. Selbst seine Augen haben das blasse Blau von mittelmäßigem Wetter. Man könnte glauben, dass er am liebsten gar nicht da wäre. Aber durch sein Schweigen fällt er natürlich ständig auf. Zum Beispiel gestern, im Biounterreicht. Unser Biolehrer Herr Lamprecht, der aussieht wie ein fleischfarbener Frosch, war in den ersten zwei Wochen nach den Ferien krank und hat deswegen wohl vergessen, dass wir jetzt einen Schweiger in der Klasse haben. Man muss dazu sagen, dass viele von uns in Herrn Lamprechts langweiligem Unterricht vor sich hin dösen. Damit wir nicht ganz einschlafen, nimmt er immer mal jemanden dran, der sich gar nicht meldet. Das ist seine Art, Spannung zu erzeugen. Als mal wieder alle mit ihren eigenen Gedanken beschäftig waren, zeigte er plötzlich auf Cooper. »Da, der Neue da, was sagst du denn dazu?«, quäkte er und blies die Froschbacken ein bisschen auf.

Cooper ist auf der Stelle versteinert, so wie die Säbelzähne und Schneckenhausabdrücke im Glasschrank hinter uns. Das konnte ich richtig spüren.

»Er heißt Cooper und er kann nicht sprechen«, hab ich schnell für ihn geantwortet.

In dem Moment erinnerte sich Herr Lamprecht wohl, dass er von dem beinah stummen Jungen in der Klasse schon gehört hatte. Jedenfalls wurde er rot, begann zu stottern, ruderte mit den Froschärmchen in der Luft herum und entschuldigte sich bei Cooper. Aber der hat trotzdem den Rest der Stunde als Stein verbracht. Komisch, eigentlich scheint Cooper sich doch sowieso für niemanden zu interessieren. Aber wehe, jemand sagt ein falsches Wort. Dann ist der Ofen aus.

Die einzige Cooper-freie Zeit ist die Pause. Die verbringe ich immer mit Elli und seit Neuestem auch mit Linabell. Elli ist meine beste Freundin und Linabell ist uns eigentlich nur zugelaufen. Genauer gesagt läuft sie Elli jede Pause hinterher. Sie wurde in unsere Klasse strafversetzt, nachdem sie in der 5a zusammen mit Jasmin Hase den Bockmist ihres Lebens gebaut hatte. Die beiden waren beim Sport heimlich in die Umkleide der Jungs geschlichen und hatten Juckpulver in den Hosen verteilt. In der nachfolgenden Biostunde wollten dann sämtliche Jungs plötzlich aufs Klo oder nach Hause, was Herr Lamprecht gar nicht witzig fand. Und dass Lukas Krautwurst mit Tränen in den Augen meinte, er habe nach dem Sport »untenrum« eine schlimme Krankheit bekommen, hat die Situation der Jungs nicht verbessert. Herr Lamprecht, der sowieso immer befürchtet, reingelegt zu werden, hat einfach die Tür abgeschlossen und mit seinem Langweilerunterricht weitergemacht. Die Folge war, dass es durch den langen Juckpulverkontakt mit der Haut tatsächlich bei den meistens Jungs zu fiesen Ausschlägen gekommen ist. Irgendwie ist dann rausgekommen, wer für die Sache verantwortlich war, und Linabell wurde von Jasmin Hase getrennt. Jedenfalls im Unterricht. Dass Linabell nun auch in den Pausen nichts mehr von ihrer Komplizin wissen will, ist eigentlich komisch. Zumal Jasmin sich keine neue Freundin gesucht hat und uns seit drei Wochen mürrisch aus der Ferne beobachtet. Aber Linabell denkt gar nicht daran, das zu bemerken. Im Gegenteil, sie kümmert sich lieber um fremde Trauerklöße als um ihre ehemals beste Freundin.

»Guck mal, dieser Cooper sitzt da hinten ganz alleine und sieht irgendwie traurig aus«, meint sie und schaut mich so an, als wäre ich für Coopers Glück zuständig. Wahrscheinlich wäre es ihr ganz recht, wenn ich auch noch Cooper-Pausendienst machen müsste. Dann hätte sie Elli ganz für sich alleine.

Als ich einfach nicht antworte, winkt uns Linabell ein bisschen näher zu sich ran. Ich nehme an, sie will jetzt über Cooper lästern. Aber dann stellt sich raus, dass sie sich nur wieder mit irgendwelchen Geheiminformationen wichtigtun möchte.

»Wisst ihr, dass Cooper Hundebabys hat? Die sind vor ein paar Tagen in seinem Keller geschlüpft«, flüstert sie.

»Das heißt nicht ›geschlüpft‹!«, unterbreche ich Linabell. »Das heißt ›geworfen worden‹.«

Linabell sieht mich verständnislos an.

»Schlüpfen tut man nur aus Eiern«, erklärt Elli, die sich aus Wörtern wesentlich mehr macht als aus Hundebabys.

»Ach ja? Und aus Hunden werden die Babys dann rausgeworfen oder was? Einfach in die Ecke gepfeffert?«

Linabell ist immer beleidigt, wenn man sie verbessert. Dabei muss man sie ständig verbessern, weil sie immer irgendwas falsch aufschnappt, falsch versteht oder falsch wiedergibt. Meistens alles gleichzeitig.

»Miss Missverständnis«, sagt Elli und rollt die Augen.

Linabell stemmt die Hände in die Hüften. »Hast du mich gerade Miss Mistverständnis genannt?«

»Nein!«, schnaubt Elli. »Missverständnis. Es heißt Missverständnis.«

Als wir endlich mit allen Missverständnissen durch sind, erklärt Linabell, was es mit diesen Hundebabys auf sich hat. Sie behauptet sogar, sie hätte die kleinen Flauschis schon auf dem Arm gehabt. Sie wäre nämlich in Coopers Keller eingebrochen und hätte sie heimlich besucht.

»Du weißt schon, was einbrechen bedeutet?«, frage ich sicherheitshalber nochmal nach.

Linabell schnaubt. »Ja, weiß ich! Wir können aber auch sagen, dass ich in den Cooper-Keller geschlüpft bin. Oder mich geworfen habe. Wollt ihr jetzt die Geschichte hören oder wollt ihr streiten?«

Natürlich wollen wir die Geschichte hören. Und die ist wirklich unglaublich! Linabell hatte erfahren, dass die Cooper-Kellertür fast immer offen steht. Man muss sich nur einen stockdunklen Flur entlangtasten – immer dem Welpen-Gefiepse nach – und kann dann mit den Babys spielen. Angeblich steht neben dem Hundekorb eine kleine Schreibtischlampe, die man zu diesem Zweck anmachen kann.

Elli, die niemals in ihrem ganzen Leben ein Verbrechen für ein Hundebaby begehen würde, zeigt Linabell einen Vogel. Ich dagegen würde alles für so einen Hund hergeben. Aber meine Eltern erlauben es nicht. Und meine Großmutter schon mal gar nicht. Sie möchte lieber Hellsehen als Gassi gehen. Darum nennt sie sich auch nicht Oma oder Hedwig, sondern Nostra Dame. Der Name ist eine Ableitung von Nostradamus, so einem Wahrsager aus uralten Zeiten. Und Nostra Dame behauptet, ganz ähnliche Fähigkeiten zu haben wie der. Dass sie Wahrsagen kann, bedeutet allerdings nicht, dass sie immer die Wahrheit sagt. Manchmal kommen ihre Kunden sogar wutentbrannt nach ein paar Wochen wieder und wollen ihr Geld zurück. Weil sich ihr Schicksal komplett anders entwickelt hat, als Nostra Dame es vorhergesagt hat. Dann kommt meine Oma ganz schön ins Schwitzen. Aber statt kleine Brötchen zu backen, macht sie auf unfehlbar. »Hören Sie, Sie schlichtes Gemüt, Sie!«, hat sie einem verzweifelten Herrn mal gesagt. »Ich kann nichts dafür, wenn Sie zu einfältig sind, um meine vieldeutigen Ahnungen richtig zu verstehen.«

Noch nicht mal, wenn sie sich beim Wahrsagen geirrt hat, schafft sie es also, die Wahrheit zu sagen!

Aber zurück zu den Hundebabys, die angeblich noch so klein und so blind sind wie Maulwürfe.

»Es sind Beagles!«, erklärt Linabell stolz, und ich hoffe, dass das kein Mistverständnis ist. Denn Beagles sind meine absoluten Lieblingshunde!

»Wie groß sind sie denn?«

Linabell zieht die Stirn in Falten. »Sie sind so winzig wie, wie … wie Babybananen, würde ich mal sagen.«

Elli verdreht wieder die Augen. »Wenn sie so klein sind, soll man sie gar nicht anfassen. Das mögen Hundemütter überhaupt nicht. Manche greifen dann sogar an.«

»Ihr seid echte Miesmacher!«, erklärt Linabell, und dann geht sie tatsächlich rüber zu Cooper und setzt sich zu ihm auf die kleine Mauer neben den Mülltonnen. Soll sie sich doch um den kümmern!

Kapitel 2

Die Idee, sich blind durch Coopers Keller zu tasten, um dann ein paar blinde, kleine Hunde zu streicheln, ist ganz schön verrückt. Aber auch ganz schön aufregend. Und sie geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Auch nicht, als ich mittags mit Cooper auf dem Nachhauseweg bin. Bisher habe ich außer »Hallo« und »Tschüss« nichts auf unseren kleinen Schweigemärschen gesagt. Obwohl ich weiß, dass Cooper nicht antworten wird, muss ich ihn trotzdem nach den Hunden fragen.

»Stimmt das, dass du kleine Beagles hast?« Ich schaue ihn von der Seite an, während er weiter geradeaus starrt. Bei meiner Frage geht allerdings ein winziger Ruck durch seinen Körper. Und nach einiger Zeit folgt ein noch winzigeres Nicken. Das war’s. Kurze Zeit später verschwindet Cooper in der Toreinfahrt zu seinem Haus, das übrigens aussieht wie ein Grasberg mit Fenstern und Türen. Das Dach vom Cooper-Haus reicht bis zum Boden und die Coopers haben es komplett mit Wiese zugepflanzt. Ich schaue ihm nach, wie er im Wiesengebirge verschwindet. Dann halte ich Ausschau nach einer Kellertür. Tatsächlich, rechts, am Fuße des Berges, geht eine kleine Treppe zu einer Tür hinunter. Nicht zu fassen, dass Linabell sich getraut hat, da einfach runterzumarschieren. Ich bekomme schon beim bloßen Gedanken daran weiche Knie.

Dann gehe ich weiter zu Nostra Dame. Sie wohnt bei uns unter dem Dach, das übrigens nicht mit Gras, sondern mit ziemlich hässlichen, schwarzen Glasscheiben bepflastert ist. Angeblich kann man damit Sonnenstrahlen in Strom umwandeln, mit dem dann Nostra Dame wiederum ihr riesiges Aquarium beleuchtet und durchpumpt. Gut, sie könnte sich auch im Garten einen Teich anlegen und das Sonnenlicht direkt nutzen, ohne die hässlichen Platten auf dem Dach. Aber ihr Aquarium ist ziemlich cool. Denn darin wohnt ein Nachkomme von Paul, dem Kraken, dem großen Fußballorakel, das vor vielen Jahren fast alle Ergebnisse der Weltmeisterschaft richtig vorhergesagt hat. Natürlich konnte der Krake nicht sprechen. Unterwasser schon mal gar nicht. Darum musste er fressend seine Tipps abgeben.

Paulina, seine Ur-Ur-Ur-Enkelin, ist nicht auf Fußball, sondern auf die Liebe spezialisiert. Und wenn sich eine liebestolle Kundin mal nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann, stellt Nostra Dame dem Kraken zwei mit Edding beschriftete Gläser Muschelfleisch ins Aquarium. Verschlingt das Tier erst den Inhalt von Manfred, ist klar, dass Andreas aus dem Rennen ist.

Als ich die Treppe zu Nostra Dame hochgehe, höre ich schon durch die Tür, dass sie jemanden hypnotisiert. Ihre Stimme ist dann seltsam dünn, als wäre sie ein Geist. Ein blinder Geist, dem man haarklein alles erklären muss, was man sieht. Eigentlich logisch, dass sie nicht von sich aus sehen kann, was der Hypnotisierte hinter seinen geschlossenen Augen erblickt. Heute ist es eine Frau, die von ihrer Tochter erzählt.

»Ach, ich sehe sie genau vor mir, meinen kleinen Schatz, meinen Liebling! Was soll ich nur tun, damit sie nicht immer so einen Unsinn macht. Oh, ich glaube, ich weiß es. Da kommt ein Bild. Jetzt sehe ich sie. Sie ist ja so glücklich«, sagt die Frauenstimme.

»Glücklich, das müssen Sie mir genauer erklären«, wispert Nostra Dame. »Wie sieht das Glück aus und wo findet es statt?«

»Wir gehen zusammen durch den Wald spazieren und an der Seite meiner Kleinen läuft … Ja was läuft denn da? Das gibt’s doch gar nicht!«

Die Frau fängt vor Verzückung ein bisschen an zu kreischen. Und dann kommt die Auflösung, wegen der ich beinahe rückwärts die Treppe wieder runterfalle.

»Ein kleiner Hund. Oh wie süüüüüß. Es ist tatsächlich ein Hündchen. Linabell wird einen kleinen Hund haben, und sie wird soooo glücklich sein!«

Die Frau, die da vor Glück fast platzt, scheint tatsächlich niemand anderes zu sein als die Mutter von Linabell. Und meine eigene Großmutter hat sie dazu gebracht, sich eine tolle Zukunft für ihre Tochter auszumalen. Wegen ihr ist sie auf diesen Hund gekommen, den ich Linabell leider gar nicht gönne! So großherzig ich auch gerne wäre. Am Ende zahlt Linabells Mutter sogar noch viel Geld für diese Erleuchtung. Dabei hätte ich ihr auch so sagen können, dass jedes Kind total glücklich ist, wenn es einen kleinen Hund bekommt.

Ich bin kurz davor, reinzuplatzen und Linabells Mama zu erklären, dass sie über all das nochmal nachdenken sollte. Aber das würde sicher mordsmäßigen Ärger geben, und darum warte ich unten in meinem Zimmer, bis diese Sitzung zu Ende ist.

Als ich später mit Nostra Dame zusammen ein paar aufgewärmte Nudeln vom Vortag esse, komme ich auf das Hundethema zu sprechen.

»Omi-Bomi, weißt du was, ich hätte auch soooo gerne einen Hund. Dann wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt. Noch viel glücklicher als diese blöde Linabell!«

»Hast du etwa gelauscht?«, will meine Oma wissen. Sie kann es nicht leiden, wenn ich heimlich an der Tür stehe, während sie arbeitet. Wahrscheinlich ahnt sie, dass ich ihre miesen Tricks durchschaue.

»Wir haben doch den Kraken«, tut sie meinen Wunsch mürrisch ab und rutscht ein bisschen auf ihrem Stuhl hin und her. Das macht sie immer, wenn ihr ein Thema unangenehm ist. Es sieht dann so aus, als hätte auch sie ein bisschen von Linabells Juckpulver abbekommen.

»Was soll ich denn mit dem Kraken? Der lebt doch unter Wasser. Ich brauche ein Tier an der Luft«, versuche ich ihr zu erklären. »Ein Tier, das man anfassen kann, einen Freund, verstehst du? Einen Freund, der nur mir gehört.«

»Ha!« Meine Großmutter stößt einen spitzen Schrei aus, so als hätte ich einen schlechten Witz gemacht oder als hätte das Juckpulver endgültig zugeschlagen. Dann sieht sie mitleidig zu mir herab und schiebt sich eine Gabel voll alter Nudeln in den Mund. »Du weiß schon, dass ein Tier ein Lebewesen ist? Mit einer eigenen Seele? Und dass man Lebewesen nicht besitzen kann?«

Ich kann es nicht leiden, wenn sie einfach vom eigentlichen Thema ablenkt. Und dann noch auf diese Besserwisser-Tour!

»Klar kann man einen Hund besitzen. Es heißt doch auch ›Hundebesitzer‹! Das Wort gäbe es gar nicht, wenn man einen Hund nicht besitzen könnte.«

Nostra Dame verzieht das Gesicht, so als hätte ich etwas sehr Ekliges gesagt. Wie immer kann sie mal wieder nicht zugeben, dass sie falschliegt. Stattdessen tut sie so, als hätte ich nix kapiert.

»Auf dem Papier«, sagt sie angewidert. »Auf dem Papier gibt es vielleicht Hundebesitzer. So, wie es früher auch Sklavenhalter gab. Aber die Seele eines Wesens ist und bleibt frei. Verstehst du den Unterschied?«

Ich könnte platzen, weil sie immer alles so dreht, wie es ihr grade in den Kram passt.

»Und Paulina, gehört die etwa nicht dir?« Ich schaue auf den Kraken, der wie leblos in der Ecke des Aquariums hockt. Er hat die Farbe des Steins neben sich angenommen. Ein trauriges Graubraun.

»Du zwingst sie, ganz alleine in diesem Glaskasten zu leben. Und dann muss sie auch noch diese ganze Wahrsagerei mitmachen. Wo ist denn da die große Freiheit?«

»Filippa!« Nostra Dame bekommt ein paar rote Flecken im Gesicht. »Wie redest du mit mir? Ist das der Dank dafür, dass ich mich jeden Nachmittag um dich kümmere? Und außerdem sind Kraken Einzelgänger. Sie lieben es, wenn niemand in ihr Revier eindringt.«

In Windeseile breiten sich immer mehr Flecken auf ihrem Hals aus, als wäre sie selber ein Krake, der seine Farbe wechseln kann.

»Meinetwegen«, unterbreche ich sie. »Meinetwegen bleibt die Seele von dem Hund frei. Den Rest möchte ich trotzdem haben!«

Meine Oma legt ihre Gabel neben dem Teller ab, steht auf und lässt sich auf ihr Sofa plumpsen.

»Wie soll das gehen? So ein Tier muss doch bewegt werden«, stöhnt sie und ist felsenfest davon überzeugt, dass die ganze »Hundearbeit« an ihr hängen bleiben würde, wenn »der Köter« erstmal im Haus ist. Denn, obwohl so ein »Köter-Wesen« eine freie Seele hat, ist es angeblich jede Sekunde auf einen Menschen angewiesen. Nach ihrer kleinen Predigt sinkt sie mit geschlossenen Augen in die Kissen, als hätte sie einen Schwächeanfall.

Ganz kurz kann ich ihre Meinung noch mal ins Wanken bringen, als ich behaupte, es gäbe bestimmt auch Wahrsager-Hunde.

Jedenfalls macht sie die Augen wieder auf und zieht sich ihren Laptop auf den Schoß. Dann googelt sie Wahrsager-Hunde. Leider gibt es die gar nicht. Es gibt nur Hundekleidung mit Bildern oder Sprüchen von Wahrsagern drauf.

»Die sehen doch toll aus«, versuche ich es weiter. »Komm schon, sei kein Frosch. Ein Hund mit so einem Wahrsager-Pullover wäre toll für deine Arbeit. Mindestens so toll wie der Krake. Der kann doch auch nicht wirklich hellsehen.«

Das hätte ich besser nicht gesagt, weil Nostra Dame auf ihre Pauline nichts kommen lässt.

»Wie bitte?«

»Na ja, stimmt doch«, nuschele ich in Richtung Aquarium. »Wir können ja mal einen Test machen. Schreib doch auf ein Futterglas Ich sehe die Zukunft und auf das andere schreibst du Ich sehe nur Muschelfleisch. Dann werden wir ja sehen …«

»Ich glaube, du gehst gleich lieber mal«, sagt Nostra Dame mit trockener Stimme. Es bringt einfach nichts, mit ihr zu verhandeln.

Wie immer findet meine Großmutter, ich solle den Nachmittag in meinem Zimmer verbringen und Hausaufgaben machen, während sie ein »Nickerchen einlegt« und sich dann bei einem Gläschen Wein die Wahrsager-Karten für den Abend legt.

»Was soll denn heute Abend schon groß passieren?«, brumme ich leise vor mich hin. »Du guckst doch sowieso nur wieder so einen Liebesfilm für alte Leute. Willst du etwa vorher schon wissen, wie der Film ausgeht?«

Meine Oma trägt eigentlich ein Hörgerät und kriegt die leisen Töne gar nicht mit. Wenn man allerdings etwas sagt, was ihr nicht passt, dann hört sie selbst das allerleiseste Wispern. Jetzt presst sie die Lippen aufeinander, sodass ihr Mund ganz zerknittert aussieht.

Zwei Minuten später sitze ich dann wirklich in meinem Zimmer. Aber an Hausaufgaben ist vor lauter Ärger gar nicht zu denken. Das Gute ist: Nostra Dame kommt sowieso nie nachgucken, ob ich die wirklich mache. Das ist so eine stille Vereinbarung zwischen uns. Ich bin frei und sie hat ihre Ruhe. Und wenn ich Mist baue, trägt sie keine Schuld, weil ich den ja heimlich gemacht habe. Ganz gegen ihre Anweisung. Außerdem reden wir mit Mama und Papa sowieso nicht viel darüber, was jeder so den Tag über gemacht hat. Die kommen oft erst abends, wenn Oma schon einen Liebesfilm sieht und ich schon den Schlafanzug anhabe.