Martin Wilhelmi

Fernsehfieber

Tödliche Gier

Ein Ellert & Richter Krimi

1

1. Szene

Tim Bauschke erschien wie immer erst um kurz vor zwölf im Sender, lässig, als sei nichts geschehen. Entspannter Gang in Segelschuhen und ausgebleichten Jeans. Die schwarzen Haare frisch geschnitten, leicht gegelt, out-of-bed-verwuschelt. Das türkisfarbene Polohemd betonte Tims Sonnenbräune. Nur unter seinen hellblauen Augen, die Stolz und Eitelkeit zur Schau trugen, schien die Haut etwas geschwollen. Ein kleiner Makel, der Mr. Perfect wieder menschlich machte, fanden männliche Kollegen, während ihr Moderator zähnezeigend durch die handballfeldgroße Zentralredaktion von A1-TV schlenderte. Von anderen Arbeitsplätzen des Newsroom feuerten getuschte Augenpaare aus blondierten, gesträhnten oder gelockten Hinterhalten Blicke ab, die auf Tims Hose, knapp unterhalb des Gürtels, beinahe Brandlöcher hinterließen.

Carina Stern war nicht die Einzige, die Tim attraktiv fand, das wusste sie. Ob sie die Einzige war, mit der er ein Verhältnis hatte, wusste sie nicht so genau. Nach seiner Urlaubswoche weniger denn je. Bis auf eine SMS „Erhole mich, küsse dich, Tim!“ hatte sie aus Mallorca keine Nachricht bekommen, und selbst hatte sie auch nicht mit Anrufen nerven wollen. Es war schließlich erst ein paar Wochen her, dass es zwischen ihr und Tim gefunkt hatte. Carina war damit ihrem Grundsatz ,keine Liebe am Arbeitsplatz‘ untreu geworden, und die Quittung dafür stand heute prompt in der Bild-Zeitung – wenn auch noch ohne Nennung ihres Namens.

Tim umkurvte Bildbearbeitungsmaschinen, Videoserver und Bürobegrünung, klopfte auf Schultern und klatschte in Handflächen: High Five, er war wieder da! Dann ließ er sich auf einen der Stühle vor Carinas halbrundem Arbeitstisch im Zentrum des Newsroom fallen, machte sich klein wie ein Junge vor dem verdienten Donnerwetter der Mama und spähte zwischen den beiden Flachbildmonitoren hindurch: „Es ist nicht wie du denkst, Sternchen, ich kann alles erklären.“

Es hätte charmant klingen können. Doch der Übermut erdrückte den Scherz, Tims Frechheit verletzte Carina. Ihr Blick schweifte ab, suchte irgendetwas Verlässliches und fand über Tims gut gebauten Schultern die Wand aus zehn stumm geschalteten Flachbildschirmen – zehn Fenster in die Welt, in der Wirbelstürme wüteten und Massaker verübt wurden, in der Politiker pöbelten, Demonstranten marschierten, Börsenkurse Zacken zeichneten und Fußballspieler Tore schossen. Carina verglich diesen Platz mit dem Auge eines Orkans. Hier bereitete sie als CvD die abendliche Hauptnachrichtensendung von A1-TV vor. CvD hieß der Chef vom Dienst für die jeweilige Sendewoche, Carina fühlte sich gerade wie ein DvD, ein Dummchen vom Dienst.

„Ich denke, du hast rumgevögelt, dich erwischen lassen und keinen Funken Rücksicht auf dein ,Sternchen‘ genommen – das ist es, was ich denke!“ Carina zischte fast und war froh, dass ihre Worte so strafend klangen, wie sie gedacht waren.

Tim hatte die Bild-Zeitung vor Carina noch gar nicht zur Kenntnis genommen, als er langsam den Kopf über die Monitore hob und ihr mit gespitzten Lippen über die flache Hand ein Küsschen zuhauchte. „Ich kann dir wirklich alles erklären, mein Engel.“

„Noch so ein Püppi-Spruch, und du machst deine Sendung heute Abend allein! Ich habe ja keine Ansichtskarten erwartet, aber eine kleine Vorwarnung wäre fällig gewesen. Die Presse kriecht seit heute Morgen durch sämtliche Telefonleitungen in den Sender, nur um etwas über deine geheimnisvolle Affäre zu ergattern. Unsere Redaktion hat tausend Augen, der Flurfunk kennt kein anderes Thema als dein schönstes Urlaubserlebnis. Was glaubst du eigentlich, wie ich mich hier fühle?“ Der Tischlautsprecher unterbrach sie. „Ist unser Moderator bei dir?“

Carina bestätigte knapp.

„Wenn er es einrichten kann, würde ich mich über seinen Besuch freuen.“ Freddie Krassnitzer wurde genauer: „In meinem Büro!“

Carina sah Tim forschend an, und plötzlich klang er anders. „Lass uns einfach eine gute Sendung machen heute, ja?“

Warum war er auf einmal so kleinlaut? Carina strich sich eine Handvoll Locken aus der Stirn. Ihre Haare schimmerten manchmal dunkelblond, manchmal glänzten sie golden, und wenn sie sich unwohl fühlte, erschienen sie ihr fast rötlich, so wie jetzt im Licht dieses Septembermittags, das vom getönten Glasdach wie durch eine große Sonnenbrille gefiltert wurde. Was war los? Machte sie sich etwa mehr Sorgen um Tim als um sich selbst? Sie betrachtete seine sehnigen Handrücken, die schlanken, nicht zu langen Finger, und wünschte sich plötzlich eine Umarmung, wenigstens eine kleine Zärtlichkeit. Immerhin hatten sie sich eine Woche nicht gesehen. Ihr Zorn verwandelte sich.

„Freddie reißt dir schon nicht den Kopf ab.“ Carina nahm wahr, wie sie in den beruhigenden Tonfall einer besorgten Mutter verfiel. „Aber du wirst ihm einiges erklären müssen. Mir übrigens auch, mein Star-Moderator.“

„Es ist keine andere Frau im Spiel, und ich halte dich raus, glaub mir bitte. Heute Abend nach der Sendung bei dir zu Hause, okay?“

Weg war er, vorbei am Studio 2, in dem A1-TV seine Sportsendungen produzierte und die Ratgeberredaktion ihre großen Vergleichstests aufzeichnete, heute Nachmittag: „PET-Flasche contra Wasserhahn“.

Auf einmal drang ein Dröhnen durch den Newsroom und presste den zwei Dutzend Redakteuren die Atemluft aus den Lungen, auch Carina. Wieder einer dieser protzigen Pötte, dachte sie genervt. Der Klang des Schiffshorns war so tief, dass das Rückenmark vibrierte. Carina gewöhnte sich nicht daran, obwohl A1-TV schon vor einem Jahr als erster Mieter das neue Überseequartier in der HafenCity bezogen hatte und Schiffe wie dieses in den Sommermonaten inzwischen mehrmals in der Woche am Kreuzfahrt-Terminal anlegten, manchmal zwei oder drei in Reihe. Las Vegas auf Betriebsausflug, nannte Carina den Anblick der schwimmenden Wellness- und Casino-Tempel. Bald wurde wieder der Megastar erwartet, das berühmteste Kreuzfahrtschiff der Weltmeere, die Queen Mary 2. Carina sah in den Traumschiffen maritime Mastbetriebe, in denen gelangweilte Passagiere sich Stopflebern anfraßen.

Dabei liebte sie den Hafen. Die Schaumpirouetten der Schlepper, das Zeitlupenballett der Kräne und die Unbeirrtheit der Frachtschiffe schlugen jedes Fernsehbild, dagegen wirkten diese Musikdampfer wie dudelndes Luxusspielzeug für verzogene Kinder. Wegen solcher Pötte hatte A1-TV die beiden Sendestudios im obersten Stockwerk mit einer Schallisolierung nachrüsten müssen, für die dazwischenliegende Zentralredaktion hatte es zum Ärger der hier Arbeitenden allerdings nicht mehr gereicht.

Mit einem Ruck erschütterte dieser Kahn, die MS Hope and Glory, wie goldgefasste Lettern unter dem dunkelblauen Schornstein verkündeten, die Kaikante. Die Kommandobrücke lag knapp unterhalb des Newsroom, so dass ein gewagter Sprung reichen könnte, um an Bord zu gehen. Der ganze Dampfer war höher als die Halle des Hauptbahnhofs und bestimmt länger als der flachgelegte Fernsehturm, schätzte Carina. Im Dämmer der Brücke machte sie Uniformweiß aus, betresste Schultern, Arme, verschränkt hinter durchgedrückten Rücken. Dann wurde sie doch neugierig, stand auf und sah in die Tiefe, wo kräftige Hände triefende Festmacherleinen wie träge Seeschlangen über plattköpfige Poller wuchteten. Die Jungs da unten, die Fastmoker, die machten noch einen ehrlichen Job im Hafen, dachte sie hinter der Panoramafassade und ließ ihre Gedanken auf Reisen gehen, zu ihrem Lieblingsurlaub: Mit dem offenen Alfa auf der Weinstraße Chiantigiana von Florenz nach Siena flitzen, auf einem Landgut mit Gästezimmern übernachten und dann einfach weiter Richtung Süden kurven. Sie hatte vorgehabt, Tim zu so einer Toskanatour einzuladen, doch dieser Plan hatte sich wohl erstmal erledigt. Carina zwang sich zurück an den Schreibtisch, zurück zur Bild-Zeitung, die über dem Mittelknick krakeelte:

Bauschke im Malle-Rausch

Darunter starrte Tim aus dem Blatt, das seriöse Gesicht des Senders, ihr Tim! Ein grob gepixeltes Foto zeigte ihn sichtlich angeschickert am Tresen einer Strandbar, in der Hand eine Dose Bier, kumpelhaft umarmt von zwei rot verbrannten Unterhemdenträgern. Die Bildunterschrift in Fettdruck:

A1-Mann Tim Bauschke scherzt unter spanischer Sonne angeheitert: „Wo gestern meine Leber war, ist heute eine Minibar!“

Sie hätte Tim lieber begleiten sollen, sagte sie sich ein weiteres Mal, schon um zu verhindern, dass irgendein dreister „Leser-Reporter“ sich mit seinem Fotohandy 500 Euro Abschussprämie verdiente. Für Tims O-Ton mit der Minibar gab’s wahrscheinlich einen Zuschlag. Ihre Augen flogen noch einmal über den Text, doch auch diesmal fand Carina nichts, was sie hätte beruhigen können:

Tim Bauschke (39), seit einem halben Jahr „Mister A1“, half dem Sender von Platz 5 auf Platz 2 in der Zuschauergunst, trotz mancher Blackouts vor der Kamera – sein bislang schönster Versprecher: „Genfood-Demonstranten im Hummerstreik“. Mehr Lacher im Internet unter „www.best-of-bauschke.de.

Tims offensichtliche Konzentrationsschwäche war natürlich auch im Sender Zielscheibe für Spott und Neid. Zumal niemand genau wusste, warum Chefredakteur Freddie Krassnitzer für seine Programmreform den Morgenmoderator eines Berliner Gute-Laune-Radios geholt hatte. Irgendetwas Privates, wurde vermutet. Und noch etwas wurde vermutet, auch das stand leider in der Bild:

Im Sender tuschelt man über eine heimliche Liebe des begehrten Junggesellen – ist sie eine Kollegin? Wartete sie an Bord seiner Millionenyacht? Auf Nachfrage sagt Ballermann-Bauschke ernüchtert: „Kein Kommentar.“

In Carinas Nacken straffte sich die Haut, und an ihren Armen stellten sich die Härchen auf, was nicht am Luftzug der Klimaanlage lag.

Deutschland wartet gespannt auf Bauschkes Auftritt heute Abend, und Bild meint: Wer feiern kann, kann auch arbeiten.

Knisternd wehrte sich das dünne Papier, als Carina die Zeitung wütend in den Abfallkorb stopfte.

2. Szene

„Ich kann wirklich nichts dafür, Freddie.“ Tim saß aufrecht vor Krassnitzers Schaltzentrale im Stockwerk unter dem Newsroom und den Studios, der Schatten des Schiffs verdunkelte den Raum unnatürlich. Freddie schaltete summende Wandfluter an. „Der Typ mit dem Fotohandy sagte, es sei für sein Tantchen, und der andere wollte ein Autogramm. Kommt doch ständig vor, dachte ich. Harmlos.“

„Seit es Digitalgeräte gibt, ist niemand mehr harmlos. Die Welt besteht aus Zeitungsreportern.“ Krassnitzer zündete sich eine filterlose Gauloises Brunes an, ließ weißlichen Qualm aus dem Mund quellen und klopfte mit seinem A1-TV-Plastikfeuerzeug auf den Tisch, jedes Wort ein tock: „Auf diesen blöden Trick fällst du rein?“

„Als mein Vater zur Toilette ging, haben sie mich abgepasst. Drei Stunden später hatte ich schon einen Bild-Redakteur auf meiner Mailbox. Dich habe ich nicht erreicht, aber unser Senderanwalt ging ans Telefon. Dr. Gladius meinte ziemlich trocken, bloß keinen weiteren Stoff für eine Fortsetzung der Story liefern, auch wenn’s schwerfällt. Morgen treiben sie eine andere Sau durchs Dorf. Gegenüber den Zecken vom Boulevard habe ich dann jeden Kommentar abgelehnt.“

„Und was ist mit dem Spruch von der Minibar?“

„Das habe ich doch so nie gesagt. Es war ein Scherz, nachdem mein Vater mir sein Herz ausgeschüttet hatte. Er leidet unter Jenny, seiner zweiten Frau. Seit der Hochzeitsnacht ist sie so zärtlich wie eine übernächtigte Klapperschlange, und nach außen gibt sie die Charity Lady. Kein Kunststück mit der fetten Kohle, die Vater zu Hause abliefert. Halb Berlin erscheint auf Jennys ,Art Receptions‘, ,Fashion Dinners‘ und ,Cocktails Prolongués‘.“

„Jenny – aus dem Osten?“, wollte Krassnitzer wissen.

„Eigentlich Geneviève, auch im Westen hat man Kindern Fernwehnamen gegeben. Sie stammt aus Kreuzberg und war Vaters Sprechstundenhilfe. Unter dem weißen Kittel hatte sie zwei gute Argumente, mit denen sie Professor Bauschke überzeugte, ihren Doktor auf dem Standesamt zu machen, wie man so sagt. Mit dem Hochzeitsfoto hätte sie am liebsten ganz Berlin plakatiert: Diesen gut aussehenden Arzt habe ich am Haken – ich, ich, ich! Seit sie den goldenen Ring am Finger hat, strahlt sie eine Nestwärme aus, mit der man auch ein Kühlhaus betreiben könnte.“

„Du hast den Mund also nur zum Trinken geöffnet?“ Krassnitzers Nicken zeigte Verständnis. „So ähnlich haben wir zwei uns damals in Berlin kennengelernt, auf der Internationalen Funkausstellung.“

„Das Beste, was ich tun konnte, war, meinem Vater zuzuhören. Einen Rat will niemand von mir. Du sowieso nicht, mein Vater nicht und auch meine Mutter nicht. Sie ruft jeden Sonntag an und faselt von der guten alten Zeit, als die Familie noch in Ordnung war. Dabei war schon damals nichts in Ordnung. Vater strampelte stundenlang mit seinem Rennrad durch den Grunewald, und sie trank Rosé-Champagner im Tennisclub. Dann starben plötzlich ihre zwei jüngeren Schwestern kurz nacheinander, und kein Arzt konnte sagen, warum. Selbst Papa nicht, obwohl er als Mediziner ja einen exzellenten Ruf genießt. Damit war er für Mutter zum Versager geworden, vielleicht sogar mitschuldig an ihrem Verlust. Vater hat das natürlich alles sehr bedauert, aber inzwischen bedauert er vor allem sich selbst. Auf Mallorca wurde mir sein Selbstmitleid dann irgendwann zu viel. Meine Leber muss mal Pause machen, habe ich am Strand von Es Trenc gesagt. Vielleicht so laut, dass es diese Typen am Tresen mitbekamen. Später sind wir dann zurück aufs Schiff.“

„Wart ihr mit der Dreamwave etwa in der Bucht von Es Trenc, dem Touri-Strand?“

„Wir wollten von Cala d’Or runter in den Süden bis nach Palma, haben auf halber Strecke Anker geworfen und sind mit dem Schlauchboot an Land getuckert.“

„Eine 2,5 Millionen Euro-Swan zwischen Luftmatratzen und Schnorcheln?“ Krassnitzer wurde höhnisch. „Die ist bestimmt niemandem aufgefallen.“

„Da lagen noch andere Schiffe.“

„Aber keines, das die deutsche Presse interessiert!“ Krassnitzer geriet außer Atem und verschluckte sich beim letzten Zug an seiner Zigarette. Er klang wie eine undichte Fahrradpumpe. „Auch Valéries Vater liest die Bild-Zeitung, Mann. Er hat mir das Schiff zur Hochzeit geschenkt, damit ich seine Tochter auf dem Meer der Liebe wiegen kann, wie er sich ausdrückte, also standesgemäß für eine Reederstochter. Und nach der Trennung konnte ich ihm weismachen, die Yacht sei verkauft, das Geld verjubelt. Er hat mir geglaubt, weil von einem Taugenichts wie mir nichts anderes zu erwarten war. Nur deshalb fordern seine Anwälte das Schiff nicht zurück.“

Krassnitzer zerdrückte den Stummel seiner Filterlosen in der Mitte des Aschenbechers zu braunen Fasern und fuhr etwas ruhiger fort. „Ich rechne dir hoch an, dass du nie genau wissen wolltest, warum ich das Schiff im spanischen Yachtregister auf deinen Namen angemeldet habe. Die Antwort ist: Ich hatte kein Geld für die deutsche Steuer – was für Valéries Vater natürlich unvorstellbar war.“

„Mein Name hat in Spanien niemanden interessiert, und die Geier vom Finanzamt hatten keine Ahnung“, vervollständigte Tim.

Krassnitzer schüttelte seine Finger, als hätte er sich verbrannt. „Ein Freundschaftsdienst, für den ich dir dankbar bin. Du darfst die Dreamwave haben, wann immer du möchtest. Außerdem habe ich dich als Moderator geholt – ich denke übrigens noch immer, das war eine gute Entscheidung für A1-TV. Unterm Strich sind wir aber quitt. Wenn du uns mit Privatgeschichten runterziehst, muss ich das Publikum ablenken und neben dir ein Sternchen namens Carina aufgehen lassen.“

„Ich bin mir ganz sicher, lieber Freddie, dass dir schon eine scheinheilige Begründung einfallen würde.“ Tim sprang auf. „In der Pressemitteilung hieße es dann wohl: Bauschke bekommt charmante Verstärkung im Studio: Carina Stern wird Co-Moderatorin.“

Nachdenklich näherte er sich der Fensterfront, dann umrundete er gemächlich den massiven Schreibtisch, der unter Zeitungen und Zigarettenschachteln verschüttet war wie ein Panzer, der einen Kiosk gerammt hatte, und machte erst Halt vor den Füßen, die Krassnitzer auf die Tischplatte gewuchtet hatte. „Ich bringe das wieder in Ordnung, Freddie, verlass dich drauf.“ Er deutete auf die Rettungsboote der MS Hope and Glory. „Aber wenn du mich absaufen lässt, nehm ich dich mit.“

3. Szene

Zehn Minuten vor der Sendung waren die Kaffeebecher leer getrunken, die Zigarettenkippen ausgedrückt, die Mobiltelefone stumm geschaltet. In der abgedunkelten A1-Regie befand sich jeder auf seiner Position, Carina auf ihrem CvD-Platz in der letzten Reihe. Von hier aus erschien ihr jede Sendung wie ein Flug durch unbekannten Luftraum: Man war zwar sicher, wo man startete, kannte den Kurs und hatte ein paar Leitpunkte für unterwegs, wusste aber nicht, ob Schaltgespräche funktionieren, Interviewpartner antworten und Beiträge rechtzeitig fertig sein würden, wie also der Flug verlaufen und mit welcher Art Landung er zu Ende gehen würde. Im Themensturm des Tages verließen sich die Zuschauer auf ihren vertrauten Piloten, auf den Anchorman, der Tim Bauschke hieß. Das zehnköpfige Sendeteam wiederum verließ sich vor allem auf seinen Regisseur in der ersten Reihe, Gero Klein, den Mann mit dem schulterlangen grauen Zopf über der Motorradjacke, der seit einer Viertelstunde routiniert das Zappeln auf den Kontrollmonitoren beobachtete. Noch wichtiger als die Monitore, deshalb wie ein Zentralgestirn darüber angebracht, zählte die atomgesteuerte Uhr unerbittlich die verbleibende Zeit herunter. Rot leuchtende Sekundenstriche krochen im Kreis und schlossen sich zu vollen Minutenringen um vier glutäugige Digitalziffern, die jetzt 19 : 25 anzeigten.

In der Regie breitete sich erwartungsvolle Stille aus. Wortlos blätterte Carina den von ihr selbst erstellten Sendeablauf ein weiteres Mal durch und hoffte, dass sie an alles gedacht hatte, um Tim die Sendung so einfach wie möglich zu machen. Sie hatte ihm sogar einige Moderationen vorformuliert und auf den Teleprompter geladen, er brauchte nur noch abzulesen. Doch schon jetzt war sie enttäuscht von Tim, weil er als Einziger noch fehlte. Ausgerechnet heute hätte er pünktlich erscheinen können. Sie rechnete jeden Augenblick mit einer anzüglichen Bemerkung des eigentlich sympathischen, aber klatschsüchtigen Regisseurs. Gero gab in aller Ruhe seine Kommandos an Bildingenieur und Außenreporter, fragte den Studenten am Steuerpult des Teleprompters ab und ließ sich die Schriftinserts für Berichte und O-Töne vorlegen. Er zeigte: Für die nächste Dreiviertelstunde ist das hier mein Reich, hier bin ich der König.

Als der Moderator schließlich erschien, etwas zögerlich, wie es Carina vorkam, drückte Gero den Knopf für die Studiobeschallung: „Schön, dass du dir doch noch Zeit für die Sendung nimmst, Tim, auch wenn du für eine Woche Sonnenurlaub etwas blass wirkst.“ Er zeigte den Herrschaften vor der Kamera gerne, wem sie ihre Bildschirmpräsenz verdankten, wie er sagte. Erst runterputzen, dann aufbauen, war seine Taktik, um die Stars gefügig zu machen. „Monja-Maus, zauberst du unserem Moderator bitte noch etwas Mallorca ins Gesicht. Danke!“ Die Maskenbildnerin Monja Meister ließ sich beim Auftragen des Fixpuders nicht aus der Ruhe bringen. Alle nahmen seine Machosprüche unwidersprochen hin, weil Gero seinen Kopf auch für fremde Fehler hinhielt. Sie schnippste eine unsichtbare Fussel von Tims Schulter und zog sich mit einem sanften Klaps auf seine Wange zurück. Tim neigte sich hinab zum Doppelmikrofon auf dem Stehpult: „Sorry, Leute, bin etwas spät“, meldete er matt in die Regie.

Carina drehte sich mit einem Bleistift weitere Locken ins Haar. Irgendetwas war los mit ihm.

„Stellt ihm doch statt Wasser ein Bier auf den Tisch“, kommentierte Gero für das Publikum hinter ihm. „Bestimmt ganz schön trockene Luft im Studio.“ Doch die Spannung im Team ließ sich nicht so einfach weglachen.

Als sei dies sein Stichwort, brachte ein Assistent diensteifrig ein Glas Wasser ins Studio. Mit der freien Hand schob er eine Brille aus Glasbausteinen die kurze Nase hinauf und strahlte Tim an: „Bitte schön, Herr Bauschke, für Sie – der Testsieger aus Studio 2.“

In der Regie hieb Bildingenieur Kuddl Dussman in dieselbe Kerbe wie sein Nachbar am Pult: „Nimm ihn mal nicht so hart ran, Gero. Tim hat ’ne Woche Druckbetankung hinter sich, das steht doch sogar in der Zeitung.“

Gero wusste, wie viel Tim vertragen konnte. Er hatte mit ihm schon einige gemeinsame Außenübertragungen gestemmt. Anchor on location, so hieß es, wenn der Moderator selbst am Ort eines politischen Gipfeltreffens oder einer Naturkatastrophe stand und von dort durch die gesamte Sendung führte. Nach diesen aufwendigen Sendungen gönnten sie sich an der jeweiligen Hotelbar meist noch ein Bierchen. Dann verschwand Tim kurz und erschien mit zwei, drei Damen, die russisch sprachen und Wodka tranken. Tim war nicht totzukriegen.

Aber Gero war nicht gehässig. Er mischte jetzt Milde in seine Stimme: „Noch eine Minute bis zur Sendung. Alle Beiträge sind da, die Leitungen für die Live-Schalten nach Berlin und zur Börse in Frankfurt stehen. Du siehst gut aus und du wirst gut sein, Tim.“

Im Studio, dessen gläserne Rückwand eine atemberaubende Aussicht über den Hafen und die sanften Hügel hinter dem Urstromtal der Elbe bot, ordnete Nora Larsen am Nachrichtentisch die ausgedruckten Texte, die sie in zwei Blöcken professionell vortragen würde. Exakt betont und präzise formuliert, wie sie es von ihrem Sprechtrainer gelernt hatte. Wegen ihrer gletscherseegrünen Augen und einer Vorliebe für kurze Röcke hieß sie bei den Männern „das heiße Eis“, für die Frauen war sie „das Biest“. Drüben vor der Blauen Wand, auf der kurz vor Schluss der Sendung Sonnenscheindauer, Bewölkungsdichte und Temperaturen zu sehen sein würden, probte die üppige Wetterfee Betty Wagner den passenden Gesichtsausdruck für „eine Rückkehr des Sommers mit Hitzegewittern“. Sie zupfte noch ein paar Mal an ihrer sprayharten Frisur und freute sich, dass ihre neuen Schuhe schlanke Waden machten.

„Kleines, Achtung, wir sind gleich drauf!“ Anja Winter, die drahtige Aufnahmeleiterin in Latzhose, deutete auf Kamera 1, wünschte wie immer „gute Sendung allerseits!“ und zählte laut die letzten zehn Sekunden bis zum Vorspann herunter. 19 : 30 strahlten die roten Ziffern in die aufgeladene Stille des Regieraums.

„Hier ist A1-TV mit den Nachrichten des Tages, guten Abend. Unsere Themen heute…“ Carina beobachtete Tim mit gezügelter Unruhe. Doch in seinem hellgrauen Anzug mit schmaler Krawatte machte er eine tadellose Figur, und die schräg einfallende Abendsonne hinter der Studioscheibe überbot die Computer-Deko anderer Sender an Natürlichkeit und Dramatik bei Weitem. Kulisse der Wahrheit nannte Chefredakteur Freddie Krassnitzer sein preisgekröntes On-Air-Design, das von LED-Scheinwerfern ausgeleuchtet wurde und deshalb nicht mehr zur Sauna wurde wie unter den Hitzekanonen früherer Zeiten.

Die Sendung kam schnell in Fahrt. Während des ersten Nachrichtenblocks nahm Tim einen großen Schluck Wasser, bevor Nora an ihn zurückgab. Dann kam die Wirtschaft, und hier machte er seinen Fehler. Es war schwierig, die Konjunkturentwicklung spannend zu bebildern, deshalb musste die Moderation besonders viel leisten, um die Zuschauer zu fesseln. Das galt erst recht für ein Thema, das so unsexy war wie das Geschäftsklima: „Ein schwarzer Tag für Konjunktur-Experten, ein guter für Deutschland!“, begann Tim vom Teleprompter abzulesen. Prima Leadsatz, lobte Carina im Stillen; er stammte von ihr. „Gegen alle Voraussagen der Analysten steigt ein wichtiges Konjunkturbarometer auf schönes Wetter. Das Münchener Institut für Wirtschaftsforschung registriert ein starkes Plus von 10 Punkten in seinem aktuellen Geschlechtsklima-Index …“ Tim blickte kurz auf die Tischplatte, als seien die vielen Buchstaben der sperrigen Bezeichnung dort hinuntergepurzelt. Dann nahm er wieder Blickkontakt zu den Zuschauern auf, räusperte sich: „Geschäftsklima natürlich – pardon, meine Damen und Herren.“ Scheinbar unbeeindruckt brachte er die Moderation zu Ende, und der Filmbericht wurde gestartet. Doch in der Regie und im Newsroom wurden Hände gehoben und Köpfe geschüttelt. Schon wieder so ein blöder Versprecher, der die Aufmerksamkeit der Zuschauer für den Beitrag vernichtete. Als legendär galt in der Redaktion ein Beitrag über die Wildschweinplage in Berlin, bei der Tim „Bildschweine am Potsdamer Platz“ erkannt hatte, noch mehr zweifelhaften Ruhm brachte ihm die Berichterstattung über einen bewaffneten Raubüberfall in der Kölner Innenstadt ein, die er als „Scheißerei in der Schildergasse“ ankündigte. Bauschke war mit seinen Ausrutschern leichte Beute für Pannenshows.

Carina rollte ihre Haare am Hinterkopf zusammen und steckte sie mit dem Bleistift fest. Warum heute! Durch den Pressebericht würden sie vielleicht erstmals auf fünf Millionen Zuschauer kommen, und jetzt so ein Patzer. Der versendete sich nicht, der würde in Konkurrenzprogrammen gnadenlos wiederholt.

„Noch zehn bis MAZ-Ende!“, rief Anja Winter im Studio. Sie wirkte ungerührt. Tim machte sich bereit für den nächsten Promptertext, griff beinahe gierig nach dem Wasserglas, schluckte und verzog das Gesicht. Rotlicht, er war auf Sendung. Auf dem Kontrollmonitor für das Sendebild erlebte Carina zeitgleich mit dem überraschten Fernsehpublikum, wie Tim den Mund öffnete, ohne allerdings ein Wort zu sagen. Der Unterkiefer klappte abwärts, und er rang nach Luft. Carina sah an Gero vorbei direkt ins Studio, wo der Anchorman für ein, zwei Sekunden stumm in die Kamera blickte. Die elektronische Optik stierte zurück wie eine Giraffe in Hagenbecks Tierpark, teilnahmslos, fast überheblich.

Immer schwerer werdende Stille legte sich über den Regieraum, bis aus den Lautsprechern schwach Tims Stimme zu hören war: „Gero, zieht die Börse vor. Mir ist komisch, brauch ‘ne Minute Pause!“

„Geht noch nicht, in Frankfurt wird der Korrespondent gerade erst verkabelt“, meldete eine Assistentin, ohne von ihrem Vorschaubildschirm aufzusehen. „Wir können frühestens in einer Minute rüber.“

Carina hatte als Zuschauerin schon erlebt, dass Moderatoren vor laufenden Kameras aus der Fassung gerieten. Bei PRO 7 hatte eine unglaublich perfekt gestylte Moderatorin ihren Zahnersatz verloren und live wieder eingesetzt. Bei SAT.1 war eine beliebte Comedy-Darstellerin gleich mehrere Male ohnmächtig geworden. Beim ZDF hatte die Moderatorin eines Wissenschaftsmagazins während der Sendung die Besinnung verloren und beim Aufwachen erfahren, dass sie schwanger ist. Und in den USA war neben dem Moderator, einem bekannten Host von ABC, ein Auto durch die Studiowand in die Livesendung gekracht. Die Zuschauer mochten das, und eigentlich sollte man in jede Sendung eine Panne einbauen, hatte Carina immer gescherzt. Die gute Bezahlung der Moderatoren beinhaltete schließlich Schmerzensgeld für das Meistern von Fernsehkatastrophen. Doch es hatte auch schon Todesfälle gegeben. In Südamerika waren Moderatoren an Herzattacken und Gehirnschlägen gestorben, landesweit übertragen.

Ein trockenes Knacken holte Carinas außer Kontrolle geratenen Gedanken zurück nach Hamburg, sie hielt die zerbrochenen Hälften ihres Bleistifts in der Hand. „Tim, Tim! Was ist los?“ Sie rief ihn direkt über seinen Ohrlautsprecher. Keine Antwort, nur stilles Starren. 19 : 43 – der Kreis der Sekundenstriche schien sich nicht mehr schließen zu wollen.

„Nehmt ihn vom Schirm, sofort!“ Krassnitzer meldete sich über seine Büroleitung in der Regie. „Schaltet raus, irgendwohin.“ Im Hintergrund hörte man sein Telefon klingeln. Auch in der Regie wachten die Telefone auf.

Als Erster reagierte Bildingenieur Dussmann. „Berlin ist nicht mehr bereit, das Team vor dem Reichstag baut schon ab. Über die Standleitung ins Fußball-Stadion sehen wir einen rauchenden Trainer. Leitung drei ist belegt mit der Überspielung des Buchmesse-Beitrags.

„Stör-MAZ rein!“ Freddie Krassnitzer saß in seinem Büro offenbar zu dicht am Mikro und blies Zigarettenrauch hinein, es klang, als überrollte ein ICE die Regiemannschaft.

Gero Klein griff ein: „Nachrichtenblock abfahren, Achtung für Nora und den Off-Sprecher! Danach Stör-MAZ und Laufband ,Technisches Problem‘ insertieren.“

Nora warf blitzschnell einen Kontrollblick auf ihren Tischmonitor und begann kommentarlos und perfekt mit dem ersten Text. Mehrere Stockwerke tiefer, in der gekühlten Kelleretage von A1-TV, brauchte die Havarietechnik Zeit, um hochzufahren, etwas zu viel Zeit. Bevor die digitalen Bildspeicher das Gewünschte lieferten, sahen mehr als fünf Millionen Zuschauer live, wie der Moderator sich an die Kehle griff, wie sein Kopf zu schwanken begann und langsam nach hinten kippte, wie Bauschkes Blick sich zur Decke drehte, bis nur noch das Weiß der Augäpfel zu erkennen war, wie der Moderator, schwer geworden, von seinem Stehschemel sackte und im zwischenzeitlich orangeroten Widerschein des norddeutschen Abendhimmels vornüber auf seinen Nachrichtentisch sank. Dann stockte das Fernsehbild und gefror zu zahllosen farbigen Würfeln, die alle Umrisse auflösten und in große bunte Bauklötze verwandelten.

Nach einigen Augenblicken Bildstarre war der Blick ins Studio plötzlich wieder frei. Die Kamera zeigte eine Totale der gesamten Szene, in der Betty Wagner die Hände vors Gesicht schlug und Nora Larsen entsetzt auf das Geschehen ihr gegenüber blickte. Aus der Kulisse stürzte eine Frau in Latzhose und stieß hastige Sätze in das Mikro ihres Headset. Fetzen überstürzter Regiekommandos gingen über den Sender. Dann endlich – es war 19.45 Uhr – hatte die Sendesoftware im Keller die hektisch eingegebenen Bildbefehle sortiert und lieferte die programmierte Einstellung von Kameras, Licht und Ton für Nora Larsen. Die Nachrichtensprecherin begann mit einer charmanten Entschuldigung und brachte den Rest der Sendung fehlerfrei über die Bühne – überraschend cool, wie einige Kollegen angesichts des ohnmächtigen Moderators zu ihren Füßen fanden. Tim wurde während eines laufenden Beitrags von dem inzwischen eingetroffenen Notarzt untersucht und kurz darauf ins Krankenhaus transportiert. Und die Damen in der Telefonzentrale des Senders machten sich auf einen langen Abend mit vielen neugierigen Anrufen gefasst. In ihren Kopfhörern hallte das Echo auf die Sendung wider, und es wurde deutlich: Die meisten Zuschauer unterhielten sich über die Nachrichten heute länger als sonst, wenn irgendwo in der Welt Anschläge verübt oder die Spritpreise erhöht wurden. Besonders die erste Viertelstunde der Sendung hatte die Menschen berührt.

2

1. Szene

Alexander von Canto war verkatert und jetzt auch noch verärgert: Er würde zu spät kommen, viel zu spät.

„Die Central Line“, schnarrte es aus den Deckenlautsprechern des U-Bahn-Wagens, „ist wegen einer technischen Störung vorübergehend gesperrt. Dieser Zug endet bereits am Oxford Circus.“

Die Durchsage von London Transport klang gelangweilt. Vermutlich lackierte sich die Ansagerin in der Zentrale neben dem Mikrofon die Fingernägel, dachte Alexander, obwohl der Grund für die Störung wahrscheinlich eine Bombendrohung, ein Gleisbrand oder ein Selbstmörder war – alltäglich in der Milleniumsmetropole, ebenso alltäglich wie die Verdrängung des Terror-Risikos in den Köpfen der Menschen. Alexander hatte mal wieder einen Zug der älteren Baureihe erwischt. Er stand an der undichten Tür und schnappte im warmen morgendlichen Mief der Berufspendler nach Frischluft. Streckensignale wischten bunte Lichtspuren über seine Netzhaut. Ein Blitz aus dem Gleisbett züngelte blaukalt über die Tunnelwand. Bei London Transport waren die Fingernägel offenbar getrocknet, denn die Stimme sprach von „Bemühen“ und „Bedauern“, jetzt etwas freundlicher. Sie verhallte dennoch im Rumpeln der Räder und Sirren der Gleise. Augenpaare suchten Armbanduhren, Finger fischten nach Mobiltelefonen, hier und da legte sich eine Stirn in Falten. Doch echte Londoner ließen sich von der Unpässlichkeit ihrer guten alten Tube nicht aus der Ruhe bringen.

Alexander schon. Unpünktlichkeit würde ihn heute teuer zu stehen kommen. Auf Punkt acht Uhr hatte ihn Peter Requin für diesen Montag ins Dachgeschoss der Firma bestellt, auf den Olymp, den Göttersitz des Gründungspartners. Am vergangenen Freitag hatte Peter in die Betreffzeile seiner E-Mail „First Deal, Bingo!“ eingetragen. Das hieß: Auf Alexander wartete der erste eigene Job. Mehr als ein halbes Jahr hatte er sich in der Warteschleife bei STING, der Spring Tide Investment Group, Limited Liability Partnership, London/Jersey, gedulden müssen, einer Hedgefondsfirma, die sich durch geschickte Surfmanöver gerettet hatte, als ein Tsunami aus vergifteten Wertpapieren die Finanzmärkte der Welt absaufen ließ. STING stand sogar besser da als vor den Pleitewellen. Warum, das wusste wohl allein der Gründer, Peter Requin, der keine Gelegenheit ausließ zu betonen, dass sein – bitte französisch auszusprechender – Nachname „Hai“ bedeutete.

Alexander war mit seinen fünfunddreißig Jahren der Greis unter den Anfängern, der älteste „Rookie“ in der erst kurzen Firmengeschichte. Alle wollten schnell ein eigenes Projekt, es bedeutete Provision, Bonus und vielleicht sogar weitere Anteile am Unternehmen. Profit für STING war Raketentreibstoff für die Karriere, denn am Ende des Jahres würde gnadenlos über das in or out entschieden, wer bleibt, wer fliegt? Und je höher der Rang auf STINGs money list, desto sicherer die Aussicht auf eine Seniorpartnerschaft mit eigener Verantwortung. Heute allerdings würde Alexander wohl erstmal zur Kasse gebeten: Für die erste Verspätung zahlte ein Mitarbeiter wie er umgerechnet 1000 Euro Strafe in die Partykasse. Das tat weh in einer der teuersten Städte der Erde. Eine U-Bahn-Panne war Pech, aber keine Entschuldigung. Aber vielleicht war noch nichts verloren, mit viel Glück bei den Anschlüssen konnte der wichtigste Termin seiner bisherigen Karriere noch knapp zu schaffen sein. Und schon griffen die Bremsen des Zuges, die Kupplungen ächzten, die Stahlfedern jammerten. Alexander schloss sein dunkelgraues Nadelstreifenjackett und tastete nach dem Öffnungsknopf der Tür, als der Zug nur noch zögerlich, fast widerstrebend, ins gekachelte Gewölbe der Station Oxford Circus rollte. Bestürzt erfasste Alexander den Grund des Kriechtempos: Unzählige Menschen bevölkerten den Bahnsteig bis dicht an die Gleiskante, offensichtlich ausgespuckt von vorausfahrenden Zügen, bewegungslos in gegenseitiger Blockade. Der Ausgang Richtung Bakerloo, der als einziger Rettung bedeutet hätte, war natürlich auch versperrt.

Warum hatte er bloß in Notting Hill übernachtet, weit im Westen der Stadt, noch jenseits des Hyde Park. Alexander war glücklich mit seinem kleinen Appartement im quirligen Angel, nördlich des Finanzdistrikts. Die 50 Quadratmeter kosteten zwar fast 3000    no problem, Alex!,